War Buddha ein Übermensch ?

 

Von Richard Beiderbeck, www.koinae.de        

 

Quellen:

Johannes Lehmann: „Buddha -  Leben, Lehre, Wirkung“

Anagarika Govinda: „Die frühbuddhistische Philosophie“, Wiesbaden 1961

Walpola Rahula: „Was der Buddha lehrt“, Zürcih 1963

Fischer Lexikon „Nichtchristliche Religionen“

 

Siddharta Gautama  wird Buddha genannt. Buddha heißt der „Erwachte“ oder der „Erleuchtete“, also einer, der auf einer höheren Bewusstseinsebene steht, ein über die anderen Menschen Hinausgehobener, ein „Erhabener“ ist. Man könnte also auch sagen: „Buddha, der Übermensch“.

Wie Buddha aussah, wissen wir nicht. Er habe helle Hautfarbe und blaue Augen gehabt. Dies wäre denkbar, denn die Arier hatten den Norden und die Mitte Indiens unterworfen und herrschten als adlige Oberschicht. Buddha war er Sohn eines adeligen Großgrundbesitzers. Sein Vater herrschte über ein kleines Fürstentum. Buddha wurde somit in die Kriegerkaste hineingeboren.

In der sogenannten „Ich-Erzählung“ wird über die Jugend Buddhas berichtet: „Ich war zart, höchst zart, übermäßig zart. Ich benutzte nur Sandelsalbe aus Benares; Tag und nacht wurde über mich ein weißer Schirm gehalten, damit ich weder Kälte, noch Hitze, noch Staub, noch Schmutz, noch Tau berührte. Ich besaß drei Paläste, einen für die kalte Zeit, einen für die heiße Zeit und einen für die Regenzeit.“

Dieser übermäßig zarte Jüngling kam in den Genuß einer gehobenen Bildung. Er lernte mit Worten und Gedanken umzugehen. Er lernt aber nicht, was harte körperliche Arbeit, Mühe, Leid und Entbehrung ist.

Buddhas Krise

Als er 29 Jahre alt war, gebar ihm seine Frau seinen ersten Sohn; nach dessen Geburt geriet Siddharta in eine Krise. Er entzog sich der Verantwortung als Vater und Ehemann, ließ Frau und Sohn allein und wurde Bettelmönch.

Wollen wir diese poetische Legenden über Buddhas Leben einmal etwas nüchtern und banal betrachten: Buddha war ein verzärtelter Sohn eines Provinzfürsten. Bis zu seinem 29 Lebensjahr lebte er das Leben eines verwöhnten Kindes. Dann hat ihn sein Vater wohl dazu gezwungen, zu heiraten und sich um die Verwaltung der Besitzungen zu kümmern. Dies muß für Buddha ein Schock in mehrfacher Hinsicht gewesen sein: Er wurde mit Pflicht und Verantwortung konfrontiert; dem fühlte er sich wohl nicht gewachsen. Er war auch darauf gar nicht vorbereitet. Er wurde mit der Angst konfrontiert, ein Versager zu sein. Ihm wurde schmerzhaft bewußt, daß das Leben viele negative und unangenehme Seiten hat, denen auch er sich nicht entziehen konnte.

Natürlich wusste Buddha schon vorher, dass es Krankheit und Tod gab; aber das war weit weg und ging ihn nichts an. Jetzt aber war er von den unangenehmen Dingen des Lebens eingeholt worden und es gab scheinbar kein Entrinnen. Dies war der Grund seiner Depression.

Buddha geriet, schon 29 Jahre alt, in eine verspätete Pubertätskrise. Er tat das, was viel junge Menschen auch heute noch tun, er wandte sich der Religion zu und suchte sich eine religiöse Gruppe, die ihn aufnahm. Er desertierte aus einem Leben, das ihm langweilig und unerfreulich erschien; er suchte einen Weg, allen unangenehmen Dingen des Lebens zu entfliehen. Daß er damit seiner Frau und seinem Vater (von seiner Mutter wird nichts berichtet) Schmerzen und Kummer bereitete, war ihm nicht so wichtig wie der Wunsch, seine Ängste vor Leid und Tod zu überwinden. 

Buddha als Asket

Mit kahlgeschorenem Kopf und im gelben Gewand der heimatlosen Bettelmönche schaute sich Buddha bei verschiedenen Asketenschulen um. Dort lernte er Yoga-Meditation und die Versenkung in Tieftrance.

Buddha wurde Einsiedler im Wald von Uruvela (etwa 150 km südlich von Patna).

„Ich lebte von Kräutern und Pilzen“, heißt es in der Ich-Erzählung, „von wildem Reis und Korn, von Samen und Kernen, von Pflanzenmilch und Baumharz, fristete mich von Wurzeln und Früchten des Waldes, lebte von abgefallenen Früchten. Ich trug das hänfene Hemd...trug einen Rock, geflickt aus den im Leichenhof und auf der Straße gefundenen Fetzen, hüllte mich in Lumpen, in Felle, in Häute, gürtete mich mit Flechten aus Gras und Rinde, mit Flechten aus Laub, barg die Blöße unter pelzigem Schurze... Ich raufte mir Haupt- und Barthaar aus, die Regel der Haar- und Bartausraufer befolgend; war ein Stetigsteher, verwarf Sitz und Lager; war ein Fersensitzer, übte die Zucht der Fersensitzer; war ein Dornenseitiger und legte mich zur Seite auf ein Dornenlager; . . . so übte ich mich gar vielfach in des Körpers inbrünstiger Schmerzensakese. Und ich habe Rausinn gepflegt: vieljährigen Schmutz und Staub ließ ich am Körper ansammeln bis zum Herabfallen . . . und es kam mir da kein solcher Gedanke: ‚ach, könnte ich mich doch endlich von diesem Staub und Schmutz säubern, oder möchten es andere tun !’. Und ich ging zu den angebundenen Kühen und sammelte in meinem irdenen Topf Milch von jungen, säugenden Kälbern und lebte davon. Und was da, als mein eigener Kot und Harn unverdaut blieb, auch das nahm ich ein . . . und ich wanderte zu einer Leichenstätte hin und lagerte mich auf einem Haufen fauler Gebeine. Und da kamen Hirtenkinder herbei, spieen auf mich und benässten mich und bewarfen mich mit Unrat und fuhren mir mit spitzen Halmen in die Ohren. Wie dürres welkes Rohr wurden meine Arme und Beine durch die äußerst geringe Nahrungsaufnahme, wie ein Kamelhuf wurde mein Gesäß, wie eine Kugelkette wurde mein Rückgrat;. . .  wie in einem tiefen Brunnen die unten liegenden Wasserspiegel verschwindend klein erscheinen, so erschienen in meine Augenhöhlen die tiefliegenden Augensterne verschwindend klein . . . und, indem ich die Bauchdecke befühlen wollte, traf ich das Rückgrat...“

Man kann das Verhalten Buddhas nicht anders als hochgradig neurotisch bezeichnen. Buddha litt an einer Angstneurose. Er hatte panische Angst vor Schmerzen und Leid. Um diese Angst loszuwerden tat er etwas, das auf den ersten Blick als paradox erscheint: er setzte sich bewusst allen erdenklichen unangenehmen Erfahrungen aus. Der unbewusste Hintergedanke war: „Wenn ich das alles erlebt und gut überstanden habe, dann brauche ich vor nichts mehr im Leben Angst zu haben. Er verhielt sich also wie jemand, der Höhenangst hat und trotzdem auf hohe Berge steigt oder wie jemand, der Angst vor öffentlichen Auftritten hat, weil er stottert, der aber trotzdem immer wieder vor einem großen Auditorium das Wort ergreift. Diese Strategie der Überkompensation war schon für manchen erfolgreich.

Im Falle Buddhas blieb aber der Erfolg aus. Buddhas Einsiedlerdasein hätte ihn wohl getötet, wenn er damit weitergemacht hätte. Er gab deshalb die Askese auf, bevor es zu spät war, und kam allmählich wieder zu Kräften.

Buddha findet den „mittleren Weg“

Er entschied sich für den „mittleren Weg“. Den nannte er später die „goldene Regel“:

„Zwei Enden gibt es, ihr Mönche. Welche zwei Extreme sind das ? Das eine ist das Leben in Lüsten ... das andere ein Leben in Selbstpeinigung: Das ist leidensreich, unwürdig, nichtig. Von diesen beiden Extremen, ihr Mönche, ist der Vollendete fern und hat den Weg, der in der Mittel liegt, erkannt; den Weg, der das Auge auftut und den Geist auftut, der zur Ruhe, zur Erleuchtung, zum Nirvana führt “.

Buddhas Erleuchtung

In einer Vollmondnacht im Frühlingsmonat Vesakha fand Buddha im Alter von 35 Jahren die Erleuchtung, als er am Fluß Nerandschara unter einem Pipala-Baum meditierte.

In den buddhistischen Texten heißt es sinngemäß: Im ersten Teil der Nacht lebte die Erinnerung an alle seine früheren Geburten in seinem Dasein auf. Er sah vor sich, dass die Lebewesen sich in einem unendlichen Kreislauf der Wiedergeburten befinden. Sie ernten bei jeder neuen Geburt das ein, was sie an  gutem oder schlechtem Karma angehäuft haben. Wer Böses tat, wird auf einer niedrigeren Stufe wiedergeboren, z. B. als ein Tier. Wer viel Gutes getan hat, kann als edler Mensch oder sogar als Gott wiedergeboren werden.

Dieser ewige Kreislauf der Wiedergeburten führt dazu, dass man dem Leid nicht entkommen kann.

Buddha wurde klar, dass der Kreislauf der leidvollen Wiedergeburten unterbrochen werden kann, wenn der Mensch nicht mehr am Leben anhaftet. Er haftet wegen seiner Begierden am Leben. Die Begierden werden durch die Sinneswahrnehmungen hervorgerufen. Also muß man die Sinneswahrnehmungen ausschalten. Man darf auch nicht denken und nicht handeln, denn dadurch haftet man an der Welt an. Wenn man also auf Wahrnehmen, Denken und Handeln verzichtet, kann man sich von der Welt lösen und der ewigen Wiedergeburt entkommen.

Das ist die große Erleuchtung Buddhas.

Buddha war ein depressiver Mensch, der schreckliche Angst vor dem Tod und dem Leiden hatte. Für Buddha kam der Selbstmord als Flucht vor dem Leid und er Angst vor dem Tod nicht in Frage, weil er an des ewige Rad der Wiedergeburt und an das Karma glaubte. Ein Selbstmord hätte seine Lage nur verschlimmert. So befand er sich in einem Dilemma: Leben wollte er nicht. Selbstmord begehen konnte er nicht, weil er dann ja auf einer tieferen Entwicklungsstufe wiedergeboren worden wäre. Immer schlafen konnte er auch nicht, zumal man im Schlaf schreckliche Träume haben kann. Die Lösung, die er fand, bestand darin, sich in einem Zustand zu versenken, der weder Leben noch Tod noch Schlaf war: der Trance-Zustand der Meditation. In diesem Zustand war er frei von allen Ängsten und Schmerzen. In diesem Zustand hatte er endlich die Welt unter Kontrolle. Die äußere Welt konnte nicht zu ihm dringen, die Welt der Alpträume konnte ihn nicht quälen. Die Sinneswahrnehmungen waren ausgeschaltet, er hatte keine Schmerzen und fühlte sich wohl. Das Denken war ausgeschaltet, er hatte keine Ängste und Sorgen, er brauchte sich im nichts zu kümmern. Er war endlich wieder im Paradies seiner Kindheit.

Im Grunde seines Herzens hatte Buddha einen sehnlichen Wunsch: Daß es das Leiden für ihn nicht gibt. Wenn es aber kein „Ich“ und keine Welt gibt, dann gibt es auch kein Leiden. Was alles so hoch kompliziert und intellektuell in der buddhistischen Lehre dargestellt wird, ist ganz einfach: Buddha verdrängte das Leid, indem er sagte: Das „Ich“ und die Welt existieren nicht. Ein normaler depressiver Selbstmörder hätte einfach sein Leben ausgelöscht. Buddha aber löschte die Idee von seinem Ich aus seinem Bewußtsein aus.

Unzählige Menschen haben sich bemüht, die komplizierten Gedankengänge des Buddhismus nachzuvollziehen. Dabei hat alles ganz einfache und banale Zusammenhänge. Die Welt verstehen, heißt das Banale hinter dem Komplizierten zu erkennen. 

Das Tragische ist, dass gestörte Persönlichkeiten sich in weiten Bereichen ihres Lebens rational und erfolgsorientiert verhalten können. Es kann ihnen gelingen, Menschen zu beeindrucken, eine treue Anhängerschaft zu finden und an sich binden, die ihre Gedanken weiterverbreitet und an künftige Generationen weitergibt.

 

War Buddha ein Übermensch ? Sicher nicht. Er selbst hätte es entrüstet zurückgewiesen, als Übermensch bezeichnet zu werden.

 

Eine Anmerkung zum Schluß: Menschen, die in Buddha eine ehrwürdige und erhabene Persönlichkeit sehen – vielleicht sogar einen Gott - , haben in freundlicher und gemäßigter Form an dem vorliegenden Text Anstoß genommen. Sie haben mir – zu Recht – eine nur oberflächliche Kenntnis des Buddhismus vorgeworfen. Niemand aber hat mich bedroht oder beschimpft. Dies spricht sehr für den Buddhismus – für seine Menschenfreundlichkeit und seine Toleranz. Ich würde es nicht wagen, mich in ähnlich kritischer Weise mit der Person Mohammeds und seiner Lehre auseinanderzusetzen. Da hätte ich Angst, zumal auch meine Familie gefährdet wäre. Auch würde ich es nicht wagen, meine kritischen Texte über das Christentum in die Welt zu setzen, wenn nicht Männer, die mehr Mut hatten als ich, es einst gewagt hätten, an der katholischen Kirche Kritik zu üben. Der Islam wartet noch auf solche mutigen Männer. Es gibt wohl einige (Salman Rushdie), aber noch zu wenige. Aber solange sie nicht auftreten, wird die islamische Welt im geistigen Mittelalter verharren.

Trotz aller Kritik an Buddha glaube ich fast, daß der Buddhismus den Islam und das Christentum auf sanfte Weise überwinden wird, weil die Menschen im Grunde Frieden und Ruhe und nicht Kampf und Intoleranz wollen. In einer Welt, die voll von Massenvernichtungswaffen ist, muß kriegerischer Fundamentalismus zu einer allgemeinen Katastrophe führen. Deshalb sind pazifistische und tolerante Religionen zukunftsfähig, fundamentalistisch-intolerante aber nicht.