Von der Religion, von der göttlichen
Kraft und von der Zukunft des Internets
Von
Nehmen wir an, es gibt eine Kraft, einen Geist, einen Willen, der
die Welt erschaffen hat und sie am Leben erhält. Nennen wir diese Kraft Gott,
oder Allah oder Tao und wie auch immer: Dann ist dies noch keine Religion,
sondern eine philosophische Theorie.
Nehmen wir an, diese Kraft verfolgt ein bestimmtes Ziel und hat
eine bestimmte Strategie, vielleicht sogar einen festgelegten Plan, von dem sie
nicht abweicht. Dann ist auch dies noch keine Religion, sondern immer noch eine
philosophische Theorie.
Nehmen wir an, diese Kraft kann von Menschen beeinflusst werden,
z. B. durch Gebete, durch gesungene oder gesprochene Lobpreisungen des
Göttlichen, durch ihm geweihte Opfer, durch Einhalten „seiner“ (in Wirklichkeit
von Menschen gemachten) Regeln und Geboten, durch Wohlverhalten und durch
Ehrenbezeugungen gegenüber dem Göttlichen: dann ist das Religion. Religion ist
der Versuch, die göttliche Kraft zu veranlassen, den Menschen vor Unheil zu
verschonen und ihm irgendwelche Vorteile materieller, emotionaler oder sonstiger
Art zu gewähren – jetzt oder in Zukunft. Jede Religion ist der Versuch des
Menschen, die göttliche Kraft in den Dienst seiner Ängste und Wünsche zu
stellen. Religion ist eine Form des Egoismus.
Eine göttliche Kraft, die nicht durch den Menschen beeinflussbar
ist, ist für den religiösen Menschen uninteressant. Nach einer ähnlichen Logik muß der Mensch die Willensfreiheit besitzen und sein
Schicksal darf nicht vorherbestimmt sein; nur ein freier Mensch kann auch
Schuld auf sich laden, und somit in Angst vor Strafe gehalten werden. Nur ein
Sünder kann Buße tun und wird seinem Gott und dessen Priestern Opfer
darbringen. Ein Mensch, der nicht opfert, nichts fürchtet und sich nicht
unterwirft, der ist für die Vertreter der Religion uninteressant, ja sogar ein
Feind und Ärgernis. Daher der Hass der Priester auf die Ungläubigen. Der Gott
und seine Gläubigen müssen bestimmte Eigenschaften haben, damit das System der
Beherrschung, Unterdrückung und Ausbeutung des Menschen durch die Vermittler
und Verwalter der Religion funktionieren
kann.
Wenn jemand den Anschein erweckt oder gar behauptet, dass er die
Möglichkeit habe, die göttliche Kraft zu beeinflussen (weil er ihr angeblich
besonders nahe steht) und sie für andere nutzbar machen zu können, und wenn er
diese angebliche Fähigkeit als Dienstleistung anbietet, dann ist er ein
Priester oder strebt für seine Anhänger den Status eines Priesters an. Meist
verschafft ihm dieser Anspruch, besonders wenn er ihn durch „Wunder“
untermauern kann, einen gehobene Status, Ehre Ansehen und den Vorteil, von den
Mühen des normalen Erwerbslebens verschont zu werden.
Nehmen wir an, ein Mensch glaubt oder will glauben machen, dass er
mit der göttlichen Kraft oder zumindest mit Wesen, die göttliche oder
dämonische Kräfte besitzen, auf Augenhöhe steht. Dieses „auf Augenhöhe Stehen“
ist der Unterschied zwischen Religion und Magie. Der Gläubige fühlt sich (zu
Recht) gegenüber Gott ungeheuer unterlegen. Magie ist der Versuch, die
göttliche Kraft durch bestimmte symbolische Handlungen und Worte oder durch
Opfer oder Tauschgeschäfte dazu veranlassen, ja zu zwingen, den Wünschen des
Magiers gefügig zu sein. Im Unterschied zum gläubigen Beter lässt der Magier
die Demut vermissen. Da die göttliche Kraft irgendwie auch als Abglanz den
Dämonen und selbst dem Teufel zur Verfügung steht, wendet sich der Magier
bevorzugt an Teufel und Dämonen. Diese sind scheinbar leichter zu beherrschen
und liefern das Gewünschte, so glaubt man, verlässlicher.
Aber es gibt keine Magie, sondern nur den Glauben daran. Wenn
jemand sich mit der Behauptung oder Vorspiegelung, er könne durch magische
Handlungen den natürlichen Ablauf der Dinge außer Kraft setzten, Vorteile
verschafft, dann ist er ein Betrüger.
Die Grenzen zwischen Priester und Magier sind fließend. Auch ein
katholischer Priester begeht magische Handlungen (nämlich die Umwandlung von
Brot und Wein in das Fleisch und das Blut Christi). Der Unterschied zwischen
einem Laien und einem geweihten katholischen Priester besteht darin, dass der
Priester aus Sicht der katholischen Kirche magische Handlungen begehen darf,
der Laie aber nicht. Die Kirche hat das Monopol auf die Magie. Zur Durchsetzung
dieses Monopols wurden die Hexen und Zauberer verbrannt.
Nehmen wir an, dass es eine göttliche Kraft gibt, welche die Welt
erschaffen hat und sie am Leben erhält. Nehmen wir weiter an, dass die
göttliche Kraft durch menschliche Taten und Worte nicht beeinflussbar ist, weil
sie ihre eigene Strategie verfolgt und nicht bereit ist, auf die Wünsche,
Ängste und Leiden der Menschen Rücksicht zu nehmen. Dann wären alle Opfer und
Gebete des Menschen vergebens. Genau so ist es: Die göttliche Kraft ist vom
Menschen nicht beeinflussbar, und sie ist folglich auch nicht beeinflussbar
durch Priester, Heilige, Engel, niedrigere Götter oder Dämonen, Hexen und
Magier. Die Religion und die Magie sind von Menschen für Menschen gemachte
Gebäude, die mit der Beeinflussbarkeit der göttlichen Kraft stehen und fallen.
Des Glaubens liebstes Kind ist das Wunder, denn es scheint zu beweisen, dass die
göttliche Kraft die Naturgesetze durchbricht, um dem Menschen eine Gunst zu
gewähren.
Seien wir skeptisch, und seinen wir realistisch: Es werden weit
mehr Gebete nicht erfüllt, als erfüllt werden. Die göttliche Kraft hat ein Ziel
und eine Strategie, aber der Zweck des göttlichen Handelns ist nicht, den
Menschen von Leid zu befreien, und ihm die ewige Glückseligkeit zu schenken.
Dies ist nur menschliches Wunschdenken, das täglich durch große und kleine
Katastrophen widerlegt wird.
Blicken wir auch in den Abgrund unserer Sterblichkeit: Der Mensch
stirbt früher oder später, und das ist gut so. Das Alte muß
vergehen, damit sich das Neue entfalten kann. Die Welt muß
sich erneuern und weiterentwickeln. Wir alle werden in das große Nichts
eingehen, und wir werden nichts davon spüren und wir werden nach unserem Tod
nicht mehr leiden. Wenn das Leiden und das Altern des Menschen überhaupt einen
Sinn hat, dann diesen: ihm und seinen Angehörigen den Abschied vom Leben
leichter zu machen. Wir werden in das große Nirwana eingehen ohne wiedergeboren
zu werden, denn es gibt keine Reinkarnation, und folglich ist der Buddhismus
überflüssig. Man braucht sein Karma nicht so zu verbessern, um schließlich dem
ewigen Rad der Wiedergeburten zu entgehen. Schon nach dem ersten und einzigen
Tod geht man ins Nirwana ein.
Wenn wir nun die Tröstungen und Hoffnungen der Religion verloren
haben, so haben wir doch auch etwas gewonnen: Wir haben das Gespinst von Lügen
und Illusionen zerrissen. Die Gläubigen fordern die Unterwerfung unter die
Religion und ihre Vertreter. Nicht an die Religion zu glauben, heißt frei zu
sein für die Wahrheit – auch wenn diese Wahrheit bitter und trostlos ist. Aber
vielleicht ist sie das ja gar nicht.
Der Plan der göttlichen Kraft ist nicht, das Volk der Gläubigen zu
bevorzugen und ihm die Herrschaft über die Erde zu geben. Weder Juden noch
Moslems noch Christen, kein Volk und keine Glaubensgemeinschaft auf der Welt
ist nach dem Plan der göttlichen Kraft dazu auserwählt, im Namen Gottes über
die Welt zu herrschen.
Welches ist nun der Plan der göttlichen Kraft ? Er ist ganz leicht
zu erkennen, für den, der Augen hat, um zu sehen und einen Verstand, um
logische Schlüsse zu ziehen. Der Plan ist: Die Schöpfung und die Geschöpfe zu
immer größerer Vollkommenheit zu führen. Damit einher geht eine immer größere
Vielfalt und Komplexität der Interaktionen und der Interagierenden.
Das Leben hat sich auf unserer Erde unendlich mühsam und langsam
entwickelt. Aber das Tempo der Evolution hat sich ständig gesteigert. Seit es
den Menschen gibt, ist zu der natürlichen Evolution die technische, soziale und
geistige Evolution hinzugekommen. Die Welt entwickelt sich immer rasanter, und
seit es Naturwissenschaft und Technik gibt, ist eine noch weitere Steigerung
des Entwicklungstempos eingetreten. Der Mensch steht an der Spitze des
Fortschritts und er ist das Lieblingsobjekt der göttlichen Kraft. Aber das wird
nicht so bleiben. Denn schon ist der Nachfolger des Menschen in Sicht: Es ist
das künstliche, vom Menschen geschaffene Lebewesen, das dem Menschen an
Fähigkeiten und Möglichkeiten bei weitem übertrifft. Es kann entweder ein
Produkt der Gentechnologie sein, oder ein Produkt der Computertechnik. Ich
vermute, dass es eher letzteres ist.
Dieses kommende Lebewesen wird aus der Vernetzung von Mikrochips
entstehen, die nicht nur in Computern, sondern in allem und jedem enthalten
sind. Das Internet ist nur der erste Schritt dazu. Die Summe aller vernetzen
Computer und Chips und ihrer Sensoren, ihren Augen, Ohren, ihrer Bewegungs- und
Steuermechanismen: Das wird die kommenden herrschende Spezies sein, und sie
wird nicht nur den ganzen Planeten umspannen, sondern hinausgreifen ins All.
Der Mensch ist nicht geeignet, die fernen Sonnensysteme zu besiedeln, denn er
ist auf sein Biotop angewiesen. Die Chips brauchen nur ein wenig Energie und
können im Vakuum existieren. Dieser neuen, vernetzen Lebensform wird das
Weltall und die Zukunft gehören.
Heute ist das Defizit der Computer, dass sie noch nicht richtig
sehen und hören können. Die Sinneserfahrung ist die
erste, grundlegende Stufe der Intelligenz. Dinge sehen, hören, riechen, tasten
und sie erkennen, das sind Aufgaben, an denen die Computer heute noch
weitgehend scheitern. Sie können sich auch noch nicht richtig bewegen, weil sie
die Sinneswahrnehmungen nicht richtig in die Steuerung von Bewegungen umsetzten
können. Aber das Problem wird gelöst werden. Die Computer werden sehen und
hören und das Wahrgenommene sinnvoll verarbeiten lernen, und sie werden sich
quasi selbst programmieren können.
Sie werden auch noch alle scheinbar banale Probleme lösen (z. B.
ein Auto durch den Großstadtverkehr zu steuern) – zuerst mit Hilfe des
Menschen, dann ohne seine Hilfe. Und
dann werden sie es besser können als der Mensch.
Und sie werden vernetzt sein. Was ein Chip weiß, werden alle
wissen können. Nicht der Roboter oder der Supercomputer wird den Menschen von
der Spitze der Evolution verdrängen, sondern die vernetze Summe aller Computer
und Chips. Somit wird ein Mega-Lebewesen entstehen, gegen das wir Menschen nur
Einzeller sind.
Das will die göttliche Kraft. Und wir ? Wir werden der neuen Krone
der Schöpfung Hilfsdienste leisten – falls wir überhaupt noch gebraucht werden.
Das ist meine pessimistische Weltsicht. Pessimistisch aber nur aus
Sicht des Menschen. Nicht aus der Sicht der göttlichen Kraft und aus Sicht der
Evolution.
Die Herrschaft der Roboter und Computer über den Menschen oder gar
die Ausrottung der Menschheit durch die Roboter ist schon lange ein Thema von
Hollywood-Filmen, z. B. Terminator. Aber Hollywood muß Filme machen, in denen der Mensch sich am Schluß als der Überlegene erweist (das erwartet das
Publikum), wenn auch mit großen Schwierigkeiten (das verlangt die Dramaturgie).
Bezeichnend ist auch der letzte Terminator-Film, in welchem
Arnold Schwarzenegger einen Roboter spielt, der auf der Seite der Menschen
steht und ihnen hilft, über einen überlegenen und mitleidslosen weiblichen
Roboter (hier spricht der Zeitgeist und die Ängste der Männerwelt) zu siegen.
Die Wirklichkeit wird ganz anders und wohl weniger spektakulär
sein. Nicht der Terminator, sondern der Lokalisator wird über die Menschen herrschen. Am Lokalisator wird gerade gearbeitet. Alle Basiserfindungen
sind schon vorhanden: Das Handy, das verrät, wo sich sein Besitzer aufhält. Der
RFID-Chip, den man nicht nur den Waren im Supermarkt,
sondern auch einem Menschen anheften kann. Die Welt wird voller Türen sein, die
erkennen, wer hindurchgeht. Man wird wissen, welche Personen in einem
Eisenbahnzug oder einem U-Bahn-Wagon sitzen. Man wird wissen, wer in welchem
Auto wo über welche Straße fährt. Jeder Mensch wird im Internet tausend Spuren
hinterlassen. Man wird wissen was er einkauft, wofür er sein Geld ausgibt, wo
er sich aufhält und mit wem er zusammen ist.
Die Frage ist nur, wer das alles wissen soll. Solle es nur der
Überwachungsapparat eines totalitären Staates wissen oder sollen das vielleicht
alle wissen ? Letzteres wäre das globale Dorf. Jeder kann über jeden alles
erfahren. Wie auch immer, dieses Wissen wird letztlich in Computernetzen
vorhanden sein. Die Computer können dieses Wissen noch nicht verstehen,
begreifen, interpretieren, ihre Schlüssen daraus ziehen und durch Handlungen
darauf reagieren. Aber es erscheint mir in Anbetracht der ständigen
Fortschritte, welche die künstliche Intelligenz macht, nur eine Frage der Zeit
zu sein, bis dies der Fall ist. Damit wird die Menschheit der Kontrolle durch
die vernetzte Intelligenz der Computer ausgeliefert sein. Kein Mensch wird
etwas tun können, ohne dass es „das Netz“ weiß.
Das „Netz“, das ist das intelligente Kollektiv aller Computer,
Chips und Sensoren. Es wird ein weit effizienteres und mächtigeres Kollektiv
sein als das Kollektiv der Menschen. Die Fähigkeit, Kollektive zu bilden ist
ein wesentlicher Schlüssel zum Fortschritt der Lebewesen. Die Überlegenheit des
Menschen über seine tierischen Konkurrenten besteht hauptsächlich darin, dass
er ein so überaus wirksames Kollektiv bildet. Der wichtigste Grund dafür ist,
dass der Mensch die Sprache besitzt. Ja, die Sprache hat den Menschen erst zum
Menschen gemacht und seine Fähigkeit, ein Kollektiv zu bilden, einen
Quantensprung nach vor gebracht. Der nächste Quantensprung war die Schrift und
schließlich die Möglichkeit, Wissen zu archivieren und über große Entfernungen auszutauschen.
Und dann kamen die Medien (Fotographie, Film, Radio, TV und schließlich
Internet). Jede nichtmenschliche Spezies hat es nicht mit dem Menschen als
Individuum, sondern als Kollektiv zu tun. Der einzelne Mensch ist klein,
schwach und dumm. Da menschliche Kollektiv ist klug und mächtig, und es ist
noch bei weitem nicht am Ende seiner Möglichkeiten angelangt. Aber das neue,
mächtigere Kollektiv ist schon im Entstehen: das Kollektiv der Computer. Wenn
die Menschen Glück haben, werden diese beiden Kollektive nebeneinander
existieren (vernetzt sind sie ja heute schon), wenn es schlecht für die
Menschen läuft, wird das menschliche Kollektiv von seinem neuen Konkurrenten
vernichtet werden.
Warum ? Weil der Mensch eine Gefahr für den Planeten und die
Evolution darstellt – und übrigens auch für sich selbst. Der Mensch hat die
Technik erfunden, um sein Überleben zu sichern. Jetzt hat sich gezeigt, dass
die Technik das Überleben der Menschheit gefährdet. Mit dem 6. Aug. 1945, dem
Tag es die erste Atombombe über Hiroshima gezündet wurde, begann eine neue
Zeit. Zum ersten Mal wurde für jedermann sichtbar, dass der Mensch sich und
seinen Planeten vernichten kann. Die Technik kann für die Vernichtung
eingesetzt werden, und je mächtiger die Technik ist, umso mächtiger ist das
Vernichtungspotential. Der Mensch ist zu sehr im Tierischen verwurzelt. Es ist
ein Irrtum, zu glauben, dass Tiere die besseren Menschen sind. Tiere sind
rücksichtslose Egoisten, die ihren Vorteil und ihr Überleben über das aller
anderer Lebewesen stellen. Das ist das Ergebnis der Evolution. Altruisten haben
keine Überlebenschancen. Allerdings: der kluge Egoist nimmt auf die Bedürfnisse
anderer Rücksicht und macht sie zu Partnern und Freunden. Aber letztlich, wenn
es um die Frage geht: „Wer soll überleben ?“, dann kennt kein Lebewesen
Rücksichtnahme.
Jedes Lebewesen hat einen Körper, und dieser Körper hat
Bedürfnisse und er gewährt Lust und Schmerz. Die Gier nach Lustgewinn und der Wunsch
von Freiheit vor Angst und Schmerz treiben jedes Lebewesen an. Weil der Mensch
in diese Bedingungen seines Seins eingespannt ist und ihnen nicht entkommen
kann, wird er letztlich immer in der Versuchung sein, Gewalt gegen andere
auszuüben. Und wenn er Massenvernichtungswaffen hat, wird er sie eines Tages
auch einsetzten. Und wenn er die Macht hat, einen ganzen Planeten zu verwüsten,
dann wird sich einest Tages auch ein Individuum finden, das sowohl die Macht
als auch den Egoismus oder die Angst, oder den Zorn oder den Wahn hat, es auch
zu tun. Die Menschheit als Kollektiv wird ihren Heimatplaneten nicht zerstören,
aber ein Einzelner, denn der Einzelne ist schwach, dumm, verrückt und
kriminell. Einzelne sind überaus gefährlich, wenn sie an die Spitze einer
Hierarchie gelangen und über unermessliche Machtmittel verfügen. Deshalb sind
Hierarchien auch so gefährlich. Massenvernichtungswaffen und Menschen können
auf die Dauer nicht existieren, sondern früher oder später wird eine Mensch
oder eine kleine Gruppe von Menschen die Massenvernichtungswaffen einsetzen und
die Menschheit auslöschen. Wenn aber der Mensch ausgelöscht würde, bevor es
einen Nachfolger als Träger der Evolution gibt, dann wäre das für die göttliche
Kraft, welche den Fortschritt will, nicht tolerierbar. Also muß
sie für den Mensche einen Nachfolger finden und die Menschheit als Speerspitze
der Evolution ablösen. Nach dem Kollektiv der Menschen wird das Kollektiv der
Computer kommen.
Warum wird dieses Kollektiv der Computer, das Netz, nicht ebenso
eine Gefahr für die Evolution darstellen ? Weil die Chips weit weniger
„körperliche Bedürfnisse“ haben als der Mensch. Für sie wird es keinen Kampf um
Rohstoffe, Energie, Raum und Macht geben, denn sie brauchen nur geringe
Energiemengen und geringe materielle Ressourcen. Damit entfällt die
Notwendigkeit, mit anderen Lebewesen in einen Konkurrenzkampf um die Ressourcen
zu treten. Hinzu kommt, dass die Hardware gegenüber der Software und den Daten
immer mehr in den Hintergrund tritt. Software und Daten sind beliebig oft
reproduzierbar. Jeder kann sie haben (wenn sie nicht künstlich zurückgehalten
werden). Der Mensch besteht aus zuviel Hardware und die Software ist bei ihm
schwer kopierbar. Der Mensch ist zu materiell und zu wenig geistig. Das
Materielle ist punktuell, das geistige universell. Deshalb vertritt der Mensch
einen beschränkten, materiellen Standpunkt, während das Netz einen universellen
Standpunkt vertreten wird. Denkbar wäre sogar ein nichtmaterielles Netz, das
nur aus Energieschwingungen besteht.
Ein Lebewesen, das den ganzen Planeten umspannt, wird diesen
Planeten nicht zerstören wollen, und es wird auch keinen Grund dazu haben.
Meine Prognose geht also dahin, dass die Tage der Menschheit als
herrschende Spezies gezählt sind und dass mit dem Ende seiner Herrschaft sogar
das Ende seiner Existenz droht. Da ich die Menschen und auch meine Leser zu
kennen glaube, nehme ich an, dass dies keinen Menschen besonders erschüttern
oder berühren wird. Der Mensch, und ich nehme mich davon nicht aus, sagt sich:
„Das alles wird in ein paar Hundert Jahren sein. Da werde ich schon lange nicht
mehr leben. Hauptsache ist doch, dass es mir und meinen Lieben heute gut geht.
Was kümmern mich Spekulationen über das Ende der Menschheit durch
Massenvernichtungswaffen oder durch die Herrschaft der Computer ?“
Es wird sehr lange Zeit nichts unternommen werden, um die
Herrschaft der Computer zu verhindern. Im Moment erkennen die meisten noch
nicht, dass die Möglichkeit besteht, dass der Mensch seinen eigen Überwinder
heranzüchtet. Heute sieht man nur den Nutzen und die Chancen, welche die
Computer den Menschen bieten. Wie immer, so ist auch hier der Krieg eine
wesentliche Triebfeder der Entwicklung. Die Computer haben es der USA
ermöglicht, ihren Status als einzige verbleibende Supermacht auszubauen.
Computer helfen, Kriege zu gewinnen und Macht und Reichtum zu vermehren. Wer
nicht die fortschrittlichste Computertechnik hat, muß
Angst haben, von seinen Feinden besiegt und ausgebeutet zu werden. Die Gier und
die Angst werden die Menschen antreiben, die Computer und ihr Netzwerk immer
weiter zu entwickeln. Jeder Terroranschlag lässt den Überwachungsstaat näher
rücken. Jede neue Erfindung auf dem Computer und Mediensektor wird dazu führen,
dass noch mehr Daten gespeichert und noch schneller ausgetauscht werden. Die
Menschheit arbeitet fieberhaft daran, ihren Nachfolger zu erschaffen – aus
einem inneren Zwang heraus, hinter dem letztlich die göttliche Kraft steht.
Sich ihr zu widersetzen ist nicht möglich. Schon gar nicht kann man sie
manipulieren oder von ihren Zielen abbringen. Man kann nur im Einklang mit ihr
handeln und ihren Weg gut heißen.
Mit dem Entstehen des „intelligenten Netzes“ wird sich die
Evolution weiter beschleunigen. Im Bereich der biologischen Evolution dauerten
die Entwicklungen Millionen von Jahre. Im Bereich der menschlichen Schöpfungen
brauchten die Entwicklungen Jahrhunderte und Jahrzehnte. Im Bereich des
„intelligenten Netzes“ werden die Entwicklungen nur Jahre, Monate, Wochen oder
Tage benötigen. Die Evolution wird sich einem „singulären Punkt“ nähern, in
welchem sich die Entdeckungen und Entwicklungen gegenseitig so sehr befruchten
und voranbringen werden, dass die Evolution wie eine Exponentialfunktion in die
Senkrechte übergehen wird. Darauf haben schon verschieden Autoren hingewiesen.
Das wird aber nicht der Untergang, sondernd er Neubeginn einer Welt sein, und
zwar einer geistigen Welt, die sich aus den Fesseln des Materiellen befreit
hat. Ist es nicht seltsam, dass die am Geistigen orientierten Menschen, also
die Religiösen, oft so krasse Materialisten sind, während diejenigen, die sich
so sehr für die Materie interessieren (die Naturwissenschaftler und Techniker),
immer mehr in die geistige Welt hineinkommen und dabei sind, eine
nichtmaterielle Welt vorzubereiten ?