Die Moral der Bibel – recht merkwürdig

Von Richard Beiderbeck   http://www.koinae.de/     

 

Es ist in der Politik, besonders von Seiten der christlichen Parteien oft die Rede von einer Rückbesinnung auf die christlichen Grundwerte und von einer moralischen Erneuerung.

Da liegt es nahe, die Grundlage der christlichen Lehre, also die Bibel, auf ihre moralischen Aussagen hin zu untersuchen. Vor allem ist von Interesse, zu klären, ob die Bibel geeignet ist, der Menschheit in der heutigen Zeit einen Weg zu weisen, ihre großen Probleme, nämlich Krieg, Ungerechtigkeit, Verletzung der Menschenrechte, Umweltzerstörung sowie Armut und Vertreibung, zu lösen.

In meinen Ausführungen betrachte ich das alte Testament als Teil der christlichen Lehre, und wenn ich von alttestamentlichen Aussagen spreche, nenne ich sie "christlich". Meiner Meinung nach ist das korrekt.

 

Um es gleich vorwegzunehmen: Gerade die bekanntesten Teile der Bibel sind kaum geeignet kaum, in der heutigen Zeit eine Richtschnur unseres Handelns zu sein. Vieles im Buch der Sprüche sind Allgemeinplätze. Vieles was Jesus sagt, ist in der Praxis unbrauchbar. In den Bücher Mose stehen Aussagen von monströser Unmoral.

 

Ich hatte gute Religionslehrer, denen ich heute noch dankbar bin. Es gab auch eine Zeit in meinem Leben, in der ich hoffte, die Lehre Christi könnte zur Lösung des Friedensproblems beitragen. Ich bin also durchaus nicht in ablehnender Haltung an die Bibel herangegangen. Aber je mehr ich die Bibel aus der Suche nach einer brauchbaren Moral durchsuchte, die der Menschheit helfen kann, aus ihrer verzweifelten Lage herauszukommen, umso klarer wurde mir, daß die Bibel die Antworten nicht geben kann. Mehr noch: alle Welt glaubt, daß die Bibel eine ausreichende Grundlage für die menschliche Moral ist. Und gerade das ist sie nicht. Aber weil jeder glaubt, sie wäre es, merkt niemand, daß in Wirklichkeit ein bitterer Mangel an zukunftsweisenden moralischen Grundbegriffen herrscht. Und dieser Mangel kann in einer Zeit, da die Waffen so fürchterlich und die Fähigkeit des Menschen so groß ist, Unheil anzurichten, fatal sein.

 

In 1.Mose 2,16 und 2,17 heißt es: "Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Von allen Bäumen im Garten darfst du essen; nur von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, von dem darfst du nicht essen; denn sobald du davon issest, musst du sterben."

Die Vorbedingung jeder Moral ist, daß man gut und böse unterscheiden kann. Die Bibel lehnt also die menschliche Moral ab.

 

Die erste Säule der christlichen Moral ist, daß die menschliche Moral den Willen Gottes widerspricht.

 

Nachdem Eva von der verbotenen Frucht gegessen hatte, sprach Gott zum Weibe (1.Mose 3,16): "Ich will dir viel Beschwerden machen in deiner Schwangerschaft; mit Schmerzen sollst du Kinder gebären! Nach deinem Manne wirst du verlangen; er aber soll dein Herr sein!"

 

Die zweite Säule der christlichen Moral ist, daß die Frau dem Mann untertan ist.

 

In 1.Mose 3,17 heißt es dann: "Und zum Menschen sprach er: Weil du auf des Weibes Stimme gehört und von dem Baume gegessen hast...so  ist um deinetwillen der Erdboden verflucht. Mit Mühsal sollst du dich ernähren dein Leben lang."

 

Es fällt da die feine Unterscheidung zwischen Weib und Mensch auf. Der Mensch ist der Mann - die Frau ist also kein Mensch. Das ist also die dritte Säule der christlichen Moral.

 

Die nächste Bibelstelle, die etwas mit Moral zu tun hat, ist die Ermordung Abels durch Kain. In 1.Mose 4,9 bis 4,16 heißt es(verkürzt): "Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Was hast Du getan? Und nun - verflucht bist du, verbannt vom Ackerland. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht mehr geben; unstetig und flüchtig sollst du sein auf Erden". Da sprach Kain zu dem Herrn: Meine Strafe ist größer, als ich sie tragen könnte. So wird mich denn totschlagen, wer mich antrifft. Der Herr sprach zu ihm: Nicht so! Wer immer Kain totschlägt, an dem wird es siebenfältig gerächt".

Kains Brudermord wird also lediglich mit einer Art Vertreibung aus dem Heimatland bestraft. Das ist ein unangemessen niederes Strafmaß. Der Rächer Abels wird mit einer viel schwerern Strafe bedroht.

 

Die vierte Säule der christlichen Moral ist also die Ungleichheit bei der Bestrafung: Wer das Wohlwollen Gottes hat, wird milde bestraft, wer sich an den Bevorzugten Gottes rächen will, wird schwer bestraft. Vor Gott sind nicht alle Menschen gleich, sondern er bevorzugt Israeliten, später auch Christen. Sie finden in ihm einen gnädigen Richter, währden andere Völker oder Andersgläubige mit aller Härte und Grausamkeit behandelt werden.

 

In 1.Mose 6,5 heißt es (verkürzt): "Als aber der Herr sah, daß des Menschen Bosheit groß war, da reute es den Herren, daß er den Menschen geschaffen hatte und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, die Menschen sowohl als das Vieh, auch die kriechenden Tiere und die Vögel des Himmels; denn es reut mich, daß ich sie gemacht habe".

Also: Gott stellt fest, daß der Mensch einen Fabrikationsfehler hat: er ist böse. Und das ärgert Gott so sehr, daß er den ganzen Spaß an seiner Schöpfung verliert und sie vernichten will. Der Schöpfer will also die Geschöpfe für die Fehler, die er gemacht hat, bestrafen.

Wenn eine Autofirma ein Auto produziert, das einen gefährlichen Mangel hat, wer haftet dann - die Autofabrik oder das Auto?

 

Die fünfte Säule der christlichen Moral ist das fehlerhafte und unverantwortliche Handeln, das nicht den Täter, sondern das Opfer zur Rechenschaft zieht.

 

Nachdem die Sintflut vorüber ist, sagt Gott in 1.Mose 9 zu Noah und seinen Söhnen (mit den Frauen spricht er ja nicht, denn das sind ja keine Menschen): Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde! Furcht und Schrecken vor euch komme über alle Tiere der Erde, über alle Vögel des Himmels, über alles, was auf der Erde kriecht, und über alle Fische im Meer: in euere Hand sind sie gegeben".

 

Hier haben wir also die sechste Säule der christlichen Moral: Die gesamte Schöpfung steht dem Menschen zur freien Verfügung. Der Mensch soll sich ungehemmt vermehren und alle Geschöpfe mit Furcht und Schrecken erfüllen.

 

In 1.Mose 9,6 heißt es dann: "Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden".

Die siebte Säule der christlichen Moral ist also die Blutrache.

 

In 1.Mose 9,21 heißt es: "Da Noah von dem Weine trank, ward er berauscht und lag entblösst im Innern seines Zeltes. Als nun Ham, der Vater Kanaans, seines Vaters Blöße sah, sagte er es seinen beiden Brüdern draussen. Da nahmen Sem und Japhet das Gewand, legten es auf ihre Schultern und gingen rückwärts hinzu und bedeckten ihres Vaters Blöße, indem ihr Angesicht rückwärts gewendet war, sodaß sie ihres Vaters Blöße nicht sahen. Als aber Noah von seinem Rausch erwachte und erfuhr, was ihm sein jüngster Sohn getan, sprach er: "Verflucht sei Kanaan! Knecht der Knechte sei er seinen Brüdern!"

 

Die moralische Aussage dieser Bibelstelle ist: Wenn sich ein Vater so sehr betrinkt, daß von seinem Sohn nackt im Schlafzimmer angetroffen wird, wird der Sohn und alle seine Nachkommen mit Knechtschaft bestraft. Grund der Strafe: Er hat unbeabsichtigt seinen nackten Vater gesehen.

Nicht bestraft wird der Vater, der durch alkoholische Exzesse seine väterliche Autorität so sehr untergraben hat, daß er sie nur noch durch überzogene Strafen glaubt wiederherstellen zu können.

 

Die achte Säule der christlichen Moral ist also die Aussage: Väter, die sich falsch verhalten und dabei von ihren Söhnen ertappt werden, haben das Recht, ihre Söhne dafür zu bestrafen, daß sie dieses Fehlverhalten entdeckt haben.

 

Ich will hier nur am Rande auf das Thema "Der nackte menschliche Körper und das Christentum " eingehen. Die Christenheit hat aus dieser Stelle wohl abgeleitet, daß es unmoralisch ist, den nackten Körper den Blicken darzubieten bzw. ihn anzuschauen. Eher ist die Stelle so zu interpretieren, daß das Nacksein eine Schande darstellt, weil es offenbart, daß der Mensch im Grunde ein Tier ist. Wer sich nackt präsentiert, präsentiert sich also als Tier. Das mag zu einer früheren Phase der Zivilistation berechtigt gewesen sein. Der heutige Mensch bleibt auch ohne Kleider Mensch.

 

Trotzdem kommt man nicht umhin, als neunte Säule der christlichen Moral die Prüderie zu nennen.

 

Über den Turmbau zu Babel heißt es in 1.Mose 11,5 (verkürzt): "Da fuhr der Herr hernieder, um die Stadt (Babel) und den Turm zu sehen, den die Menschenkinder gebaut hatten. Und der Herr sprach: Siehe, sie sind ein Volk und haben alle eine Sprache. Und dies ist der Anfang ihres Tuns; nunmehr wird ihnen nichts unmöglich sein, was immer sie sich vornehmen. Wohlan, lasst uns hinabfahren und daselbst ihre Sprache verwirren, daß keiner mehr des andern Sprache verstehe. Also zerstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde, und sie ließen ab, die Stadt zu bauen".

 

Die Aussage dieser Bibelstelle ist: Gott will nicht, daß die Menschen in Großstädten zusammenleben und technische Spitzenleistungen vollbringen. Gott will, daß die Menschen auf dem flachen Land, nach ethnischen und sprachlichen Gruppen von einander getrennt leben.

 

 Die neunte Säule der christlichen Moral ist also die Ablehnung der großstädtischen Zivilisation und der Weiterentwicklung der Technik. Das Christentum will die Vielsprachlichkeit und die Vielzahl der Völkerschaften.

 

Diese Moral ist die Moral eines halbsesshaften Stammes aus Viehzüchtern und Bauern, welcher die städtische Zivilisation ablehnt, einfach weil sie nicht der eigenen Lebensform entspricht.

 

In 1.Mose 17 heißt es (verkürzt): "Gott sprach zu Abraham: Ich richte meinen Bund auf zwischen mir und dir und deinen Nachkommen als einen ewigen Bund, daß ich dein und deiner Nachkommen Gott sei. Und ich gebe dir und deinen Nachkommen das Land, wo du jetzt als Fremdling weilst, das ganze Land Kanaan, zu ewigem Besitz und ich will ihnen Gott sein".

 

Gott (oder wohl eher die Pristerschaft) schließt also einen Vertrag mit dem Patriarchen eines halbnomadischen Stammes. Er wird zum Stammesgott und gibt den Israeliten ein Land, das anderen gehört und in dem sie Fremde sind. Gott nimmt also den rechtmäßigen Besitzern das Land weg und tauscht es gegen den Anspruch ein, Stammesgott zu werden.

 

Die zehnte Säule der christlichen Moral ist also: Wer Gott auf seiner Seite hat, darf fremdes Land in Besitz nehmen und es zu seinem Eigentum machen.

 

Der Vertrag zwischen Gott und Abraham hat noch einen Zusatz. Erlautet (1. Mose 17): "An der Vorhaut sollt ihr beschnitten werden. Das soll ein Zeichen des Bundes sein zwischen mir und euch. Ein Unbeschnittener aber soll aus seinen Volksgenossen ausgerottet werden: meinen Bund hat er gebrochen."

Es wird also durch einen körperlichen Eingriff eine neue Rasse geschaffen. Wer nicht dieser Rasse angehört, soll "ausgerottet werden".

 

Die elfte Säule der christlichen Moral ist also die Schaffung einer künstlichen Rasse und die Ausrottung all derer, die der Rasse nicht angehören.

So stehts in der Bibel, und jeder kann es nachlesen.

 

Die zehn Gebote stehen in 2.Mose 20. Sie lauten verkürzt:

1. Du sollst keine andern Götter neben Gott haben

2. Du sollst dir keine Götzenbilder machen und sie nicht anbeten

3. Du sollst den Namen des Herrn nicht mißbrauchen

4. Du sollst den Sabbat als heiligen Tag feiern

5. Du sollst Vater und Mutter ehren

6. Du sollst nicht töten

7. Du sollst nicht ehebrechen

8. Du sollst nicht stehlen

9. Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten

10. Du sollst nicht begehren nach dem Hause deines Nächsten, nicht nach seinem Weib, nicht nach seinem Sklaven, nicht nach seinem Vieh noch nach irgend etwas, was der Nächste hat.

 

Das erste, zweite und dritte Gebot stellen keine moralische Aussage dar, sondern sie erheben nur den Anspruch einer Pristerschaft auf das religiöse Monopol. Da dieser Anspruch so nachhaltig betont wird und gleich ein erster Stelle kommt, kann man schließen, daß es der  Pristerschaft weniger um Moral, als um die Festigung ihrer Herrschaft geht.

Vom moralischen Standpunkt bedeuten die ersten zwei Gebote eine Festschreibung der religiösen Intoleranz des Christentums.

 

Die zwölfte Säule der christlichen Moral ist die religiöse Intoleranz.

 

Das vierte Gebot trägt ebenfalls nichts dazu bei, moralische Grundsätze zu fördern, es schreibt lediglich fest, daß ein Tag der Woche Gott und der christlichen Religion gewidmet ist.

 

Das fünfte Gebot meint im Grunde, daß die patriarchalische Autorität gewahrt werden muß.

Das zehnte Gebot meint, daß das Privateigentum geschützt ist. Dabei ist bemerkenswert, daß Sklaven als Privateigentum betrachtet werden, ebenso wie die Haustiere.

 

Die dreizehnte Säule der christlichen Moral ist also die Einbeziehung der Sklaverei in die zehn Gebote.

 

Die verbleibenden Gebote stellen das absolute Minimum an moralischen Grundlagen dar, ohne die eine Gesellschaft nicht funktionieren kann. Sie werden nur ganz kurz und kommentarlos dargeboten, während der Anspruch der Priesterschaft auf das religiöse Monopol wortreich dargelegt wird.

 

Die vierzehnte Säule der christlichen Moral ist ein absolutes Minimum an moralischen Vorschriften.

 

In 2.Mose 21, 22 und 23  folgen nun die Gesetze der Isrealiten, die sich an erster Stelle mit der Skalverei befassen. Aber nicht in dem Sinne, daß Sklaverei unmoralisch wäre. Im Gegenteil! Es wird z.B. festgelegt, daß die Kinder einer Sklavin ebenfalls Sklaven sein sollen.

Die Todesstrafe wird in diesem Kapitel für folgende Vergehen festgelegt: Vorsätzlicher Mord, Tötung von Vater oder Mutter, Menschenraub, Verfluchung von Vater oder Mutter.

Dann kommt ein Satz, der wieder sehr seltsam anmutet (2.Mose 21,18): "Wenn Männer miteinander streiten und einer schlägt den andern mit einem Stein oder mit der Faust, sodaß er zwar nicht stirbt, aber doch bettlägerig wird, so soll der Täter straflos bleiben, wenn jener wieder aufkommt und an seinem Stocke draussen herumgehen kann; nur soll er ihm vergüten, was er versäumt hat, und den Arzt bezahlen".

Körperverletzung unter streitenden Männern bleibt also nach der christlichen Moral straffrei.

Weiter lesen wir: "Wenn jemand seinen Sklaven oder seine Sklavin schlägt und sie bleiben noch ein oder zwei Tage am Leben, so soll er nicht bestraft werden, denn es ist sein Geld".

 

Der Rest der alten israelischen Gesetze regelt das Strafmaß bei verschiedenen Arten der Körperverletzung, bei Diebstahl und Raub, bei Verführung von Jungfrauen, das Ausleihen von Geld, den Umgang mit Fremden, die Verbreitung falscher Gerüchte, das Feiern von Festen usw.

Diese Gesetze regeln auf pragmatische Weise das Zusammenleben in einer Gesellschaft von Viehzüchtern und Bauern, die im Umfeld von Städten wohnen. Sie sind eng verbunden mit den vorherrschenden  religiösen Vorstellungen und dem kulturellen und sozialen Umfeld. Auf unsere heutige Zeit sind sie nur sehr bedingt anwendbar.

 

Die fünfzehnte Säule der christlichen Moral ist eine Sammlung von Gesetzen, die auf eine antike Gesellschaft von Viehzüchtern, Bauern und

Bewohnern von kleineren Städten zugeschnitten ist.

 

Das gesamte dritte Buch Mose, der sogenannte Leviticus beinhaltet religiöse Vorschriften. Sie beschäftigen sich in erster Linie mit Heils- und Schuld- und Sühne-Opfern. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn die Opfer waren die Einnahmequelle der Pristerschaft. Es wird in dem Text das Schwergewicht auf das Opferritual und die Art des Opfers gelegt. Als Verfehlung gelten hauptsächlich Mißachtung der Religion und Beschädigung oder Raub von Eigentum.

 

Das hauptsächliche moralische Anliegen in den Büchern Mose ist also die Wahrung der Stellung der Pristerschaft und der Schutz des Besitzes.

 

In 5.Mose 7 lesen wir (verkürzt): "Wenn Gott dich in das Land bringt, es zu besetzen und viele Völker vor dir her vertreibt, und sie Gott in deine Hand gibt, dann sollst du an ihnen den Bann vollstrecken: du sollst keinen Vertrag mit ihnen schließen und sie nicht verschonen, und du sollst dich nicht mit ihnen verschwägern. Denn sie werden machen, daß deine Söhne andern Göttern dienen. Vielmehr sollt ihr so mit ihnen verfahren: ihre Altäre sollt ihr niederreissen, ihre Malsteine zerschlagen und ihre Göztenbilder verbrennen. Denn du (Isreal) bist ein gottgeweihtes Volk, aus allen Völkern erwählt."

 

Nochmals finden wir bestätigt, daß die Grundlage der christlichen Moral ein religiöser Nationalismus ist, der Landraub, Völkermord, Vertreibung, Zerstörung religiöser Heiligtümer und religiöser Intolernz verlangt. Die Religion dient zur Rechtfertigung von moralisch verwerflichem Handeln.

 

In 5.Mose 20 heißt es: "Wenn du vor eine Stadt ziehst, um wider sie zu streiten, so solltst du ihr Frieden anbieten. Geht sie auf den Frieden ein und tut sich dir auf, so soll alles Volk, das sich darin befindet, fronpflichtig sein und soll dir dienen. Will sie aber nicht friedlich sich mit dir vergleichen, sondern mit dir Krieg führen, so belagere sie. Und wenn der Herr, dein Gott, sie dir preisgibt, so sollst du alles, was darin männlich ist, mit der Schärfe des Schwertes schlagen (Anmerkung: also wohl: mit einem scharfen Schwert den Kopf abschlagen). Die Frauen und Kinder aber, das Vieh und alles, was sich in der Stadt als Beute findet, magst du als Raub für dich behalten. So sollst du es mit allen Städten halten, die weit entfernt sind. Doch in den Städten der Völker, die dir der Herr, dein Gott, zu eigen geben wird, sollst du nichts am Leben lassen, was Atem hat, sondern den Bann sollst du an ihnen vollstrecken".

 

Die sechzehnte Säule der christlichen Moral ist also die Aufforderung, fremde Städte zur Kapitulation zu zwingen, und falls sie sich nicht unterwerfen, die Bewohner zu ermorden oder zu versklaven.

 

 Wenn man in den Psalmen, in den Sprüchen, im Prediger und im Hohelied nach moralischen Ausagen sucht, findet man z.B. folgendes:

"Wie lange, ihr Einfältigen liebt ihr die Einfalt?"

"Lass Liebe und Treue nicht von dir weichen".

"Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er".

"Sprich nicht zum Nächsten: 'Geh hin und komme morgen wieder; morgen will ich dir geben' - da du's doch jetzt kannst.

"Ein Taugenichts ist, wer im Herzen Hinterlist hegt und Böses schmiedet."

"Besser ein Armer, der unsträflich wandelt, als ein Reicher, der krumme Wege geht".

 

Es handelt sich im Aufforderungen, fromm, weise, mildtätig, gerecht und anständig zu sein. Das ist die siebzehnte Säule der christlichen Moral.

 

Man merkt, daß die Isrealiten aus landräuberischen Nomaden städtische Bürger geworden sind, die sich einen Kodex des bürgerlichen Zusammenlebens gegeben haben. Dieser Kodex ergibt sich nicht zwangsläufig aus der christlichen Religion, sondern ist einfach erforderlich, um das Zusammenleben vieler Menschen auf engem Raum zu ermöglichen. Ähnliche Verhaltensregeln findet man in Japan, China, Indien usw. Sie sind nicht spezifisch christlich. Sie machen auch nicht den Kern des alten Testaments aus. Der Kerngedanke ist, daß Isreal das erwählte Volk Gottes ist.

Etwa im Jahr 930 vor Chr. zerfiel das israelitische Reich in zwei Hälften, in das nördliche Reich ("Israel") und in das südliche Reich ("Juda"). Im Jahr 722 wurde das Nordreich Israel von den Assyrern vernichtet und die Israeliten in verschiedene Teile des Assyrerreiches zwangsdeportiert. Im Jahr 586 v.Chr. eroberten die Babylonier unter Nebukadnezar die Hauptstadt des Südreiches, Jerusalem, zerstörten den Tempel und deportierten die jüdische Oberschicht nach Babylon.

Die Geschichte stellte den Glauben, daß Israel das von Gott auserwählte und bevorzugte Volk ist, in Frage. Wie konnte es passieren, daß Israel die Beute fremder Völker wurde? Die Antwort der Priester: Die Israeliten haben sich andern Götern zugewandt. Und dann setzt das Wunschdenken ein: Man hofft, daß ein isrealitischer König kommen wird, der die fremden Unterdrücker besiegen wird. Und man malt sich das in den schönsten Farben aus und lässt der Phantasie seines Hasses freien Lauf.

Im Buch Jesaja lesen wir folgende Passagen:

"Zerschmettern will ich den Assyrer in meinem Land" (Jes. 14,24).

"...über Nacht ist Kir-Moab verwüstet, vertilgt" (Jes15,1).

"Und wie flüchtige Vögel, wie ein aufgescheuchtes Nest werden die Töchter Moabs sein" (Jes 16,2).

"Siehe, Damaskus wird abgetan als Stadt und wird zum Trümmerhaufen. Verlassen sind für immer seine Städte, den Herden werden sie zuteil; die lagern da und niemand scheucht sie auf" Jes. 17,1 und 2).

"Das Wasser im Nil wird versiegen und der Fluss bis auf den Grund austrocknen" (Jes 19,5)

In dieen Rachephantasien erscheint ein großes Weltgericht, das die gesamte Erde verwüsten wird. Als strahlender Sieger und als Rächer wird ein kommender König Israels vorausgesagt. Das ist der Kerngedanke der prophetischen Bücher.

 

Die achtzehnte Säule der christlichen Moral ist der Hass auf die  Völker, die Israel besiegt und unterdrückt haben. Hass und Revanchedenken beherrschen weite Teile der prophetischen Bücher der Bibel.

 

Wenden wir uns nun dem Neuen Testament zu, das im Zentrum der christlichen Lehre steht, und schauen wir dort nach, welche moralischen Grundsätze wir dort entdecken können.

 

Die Bergpredigt ist eine Sammlung von mündlich überlieferten Aussprüchen Jesu und ist wohl der Teil im Neuen Testament, der uns noch am nächsten an die Gestalt Jesu heranbringt.

Wir lesen: "Selig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Reich im Himmel".

Die Bibel sagt nicht, was mit dem Ausdruck "geistlich Armen" gemeint ist. Wenn aber eine Aussage nicht eindeutig zu verstehen ist, kann man auch keine eindeutige Moral davon ableiten.

"Selig sind die Trauernden; denn sie werden getröstet werden". Keine moralische Aussage, sondern eine Verheißung.

"Selig sind die Sanftmütigen, denn 'sie werden das Land besitzen' ".

Moral: Die Sanftmut ist eine Tugend, die belohnt werden wird. Immerhin etwas.

"Selig sind die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden". Die Gerechtigkeit wird also als Tugend aufgeführt. Das ist doch auch schon was.

Ähnlich ist es mit den "Barmherzigen, die Barmherzigkeit erlangen werden", mit denjenigen , "die reinen Herzens sind", mit den "Friedfertigen" und mit denen, die "um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden".

 

Die moralische Aussage des ersten Teils der Bergpredigt ist also: "Sanftmut,

Streben nach Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Reinheit des Herzens und Friedfertigkeit sind erstrebenswerte Tugenden".

Wer möchte dem widersprechen?

 

Neunzehnte Säule der christlichen Moral sind Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Sanftheit, Reinheit des Herzens und Friedfertigkeit.

 

Weiter sagt Jesus dann: "Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: 'Du sollst nicht töten; wer aber tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, soll dem Gericht verfallen sein. Wer aber zu seinem Bruder sagt: "Du Verächtlicher!" soll dem Hohen Rat verfallen sein. Wer aber sagt: "Du Tor" soll der Hölle mit ihrem Feuer verfalle sein...Geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder...damit dich nicht der Gegner dem Richter...übergibt und du ins Gefängnis gesetzt wirst".

Jesus fordert also, daß bereits eine bloße Beschimpfung und Beleidigung mit Gefängnisstrafe geahndet wird.

Meiner Meinung nach ist dieses Strafmaß unverhältnismäßig hoch und daher ungerecht. Womit wollte man dann Diebstahl bestrafen? Wohl mit der Todesstrafe. Und womit sollte man dann Mord bestrafen - vielleicht durch Hinrichtung nicht nur der Mörders, sondern auch seiner ganzen Familie?

 

Jesus stellt so hohe moralische Forderungen, daß die Menschen sie unmöglich erfüllen können. Eine Moral, die so hohe Maßstäbe setzt,  macht jedermann zum Schuldigen. Dies führt dazu, daß die Moral gehasst wird.

 

Weiter sagt Jesus dann: "Ihr habt gehört, daß gesagt ist: 'Du sollst nicht ehebrechen.' Ich aber sage euch: Jeder, der eine Ehefrau ansieht, um sie zu begehren, hat ihr gegenüber im Herzen schon Ehebruch begangen. Wenn dich aber dein rechtes Auge zur Sünde verführt, dann reiss es aus und wirf es von dir; denn es ist besser für dich, daß eins deiner Glieder verlorengeht und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. Und wenn dich deine rechte Hand zur Sünde verführt, so haue sie ab und wirf sie von dir; denn es ist besser für dich, daß eins deiner Glieder verlorengeht und nicht dein ganzer Leib in die Hölle kommt".

 

Ich meine dazu: Wenn ein Mann eine Frau sieht, Ehefrau oder nicht, und die Frau hat erotische Ausstrahlung, dann sind seine Instinkte so programmiert, daß er sie begehrt. Das ist ein Reflex, so wie z.B. der Kniesehnenreflex. Dieser Reflex ist schon da, bevor das Gehirn die Situation richtig verarbeitet hat. Wenn das Gehirn dann arbeitet, wird ein anständiger Mann sich sagen: "Diese Frau gehört einem anderen, sie ist tabu".

Jesus aber verurteilt schon den sexuellen Reflex des Menschen, und das ist einfach unfair. Denn man kann niemanden dafür verurteilen, daß er mit erotischen Instinkten ausgestattet ist. Jesus erzeugt also durch seine viel zu hohen moralischen Ansprüche bei seinen Anhängern ein Schuldgefühl, und er quält sie durch dieses Schuldgefühl.

Jesus geht sogar noch weiter: Er fordert die Menschen zu Selbstverstümmelung auf, und droht ihnen schon für relativ geringe Vergehen die ewige Verdammnis an. Wieviele Mönche und Nonnen haben sich schwere Vorwürfe gemacht, weil sie ihrem natürlichen Sexualtrieb nicht immer wiederstehen konnten und durch Fasten, Schlaf-Entzug und Selbstauspeitschung gegen ihren eigenen Körper Krieg geführt?

 

Die zwanzigste Säule der christlichen Moral ist die Verdammung der normalen sexuellen Instinkte des Menschen als schweres Vergehen, das mit ewiger Verdammnis in der Hölle bestraft wird.

 

Jesus fährt fort: "Es ist ferner gesagt: 'Wer seine Frau entläßt, soll ihr einen Schiedebrief geben.' Ich aber sage euch: Jeder, der seine Frau entläßt, außer wegen Unzucht, gibt Anlass, daß ihr gegenüber Ehebruch begangen wird; und wer eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch".

Jesus verbietet also eine Scheidung, wenn die Ehepartner nicht miteinander auskommen. Er verbietet den Menschen, den Versuch zu unternehmen, einen anderen passenden Partner zu finden. Als einzigen Scheidungsgrund erkennt er "Unzucht" an. Dagegen ist es kein Scheidungsgrund, wenn eine Frau von ihrem Mann ständig verprügelt wird.

 

Jesus sagt: "Ihr habt gehört, daß gesagt ist: 'Auge um Auge, Zahn um Zahn.' Ich aber sage euch, daß ihr dem Bösen nicht widerstehen sollt; sondern wer dich auf den rechten Backen schlägt, dem biete auch den andern dar, und dem, der gegen dich den Richter anruft und dir den Rock nehmen will, dem lass auch noch den Mantel, und wer dich nötigt, eine Meile weit zu gehen, mit dem gehe zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem ab, der von dir borgen will".

 

Jesus fordert also, daß man dem Bösen nicht widerstehen soll. Das heißt aber doch, daß man dem Bösen Gelegenheit gibt, immer dreister und mächtiger zu werden. Das halte ich für unmoralisch. Jeder Mensch hat das Recht zu Selbstbehauptung. Wer ihn dazu anstiftet, auf den Erhalt seiner Ehre, seiner Rechte und seines Besitzes zu verzichten, wird diesen Menschen ruinieren.

 

Jesus sagt: "Ihr habt gehört, daß gesagt ist: 'Du sollst deinen Nächsten lieben' und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und bittet für die, welche euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters in den Himmeln seid! Denn er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über gerechte und ungerechte".

 

Da haben wir wieder diesen moralischen Rigorismus Jesu. Er verlangt von den Menschen, daß sie vollkommen sind. Er fordert, daß der Menschen seine Feinde lieben soll. Nun sind aber Gefühle etwas, das der Mensch nicht steuern kann. Kann man einer Frau befehlen, daß, sie einen bestimmten Mann lieben soll, den sie aus den verschiedensten Gründen ablehnt. Man kann Gefühle nicht erzwingen. Wenn man das verlangt, überfordert man die Menschen. Und man macht sie nur unglücklich.

 

Jesus hätte fordern können: "Was du nichts willst, das dir man tu, das füg auch keinem andern zu." Das wäre eine vernünftige und erfüllbare Forderung gewesen.

 

Die einundzwanzigste Säule der christlichen Moral ist es, so hohe Anforderungen an den Menschen zu stellen, daß sie der menschlichen Natur und dem menschlichen Gefühlsleben zuwiderlaufen, und daher auf die Dauer unerfüllbar sind. Dies erzeugt bei den Menschen Schuldgefühle und macht sie unglücklich.

 

Wie kommt Jesus auf solche radikalen und überzogenen Forderungen? Die Antwort ist ganz einfach: Als er diese Forderungen aufstellte, war er jung, vielleicht dreissig, vielleicht sogar noch jünger. Das muß man sich vor Augen halten: Jesus war ein junger Mann, der mit der Unbedenklichkeit und der Radikalität der Jugend sprach. Hätte Jesus Gelegenheit gehabt, älter zu werden, hätte er mit 50, 60 oder 70 seine Ansichten vielleicht revidiert. Jetzt sind seine unreifen Ansichten als ewige Wahrheiten in der Bibel festgeschrieben.

 

Wir haben 21 Säulen der christlichen Moral betrachtet. 19 davon waren unmoralisch, teilweise sogar verwerflich. Zwei waren moralisch einwandfrei, aber in wie weit sind sie tragfähig?

Ich glaube nicht, daß das Gebäude der christlichen Moral der Menschheit ein sicheres Dach über dem Kopf bieten kann.