Jesus Christus und sein Gott

Von Richard Beiderbeck   www.koinae.de    

 

Wie viele Juden kann Jesus nicht begreifen, dass Gott sein Land in die Hände der Römer gegeben hat und es den Caesaren und ihren Vasallen überlässt. Warum hat sich Gott zurückgezogen ? Weil das Volk gesündigt hat, sich der fremden, griechisch-römischen Kultur ergibt und zu fremden Götter betet. Also muß das Volk umkehren und Buße tun, so wie es Johannes der Täufer gelehrt hat. Aber Jesus wendet sich von dieser Büßer- und Asketenmoral ab. Wichtiger als die Buße ist der feste Glaube an die schon bald kommende Herrschaft Gottes; und Jesus sieht sich und seine Wundertaten als Vorbote der kommenden Gottesreiches an. Wenn Blinde sehend werden und Gelähmte wieder laufen können, dann ist auch das Reich Gottes möglich – das ist die Botschaft seiner Wunder. Aber das Reich bleibt aus. Deshalb ein letzter, verzweifelter Schritt, aus der galiläischen Provinz hinaufziehen nach Jerusalem und das Reich Gottes vor Hunderttausend Pilgern verkünden, die zum Passahfest, das alljährlich zur Erinnerung aus der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei gefeiert wird, in die heilige Stadt der jüdischen Könige gekommen sind.

 

Der Marsch auf die Tempelhalle

 

Die Botschaft der Tempelreinigung ist klar: „Dieser Tempel gehört meinem Vater im Himmel. Ich bin sein legitimer Nachfahre und König von Gottes Gnaden.“ So wie Hitler mit dem Marsch auf die Feldherrnhalle durch einen Putsch die Regierung absetzten wollte, die das Volk verraten hatte (so sah er das), so wollte Jesus die korrupte Führung des Tempels, die zugleich die Zivilgewalt im Lande hatte, absetzen.

 

Wäre Jesus mit seinem Putschversuch, der allerdings nicht gegen die Römer (das wäre selbstmörderisch gewesen) sondern gegen die Priesterelite im Tempel gerichtet war, durchgekommen, dann hätte dies aber doch zu einem Aufstand gegen die Römer führen können. Also handelten der Hohe Priester Kaiphas richtig, als er Jesus wegen Gotteslästerung verurteilte und ihn dem römischen Statthalter Pontius Pilatus zur Hinrichtung übergab. Hätte Jesus einen Volksaufstand gegen die Römer ausgelöst, hätte der Jüdische Krieg nicht erst 66 n. Chr. sondern schon 30 v. Chr. begonnen. War sich Jesus der Tragweite seiner Predigten und Wunder bewusst ? Bedachte er die Folgen für sein Volk ? Nein, er war auf das Reich Gottes fixiert, an das er unerschütterlich glaubte und das er herbeiführen wollte. Er griff deshalb zum letzen Mittel – er opferte sich selbst. Hoffte er, dass sein Märtyrertod seiner Botschaft die nötige Aufmerksamkeit und ein seinem Volk die nötige Emotionalisierung geben würde, die nötig war, um einen Aufstand auszulösen ? Das glaube ich nicht. In seiner Logik wollte er nicht das Volk und seine Anhänger mobilisieren, sondern seinen himmlischen Vater. Der sollte endlich aktiv werden und die Römer aus dem Land schmeißen und die Kollaborateure im Tempel gleich mit dazu. Wieder ging es um das alte jüdische Thema: Das eigene Land zu besitzen.

Hoffte Jesus, sich selbst opfernd, dass Gott im letzten Moment dem Schicksal Einhalt gebieten würde und ihn vor der Kreuzigung retten würde, so wie Gott im letzten Moment Isaak vom Scheiterhaufen gerettet hatte ?

 

Nun, Gott war ihm gnädig. Jesus hat die Kreuzigung überlebt – ob als Toter oder als Scheintoter, das werden wir nicht ergründen können, weil wir nicht mit letzter Sicherheit wissen, ob das Grabtuch von Turin echt ist. Jedenfalls, Jesus überlebte, und das zeigte ihm und seinen Jüngern, dass alles möglich war, also auch das Reich Gottes. Aber die Jahre gingen ins Land, der Tempel wurde im Jahr 70. nach Chr. zerstört, ein Teil der Juden aus dem Land vertrieben. Aus der Traum vom eigenen Land !

Aber Träume sind hartnäckig. 132 bis 135 n. Chr. kam ein erneuter Aufstand der Juden unter einem neuen Messias: Der Aufstand des Bar Kochba, der blutig unterdrückt wird und zur endgültigen Vertreibung der Juden führt.

 

Wie schön hatten sie es unter Herodes dem Großen gehabt ! Der war aber kein Jude, sondern Idumäer. Hatte er ihnen nicht den Tempel viel größer und prächtiger als Salomo ausgebaut ? Hatte bei ihm nicht jeder nach seiner Facon leben können: entweder als strenggläubiger Jude, oder als einer, der sich die griechisch-römische  Kultur zu eigen gemacht hat und die Vorteile dieser neuen Identität genießen kann ? Warum sollte ein Vasallenkönig der Römer schlechter sein als ein König David und Salomo ? War David nicht einer, der ständig Krieg führte, einen treuen Soldaten in den Tod schickte, damit er mit seiner Frau ins Bett gehen konnte ? War Salomo nicht einer, der den Baalskult wieder eingeführt hatte ? Einer, der die Reichtümer des Volkes für seine Feste verschwendete ? Was war also der Unterschied zu Herodes ? David und Salomo waren Schweine, aber sie waren jüdische Schweine. Mit ihnen konnten sich die Juden identifizieren – mit Herodes und dem Kaiser Augustus nicht. Auch hier wieder die große jüdische Frage: Wer sind wir? Zu sein, wer man ist, und zu wissen wer man ist: das ist nicht nur ein jüdisches Grundbedürfnis. Es ist das Grundbedürfnis jedes Mensche, besonders aber eines heimatlosen Wanderers zwischen den Welten. Wer eine Heimat hat, kann sich mit seinem Land identifizieren: mit seiner Landschaft, mit seinem weißblauen Himmel, mit seinen Städten und Bauwerken, mit seiner Geschichte. Was bleibt einem Juden in der Diaspora ? Sein Gott, seine Geschichte und das gelobte Land. Wenn man ein Land und eine Stadt hat, braucht man vielleicht keine Gott mehr und keine Geschichte, um eine Identität zu haben. „Ich bin Jerusalemer (oder gar einer aus Tel Aviv)“ - das ist das Ende des Judentums. Die Juden werden erst wieder Juden sein, wenn sie ihr Land verloren haben. Und der Verlust ihres Landes und die Sehnsucht nach ihrem Land ist ein ständig wiederkehrendes Grundmuster ihrer Geschichte, seit sie vor fast 6000 Jahren aus dem Paradies vertrieben wurden, als die Welt geschaffen wurde. Nicht die Welt an sich, sondern ihre Welt, die sich in einem ewigen Kreislauf von kurzem Glück und langem Unglück dreht.

 

Und doch ist das Reich Jahwes gekommen. Aber es ist nicht von dieser Welt. Aus „El“, dem Gott Abrahams wurde Allah, der Gott Mohammeds.  Die Beschneidung der Neugeborenen, der Fastenmonat, das Verbot, Schweinefleisch zu essen, die Pilgerreise in die heilige Stadt wurden beibehalten. Aus Jahwe wurde der Gott der Christen und der lang ersehnte Messias war Jesus. Wurden die Juden auch ihrem Gott immer wieder untreu, die Christen und die Moslems hielten in unverbrüchlicher Treue zum Gott der Juden und wurden des Volk Jahwes. Sie gaben ihre alte Identität auf und nahmen eine neue an: „Wir sind Christen, wir sind Moslems.“ Durch die Vermittlung der Juden konnten sich Christen und Moslems zurückbinden an babylonischen und ägyptischen Wurzeln und wurden fest im alten Orient der Antike verwurzelt.

 

So wie die Kultur der Schwarzen in der Karibik und in den Schwarzenghettos der US-Amerikanischen Großstädte zur dominierenden musikalischen Kultur der Welt wurde, so wurde die Religion eines kleinen, unterdrücken Volkes zur dominierenden Religion auf unserem Planeten.

 

Litt Jesus an einer Messiaspsychose ?

 

Auch in heutiger Zeit beobachtet man in Jerusalem unter den christlichen Pilgern ein hin und wieder folgendes: Ganz normale Alltagsmenschen, die nie besonders auffällig wurden, identifizieren sich nach dem Besuch der heiligen Stätten so sehr mit Jesus, dass sie sich für den Messias halten. Sie werden in eine Klinik eingewiesen, wo man diese Symptome schon von früheren Fällen her kennt. Meistens können die Patienten nach einiger Zeit entlassen werden.

 

Jesus war Mitglied der Sekte Johannes des Täufers, der das baldige Kommen des Messias vorhersagte. Schließlich wurde er von dieser Idee so mächtig ergriffen, dass er, nachdem Johannes auf Befehl von Herodes Antipas enthauptet worden war, die Verkündigung des nahen Gottesreiches in Galiläa betrieb. Hier war er relativ sicher, aber er erkannte, dass er, wenn er die Dinge in Bewegung bringen wollte, nach Jerusalem gehen musste. Die Risken waren ihm wohl bewusst, aber wie jede Religion nährte bei ihm auch sein Judentum eine Sehnsucht nach dem Tode und auch die Bereitschaft, sein Leben zu opfern, um so das Reich Gottes herbeizuzwingen und die Menschheit zu erlösen. Wie wir heute sehen können, war das Opfer vergeblich. Morden und Leiden gehen weiter, das Reich Gottes scheint ferner als je.

 

Jahwe wird der Gott aller Menschen

 

Aber die Karriere Jahwes ging weiter. Jahwe wurde zum Gott der ganzen Welt. Dies verdankte Jahwe dem Apostel Paulus. Die Tat des Paulus bestand darin, zu erklären, dass Jahwe nicht nur der Gott Israels sei, sondern der Gott aller Menschen. In einem gewissen Sinne nahm er damit Jahwe den Israeliten weg. Jahwe konnte eigentlich nur verehren, wer  von einer jüdischen Mutter abstammte, also als Jude geboren war. Das zeigt, dass die Verehrung Jahwes ursprünglich ein Ahnenkult war. Nur die Nachfahren verehren die Ahnen. Andere Familien und andere Völker müssen ihre eigenen Ahnen und Götter verehren. Jahwe war nur der Gott der Juden und nur ein Jude und hatte das Recht, Jahwe um größere oder kleinere Gefälligkeiten zu bitten und ihn durch Opfer und Gebete zu manipulieren. Wo wären die Israeliten hingekommen, wenn jeder Dahergelaufene den israelischen Nationalgott hätte manipulieren dürfen ! Das hätte der sich auch nie gefallen gelassen. Deswegen war es in den Augen der strenggläubigen Juden sicher auch absurd, dass Nichtjuden zu Jahwe beteten. Wenn man das vor Augen hat, wird einem klar, wie erbittert die Kontroversen zwischen den frühchristlichen Anhängern des Paulus und den Juden war. Als dann allerdings nach dem jüdischen Krieg von 66 bis 70 n. Chr. die Juden in alle Welt zerstreut wurden, betrieben sie sehr wohl Mission und ganze Völker traten zum Judentum über. In Konkurrenz zum Christentum und in der Fremde war Mission zur Überlebensfrage für das Judentum geworden und der Pragmatismus setzte sich durch. Aber die Juden missionierten niemals so energisch und aggressiv wie Christen und Moslems.

 

Aus Jahwe, dem Herren Israels wurde der Herr der Welt. Er war nicht mehr nur in seiner Grabkammer auf dem Tempelberg, sondern er war überall da, wo Juden waren, später dann überall wo Christen und Moslems waren. Und so wurde aus dem Stammesgott der Israelis der Gott der Christen und der Gott der Moslems. Allerdings wurde er vorher noch von Paulus und den Kirchenvätern durch die Mühle der griechischen Philosophie gedreht. Er wurde zum „ersten Beweger“ des Aristoteles und zur höchsten, alle anderen Ideen in sich vereinenden Idee Platons. Bei Johannes hieß das dann: „Am Anfang war das Wort“. Jahwe war also auf einmal Heiliger Geist, transzendent und immanent, die Weltseele, welche die Schöpfung ausgeatmet hatte und gleichzeitig bis in den letzten Winkel durchdrang. Die Summe aller Ideen, vor allem aber die schönste Idee von allen: die Liebe.

 

Und wer war jetzt für das Böse und Negative zuständig ? Das war jetzt ein anderer: Der Satan. Schon in der babylonischen Gefangenschaft der Juden, unter dem Eindruck der damals noch dualistischen Zarathustrareligion wurde Jahwe gesplittet. Während der Jahwe des alten Testaments seine Mordbefehle noch selbst gab, wusch sich der Gott des Paulus die Hände in Unschuld. Alles Übel kam jetzt vom Satan. Und an den Satan glaubte auch Christus, und weil Christus an den Satan glaubte, mussten auch die Päpste an den Satan glauben, und auch die Imame der Moslems. Und so entstand ein ganzes Weltreich der Satansgläubigen. Glauben heißt sich unterwerfen. Aber die Christen und die Moslems unterwerfen sich doch nicht dem Satan ! Nein, das nicht. Sie fürchten ihn nur. Und manchmal tun sie auch seine Werke. Natürlich im Namen Gottes.

 

Nach dem Glauben der Christen (und die Moslems glauben ähnliches) wird am Tag des jüngsten Gerichtes der Gott, der die Liebe ist, den sieben Posaunenengeln den Befehl geben, den Weltuntergang zu entfesseln und die sieben Zornesschalen  auszugießen: Krankheit, Hunger, Hitze, Finsternis, Seuchen, Krieg und Tod werden über die Menschen kopmmen. Denn nur so kann das tausendjährige Friedensreich entstehen und nach dem letzten Ansturm des Satans und seiner Vernichtung wird das himmlische Jerusalem aus dem Himmel herabkommen wie ein Raumschiff und die letzten Überlebenden aufnehmen.

Vielleicht wird ja die Erde wirklich einmal durch einen atomaren Holokaust zerstört, damit die letzten Überlebenden in einer friedlichen Welt jenseits der Erde leben können. Aber hätte dann dieser Gott der Liebe nicht sein Friedensreich etwas schonender und menschenfreundlicher etablieren können ?

 

Jesus der Gottkönig – Cheops der Gottkönig

 

Der christliche Glauben ist weit mehr von den religiösen Ideen der Ägypter beeinflusst, als das allgemein bewusst ist. Der Mythos von Jesus, der drei Tage in einer Grabkammer liegt, in die Hölle hinabsteigt und schließlich in den Himmel erhoben wird, ist ein ägyptischer Mythos.

 

Der ägyptische Pharao war nicht nur ein Mensch, sondern der Sohn eines Gottes, nämlich des Gottes der Sonne und des Lichtes. Wenn er gestorben war, lag seine Mumie in der Grabkammer seiner Pyramide. Aber das war nur der sterbliche Teil seines Wesens. Der göttliche Teil seines Selbst war der Sonnengott, der seine Bahn am Himmel zog. Der Pharao war einbalsamiert, weil er eines Tages die „Wiederauferstehung im Fleische“ erleben würde. Sein Leichnam würde wieder lebendig sein und vom Grab auferstehen. All das klingt jedem, der in einer christlichen Kultur aufgewachsen ist, so vertraut.

 

Vertraut ist uns auch der Personenkult, der um Jesus getrieben wird. So wie der Pharao als göttliches Wesen verehrt wurde, so wird Jesus von seinen Anhängern kritiklos verehrt. Jesus – ecce homo („seht, was für ein Mensch !“) - ist ein Mensch ohne Fehler und Schwächen. Nur in seinen letzten Stunden wird er schwach (im Garten Gethsemane und am Kreuz), aber das schreibt das Drehbuch so vor, damit man sieht, dass dieser Gott auf Erden wirklich einer von uns geworden ist.

 

Jesus ist also der Gottkönig, der Pharao, der menschgewordene Gott, der nach seiner irdischen Fleischwerdung wieder in den Himmel zurückkehrt. Wie ägyptisch ist das doch alles ! Der Nachfolger Christi ist Petrus, und der Nachfolger Petri ist der Papst. Seine Tiara ist der Doppelkrone (der vereinigten Reiche von Ober- und Unterägypten) des ägyptischen Pharao nachgebildet.

 

Hat sich Jesus im Laufe seines Lebens als Wanderprediger immer mehr mit der Rolle des Gottkönigs und Weltenrichters identifiziert, dass diese Idee übermächtig wurde und von seinem Ich völlig Besitz ergriff ? Oder ging es ihm wie den Mystikern, die ihr Ich so weit abtöten, dass Gott von dieser leeren Hülle Besitz ergreift und sie in heiliger Raserei in die Welt hinausschreien: „Ich bin Gott !“ ? Immerhin war Jesus angeblich vierzig Tage in der Wüste. Hat hier diese mystische Wandlung in seinem Ich stattgefunden ? Und war nicht auch Mohammed in der Wüste, und kehrte er dort nicht mit dem festen Glauben zurück, dass ihm der Engel Gabriel die Wahrheit offenbart hätte, die er zu verkünden habe. Wird nicht in vielen afrikanische Religionen versucht, von einem Gott besessen zu sein ?

 

Wie konnte ein ägyptischer Pharao als Mumie in seiner Grabkammer liegen, während er gleichzeitig im Himmel als Gott herrschte ? Wie konnte Jesus gleichzeitig in seinem Grab liegen und bei Gott sein ? Für den Gläubigen ist die Antwort klar: Weil Jesus und Gott zwei verschiedene Möglichkeiten ein und desselben Gottes sind, zu existieren. Die Nacht ist genauso ein Ort, in welchem Gott gegenwärtig ist wie der Tag. Die Hölle ist genauso ein Ort, in welchem Gott gegenwärtig ist wie der Himmel. Und die Schnittscheibe (um im antiken Weltbild von der Erdscheibe zu bleiben) ist natürlich ein Ort, an dem Himmel und Hölle in gleicher Weisen gegenwärtig sind.

 

Totenträume – mit den Träumen an der Leiche beginnt die Religion

 

Stellen wir uns vor, König Snofru ist, auf dem Thron sitzend, während der Ratsversammlung gestorben. Das Herz hat einfach aufgehört zu schlagen und er ist mit einem Lächeln eingeschlafen. In diesem Moment hat die göttliche Kraft den Raum betreten und jeder konnte ihre Wirkung sehen. Der mächtige Pharao, vor dem die Welt gezittert hat, ist auf einmal stumm und unbeweglich geworden. Ein noch viel Mächtiger hat seine Macht gezeigt.

 

Aber ist Snofru wirklich tot ? Er sieht so aus, als könnte er jeden Moment den Mund auftun und etwas sagen. Es besteht also die Möglichkeit, dass er wieder zum Leben erwacht. Das kann er aber nur, solange sein Körper intakt ist. Wenn er in Verwesung übergeht oder gar verbrannt wird, dann besteht keine Hoffnung mehr, dass Snofru jemals wieder sein Land regieren kann. Es muß also die Möglichkeit offen gehalten werden, dass Snofru wieder zum Leben erwacht. Zu diesem Zweck muß sein Körper vor Zerstörung geschützt werden. Er könnte ja zurückkehren und den Körper dann wieder brauchen.

 

Die Stunden vergehen, die Sonne geht unter. Die großen des Reiches haben den Palast verlassen, zurück bleibt Cheops, der Sohn des Snofru, der an seines Vaters Totenwache hält. Es wird Mitternacht, der Sohn schläft ein und träumt. Er träumt, dass Snofru von seinem Thronsessel aufsteht und in den angrenzenden Speisesaal geht, um sich am Mahl zu laben. Sein Sohn geht mit und setzt sich ihm gegenüber an den Tisch, und gemeinsam beginnen sie das Mahl.

 

Snofru sagt: „Ich bin noch hier, bei dir, mein Sohn. Du kannst mit mir sprechen, und ich werde dir Ratschläge erteilen, wie du handeln sollst. Ich werde dir die Zukunft vorhersagen, und durch dich werde ich das Reich mit Weitsicht und Erfolg regieren. Eine glückliche Zeit wird kommen. Ich bin bei dir. Ich werde dich stets beobachten, schützen und leiten. Aber ich bin jetzt ein Gott. Ich bin in den Himmel zu den Göttern aufgestiegen und bin der größte und mächtigste Gott geworden. Ich bin die Sonne, die den Himmel beherrscht. Ich gebiete über den Wind und den Blitz. Ich lasse die Pflanzen und Tiere wachsen. Ich bringe Tod und Leben. Natürlich kann ich mich nicht selbst um alles kümmern; meine Götter, Engel, Dämonen und Geister werden meine Willen ausführen. Ich selber werde fernab von der Erde in ewiger Seeligkeit und Herrlichkeit schweben. Aber ich bin immer für dich da. Du musst nur hier an meinem sterblichen Körper Nachtwache halten, dann werde ich dir erscheinen und in meinen Körper zurückkehren.

Geh also hin und baue eine große Pyramide für mich, die eine Wohnung für mich enthält. Balsamiere meinen Körper ein, sodaß ihm die Zeit nichts anhaben kann. Lege mich in den Sarkophag, aber richte die Wohnung so her, dass ich jederzeit aus dem Sarkophag heraussteigen kann und mein gewohntes Leben wieder aufnehmen kann. Stell Essen und Trinken bereit, sorge für Beleuchtung und für Bedienung. Dann können wir gemeinsam ein abendliches Mahl feiern.

Sorge dafür, dass dein Sohn und Nachfolger auch für dich alles bereitet: Einbalsamierung, Pyramide, nächtliche Rückkehr zum gemeinsamen Abendmahl. Denn auch du wirst unsterblich sein und mit mir im Himmel regieren.“

Und so baute Cheops eine Pyramide für sich.

 

Das Reich zerfällt

 

Aber die Menschen wandten sich von den Pharaonen ab und die göttliche Ordnung löste sich auf. Das Reich wurde in rivalisierende Fürstentümer und rivalisierende Könige gespalten. Die Menschen beteten zu neuen Göttern, und Fremde drangen in das Reich ein und übernahmen die Herrschaft. Aber es entstand ein Retter, der das Reich neu errichtete.

 

Das Reich ersteht neu und fällt schließlich in die Hände fremder Eroberer

 

Als das Reich wieder schwach geworden war, weil das Volk nicht mehr die Gesetze des göttlichen Pharao nicht mehr befolgte, da kamen Fremde in das land und rissen die Herrschaft an sich.

 

Cheops soll wiederkehren und das Volk befreien

 

Aber es gab welche, die sagten: „Ein zum Pharao gesalbter König wird wiederkehren. Er wird aus seinem Grab in der großen Pyramide auferstehen und die Macht der fremden Teufel beenden.“ Und so hofften sie, dass König Cheops von neuen wiederkehren würde.

 

Die Macht religiöser Ideen

 

In dieser von mir erfundenen Geschichte treten eine Reihe von religiösen Ideen auf. Die Geschichte ist auch  nur zum kleinen Teil selbst erfunden. Die Bausteine, die Ideen, waren schon längst bekannt. Ich habe sie nur etwas anders zusammengesetzt. Die religiösen Ideen entstanden durch bestimmte Erfahrungen, die die Menschen mit dem Tod, mit der Geschichte, mit den Naturgewalten machten. Aus diesen Erfahrungen entstanden Ideen, die ganz nah liegen. Der frisch Verstorbene liegt da, also würde er jeden Moment wieder aufwachen. Daraus wurde die Idee der Auferstehung. Von den Bergen zucken Blitze. Da liegt es nahe zu denken: Da oben wohnt der Gott des Wetters. Der Ahne erscheint dem Sohn im Traum: Da liegt es nahe zu denken: Die Seele des Toten lebt weiter und erscheint in der nacht dem Sohn.

 

Diese religiösen Ideen gewinnen in den Religionen eigene Macht und Dynamik und veranlassen die Menschen zu handeln und sich der Religion zu unterwerfen.

 

Der Pharao – Gottkönig, Priester und Magier

 

Im Zentrum aller Religion und Magie steht die Notwendigkeit, den Göttern Opfer darzubringen. Das oberste magische Prinzip ist: „Ich gebe, damit du gibst („Do ut des“). Der Pharao war Staatsoberhaupt und das öffentliche Opfer war staatstragend, es war staatlich vorgeschriebene Magie. Durch das Opfer wurde gewährleistet, daß die Überschwemmungen des Nils zur rechten Zeit und im rechten Umfang eintraten, daß es keine Unwetter gab, daß Pflanzen und Tiere fruchtbar waren und gediehen und daß das Volk ruhig und zufrieden seiner Arbeit nachging. Die ganze Natur sollte in universeller Harmonie („maat“) bleiben. Man glaubte sogar, daß die  Sonne und der Sterne nur dann auf ihrer richtigen Bahn blieben, wenn das Opfer vorschriftsmäßig gemacht wurde. Wenn das Oper ausblieb oder nicht sachgemäß durchgeführt wurde, dann drohte das Chaos.

 

Der Papst, ein Nachfahre der Pharaonen

 

Die Papstkrone, die Tiara, offenbart: Der Papst ist wie der Pharao ein Gottkönig. Die Papstkrone ist eine Nachbildung der ägyptischen Doppelkrone des vereinten Ober- und Unterägypten. Wenn der Papst an Ostern „urbi et orbi“ (der Stadt Rom und dem Erdenkreis“) den Segen erteilt, dann sendet er die göttliche Kraft über die ganze Welt aus und sorgt dafür, daß sie in Harmonie und Ordnung bleibt. Es handelt sich um einen Frühjahrsegen, der dafür sorgt, daß alles wächst und gedeiht. Das Weihwasser, das von den katholischen Priestern verspritzt wird, ist ein Symbol für Regen und für die göttliche Lebenskraft, die Fruchtbarkeit und Segen bringen.

 

Wenn ein Papst stirbt, ruht sein einbalsamierter Körper in der Krypta des Petersdoms wie die Mumie eines Pharaos in seiner Grabkammer. In dem neuen Papst inkarniert sich der Heilige Geist und die göttliche Kraft von Petrus, Jesus und Gott. In seiner Person ist Christus auf die Erde zurückgekehrt. Die katholische Kirche sagt verschämt: „Die Kirche ist der Leib Christi“. Aber da der Papst die Kirche ist, ist er der wiederauferstandene Christus. Wenn aber Christus auferstanden ist, dann ist ja auch das Reich Gottes schon da. Das Reich Gottes ist die Herrschaft der Kirche. So die unterschwellige Logik, die ich hier zu erkennen glaube.

 

Die katholische Kirche und der Weltuntergang

 

Da aber diese Welt doch zu viele Mängel hat und die Menschen nach wie vor so viel leiden müssen, kann dieses Reich der Kirche doch nicht das letzte und endgültige sein. Das sieht auch die Kirche ein. Aber bevor das Reich Gottes kommt, muß ja erst die apokalyptische Katastrophe kommen. Auf deren Eintreten wartet aber die katholische Kirche durchaus nicht -  im Unterschied zu vielen protestantischen Sekten. Denn aus der Sicht der katholischen Kirche ist die Welt, so wie sie ist, mit ihren vielen Kirchen, Klöstern und Priestern durchaus eine Welt, die in Ordnung ist und so bleiben sollte, wie sie ist. „Perseverare stabilitatem“, „die Stabilität beharrlich verfolgen und bewahren“, ist das Motto. Ein Christus, der zurückkehren und die sieben Zornesschalen über die Welt ausgießen würde, wäre der katholischen Kirche eigentlich nicht willkommen. Aber solange die Katholische Kirche besteht und solange es einen mächtigen Papst gibt, kann die Apokalypse sicher verhindert werden. Deswegen muß die Kirche  weiterbestehen und wachsen. Wenn erst alle Christen sind und sich an die Gebote Gottes halten, dann ist ein Weltuntergang auch gar nicht nötig, sondern das Reich Gottes kann auch so kommen. Wenn es aber keine katholische Kirche und den Papst nicht mehr gibt, dann ist der Weltuntergang nicht mehr weit.

Dies, so glaube ich, ist das, was der soeben verstorbene Papst Johannes Paul II. gedacht und geglaubt hat.

 

Gottgleichheit und Größenwahn der Pharaonen

 

Der ägyptische Pharao war der große Magier, der die Kraft des Lebens, das Heil spendete. Er war der Her aller übernatürlichen Kräfte. Sie wohnten ihm inne, denn während eines besonderen Festmahls hatte er die magischen Kräfte verspeist. Christian Jacq („Das verborgene Wissen der Magier“, Knaur 1999) weist auf die „Kannibalenhymne“ hin, einem Text, der auf sehr altertümliche Rituale anspielt. Es wird darin geschildert, wie der Pharao Götter und Menschen verschlingt. Es soll damit gesagt werden, daß der Pharao die Kraft der Götter und Menschen in sich aufnimmt. In metaphysischem Sinn ernährt er sich auch die Kraft seiner Eltern und Vorfahren. Das Ganze ist sehr bedenklich, weil hier der Pharao zu einem gottgleichen Wesen wird, das an keinerlei menschliche Regeln mehr gebunden ist. Unverkennbar ist hier der Wunsch nach Allmacht. Die Ideen von der Gottgleichheit des Pharao fördern seinen Größenwahn.

 

Der Pharao als Herr der Götter

 

Gemäß diesen alten religiösen Ideen ist der Pharao unverwundbar und unvergiftbar und er besitzt einen göttlichen Leib. Der Pharao kann den Göttern Befehle erteilen, z. B. kann er sich von ihnen eine Treppe bauen lassen, auf der er in den Himmel steigen kann. Wir finden dieses Motiv in der Geschichte von Jakob auf der Himmelsleiter wieder.

 

All dies kann der Pharao tun, weil in ihm die göttliche Kraft ist, in deren Besitz und Kontrolle er sich durch das Mittel der Magie gesetzt hat. Die göttliche Kraft ist in seinem Körper, in seiner Person und in seinem Namen. Auch die Gegenstände, die er trägt oder berührt, sind mit magischer Kraft aufgeladen, vor allem die Reichskrone. Nur der Pharao kann sie tragen und von ihrer magischen Kraft Gebrauch machen.

 

Der geheime Name des Pharao

 

Wie jeder Gott hat der Pharao einen geheimen Namen, den niemand wissen darf. Dieser Name offenbart den innersten Kern seines Wesens. Er darf nicht preisgegeben werden, weil durch der Name magische Kraft hat, die dann benutzt werden kann, um dem Pharao zu schaden und seine Kraft zu usurpieren. Deshalb gibt Jahwe Moses seinen Namen nicht preis. Auch hier wieder altägyptisches Gedankengut in der Bibel.

Indem Adam und Eva den Tieren Namen geben, machen sie sich die Tiere untertan. ^

 

 

Ahnenkult

 

In Homers Odyssee lesen wir, wie Odysseus die Geister der Toten herbeiruft, um von ihnen zu erfahren, wie und wann er heimkehren wird und was inzwischen zu Hause passiert ist. Er gräbt in den Boden ein Loch, tötet zwei Schafe und schüttet ihr Blut in die Grube. Da strömen die Toten aus dem tiefen Dunkel heran und drängen sich um die Grube, um von dem Blut zu trinken. Sie sind nämlich blutleere und körperlose Schatten, die aber durch die in dem Blut enthaltene Lebenskraft ein Stück Leben wiedergewinnen können und dann auch bereit sind, auf die Fragen von Odysseus zu antworten.

Hier haben wir schon alles, was zu einem Totenorakel und einer Geisterbeschwörung gehört.

 

Mana und bowèz

 

Die Menschen der steinzeitlichen Kultur glaubten, daß bestimmte Personen und Dinge mit einer besonderen Kraft aufgeladen sein könnten. Die Melanesier in der Südsee nennen diese Kraft „Mana“. „Mana kann alles sein oder haben, was das normale menschliche  Vermögen oder den natürlichen Ablauf der Dinge überschreitet.“ (Hans-Joachim Schoeps in „Religionen – Wesen und Geschichte“, Bertelsmann 1961). Man könnte Mana mit „Wunderkraft“ übersetzen. „Bei den nordamerikanischen Sioux heißt alles, was irgendwie besonders mächtig, alt, groß oder auffallend ist, ‚wakanda’, und  man wendet das Wort auf so verschiedene Dinge an wie die Sonne und den Mond, auf Bäume und Plätze (Kraftorte), aber auch auf den ‚Großen Geist’ (Manitou)“ schreibt Hansferdinand Döbler in „Magie, Mythos, Religion“ (Orbis Verlag, 2000).

 

Es gibt aber auch eine negative, zerstörerische und schädliche Kraft. Die Papuas auf Neuguinea nennen sie „bowèz“. Das ist die Schadenskraft. Das Menschen vor ihrem Tot angefasst oder ausgespukt haben, das gilt mit dieser negativen Kraft aufgeladen.

 

Je höher und bedeutsamer aber ein Toter ist, umso mehr gilt sein Körper aber mit positiver „Mana“-Kraft aufgeladen. Besonders konzentriert war diese Kraft im Schädel. Deshalb schnitt man den toten Feinden den Schädel ab und aß wohl auch ihr Gehirn, um sich so ihre Seelensubstanz einzuverleiben. Aus dem Schädel toter Ahnen wurden Trinkgefäße hergestellt; wer daraus trank, konnte sich ebenfalls göttliche Kraft und göttliches Wissen einverleiben.

 

Tabu

 

Alles, was mit Mana oder bowèz aufgeladen ist, ist tabu und darf nicht berührt werden. „Tabu“ ist alles, was mit positiver oder negativer Kraft aufgeladen und damit gefährlich ist. Alles, was tabu ist, ist gefährlich und darf nicht berührt werden. Das Wort stammt von den Tonga-Dialekt, der auf den Freundschaftsinseln in der Südsee gesprochen wird.

 

Bei vielen Völkern ist alles, was unrein ist, tabu, insbesondere Aas und tote Tiere. Wer eine Sache berührt, die tabu ist, wird dadurch selbst unrein und macht sich schuldig. Hier hat der Instinkt der Menschen die Erkenntnisse der Hygiene vorweggenommen.

Tabu können auch heilige oder mit einer bösen kraft aufgeladene orte sein, vor alem Friedhöfe.

 

Gottkönige sind tabu

 

Die Gottkönige galten als tabu, weil sie mit Mana aufgeladen waren. Sie durften aber auch deshalb nicht berührt werden, damit sie nicht verunreinigt wurden. Tabu waren auch die Gegenstände der Gottkönige: Ihre Krone, ihr Thron, ihr Szepter. Der Gottkönig durfte nicht den Boden berühren, sondern musste in einer Sänfte getragen werden. Wenn der Gottkönig den Boden berührte, hatte dies zweierlei Effekt. Der König konnte durch den Staub unrein werden und der Boden wurde durch seine Berührung heilig. Da der Boden heilig wurde, wurde er tabu und durfte er nicht mehr betreten werden. Inmitten einer Stadt konnten Zonen, die nicht mehr betreten werden durften, sehr störend für den öffentlichen Verkehr werden. Eine Erinnerung daran sind noch die roten Teppiche, die für Staatsoberhäupter ausgerollt werden.

 

Das Charisma der Gottkönige

 

Der Gottkönig war mit einer geheimnisvollen Kraft begabt, dem „Charisma“. Dieses Wort kommt von dem altgriechischen „charisma“ und bedeutet „Geschenk der Gnade“. Wer Charisma hat, ist durch die Gnade und mit der Gnade Gottes beschenkt worden - von Gott mit einer besonderen Anmut, einer besonderen Begabung, einer besonderen, zauberhaften Macht ausgezeichnet, über die Menschen und die Dinge Macht zu haben. Er ist ein von Gott Auserwählter.

In der persischen Avesta (ein heiliges Buch der Zarathustra-Religion) wird dies „Hvarena“ genannt („Glücksglanz“). Dieser Glücksglanz zeichnet den von Gott zum König bestimmten Menschen aus.

 

Der Toten- und Ahnenkult

 

Schon in der Steinzeit trieb man einen Totenkult. Man glaubte, daß der Leichnam des toten in irgend einer Weise weiterleben würde. Dies war für die Lebenden eine Verheißung und Hoffnung, aber auch ein Grund zur Furcht. Der Tote konnte ja zurückkehren und sich rächen – insbesondere, wenn er ermordet oder misshandelt wurde.

 

Bei vielen Völkern fand man deshalb Maßnahmen, die verhindern sollten, daß die Toten zurückkehren. Man fesselte den Leichnam, band ihn im Sarg fest, durchbohrte ihn mit einem Pfahl, amputierte ihm das Bein oder durchschnitt ihm die Sehen.

 

Andererseits wollte man für die verstorbenen Angehörigen das weiterleben als Leichnam möglichst angenehm und dauerhaft machen. Man bestattete die Toten in großen Vasen oder Särgen, die verhindern sollten, daß der Körper von der Erde erdrückt oder von den Würmern zernagt wurde. Man gab dem Toten Grabbeigaben, z. B. Essen und Geld, damit sie den Fährmann ins Jenseits bezahlen konnten. Dies war sicher auch durch die Furcht motiviert, die Leichen könnten bei schlechter Behandlung ins Diesseits zurückkehren. Außerdem muß durch lautes Klagen gezeigt werden, wie sehr man den Toten geliebt hat und wie sehr man ihn vermisst.

 

Man versuchte auch, den Körper des toten vor dem zerfall zu bewahren und ihn zu konservieren. Man trocknete den Leichnam am Feuer aus. So entsteht nach etwa 10 Wochen eine Mumie, die nur noch die Hälfte des ursprünglichen Gewichtes hat. Dann wird die Mumie in eine auf einen Berg gebracht und in eine Höhle mit Blick ins Tal gesetzt.

 

Im Hochland von Neuguina gab es Stämme, die Mumien ihrer Toten auf einer Art Tragstuhl mit sich führten. Der Leichnam, so glaubte man, war auf eine gewisse Weise immer noch lebendig und nahm am normalen Leben Anteil.

Man kann sich vorstellen, daß sich die Menschen mit ihren Toten umso mehr Mühe gaben, je höher ihre Stellung im Leben war. Insbesondere mächtige Häuptlinge und Könige wurden auch nach ihrem Tod noch in irgend einer Weise als lebendig und präsent angesehen.

 

So kam es wohl auch zu den Glaubensvorstellungen der Ägypter in Bezug aus ihre Gottkönige. Sie entwickelten, wie allgemein bekannt, die Mumifizierung und den Kult an den toten Pharaonen zur Perfektion. Aber überall auf der Welt findet man die Mumifizierung und den Totenkult.

 

Seelenvogel und Seele

 

Im Traum kann die Seele den Körper verlassen und auf Reisen gehen.

 

 

 

Der Name von Jesus

 

Jesus hat verschiedene Namen: Jesus, Messias (der Gesalbte, auf griechisch Christos), Sohn Gottes, Menschensohn.

Das Wort Menschensohn kann bedeuten, daß Jesus sich als freier Mensch sieht, denn Sklaven wurden ihren Eltern nicht gehörten. Ein Sklave hatte keine Söhne.

Menschensohn könnte also bedeuten, daß sich Jesus als freier Mann sah, als ein freier Jude, der sich der Unterdrückung durch die Römer wiedersetzt und beansprucht ein Freier, d.h. adeliger Abstammung zu sein. Das würde dann auf seine Abstammung von König David anspielen.

Das Wort Menschensohn kann aber auch bedeuten, daß sein Gott ein menschlicher Gott ist, im Gegensatz zum Gott Abrahams und der Juden. Auch die Griechen dichteten ihren Götter menschliche du allzumenschliche Züge an. Jesus könnte dieses menschliche Gottesbild von den Griechen übernommen haben.

 

Im biblischen Heldenepos wird Jesus aber als Sohn Gottes gesehen.

 

Jesus und Cheops

 

Und von hier aus will ich einen kühnen, vielleicht allzu kühnen Bogen von Jesus zu Pharao Cheops schlagen.

 

Cheops ist das Urbild eines Gottessohnes (der Sohn des Sonnengottes), der ein Mensch ist und nach seinem Tode wider zum Gott wurde. Cheops ist ein Beispiel für die Gottkönigsreligion, die weltweit in allen Hochkulturen anzutreffen ist: In China, Japan, bei den südamerikanischen Indianerkulturen, in Indien. Die Gottkönigsreligion ist eng verbunden mit der bäuerlichen Hochkultur und den Königsstädten, von welchen aus das Land regiert wurde.

 

Vor der Gottkönigsreligion wurden Tiere und Menschen als Ahnen verehrt. Die Priester dieser religiösen Stufe waren Schamanen und Geisterbeschwörer. Die Gottkönigsreligion bestand bis Ende des Neunzehnten Jahrhunderts auch bei uns im christlichen Abendland fort, eben im Glauben an Christus, den Gottkönig. Auch Hitler glaubte an einen Gottkönig – sich selbst.

 

Als die Gottkönigsreligion ihre Dominanz verlor, suchte man etwa ab der Mitte des 19.-ten Jahrhunderts immer mehr nach eigenen, neuen Göttern, die aber meist die alten waren, nämliche Geister, Dämonen (Spiritismus, Okkultismus) oder bei den Religionen Asiens neue Götter.

 

Der Mensch glaubt immer an das, das größer und mächtiger ist als er. Erst war es die Natur. Deshalb wurden Tiere zu Naturgottheiten und die Götter trugen Tierköpfe. Dann war der König und der Stadt mächtiger als der einzelne Mensch und der König und der in ihm verkörperte Staat wurde vergöttert. Mit weiteren Fortschreiten der Philosophie wurde aus dem Gottkönig eine abstrakte Macht, der Heilige Geist oder das Schicksal oder die göttliche Kraft oder die „Vorsehung“. Oder aber man schaffte Gott ganz ab, wie in der säkularen Religion des Marxismus-Leninismus.

 

Welchen Gott wird uns nun das High-Tech-Zeitalter bringen ?  Wahrscheinlich einen High-Tech-Gott. Wir geraten in immer größere Abhängigkeit von Computern und Computernetzen. Die Technik wird immer undurchschaubar, und wer mit ihr umgehen kann wird zum Magier. Eines Tages wird man Gott vielleicht in weltweiten Netz der Computer finden.

 

Jesus und Cheops – ein Vergleich der Namen

 

Aber zurück zu Jesus und Cheops. Beginnen wir mit dem Vergleich der Namen. Beide Namen enthalten die heilige Silbe, die göttliche Kraft benennt und die mit „Herr“ umschrieben wird, in ihrem Namen: „Jo“ oder „JH“ in „Joshua“ und „Che“ in „Cheops“. Das „JH“ und das „Che“ sind identisch, und sie bedeuten „Herr“.

„Joshua“ bedeutet: „der Herr rettet“. „Cheops“ bedeutet: „der Herr schützt“. Retten und schützen sind ähnliche Begriffe, und beide Namen haben eine ähnliche Bedeutung: Der Herr (oder die göttliche Kraft) schützen oder retten den Namensträger. Schützen bedeutet auch: jemanden im Auge behalten, mit ihm in Verbindung sein. Der Namensträger hatte also eine besondere Beziehung zur göttlichen Kraft, war von ihr auserwählt; sie leitete ihn und durch  sie konnte er besondere Taten vollbringen. Er stand Gott nahe, so wie ein Sohn seinem Vater nahe steht.

Bevor wie in dieser Betrachtung fortschreiten, gilt es aber noch kurz zu erwähnen, dass „Cheops“ eigentlich die griechische Version des ägyptischen Namens „Chufu“ („der Herr schützt“) ist, so wie „Chesous“ die griechische Version von „Joshua“ ist, aus der dann das lateinische „Jesus“ wurde.

 

Aber kommen wir nun von der Ähnlichkeit der Namen und ihrer Bedeutung zur Ähnlichkeit der beiden Personen und ihrer Schicksale.

Pharaonen waren Gottkönige. Sie waren Menschen, die einen Gott zum Vater hatten (den alten Pharao) und nach ihrem Tod in den Himmel erhoben und zu Göttern wurden. Und während sie auf der Erde regierten, waren sie Menschen, die von Gott geleitet waren.

So auch Jesus.

 

In beider Leben, bei Cheops wie bei Jesus, spielte das Grab und die Auferstehung eine besondere Rolle. Und damit hat wieder die „Salbung“ zu tun.

 

Die Salbung

 

Die toten und präparierten Körper der Pharaonen wurden eingesalbt und mit Binden umwickelt: sie wurden zu Mumien. Die Salbung war die Handlung, durch die die Pharaonen zur Unsterblichkeit des Leibes kamen. Diese Unsterblichkeit war ursprünglich nur den Gottkönigen vorbehalten. Die Salbung besagte also zweierlei: Du wirst zum Gottkönig und du wirst unsterblich. Cheops war ein Gesalbter und Jesus war ein Gesalbter.

 

Im Neuen Testament wird Jesus von einer Sünderin in Bethanien zum König gesalbt. Dies geschieht kurz bevor ihn Judas verrät und damit seine Leidensgeschichte in Gang bringt. Die Salbung bedeutet: „Du bist König, du bist Gott, du bist unsterblich und dein Leib wird wieder auferstehen“. Die Sünderin steht für das Volk, das ihn zu all dem macht.

 

Die Salbung ist eine symbolische Einbalsamierung. So auch die letzte Ölung der Christen, die kurz vor dem Sterben verabreicht wird. Sie bedeutet: Du wirst überleben und im Fleische wiederauferstehen. Sie bedeutet auch: Du bist zur Herrschaft auserwählt, du bist ein Auserwählter Gottes.

Die Salbung bedeutet, dass der Gesalbte in das Buch der Lebenden eingetragen wird. Dieses Buch, eigentlich eine Liste, entspricht den Königslisten der ägyptischen Dynastien. Wer auf den Königslisten eingetragen war, der war unsterblich.

Auf der christlichen Liste der unsterblichen Herrscher stehen 144 000 Namen. Diese Zahl kommt vielleicht so zustande: Israel hatte zwölf Stämme und somit zwölf Unterkönige. Diese Unterkönige ihrerseits hatten je  zwölf Unterkönige – macht 144. Und jeder von diesen Unterkönige hatte je tausend Untergebende, durch die er das Land beherrschte – wobei tausend einfach für „sehr viele“ steht. Wer gesalbt ist, so die christliche Lehre, wird unsterblich und zum Mitherrscher des Gottkönigs und Teil der göttlichen Hierarchie.

 

Weiter: Anhang: Die drei Namen Gottes in den Büchern Moses