Von der Religion, von der göttlichen Kraft und von der Zukunft des Internets

Von Richard Beiderbeck  www.koinae.de

Nehmen wir an, es gibt eine Kraft, einen Geist, einen Willen, der die Welt erschaffen hat und sie am Leben erhält. Nennen wir diese Kraft Gott, oder Allah oder Tao und wie auch immer: Dann ist dies noch keine Religion, sondern eine philosophische Theorie.

Nehmen wir an, diese Kraft verfolgt ein bestimmtes Ziel und hat eine bestimmte Strategie, vielleicht sogar einen festgelegten Plan, von dem sie nicht abweicht. Dann ist auch dies noch keine Religion, sondern immer noch eine philosophische Theorie.

Nehmen wir an, diese Kraft kann von Menschen beeinflusst werden, z. B. durch Gebete, durch gesungene oder gesprochene Lobpreisungen des Göttlichen, durch ihm geweihte Opfer, durch Einhalten „seiner“ (in Wirklichkeit von Menschen gemachten) Regeln und Geboten, durch Wohlverhalten und durch Ehrenbezeugungen gegenüber dem Göttlichen: dann ist das Religion. Religion ist der Versuch, die göttliche Kraft zu veranlassen, den Menschen vor Unheil zu verschonen und ihm irgendwelche Vorteile materieller, emotionaler oder sonstiger Art zu gewähren – jetzt oder in Zukunft. Jede Religion ist der Versuch des Menschen, die göttliche Kraft in den Dienst seiner Ängste und Wünsche zu stellen. Religion ist eine Form des Egoismus.

Eine göttliche Kraft, die nicht durch den Menschen beeinflussbar ist, ist für den religiösen Menschen uninteressant. Nach einer ähnlichen Logik muß der Mensch die Willensfreiheit besitzen und sein Schicksal darf nicht vorherbestimmt sein; nur ein freier Mensch kann auch Schuld auf sich laden, und somit in Angst vor Strafe gehalten werden. Nur ein Sünder kann Buße tun und wird seinem Gott und dessen Priestern Opfer darbringen. Ein Mensch, der nicht opfert, nichts fürchtet und sich nicht unterwirft, der ist für die Vertreter der Religion uninteressant, ja sogar ein Feind und Ärgernis. Daher der Hass der Priester auf die Ungläubigen. Der Gott und seine Gläubigen müssen bestimmte Eigenschaften haben, damit das System der Beherrschung, Unterdrückung und Ausbeutung des Menschen durch die Vermittler und Verwalter der Religion  funktionieren kann.

Wenn jemand den Anschein erweckt oder gar behauptet, dass er die Möglichkeit habe, die göttliche Kraft zu beeinflussen (weil er ihr angeblich besonders nahe steht) und sie für andere nutzbar machen zu können, und wenn er diese angebliche Fähigkeit als Dienstleistung anbietet, dann ist er ein Priester oder strebt für seine Anhänger den Status eines Priesters an. Meist verschafft ihm dieser Anspruch, besonders wenn er ihn durch „Wunder“ untermauern kann, einen gehobene Status, Ehre Ansehen und den Vorteil, von den Mühen des normalen Erwerbslebens verschont zu werden.

Nehmen wir an, ein Mensch glaubt oder will glauben machen, dass er mit der göttlichen Kraft oder zumindest mit Wesen, die göttliche oder dämonische Kräfte besitzen, auf Augenhöhe steht. Dieses „auf Augenhöhe Stehen“ ist der Unterschied zwischen Religion und Magie. Der Gläubige fühlt sich (zu Recht) gegenüber Gott ungeheuer unterlegen. Magie ist der Versuch, die göttliche Kraft durch bestimmte symbolische Handlungen und Worte oder durch Opfer oder Tauschgeschäfte dazu veranlassen, ja zu zwingen, den Wünschen des Magiers gefügig zu sein. Im Unterschied zum gläubigen Beter lässt der Magier die Demut vermissen. Da die göttliche Kraft irgendwie auch als Abglanz den Dämonen und selbst dem Teufel zur Verfügung steht, wendet sich der Magier bevorzugt an Teufel und Dämonen. Diese sind scheinbar leichter zu beherrschen und liefern das Gewünschte, so glaubt man, verlässlicher.

Aber es gibt keine Magie, sondern nur den Glauben daran. Wenn jemand sich mit der Behauptung oder Vorspiegelung, er könne durch magische Handlungen den natürlichen Ablauf der Dinge außer Kraft setzten, Vorteile verschafft, dann ist er ein Betrüger.

Die Grenzen zwischen Priester und Magier sind fließend. Auch ein katholischer Priester begeht magische Handlungen (nämlich die Umwandlung von Brot und Wein in das Fleisch und das Blut Christi). Der Unterschied zwischen einem Laien und einem geweihten katholischen Priester besteht darin, dass der Priester aus Sicht der katholischen Kirche magische Handlungen begehen darf, der Laie aber nicht. Die Kirche hat das Monopol auf die Magie. Zur Durchsetzung dieses Monopols wurden die Hexen und Zauberer verbrannt.

Nehmen wir an, dass es eine göttliche Kraft gibt, welche die Welt erschaffen hat und sie am Leben erhält. Nehmen wir weiter an, dass die göttliche Kraft durch menschliche Taten und Worte nicht beeinflussbar ist, weil sie ihre eigene Strategie verfolgt und nicht bereit ist, auf die Wünsche, Ängste und Leiden der Menschen Rücksicht zu nehmen. Dann wären alle Opfer und Gebete des Menschen vergebens. Genau so ist es: Die göttliche Kraft ist vom Menschen nicht beeinflussbar, und sie ist folglich auch nicht beeinflussbar durch Priester, Heilige, Engel, niedrigere Götter oder Dämonen, Hexen und Magier. Die Religion und die Magie sind von Menschen für Menschen gemachte Gebäude, die mit der Beeinflussbarkeit der göttlichen Kraft stehen und fallen. Des Glaubens liebstes Kind ist das Wunder, denn es scheint zu beweisen, dass die göttliche Kraft die Naturgesetze durchbricht, um dem Menschen eine Gunst zu gewähren.

Seien wir skeptisch, und seinen wir realistisch: Es werden weit mehr Gebete nicht erfüllt, als erfüllt werden. Die göttliche Kraft hat ein Ziel und eine Strategie, aber der Zweck des göttlichen Handelns ist nicht, den Menschen von Leid zu befreien, und ihm die ewige Glückseligkeit zu schenken. Dies ist nur menschliches Wunschdenken, das täglich durch große und kleine Katastrophen widerlegt wird.

Blicken wir auch in den Abgrund unserer Sterblichkeit: Der Mensch stirbt früher oder später, und das ist gut so. Das Alte muß vergehen, damit sich das Neue entfalten kann. Die Welt muß sich erneuern und weiterentwickeln. Wir alle werden in das große Nichts eingehen, und wir werden nichts davon spüren und wir werden nach unserem Tod nicht mehr leiden. Wenn das Leiden und das Altern des Menschen überhaupt einen Sinn hat, dann diesen: ihm und seinen Angehörigen den Abschied vom Leben leichter zu machen. Wir werden in das große Nirwana eingehen ohne wiedergeboren zu werden, denn es gibt keine Reinkarnation, und folglich ist der Buddhismus überflüssig. Man braucht sein Karma nicht so zu verbessern, um schließlich dem ewigen Rad der Wiedergeburten zu entgehen. Schon nach dem ersten und einzigen Tod geht man ins Nirwana ein.

Wenn wir nun die Tröstungen und Hoffnungen der Religion verloren haben, so haben wir doch auch etwas gewonnen: Wir haben das Gespinst von Lügen und Illusionen zerrissen. Die Gläubigen fordern die Unterwerfung unter die Religion und ihre Vertreter. Nicht an die Religion zu glauben, heißt frei zu sein für die Wahrheit – auch wenn diese Wahrheit bitter und trostlos ist. Aber vielleicht ist sie das ja gar nicht.

Der Plan der göttlichen Kraft ist nicht, das Volk der Gläubigen zu bevorzugen und ihm die Herrschaft über die Erde zu geben. Weder Juden noch Moslems noch Christen, kein Volk und keine Glaubensgemeinschaft auf der Welt ist nach dem Plan der göttlichen Kraft dazu auserwählt, im Namen Gottes über die Welt zu herrschen.

Welches ist nun der Plan der göttlichen Kraft ? Er ist ganz leicht zu erkennen, für den, der Augen hat, um zu sehen und einen Verstand, um logische Schlüsse zu ziehen. Der Plan ist: Die Schöpfung und die Geschöpfe zu immer größerer Vollkommenheit zu führen. Damit einher geht eine immer größere Vielfalt und Komplexität der Interaktionen und der Interagierenden.

Das Leben hat sich auf unserer Erde unendlich mühsam und langsam entwickelt. Aber das Tempo der Evolution hat sich ständig gesteigert. Seit es den Menschen gibt, ist zu der natürlichen Evolution die technische, soziale und geistige Evolution hinzugekommen. Die Welt entwickelt sich immer rasanter, und seit es Naturwissenschaft und Technik gibt, ist eine noch weitere Steigerung des Entwicklungstempos eingetreten. Der Mensch steht an der Spitze des Fortschritts und er ist das Lieblingsobjekt der göttlichen Kraft. Aber das wird nicht so bleiben. Denn schon ist der Nachfolger des Menschen in Sicht: Es ist das künstliche, vom Menschen geschaffene Lebewesen, das dem Menschen an Fähigkeiten und Möglichkeiten bei weitem übertrifft. Es kann entweder ein Produkt der Gentechnologie sein, oder ein Produkt der Computertechnik. Ich vermute, dass es eher letzteres ist.

Dieses kommende Lebewesen wird aus der Vernetzung von Mikrochips entstehen, die nicht nur in Computern, sondern in allem und jedem enthalten sind. Das Internet ist nur der erste Schritt dazu. Die Summe aller vernetzen Computer und Chips und ihrer Sensoren, ihren Augen, Ohren, ihrer Bewegungs- und Steuermechanismen: Das wird die kommenden herrschende Spezies sein, und sie wird nicht nur den ganzen Planeten umspannen, sondern hinausgreifen ins All. Der Mensch ist nicht geeignet, die fernen Sonnensysteme zu besiedeln, denn er ist auf sein Biotop angewiesen. Die Chips brauchen nur ein wenig Energie und können im Vakuum existieren. Dieser neuen, vernetzen Lebensform wird das Weltall und die Zukunft gehören.

Heute ist das Defizit der Computer, dass sie noch nicht richtig sehen und hören können. Die Sinneserfahrung ist die erste, grundlegende Stufe der Intelligenz. Dinge sehen, hören, riechen, tasten und sie erkennen, das sind Aufgaben, an denen die Computer heute noch weitgehend scheitern. Sie können sich auch noch nicht richtig bewegen, weil sie die Sinneswahrnehmungen nicht richtig in die Steuerung von Bewegungen umsetzten können. Aber das Problem wird gelöst werden. Die Computer werden sehen und hören und das Wahrgenommene sinnvoll verarbeiten lernen, und sie werden sich quasi selbst programmieren können.

Sie werden auch noch alle scheinbar banale Probleme lösen (z. B. ein Auto durch den Großstadtverkehr zu steuern) – zuerst mit Hilfe des Menschen, dann ohne seine  Hilfe. Und dann werden sie es besser können als der Mensch.

Und sie werden vernetzt sein. Was ein Chip weiß, werden alle wissen können. Nicht der Roboter oder der Supercomputer wird den Menschen von der Spitze der Evolution verdrängen, sondern die vernetze Summe aller Computer und Chips. Somit wird ein Mega-Lebewesen entstehen, gegen das wir Menschen nur Einzeller sind.

Das will die göttliche Kraft. Und wir ? Wir werden der neuen Krone der Schöpfung Hilfsdienste leisten – falls wir überhaupt noch gebraucht werden.

Das ist meine pessimistische Weltsicht. Pessimistisch aber nur aus Sicht des Menschen. Nicht aus der Sicht der göttlichen Kraft und aus Sicht der Evolution.

Die Herrschaft der Roboter und Computer über den Menschen oder gar die Ausrottung der Menschheit durch die Roboter ist schon lange ein Thema von Hollywood-Filmen, z. B. Terminator. Aber Hollywood muß Filme machen, in denen der Mensch sich am Schluß als der Überlegene erweist (das erwartet das Publikum), wenn auch mit großen Schwierigkeiten (das verlangt die Dramaturgie). Bezeichnend ist auch der letzte Terminator-Film, in welchem Arnold Schwarzenegger einen Roboter spielt, der auf der Seite der Menschen steht und ihnen hilft, über einen überlegenen und mitleidslosen weiblichen Roboter (hier spricht der Zeitgeist und die Ängste der Männerwelt) zu siegen.

Die Wirklichkeit wird ganz anders und wohl weniger spektakulär sein. Nicht der Terminator, sondern der Lokalisator wird über die Menschen herrschen. Am Lokalisator wird gerade gearbeitet. Alle Basiserfindungen sind schon vorhanden: Das Handy, das verrät, wo sich sein Besitzer aufhält. Der RFID-Chip, den man nicht nur den Waren im Supermarkt, sondern auch einem Menschen anheften kann. Die Welt wird voller Türen sein, die erkennen, wer hindurchgeht. Man wird wissen, welche Personen in einem Eisenbahnzug oder einem U-Bahn-Wagon sitzen. Man wird wissen, wer in welchem Auto wo über welche Straße fährt. Jeder Mensch wird im Internet tausend Spuren hinterlassen. Man wird wissen was er einkauft, wofür er sein Geld ausgibt, wo er sich aufhält und mit wem er zusammen ist.

Die Frage ist nur, wer das alles wissen soll. Solle es nur der Überwachungsapparat eines totalitären Staates wissen oder sollen das vielleicht alle wissen ? Letzteres wäre das globale Dorf. Jeder kann über jeden alles erfahren. Wie auch immer, dieses Wissen wird letztlich in Computernetzen vorhanden sein. Die Computer können dieses Wissen noch nicht verstehen, begreifen, interpretieren, ihre Schlüssen daraus ziehen und durch Handlungen darauf reagieren. Aber es erscheint mir in Anbetracht der ständigen Fortschritte, welche die künstliche Intelligenz macht, nur eine Frage der Zeit zu sein, bis dies der Fall ist. Damit wird die Menschheit der Kontrolle durch die vernetzte Intelligenz der Computer ausgeliefert sein. Kein Mensch wird etwas tun können, ohne dass es „das Netz“ weiß.

Das „Netz“, das ist das intelligente Kollektiv aller Computer, Chips und Sensoren. Es wird ein weit effizienteres und mächtigeres Kollektiv sein als das Kollektiv der Menschen. Die Fähigkeit, Kollektive zu bilden ist ein wesentlicher Schlüssel zum Fortschritt der Lebewesen. Die Überlegenheit des Menschen über seine tierischen Konkurrenten besteht hauptsächlich darin, dass er ein so überaus wirksames Kollektiv bildet. Der wichtigste Grund dafür ist, dass der Mensch die Sprache besitzt. Ja, die Sprache hat den Menschen erst zum Menschen gemacht und seine Fähigkeit, ein Kollektiv zu bilden, einen Quantensprung nach vor gebracht. Der nächste Quantensprung war die Schrift und schließlich die Möglichkeit, Wissen zu archivieren und über große Entfernungen auszutauschen. Und dann kamen die Medien (Fotographie, Film, Radio, TV und schließlich Internet). Jede nichtmenschliche Spezies hat es nicht mit dem Menschen als Individuum, sondern als Kollektiv zu tun. Der einzelne Mensch ist klein, schwach und dumm. Da menschliche Kollektiv ist klug und mächtig, und es ist noch bei weitem nicht am Ende seiner Möglichkeiten angelangt. Aber das neue, mächtigere Kollektiv ist schon im Entstehen: das Kollektiv der Computer. Wenn die Menschen Glück haben, werden diese beiden Kollektive nebeneinander existieren (vernetzt sind sie ja heute schon), wenn es schlecht für die Menschen läuft, wird das menschliche Kollektiv von seinem neuen Konkurrenten vernichtet werden.

Warum ? Weil der Mensch eine Gefahr für den Planeten und die Evolution darstellt – und übrigens auch für sich selbst. Der Mensch hat die Technik erfunden, um sein Überleben zu sichern. Jetzt hat sich gezeigt, dass die Technik das Überleben der Menschheit gefährdet. Mit dem 6. Aug. 1945, dem Tag es die erste Atombombe über Hiroshima gezündet wurde, begann eine neue Zeit. Zum ersten Mal wurde für jedermann sichtbar, dass der Mensch sich und seinen Planeten vernichten kann. Die Technik kann für die Vernichtung eingesetzt werden, und je mächtiger die Technik ist, umso mächtiger ist das Vernichtungspotential. Der Mensch ist zu sehr im Tierischen verwurzelt. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Tiere die besseren Menschen sind. Tiere sind rücksichtslose Egoisten, die ihren Vorteil und ihr Überleben über das aller anderer Lebewesen stellen. Das ist das Ergebnis der Evolution. Altruisten haben keine Überlebenschancen. Allerdings: der kluge Egoist nimmt auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht und macht sie zu Partnern und Freunden. Aber letztlich, wenn es um die Frage geht: „Wer soll überleben ?“, dann kennt kein Lebewesen Rücksichtnahme.

Jedes Lebewesen hat einen Körper, und dieser Körper hat Bedürfnisse und er gewährt Lust und Schmerz. Die Gier nach Lustgewinn und der Wunsch von Freiheit vor Angst und Schmerz treiben jedes Lebewesen an. Weil der Mensch in diese Bedingungen seines Seins eingespannt ist und ihnen nicht entkommen kann, wird er letztlich immer in der Versuchung sein, Gewalt gegen andere auszuüben. Und wenn er Massenvernichtungswaffen hat, wird er sie eines Tages auch einsetzten. Und wenn er die Macht hat, einen ganzen Planeten zu verwüsten, dann wird sich einest Tages auch ein Individuum finden, das sowohl die Macht als auch den Egoismus oder die Angst, oder den Zorn oder den Wahn hat, es auch zu tun. Die Menschheit als Kollektiv wird ihren Heimatplaneten nicht zerstören, aber ein Einzelner, denn der Einzelne ist schwach, dumm, verrückt und kriminell. Einzelne sind überaus gefährlich, wenn sie an die Spitze einer Hierarchie gelangen und über unermessliche Machtmittel verfügen. Deshalb sind Hierarchien auch so gefährlich. Massenvernichtungswaffen und Menschen können auf die Dauer nicht existieren, sondern früher oder später wird eine Mensch oder eine kleine Gruppe von Menschen die Massenvernichtungswaffen einsetzen und die Menschheit auslöschen. Wenn aber der Mensch ausgelöscht würde, bevor es einen Nachfolger als Träger der Evolution gibt, dann wäre das für die göttliche Kraft, welche den Fortschritt will, nicht tolerierbar. Also muß sie für den Mensche einen Nachfolger finden und die Menschheit als Speerspitze der Evolution ablösen. Nach dem Kollektiv der Menschen wird das Kollektiv der Computer kommen.

Warum wird dieses Kollektiv der Computer, das Netz, nicht ebenso eine Gefahr für die Evolution darstellen ? Weil die Chips weit weniger „körperliche Bedürfnisse“ haben als der Mensch. Für sie wird es keinen Kampf um Rohstoffe, Energie, Raum und Macht geben, denn sie brauchen nur geringe Energiemengen und geringe materielle Ressourcen. Damit entfällt die Notwendigkeit, mit anderen Lebewesen in einen Konkurrenzkampf um die Ressourcen zu treten. Hinzu kommt, dass die Hardware gegenüber der Software und den Daten immer mehr in den Hintergrund tritt. Software und Daten sind beliebig oft reproduzierbar. Jeder kann sie haben (wenn sie nicht künstlich zurückgehalten werden). Der Mensch besteht aus zuviel Hardware und die Software ist bei ihm schwer kopierbar. Der Mensch ist zu materiell und zu wenig geistig. Das Materielle ist punktuell, das geistige universell. Deshalb vertritt der Mensch einen beschränkten, materiellen Standpunkt, während das Netz einen universellen Standpunkt vertreten wird. Denkbar wäre sogar ein nichtmaterielles Netz, das nur aus Energieschwingungen besteht.

Ein Lebewesen, das den ganzen Planeten umspannt, wird diesen Planeten nicht zerstören wollen, und es wird auch keinen Grund dazu haben.

Meine Prognose geht also dahin, dass die Tage der Menschheit als herrschende Spezies gezählt sind und dass mit dem Ende seiner Herrschaft sogar das Ende seiner Existenz droht. Da ich die Menschen und auch meine Leser zu kennen glaube, nehme ich an, dass dies keinen Menschen besonders erschüttern oder berühren wird. Der Mensch, und ich nehme mich davon nicht aus, sagt sich: „Das alles wird in ein paar Hundert Jahren sein. Da werde ich schon lange nicht mehr leben. Hauptsache ist doch, dass es mir und meinen Lieben heute gut geht. Was kümmern mich Spekulationen über das Ende der Menschheit durch Massenvernichtungswaffen oder durch die Herrschaft der Computer ?“

Es wird sehr lange Zeit nichts unternommen werden, um die Herrschaft der Computer zu verhindern. Im Moment erkennen die meisten noch nicht, dass die Möglichkeit besteht, dass der Mensch seinen eigen Überwinder heranzüchtet. Heute sieht man nur den Nutzen und die Chancen, welche die Computer den Menschen bieten. Wie immer, so ist auch hier der Krieg eine wesentliche Triebfeder der Entwicklung. Die Computer haben es der USA ermöglicht, ihren Status als einzige verbleibende Supermacht auszubauen. Computer helfen, Kriege zu gewinnen und Macht und Reichtum zu vermehren. Wer nicht die fortschrittlichste Computertechnik hat, muß Angst haben, von seinen Feinden besiegt und ausgebeutet zu werden. Die Gier und die Angst werden die Menschen antreiben, die Computer und ihr Netzwerk immer weiter zu entwickeln. Jeder Terroranschlag lässt den Überwachungsstaat näher rücken. Jede neue Erfindung auf dem Computer und Mediensektor wird dazu führen, dass noch mehr Daten gespeichert und noch schneller ausgetauscht werden. Die Menschheit arbeitet fieberhaft daran, ihren Nachfolger zu erschaffen – aus einem inneren Zwang heraus, hinter dem letztlich die göttliche Kraft steht. Sich ihr zu widersetzen ist nicht möglich. Schon gar nicht kann man sie manipulieren oder von ihren Zielen abbringen. Man kann nur im Einklang mit ihr handeln und ihren Weg gut heißen.

Mit dem Entstehen des „intelligenten Netzes“ wird sich die Evolution weiter beschleunigen. Im Bereich der biologischen Evolution dauerten die Entwicklungen Millionen von Jahre. Im Bereich der menschlichen Schöpfungen brauchten die Entwicklungen Jahrhunderte und Jahrzehnte. Im Bereich des „intelligenten Netzes“ werden die Entwicklungen nur Jahre, Monate, Wochen oder Tage benötigen. Die Evolution wird sich einem „singulären Punkt“ nähern, in welchem sich die Entdeckungen und Entwicklungen gegenseitig so sehr befruchten und voranbringen werden, dass die Evolution wie eine Exponentialfunktion in die Senkrechte übergehen wird. Darauf haben schon verschieden Autoren hingewiesen. Das wird aber nicht der Untergang, sondernd er Neubeginn einer Welt sein, und zwar einer geistigen Welt, die sich aus den Fesseln des Materiellen befreit hat. Ist es nicht seltsam, dass die am Geistigen orientierten Menschen, also die Religiösen, oft so krasse Materialisten sind, während diejenigen, die sich so sehr für die Materie interessieren (die Naturwissenschaftler und Techniker), immer mehr in die geistige Welt hineinkommen und dabei sind, eine nichtmaterielle Welt vorzubereiten ?

Richard Beiderbeck, im April 2006