Die Bogomilen
Zu Beginn des elften Jahrhunderts traten im Bereich der
griechisch-orthodoxen Kirche eine neue Sekte auf, die der Bogomilen.
"Bogomilen" bedeutet "diejenigen, die
Gott lieben" oder "die Freunde Gottes". Es wird auch behauptet,
der Stifter der Sekte sein ein Mann namens "Bogomil"
(="Gottlieb") gewesen.
Die Bogomilen vertraten im
Unterschied zu den Paulikianern keinen radikalen
Dualismus, sondern einen Mittelweg zwischen den christlichen Ansichten (für
welche Gott der eine, allmächtige und allgütige Gott
ist) und den Paulikianern, die an zwei Götter, den
guten Gott und den bösen Gott, glaubten. Die Lehre der Bogomilen
war monarchianisch, d. h. für sie war der gute Gott
der Schöpfer der Welt, der Satan war ein gefallener Engel (vom guten Gott
geschaffen), der letztendlich von dem Guten Gott besiegt werden würde.
Entstanden ist die Lehre der Bogomilen
durch eine Verbindung des alten syrischen Gnostizismus mit den Lehren der Messalianer oder Euchiten.
Die Vorläufer: Messalianer (oder Euchiten)
Die Messalianer waren eine
ketzerische Sekte (damals hieß das "Häretiker"), die sich im vierten
Jahrhundert vom orthodoxen Christentum
abgespalten hatte. Nach ihrer Lehre existiere in jedem Menschen neben seiner
von Adam her fortgepflanzten Seele noch ein zweiter Bewohner: ein Dämon. Diesen
Dämon könne man durch eine bestimmte Gebetsübung austreiben und dadurch einem
höheren Geist Platz machen. Vermutlich handelte es sich dabei um meditative
Praktiken. Es sollte dadurch ein Zustand der völligen inneren Ruhe und eine
sinnlich wahrnehmbare Berührung mit der Gottheit stattfinden. Dadurch seien die
Sakramente überflüssig (um nicht zu sagen unnütz) und alle Lüste könnten
überwunden werden. Die Messalianer (oder Euchiten) lebten ursprünglich in Kleinasien, wurden aber im
Jahr 752 von dem Kaiser Konstantin Kopronymus und 970
von dem Kaiser Johannes Tzimisces nach Thrakien zwangsübersiedelt. Im Jahr 1050, so überliefert Cedrenus, waren sie im ganzen europäischen Teil des
oströmischen Reiches verbreitet. Sie spaltete sich in verschieden
Untergruppierungen. Eine von ihnen vertrat die Ansicht, daß
sich drei Wesen die Herrschaft des Universums teilen würden: Gottvater herrsche
über die überirdische Welt, der jüngere verwalte den Himmel und der ältere, Satanael, beherrsche die irdische Welt; diese beiden
stünden sich zwar jetzt feindselig gegenüber, würden sich aber einmal wieder
versöhnen, wie sich das für die Söhne eines Vaters gehöre. Darum erwies ein
Teil der Euchiten den beiden die gleiche Ehre,
während ein anderer nur dem jüngeren (und Herrn des Himmels) dienen wollten.
Die dritte und schlimmste Partei der Euchiten
verehrte nur den Satanael, den Herren der sichtbaren
Welt.
Das erste Auftreten der Bogomilen
Etwa zwischen 925 und 950 n. Chr. trat auf dem Balkan,
wahrscheinlich in den Bergen Mazedoniens, ein Dorfpriester namens Bogomil auf. Er sagte in etwa folgendes: "Laßt uns der bösen Welt entfliehen und das stille, fromme
Leben von Mönchen führen. Alle Macht des Staates und aller Reichtum (nicht
zuletzt auch der orthodoxen Kirche) sind
eitel und nichtig. Aller Prunk der Kirchen, alle Pracht der goldenen Ikonen,
all die pompösen Feiern der Ehen und Taufen bedeuten nichts. Laßt uns lieber von einfacher Nahrung leben, einfache
Kleider anziehen und ein bescheidenes Leben in Gebet und Versenkung führen.
"
Diese Botschaft fand beim Kleinadel, den niederen Preistern und bei den Bauern Anklang, denn die Zeiten waren
hart und unsicher. Bogomil und seine Anhänger, die
"Bogomilen", begannen ein Leben als
wandernde Bettelmönche.
Als Bettelmönche müssen die Missionare der Bogomilen auch nach Bulgarien gekommen sein und dort
Anhänger gefunden haben.
Die Lehre der Bogomilen bildete
sich erst allmählich heraus. Sicher war sie beeinflußt
von den Lehren der Euchiten, die in Thrakien und unter der slawischen Bevölkerung Bulgariens
Anhänger gefunden hatten. Beeinflußt wurden sie wohl
auch von den Paulikianern in Thrakien
und Bulgarien.
Bulgarien wurde im Jahr 1018 von dem byzantinischen Kaiser Basileios II. (dem "Bulgarenschlächter") entgültig erobert, nachdem es seine Heere geplündert hatte.
Einige Jahrzehnte vorher waren die Bulgaren schon von den Heeren des Sviatoslav von Kiew heimgesucht worden. Vor diesem
Hintergrund fiel es den Bulgaren schwer, an die Allgüte
und Allmacht Gottes zu glauben und es war wohl recht leicht, sie davon zu
überzeugen, daß Gott und der Satan in einem großen
Kampf lagen. Der gemäßigte Dualismus (der Bogomilen)
und wohl auch der radikale Dualismus (der Paulikianer)
konnten sich ausbreiten.
Nachdem Bulgarien Teil des byzantinischen Reiches geworden
war, zogen viele bulgarische Adelige nach Konstantinopel - darunter auch
Anhänger der Bogomilen. Auch aus Makedonien kamen Bogomilen in den Raum Konstantinopel, weil sie 1018 von
dort vertrieben wurden.
Die Bogomilen
in Konstantinopel
In Konstantinopel gewannen die Bogomilen
Anhänger und machten große Fortschritte. In der Hauptstadt des byzantinischen
Reiches veränderte der Bogomilismus sein Gesicht. Er
gewann Anhänger beim Hochadel, der gerne philosophierte, unter formte sich
unter diesem Einfluß seine eigene Lehre von der
Entstehung der Welt. Die Bogomilen fanden Freunde
unter den byzantinischen Mönchen. Von ihnen lernten sie, daß
man in seinen Glaubenssätzen hart und unbeugsam sein muß
und daß man die Lehren schriftlich festhalten muß. Die Lehre wurde immer ausgefeilter. Man diskutierte
über die Frage, ob der Satan wirklich Gottes Sohn sei, oder nicht vielleicht
ein ewiger, in seinem Reich allmächtiger Gott. Aus der Differenz der Meinungen
entstand eine Spaltung in verschiedene Glaubensgemeinschaften. Die Befürworter
der Gleichberechtigung des Satans bildeten die "dragowitische"
Kirche (benannt nach der Thrakischen Landschaft Dragowitsa),
während die Altbogomilen sich "bulgarische"
Kirche nannten. Bald bildeten sich in Byzanz, Kleinasien und in Dalmatien
weitere Kirchen, angeblich insgesamt sieben. Allmählich wurde die Mission
aktiver, die Zahl der Mitglieder wuchs. Es gab neben den "normalen"
Gläubigen Priester und die Riten wurden weiterentwickelt. Es wurde mehr gebetet
und mehr gefastet und das Glaubensleben nahm immer mehr mönchische Züge an.
Die dragowitische Kirche anerkannte nun das Alte Testament; sie
führte auch den Glauben an die Seelenwanderung ein. Die Auferstehung Christi
und das Jüngste Gericht leugneten sie dagegen.
Durch die Erfolge und die Ausbreitung der Bogomilen wurde der Kaiser Alexius Komnenus
auf sie aufmerksam und setzte im Jahr 1110 eine Verfogung
der Bogomilen in Gang. Er erfuhr, daß
ein Arzt namens Basilius ihr Oberhaupt sei und von zwölf Schülern
unterstützt und einigen Frauen würde.
Alexius gab vor, sein Schüler werden zu wollen, um so der Häresie auf die Spur
zu kommen. Basislius wurde vor eine Art
Inquisitionsgericht gestellt und widerstand allen Versuchen, ihn von seinen
Lehren abzubringen. Er sagte, daß er zur Erduldung
der Folter und des Feuertodes bereit sei. Seine zwölf Schüler wurden verhaftet
und es zeigte sich, daß die bogomilischen
Lehren schon weit verbreitet waren, besonders auch bei den höheren Ständen.
Jeder, der nicht widerrief, wurde zum Feuertod verdammt. Viele der Gefangenen
leugneten aus Angst vor dem Feuertod ihre Zugehörigkeit zur Sekte und
verdammten den Bogomilismus. Dadurch ließ sich
Alexius aber scheinbar nicht beeindrucken. Er ließ zwei große Glutöfen
einschüren. Vor den einen ließ er ein Kreuz aufstellen. Nun ließ er den
Gefangenen die Wahl, sich entweder in dem Ofen mit dem Kreuz oder in dem Ofen
ohne das Kreuz verbrennen zu lassen. Wer sich für den Ofen mit dem Kreuz
entschied, wurde freigelassen, die anderen kamen in den Kerker. dort wurde ein
letzter Versuch unternommen, sie durch orthodoxe Priester zu bekehren. Die
anderen mußten lebenslänglich im Kerker blieben,
wobei ihre Lebenserwartung sicher nicht sehr groß war.
Ihr religiöser Führer Basilius wurde im Hippodrom verbrannt;
noch im Anblick des Scheiterhaufens spottete er darüber und sagte, die Engel
würden ihn unversehrt aus den Flammen tragen.
Mit dem Flammentod ihres Führers erlosch die Sekte aber noch
lange nicht, sondern missionierte mit aller gebotenen Vorsicht im Untergrund
weiter, wobei sie sich zunächst als überzeugte Christen ausgaben.
Die Bogomilen
auf dem Balkan
Nach 1140 kam es unter Kaiser Manuel (1143 bis 1180) zu
einer weiteren Verfolgungswelle. Die Bogomilen wichen
dem Druck aus und wanderten in ihr slawisches Ausgangsgebiet (Makedonien und
Bulgarien) zurück, flohen von dort weiter und breiteten sich aber ab 1168 auch
auf Serbien aus, das sie aber wieder verlassen mußten. Endlich fanden sie in Bosnien-Herzegowina
eine neue Heimat. Ein Teil von ihnen wanderte auch nach Dalmatien und nach
Italien und Frankreich aus. Aber nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Missionare
verbreiteten die bogomilische Religion. Seit etwa
1150 zogen Missionare, ausgesandt von bogomilischen
Bischöfen in die genannten Länder und Gebiete aus. Sie brachten den Katharern ihn Italien und Frankreich ihre Lehren.
1185 vertrieben die Bulgaren uner
den Brüdern Asen die Byzantiner und errichteten erneut das bulgarische Reich.
Zunächst waren die Bogomilen nur geduldet, aber unter
Iwan Asen II. (1218-1241) gewannen sie an Macht und Einfluß.
In Bosnien gewann der Bogomilismus
Anhänger und Verbündete unter den Zupanen (Grafen),
den Fürsten (kneza). Unter Ban
Kulin
(1180-1204) wurde der Bogomilismus zur
Staatsreligion gemacht. Ban Kulin
war seiner mit Gemahlin und mit seiner Schwester zum Bogomilismus
übergertreten, und 10 000 Untertanen folgten seinem
Beispiel.
Ursprünglich waren Bosnien, Herzegowinia
und Dalmatien ungarische Grenzmarken, die von den Banen
verwaltet wurden. Die Bane strebten danach, vom
ungarischen König möglichst unabhängig zu sein. Durch die Annahme des bogomilischen Glaubens wollten die Banate
gegenüber dem katholischen Ungarn eine eigene Identität beweisen und sich abgrenzen. Die bosnischen Bane wollten sich durch ihren Glauben auch von den
einheimischen adeligen Feudalherren distanzieren.
Papst Innozenz III. forderte den ungarischen König Emmerich
(1196 - 1204) auf, den Ban Kulin
abzusetzten. Dieser redete sich aber mit der
Begründung heraus, er habe die Ketzer für gute Christen gehalten. Der Papst
setzte den bosnischen Bischof Daniel ab, (der der Sekte der Pataraner
angehörte). Aber der Bischofssitz wurde zerstört (wohl von den Paulikianern) und Bosnien blieb 38 Jahre lang ohne Bischof.
Die Bogomilen stellten sogar an einem zentral
zwischen Dalmatien, Kroatien und Bulgarien gelegenen Ort einen Gegenpapst auf.
Zum ihm reiste eine Delegation der Albigenser, um Rat
zu erbitten.
Der Papst Honorius III. (1216-1227) machte verstärkte
Anstrengungen, um das Ketzerproblem in Bosnien zu lösen. Der Fürst Johannes von
Sirmium er hielt vom Papst Geld und den Auftrag,
gegen die Ketzer Krieg zu führen. Der Fürst nahm aber nur das Geld und tat
zunächst garnichts. Die Zahl er Ungläubigen stieg in
Bosnien immer mehr an.
Mit Zustimmung des Papstes führte im Jahr 1245 der
Erzbischof von Colocza einen Heerhaufen von
Kreuzrittern gegen Bosnien. Im Jahr 1319 rief der Papast
Johann XXII. den kroatischen Fürsten Mladen Subic zu einem Kreuzzug gegen die Bogomilen
auf. 1327 gelang es dem Ban Stephan dem IV., die Bogomilen zum Rückzug in die Gebirge zu zwingen.
Im 14. Jahrhundert kam es zu einem Niedergang des Bogomilismus, in Bulgarien rascher als in Bosnien. Die
staatlichen Autoritäten, die ihn stützten, wurden immer schwächer. Eine andere
mönchische Reformbewegung, die Hesychasten, gewann an
Einfluß. Der Bogomilismus
mischte immer mehr Glaubenselemente anderer Religionen in seine Lehren.
Makedonien, Albanien, Thessalien, Bulgarien und Epirus
wurden nach 1300 Teil des serbischen Großreiches von König Stephan Duschan (1331 -1355). Er trat zum Katholischen Glauben über
und versuchte die in seinem Gebiet lebenden Bogomilen
dazu zu brinen, ihrem Glauben abzuschwören - ohne
großen Erfolg. Die Bogomilen schworen sich, von ihrem
Glauben nicht abzulassen und flohen in die Berge der Herzegowina, wo sie in
zerstreuten Gruppen im wilden Karstgebiet lebten. Sie drängten sich an Dolinen zusammen, das sind Einsturztrichter über
Karsthöhlen, die mit fruchtbarer Erde gefüllt sind. Aber diese Anbauflächen in
den Dolinen sind nur recht klein, oft nur ein Feld
(="Polje") groß. 1367 ließ ein Erdbeben
große Dolinen entstehen, was die Bogomilen
als Fügung Gottes betrachteten.
Im Jahr 1393 fiel Bulgarien an die türkischen Osmanen, 1463
Bosnien. Nun herrschter der Islam.
Die Bogomilensteine
Auf den Hochebenen des Karstgebietes von Bosnien und
Herzegowina finden man auf den ehemaligen Friedhöfen der Bogomilen
die "Stecaks", die Bogomilensteine.
Der größte und bekannteste Friedhof mit Bogomilensteinen
liegt bei Radimlja bei Stolac
(Nähe Mostar).
Die Bogomilenstein sind schwere,
grüngraue Monolithe, in plastische Reliefs eingemeißelt sind. Der Stil ist
archaisch, die Darstellung ungelenk - kein Wunder, den es gab in den verlorenen
Dörfen wohl keine berufsmäßgen
Steinmetze. Es gibt sehr viele unterschiedliche Motive: es wurde
experimentiert, der endgültige Stil war noch nicht gefunden. Die Steine stammen aus der Frühphase einer
Kultur, der nicht die Jahrhunderte vergönnt waren, die nötig gewesen wären, um
zur klassischen Vollendung zu kommen.
Im Buch von Eugen Roll "Ketzer zwischen Orient und
Okzident" ist eine ganze Anzahl von Bogomilensteinen
abgebildet. Auf einigen sieht man einen Krieger mit Bogen. Die Proportionen
stimmen nicht, der Kopf ist zu klein, die rechte, erhobene Hand zu groß. Dies
soll wohl der Zupan,
der Gaugraf sein. Andere Steine zeigen ein Kreuz zwischen Spiralen und Weintrauben.
Die Spirale bedeutet wohl das ewige Leben, die Trauben das Paradies. Das Kreuz
trägt Blüten, es solle wohl den Lebensbaum darstellen. Man findet Darstellungen
von Tieren, vor allem Hirsche und Rehe, auch Adler, Ferner gibt es Lilien,
sowie von Sonne, Mond und Sterne. Auffällig sind auch die länglichen Höhlungen
und die Lebensräder als Schmuckelemente.