Die babylonische Gefangenschaft und die Rückkehr

Von Richard Beiderbeck   www.koinae.de      

 

 

In der babylonischen Gefangenschaft entsteht ein neuer Jahwe

 

Wenn auch seine sterblichen Überreste zerstört waren, jetzt machte Jahwe einen neuen Karrieresprung. In Babylon lernten die Juden die Vorstellung von Engeln und  Teufeln kennen, und Jahwe fand sich plötzlich umgeben von Engelschören und Himmlischen Heerscharen, beschützt von Erzengeln, die darauf warteten, seine Befehle auszuführen, darunter eines Tages auch die Eröffnung des Jüngsten Gerichtes.

 

Als Israel Teil des Reiches Alexanders des Großen und seiner Nachfolger wurde, sah sich Jahwe einer vielfältigen Konkurrenz durch andere Götter ausgesetzt, und er wäre wohl ein Gott unter vielen geblieben, wenn nicht ein Mann aus Galiläa nach Jerusalem hinaufgezogen wäre und das baldige Kommen des Reiches Jahwes verkündet hätte. Er randalierte im Vorhof des Tempels, störte den Geschäftsbetrieb und brachte zum Ausdruck, dass dies der Tempel seines Vaters und er, der Messias und der eigentliche der König Jerusalem sein.

 

Aus Jahwe wird allmählich der Gott von Jesus Christus

 

Jesus war Jude. Wenn wir verstehen wollen, wer Jesus war, müssen wir die Geschichte der Juden bis zur Kreuzigung Jesu verstehen.

 

Wer sind die Juden ? Diese Frage hat niemanden mehr beschäftigt als die Juden selbst. Die Antwort gab ihnen ihre Religion. Religion, von „religio“, bedeutet Rückbindung. Rückbindung an Gott, an die Stammväter, an das Land der Herkunft. Religion bedeutet religiöse und nationale Identität. Jede Nation und jeder Staat braucht eine Identität. Deswegen sind Nation und Religion oft so eng verbunden, und deswegen wird der Nationalismus oft auch zu Religion.

 

 

Die Könige Saul, David und Salomon

 

Erst unter Saul und David konnten die Israeliten ernsthaft daran denken, fruchtbares Land der Kanaäer und ihre Städte zu erobern – in einem Zweckbündnis mit waffentechnisch und organisatorisch überlegenen Philister. Später kam es zum Bruch des Bündnisses mit den Philistern und zum Kampf gegen sie und die Kanaäer. Endlich war Israel nicht mehr Nagel, sondern Hammer: Man war Besitzer eines eigenen Staates. Aber es war rückständiges, armes Königreich in den Bergen mit einem Marktflecken als Hauptstadt: Jerusalem, die Stadt Davids. Aber dann kam ein doch allmählicher Aufstieg und Reichtum unter Salomo.

 

Salomons Reich zerfällt nach seinem Tode

 

Aber schon nach seinem Tod Zerfall des Reiches in die Teilreiche Israel im Norden und Juda im Süden. 722 v. Chr. bricht das Nordreich unter dem Ansturm der grausamen und völkermordenden und – völkerverschleppenden Assyrer zusammen. Davon profitiert das rivalisierende Südreich Juda, bis es ihm selbst im Jahr 586 v. Chr. an den Kragen geht: Die Babylonier zerstören Juda und den Tempel in Jerusalem und verschleppen die Oberschicht nach Babylon. Wieder ist alles verloren !

 

Von Babylon geprägt und doch sich von Babylon distanzierend: die orthodoxen Juden

 

Aber die Juden sind dem Provinzdasein am Rande der judäischen Wüste entkommen und wohnen jetzt in der glanzvollsten Metropole der Welt. Metropole: Das bedeutet für die Zuwanderer immer ein Wachstum an Wissen und Welterfahrung und die Chance zum Aufstieg. Metropole: Das bedeuten ungeahnte Fülle und ungeahnter Reichtum.

550 v. Chr. besiegen die Perser die Babylonier, und 538 v. Chr. bietet ihnen Kyros die Rückkehr nach Judäa an, das autonome Provinz des persischen Reiches wird. Aber nur eine Minderheit der Juden will zurückkehren in das Bergnest Jerusalem.

Und mancher Jude fern von Jerusalem fragte sich damals wie auch heute: „Warum ins gelobte Land zurückehren, wenn es sich in Babylon (oder heute:New York) doch viel besser lebt ? Warum ein verwahrlostes und zerstörtes Land aufbauen, umgeben von Feinden ? Warum nicht einfach vergessen, dass man Jude ist, sondern warum nicht einfach Babylonier (oder New Yorker sein), als im Westjordanland zu siedeln ?“

 

Die Frage nach der Identität stellte sich in Babylon

 

Und hier ist auch wieder die Frage nach der jüdischen Identität. Die Juden fragen sich: sollen wir diese so mühsame und gefährliche Identität des heimatlosen Flüchtlings aufgeben und sollen wir nicht Bürger eines mächtigen Reiches in einer glanzvollen Metropole werden ? Sollen wir nicht unsere ganze Herkunft vergessen und einfach nur wie alle anderen sein ? Die liberalen Deutschen Juden des wilhelminischen Reiches haben das getan, sie waren aus ganzem Herzen Deutsche. Aber die Deutschen ließen sie nicht Deutsche sein.

 

In der babylonischen Gefangenschaft werden die Bibeltexte erweitert

 

Trotz der Reform des Josia waren die Juden in den Polytheismus zurückgefallen, und wenn nicht der strenggläubige Teil der nach Babylon verschleppten jüdischen Mittel- und Oberschicht das Erbe gepflegt hätte, hätten die in Judäa Gebliebenen wohl den jüdischen Glauben preisgegeben.

 

In der babylonischen Gefangenschaft bewahrten die orthodoxen Juden ihr Erbe und retteten so das Judentum vor dem Untergang. Man baute auf die von Moses, David und Salomon gelegten Fundamente auf, entwickelte neue Bräuche, Riten und Institutionen: Hier entstanden der Sabbat und die jüdischen Festtage. Auch literarisch war man sehr produktiv. So entstand ein wichtiger Teil des alten Testaments in Babylon.

 

In Babylon oder nach dem Babylonischen Exil wurde die Geschichte vom Turmbau zu Babel in die Bibel aufgenommen. In Babylon lernte man den Sintflut-Mythos kennen, der eigentlich aus dem Gilgmesch-Epos entstammt, und baute ihn als die Geschichte Noahs in die Bibel ein. Unter dem Einfluß von Babylon entstanden die Schöpfungsberichte und die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies.

 

Aus Jahwe/Seth wird der Gott des Himmels, zivilisiert und gütig

 

Aus dem patriarchalischen Gott wurde in Babylon ein erhabener und gütiger Gott, der sich in den Himmel zurückzog, von Engelschören umgeben, und der mit den Menschen nur noch per geflügelte Sendboten verkehrte, quasi per Taubenpost, statt wie bei Adam, Abraham und Moses noch persönlich zu erscheinen. Jahwe wurde ein Gott, der in himmlischen Sphären lebte, wie ein Großkönig in seinem Palast, umgeben von den Erzengel, einen Ministern und Feldherrn, die für ihn alles regelten – fern vom Alltag der Menschen, abgehoben in seinem Raumschiff.

 

Jahwe zerfällt wieder in zwei Götter

 

Unter Josia wurden El und Jahwe zu einem Gott verschmolzen. In Babylon wurden aus dem Jahwe Josias wieder zwei Götter: Der gute, himmlische Gott und ein zweiter, heimlicher Gott: der Satan.

 

Für das Negative und Böse war nun Gottes Widersacher und heimlicher Partner zuständig, der im Buch Hiob im Himmel ein und aus geht. Der Satan ist der Her der Welt, der Patriarch im Himmel hat abgedankt und kann den Lauf der Dinge letztlich nicht mehr beeinflussen kann.

 

Die Rückkehr der Juden und der Aufbau des Tempels

 

Der strenggläubige, fundamentalistische Teil der Juden kehrte in der Zeit nach 538 v. Chr. nach Jerusalem zurück, und sie bauten, gegen den Widerstand der Zurückgebliebenen, den Tempel wieder auf und führten ein strenges religiösen Regiment ein. Die Zurückgekehrten  waren nicht die babylonischen Weltbürger, die vergessen hatten, dass sie Juden waren, sondern es waren die „orthodoxen Juden“, die in der großen Stadt ihre Religion gepflegt und vor allem weiterentwickelt hatten.

 

Die Juden und die Samariter

 

Im Norden des ehemaligen Reiches von König Salomon hatten die Assyrer Mesopotamier angesiedelt. Ihre Hauptstadt war Samaria. Sie hatten sich mit den nicht deportierten Resten der einheimischen Israeliten vermischt und hatten die Jahwe-Religion übernommen. Auf dem Berg Garizim in der Nähe des heutigen Nablus bauten sie ihren eigenen Tempel.

 

Die aus Babylon zurückgekehrten Juden akzeptierten die Samaritaner nicht als Juden, weil sie aus einer „Rassenmischung“ entstanden seien. Die orthodoxen Juden legten aber großen Wert auf die Reinheit der Rasse. Ganz unerträglich war ihnen die Tatsache, daß die Samaritaner auf dem Berg  Garizim ihren eigenen Jahwe-Tempel hatten. Es durfte nur einen Jahwe-Tempel geben: den wieder neu aufgebauten und 515 v. Chr. eingeweihten  Tempel in Jerusalem.

 

Eine gute Zeit unter den Persern

 

König Kyros I., genannt der Große, hatte den Juden Teile ihres Tempelschatzes zurückgegeben und gestattete den jüdischen Priestern, den Jahwe-Kult zu zelebrieren. Die Juden durften nach ihren eigenen religiösen Gesetzen leben, sie durften ihre eigene Regierung wählen, einen Ältestenrat, dem der Hohepriester vorstand. Die Juden genossen Autonomie.

 

In der Zeit nach 515 v. Chr. wurde die Thora in die heute vorliegende Form gebracht. Als dann die Grundlagen des Glaubens festgelegt waren, trat das Kriterium der jüdischen Abstammung in den Hintergrund.  Jude konnte jeder werden, der sich an die Gesetze der Thora hielt und sich beschneiden ließ.

 

Die jüdischen Rassengesetze

 

Aber es gab natürlich auch religiöse Eiferer, wie z. B. den Priester Esra, die auf strenge Einhaltung der Rassenreinheit bestand. In Esra 9 und 10 lesen wir: Die Heidenvölker haben das Land befleckt. Esra fordert die Juden auf: „So sollt ihr nun eure Töchter nicht ihren Söhnen geben noch um ihre Töchter werben. Nie sollt ihr auf ihre Wohlfahrt und auf ihr Glück bedacht sein, damit ihr stark werdet und die Güter des Landes genießt und es für alle Zeiten auf eure Kinder vererbt...Lasst uns nun unsrem Gott geloben, alle unsere Fremden Frauen und die von ihnen geboren sind, zu verstoßen...damit man nach dem Gesetz verfahre“.

 

Welches Gesetz ? Das jüdische Rassengesetz !

 

Griechen kommen

 

Alexander der Große besiegte 333 v. Chr. entgültig den persischen Großkönig Darius II. Nach seinem Tod fiel das Land der Juden an einen seiner drei Nachfolger: an Seleukos, der Antiochia zur Hauptstadt seines Reiches machte. Seleukos und seine Nachfolger, die Dynastie der Seleukiden, behandelten die Juden mit religiöser Toleranz. Ähnlich wie heute die amerikanische Kultur für den Rest der Welt, so wurde die griechische Kultur zum Vorbild für die antike Welt – auch für viele der Juden, gerade auch in der Oberschicht. Die Bibel wurde unter den Namen „Septuaginta“ ins Griechische übersetzt. Diese Arbeit soll der Legende nach in siebzig Tagen von siebzig Gelehrten vollbracht worden sein. „Septuaginta“ heißt „siebzig“.

 

Nackte Sportler

 

Die frommen Juden sahen mit Entsetzen, daß in Jerusalem eine Sportschule entstand, und daß die jüdische Jugend sich für Sport begeisterte, bei den Wettkämpfe nackt auftrat und sich künstliche Vorhäute machte, um nicht mehr als Jude zu gelten. Das jüdische Patriarchat war ernsthaft in Gefahr !

Es bildeten sich die Gruppierung der „Chasidim“, die „Frommen“. Ein Riß ging durch die Gesellschaft.

Als der seleukidische König Antiochos IV. sich in die Besetzung des Amtes des Hohen Priesters einmischt, werden seine Kandidaten von den Gesetzestreuen hinausgeworfen. Antiochos marschiert in Jerusalem ein und beschlagnahmt den Tempelschatz. Im Jahr 167 v. Chr. verbot Antiochos per Dekret mit sofortiger Wirkung die Ausübung der jüdischen Religion. Jeder Jude, der den Sabbat einhält und seine Kinder bescheiden lässt, soll mit dem Tod bestraft werden. Jüdische Bürger müssen antreten und das unreine Schweinfleisch essen. Antiochos lässt den Tempel plündern und im Tempel Schweine opfern. Alle jüdischen Feiertage werden abgeschafft und anstelle von Jahwe wird der olympische Zeus im Tempel verehrt. Als die meisten Juden an ihrer Religion festhalten, kommt es zu Hinrichtungen. Die frommen Juden gehen in den Untergrund oder wandern in die Nachbarländer aus. Dort organisieren sie sich als „Chasidim“.

 

In dieser Zeit kommt die Hoffnung auf, daß Gott schon bald eingreifen wird, um sein Reich zu errichten und seine Herrschaft anzutreten. Man hofft auf einen Messias, einen Gesalbten des Herren, einen neuen jüdischen König.

 

Das Buch Daniel und der Weltuntergang

 

In dieser Zeit entstand das Buch des Propheten Daniel, der laut Bibel zur Zeit des babylonischen Exils gelebt haben soll. Das allerdings fällt schwer zu glauben. Die literarische Figur des Daniel ist ein Kind der Zeit von Antiochos IV. Seine im Nachinein gemachten „Prophezeihungen“ am Hofe des babylonischen Königs Belsazar sind in dieser Zeit zum Teil schon eingetroffen. Umso glaubwürdiger scheint den gläubigen Juden die Hoffnung, daß auch der Rest der Prophezeihungen wahr werden wird: der Weltuntergang, das jüngste Gericht und das Reich Gottes.

 

Mit diesen Weltuntergangsprophezeihungen erhebt wieder der alte Gott Jahwe/Seth, der blutrünstige Gott des Krieges und der Zerstörung sein Haupt. Mit einem sanften, gnädigen und lieben Gott ist jetzt nichts zu gewinnen. Die strenggläubigen Juden kehren zu ihrem Kriegsgott zurück.

 

Judas Makkabäus, der Messias

 

Der Krieg ließ nicht lange auf sich warten. Mattatias, ein Mann aus dem Priestergeschlecht der Hasmonäer, tötet einen Juden, als er am Altar eines fremden Gottes opfern will. Er erschlägt auch den Beamten, der das Opfer erzwingen wollte. Das ist das Signal für den jüdischen Aufstand. Die Hauptstreitmacht des Antiochos ist an der Ostgrenze durch den Kampf gegen die Parther gebunden. In Judäa steht nur ein kleines Truppenkontingent. Nach dem Tod des Mattatias übernimmt dessen Sohn Judas, genannt „Makkabäus“ („der Hammer“), die Führung und besiegt die griechischen Besatzer in drei Schlachten. Als er nach ein paar Jahren stirbt, gelingt es seinen Nachfolgern, das alte Israel in den Grenzen wie zur Zeit von König David wiederherzustellen.

 

Im Jahr 164 v. Chr. stirbt Antiochos IV. bei der Plünderung eines Tempels in Mesopotamien. Sein Sohn Antiochos V. (164 bis 162 v. Chr.) gewährt den Juden wieder Religionsfreiheit. Im Jahr 157 v. Chr. schließen die Seleukiden mit den aufständischen Juden unter den Makkabäern Frieden. Jerusalem bleibt aber noch in seleukidischer  Hand. 153 v. Chr. wird dem Seleukidenherrscher der Thron durch einen Konkurrenten streitig gemacht. Die Makkabäer unterstützen den Konkurrenten, der den Thron für sich erobern kann. Als Gegenleistung für die Unterstützung dürfen die Makkabäer in Judäa und den angrenzenden Gebieten herrschen.

 

Es ist keineswegs so, daß die Makkabäer die Großmacht der Seleukiden besiegt haben. Sie konnten lediglich die Schwäche und Uneinigkeit der Seleukiden nutzen, um einen Rachfeldzug abzuwenden und den Status eines Vasallen-Königtums zu erlangen. Der Preis für diesen Status war Treue zum Seleukidenherrscher. Nachdem den Juden ja schon lange wieder die Ausübung ihres Glaubens gestattet war, bestand für die Juden auch kein Grund mehr zur Feindschaft gegen die Seleukiden.

 

Die Makkabäer errichten das Königtum neu

 

Die Errichtung einer auf militärische Macht gegründeten  Königtums missfiel der alten Priesterelite. Sie sahen sich als herrschende Schicht deklassiert. Nach ihren Vorstellungen hätte der König aus dem Haus David stammen sollen. Als der Makkabäer Jonathan im Jahr 152 v. Chr. das Amt des Hohen Priesters an sich riß, das traditionell einem Mann aus dem Stamm Levi und aus dem Geschlecht des Zadok (daher der Name „Sadduzäer) zustand, war das für die religiösen Gruppierungen der Juden  ein Grund, die herrschende Dynastie aus tiefsten Herzen zu hassen. Am Rand sei erwähnt, daß sich die Dynastie der MakkabäerHasmonäer“ nannte, weil sie aus dem Geschlecht der Hasmonäer waren.

 

Weiter: Sechstes Kapitel: Der Lehrer der Gerechtigkeit