Die Bogomilen

Von Richard Beiderbeck, www.koinae.de       Kontakt

 

Zu Beginn des elften Jahrhunderts traten im Bereich der griechisch-orthodoxen Kirche eine neue Sekte auf, die der Bogomilen. "Bogomilen" bedeutet "diejenigen, die Gott lieben" oder "die Freunde Gottes". Es wird auch behauptet, der Stifter der Sekte sein ein Mann namens "Bogomil" (="Gottlieb") gewesen.

 

Die Bogomilen vertraten im Unterschied zu den Paulikianern keinen radikalen Dualismus, sondern einen Mittelweg zwischen den christlichen Ansichten (für welche Gott der eine, allmächtige und allgütige Gott ist) und den Paulikianern, die an zwei Götter, den guten Gott und den bösen Gott, glaubten. Die Lehre der Bogomilen war monarchianisch, d. h. für sie war der gute Gott der Schöpfer der Welt, der Satan war ein gefallener Engel (vom guten Gott geschaffen), der letztendlich von dem Guten Gott besiegt werden würde.

 

Entstanden ist die Lehre der Bogomilen durch eine Verbindung des alten syrischen Gnostizismus mit den Lehren der Messalianer oder Euchiten.

 

Die Vorläufer: Messalianer (oder Euchiten)

Die Messalianer waren eine ketzerische Sekte (damals hieß das "Häretiker"), die sich im vierten Jahrhundert vom orthodoxen  Christentum abgespalten hatte. Nach ihrer Lehre existiere in jedem Menschen neben seiner von Adam her fortgepflanzten Seele noch ein zweiter Bewohner: ein Dämon. Diesen Dämon könne man durch eine bestimmte Gebetsübung austreiben und dadurch einem höheren Geist Platz machen. Vermutlich handelte es sich dabei um meditative Praktiken. Es sollte dadurch ein Zustand der völligen inneren Ruhe und eine sinnlich wahrnehmbare Berührung mit der Gottheit stattfinden. Dadurch seien die Sakramente überflüssig (um nicht zu sagen unnütz) und alle Lüste könnten überwunden werden. Die Messalianer (oder Euchiten) lebten ursprünglich in Kleinasien, wurden aber im Jahr 752 von dem Kaiser Konstantin Kopronymus und 970 von dem Kaiser Johannes Tzimisces nach Thrakien zwangsübersiedelt. Im Jahr 1050, so überliefert Cedrenus, waren sie im ganzen europäischen Teil des oströmischen Reiches verbreitet. Sie spaltete sich in verschieden Untergruppierungen. Eine von ihnen vertrat die Ansicht, daß sich drei Wesen die Herrschaft des Universums teilen würden: Gottvater herrsche über die überirdische Welt, der jüngere verwalte den Himmel und der ältere, Satanael, beherrsche die irdische Welt; diese beiden stünden sich zwar jetzt feindselig gegenüber, würden sich aber einmal wieder versöhnen, wie sich das für die Söhne eines Vaters gehöre. Darum erwies ein Teil der Euchiten den beiden die gleiche Ehre, während ein anderer nur dem jüngeren (und Herrn des Himmels) dienen wollten. Die dritte und schlimmste Partei der Euchiten verehrte nur den Satanael, den Herren der sichtbaren Welt.

 

Das erste Auftreten der Bogomilen

Etwa zwischen 925 und 950 n. Chr. trat auf dem Balkan, wahrscheinlich in den Bergen Mazedoniens, ein Dorfpriester namens Bogomil auf. Er sagte in etwa folgendes: "Laßt uns der bösen Welt entfliehen und das stille, fromme Leben von Mönchen führen. Alle Macht des Staates und aller Reichtum (nicht zuletzt auch der  orthodoxen Kirche) sind eitel und nichtig. Aller Prunk der Kirchen, alle Pracht der goldenen Ikonen, all die pompösen Feiern der Ehen und Taufen bedeuten nichts. Laßt uns lieber von einfacher Nahrung leben, einfache Kleider anziehen und ein bescheidenes Leben in Gebet und Versenkung führen. "

Diese Botschaft fand beim Kleinadel, den niederen Preistern und bei den Bauern Anklang, denn die Zeiten waren hart und unsicher. Bogomil und seine Anhänger, die "Bogomilen", begannen ein Leben als wandernde Bettelmönche.

 

Als Bettelmönche müssen die Missionare der Bogomilen auch nach Bulgarien gekommen sein und dort Anhänger gefunden haben.

 

Die Lehre der Bogomilen bildete sich erst allmählich heraus. Sicher war sie beeinflußt von den Lehren der Euchiten, die in Thrakien und unter der slawischen Bevölkerung Bulgariens Anhänger gefunden hatten. Beeinflußt wurden sie wohl auch von den Paulikianern in Thrakien und Bulgarien.

 

Bulgarien wurde im Jahr 1018 von dem byzantinischen Kaiser Basileios II. (dem "Bulgarenschlächter") entgültig erobert, nachdem es seine Heere geplündert hatte. Einige Jahrzehnte vorher waren die Bulgaren schon von den Heeren des Sviatoslav von Kiew heimgesucht worden. Vor diesem Hintergrund fiel es den Bulgaren schwer, an die Allgüte und Allmacht Gottes zu glauben und es war wohl recht leicht, sie davon zu überzeugen, daß Gott und der Satan in einem großen Kampf lagen. Der gemäßigte Dualismus (der Bogomilen) und wohl auch der radikale Dualismus (der Paulikianer) konnten sich ausbreiten.

 

Nachdem Bulgarien Teil des byzantinischen Reiches geworden war, zogen viele bulgarische Adelige nach Konstantinopel - darunter auch Anhänger der Bogomilen. Auch aus Makedonien kamen Bogomilen in den Raum Konstantinopel, weil sie 1018 von dort vertrieben wurden.

 

Die Bogomilen in Konstantinopel

In Konstantinopel gewannen die Bogomilen Anhänger und machten große Fortschritte. In der Hauptstadt des byzantinischen Reiches veränderte der Bogomilismus sein Gesicht. Er gewann Anhänger beim Hochadel, der gerne philosophierte, unter formte sich unter diesem Einfluß seine eigene Lehre von der Entstehung der Welt. Die Bogomilen fanden Freunde unter den byzantinischen Mönchen. Von ihnen lernten sie, daß man in seinen Glaubenssätzen hart und unbeugsam sein muß und daß man die Lehren schriftlich festhalten muß. Die Lehre wurde immer ausgefeilter. Man diskutierte über die Frage, ob der Satan wirklich Gottes Sohn sei, oder nicht vielleicht ein ewiger, in seinem Reich allmächtiger Gott. Aus der Differenz der Meinungen entstand eine Spaltung in verschiedene Glaubensgemeinschaften. Die Befürworter der Gleichberechtigung des Satans bildeten die "dragowitische" Kirche (benannt nach der Thrakischen Landschaft Dragowitsa), während die Altbogomilen sich "bulgarische" Kirche nannten. Bald bildeten sich in Byzanz, Kleinasien und in Dalmatien weitere Kirchen, angeblich insgesamt sieben. Allmählich wurde die Mission aktiver, die Zahl der Mitglieder wuchs. Es gab neben den "normalen" Gläubigen Priester und die Riten wurden weiterentwickelt. Es wurde mehr gebetet und mehr gefastet und das Glaubensleben nahm immer mehr mönchische Züge an.

 Die dragowitische Kirche anerkannte nun das Alte Testament; sie führte auch den Glauben an die Seelenwanderung ein. Die Auferstehung Christi und das Jüngste Gericht leugneten sie dagegen.

 

Durch die Erfolge und die Ausbreitung der Bogomilen wurde der Kaiser Alexius Komnenus auf sie aufmerksam und setzte im Jahr 1110 eine Verfogung der Bogomilen in Gang. Er erfuhr, daß ein Arzt namens Basilius ihr Oberhaupt sei und von zwölf Schülern unterstützt  und einigen Frauen würde. Alexius gab vor, sein Schüler werden zu wollen, um so der Häresie auf die Spur zu kommen. Basislius wurde vor eine Art Inquisitionsgericht gestellt und widerstand allen Versuchen, ihn von seinen Lehren abzubringen. Er sagte, daß er zur Erduldung der Folter und des Feuertodes bereit sei. Seine zwölf Schüler wurden verhaftet und es zeigte sich, daß die bogomilischen Lehren schon weit verbreitet waren, besonders auch bei den höheren Ständen. Jeder, der nicht widerrief, wurde zum Feuertod verdammt. Viele der Gefangenen leugneten aus Angst vor dem Feuertod ihre Zugehörigkeit zur Sekte und verdammten den Bogomilismus. Dadurch ließ sich Alexius aber scheinbar nicht beeindrucken. Er ließ zwei große Glutöfen einschüren. Vor den einen ließ er ein Kreuz aufstellen. Nun ließ er den Gefangenen die Wahl, sich entweder in dem Ofen mit dem Kreuz oder in dem Ofen ohne das Kreuz verbrennen zu lassen. Wer sich für den Ofen mit dem Kreuz entschied, wurde freigelassen, die anderen kamen in den Kerker. dort wurde ein letzter Versuch unternommen, sie durch orthodoxe Priester zu bekehren. Die anderen mußten lebenslänglich im Kerker blieben, wobei ihre Lebenserwartung sicher nicht sehr groß war.

Ihr religiöser Führer Basilius wurde im Hippodrom verbrannt; noch im Anblick des Scheiterhaufens spottete er darüber und sagte, die Engel würden ihn unversehrt aus den Flammen tragen.

 

Mit dem Flammentod ihres Führers erlosch die Sekte aber noch lange nicht, sondern missionierte mit aller gebotenen Vorsicht im Untergrund weiter, wobei sie sich zunächst als überzeugte Christen ausgaben.

 

Die Bogomilen auf dem Balkan

Nach 1140 kam es unter Kaiser Manuel (1143 bis 1180) zu einer weiteren Verfolgungswelle. Die Bogomilen wichen dem Druck aus und wanderten in ihr slawisches Ausgangsgebiet (Makedonien und Bulgarien) zurück, flohen von dort weiter und breiteten sich aber ab 1168 auch auf Serbien aus, das sie aber wieder verlassen mußten.   Endlich fanden sie in Bosnien-Herzegowina eine neue Heimat. Ein Teil von ihnen wanderte auch nach Dalmatien und nach Italien und Frankreich aus. Aber nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Missionare verbreiteten die bogomilische Religion. Seit etwa 1150 zogen Missionare, ausgesandt von bogomilischen Bischöfen in die genannten Länder und Gebiete aus. Sie brachten den Katharern ihn Italien und Frankreich ihre Lehren.

 

1185 vertrieben die Bulgaren uner den Brüdern Asen die Byzantiner und errichteten erneut das bulgarische Reich. Zunächst waren die Bogomilen nur geduldet, aber unter Iwan Asen II. (1218-1241) gewannen sie an Macht und Einfluß.

 

In Bosnien gewann der Bogomilismus Anhänger und Verbündete unter den Zupanen (Grafen), den Fürsten (kneza). Unter Ban Kulin  (1180-1204) wurde der Bogomilismus zur Staatsreligion gemacht. Ban Kulin war seiner mit Gemahlin und mit seiner Schwester zum Bogomilismus übergertreten, und 10 000 Untertanen folgten seinem Beispiel.

Ursprünglich waren Bosnien, Herzegowinia und Dalmatien ungarische Grenzmarken, die von den Banen verwaltet wurden. Die Bane strebten danach, vom ungarischen König möglichst unabhängig zu sein. Durch die Annahme des bogomilischen Glaubens wollten die Banate gegenüber dem katholischen Ungarn eine eigene Identität beweisen  und sich abgrenzen. Die bosnischen Bane wollten sich durch ihren Glauben auch von den einheimischen adeligen Feudalherren distanzieren.

Papst Innozenz III. forderte den ungarischen König Emmerich (1196 - 1204) auf, den Ban Kulin abzusetzten. Dieser redete sich aber mit der Begründung heraus, er habe die Ketzer für gute Christen gehalten. Der Papst setzte den bosnischen Bischof Daniel ab, (der der Sekte der Pataraner angehörte). Aber der Bischofssitz wurde zerstört (wohl von den Paulikianern) und Bosnien blieb 38 Jahre lang ohne Bischof. Die Bogomilen stellten sogar an einem zentral zwischen Dalmatien, Kroatien und Bulgarien gelegenen Ort einen Gegenpapst auf. Zum ihm reiste eine Delegation der Albigenser, um Rat zu erbitten.

Der Papst Honorius III. (1216-1227) machte verstärkte Anstrengungen, um das Ketzerproblem in Bosnien zu lösen. Der Fürst Johannes von Sirmium er hielt vom Papst Geld und den Auftrag, gegen die Ketzer Krieg zu führen. Der Fürst nahm aber nur das Geld und tat zunächst garnichts. Die Zahl er Ungläubigen stieg in Bosnien immer mehr an.

Mit Zustimmung des Papstes führte im Jahr 1245 der Erzbischof von Colocza einen Heerhaufen von Kreuzrittern gegen Bosnien. Im Jahr 1319 rief der Papast Johann XXII. den kroatischen Fürsten Mladen Subic zu einem Kreuzzug gegen die Bogomilen auf. 1327 gelang es dem Ban Stephan dem IV., die Bogomilen zum Rückzug in die Gebirge zu zwingen.

 

Im 14. Jahrhundert kam es zu einem Niedergang des Bogomilismus, in Bulgarien rascher als in Bosnien. Die staatlichen Autoritäten, die ihn stützten, wurden immer schwächer. Eine andere mönchische Reformbewegung, die Hesychasten, gewann an Einfluß. Der Bogomilismus mischte immer mehr Glaubenselemente anderer Religionen in seine Lehren.

 

Makedonien, Albanien, Thessalien, Bulgarien und Epirus wurden nach 1300 Teil des serbischen Großreiches von König Stephan Duschan (1331 -1355). Er trat zum Katholischen Glauben über und versuchte die in seinem Gebiet lebenden Bogomilen dazu zu brinen, ihrem Glauben abzuschwören - ohne großen Erfolg. Die Bogomilen schworen sich, von ihrem Glauben nicht abzulassen und flohen in die Berge der Herzegowina, wo sie in zerstreuten Gruppen im wilden Karstgebiet lebten. Sie drängten sich an Dolinen zusammen, das sind Einsturztrichter über Karsthöhlen, die mit fruchtbarer Erde gefüllt sind. Aber diese Anbauflächen in den Dolinen sind nur recht klein, oft nur ein Feld (="Polje") groß. 1367 ließ ein Erdbeben große Dolinen entstehen, was die Bogomilen als Fügung Gottes betrachteten.

 

Im Jahr 1393 fiel Bulgarien an die türkischen Osmanen, 1463 Bosnien. Nun herrschter der Islam.

 

Die Bogomilensteine

Auf den Hochebenen des Karstgebietes von Bosnien und Herzegowina finden man auf den ehemaligen Friedhöfen der Bogomilen die "Stecaks", die Bogomilensteine. Der größte und bekannteste Friedhof mit Bogomilensteinen liegt bei Radimlja bei Stolac (Nähe Mostar).

Die Bogomilenstein sind schwere, grüngraue Monolithe, in plastische Reliefs eingemeißelt sind. Der Stil ist archaisch, die Darstellung ungelenk - kein Wunder, den es gab in den verlorenen Dörfen wohl keine berufsmäßgen Steinmetze. Es gibt sehr viele unterschiedliche Motive: es wurde experimentiert, der endgültige Stil war noch nicht gefunden.  Die Steine stammen aus der Frühphase einer Kultur, der nicht die Jahrhunderte vergönnt waren, die nötig gewesen wären, um zur klassischen Vollendung zu kommen.

Im Buch von Eugen Roll "Ketzer zwischen Orient und Okzident" ist eine ganze Anzahl von Bogomilensteinen abgebildet. Auf einigen sieht man einen Krieger mit Bogen. Die Proportionen stimmen nicht, der Kopf ist zu klein, die rechte, erhobene Hand zu groß. Dies soll  wohl der Zupan, der Gaugraf sein. Andere Steine zeigen ein Kreuz zwischen Spiralen und Weintrauben. Die Spirale bedeutet wohl das ewige Leben, die Trauben das Paradies. Das Kreuz trägt Blüten, es solle wohl den Lebensbaum darstellen. Man findet Darstellungen von Tieren, vor allem Hirsche und Rehe, auch Adler, Ferner gibt es Lilien, sowie von Sonne, Mond und Sterne. Auffällig sind auch die länglichen Höhlungen und die Lebensräder als Schmuckelemente.