Der Lehrer der Gerechtigkeit gründet den Orden der Essener

Von Richard Beiderbeck   www.koinae.de   

 

 

Bevor sich Jonathan das Hohepriesteramt aneignete, war einer seiner Vorgänger ein Mann, der, so vermutet man, nach seiner Absetzung als Hoher Priester die strenggläubige Gruppierung der Essener gründete, die später dann im Zusammenhang mit den Qumranfunden zu Weltruhm kamen.

Er soll sich „Lehrer der Gerechtigkeit“ genannt haben. Das ist der traditionelle Titel des Hohen Priesters. Dieser „Lehrer der Gerechtigkeit“ wird von manchen als Vorgänger, als Vordenker und als Vorbild Jesu betrachtet.

Der „Lehrer der Gerechtigkeit“ sah sich als Hohepriester als der rechtmäßige Nachfolger von Moses und als von Gott eingesetztes religiöses Oberhaupt der Juden. Er glaubte an das baldige Kommen des jüngsten Gerichtes, das dann den Beginn die Zeit der Herrschaft Gottes bringen würde. Er sah sich als derjenige, der das Kommen des Reiches Gottes in die Wege leiten  sollte.

Der „Herr der Gerechtigkeit“ scharte um sich ehemalige Priester aus dem Geschlechte Zadoks und hohe Beamte der Tempelverwaltung. Er nahm Kontakt zu den in die Nachbarländer geflohen strenggläubigen Juden auf, forderte sie auf, zurückzukehren und erwartete, daß sie sich seiner Führung unterwarfen.

Aber seine Aktivitäten stießen nicht nur auf Zustimmung, sondern auch auf Ablehnung. Viele konnten sich mit seinem Machtanspruch als lebenslänglicher Inhaber des Hohepriesteramtes und als oberster Führer der Juden nicht abfinden.

 

Der „Lehrer der Gerechtigkeit schickte an den Usurpator im Hohepriesteramt, an den Makkabäer Jonathan, einen Brief, in welchem er ihn aufforderte, sein Amt also Hoher Priester niederzulegen und sich auf die politische Führerschaft zu beschränken. Jonathan lehnte das ab und versuchte sogar den Herren der Gerechtigkeit ermorden zu lassen – was aber misslang.

 

Es gelang dem Lehrer der Gerechtigkeit sieben Exilgruppen zur Heimkehr zu bewegen und sie in einer Union zusammenzuschließen. Auch viele der im Lande gebliebenen schlossen sich ihm an. So entstand die Vereinigung der Essener, die größte religiöse Organisation des palästinensischen  Judentums in dieser Zeit.

Neben den Essenern gab unter den strenggläubien Juden nur noch diejenige, die nicht aus dem Exil zurückkehren wollten, sowie die Pharisäer und die Priesterschaft des Jerusalemer Tempels. Diese schlossen sich unter dem Namen Sadduzäer zusammen.

 

Trotz seiner machtvollen religiösen Organisation gelang es aber dem Herren der Gerechtigkeit nicht, wieder in das Amt des Hohen Priesters zurückzukehren. Denn über die bewaffnete Streitmacht im Lande verfügte Jonathan, der nicht nur Hoher Priester, sondern auch König war.

 

Der Lehrer der Gerechtigkeit starb etwa im Jahr 110 v. Chr. Aber schon seit 140 v. Chr. hielten sich die Essener mit allen verbalen Angriffen auf die Hasmonäer zurück und lebten zurückgezogen in Erwartung der künftigen Herrschaft Gottes – die freilich ausblieb.

 

Die Pharisäer demokratisieren die Religion

 

Die religiösen Kulthandlungen wurden von den Sadduzäern im Tempel zu Jerusalem ausgeführt. Sie hatten hier das Monopol, ebenso bei der Ausübung der Gerichtsbarkeit, die ja auf den religiösen Gesetzen beruhte. Die Essener waren eine Art Mönchesgemeinschaft, die ihr ganzes Leben der Religion widmeten. Ihnen konnten sich allerdings auch Laien anschließen, die weiterhin ihrem Beruf nachgingen. Trotzdem: Der Weg der Essener war für den normalen Juden kaum zu gehen.

 

Hier traten nun die Pharisäer auf den Plan. Innerhalb ihrer Organisation gab es keinen traditionellen Vorrang der Priester. Auch Laien durften Schriftgelehrte und Prediger werden. Das erinnert an den Protestantismus. Und wie im Protestantismus trat an die Stelle des Hohen Priesters und der Hierarchie der Priester die Heilige Schrift als letzter und verbindlicher Maßstab. Mit Hilfe der Schrift schafften sie sich eine Autorität, die sich gegen die Autorität der Sadduzäer und auch der Essener richtete.

 

Die Thora und die Auslegung der Thora war der Hebel, mit dem sie die Macht der Tempelhierarchie aushebelten. Sie bauten Synagogen, das waren Versammlungsräume für die Gläubigen, wo sie beten und Predigten anhören konnten. Es wurde aus der Thora vorgelesen und die Texte wurden erläutert und diskutiert. Diese Synagogen waren keine prachtvollen Tempel, sondern einfache Versammlungsräume. Auch heute noch wirken Synagogen relativ schlicht und einfach.

 

Die Versuchung, welcher die Pharisäer erlagen

 

Die Pharisäer waren bei der Auslegung der Gesetze ursprünglich durchaus weniger streng als die Essener und Sadduzäer, und machten es dem Volk leichter, die Gesetze zu befolgen. Aber sie konnten der Versuchung nicht wiederstehen, alles bis ins kleinste immer genauer zu regeln. So konnten sie den Leuten bis ins Detail vorschreiben, was sie zu tun hatten. Sie wurden immer mächtiger (sofern man die Thora ernst nahm und an die Regeln der Pharisäer glaubte). Die Einhaltung der Gesetze muß bei den Pharisäern und ihren Gläubigen zu einer menschenfeindlichen Zwangsneurose geworden sein, die die Menschen daran hinderte, ein normales Leben zu führen und den Pflichten des Alltags nachzukommen. Alles drehte sich bei ihnen nur noch darum, wie man das Gesetz einhält und sich eine Anwartschaft auf einen Einzug ins Paradies erwirbt.

 

Im Jahr 90 v. Chr. wagten die Pharisäer einen politischen Umsturzversuch, der aber scheitert. Viele ihrer Führer wurden gekreuzigt. Trotzdem gewannen sie immer mehr Einfluß und erlangten die Mehrheit im Synhedrium. Aber nach 63 v. Chr. waren sie praktisch wieder entmachtet.

 

Die Essener erwarteten das Endgericht Gottes für das Jahr 70 nach Christus

 

Die Hasmonäer hatten die beiden wichtigsten Positionen in Judäa inne: Das Amt des Königs und das Amt des Hohepriesters. Der Hasmonäer-König war also quasi Kaiser und Papst in einer Person. Für die Gläubigen Juden war es aber ausgemacht, daß der Hohe Priester aus dem Stamm Levi und der König aus dem Stamm David zu sein hatte. Das künftige Endgericht Gottes würde damit beginnen, daß Israel wieder einen König aus dem Hause David und einen Hohepriester aus dem Hause Zadoks hatte.

 

Nun verstehen wir auch, warum das Lukas-Evangelium Wert darauf legt, daß Jesus aus dem Hause David und Johannes der Täufer aus dem Hause Zadok war. Johannes der Täufer sah sich wohl als zukünftiger Hoher Priester und hoffte, in Jesus einen König aus dem Hause Davids gefunden zu haben. Maria, die Mutter Jesu und Elisabeth, die Mutter von Johannes dem Täufer waren miteinander verwandt, und die schwangere Maria besuchte die schwangere Elisabeth, und als Maria Elisabeth grüßte, hüpfte der ungeborene Johannes im Leib seiner Mutter Elisabeth. Auch wenn man das alles nicht glaubt, so muß man doch zugeben, daß Lukas ein begnadeter Dichter war.

 

Die Essener erwartete für das Jahr 70 nach Chr. das Jüngste Gericht – ähnlich, wie die Zeugen Jehovas es für das Jahr 1914 erwarteten. Wie die Zeugen Jehovas begründeten die Essener diese Erwartung mit dem Buch Daniel. Als Johannes und Jesus etwa um das Jahr 30 v. Chr. ihre Botschaft vom schon bald bevorstehenden Reich Gottes verkündeten, waren die Essener davon überzeugt, daß Jesus nicht der Messias sein konnte, denn er kam ja zu früh.

 

Wie wir wissen, brach im Jahr 66 n. Chr. der jüdische Aufstand los, aus dem der Jüdische Krieg wurde und der dazu führte, daß die Römer im Jahr 70 n. Chr. Jerusalem eroberten und den Tempel zerstörten. Es ist plausibel anzunehmen, daß die apokalyptische Erwartung der Essener die Juden dazu verführt hat, den Aufstand gegen die Römer zu wagen. So hofften, daß Jahwe sich auf ihre Seite stellen würde und daß die Römer besiegt werden könnten.

 

Weiter:  Siebtes Kapitel: Jesus der Gottkönig