Die babylonische
Gefangenschaft und die Rückkehr
Von
Wenn auch seine
sterblichen Überreste zerstört waren, jetzt machte Jahwe einen neuen Karrieresprung.
In Babylon lernten die Juden die Vorstellung von Engeln und Teufeln kennen, und Jahwe fand sich plötzlich
umgeben von Engelschören und Himmlischen Heerscharen, beschützt von Erzengeln,
die darauf warteten, seine Befehle auszuführen, darunter eines Tages auch die
Eröffnung des Jüngsten Gerichtes.
Als Israel Teil
des Reiches Alexanders des Großen und seiner Nachfolger wurde, sah sich Jahwe
einer vielfältigen Konkurrenz durch andere Götter ausgesetzt, und er wäre wohl
ein Gott unter vielen geblieben, wenn nicht ein Mann aus Galiläa nach Jerusalem
hinaufgezogen wäre und das baldige Kommen des Reiches Jahwes verkündet hätte.
Er randalierte im Vorhof des Tempels, störte den Geschäftsbetrieb und brachte
zum Ausdruck, dass dies der Tempel seines Vaters und er, der Messias und der
eigentliche der König Jerusalem sein.
Jesus war Jude. Wenn wir
verstehen wollen, wer Jesus war, müssen wir die Geschichte der Juden bis zur
Kreuzigung Jesu verstehen.
Wer sind die Juden ? Diese
Frage hat niemanden mehr beschäftigt als die Juden selbst. Die Antwort gab
ihnen ihre Religion. Religion, von „religio“,
bedeutet Rückbindung. Rückbindung an Gott, an die Stammväter, an das Land der
Herkunft. Religion bedeutet religiöse und nationale Identität. Jede Nation und
jeder Staat braucht eine Identität. Deswegen sind Nation und Religion oft so
eng verbunden, und deswegen wird der Nationalismus oft auch zu Religion.
Erst unter Saul und
David konnten die Israeliten ernsthaft daran denken, fruchtbares Land der Kanaäer und ihre Städte zu erobern – in einem Zweckbündnis
mit waffentechnisch und organisatorisch überlegenen Philister. Später kam es
zum Bruch des Bündnisses mit den Philistern und zum Kampf gegen sie und die Kanaäer. Endlich war Israel nicht mehr Nagel, sondern
Hammer: Man war Besitzer eines eigenen Staates. Aber es war rückständiges,
armes Königreich in den Bergen mit einem Marktflecken als Hauptstadt:
Jerusalem, die Stadt Davids. Aber dann kam ein doch allmählicher Aufstieg und
Reichtum unter Salomo.
Aber schon nach
seinem Tod Zerfall des Reiches in die Teilreiche Israel im Norden und Juda im Süden. 722 v. Chr. bricht das Nordreich unter dem
Ansturm der grausamen und völkermordenden und – völkerverschleppenden Assyrer zusammen. Davon profitiert
das rivalisierende Südreich Juda, bis es ihm selbst
im Jahr 586 v. Chr. an den Kragen geht: Die Babylonier zerstören Juda und den Tempel in Jerusalem und verschleppen die
Oberschicht nach Babylon. Wieder ist alles verloren !
Aber die Juden
sind dem Provinzdasein am Rande der judäischen Wüste
entkommen und wohnen jetzt in der glanzvollsten Metropole der Welt. Metropole:
Das bedeutet für die Zuwanderer immer ein Wachstum an Wissen und Welterfahrung und die Chance zum Aufstieg. Metropole: Das
bedeuten ungeahnte Fülle und ungeahnter Reichtum.
550 v. Chr.
besiegen die Perser die Babylonier, und 538 v. Chr. bietet ihnen Kyros die Rückkehr nach Judäa an, das autonome Provinz des
persischen Reiches wird. Aber nur eine Minderheit der Juden will zurückkehren
in das Bergnest Jerusalem.
Und mancher Jude fern
von Jerusalem fragte sich damals wie auch heute: „Warum ins gelobte Land
zurückehren, wenn es sich in Babylon (oder heute:New
York) doch viel besser lebt ? Warum ein verwahrlostes und zerstörtes Land
aufbauen, umgeben von Feinden ? Warum nicht einfach vergessen, dass man Jude
ist, sondern warum nicht einfach Babylonier (oder New Yorker sein), als im
Westjordanland zu siedeln ?“
Und hier ist auch
wieder die Frage nach der jüdischen Identität. Die Juden fragen sich: sollen
wir diese so mühsame und gefährliche Identität des heimatlosen Flüchtlings
aufgeben und sollen wir nicht Bürger eines mächtigen Reiches in einer
glanzvollen Metropole werden ? Sollen wir nicht unsere ganze Herkunft vergessen
und einfach nur wie alle anderen sein ? Die liberalen Deutschen Juden des
wilhelminischen Reiches haben das getan, sie waren aus ganzem Herzen Deutsche.
Aber die Deutschen ließen sie nicht Deutsche sein.
Trotz der Reform des Josia
waren die Juden in den Polytheismus zurückgefallen, und wenn nicht der
strenggläubige Teil der nach Babylon verschleppten jüdischen Mittel- und
Oberschicht das Erbe gepflegt hätte, hätten die in Judäa Gebliebenen wohl den
jüdischen Glauben preisgegeben.
In der babylonischen
Gefangenschaft bewahrten die orthodoxen Juden ihr Erbe und retteten so das
Judentum vor dem Untergang. Man baute auf die von Moses, David und Salomon
gelegten Fundamente auf, entwickelte neue Bräuche, Riten und Institutionen:
Hier entstanden der Sabbat und die jüdischen Festtage. Auch literarisch war man
sehr produktiv. So entstand ein wichtiger Teil des alten Testaments in Babylon.
In Babylon oder nach dem
Babylonischen Exil wurde die Geschichte vom Turmbau zu Babel in die Bibel
aufgenommen. In Babylon lernte man den Sintflut-Mythos kennen, der eigentlich
aus dem Gilgmesch-Epos entstammt, und baute ihn als
die Geschichte Noahs in die Bibel ein. Unter dem Einfluß
von Babylon entstanden die Schöpfungsberichte und die Geschichte von der
Vertreibung aus dem Paradies.
Aus dem
patriarchalischen Gott wurde in Babylon ein erhabener und gütiger Gott, der
sich in den Himmel zurückzog, von Engelschören umgeben, und der mit den
Menschen nur noch per geflügelte Sendboten verkehrte, quasi per Taubenpost,
statt wie bei Adam, Abraham und Moses noch persönlich zu erscheinen. Jahwe
wurde ein Gott, der in himmlischen Sphären lebte, wie ein Großkönig in seinem
Palast, umgeben von den Erzengel, einen Ministern und Feldherrn, die für ihn
alles regelten – fern vom Alltag der Menschen, abgehoben in seinem Raumschiff.
Unter Josia
wurden El und Jahwe zu einem Gott verschmolzen. In Babylon wurden aus dem Jahwe
Josias wieder zwei Götter: Der gute, himmlische Gott und ein zweiter,
heimlicher Gott: der Satan.
Für das Negative
und Böse war nun Gottes Widersacher und heimlicher Partner zuständig, der im
Buch Hiob im Himmel ein und aus geht. Der Satan ist der Her der Welt, der
Patriarch im Himmel hat abgedankt und kann den Lauf der Dinge letztlich nicht
mehr beeinflussen kann.
Die Rückkehr der Juden
und der Aufbau des Tempels
Der
strenggläubige, fundamentalistische Teil der Juden kehrte in der Zeit nach 538
v. Chr. nach Jerusalem zurück, und sie bauten, gegen den Widerstand der
Zurückgebliebenen, den Tempel wieder auf und führten ein strenges religiösen
Regiment ein. Die Zurückgekehrten waren
nicht die babylonischen Weltbürger, die vergessen hatten, dass sie Juden waren,
sondern es waren die „orthodoxen Juden“, die in der großen Stadt ihre Religion
gepflegt und vor allem weiterentwickelt hatten.
Die Juden und die
Samariter
Im Norden des ehemaligen
Reiches von König Salomon hatten die Assyrer Mesopotamier angesiedelt. Ihre
Hauptstadt war Samaria. Sie hatten sich mit den nicht
deportierten Resten der einheimischen Israeliten vermischt und hatten die
Jahwe-Religion übernommen. Auf dem Berg Garizim in
der Nähe des heutigen Nablus bauten sie ihren eigenen
Tempel.
Die aus Babylon
zurückgekehrten Juden akzeptierten die Samaritaner
nicht als Juden, weil sie aus einer „Rassenmischung“ entstanden seien. Die
orthodoxen Juden legten aber großen Wert auf die Reinheit der Rasse. Ganz
unerträglich war ihnen die Tatsache, daß die Samaritaner auf dem Berg
Garizim ihren eigenen Jahwe-Tempel hatten. Es
durfte nur einen Jahwe-Tempel geben: den wieder neu aufgebauten und 515 v. Chr.
eingeweihten Tempel in Jerusalem.
Eine gute Zeit unter
den Persern
König Kyros
I., genannt der Große, hatte den Juden Teile ihres Tempelschatzes zurückgegeben
und gestattete den jüdischen Priestern, den Jahwe-Kult zu zelebrieren. Die
Juden durften nach ihren eigenen religiösen Gesetzen leben, sie durften ihre
eigene Regierung wählen, einen Ältestenrat, dem der Hohepriester vorstand. Die
Juden genossen Autonomie.
In der Zeit nach 515 v.
Chr. wurde die Thora in die heute vorliegende Form gebracht. Als dann die
Grundlagen des Glaubens festgelegt waren, trat das Kriterium der jüdischen
Abstammung in den Hintergrund. Jude
konnte jeder werden, der sich an die Gesetze der Thora hielt und sich
beschneiden ließ.
Die jüdischen
Rassengesetze
Aber es gab natürlich auch
religiöse Eiferer, wie z. B. den Priester Esra, die auf strenge Einhaltung der
Rassenreinheit bestand. In Esra 9 und 10 lesen wir: Die Heidenvölker haben das
Land befleckt. Esra fordert die Juden auf: „So sollt ihr nun eure Töchter nicht
ihren Söhnen geben noch um ihre Töchter werben. Nie sollt ihr auf ihre
Wohlfahrt und auf ihr Glück bedacht sein, damit ihr stark werdet und die Güter
des Landes genießt und es für alle Zeiten auf eure Kinder vererbt...Lasst uns
nun unsrem Gott geloben, alle unsere Fremden Frauen und die von ihnen geboren
sind, zu verstoßen...damit man nach dem Gesetz verfahre“.
Welches Gesetz ? Das
jüdische Rassengesetz !
Alexander der
Große besiegte 333 v. Chr. entgültig den persischen
Großkönig Darius II. Nach seinem Tod fiel das Land der Juden an einen seiner
drei Nachfolger: an Seleukos, der Antiochia
zur Hauptstadt seines Reiches machte. Seleukos und
seine Nachfolger, die Dynastie der Seleukiden,
behandelten die Juden mit religiöser Toleranz. Ähnlich wie heute die
amerikanische Kultur für den Rest der Welt, so wurde die griechische Kultur zum
Vorbild für die antike Welt – auch für viele der Juden, gerade auch in der
Oberschicht. Die Bibel wurde unter den Namen „Septuaginta“ ins Griechische
übersetzt. Diese Arbeit soll der Legende nach in siebzig Tagen von siebzig
Gelehrten vollbracht worden sein. „Septuaginta“ heißt „siebzig“.
Die frommen Juden sahen
mit Entsetzen, daß in Jerusalem eine Sportschule
entstand, und daß die jüdische Jugend sich für Sport
begeisterte, bei den Wettkämpfe nackt auftrat und sich künstliche Vorhäute
machte, um nicht mehr als Jude zu gelten. Das jüdische Patriarchat war
ernsthaft in Gefahr !
Es bildeten sich die
Gruppierung der „Chasidim“, die „Frommen“. Ein Riß ging durch die Gesellschaft.
Als der seleukidische König Antiochos IV.
sich in die Besetzung des Amtes des Hohen Priesters einmischt, werden seine
Kandidaten von den Gesetzestreuen hinausgeworfen. Antiochos
marschiert in Jerusalem ein und beschlagnahmt den Tempelschatz. Im Jahr 167 v.
Chr. verbot Antiochos per Dekret mit sofortiger
Wirkung die Ausübung der jüdischen Religion. Jeder Jude, der den Sabbat einhält
und seine Kinder bescheiden lässt, soll mit dem Tod bestraft werden. Jüdische
Bürger müssen antreten und das unreine Schweinfleisch essen. Antiochos lässt den Tempel plündern und im Tempel Schweine
opfern. Alle jüdischen Feiertage werden abgeschafft und anstelle von Jahwe wird
der olympische Zeus im Tempel verehrt. Als die meisten Juden an ihrer Religion
festhalten, kommt es zu Hinrichtungen. Die frommen Juden gehen in den
Untergrund oder wandern in die Nachbarländer aus. Dort organisieren sie sich
als „Chasidim“.
In dieser Zeit kommt die
Hoffnung auf, daß Gott schon bald eingreifen wird, um
sein Reich zu errichten und seine Herrschaft anzutreten. Man hofft auf einen
Messias, einen Gesalbten des Herren, einen neuen jüdischen König.
Das Buch Daniel und der
Weltuntergang
In dieser Zeit entstand
das Buch des Propheten Daniel, der laut Bibel zur Zeit des babylonischen Exils
gelebt haben soll. Das allerdings fällt schwer zu glauben. Die literarische
Figur des Daniel ist ein Kind der Zeit von Antiochos
IV. Seine im Nachinein gemachten „Prophezeihungen“
am Hofe des babylonischen Königs Belsazar sind in
dieser Zeit zum Teil schon eingetroffen. Umso glaubwürdiger scheint den
gläubigen Juden die Hoffnung, daß auch der Rest der Prophezeihungen wahr werden wird: der Weltuntergang, das
jüngste Gericht und das Reich Gottes.
Mit diesen Weltuntergangsprophezeihungen erhebt wieder der alte Gott Jahwe/Seth,
der blutrünstige Gott des Krieges und der Zerstörung sein Haupt. Mit einem
sanften, gnädigen und lieben Gott ist jetzt nichts zu gewinnen. Die
strenggläubigen Juden kehren zu ihrem Kriegsgott zurück.
Judas Makkabäus, der
Messias
Der Krieg ließ nicht lange
auf sich warten. Mattatias, ein Mann aus dem
Priestergeschlecht der Hasmonäer, tötet einen Juden,
als er am Altar eines fremden Gottes opfern will. Er erschlägt auch den
Beamten, der das Opfer erzwingen wollte. Das ist das Signal für den jüdischen
Aufstand. Die Hauptstreitmacht des Antiochos ist an
der Ostgrenze durch den Kampf gegen die Parther
gebunden. In Judäa steht nur ein kleines Truppenkontingent. Nach dem Tod des Mattatias übernimmt dessen Sohn Judas, genannt „Makkabäus“
(„der Hammer“), die Führung und besiegt die griechischen Besatzer in drei
Schlachten. Als er nach ein paar Jahren stirbt, gelingt es seinen Nachfolgern,
das alte Israel in den Grenzen wie zur Zeit von König David wiederherzustellen.
Im Jahr 164 v. Chr. stirbt
Antiochos IV. bei der Plünderung eines Tempels in
Mesopotamien. Sein Sohn Antiochos V. (164 bis 162 v.
Chr.) gewährt den Juden wieder Religionsfreiheit. Im Jahr 157 v. Chr. schließen
die Seleukiden mit den aufständischen Juden unter den
Makkabäern Frieden. Jerusalem bleibt aber noch in seleukidischer Hand.
153 v. Chr. wird dem Seleukidenherrscher der Thron
durch einen Konkurrenten streitig gemacht. Die Makkabäer
unterstützen den Konkurrenten, der den Thron für sich erobern kann. Als
Gegenleistung für die Unterstützung dürfen die Makkabäer
in Judäa und den angrenzenden Gebieten herrschen.
Es ist keineswegs so, daß die Makkabäer die Großmacht
der Seleukiden besiegt haben. Sie konnten lediglich
die Schwäche und Uneinigkeit der Seleukiden nutzen,
um einen Rachfeldzug abzuwenden und den Status eines Vasallen-Königtums zu
erlangen. Der Preis für diesen Status war Treue zum Seleukidenherrscher.
Nachdem den Juden ja schon lange wieder die Ausübung ihres Glaubens gestattet
war, bestand für die Juden auch kein Grund mehr zur Feindschaft gegen die Seleukiden.
Die Makkabäer
errichten das Königtum neu
Die Errichtung einer auf
militärische Macht gegründeten Königtums
missfiel der alten Priesterelite. Sie sahen sich als herrschende Schicht
deklassiert. Nach ihren Vorstellungen hätte der König aus dem Haus David
stammen sollen. Als der Makkabäer Jonathan im Jahr
152 v. Chr. das Amt des Hohen Priesters an sich riß,
das traditionell einem Mann aus dem Stamm Levi und aus dem Geschlecht des Zadok (daher der Name „Sadduzäer)
zustand, war das für die religiösen Gruppierungen der Juden ein Grund, die herrschende Dynastie aus
tiefsten Herzen zu hassen. Am Rand sei erwähnt, daß
sich die Dynastie der Makkabäer „Hasmonäer“
nannte, weil sie aus dem Geschlecht der Hasmonäer
waren.
Weiter: Sechstes Kapitel: Der Lehrer der Gerechtigkeit