Der Lehrer der Gerechtigkeit gründet den Orden der
Essener
Von
Bevor sich Jonathan das Hohepriesteramt aneignete, war einer seiner Vorgänger ein
Mann, der, so vermutet man, nach seiner Absetzung als Hoher Priester die strenggläubige
Gruppierung der Essener gründete, die später dann im Zusammenhang mit den Qumranfunden zu Weltruhm kamen.
Er soll sich „Lehrer der
Gerechtigkeit“ genannt haben. Das ist der traditionelle Titel des Hohen
Priesters. Dieser „Lehrer der Gerechtigkeit“ wird von manchen als Vorgänger,
als Vordenker und als Vorbild Jesu betrachtet.
Der „Lehrer der
Gerechtigkeit“ sah sich als Hohepriester als der rechtmäßige Nachfolger von
Moses und als von Gott eingesetztes religiöses Oberhaupt der Juden. Er glaubte
an das baldige Kommen des jüngsten Gerichtes, das dann den Beginn die Zeit der
Herrschaft Gottes bringen würde. Er sah sich als derjenige, der das Kommen des
Reiches Gottes in die Wege leiten
sollte.
Der „Herr der
Gerechtigkeit“ scharte um sich ehemalige Priester aus dem Geschlechte Zadoks und hohe Beamte der Tempelverwaltung. Er nahm
Kontakt zu den in die Nachbarländer geflohen strenggläubigen Juden auf,
forderte sie auf, zurückzukehren und erwartete, daß
sie sich seiner Führung unterwarfen.
Aber seine Aktivitäten
stießen nicht nur auf Zustimmung, sondern auch auf Ablehnung. Viele konnten
sich mit seinem Machtanspruch als lebenslänglicher Inhaber des Hohepriesteramtes und als oberster Führer der Juden nicht
abfinden.
Der „Lehrer der Gerechtigkeit
schickte an den Usurpator im Hohepriesteramt, an den Makkabäer Jonathan, einen Brief, in welchem er ihn
aufforderte, sein Amt also Hoher Priester niederzulegen und sich auf die
politische Führerschaft zu beschränken. Jonathan lehnte das ab und versuchte
sogar den Herren der Gerechtigkeit ermorden zu lassen – was aber misslang.
Es gelang dem Lehrer der
Gerechtigkeit sieben Exilgruppen zur Heimkehr zu bewegen und sie in einer Union
zusammenzuschließen. Auch viele der im Lande gebliebenen schlossen sich ihm an.
So entstand die Vereinigung der Essener, die größte religiöse Organisation des
palästinensischen Judentums in dieser
Zeit.
Neben den Essenern gab
unter den strenggläubien Juden nur noch diejenige,
die nicht aus dem Exil zurückkehren wollten, sowie die Pharisäer und die
Priesterschaft des Jerusalemer Tempels. Diese schlossen sich unter dem Namen Sadduzäer zusammen.
Trotz seiner machtvollen
religiösen Organisation gelang es aber dem Herren der Gerechtigkeit nicht,
wieder in das Amt des Hohen Priesters zurückzukehren. Denn über die bewaffnete
Streitmacht im Lande verfügte Jonathan, der nicht nur Hoher Priester, sondern
auch König war.
Der Lehrer der
Gerechtigkeit starb etwa im Jahr 110 v. Chr. Aber schon seit 140 v. Chr.
hielten sich die Essener mit allen verbalen Angriffen auf die Hasmonäer zurück und lebten zurückgezogen in Erwartung der
künftigen Herrschaft Gottes – die freilich ausblieb.
Die Pharisäer
demokratisieren die Religion
Die religiösen
Kulthandlungen wurden von den Sadduzäern im Tempel zu
Jerusalem ausgeführt. Sie hatten hier das Monopol, ebenso bei der Ausübung der
Gerichtsbarkeit, die ja auf den religiösen Gesetzen beruhte. Die Essener waren
eine Art Mönchesgemeinschaft, die ihr ganzes Leben der Religion widmeten. Ihnen
konnten sich allerdings auch Laien anschließen, die weiterhin ihrem Beruf
nachgingen. Trotzdem: Der Weg der Essener war für den normalen Juden kaum zu
gehen.
Hier traten nun die
Pharisäer auf den Plan. Innerhalb ihrer Organisation gab es keinen
traditionellen Vorrang der Priester. Auch Laien durften Schriftgelehrte und
Prediger werden. Das erinnert an den Protestantismus. Und wie im
Protestantismus trat an die Stelle des Hohen Priesters und der Hierarchie der
Priester die Heilige Schrift als letzter und verbindlicher Maßstab. Mit Hilfe
der Schrift schafften sie sich eine Autorität, die sich gegen die Autorität der
Sadduzäer und auch der Essener richtete.
Die Thora und die
Auslegung der Thora war der Hebel, mit dem sie die Macht der Tempelhierarchie
aushebelten. Sie bauten Synagogen, das waren Versammlungsräume für die
Gläubigen, wo sie beten und Predigten anhören konnten. Es wurde aus der Thora
vorgelesen und die Texte wurden erläutert und diskutiert. Diese Synagogen waren
keine prachtvollen Tempel, sondern einfache Versammlungsräume. Auch heute noch
wirken Synagogen relativ schlicht und einfach.
Die Versuchung, welcher
die Pharisäer erlagen
Die Pharisäer waren bei
der Auslegung der Gesetze ursprünglich durchaus weniger streng als die Essener
und Sadduzäer, und machten es dem Volk leichter, die
Gesetze zu befolgen. Aber sie konnten der Versuchung nicht wiederstehen,
alles bis ins kleinste immer genauer zu regeln. So konnten sie den Leuten bis
ins Detail vorschreiben, was sie zu tun hatten. Sie wurden immer mächtiger (sofern
man die Thora ernst nahm und an die Regeln der Pharisäer glaubte). Die
Einhaltung der Gesetze muß bei den Pharisäern und
ihren Gläubigen zu einer menschenfeindlichen Zwangsneurose geworden sein, die
die Menschen daran hinderte, ein normales Leben zu führen und den Pflichten des
Alltags nachzukommen. Alles drehte sich bei ihnen nur noch darum, wie man das
Gesetz einhält und sich eine Anwartschaft auf einen Einzug ins Paradies
erwirbt.
Im Jahr 90 v. Chr. wagten
die Pharisäer einen politischen Umsturzversuch, der aber scheitert. Viele ihrer
Führer wurden gekreuzigt. Trotzdem gewannen sie immer mehr Einfluß
und erlangten die Mehrheit im Synhedrium. Aber nach
63 v. Chr. waren sie praktisch wieder entmachtet.
Die Essener erwarteten
das Endgericht Gottes für das Jahr 70 nach Christus
Die Hasmonäer
hatten die beiden wichtigsten Positionen in Judäa inne: Das Amt des Königs und
das Amt des Hohepriesters. Der Hasmonäer-König
war also quasi Kaiser und Papst in einer Person. Für die Gläubigen Juden war es
aber ausgemacht, daß der Hohe Priester aus dem Stamm
Levi und der König aus dem Stamm David zu sein hatte. Das künftige Endgericht
Gottes würde damit beginnen, daß Israel wieder einen
König aus dem Hause David und einen Hohepriester aus dem Hause Zadoks hatte.
Nun verstehen wir auch,
warum das Lukas-Evangelium Wert darauf legt, daß
Jesus aus dem Hause David und Johannes der Täufer aus dem Hause Zadok war. Johannes der Täufer sah sich wohl als
zukünftiger Hoher Priester und hoffte, in Jesus einen König aus dem Hause
Davids gefunden zu haben. Maria, die Mutter Jesu und Elisabeth, die Mutter von
Johannes dem Täufer waren miteinander verwandt, und die schwangere Maria
besuchte die schwangere Elisabeth, und als Maria Elisabeth grüßte, hüpfte der
ungeborene Johannes im Leib seiner Mutter Elisabeth. Auch wenn man das alles
nicht glaubt, so muß man doch zugeben, daß Lukas ein begnadeter Dichter war.
Die Essener erwartete für
das Jahr 70 nach Chr. das Jüngste Gericht – ähnlich, wie die Zeugen Jehovas es
für das Jahr 1914 erwarteten. Wie die Zeugen Jehovas begründeten die Essener
diese Erwartung mit dem Buch Daniel. Als Johannes und Jesus etwa um das Jahr 30
v. Chr. ihre Botschaft vom schon bald bevorstehenden Reich Gottes verkündeten,
waren die Essener davon überzeugt, daß Jesus nicht
der Messias sein konnte, denn er kam ja zu früh.
Wie wir wissen, brach im
Jahr 66 n. Chr. der jüdische Aufstand los, aus dem der Jüdische Krieg wurde und
der dazu führte, daß die Römer im Jahr 70 n. Chr.
Jerusalem eroberten und den Tempel zerstörten. Es ist plausibel anzunehmen, daß die apokalyptische Erwartung der Essener die Juden dazu
verführt hat, den Aufstand gegen die Römer zu wagen. So hofften, daß Jahwe sich auf ihre Seite stellen würde und daß die Römer besiegt werden könnten.
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