War
Buddha ein Übermensch ?
Von
Quellen:
Johannes Lehmann:
„Buddha - Leben, Lehre, Wirkung“
Anagarika Govinda: „Die
frühbuddhistische Philosophie“, Wiesbaden 1961
Walpola Rahula: „Was der
Buddha lehrt“, Zürcih 1963
Fischer Lexikon
„Nichtchristliche Religionen“
Siddharta
Gautama wird Buddha genannt. Buddha
heißt der „Erwachte“ oder der „Erleuchtete“, also einer, der auf einer höheren
Bewusstseinsebene steht, ein über die anderen Menschen Hinausgehobener, ein
„Erhabener“ ist. Man könnte also auch sagen: „Buddha, der Übermensch“.
Wie Buddha aussah, wissen
wir nicht. Er habe helle Hautfarbe und blaue Augen gehabt. Dies wäre denkbar,
denn die Arier hatten den Norden und die Mitte Indiens unterworfen und
herrschten als adlige Oberschicht. Buddha war er Sohn eines adeligen
Großgrundbesitzers. Sein Vater herrschte über ein kleines Fürstentum. Buddha
wurde somit in die Kriegerkaste hineingeboren.
In der sogenannten
„Ich-Erzählung“ wird über die Jugend Buddhas berichtet: „Ich war zart, höchst
zart, übermäßig zart. Ich benutzte nur Sandelsalbe aus Benares;
Tag und nacht wurde über mich ein weißer Schirm
gehalten, damit ich weder Kälte, noch Hitze, noch Staub, noch Schmutz, noch Tau
berührte. Ich besaß drei Paläste, einen für die kalte Zeit, einen für die heiße
Zeit und einen für die Regenzeit.“
Dieser übermäßig zarte
Jüngling kam in den Genuß einer gehobenen Bildung. Er
lernte mit Worten und Gedanken umzugehen. Er lernt aber nicht, was harte
körperliche Arbeit, Mühe, Leid und Entbehrung ist.
Als er 29 Jahre alt war,
gebar ihm seine Frau seinen ersten Sohn; nach dessen Geburt geriet Siddharta in
eine Krise. Er entzog sich der Verantwortung als Vater und Ehemann, ließ Frau
und Sohn allein und wurde Bettelmönch.
Wollen wir diese poetische
Legenden über Buddhas Leben einmal etwas nüchtern und banal betrachten: Buddha
war ein verzärtelter Sohn eines Provinzfürsten. Bis zu seinem
29 Lebensjahr lebte er das Leben eines verwöhnten Kindes. Dann hat ihn
sein Vater wohl dazu gezwungen, zu heiraten und sich um die Verwaltung der
Besitzungen zu kümmern. Dies muß für Buddha ein
Schock in mehrfacher Hinsicht gewesen sein: Er wurde mit Pflicht und
Verantwortung konfrontiert; dem fühlte er sich wohl nicht gewachsen. Er war
auch darauf gar nicht vorbereitet. Er wurde mit der Angst konfrontiert, ein
Versager zu sein. Ihm wurde schmerzhaft bewußt, daß das Leben viele negative und unangenehme Seiten hat,
denen auch er sich nicht entziehen konnte.
Natürlich wusste Buddha
schon vorher, dass es Krankheit und Tod gab; aber das war weit weg und ging ihn
nichts an. Jetzt aber war er von den unangenehmen Dingen des Lebens eingeholt
worden und es gab scheinbar kein Entrinnen. Dies war der Grund seiner
Depression.
Buddha geriet, schon 29 Jahre
alt, in eine verspätete Pubertätskrise. Er tat das, was viel
junge Menschen auch heute noch tun, er wandte sich der Religion zu und suchte
sich eine religiöse Gruppe, die ihn aufnahm. Er desertierte aus einem Leben,
das ihm langweilig und unerfreulich erschien; er suchte einen Weg, allen
unangenehmen Dingen des Lebens zu entfliehen. Daß er
damit seiner Frau und seinem Vater (von seiner Mutter wird nichts berichtet)
Schmerzen und Kummer bereitete, war ihm nicht so wichtig wie der Wunsch, seine
Ängste vor Leid und Tod zu überwinden.
Mit kahlgeschorenem Kopf und
im gelben Gewand der heimatlosen Bettelmönche schaute sich Buddha bei
verschiedenen Asketenschulen um. Dort lernte er Yoga-Meditation und die
Versenkung in Tieftrance.
Buddha wurde Einsiedler im
Wald von Uruvela (etwa 150 km südlich von Patna).
„Ich lebte von Kräutern und
Pilzen“, heißt es in der Ich-Erzählung, „von wildem Reis und Korn, von Samen
und Kernen, von Pflanzenmilch und Baumharz, fristete mich von Wurzeln und
Früchten des Waldes, lebte von abgefallenen Früchten. Ich trug das hänfene Hemd...trug einen Rock, geflickt aus den im
Leichenhof und auf der Straße gefundenen Fetzen, hüllte mich in Lumpen, in
Felle, in Häute, gürtete mich mit Flechten aus Gras und Rinde, mit Flechten aus
Laub, barg die Blöße unter pelzigem Schurze... Ich raufte mir Haupt- und
Barthaar aus, die Regel der Haar- und Bartausraufer
befolgend; war ein Stetigsteher, verwarf Sitz und Lager; war ein Fersensitzer, übte die Zucht der Fersensitzer;
war ein Dornenseitiger und legte mich zur Seite auf ein Dornenlager; . . . so
übte ich mich gar vielfach in des Körpers inbrünstiger Schmerzensakese.
Und ich habe Rausinn gepflegt: vieljährigen Schmutz und Staub ließ ich am
Körper ansammeln bis zum Herabfallen . . . und es kam mir da kein solcher
Gedanke: ‚ach, könnte ich mich doch endlich von diesem Staub und Schmutz
säubern, oder möchten es andere tun !’. Und ich ging
zu den angebundenen Kühen und sammelte in meinem irdenen Topf Milch von jungen,
säugenden Kälbern und lebte davon. Und was da, als mein eigener Kot und Harn
unverdaut blieb, auch das nahm ich ein . . . und ich wanderte zu einer
Leichenstätte hin und lagerte mich auf einem Haufen fauler Gebeine. Und da
kamen Hirtenkinder herbei, spieen auf mich und benässten mich und bewarfen mich
mit Unrat und fuhren mir mit spitzen Halmen in die
Ohren. Wie dürres welkes Rohr wurden meine Arme und Beine durch die äußerst
geringe Nahrungsaufnahme, wie ein Kamelhuf wurde mein Gesäß, wie eine
Kugelkette wurde mein Rückgrat;. . . wie
in einem tiefen Brunnen die unten liegenden Wasserspiegel verschwindend klein
erscheinen, so erschienen in meine Augenhöhlen die tiefliegenden Augensterne
verschwindend klein . . . und, indem ich die Bauchdecke befühlen wollte, traf
ich das Rückgrat...“
Man kann das Verhalten
Buddhas nicht anders als hochgradig neurotisch bezeichnen. Buddha litt an einer
Angstneurose. Er hatte panische Angst vor Schmerzen und Leid. Um diese Angst
loszuwerden tat er etwas, das auf den ersten Blick als paradox erscheint: er
setzte sich bewusst allen erdenklichen unangenehmen Erfahrungen aus. Der
unbewusste Hintergedanke war: „Wenn ich das alles erlebt und gut überstanden
habe, dann brauche ich vor nichts mehr im Leben Angst zu haben. Er verhielt
sich also wie jemand, der Höhenangst hat und trotzdem auf hohe Berge steigt
oder wie jemand, der Angst vor öffentlichen Auftritten hat, weil er stottert,
der aber trotzdem immer wieder vor einem großen Auditorium das Wort ergreift.
Diese Strategie der Überkompensation war schon für manchen erfolgreich.
Im Falle Buddhas blieb aber
der Erfolg aus. Buddhas Einsiedlerdasein hätte ihn wohl getötet, wenn er damit
weitergemacht hätte. Er gab deshalb die Askese auf, bevor es zu spät war, und
kam allmählich wieder zu Kräften.
Er entschied sich für den
„mittleren Weg“. Den nannte er später die „goldene Regel“:
„Zwei Enden gibt es, ihr
Mönche. Welche zwei Extreme sind das ? Das eine ist
das Leben in Lüsten ... das andere ein Leben in Selbstpeinigung: Das ist
leidensreich, unwürdig, nichtig. Von diesen beiden Extremen, ihr Mönche, ist
der Vollendete fern und hat den Weg, der in der Mittel liegt, erkannt; den Weg,
der das Auge auftut und den Geist auftut, der zur Ruhe, zur Erleuchtung, zum Nirvana führt “.
In einer Vollmondnacht im
Frühlingsmonat Vesakha fand Buddha im Alter von 35
Jahren die Erleuchtung, als er am Fluß Nerandschara unter einem Pipala-Baum
meditierte.
In den buddhistischen Texten
heißt es sinngemäß: Im ersten Teil der Nacht lebte die Erinnerung an alle seine
früheren Geburten in seinem Dasein auf. Er sah vor sich, dass die Lebewesen
sich in einem unendlichen Kreislauf der Wiedergeburten befinden. Sie ernten bei
jeder neuen Geburt das ein, was sie an
gutem oder schlechtem Karma angehäuft haben. Wer Böses tat, wird auf
einer niedrigeren Stufe wiedergeboren, z. B. als ein Tier. Wer viel Gutes getan
hat, kann als edler Mensch oder sogar als Gott wiedergeboren werden.
Dieser ewige Kreislauf der
Wiedergeburten führt dazu, dass man dem Leid nicht entkommen kann.
Buddha wurde klar, dass der Kreislauf der leidvollen Wiedergeburten unterbrochen werden kann, wenn der Mensch nicht mehr am Leben anhaftet. Er haftet wegen seiner Begierden am Leben. Die Begierden werden durch die Sinneswahrnehmungen hervorgerufen. Also muß man die Sinneswahrnehmungen ausschalten. Man darf auch nicht denken und nicht handeln, denn dadurch haftet man an der Welt an. Wenn man also auf Wahrnehmen, Denken und Handeln verzichtet, kann man sich von der Welt lösen und der ewigen Wiedergeburt entkommen.
Das ist die große
Erleuchtung Buddhas.
Buddha war ein depressiver
Mensch, der schreckliche Angst vor dem Tod und dem Leiden hatte. Für Buddha kam
der Selbstmord als Flucht vor dem Leid und er Angst vor dem Tod nicht in Frage,
weil er an des ewige Rad der Wiedergeburt und an das
Karma glaubte. Ein Selbstmord hätte seine Lage nur verschlimmert. So befand er
sich in einem Dilemma: Leben wollte er nicht. Selbstmord begehen konnte er
nicht, weil er dann ja auf einer tieferen Entwicklungsstufe wiedergeboren
worden wäre. Immer schlafen konnte er auch nicht, zumal man im Schlaf
schreckliche Träume haben kann. Die Lösung, die er fand, bestand darin, sich in
einem Zustand zu versenken, der weder Leben noch Tod noch Schlaf war: der
Trance-Zustand der Meditation. In diesem Zustand war er frei von allen Ängsten
und Schmerzen. In diesem Zustand hatte er endlich die Welt unter Kontrolle. Die
äußere Welt konnte nicht zu ihm dringen, die Welt der Alpträume konnte ihn
nicht quälen. Die Sinneswahrnehmungen waren ausgeschaltet, er hatte keine
Schmerzen und fühlte sich wohl. Das Denken war ausgeschaltet, er hatte keine
Ängste und Sorgen, er brauchte sich im nichts zu kümmern. Er war endlich wieder
im Paradies seiner Kindheit.
Im
Grunde seines Herzens hatte Buddha einen sehnlichen Wunsch: Daß
es das Leiden für ihn nicht gibt. Wenn es aber kein „Ich“ und keine Welt gibt,
dann gibt es auch kein Leiden. Was alles so hoch kompliziert und intellektuell
in der buddhistischen Lehre dargestellt wird, ist ganz einfach: Buddha
verdrängte das Leid, indem er sagte: Das „Ich“ und die Welt existieren nicht.
Ein normaler depressiver Selbstmörder hätte einfach sein Leben ausgelöscht.
Buddha aber löschte die Idee von seinem Ich aus seinem Bewußtsein
aus.
Unzählige Menschen haben
sich bemüht, die komplizierten Gedankengänge des Buddhismus nachzuvollziehen.
Dabei hat alles ganz einfache und banale Zusammenhänge. Die Welt verstehen,
heißt das Banale hinter dem Komplizierten
zu erkennen.
Das Tragische ist, dass
gestörte Persönlichkeiten sich in weiten Bereichen ihres Lebens rational und
erfolgsorientiert verhalten können. Es kann ihnen gelingen, Menschen zu
beeindrucken, eine treue Anhängerschaft zu finden und an sich binden, die ihre
Gedanken weiterverbreitet und an künftige Generationen weitergibt.
War Buddha ein Übermensch ? Sicher nicht. Er selbst hätte es entrüstet
zurückgewiesen, als Übermensch bezeichnet zu werden.
Eine Anmerkung zum Schluß: Menschen, die in Buddha eine ehrwürdige und
erhabene Persönlichkeit sehen – vielleicht sogar einen Gott -
, haben in freundlicher und gemäßigter Form an dem vorliegenden Text
Anstoß genommen. Sie haben mir – zu Recht – eine nur oberflächliche Kenntnis
des Buddhismus vorgeworfen. Niemand aber hat mich bedroht oder beschimpft. Dies
spricht sehr für den Buddhismus – für seine Menschenfreundlichkeit und seine
Toleranz. Ich würde es nicht wagen, mich in ähnlich kritischer Weise mit der
Person Mohammeds und seiner Lehre auseinanderzusetzen. Da hätte ich Angst,
zumal auch meine Familie gefährdet wäre. Auch würde ich es nicht wagen, meine
kritischen Texte über das Christentum in die Welt zu setzen, wenn nicht Männer,
die mehr Mut hatten als ich, es einst gewagt hätten, an der katholischen Kirche
Kritik zu üben. Der Islam wartet noch auf solche mutigen Männer. Es gibt wohl
einige (Salman Rushdie), aber noch zu wenige. Aber solange sie nicht auftreten,
wird die islamische Welt im geistigen Mittelalter verharren.
Trotz aller Kritik an Buddha
glaube ich fast, daß der Buddhismus den Islam und das
Christentum auf sanfte Weise überwinden wird, weil die Menschen im Grunde
Frieden und Ruhe und nicht Kampf und Intoleranz wollen. In einer Welt, die voll
von Massenvernichtungswaffen ist, muß kriegerischer
Fundamentalismus zu einer allgemeinen Katastrophe führen. Deshalb sind
pazifistische und tolerante Religionen zukunftsfähig,
fundamentalistisch-intolerante aber nicht.