Über die zwei Ersten der Zehn Gebote, die religiösen Elementar-Meme und die Unsterblichkeit

 

Von Richard Beiderbeck  www.koinae.de     

 

Die zehn Gebote und viele Vorschriften des Alten und Neuen Testaments sind barbarisch und inhuman

 

Die meisten Gläubigen haben nur eine mangelhafte Kenntnis ihrer eigenen Religion. Wenn man einen Christen fragt, wie heißt das erste und  das zweite der Zehn Gebote ? Dann wird er antworten: „1. Du sollst keine andern Götter neben mir haben und 2. Du sollst dir kein Gottesbild machen“.

 

Die wenigsten werden aber den genauen Wortlaut kennen. Der ist nämlich:

 

„Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus dem Lande Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt habe; du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Du sollst dir kein Gottesbild machen weder dessen, was oben im Himmel, noch dessen, was unten auf Erden, noch dessen, was in den Wassern unter der Erde ist; du sollst sie nicht anbeten und ihnen nicht dienen; denn ich der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht bis in die dritte und vierte Generation an den Kindern derer, die mich hassen, der aber Gnade übt bis in die tausendste Generation an den Kindern derer, die mich lieben und meine Gebote halten.“

 

Hier zeigt sich der Gott der Juden, der ja auch der Gott der Christen und Moslems ist, als  grausam und rachsüchtig. Jeder Verstoß gegen seine Gebote wird mit barbarisch bestraft. Nicht nur der Gesetzesbrecher wird bestraft, sondern auch seine Kinder, Kindeskinder und deren Kinder. Das ist ein eklatanter Verstoß gegen die Humanität. Aus Religiosität wird Bestialität.

 

In den katholischen Kirchen sieht man eine reiche Fülle von bildlichen Darstellungen von Gott, Jesus, Maria und den Heiligen, und zu allen wird eifrig gebetet. Das widerspricht klar dem zweiten Gebot, und also müssten alle, die solche Bilder erschaffen und aufstellen und alle, die zu diesen Bildern beten, ewig in der Hölle schmoren. Und nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Nachkommenschaft.

 

Wenn ein katholischer Christ über diesen Sachverhalt nachdenkt, dann kann er sich eigentlich nicht mehr zum Christentum bekennen. Denn er muß klar erkennen: Ich bete hier einen grausamen und despotischen Gott an. Meine Kirche ermuntert mich, zu Gottesbildern zu beten. Also ermutigt sie mich zu einer Handlung, die für mich und meine Kinder die ewige Verdammnis bedeutet.

 

Wenn wir das zweite Gebot ernst nehmen würden, müssten wir alle Moslems werden. Im Islam ist die bildliche Darstellung verboten, und in den Moscheen sehen wird nur kalligraphische und sonstige Ornamente.

 

Die Christen begegnen dieser Situation auf ihre Weise: Das was in der Bibel, speziell im Alten Testament, steht, wird eigentlich gar nicht zur Kenntnis genommen, es wird verdrängt. Man sagt: Durch das Neue Testament wird das Alte Testament quasi außer Kraft gesetzt; jetzt gilt das Neue Testament. Nicht mehr Moses und Abraham sind für uns maßgebend, sondern Christus.

 

Aber warum müssen dann die Kinder überhaupt noch die Zehn Gebote auswendig lernen und warum wird nach wie vor das Alte Testament als verbindlich anerkannt ?

 

Die Antwort ist: Die Christen und Juden glauben, daß „sich Gott in der Geschichte des Volkes Israel offenbart.“ Die Geschichte der Juden wird im Alten Testament beschrieben. Deshalb kann man sich auch als Christ nicht vom Alten Testament lossagen. Und wenn man sich nicht von ihm lossagen kann, dann muß es auch verbindlich bleiben. Und also glauben auch die Christen an den Gott Abrahams.

 

Dieser Gott Abrahams ist aber ein grausamer und barbarischer Gott; man könnte ihn fast mit dem Teufel verwechseln.

 

Die historische Tat von Christus, und mehr noch von Paulus, war, daß er ein neues Gottesbild geschaffen hat. Der Gott Christi ist nicht mehr der blutrünstige Kriegsgott eines Nomadenvolkes, das über das von einer bäuerlichen Bevölkerung bewohnte Land Kanaan hereinbricht, dessen Priester ermordet, dessen Heiligtümer schändet und dessen Bewohner unterdrückt. Nein, der neue Gott Christi ist ein von der griechischen Zivilisation und Kultur geprägter Gott. Ein Gott der Liebe und der Vergebung. So glauben die Christen.

 

Kratz man aber an diesem neuen Christengott, dessen Bild hauptsächlich von dem in der hellenistischen Zivilisation aufgewachsen Weltbürger Paulus geprägt wurde, dann kommt unter dem Lack wieder der alte despotische und barbarisch, blutdürstige Gott des alten Testaments zum Vorschein:

 

In der Bergpredigt (Matth. 5) sagt Jesus: „Meinet nicht, daß ich gekommen bin, um das Gesetz (des Moses) oder die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen...Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt wurde: ‚Du sollst nicht töten’; wer aber tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, soll dem Gericht verfallen sein...Wer aber sagt ‚Du Tor!’ soll der Hölle mit ihrem Feuer verfallen sein...Ihr habt gehört, daß gesagt ist: ‚Jeder, der eine Ehefrau ansieht, um sie zu begehren, hat ihr gegenüber in seinem Herzen schon Ehebruch begangen. Wenn dich aber dein rechtes Auge zur Sünde verführt, so reiß es aus und wirf es von dir; denn es ist besser für dich, daß eins deiner Glieder verloren geht und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.“

 

Ist dies der Gott der Liebe und Vergebung, an den die Christen glauben? Aber die gläubigen Christen kennen oft ihre eigenen heiligen Texte nicht. Und nur dadurch, daß sie diese nicht kennen oder sie bewusst ignorieren oder uminterpretieren, können sie an ihrem Glauben festhalten. Man sollte sie mit ihren heiligen Texten konfrontieren und sie dazu ermutigen, sie mit kritischem Verstand zu lesen.

 

Die Einführung der Jungfrau Maria als Muttergottheit in die katholische Religion ist ein Beispiel dafür, daß die Religionen in einem ständigen Wandlungsprozess begriffen sind, und daß religiösen Führer die religiösen Texte willkürlich und beliebig so auslegen, wie es ihnen in den Kram passt.

 

Auch die  religiöse Moral ist beliebig und willkürlich. Sie ändert sich von Religion zu Religion. Aber auch innerhalb der gleichen Religion passt sie sich an den Zeitgeist und die Bedürfnisse und Wünsche der Religionsführer an.

 

Nur die Fundamentalisten nehmen die heiligen Texte wörtlich und kehren damit geistig und moralisch auf eine längst schon überwundene Stufe der zivilisatorischen Entwicklung zurück. Fundamentalismus ist Atavismus, also der Rückfall in eine frühere, primitivere Entwicklungsstufe.

 

Die Grundsätze der Humanität sind überall auf der Welt gleich. Sie unterliegen nicht der Willkür religiöser Führer. Ein Mord bleibt ein Mord, auch wenn die Religion den heiligen Krieg und den heiligen Mord befiehlt. Die Menschenrechte stehen über der Religion. Das ist die Grundaussage des Humanismus: Erst kommt der Mensch, dann die Religion. Die Religion ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für die Religion.

 

Alle Menschen haben, wenn sie auf ihre Vernunft und auf ihr moralisches Empfinden hören, einen zuverlässigen Kompass dafür, was gut und böse ist. Instinktiv weiß jeder Mensch, egal welchem Kulturkreis er angehört, daß die Menschenrechte gut, richtig und universell verbindlich sind.

 

Die religiösen Elementar-Meme

 

Die Gläubigen der Welt, egal welcher Religion sie angehören, glauben an die religiösen Elementar-Meme. Diese sind im Katholizismus ebenso zu finden sind wie z. B. in der Voodoo-Religion – weshalb Voodoo-Gläubige gleichzeitig Katholiken sein können und umgekehrt:

 

  1. Es gibt eine göttliche Kraft
  2. Diese göttliche Kraft ist in bestimmten Personen oder bestimmten Gegenständen oder an bestimmten Orten besonders konzentriert. Dies sind die Heiligen Personen (Jesus, Maria, die Heiligen, der Papst, der Priester etc., aber auch Mohammed und seine Nachkommen, Buddha, der Dalai Lama oder irgendein Wunderheiler oder Guru. Dies sind die heiligen Gegenstände (das Kreuz Christi, der heilige Gral, der Meteorstein an der Kaaba usw.) Und dies sind die Heiligen Orte (Jerusalem, Mekka, Rom usw.)
  3. Es ist möglich, die göttliche Kraft zu seinem eigenen Vorteil nutzen, indem man die heiligen Personen oder Gegenstände berührt oder die heiligen Orte aufsucht. Dadurch wird ein kleiner Teil dieser überwältigenden Kraft auf einen selbst übertragen.
  4. Es ist möglich, die Heiligen Personen durch Gebete, Opfer oder durch Wohlverhalten dazu zu bewegen, daß sie ihre göttliche Kraft nutzen, um Wunder und Wohltaten zu Gunsten des Bittstellers zu vollbringen.

 

Der Punkt 4 ist eigentlich der Kern dessen, was das jede Art von religiösem Glauben ausmacht. Religion ist eine spezielle Variante von Egoismus. Wenn die Religion den Egoismus der Menschen nicht in besonderer Weise ansprechen würde, wäre sie für die Menschen uninteressant. Und deshalb ist der Atheismus und Agnostizismus für viele so uninteressant. Da gibt es weder herrliche Belohnungen noch schreckliche Bestrafungen.

 

Womit wir bei der zweiten Hälfte der religiösen Elementar-Meme wären, nämlich denen, die den Gläubigen Angst und Schrecken einflößen:

 

  1. Die göttliche Kraft bringt Verderben über alle, die sich ihr nicht respektvoll nähern und die sich ihr nicht unterwerfen. Jeden, der sich den religiösen Geboten widersetzt, ist verflucht und wird aufs grausamste bestraft.
  2. Da jeder Mensch Sünden und Verfehlungen begeht, muß jedermann in ständiger Angst leben, von den göttlichen Personen, insbesondere den obersten Rachegott (Jahwe, Gott, oder Allah) bestraft zu werden. Dieser Bestrafung kann man nur durch Gebete, Opfer, Spenden und Einhaltung aller religiösen Vorschriften begegnen.

 

Wir verstehen jetzt, warum die heiligen Personen keine unpersönlichen Mächte, wie z. B. das Tao oder die Naturgesetze sein dürfen: Mit Personen kann man reden, man kann zu ihnen beten und man kann sie beeinflussen.  Und nur die sind für den religiösen Menschen interessant und lukrativ.

 

Wir verstehen jetzt auch, warum für die Christen Jesus ein Gott sein muß: Nur so hat er die Macht, die Gebete der Gläubigen auch wirklich zu erfüllen.

 

Dir Himmel gleicht für die katholischen Christen einem byzantinischen Kaiserhof. Der einfache Bittsteller hat keine Chance, dem Kaiser persönlich sein Anliegen vortragen zu können. Aber er kann sich an jemanden wenden, der mit dem Kaiser in Kontakt steht. Das sind die Heiligen. Die können sich dann beim Kaiser für einen verwenden und ein gutes Wort einlegen. In kleineren Angelegenheiten reicht ihre Kompetenz aus, um ohne Rücksprache mit dem Chef zu entscheiden.

 

Wenn Gott den ganzen lieben Tag damit beschäftigt ist, die Wünsche der Gläubigen anzuhören und zu erfüllen, dann hat er keine Zeit mehr, den normalen Ablauf der Welt zu steuern. Das muß deshalb der Heilige Geist tun.

 

Die Gläubigen verharren in einem antiquierten, archaischen Weltbild, das in diametralem Gegensatz zu den Erkenntnissen der Naturwissenschaften steht. Sie glauben an Wunder und Magie.

 

Naturalismus lehnt beides ab und trifft damit einen der sensibelsten Punkt des religiösen Weltbildes, das Wunder – des Glaubens liebstes Kind.

 

Nun wird so mancher aufgeklärte protestantische Christ sagen: „Ich glaube weder an Wunder noch an Heilige. Aber ich glaube, daß Gott die Welt erschaffen hat und daß er Mensch eine unsterbliche Seele hat“. Dann muß man ihn aber weiter fragen: „Glaubst du an die Wiederauferstehung im Fleische und an die magische Umwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi beim Heiligen Abendmahl ? Dann glaubst Du auch an Wunder und an Magie. Worin besteht der Unterschied zwischen einem heidnischen Priester, der die Gottheit herbeizitiert und dem Priester oder Pfarrer, der durch eine magische Zeremonie Jesus Christus zwingt, sich in Brot und Wein zu inkarnieren und damit zu einem Gott zu werden, den man essen und trinken kann ?“

 

Wer an eine Religion glaubt, muß auch an Wunder und Magie glauben. Beides sind mit der Religion untrennbar verbunden und machen ihr Wesen aus.

 

Warum glauben Menschen in unserer heutigen, von Technik und Naturwissenschaft geprägten Welt dennoch an Wunder und an des antiquierte Weltbild der Religionen ?

 

Die Antwort ist: Wer nicht an Wunder glaubt, muß an seinen eigenen Tod glauben.

 

Die Naturwissenschaft belehrt uns, daß das Leben mit dem Zusammenbruch der Organfunktionen endet. Das Denken ist an die Funktion des Gehirns gebunden. Wenn es keine Gehirnströme mehr gibt, ist das Leben zu Ende. Eine Leben ohne körperliche Grundlage gibt es nicht.

 

Vor dieser Erkenntnis schreckt jeder zurück, der an Religion glaubt. Und dies ist die größte Hemmschwelle, Atheist oder Agnostiker zu werden.

 

Die Schizophrenie des modernen Gläubigen

 

Der moderne gläubige Mensch lebt in einem schizophrenen Geisteszustand. Einerseits weiß er, daß die Glaubwürdigkeit von Bibel und Koran durch die moderne Wissenschaft so nachhaltig erschüttert ist, daß man ihnen nicht vertrauen kann. Wenn nur sich nur eine einzige Aussage in einem Heiligen Buch als unwahr erwiest, dann kann dieses Buch nicht von Gott stammen. Inzwischen sind in den Heiligen Büchern eine Vielzahl von Fehlern, Widersprüchen und ethisch nicht vertretbaren Ungeheuerlichkeiten offenbar geworden. Warum hält man trotzdem an seinem Glauben fest und entwickelt eine Art Blindheit gegen diese Fehler und Widersprüche ? Weil diese Bücher das Ewige Leben verheißen. Und je näher das Ende des Lebens naht, umso eher neigt der Mensch dazu, nach diesem Strohalm zu greifen.

 

Es gehört viel Überwindung dazu, anzuerkennen, daß mit dem Tod das Leben endet und daß es kein Leben nach den Tode gibt. Diese bittere Eingeständnis der Endlichkeit der eigenen Existenz ist eine bittere Pille, die jeder Atheist schlucken muß.

 

Die Wahrheit ist aber, daß auch der gläubige Christ und der gläubige Moslem sich nach ihrem Tod weder im Himmel noch in der Hölle oder im Fegefeuer wiederfinden werden. Sie werden, genau wie der Atheist, schlicht und einfach nicht mehr existieren. All Ihre Gebete und all die Einhaltung der religiösen Gebote wird ihnen nichts genützt haben. Sie werden genauso für alle Ewigkeit tot sein wie der Atheist. Alle Anstrengungen und Verbiegungen, alle Unterwerfung unter den vermeintlichen Willen Gottes waren vergeblich.

 

Der Sinn des Lebens und was die Priester mit der Sinnfrage suggerieren wollen

 

Die christlichen Priester und Pfarrer stellen den Menschen immer die Frage nach dem Sinn des Lebens. Der Gedankengang bei der Sinnfrage ist ungefähr folgender: „Wenn ich nur so in den Tag hinein lebe und das Leben genieße, dann bleibt doch immer ein Rest von Angst vor der Zukunft. Ich müsste also etwas tun, um diese Zukunft zu sichern. Das wäre sinnvoll. Wenn ich Beziehungen zu anderen Menschen aufbaue, ihnen Gutes tue, dann werden sie mir in Zeiten der Not bestehen. Deshalb sollte ich nicht nur für mein Vergnügen leben, sondern für die anderen etwas tun. Noch wichtiger aber ist es, die Beziehungen zu Gott pflegen. Der wird mir diese Zuwendung lohnen, indem er mich später in den Himmel aufnimmt.“

 

Der ganze Aufwand hat aber nur dann einen Sinn, wenn dieses höhere Wesen existiert. Außerdem muß dieses höhere Wesen durch meine Gebete und guten Taten auch beeinflussbar sein.

 

Der normale Gläubige macht in etwa folgende Rechnung auf: Ob es Gott gibt oder nicht, weiß ich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit. Die Chancen stehen vielleicht 50 zu 50. Aber selbst wenn es eher unwahrscheinlich ist, daß es ihn gibt, so ist es doch besser, ich glaube an ihn. Wenn es ihn nicht gibt, so nützt mir mein Glaube zwar nichts, aber er schadet mir auch nichts. Wenn es ihn aber gibt, dann komme ich dank meines Glaubens in den Himmel. Mein Glaube ist quasi die Versicherungsprämie, die ich zahle, um das Risiko abzudecken, in die Hölle zu kommen.

 

Lohnt es sich wirklich, zu beten und zu opfern ?

 

Diese Logik ist aber keineswegs zwingend. Stellen wir uns vor, es gibt tatsächlich Gott und der Gläubige steht vor seinem Richterstuhl. Da könnte Gott zu ihm sagen: „Dein ganzes Leben lang bist du mir mit deinem Beten und Betteln auf die Nerven gegangen. Ich habe auch noch ein Privatleben. Die guten Werke, die du getan hast, hast du nicht getan, um den Menschen zu helfen, sondern um dir einen Platz im Himmel zu erkaufen. Aber ich bin ein freier Gott, und du kannst mich durch noch so viele Gebete und gute Taten nicht zwingen, dich in den Himmel aufzunehmen. Sieh hier diesen Atheisten: Er glaubte nicht an mich, und trotzdem hat er gute Werke getan. Er hat mich nicht mit seinen Gebeten belästigt. Er hat nicht seinen Mitmenschen in meinem Namen verkündet, was mein Wille sei und er hat niemandem moralische Vorschriften gemacht und ihm das Leben vergällt. Deshalb werde ich ihn im Himmel aufnehmen, dich aber in die Hölle schicken.“

 

Die Gläubigen sind nicht die Guten und die Ungläubigen sind nicht die Bösen. Wenn es Himmel und Hölle gibt –  dann wird man im Himmel vielleicht mehr Atheisten als Gläubige finden. Und das Amt des Papstes garantiert noch lange nicht einen Platz im Himmel. Wenn es eine göttliche Gerechtigkeit gibt, wird vielleicht die Hälfte der Päpste in der Hölle sein. Und auch Herr Ratzinger muß um seinen Platz im Himmel bangen. Und selbst wenn ihn sein Nachfolger heilig sprechen würde, würde das Gott, um in der Logik der Gläubigen zu bleiben, nicht beeindrucken. Wer heilig ist oder nicht, das entscheidet kein Papst und keine Kirche.

 

Das Tao ist nicht zu beeinflussen

 

Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott, sondern an das Tao. Dieses hält die Welt im Innenersten zusammen und gestaltet sie – aber nicht nach einem festen Plan oder gemäß dem „intelligent design“ der Kreationisten, sondern mit den Mitteln der Darwinschen Evolution. Das Tao ist durch Gebete und Opfer nicht zu beeinflussen, und Freude und Leid des Menschen sind ihm gleichgültig. Dem Tao ist es auch gleich, ob man an es glaubt oder nicht. Man kommt aber am besten durchs Leben, wenn man im Einklang mit ihm handelt. Man kann nichts erzwingen, und jede Tat hat gleich viel positive wie negative Folgen. Also kann man im Grunde weder gute noch böse Werke tun, denn gute und schlechte Folgen einer Handlung halten sich immer die Waage und die Summe aller Leiden bleibt konstant. Was gut und böse ist, das muß die menschliche Gesellschaft aus ihren Interessen heraus definieren. Aber das muß nicht gut für andere Kulturen oder für die natürliche Umwelt sein. Je universeller aber eine Gesellschaft ist, um universeller werden die Interessen sein, nach denen sie gut und böse definiert.

 

Alles was man tut, hat eine doppelte Wirkung, weil jede Aktion stets eine Gegenreaktion hervorruft. Die Säkularisierung und die Naturwissenschaft haben nicht nur bewirkt, daß die Leute immer ungläubiger wurden, sondern auch, daß sie immer abergläubischer und fundamentalistischer wurden. Und der Vormarsch der Gläubigen hat jetzt wieder die Gegenreaktion der Ungläubigen hervorgerufen, die den Glauben durch Aufklärung in die Schranken weisen.

 

Das Ende der friedliche Koexistenz zwischen Religion und Naturwissenschaft

 

Die Grenzen zwischen Naturwissenschaft und Glauben waren in den westlichen Demokratien im vorigen Jahrhundert klar gezogen: Hier im Diesseits galt die naturwissenschaftliche Weltanschauung. Für das Jenseits und das Leben nach dem Tod war die Religion zuständig. So gab es eine friedliche Koexistenz. Mit dem 11. Sept 2001 sind die islamische Fundamentalisten in diese Welt des friedlichen Nebeneinanders eingebrochen. Aber schon vorher gewannen in den USA die christlichen Fundamentalisten immer mehr politischen Einfluß und stellten die Darwinsche Evolutionstheorie in Frage. Die Religiösen drangen also in die Domäne der Naturwissenschaft ein. Und folgerichtig schlug die Naturwissenschaft zurück und ging zum Gegenangriff auf die Religion über.

 

Technik und Wissenschaft können schon bald die Unsterblichkeit versprechen

 

Aber auch die Naturwissenschaft schickt sich an, die Grenzen zu verletzten. Das Ewige Leben ist in den Bereich des Machbaren gerückt – dank Gentechnologie und Computertechnik. Man wird eines Tages vielleicht den genetischen Bauplan und die Gehirnstrukturen, aber auch die Erinnerungen eines Menschen speichern und ihn ein zweites Leben als Computersimulation führen lassen oder ihn sogar wieder „im Fleische“ auferstehen lassen. Der Mensch kann transhuman werden.

 

Und schon heute kann der Mensch, seine Bilder und seine Werke digital aufzeichnen. Und was einmal digital aufgezeichnet ist, kann unendlich oft kopiert werden – heute und in Zukunft und in alle Ewigkeit.

 

Das ist zwar nicht die Unsterblichkeit, wie sie das Christentum verspricht, aber es ist sehr viel realistischer.

 

Warum entschieden sich die Menschen eine bestimmte Partei zu wählen ?

 

Der Stimmenanteil errechnet sich nach folgender Formel:

 

Prozent der Wählerstimmen ist (Größe der Versprechen plus Drohungen, falls man sie nicht wählt) * mal Wahrscheinlichkeit daß diese Versprechungen und Drohungen jemals in Erfüllung gehen

 

Warum entscheidet sich ein Mensch für eine bestimmte Religion (wenn er die freie Wahl hat, was meist nicht der Fall ist) ?

Genau nach der gleichen Formel wie für die Wählerstimmen. Dies ist die Erklärung dafür, daß das Christentum eine so große Verbreitung fand: Die Versprechungen waren unwahrscheinlich hoch (höher geht’s nicht): Glückseligkeit bis in alle Ewigkeit. Die Drohungen waren ebenso unerreichbar furchtbar: Größte Leiden bis in alle Ewigkeit. Wenn auch die Wahrscheinlichkeit, daß Versprechungen und Drohungen wahr werden, gering sind, so wird dies durch ihre phantastische Höhe wieder ausglichen und Otto Normalverbraucher denkt: Unterm Strich ist es besser, ich wähle das Christentum.

 

Der Islam macht exakt genau die gleichen Versprechen. Allerdings benutzte er noch starke Druckmittel (Gewalt und finanzielle Nachteile  in Form von Steuern), um die Ungläubigen in Gläubige zu verwandeln.

 

Über den Wahrheitsgehalt und die Qualität einer Religion sagt also die Zahl ihrer Anhänger überhaupt nichts aus.

 

Da die Humanisten, Atheisten und Agnostiker keine so phantastische Versprechungen und Drohungen zu bieten haben (sie sind ja der Wahrheit und der Humanität verpflichtet) und die Gewaltanwendung widerspricht ihrem Ethos, werden sie letztlich gegen Religion und Aberglaube nur schwerlich den endgültigen Sieg erringen können.