„Der Prophet“ Ludwig Derleth

(geb. am 3. Nov. 1870 in Gerolzhofen bei Würzburg, gest. am 13. Jan.1948 in San Pietro bei Stabio, Tessin)

Von Richard Beiderbeck, www.koinae.de    

Siehe auch:

www.koinae.de/Reventow.htm

www.koinae.de/Lenin.htm

 

Verwendete Literatur:

Derleth, Christine: „Das Fleischlich-Geistige. Meine Erinnerungen an Ludwig Derleth“, 1973 im Verlag Hinder und Deelmann

Franz Hessel, Franziska zu Reventlow, Oskar A.H. Schmitz und Roderich Huch: „Schwabinger Beobachter“ – Eine hektographierte Satire über die Kosmiker, drei Ausgaben von März bis Mai 1904

Thomas Mann: „Beim Propheten“ in „Sämtliche Erzählungen“, Band 1, Fischer Verlag

Ludwig Derleth: „Proklamationen“, München 1919

Dominik Jost: „Ludwig Derleth – Gestalt und Leistung“ – Stuttgart 1965

Richard Faber: „Männerrunde mit Gräfin – Die ‚Kosmiker Derleth, George, Klages, Schuler Wolfskehl und Franziska zu Reventlow“ (Mit einem Nachdruck des Schwabinger Beobachters), Frankfurt 1994

 

 

„Warte Schwabing, Schwabing warte ! Dich holt Jesus-Bonaparte !“

So persiflierte die Nummer 2 des von Reventlow, Hessel und Schmitz im April 1904 herausgegebenen „Schwabinger Beobachter“s die in der Karwoche 1904 stattgefundenen christlich-militanten Proklamationen des Ludwig Derleth.

Er wohnte in der Destouchesstraße 1 am damaligen Nordrand von Schwabing als Trockenwohner (der Mörtel von Neubauten braucht Kohlendioxid zum Aushärten) in Dachgeschoß eines Mietshauses.

 

Wenn er das geworden wäre, was er anstrebte, nämlich Jesus, Napoleon, Ignaz von Loyola, Savanarola, der Papst und der heilige Franziskus in einer Person zu sein, wäre er Großmeister eines jesuitenähnlichen Tempelritterordens, vielleicht Großinquisitor, Kriegsverbrecher und Massenmörder geworden. Zum Glück wurde er nur Dichter.

Derleth wollte große Dinge tun. Wer große Dinge tun will, dem stellen sich viele Menschen in den Weg. Wie kann man deren Widerstand überwinden ? Stalin, Hitler, Mao und auch Napoleon haben diese Frage auf ihre typische Weise beantwortet: Sie haben die Menschen getötet - sehr, sehr viele unschuldige Menschen. Derleth war einer, der, zumindest verbal, einen ungeheuren Willen zur Dominanz zeigte. Und er war einer, der sich auf die Religion berief und so immer Recht hatte. Zum Glück blieb es der Welt erspart, zu  erfahren, wie weit Derleth in seinem Machtwillen gegangen wäre.

 

Thomas Mann beschreibt den Auftritt des Propheten am Karfreitag 1904

 

Derleth diente Thomas Mann als Vorlage für seine 1914 erschienene Novelle, (eigentlich eine nur wenige Seiten umfassende Schilderung) „Beim Propheten“. Dort lesen wir: „Seltsame Orte gibt es, seltsame Gehirne, seltsame Regionen des Geistes, hoch und ärmlich. An den Peripherien der Großstädte, dort, wo die Laternen spärlicher werden und die Gendarmen zu zweien gehen, muß man in den Häusern emporsteigen, bis es nicht weiter geht, bis in schräge Dachkammern, wo junge, bleiche Genies, Verbrecher des Traumes, mit verschränkten Armen vor sich hinbrüten, bis in billig und bedeutungsvoll geschmückte Ateliers, wo einsame, empörte und von innen verzehrte Künstler, hungrig und stolz, im Zigarettenqualm mit letzten und wüsten Idealen ringen. Hier ist das Ende, das Eis, die Reinheit und das Nichts. Hier gilt kein Vertrag, kein Zugeständnis, keine Nachsicht, kein Maß und kein Wert. Hier ist die Luft so dünn und keusch, daß die Miasmen des Lebens nicht mehr gedeihen. Hier herrscht der Trotz, die äußerste Konsequenz, das verzweifelt thronende Ich, die Freiheit, der Wahnsinn und der Tod...

Es war Karfreitag, abends um acht. Mehrere von denen, die Daniel (=Derleth) geladen hatte, kamen zu gleicher Zeit. Sie hatten Einladungen in Quartformat erhalten, auf denen ein Adler einen nackten Degen in seinen Fängen durch die Lüfte trug und die in eigenartiger Schrift die Aufforderung zeigten, an dem Konvent zur Verlesung von Daniels Proklamationen am Karfreitag teilzunehmen, und sie trafen nur zur bestimmten Stunde in der öden und halbdunklen Vorstadtstraße vor dem banalen Mietshause zusammen, in welchem die leibliche Wohnstätte des Propheten gelegen war.

Einige kannten einander und tauschten Grüße. Es waren der polnische Maler (Bogdan von Suchocki, Geliebter der Reventlow) und das schmale Mädchen (die Reventlow), das mit ihm lebte, der Lyriker, ein langer, schwarzbärtiger Semit (Karl Wolfskehl) mit seiner schweren, bleichen und in hängende Gewänder gekleidete Gattin (Hanna Wolfskehl), eine Persönlichkeit von zugleich martialischem und kränklichem Aussehen, Spiritist und Rittmeister außer Dienst, und ein junger Philosoph mit dem Äußeren eines Kängurus (Ludwig Klages). Nur der Novellist, ein Herr mit steifem Hut und gepflegtem Schnurbart, kannte niemanden (Thomas Mann). Er kam aus einer anderen Sphäre, war nur zufällig hierher geraten...

Sie stiegen empor...Endlich standen sie am Ziel, unter dem Dach...An der Tür, welche bereits den Charakter eines Speichereingangs trug, war ein Pappschild befestig, auf dem in römischen Lettern, mit schwarzer Kreide ausgeführt, der Name „Daniel“ zu lesen war...“

Es öffnet ihnen ein Knabe, der, wie sich später herausstellt, nicht sprechen kann. „Ein junges Mädchen mit weißem Fellkragen und Manschetten über dem schlichten Kleid...Daniels Schwester (Anna Derleth), rein und töricht von Angesicht, stand dicht bei der Tür und reichte allen die Hand...Sie betete Daniel an...

Gegenüber der Tür...zeigte sich im Kerzenschein eine große, in heftigen Strichen ausgeführte Kreidezeichnung, die Napoleon darstellte, wie er in plumper und despotischer Haltung seine mit Kanonenstiefeln bekleideten Füße an einem Kamin wärmte. Zur Rechten des Eingangs erhob sich ein altarartiger Schrein, auf welchem zwischen Kerzen, die in silbernen Armleuchtern brannten, eine bemalte Heiligenfigur mit aufwärts gerichteten Augen ihre Hände ausbreitete. Eine Betbank stand davor, und näherte man sich, so gewahrte man eine kleine, aufrecht an einem Fuße des Heiligen lehnende Amateurphotographie, die einen etwa dreißigjährigen jungen Mann mit gewaltig hoher, bleich zurückspringender Stirn und einem bartlosen, knochigen, raubvogelähnlichen Gesicht von konzentrierter Geistigkeit zeigte. Der Novellist verweilte eine Weile vor Daniels Bildnis...“

Auf einer vergoldeten Gipssäule ruhte auf einer blutrot-seidenen Altardecke ein Stapel beschriebenen Papiers: Derleths Proklamatioen. An den Wänden hingen Totenmasken, Rosenkränze, ein großes, rostiges Schwert und verschiedene Porträts von Luther, Nietzsche, Moltke, Papst Alexander dem Sechsten (aus dem Hause Borgia), Robespierre und Savanarola.

Jetzt kommen auch noch andere Gäste: „...ein phantastischer Zeichner mit greisenhaftem Kindergesicht (Alfred Kubin), eine hinkende Dame, die sich als „Erotikerin“ vorstellen zu lassen pflegte, eine unverheiratete Mutter von adeliger Herkunft, die von ihrer Familie verstoßen, aber ohne alle geisteigen Ansprüche war und allein auf Grund ihrer Mutterschaft in diesem Kreis Aufnahme gefunden hatte, eine ältere Schriftstellerin und ein verwachsener Musiker...im ganzen etwa zwölf Personen.

Plötzlich kam noch die reiche Dame an, die aus Liebhaberei solche Veranstaltungen zu besuchen pflegte. Sie war in ihrem seidenen Coupé aus der Stadt, aus ihrem prachtvollen Hause mit den Gobelins und den Türumrahmungen aus Giallo antico hierhergekommen, war alle Treppen heraufgestiegen und kam zur Tür herein, schön, duftend, luxuriös, in einem blauen Tuchkleid mit gelber Stickerei, den Pariser Hut auf dem rotbraunen Haar, und lächelte mit ihren Tizian-Augen. Sie kam aus Neugier, aus Lust an Gegensätzen, aus gutem Willen zu allem, was ein bißchen außerordentlich war, aus liebenswürdiger Extravaganz, begrüßte Daniels Schwester und den Novellisten, der in ihrem Hause verkehrte, und setze sich auf die Bank vor der Fensternische zwischen die Erotikerin und den Philosophen mit dem Äußeren eines Kängurus, als ob das in Ordnung wäre.“ (Es handelt sich um die Verlegersgattin Elsa Bruckmann, die in späteren Jahren ein weißes Mercedes-Coupé besaß, mit dem sie gerne langsam die Ludwigsstraße hinunterfuhr. Sie ist die „kappadozische Dame im Schlüsselroman der Reventlow und machte Hitler in den zwanziger Jahren salonfähig. Ihr Interesse kam also nicht aus einer „liebenswürdigen Extravaganz“, sondern sie war inzwischen eine Anhängerin des von den Kosmikern verbreiteten präfaschistischen Gedankengutes).

„Da...die Tür öffnete...sich, und vor den Gästen stand im Kerzenschein ein untersetzter, stämmiger junger Mann im dunklen Jackenanzug: Der Jünger aus der Schweiz. Er überflog das Gemach mit einem drohenden Blick, ging mit heftigen Schritten zu der Gipssäule vorm Alkoven, stelle sich hinter sie auf das flache Podium mit einem Nachdruck, als wollte er dort einwurzeln, ergriff den zu oberst liegenden Bogen der Handschrift und begann sofort zu lesen.“

 

Der „Jünger aus der Schweiz“ ist der Germanist Rudolf Blümel.

„Er war etwa achtundzwanzigjährig, kurzhalsig und hässlich. Sein geschorenes Haar wuchs in Form eines spitzen Winkels sonderbar weit in die ohnedies niedrige und gefurchte Stirn hinein. Sein Gesicht, bartlos, mürrisch und plump, zeigte eine Doggenase, grobe Backenknochen, eine eingefallene Wangenpartie und wulstig hervorspringende Lippen, die nur schwer, wiederwillig und gleichsam mit einem schlaffen Zorn die Wörter zu bilden schienen. Das Gesicht war roh und dennoch bleich. Er las mit einer wilden und überlauten Stimme, die gleichwohl im Innersten bebte, wanke und von Kurzluftigkeit beeinträchtigt war. Die Hand, in der er den beschriebenen Bogen hielt, war breit und rot, und dennoch zitterte sie. Er stellte ein unheimliches Gemisch von Brutalität und Schwäche dar, und wa er las, stimmte auf seltsame Art damit überein.

Es waren Predigten, Gleichnisse, Thesen, Gesetze, Visionen, Prophezeihungen und tagesbefehlartige Aufrufe...Ein fieberhaftes und furchtbar gereiztes Ich reckte sich im einsamen Größenwahn empor und bedrohte die Welt mit einem Schwall von gewaltsamen Worten. Christus imperator maximus war sein Name, und er warb todbereite Truppen zur Unterwerfung des Erdballs, erließ Botschaften, stellte seine unerbittlichen Bedingungen, Armut und Keuschheit verlangte er, und wiederholte in grenzenlosem Aufruhr mit einer Art widernatürlicher Wollust immer wieder das Gebot des unbedingten Gehorsams. Buddha, Alexander, Napoleon und Jesus wurden als seine demütigen Vorläufer genannt, nicht wert, dem geistlichen Kaiser die Schuhriemen zu lösen...Das einsame Ich sang, raste, und kommandierte. Es verlor sich in irre Bilder, ging in einem Wirbel von Unlogik unter und tauchte plötzlich an gänzlich unerwarteter Stelle grässlich  wieder empor. Lästerungen und Hosianna – Weihrauch und Qualm von Blut vermischten sich. In donnernden Schlachten ward die Welt erobert und erlöst...

Gegen halb elf Uhr sah man, daß der Jünger das letzte Folioblatt in seiner roten und zitternden Rechten hielt. Es war zu Ende. ‚Soldaten!’ schloß er, am äußersten Rande seiner Kraft, mit versagender Donnerstimme: ‚Ich überliefere euch zu Plünderung – die Welt!’ Dann trat er vom Podium herunter, sah alle mit einem drohenden Blick an und ging heftig, wie er gekommen war, zur Tür hinaus.“

 

Zur Verdeutlichung ihres Sinnes von mir stark modifizierte Auszüge aus Ludwig Derleths „Proklamationen“

 

„Wir sehen, daß die Geschichte im Auslaufen begriffen ist. Wir stecken einen kostbaren Palast in Brand und fordern unsere Brüder auf, das Gleiche zu tun als Signal. Wir machen uns bereit, am Werke großer Schicksalswendungen tätig zu sein.

Allen primitiven, anfänglichen Naturen, in welchen noch uralte Instinkte lebendig sind, wird das Evangelium der Gewalt gepredigt und solchen, die an die gesetzlose Notwendigkeit glauben. Wir wenden uns an die niedrigsten Kinder des Reiches, welche mit Verleugnung ihres eigenen, geringen Lebens eines großen Gehorsams fähig sind. Wir sprechen zu den kriegerischen Söhnen Europas. Eine neue Zeit der Nachfolge Christi bis zur äußersten Tapferkeit ist im Kommen. Alle Handlungen, Worte und Gefühle nehmen historischen Stil an. Wir halten unseren höchsten Willen aufrecht bis zum Augenblick des ersten Sieges, allerdings mit furchtbaren Verlusten der Elite. Wir fordern die Weltunterwerfung!

 

Der Wahn herrsche !

 

Die Schlacht auf dem ewigen Felde des Geistes wird gewonnen! Für den Napoleon der Metaphysik und alle geistigen Eroberer der Unfehlbarkeit ist nur ein ekstatisches Wissen, nicht aber das natürliche Licht des gesunden Menschenverstandes den gewaltigen Aufgaben des künftigen Reiches gewachsen. Es ist erforderlich, daß die dämonische Unterwelt von ihren eigenen Künsten gestürzt wird. Das ist die neue Kampfweise ! Es geht um Weltstellung und Unsterblichkeit! Wir führen die letzten Kämpfe mit der vernichteten bürgerlichen Moral und die ersten Vorpostengefechte mit der Vernunft, um die schrankenlose Gedankenfreiheit abzuwenden. Wir wollen die Sonne der natürlichen Vernunft verdunkeln, damit sie in der ewigen Nacht der Götterdämmerung des klaren Gedankens versinke und der Wahn herrsche !

 

Dämme gegen den Wahnsinn der Vernunft

 

Zwischen uns und Euch ist ein Abgrund aufgerissen! Es gibt eine große Welt von innerer Visionen, von der die Menschen nichts wissen kann. Warum ? Wegen des Abgrunds. Das Aufwerfen kosmischer Dämme gegen den Wahnsinn der Vernunft ist kein Werk logischer Tätigkeit. Um die Grenzen im Grenzenlosen behaupten zu können, dazu gehört mehr als der praktische Verstand und logische Tätigkeit. Dazu gehört Heiligkeit und Heroismus.

Die moderne Wissenschaft macht das Leben ohne Sinn. Ihre abstrakten Erkenntnisse haben keine Bedeutung für das Schicksal des Volkes. Die Wissenschaftler, Kinder eines tageslichtscheuen Geschlechtes, vermessen sich, das Allerheiligste der Menschheit anzutasten. Leider ist der Tag noch ferne, an dem vernichtet wird, was sich nicht veredeln lässt.

Gegen die Wissenschaft setzen wir ein außerordentliches Lebensgefühl, welches von uns als zukünftige Aristokraten regiert wird. Wir verachten die Meinung der Menschen, und berauscht von unserer Art der Vernunft werden wir das Denken der Menschheit einnehmen wie eine belagerte Stadt.

 

Wir verachten die Klugheit !

 

Das ist die Botschaft meines himmlischen Vaters an Euch: Wir verachten die Klugheit und das menschliche Mitgefühl. Für uns zählt nur das göttliche Gesetz. Wir müssen uns ganz einsetzen, ohne Rücksicht auf die eigene Person. Wir sehen die Welt nur durch den Spiegel unserer Religion. Ihr seid Jünger ! Stürzt euch jung ins Feuer, und ihr werdet nicht altern, sondern ewig jung bleiben !

Ein Fanal ist entzündet, um das sich die Fahnen der Unterlegenen sammeln. Kommt zu uns ihr alle, ihr in der Esse des Leidens gehärtete Soldaten ! Alle schließen sich an, die im Bereich der vernunftlosen Kreaturen leben und für sich das heilige Recht des Aufruhrs in Anspruch nehmen ! Vernehmt den Aufruf unseres Herren, ihr Legionen ! Wie Napoleon der Große erheben wir uns gegen die Gewalthaber, erfüllt von den Plänen einer schlaflosen nacht und kämpfen für die Herrschaft über Staat, Kirche und über den ganzen Planeten. Die von Menschen überfließende Erde soll ein goldner Ball in der fürstlich frommen Hand eines Menschen sein, dessen Befehlshaber mit dem Heer der Sterne verbündet sind und für den der glücksbringende und mächtige Jupiter hinter den Wolken hervorkommt.

 

Hier steht der Wahnsinn in Person !

 

Hier steht der Wahnsinn in Person. Verglichen mit mir sind alle vernünftig, also bedeutungslos. Ich bin gesäugt von den ehernen Brüsten der Notwendigkeit, aus der Tiefe strömen mir die Kräfte der Erdmutter zu, und von oben habe ich den Beistand der himmlischen Mächte. Greift die ersten Männer der Nation an und führt ihnen zu Gemüt, daß ihr trotz aller Niederlagen die einzige unbesiegbare Macht im Land seid, weil ihr die Siege eurer Widersacher bis zum Abschluß der Geschichte überdauert.

Ich bin der Generalissimus, ich stelle ein Faktum dar, und die mir nachfolgen, sind nur Faktoren, d. h. Täter. Ich treffe aus diesem chaotischen Ganzen der Menschheit eine Auslese, eine Legio, zusammen, Männer, die ich in die festen Mauern meines Gesetzes gürte, geschlossene Einheiten für das Christentum. Ich werde das Ganze in Trümmer schlagen und die Bruchstücke von neuem organisieren. Ich bin das letzte Glied einer aufsteigenden Kette von sichtbaren Statthaltern Gottes auf Erden und rage in das ekstatische Reich hinüber. Ich werden dem Ganzen die Notwendigkeit auferlegen, entweder das Ganze zu sein oder nicht zu existieren. Kein Christ hat mehr das Recht, einzeln zu sterben. Er fällt mit seinem Nächsten.

 

Wir brechen in das Schatzhaus der Geschichte ein !

 

Die Einheit der Welt ist heute eine Tatsache. Ich richte mein Reich auf mitten im Herzen dieser Welt. Das Herz von Europa ist in Euch.

Wir brechen in das Schatzhaus der Geschichte ein. Die neuen Völkerwanderungen bleiben nicht aus, und damit endet die katholische Macht nicht. Sie wird die schwarzen Massen zu einem Gewitter zusammenziehen. Die Leuchte der Welt, die Essenz der Gewitter, der Blitz wird unter Wehen geboren. Wer geblendet zurückweicht, wird mit der Wurzel ausgerottet. Die Mittel dazu sind der Krieg, die Keuschheit und die Pest.

Unter dem Donner und Blitz einer Sturmnacht in Babylon stehen die Toten auf; vor den Stufen des Turmes drängen und mischen sich alle Völker der Geschichte. Die gewaltigen Rufe werden laut: Das Testament ! Lest das Testament ! Das Testament des Christus ist der Krieg.

 

Soldaten, der heilige Wahnsinn bricht aus. Ihr müsst euch entscheiden: Für Christus. Er ist der Bruder der römischen Cäsaren, und er wird die Herrschaft antreten. Das Reich, um das  gerungen wird, ist Christi Königreich. Niemand vermag sich seinem Kriegsrecht entziehen. Es steht nicht in seiner Macht, kein Soldat zu sein. Wir kämpfen um das Ganze. Wir wissen uns im Gegensatz zu den Massen. Wir machen uns fertig zum Aufstand gegen die gesamte Ordnung der Welt. Der Tod wird für euch ein Fest sein, ihr werdet für ein großes Reich fallen, unter den Augen von Christus Imperator Maximus.

Außerhalb der Division sollt ihr keinen Haus und keinen Herd haben. Man hat die ersten Christen des Hasses auf das Menschengeschlecht bezichtigt. Dazu stehen wir. Ja, wir hassen die Menschheit. Unsere Liebe zu Christus bedeutet, daß wir mit der Familie, mit dem Volk und mit der Menschheit brechen. Er reinigt unsere Leidenschaften und reißt sie in seinen heiligen Willen. Christus hat uns aus der frevelhaften Freiheit erlöst. Außer Jesus befiehlt keiner. Unser Herr ist Christus Imperator Maximus. Und ich bin sein irdischer Stellvertreter.

 

Ich will den Heiligen Krieg !

 

Mit den Entwürfen meiner schicksaltsträchtigen Seele habe ich den ruhmsüchtigen Traum meiner Jugend genährt.  Meine Seele hat sich an das Ungeheuere gewöhnt, und der Alltag wurde mir schal und unerträglich. Die enge Heimat konnte mich nicht mehr fassen. Ich will die Welt zum wandernden Zelt in meinem Heiligen Krieg machen. Und alle, die ihr unter meinen Standarten gefochten habt und vom Sternbild meines Ruhmes umfunkelt wart, meint ihr, ohne mich bestehen zu können ? Das ekstatische Kraftgefühl goss ich euch in Mark und Blut. Vorderste auf den Heerstraßen der Menschheit, Erstlinge im Untergang, ihr werdet nicht mehr davon abzulassen imstande sein.

Soldaten, ich schreibe mit euch einen Satz, welcher der Sinn des Lebens ist. Wir unterwerfen die Welt, oder sie vergeht. Statt der Worte setzen wir die blutgetränkten Zeichen der Aktionen.

 

Gemeinsam im Heer des großen Feldherrn Christus kämpfen !

 

Gegen die demokratische Ordnung der modernen Welt stellen wir das gefürchtete Vorbild des Gehorsams auf. Wollt ihr Beispiele ? Die römische Infanterie, die Assassinen, die Jesuiten. Bruder und Nächster ist für euch nur der, der mit euch gemeinsam im Heer des großen Feldherrn Christus kämpft. Die Erde, die von Jesus Christus abgefallen ist, wird als aufständisch behandelt und unter das Kriegsrecht gestellt. Es wird eine große Zerstörung der alten Ordnung sein. Meint ihr, ich schicke euch ins Wohlleben, zu den Weibern und zu eueren lieben alten Geschäften zurück ? Ihr marschiert ins Feuer. Soldaten, ich brauche euer Leben bis zum letzen Mann !

Ihr sollt ein Abscheu werden für die Welt, weil ihr im Gehorsam die treuen Jünger Jesu seid. Ich stoße euch wie eiserne Keile in den Staat und zerstöre die alten Ordnungen und die, die sich stolz dünkten und hochfliegende Pläne hatten. Ich führe euch in die heilsame, blutrote Bewegung.

Wir stellen uns selbst unter ein Kriegsrecht, gegen welches die härtesten Formen der alten Gesetzlichkeit milde erscheinen. Notfalls können wir uns vorstellen, mit dem alten Adel gegen die freihheitssüchtigen Widersacher zu kämpfen. Wir sind vom Blutgeruch eines neuen Weines trunken. Alles andere folgt daraus.

Wir erkennen die Nachfolge Christi an und fühlen uns als Elite der Welt. Wir treiben es bis zur offenen Empörung, auch wenn wir allein bleiben. Das große neue Schlachtfeld Europa öffnet sich ! Die Nacht des Chaos speit gähnend uralte Ungeheuer aus. Der Weg zum Leben geht durch den allgemeinen Untergang. Wer uns folgt, verkaufe alles, was er hat. Die freiwillige Armut ist kein Akt der Menschenliebe, sie ist nur ein Ausdruck der Entschiedenheit, mit welcher wir alle Brücken hinter uns abbrechen und die letzten Schiffe verbrennen.

Ich verpflichte meine Streiter auf das schwarze Sakrament des Todes. Ohne Hoffnung stürzen sie in das flüssige Feuer aus den Stellungen der Kanonen. Ich schicke sie voran als Pioniere, um eine Bahn zur unsterblichen Macht zu bauen. Ich bin der Befehl, der Eingang und das Leben. Schon ist mein griechisches Feuer an die Pforten der Erde gelegt. Das alte Reich siechte dahin. Das Schiff der Revolution muß durch den Blutdonner. Die Blitze Deiner Worte schießen durch die Blutwärme der gärenden Völkermaterie und bringt den Tod. Die jungen Männer stürzen sich wie Falter in Dein flammendes Licht. Ihr Tod ist notwendig für den Triumph der Lebendigen. Ein guter General kann nicht ohne Schonung Krieg führen. Die Feldherrn werden mit dem schwarzen Machtzeichen des Todes auftreten. Wir werden zu Divisionen, die ihren Stolz darein setzen, dezimiert zu werden, bis die Unsterblichen übrig bleiben. Wir sind Garden, welche vorgehen im Feuer zerspringender Geschosse, die keinen Widerstand kennen, weil sie mit der Zerstörung selbst verbündet in die feindlichen Kader brechen, und welche nur auf das Kommando warten, das ihnen den Weg in das feindliche Zentrum zeigt. Kurz ist der Weg in das feindliche Herz für diejenigen, welche im Kampf untergehen. Du, Jesus Christus, bist der Feldherr, führe uns diesen Weg. Christus Imperator Maximus, auf dich sind die Augen ungezählten Volkes gerichtet. Ich bin gekommen, um dir zu dienen. Ich habe für die Erhaltung einer Armee zu sorgen. Mein sind Werften und Schiffe, müßiges Kriegsvolk im Lager, der fallende Soldat und noch der letzte Vorposten, der im beweglichen Sand der Wüste verschmachtet.

Kommt alle zu mir, ich gebe euch das Machtgefühl in eurer menschlichen Not, damit ein neues Glück euch durch Mark und Adern glüht. Der Gehorsam macht euch sehend. Der Sinn und Zweck ist nicht in dieser Welt, sondern in meiner Strategie. Ich bin kein Kriegsgott, sondern der Krieg. Ich gieße euch meine Forderung ins Blut. Der neue Krieg läuft durch die Geschichte der Welt. Soldaten, das Licht der Erde gebe ich euch. Ich habe euch hoch über die Menschen gestellt. Ihr erklärt einen Ort zur Hauptstadt der Welt durch eure Gegenwart.

Maria ! Unüberwindlich ist die sanfte Macht des Ewig-Mütterlichen, eine Naturgewalt wie das Wasser. Unter glücksgesegnetem Gewinn wird uraltes Leid durch überschwängliche Freude getilgt. Mutter des stets siegreichen Christus, Herrin des höchsten Lebensgefühls, wir rufen im Liebesbrande einträchtig zu dir, daß unser dürstende Hoffen getränkt werde. Du bist die lorbeergrüne Insel der Glücklichen, Delos, die vor den Augen der Schiffbrüchigen auftauchte, als ihr goldenes Schiff Argo mit allen Göttern der Zukunft an Bord unterging. Wir sind ewige Flüchtlinge und Gäste auf dieser Welt. Wir haben uns an dein Ufer gerettet, du vom Geheimnis umgürtete Göttin. Du gewährst und eine Wohnung und eine Festung des Bewusstseins, wo wir bleiben können und sicher sind vor dem Unheil finsterer Schrecken.

Noch steht das Erbe aus von Alexander, Mohammed und dem göttergleichen Napoleon. Krieg und Kreuz. Das Himmelreich ist wie ein Feldherr, der neue Heere aushebt. Man fragte den großen Alexander: Ist es  möglich, die Legionen über die Grenzen der bewohnten Welt ins Unbetretene zu führen ? Und Alexander antwortete: Morgen brechen wir auf.

Ein Dämon im Angriff war Martin Luther, welcher die erste unheilbare Wunde in die Defensivsysteme des alten Glaubens legte. Was für die Ewigkeit gegründet war, drohte zu Schutt zu zerfallen und das prunkreiche Paradies des Papstes wurde von den Lavagluten des Wortes verbrannt. Aber Roms Fülle und Einheit trotze dem Ruin. Wir verehren Igantius von Loyola, welcher sich mit einer handvoll Soldaten in die Bresche stellte und die Zertrümmerer abwehrte. Damals wurde ein neuer Setzling der Gewaltherrschaft in die römische Erde gesenkt und alle Völker als Werkzeuge für den Bau des göttlichen Reiches berufen. Wir unterwerfen uns bedingungslos dem Führer mit dem  Feldherrnstab, der erwartet wird als der König und Weltheiland und Retter der Zeit.

Sie haben die Befehlshaber abgeschafft und glauben mit Verfassungen das eiserne Regiment der Mittelmäßigkeit gründen zu können. Aber es gibt noch das Evangelium, das herrschsüchtigste Buch. Hoch fliege der Adler Christi über den Hohn der Welt ! Machen wir uns auf den Weg zu Christus. Verlernen wir das Lachen. Nach außen hin der Hass in allen Flammen. Unter Euch aber, ihr Brüder der Auslese, sei Ruhm und Liebe und Mitleid vereint. Fastet und schmückt euer Haupt mit einem Kranze. Neue Menschheit. Neuer Wein.

Fürchtet euch nicht. Marschiert ins Feuer. Soldaten, ich gebe Euch zur Plünderung die Welt.“

 

Warum Derleth seine Proklamationen nicht selbst verlas

 

In der Zeit, als die Karwoche nahte, kündigte Derleth die Verlesung der „Proklamationen“ auf einem Flugblatt an. Dessen oberer Teil zierte eine flügelschlagenden Adler, der einen Degen in den Klauen hielt. Die Zeichnung stammte von Karl Bauer (nach einem ähnlichen Bild von Meissonier). Die untere Hälfte trug den Text:

 

„Zu den Proklamationen Ludwig Derleth in der Karwoche 1904 wird .... gebeten um bereitwillige Gegenwart ...

Convent Destouchesstraße 1“

 

Dreimal wurden bis zum Gründonnerstag die „Proklamationen“ verlesen. Das Manuskript hatte Derleths Schwester Anna ins Reine geschrieben.  Derleth war nicht anwesend. Am ersten und dritten Abend lasen Anna Derlth und die Schauspielerin Ria Claasen, am dritten Abende der Germanist Rudolf Blümel.

 

Wenn Derleth die Proklamationen selbst verlesen hätte, wäre jedem klar gewesen, daß er größenwahnsinnig ist. Wenn sie jemand anders vorlas, waren sie das Werk eines Dichters. Was waren die Proklamationen aber wirklich – das Werk eines Größenwahnsinnigen, der die Welt zum Heiligen Krieg aufrief, oder das Werk eines Dichters, der seine Zuhörer unterhalten und zum Nachdenken bringen wollte ?

Aus der Biographie Derleths geht eindeutig hervor, daß er sich in der ersten Hälfte seines Lebens intensiv bemühte, Anhänger zu finden, die bereit waren, sich seinem Macht- und Herrschaftsanspruch zu unterwerfen. Sie sollte in eine strenge klösterliche Ordnung eingepresst sein. Die Regeln wollte Derleth natürlich selbst aufstellen.

 

Warum Derleth mit seinen große Plänen gescheitert ist

 

Um seinen Größenwahn auszuleben, hätte Derleth an die Spitze einer Hierarchie gelangen müssen. Er ging diesen Problem an, indem er versuchte, als Guru eine Art Templersekte zu gründen, hierin vergleichbar mit Jörg Lanz von Liebenfels, dem es tatsächlich gelang, eine Sekte zu gründen, den Neutemplerorden. Aber extreme Charaktere schaffen es nicht, aus eigener Kraft eine große Organisation aufzubauen. Wer an der Spitze einer Organisation stehen will, muß dieser Organisation mit ganzem Herzen und mit ganzer Kraft dienen. Da heißt es, das eigene Ego und die eigenen Wünsche zurückstellen, auf vieles zu verzichten und fleißig im Dienst einer Sache arbeiten. Derleth war aber Egozentriker und sein Wohlbfinden und sein „sich gut fühlen“ waren ihm viel zu wichtig, als dass er sich den Strapazen und Risiken einer ernsthaften Verschwörung oder einer Revolte unterzogen hätte – ganz anders als Lenin, der eine Zeitlang in Schwabing wohnte und an der Weltrevolution arbeitete.

 

Die andere Möglichkeit, an die Spitze einer Organisation zu gelangen ist es, sich hochzudienen. Wer immer „Jawohl“ sagt, zu dem wird man eines Tages ebenfalls „Jawohl“ sagen. Exzentriker und Bohemièns wie die Kosmiker waren von ihrer ganzen Charakterstruktur und ihrem Lebensentwurf überhaupt nicht dazu geeignet, sich in einer Hierarchie nach oben zu dienen. So konnte ihr Einfluß auf die Welt niemals der einer direkten Machtausübung, sondern immer nur eine indirekte sein. Sie konnten durch ihre gesprochenen und geschriebenen Worte nur Menschen beeinflussen, die in Hierarchien an die Spitze gelangten.

 

Wenn man den Lebenslauf eines Josef Dschugaschwili alias Josef Stalin verfolgt, dann sieht man, wie dieser hinterlistige und verschlagene Mensch sich in einer ständig wachsenden und mächtiger werdenden Hierarchie, der sozialistischen Partei Russlands, nach oben schlich. Nach außen hin war er der unauffällige und angepasste Funktionär, der zuverlässig seine Aufgaben erledigte. In Wirklichkeit ließ er einen seiner Gegner nach dem andern verhaften und umbringen. Es ging ihm nie um Selbstdarstellung oder Lebensgenuß, sonder nur den Aufstieg an die Macht. Stalin war kein Bohèmien und kein Größenwahnsinniger, sondern eiskalt rechnender Realist. Deshalb hatte er Erfolg, und Derleth nicht.

 

Ein besonderer Fall ist Adolf Hitler. Er begann sein Leben als Erwachsener als Bohèmien in Wien und kam im Mai 1913 nach München, wo er bis Beginn des ersten Weltkrieges als armer Maler und Bohèmien lebte. Aber dann kam der Krieg und Hitler meldete sich voll Begeisterung freiwillig. Derleth redete nur vom Krieg, Hitler machte ihn mit. Im  Krieg lernte Hitler sich einzuordnen. Er lernte „Jawohl“ zu sagen – ein Wort des dienenden Gehorsams, das einem Bohèmien sonst nie über die Lippen kommt. Allerdings wird, wenn sich ein Krieg in die Länge zieht, immer weniger Disziplin duchsetzbar.

Karriere in der Armee Kaiser Wilhelms machte Hitler nicht. Er blieb vier Jahre lang Gefreiter. Das bedeutet, er legte auf Karriere keinen Wert oder aber, seine Vorgesetzten hielten ihn nicht qualifiziert für Führungsaufgaben.

In der DAP des Anton Drexler brauchte er sich nicht unterzuordnen oder hochzudienen. Er trat im Sept. 1919 in die erst am 5. Jan. 1919 auf Betreiben der Thulegesellschaft gegründete Partei ein (als Spitzel der Reichswehr) und war schon bald der Hauptredner und Agitator. Seine Parteigenossen brauchten seine Talente und Drexler war (wenn auch widerwillig) bereit, die Führung der winzigen Partei an ihn abzugeben. Der Partei strömten dank Hitlers rednerischer Fähigkeiten immer mehr Leute zu; darunter waren viele, die gelernt hatten zu arbeiten, sich unterzuordnen, Opfer zu bringen, zu kämpfen und zu organisieren. Sie waren durch die Schule der Armee und des Krieges gegangen. Sie übernahmen das, wozu der Bohèmien Hitler weder in der Lage noch willens war: hart und ausdauernd zu arbeiten.  Hitler war klug genug, seine Grenzen zu erkennen und die anderen gewähren zu lassen, solange es in seinem Sinne war und sich auf seine Stärken zu konzentrieren. Die bestanden darin, Menschen,  Situationen und Umstände richtig einzuschätzen, Impulse zu geben, andere Menschen zu beeinflussen und für sich zu gewinnen, ja, sie zu „hypnotisieren“, wie er später selbst sagte. Das Leben, das Hitler in München führte, hatte durchaus noch bohèmienhafte Züge. Er saß nicht in der Parteizentrale, die sich übrigens in der Schellingstraße 50, also mitten in Wahnmoching befand, sondern er traf seine Parteifreunde und sonstige Gesprächspartner in den umliegenden Lokalen (dem Schellingsalon und der Osteria Italiana). Außerdem verkehrte er gerne in den Cafés, Salons, Kaffeehäusern und Bierlokalen Münchens, z. B. in den Carlton-Teestuben in der Briennerstraße, im Cafe Heck in der Galeriestraße, im Café Weichart (neben dem Volkstheater) und im Café Neumaier (Ecker Petersplatz/Viktualienmarkt).

Ludwig Derleth dagegen saß in seiner „Burg Alamut“ am Marienplatz 2, im fünften Stock, hoch über der Stadt, und empfing seine Besucher zu Gesprächen unter vier Augen, wie ein Beichvater, Psychiater oder Chef eines geheimen Ordens.

 

Derleth und die Kosmiker haben sich von Anfang an als Spinner und Psychopathen zu erkennen gegeben. Hitler und Stalin erst sehr spät, nämlich als so ganz oben an der Spitze waren. Weder Hitler noch Stalin wären in einer normalen Partei und zu normalen Zeiten nach oben gelangt. Nur in extremen Parteien und zu extremen Zeiten konnte ihnen das gelingen. Derleth wollte einen Orden kämpferischer Mönche gründen. Himmler tat es. Aber das war nur im Rahmen einer Partei möglich, die die Staatsmacht bereits usurpiert hatte.

 

Doch zurück zu der Frage, wie ein Psychopath wie Hitler an die Spitze des Staates gelangen konnte, während der Psychopath und Spinner Derleth mit seinen Traum, ein ganz Mächtiger zu werde, scheiterte. Als Hitler als politischer Agitator begann, träumte er sicher noch nicht davon, Deutschlands Diktator zu werden. Zunächst ging es ihm nur darum, sich endlich eine Existenz zu schaffen, in welcher er Anerkennung und Bestätigung finden konnte. Hitler war Pragmatiker und Realist, der sich nur überschaubare und erreichbare Ziele setzte. Derleth setzte sich von Anfang an die höchsten und utopischsten Ziele. Hitler konnte seiner Umgebung glaubhaft machen, daß es ihm um die Partei und um Deutschland ging, und nicht um seinen persönlichen Ehrgeiz. Bei Derleth stand das „Ich“ und der Ehrgeiz unverkennbar im Mittelpunkt.

 

Ludwig Derleth’s Biographie

 

Er wurde am 3. Nov. 1870 in Gerolszhofen bei Würzburg als erstes Kind des Rechtspraktikanten Johann Derleth und seiner Frau Anna Maria, geb. Strobel, geboren. Vier Jahre später, am 18. Aug. 1874 kam seine Schwester Anna Maria Regina zur Welt. Sie wurde seine getreue Helferin.

Sein Vater Johann Derleth (1837 bis 1906) hatte von 1858 bis 1862 in München Jura studiert und wurde 1872 Gerichtsschreiber am Landgericht in Stadtprozelten und 1879 Amtsrichter in Bischofsheim an der Rhön. 1885 ließ er sich wegen eines Leidens frühpensionieren (er war also 58) und siedelte nach Nürnberg über. Dort besuchte Ludwig Derleth seit 1883 das Alte Gymnasium (Melanchton-Gymnasium, damals Egidien-Gymnasium). Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Ludwig Derleths Vater in München.

In Stadtprozelten war der Knabe Ludwig Derleth von der Ruine der Henneburg fasziniert. Burg und Stadt hatten den Rittern des Deutschen Ordens gehört. So wie bei Alfred Schuler die römischen Ruinen bei Zweibrücken seine Phantasie in Bewegung gesetzt hatten und ihn dazu brachten, sich mit den Römern zu identifizieren, so waren es bei Ludwig Derleth die Ruinen der Ordensburg in Stadtprozelten, die bei ihm eine Prägung hinterlassen hatte und ihn dazu brachte, von einer Zukunft als Oberhaupt eines militanten Ordens zu sehen.

Derleths Vater war während seiner Zeit als Amtsrichter in Bischofsheim gerne Gast bei den Mönchen im Franziskanerkloster Kreuzberg. Den kleinen Ludwig nahm er wohl gelegentlich mit.

1884 fand im Sudan der Aufstand des Mahdi statt. Diesem religiösen Fanatiker und selbsternannten Messias gelang des den britischen General Gordon zu besiegen. Derleth schrieb ein Gedicht auf den Mahdi und forderte in am Schluß auf, sich für das Paradies töten zu lassen.

In seinen letzten Jahren auf dem Gymnasium las und studierte Derleth überaus eifrig. In seinem letzten Schulzeugnis schrieb sein Lehrer Rektor Dr. Authenrieth: „Übertriebenes Studium hat diesem äußerst strebsamen, fleißigen und braven Schüler ein nervöses Leiden zugezogen, das wegen Überreizung des Gehirns ihm besondere Schonung zur Pflicht macht und ihn im ganzen nur als Hospitanten (d.h. Kranken) betrachten läßt.“ Aber er machte am 8. August 1889 das Abitur. Auch im Abiturzeugnis ist die Rede von einem schweren Nervenleiden.

 

Derleth kommt als Student nach München

 

Im Herbst 1889 trug sich Derleth in München als Student der Philosophie ein um Gymnasiallehrer zu werden. Er belegte Vorlesungen  der Philosophie, Altphilologie, Germanistik, Geschichte, Orientalistik und Physik. Die Familie Derleth wohnte in der Zieblandstraße (die parallel zur Schellingstraße und südliche des alten Nordfriedhofes verläuft, liegt also in der Maxvorstadt und in unmittelbarer Nähe Schwabings). Der Student Derleth  wohnte aber nicht bei seinen Eltern, sondern mietet sich ein Atelier (also einen ausgebauten Dachboden mit großen Dachfenstern) an der Leopoldstraße. Als Derleth sein Studium abgeschlossen hatte, arbeitete er von 1893 (mit Unterbrechungen) bis 1906 als Lehrer an verschiedenen Bildungsanstalten. Danach schied er aus dem Schuldienst aus und ging keinem Broterwerb mehr nach. Die Berufsarbeit war ihm ein verhasster Zwang, dem er nur nachging, weil er das Geld für den Lebensunterhalt brauchte. Sein Ausscheiden aus dem Berufsleben fällt mit dem Todesjahr seines Vaters zusammen; man kann also vermuten, daß eine Erbschaft es im erlaubte, seinen Beruf an den Nagel zu hängen. Seine Mutter lebte noch bis 1915 und bezog, ebenso wie die Mutter Schulers, eine Beamtenpension.

 

Derleth als Schullehrer

 

Derleth war anscheinend kein schlechter Lehrer. 1894 kam er als Gymnsialassistent an des Studienseminar St. Josef in Münnerstadt (Unterfranken). Dieser Schule hatte er vor zwölf Jahren selbst einmal besucht. Einer seiner Schüler, Otto Reeb beschreibt den jungen Lehrer: „Eine kaum mittelgroße, zartgliedrige Gestalt, sorgsam und mit diskreter Eleganz gekleidet, im schwarzen Gehrock, mit nach Art der Künstler geknüpfter Krawatte, trat der Ankömmling eigentümlich federnden Schritts, gelassen und völlig unbefangen vor die Mitte der ersten Bankreihe, fordert mit leiser, ruhiger Stimme zum Sitzen auf und warf dann wortlos einen Blick über die Schülerschar. Aber der Blick kündete den Mann. In einem edel geschnittenen, völlig rasierten Gesicht mit adlerhaftem Profil, von auffallender, aber nicht eigentlich krankhafter Blässe, das künstlerhaft lang gehaltenes, schwarzes Haar umrahmte, brannte ein Paar sehr dunkle Augen mit einem Ausdruck intensiven Lebens, einer alles verachtenden Entschiedenheit und einer geradezu imperatorischen Energie. Nicht drohend war der Blick, aber man erkannte: Das ist ein Mann. Dabei war die Erscheinung...keine Spur von Pose oder eitler Selbstgefälligkeit, vielmehr schien die ganze Art echt und Ausdruck der innersten Natur...

In Derleths Art des Übersetzens trat ein Zug seiner Geistesart zutage, der auch sonst bemerkbar wurde, ein Drang zum Äußersten, Höchsten, ja Utopischen und Unmöglichen, ein Zug, der von einer gewissen Gewaltsamkeit nicht frei war, aber keineswegs zu unerfüllbare Forderungen an den Schüler führte...“

Derleth beachtete außerhalb es Unterrichtes seine Schüler überhaupt nicht und unterhielt weder mit Kollegen noch sonst jemanden einen privaten Verkehr, sondern lebte in stolzer Einsamkeit völlig für sich. Ein dunkler, ja düsterer Ernst umgab ihn.“

 

Derleth kann seine Traumfrau nicht bekommen

 

Im Sommer 1893 kam eine anmutige und geistvolle junge polnische Aristokratin, Jadwiga de Janakowska , deren Familie in Paris lebte, nach München, um Malerei zu studieren. Jadwiga hatte Anna, die Schwester von Derleth, die eine ansehnliche junge Frau, als diese mit dem berühmten Gang der Münchnerinnen die Straße entlangschritt, angesprochen und zu ihrer Freundin gemacht. Derleth verliebte sich offensichtlich in die schöne Polin und trat mit ihr in einen Briefwechsel ein. Derleth unterrichtete in Hammelburg und Jadwiga war zu ihren Eltern nach Paris heimgekehrt. Im Sommer 1894 fuhr Derleth nach Paris und stellte sich bei ihren Eltern vor. Er wollte seine Jadwiga erobern. Die Eltern waren strikt dagegen. Offensichtlich waren Janakowskis reiche Aristokraten im Exil. Ein kleiner Gymnasiallehrer war wohl nichts für ihre Tochter. Aber es gab noch andere Gründe: Jadwigas Mutter sagte zu Derleth: „Sie sind ja ein Brahmane !“. Im Klartext hieß das: „Sie sind in nichtstuerischer, fanatischer Pfaffe. Einem wie Ihnen werde ich das Schicksal meiner Tochter nicht anvertrauen !“ War dieser Moment der Niederlage der Punkt, an dem Derleth sich sagte: „Wenn ich schon nicht Jadwiga erobern kann, dann muß ich mich halt mit der Welt begnügen !“? 

Derleth gab Jadwiga zum Abschied ein kleines Kreuz mit der Aufschrift: „Leb wohl, fromme Seele.“ Mit diesem Spruch verabschiedeten sich die Christen in den römischen Katakomben von ihren Toten. Das hieß: „Für mich bist du gestorben“. Jadwiga de Janakowska heiratete um 1900 einen polnischen Maler, Josef von Mehoffer. Dieser hat übrigens die wunderschönen Jugendstil-Glasfenster der Kathedrale von Fribourg (Schweiz) geschaffen. Mit ihm ging sie nach Krakau, wo ihr Haus ein geistiges und künstlerische Zentrum war. Sie starb 1956.

 

Derleth kommt in ersten Kontakt mit dem Pariser Okkultismus

 

Aber Derleth war nicht nur wegen Jadwiga nach Paris gefahren. Er besuchte Sar Joséphin Péledan (1858-1918), Großmeister des „Ordens vom Rosenkreuz und vom Tempel und vom Gral“, einen Verfasser esoterischer Romane, der die Rosenkreuzerbewegung erneuern wollte. Er wollte den Okkultismus und den katholischen Glauben, die Rosenkreuzer und die Kirche miteinander verbinden.

 

Derleth vertiefte sich in Péledans Schriften, die Titel trugen wie: „Wie man Magier wird“ (1892), “Wie man eine Fee wird“ (1893), „Wie man Künstler oder Künstlerin wird“ (1894). Péledan strebte die Bildung einer Elite an, die sich der Ordensregel der Rosenkreuzer unterwarf. Ohne Zweifel hatte Péledan großen Eindruck auf Derleth gemacht und ihn zu seinen späteren Bestrebungen, einen Mönchsorden zu gründen angeregt (Derleth schrieb später „Das Buch vom Orden“). Allerdings kam für ihn die Ordensregel der Rosenkreuzer nicht in Frage. Der Orden sollte sich natürlich nach der Ordensregel des Ludwig Derleth richten.

Vier Jahre später, 1898 kam Derleth zu einem langen Aufenthalt nach Paris. Da  lernte er den in Paris grassierenden Okkultismus kennen, also Theosophie, Spiritismus, Alchemie, Satanismus und Schwarze Magie. Die Alchemie und das Rosenkreuzertum schlugen sich in Derleths „Der chymische Herkules“ (Teil des „Fränkischen Koran“) nieder. In seinen späteren Jahren erkannte Derleth aber, daß Péledans Esoterik Spekulationen ohne echten Gehalt waren.

Vieles was man in Paris glaubte und tat, kam aus London, wo es die berühmte Madame Helena Blavatski und den Geheimorden des „Golden dawn“ gab. Letztlich lag die Ursache für dieses Aufleben von Magie und orientalischen und afrikanischen Religionen darin, daß London ein Kolonialreich hatte, das Indien, Ägypten und weite Teile des Orients umfasste. Derleth lernt in Paris auch Papus (den Arzt Encausse) kennen, ein Heiler, der Kontakte an den russischen Zarenhof hatte.

 

Derleths Schwester Anna

 

Seine vier Jahre jüngere Schwester war von madonnenhaftem Liebreiz. Sie diente dem Bildhauer Heinrich Wadre als Modell für seine Marmorskulptur „Rosa Mystica“, die er 1899 für die Straßburger Jung-St.-Peter-Kirche schuf. Sie hatte große, ins Grünliche spielende Augen, sehr lange bräunlich blonde Haare, die sie hochgesteckt trug, einen anmutigen Gang und eine direkte Art, sich zu äußern. Sie bewunderte und verehrte ihren großen Bruder Ludwig, dem sie willig folgte. Er legte ihr eine strenge Zucht auf und machte sie zu seiner ersten und vorläufig einzigen Jüngerin. Neben der emotionalen Befriedigung, die es ihr brachte, für einen geliebten Menschen dazusein, brachte ihr dieses Arrangement auch allerlei Vorteile: Sie hatte Teil an der Münchner Gesellschaft, war in Salons und auf Veranstaltungen zu finden und mit vielen Menschen bekannt. Hinzu kam, daß ihr „Zuchtmeister“ meistens nicht in München war, weil er ja in der Provinz Schullehrer war.

 

Derleth macht erste Gehversuche als Dichter

 

1896 veröffentlichte Derleth erstmals Gedichte in der Literaturzeitschrift „Pan“ des Grafen Harry Kessler einge Gedichte. 1898 folgten drei Prosabeiträge.

 

Derleth findet einen ersten Anhänger

 

Er besucht den Volksdichter Christian Wagner in Warmbronn bei Stuttgart. Er lädt ihn ein, eine Woche bei seinen Eltern in der Münchner Zieblandstraße zu wohnen und zeigt ihm die Münchner Museen.

 

Derleth geht nach Rom, um Theologie zu studieren

 

Im Juli 1897 reiste Derleth nach Rom, Er bezieht ein ärmliches Zimmer im Borgo Santo Spirito 49 in der Nähe des Vatikan. Er hat Blick auf die Wohnung des Papstes. Wenn man Papst werden will, muß man Theologie studieren. Deshalb ist er auch nach Rom gekommen. Er möchte sein Leben in München hinter sich lassen und in Rom bleiben. Es gelingt ihn, einen neuen Anhänger zu gewinnen: Karl Widmann. Der macht sich auf nach Zürich, um dort einen anderen Freund Derleths zu treffen. Der nennt sich „Artaval“, eine Zusammenziehung aus König Artus und Parzival. Im bürgerlichen Leben heißt er Georg Oppenheim. Die beiden wollen (anscheinend von Derleth dazu gebracht) nach Jerusalem gehen.

 

Am 30. Juli wird Derleth im polnischen Kloster der Resurrektionisten in der Via di San Sebastianello 11 (in der Nähe der Spanischen Treppe, unterhalb der Villa Medici) als Novize aufgenommen. Hier will er Theologie studieren und neue Anhänger gewinnen.

Als ihn der jüngste der Novizen „Papa Lodovico“ („Papst Ludwig“) nennt, sagt der Präfekt der Novizen zu ihm: „Papst, nein, das werden Sie nicht“. Derleth antwortet: „Woher wissen Sie das ?“. Der Präfekt meint: Das sagt mir die Inspiration. In einem Brief schreibt er: „Ich lese jetzt das Leben Napoleons. Ich fühle mich nicht geringer als er...“

Aber schon am 6. Oktober scheidet Derleth aus dem Noviziat aus. Im Register des Kloster ist über ihn zu lesen: „Entlassen wegen Mangel an Berufung“. Man hatte klar erkannt, daß sich Derleth nicht als Diener der Kirche eignete. Er eignete sich überhaupt nicht zum Dienen, sondern wäre am liebsten Napoleon und Papst in einer Person geworden.

 

Zwischenbemerkung: Derleth, der Jesusfälscher

 

Wenn man sich die Proklamationen Derleths anschaut, sieht man, daß die Botschaft Derleths überhaupt nichts mit der Botschaft Jesu Christi zu tun hat. Jesus war Pazifist und forderte die Menschen auf, einander zu lieben und zu verzeihen. „Alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen“ sagte Jesus bei seiner Verhaftung im Garten Gethsemane, als Petrus dem Malchus mit dem Schwert ein Ohr abschlägt. Die Botschaft Derleths war der Heilige Krieg und die Eroberung der Welt im Namen Christi. Derleth war, um einen Ausdruck Josef Dirnbecks zu gebrauchen, ein „Jesusfälscher“. Er schob seine eignen Wünsche und Ziele Jesus Christus unter, um so seine Ansichten und Wünsche mit der Autorität Jesu vortragen zu können. Die Kosmiker lehnten Christus ab und bekannten sich zum Heidentum. Derleth tat noch etwas viel Schlimmeres: Er verkaufte sein Weltbild als den von Christus gestifteten Glauben und nannte seinen Willen den Willen Gottes. Derleth ist einer aus der langen Reihe der Jesusfälscher, die schon mit dem Apostel Paulus begann.

 

Derleth geht nach Paris

 

Nachdem Derleth am 6. Oktober 1897 aus dem Kloster hinausgeworfen worden war, verbrachte er noch drei Wochen in Rom. Sein Onkel aus Nürnberg hatte ihm Geld geschickt. Dann reiste Derleth weiter nach Paris, wo er am 3. Nov. in der Frühe eintraf. Um die Demütigung seines Rausschmisses aus dem Kloster zu kompensieren und sein gekränktes Ego wieder ins Gleichgewciht zu bringen, schmiedet er grandiose Pläne. An seinen Anhänger Christian Wagner schreibt er: „Nun wohlan – ich mache mich zum Führer eines Aufstandes, wie ihn die Weltgeschichte noch nicht gesehen hat.“ An einen anderen Adressten schreibt er: „Ich vermag nur in einem Zeitalter unbedingter Willkür zu leben.“

Die Realität in Paris ist dürftig. Zunächst kommt er bei dem Maler Gustav Richter junior unter. Vom Januar 1898 an wohnt er für lange Zeit in drei fast vollständig leeren (und wahrscheinlich ungeheizten) Zimmern im Palais Lazun auf der Ile de St. Louis, einer ruhigen Insel in der Seine, gegenüber der Ile de Notre Dame. Heute ist die Ile de St. Louis eine der besten Adressen mittem im Herzen der Metropole. Die Schauspielerin Michèle Morgan lebte hier. Derleth beginnt ein Drama zu schreiben: „Die Sieger“. In diesen Januar-Tagen besuchte ihn Stefan George zum ersten Mal. In dieser Zeit erhielt er einen Brief von der Malerin Marie Stein, die ihn 1897 mit einer Radierung (Titel„Man muß gehen“) porträtiert hatte (Halbprofil von rechts). Sie schrieb: „Ich grüße den großen Heiligen, der das Leiden abschaffen will.“

Am 15. März 1898 schreibt er auf einer Karte an seine Schwester Anna: „Ich kenne einen jungen tüchtigen Maler, der mich sehr gern hat und an mich glaubt.“ Der neue Bekannte ist Georg Kolb.

 

Georg Kolb über Derleth

 

Pieter van der Meer de Walcheren gibt in seinem Tagebuch wieder, was ihm sein Schwager Georg Kolbe über seine Begegnung mit Derleth in Paris erzählt hat:

„Vor Jahren lernte ich einen außergewöhnlichen Menschen kennen: er hieß Ludwig Derleth. Das erste Mal sah ich ihn in Paris in einer Umgebung von Künstlern und Studenten. Unmittelbar traf mich sein Wesen. Es ging eine Gewalt von diesem Menschen aus auf alle, die mit ihm in Berührung kamen. Viel älter als wir war er nicht, ein paar Jahre vielleicht. Ich kann den ersten Eindruck nicht besser verdeutlichen als durch einen Vergleich: Die erste Begegnung mit Derleth war mir ein gleiches Erlebnis, eine gleiche Freude, wie dem Wanderer zuteil wird, wenn er nach langem Irren durch eine verlassene Gegend, wo er vergebens den Horizont suchte, plötzlich bei einer Biegung des Weges eine gewaltige Landschaft erschaut. Entzückt steht er stille in Bewunderung. So erging es mir, als ich Derleth zum ersten Mal sah. Ich spürt unmittelbar in ihm die große innere Gewalt einer Seele...Die Augen, dieser lebendige Spiegel, sahen einen aus fernen Tiefen an, und es kam mir vor, als ob alle Träume ihre Bilder darin hinterlassen hätten. Man fühlte sich in der Nähe eines ganz besonderen Mannes. ...Er war auf der Suche nach Menschen, nach wahrhaftigen Menschen, und sein Ziel war, diese Auserlesenen zu einer Gruppe zusammenzufassen, die, immer wachsend, von dem gleichen Gedanken beseelt und von dem gleichen hohen Streben durchdrungen, geistigen Einfluß auf die Menschen ausüben sollte. Er beauftragte uns, unter unsern Freunden und Bekannten Persönlichkeiten zu suchen, die imstande wären, an der Verwirklichung der Idee mitzuhelfen...Sein Traum war, die Kirche zu reformieren, zu reinigen und eine neue Theokratie zu bilden, in der er selbst eine hohe Stelle einnehmen würde. Man kann nicht behaupten, daß er hochmütig oder ehrgeizig war. Keineswegs ! Aber er besaß die Natur eines Herrschers, die Gabe, die Seelen zu zügeln und sich unterwürfig zu machen und zu fesseln mit den starken Banden der Begeisterung und Bewunderung...Aber ich muß noch von seiner Schwester sprechen. Mild und unterwürfig besaß sie einen absoluten Glauben an Derleths Sendung....Kurz nach meiner ersten Begegnung mit Derleth hatte ich meinen Wohnsitz nach auswärts verlegt, irgendwo in Bayern, um in dem Frieden der Natur zur Klarheit mit mir selbst zu kommen. Längere Zeit sah ich ihn nicht, aber ich schrieb ihm regelmäßig und bekam Antwort von seiner Schwester. Es waren außergewöhnliche Brief, die mir halfen und wohltaten. Ich arbeitete, ich las, ich dachte nach und lebte in Erwartung großer Geschehnisse...Was mich aber hinderte und mich unmerkbar langsam von ihm wegzog, war seine Forderung des unbedingten Gehorsams. Ich war nicht mehr ich selbst, ich fühlte meine eigene Persönlichkeit beengt. Das konnte ich auf die Dauer nicht ertragen. Ich bin geflüchtet...“

 

Karl Widman schreibt aus Bosnien

 

Derleths Schwester Anna erhielt von Karl Widmann, dem Anhänger, den Derleth nach Jerusalem geschickt hatte, einen vom 4.4.1898 datierten Brief. Er schreibt darin, daß er unterwegs nach Saloniki sei. Er erzählt davon, daß er Derleth in Paris ein Versprechen gegeben habe, das er halten werde. Und dann der mysteriöse Satz: „Noch ist sein 33. Lebensjahr nicht erreicht.“ Jesus starb mit 33.

Widman erwähnt auch, daß er vergeblichv ersucht habe, zu den neuentdeckten Goldfelder in Amerika zu kommen (gemeint sind wohl die Goldfunde am Klondike-River). Er bittet Anna, ihm seinen hellen Anzug nach Saloniki zu schicken.

Widman ist offensichtlich auch ein Bohèmien, der die bohème-typische Vorliebe für abenteuerliche Reisen hat. Natürlich leidet er an Geldmangel. Im Offizierkasino von Nevesinje versucht er Feder von einem Geier zu verkaufen, den er geschossen hat – aber ohne Erfolg. Er ist tief frustriert. Dies erinnert an den Versuch der Reventlow, in Oberammergau Bilder zu verkaufen. Er schickt die Federn an Anna, damit sie sie unter der Maske Derleths arrangiert.

 

Ob Widmann Jerusalem erreicht hat und was der Zweck dieser Reise war, ist unbekannt. Jedenfalls kehrte er nach Paris zurück.

 

Derleth kehrt Paris den Rücken

 

Im Juni 1898 verläßt Derleth Paris. Es war ihm zwar gelungen, einige seiner Anhänger dazu zu bewegen, daß sie an den Ecken des Pont neuf die Passanten anbettelten. Das alles erinnert an Guru und Sekte. Aber letztlich konnte sich Derleth wohl nicht mehr in Paris halten. Über Brügge in Belgien fuhr er nach Bayrischzell.

 

Die zentrale Idee Derleths in jener Zeit war, einen Männerorden zu gründen, der die Geschicke Europas verändern sollte. Über seine Aktivitäten in dieser Richtung liegen uns keine von ihm verfassten Schriftstücke vor. Er hat alle Spuren getilgt. Das wenige, was wir darüber wissen, steht in Briefen, die er an seine Schwester gerichtet hat, und die er nicht zerstört hat oder in Briefen anderer.

 

Artaval schreibt aus Paris

 

Derleth schickte Artaval (Georg Oppenheim) mit neuen Instruktionen nach Paris. Dort war schon Widmann. Es gab noch weitere Jünger, die hießen Tuch und Boden. Am 4. Nov. 1898 erhielt Derleth von Artaval aus Paris ein Schreiben. Darin hieß es: „Widmann hat seine Aufgabe bei den Weltmännern im Kloster (d.h. den weltlichen Brüdern im Orden) – das Kloster (=Orden) ist groß -, ich finde sie in den Kreisen aller Art von Spiritualisten...“Von Gefährten wie Contard, Herrmann, Dédir, Encausse ist die Rede. Artaval nennt die Gemeinschaft eine Kompanie und sieht sich als Statthalter Derleths, unterwirft sich dessen Befehl und nennt ihn „Seine Majestät der König“. Derleth antwortet: „Ich werde meine Botschaft schicken, wenn ich drei tüchtige Menschen als Überbringer gefunden habe.“

 

Derleth hat anscheinend während seiner Zeit in Paris versucht, nach dem Vorbild des Neutempler-Ordens einen eigenen Orden (oder besser: seine eigene Sekte) zu gründen. Möglicherweis sah er sich auch als Zweig des Neu-Templer-Ordens.

Jedenfalls konnte sich in Paris der Derleth-Orden nicht etablieren, sondern dien kleine Gruppierung fiel wohl schon bald auseinander.

 

Artaval in Jerusalem

 

Die nächsten zwei Jahre war Artaval in Jerusalem. Otto Falckenberg, Autor, Schauspieler und Regisseur in München, Mitbegründer des legendären Kabaretts „Die elf Scharfrichter“ und Chefdramaturg an den Münchner Kammerspielen) schreibt in seinen Erinnerungen, daß er um 1900 in München einen Musiker namens Artaval kennen lernte, der eben aus Palästina zurückgekehrt war. Er (Artaval) hatte einen schwarzen Bart, sah ein wenig aus wie Don Quichote und erklärte, daß er von Derleth nach Jerusalem geschickt worden sei. Dort habe er zwei Jahre in einem Kloster gelebt. Kurz vor der Ablegung des Mönchsgelübdes sei er nach Deutschland zurückgekehrt. 1913 traf Falckenberg Artaval in Paris wieder, diesmal in ausgelassener Gesellschaft auf dem Montmartre. Artaval machte auf der Suche nach Abenteuern auch eine Reise nach Tibet, kehrte als buddhistischer Lama zurück und erzählte seine Elebnisse den Künstlern und Literaten im Café du Dome in Paris. 1924 tauchte er ganz verkommen in München auf.

 

Georg Kolbe verliebt sich in Derleths Schwester und flieht vor seiner Liebe nach Viechtach

 

Sein neuer Anhänger Georg Kolbe war unterdessen nach Viechtach im Bayerischen Wald gegen, wo er, gänzlich ohne Geld, ein erbärmliches Leben führte. Er und Derleths Schwester Anna hatten sich ineinander verliebt. Beiden war klar, daß Derleth das nicht dulden würde, und als Anna zu Georg Kolbe nach Viechtach reiste, spielten wohl beide mit dem Gedanken an Selbstmord.

Derleth legte seiner Schwester nahe, den Briefwechsel mit Kolbe einzustellen. Wohl bezugnehmend auf Kolbe schrieb er ihr: „Der Tote muß immer weiter an die Gartenmauer gedrängt werden und dann darüber geworfen werden. Bleibe standhaft.“

Wenn Anna ihren Georg Kolbe geheiratet hätte, hätte sie nicht mehr die treue Dienerin des großen Ludwig Derleth sein können und er hätte seine einzige dauerhafte Anhängerin verloren. Das konnte er nicht zulassen. Kolbe musst für Anna gestorben sein, und sein Leichnam musste über die Gartenmauer geworfen werden, sprich Kolbe musste aus dem Lebensumfeld Annas verschwinden. Aber zweifellos hinterließ dieses unbarmherzige Gebot ihres Bruders, auf den geliebten Mann zu verzichten, eine tiefe Narbe in ihr.

 

Auch von Widmann und Artaval erwartete Derleth keine Unterstützung mehr. Er sah sich nach neuen Gefolgsleuten um. Seine kleine Sekte löste sich auf.

 

Derleth muß seine Brötchen verdienen

 

Im Winter 1898/99 hörte er an der Münchner Universität theologische Vorlesungen. Anna musste auf diem Münchner Telefonamt Geld verdienen. Es war Zeit für Derleth, wieder in den Alltag zurückzukehren. Zwei Monate (Februar und März 1899) gab er in Passau Schulunterricht. Dann wurde er als Lehramtskandidat an das königliche humanistische Gymnasium in Fürth versetzt.

Derleth erneuerte alte Kontakte zu Eduard und Hans Mellinghoff und zu Walter Zaiss. Zeiss war Mitarbeiter an der Zeitschrift „Pan“. Zaiss stand den Kosmikern nahe.

 

Derleth beauftrag Anna, ein Zimmer in München zu mieten, vergleichbar der Burg Alamut

 

Derleth erteilte Anna, seinem willfährigen Werkzeug, den Auftrag, für die Sommermonate 1899 in München ein Zimmer zu mieten. Er schrieb, es solle von größter Strenge und Einfachheit sein, „vergleichbar dem Schloß Alamut“. Er würde die Gegend um das Siegestor bevorzugen.

 

Alamut und Hasan-as-Sabbah

 

Die Burg Alamut („Adlerhorst“), legendärer Sitz der ersten persischen Könige, war der Sitz des „Alten vom Berge“, Hasan-as-Sabbah“. Dieser zog als Wanderprediger durch Persien und verkündete, das Kommen eines Messias, des „Mahdi“, der die ungerechten Herrscher strafen werde. Er hatte sich in einem Feldzug in den Bergen südllich des Kaspischen Meeres ausgezeichnet und wohl auch Soldaten gesammelt. Mit diesen belagerte er 1090/1091 die Burg Alamut und eroberte sie. Er war damals vierzig Jahre alt und verließ sie niemals mehr bis zu seinem Tod im Jahre 1124.

 

Hasan-as-Sabbah war durch einen Prediger zum Ismailitentum, einer schiitischen Richtung des Islam, bekehrt worden. Er wurde zum ersten Schaiykh-al-Djibal, dem Meister, der auf dem Felsen wohnt“; daraus wurde die Titel des „Alten vom Berge“, den auch seine Nachfolger trugen.

 

Hasan-as-Sabbah ließ die Burg weiter befestigen und ausbauen und schuf einen Staat im Staate. Seine wichtigstes Machtinstrument waren die Assassinen, fanatische Meuchelmörder, die Attentate auf Regierungschefs und hochgestellte Persönlichkeiten begingen. Sie trugen den Namen Fida’i, die „Sich-Opfernden“. Da sie Haschisch aßen, nannte man sie die Haschischin, die „Hanfesser“. Daraus wurde der Name Assassinen, was sich im französichen Wort für Mörder („assassin“) niederschlug.

 

Der Alte vom Berge unterzog seine Assassinen, die den untersten Rang in seinem Orden einnahmen, einer Gehirnwäsche. Der Legende nach soll er sie vor ihrer Mordattentat ein Schlafmittel betäubt und in einen wunderbaren Garten gebracht haben, ähnlich wie Klingsors Zaubergarten in der Oper Parzival. Dort floß in Lusthäusern aus Leitungen Wein, Milch, Honig und Wasser, schöne Mädchen sangen und tanzten für sie und boten ihnen köstliche Speisen, Rauschgifte und sich selbst dar. Dies sollte ein Vorgeschmack auf das islamische Paradies sein. Wenn ein Mord zu verüben war, wurde der dazu Auserwählte aus dem Garten geholt und ihm versprochen, daß in Hasan-as-Sabbah’s Garten zurückkehren dürfe und ewig dort bleiben dürfe. Sollte er in Erfüllung seines Auftrages sterben, würde er ins himmlische Paradies eingehen. Tot oder lebendig - das Paradies war ihm also sicher. Nachdem der Jünger nach den Huris und dem verabreichten Rauschgift süchtig war, war er bereit, alles zu tun, um seinen Entzugerscheinungen zu entgehen.

 

Dem eigentlichen Mord ging eine aufwendige Schulung voraus, deren erstes Ziel war, sie zu lehren, daß Hasan-as-Sabbah ein heiliger und verehrungswürdiger Mann sein, dem sie unbedingten Gehorsam schuldeten. Darüber hinaus wurden sie mit der Sprache, Religion und der Kultur ihres Opfers bekannt gemacht und sie lernten sich durch Verkleidung und Verstellung perfekt zu tarnen. Es konnte Monate und Jahre dauern, bis sie das Vertrauen ihres Opfer gewonnen hatten. Manche der Assassinen erreichten hohe Posten und lebten als „Schläfer“ am Hof verschiedener Regierungen.

 

Wenn sie enttarnt wurden oder sich durch ihre Mordtat zu erkennen gaben, nannten sie der Folter nicht die Namen ihrer „Führungsoffiziere“ und Kollegen, sondern die Namen ihrer Feinde und erreichten so manchmal, daß diese ebenfalls hingerichtet wurden.

 

Die meisten Assassinen wurden nach dem von ihnen verübten Mord gefasst und hingerichtet. Damit rechneten sie von Anfang an und sahen sich als Märtyrer. Ganz ähnlich wie die heutigen islamischen Selbstmord-Attentäter erhielt ihre Familien einen Geldbetrag. Aber im Unterschied zu den heutigen Attentätern entwickelten sie sich zu Berufskillern, die gegen Lohn töteten und danach strebten, ihre Tat zu überleben.

 

Die Assassinen galten als die fanatischste und gefährlichste Sekte der Welt und war von moslemischen und christlichen Herrschern gefürchtet. Sie griffen mehrmals in die Kämpfe mit den Kreuzfahrern ein Am 29. April 1192 ermordeten sie den Markgrafen Konrad von Montferrat und Herrscher von Tyrus. Der trug den Titel des Königs von Jerusalem, das aber inzwischen schon wieder in der Hand der Moslems war. Die Assassinen versuchten auch, als Mönche verkleidet, König Richard und  Sultan Saladin zu ermorden. Moslemische und christliche Thronanwärter nahem die Dienste der Assassinen in Anspruch, um Rivalen und Regenten aus dem Weg zu räumen.

Es gab Vermutungen und Gerüchte, daß die Tempelritter und die Assassinen miteinander Kontakt hatten und daß die Tempelritter von den Assassinen die Organisationsform übernommen hätten.

Überall eroberten und befestigten die Assassinen Burgen, von denen aus sie Raubzüge und Überfälle unternahmen. Besonders in Syrien gewannen sie viele Anhänger.

 

Die Sultane des Seldschukenreiches versuchten Alamut und die anderen Burgen Hasan-as-Sabbah zu erobern, aber ohne Erfolg. Gut versorgt saß er in seinem Adlernest, trotzte jeder Übermacht und steuerte sein Netzwerk von Spionen und Meuchelmördern.

Muhammed, Herrscher in Iran von 1105 bis 1118, belagerte Alamut, aber er starb, bevor er die Burg erobern konnte – vermutlich vergiftet von den Assassinen.

Hasan-as-Sabbah hatte sieben Nachfolger. Hasans dritter Nachfolger nahm die Rolle eines von Gott gesandten Imams in Anspruch und erklärte alle Gesetze des Islam für ungültig. Von jetzt an galten auf Alamut nur noch die Gesetze des Alten vom Berge. Das Zeitalter der Liebe und Vergebung sei angebrochen. Der Einfluß des Christentums war unverkennbar: Es wurden keine Gebetsübungen mehr eingehalten und das Fasten abgeschafft, Wein und Musik wurden erlaubt und es kam zu fröhlichen Trinkgelagen. Der fünfte Nachfolger Hasan-as-Sabbah’s führte aber im Jahr 1210 wieder das islamische Gesetz ein.

1256 eroberten die Mongolen unter Hulugu Alamut. Rukn-ed-Din, der achte Großmeister der Sekte, ergab sich und fand Zuflucht in Kairo. Die Ismaeliten bestanden aber weiter, so wie sie ja schon vor dem Alten vom Berge existiert hatten, der ja nur zum Ismaelitentum bekehrt worden war. Heute leben die Ismaeliten meisten in Indien. Ihr Oberhaupt ist der Agha Khan, einer der reichsten Männer der Welt. Er ist Gott und Mensch in einer Person und gebietet über 10 Millionen Gläubige, hat aber keinen eigenen Staat.

 

Derleth ist fasziniert von den Assassinen

 

Derleth war von der Mördersekte derartig fasziniert, daß er später einen seiner Anhänger arabisch lernen ließ, damit er ihm die Texte über die Assassinen übersetzen sollte. An seine Schwester schrieb er 1901 über die Assassinen: „Die Assassinen waren ein mohammedanischer Orden, strenger im Gehorsam als die Jesuiten. Sie machten sich hauptsächlich durch den Mord gefürchtet. Sobald ihr General, der Alte vom Berge, Befehl gab, fand der Jünger Mittel und Wege, den bezeichneten Kaiser oder Sultan in seiner Hofburg zu ermorden. Sie starben alle ruhig im Gehorsam für und durch ihre Tat...“

Diese Treue und Opfermut war das, was er sich von anderen Menschen ihm gegenüber wünschte. Ihm imponierte das Elite-Bewußtsein und ihre Bedenkenlosigkeit. Derleth dachte wie der Doppelmörder Raskolnikoff im Roman von Dostojewski („Raskolnikoff. Schuld und Sühne“), der meinte, die Gesetze würden nur für die normalen Menschen („die Belanglosen“, hätten die Kosmiker gesagt) gelten, die brav ihrer stumpfsinnigen Arbeit nachgingen. Denjenigen, die hohe Ideale hätten, wäre es erlaubt, sich über die Gesetze hinwegzusetzen um ihre Ideale zu verwirklichen. Die Geheimlehre der Assassinen war: „Alles ist erlaubt.“ Das klingt wie das „Tu was du willst“ des Satanisten Aleister Crowley. All das sind keine neuen Gedanken, sondern so alt, wie es kriegerische Eliten gibt. Ein Spartaner durfte ungestraft einen Heloten töten, ein Römer einen Sklaven, ein Amerikaner einen Indianer, ein Adeliger einen Leibeigenen. Die Elite fühlte sich stets von den Gesetzen, die für die unteren Schichten galten, losgelöst, also privilegiert (d.h. vom Gesetz getrennt). Derleth hatte ja eifrig Nietzsche gelesen, und der unterschied zwischen „Sklavenmoral“ und „Herrenmoral“. Und der Übermensch hatte sich sowieso nicht an menschliche Gesetze und Maßstäbe zu halten.

 

Derleth träumte offensichtlich davon, religiöser und militärischer Diktator in einer Person zu sein und von einem sicheren Ort aus seine Boten in alle Teile der Welt zu schicken und aus aller Welt Vollzugsmeldungen und Geheimberichte zu erhalten.

 

In der Realität der Welt um 1900 gab es durchaus Assassinen, politische Attentäter, vor allem in Russland. Ihre Partei waren die „Narodniki“, die eigentlich Marxisten und Sozialisten waren. Sie gingen unter das Landvolk und versuchten es gegen den Zaren aufzuhetzen. Sie wollten die Abschaffung des Zarenregimes und die Herrschaft des Volkes (eine nennenwerte Arbeiterklasse gab es ja damals in Russland nicht) herbeiführen, indem sie hochstehende Personen des Zarenregimes ermorderten. Der Bruder Lenins beging ein solches Attentat, und Lenin wurde nach Sibirien verbannt, weil verdächtig war, daran beteiligt gewesen zu sein. Lenin selbst lehnte die Attentate ab – nicht weil er sie zu grausam, sondern weil er sie für ineffizient hielt. Später, an die Macht gekommen, ließ er die Zarenfamilie ermorden. Während Derleth nur träumte, war Lenin ein eiskalter Rächer seines Bruders, der zielstrebig und mit langem Atem arbeitete. Ihn trieb nicht so sehr Größenwahn und Geltungsbedürfnis, sondern Rachedurst. Und er war Pragmatiker und Realist.

Ein letzter Unterschied: Derleth und überhaupt die Kosmiker waren Reaktiönäre; sie wollten letztlich die die französische Revolution, die Aufklärung und die Industriealisierung rückgängig machen. Lenin war Revolutionär – was ihn aber genauso wenig wie Napoleon hinderte, den Despotismus mit sich selbst als Despoten wieder einzuführen. Despoten, die als Revolutionäre beginnen, haben ja bekanntlich einen ungeheuren Nachholbedarf an Despotismus und Grausamkeit, während die alteingeführten Despotien im Lauf der Generationen ihre Schärfe verlieren, bis schließelich oft an der Spitze nur noch ein gutmütiger Trottel steht und der Verwaltungsapparat regiert.

 

Wie bei Derleth war Lenins Waffe das geschriebene und gesprochene Wort. Im Unterschied zu Derleth war Lenin bei der Verbreitung seiner Texte und beim Aufbau einer Verschwörerorganisation durchaus erfolgreich – dank der bereits vorhandenen Sozialdemokratie und weil er ein tatsächlich vorhandenes großes Bedürfnis der Menschen aus den unterdrückten Klassen bediente: den Wunsch nach Frieden, Freiheit und Wohlstand.

 

Das Beispiel der russischen Narodniki machte in Europa Schule. Auch die Anarchisten sahen im Attentat einen Weg, ihre Ziele durchzusetzen. 1894 wurde der französische Präsident Francois Sadi Carnot in Lyon von Caserio ermordet, 1898 Kaiserin Elisabeth von Österreich in Genf durch den Anarchisten Luigi Lucheni, 1900 König Umberto I. in Monza von Gaetano Bresci und der amerikanische Präsident William McKinley in Buffalo von dem Anarchisten Leon F. Czolgosz. Und nicht zuletzt dürfen wir natürlich die Ermordung des österreichische Thronfolgers Franz Ferdinand 1914 in Sarajewo vergessen. Die Spur der Hintermänner führte nach Russland.

 

Derleth wird Ostern 1900 Gymnasiallehrer am Progymnasium  in Germersheim /Rheinpfalz

 

Der einziger gehorsame Jünger, dem er aus der Ferne Befehle erteilen konnte und von dem er Berichte erhielt, war aber nur seine Schwester Anna. Er forderte sie in einem Brief aus Germersheim auf: „Schreib mir am Abend einen genauen Rechenschaftsbericht, wie du den Tag verlebt hast, was du gesehen und gedacht...Lege beim Auskleiden deine Kleider alle in schönster Ordnung für den Morgen bereit...“

 

„Im West-östlichen Diwan, welchen du mir 3 Wochen später, als ich verlangte, geschickt hast, steht über dich folgender Vers:

Behandle die Anna mit Nachsicht

Aus krummer Rippe ward sie erschaffen

Gott konnte sie nicht ganz gerade machen

Willst du sie biegen, sie bricht

Läßt du sie ruhig, sie wird noch krümmer...“

 

„Ich wundere mich, daß dir auch das Geringste nicht möglich ist und werde an Arteval, Widmann, Kolbe erinnert. Die konnten auch nicht anders, obwohl sie schwerere Aufträge hatten...Zum Gehorsam gehört Liebe...“

 

Derleth wird Gymnasiallehrer (1901 bis 1906) in Dillingen (bayrisch Schwaben)

 

Er unterrichtete Latein, Griechisch, Deutsch, Geschichte und Geographie. Am 16. September 1906 wurde sein Gesuch, aus dem Staatsdienst entlassen zu werden, bewilligt.

 

Aus Dillingen floh Derleth regelmäßig am Wochenende zu seiner Schwester Anna nach München. Dort hatten sie in der Destouchesstraße 1, am Nordrand Schwabings im Dachgeschoß eines Mietshauses ein „Atelier“ mit zwei Zimmern gemietet. Eines wird hell wie der Tag und eines dunkel wie die Nacht tapeziert.

 

In den Ferien floh Derleth in die europäischen Metropolen. Wolfgang Frommel schreibt im „Gedenkbuch“: Mit Beginn der Ferien steigt Derleth in den nächsten erreichbaren Schnellzug, um nach Paris, München oder Rom zu fahren. Auf diesen Reisen bewegt er sich als ein Kundschafter oder in geheimer Mission entsandter Späher durch Städte, durch Museen und Bibliotheken und durch die menschliche Gesellschaft. Alles bleibt ins Geheimnis gehüllt, keiner, den er kennen lernt, weiß von seinen sonstigen Beziehungen...Die kärglichen Mittel seines Studienassessorengehaltes zwingen ihn zur äußersten Sparsamkeit, aber immer tritt er auf wie ein Herr...Woher bezieht Derleth seinen Auftrag, was ist seine unsichtbare Mitte, in deren Dienst er die außerordentliche Energie seines Tatwillesn stellt ? Man hat den Eindruck, daß es...einfach der zu Macht und Wirkung drängende einer Persönlichkeit ist, die selbstgewiß ihren Traum von glühendem heroischem Leben in der Zeit und gegen die Zeit zu realisieren sich anschickt.“

 

Das Wachstuchheft

 

Im Oktober 1902 begann Derleth in seinem Adlerhorst in der Destouchesstraße1 seine Gedanken in ein Heft mit einem Wachstucheinband zu schreiben.

Auf die Stirnseite schreib er zehn Namen in chronologischer Reihenfolge, die er offensichtlich als sein geistigen Vorfahren betrachtete: „Alexander, Hannibal, Sulla, Augustus, Mohammed, Franz von Assisi, Ignaz von Loyola, Wallenstein, Napoleon, Nietzsche“. Und darunter: „Don Quixote“.

 

Was Derleth beseelte

 

Wenn man die Taten und Worte des Ludwig Derleth erklären will (und für mich ist – im Soinne von Occams Schwert - die einfachste und banalste immer solange die beste, solange es keine nachweislich Zutreffendere gibt), muß man folgendes annehmen: Auf die Frage „Wer bin ich und was will ich sein ?“ gab sich Derleth als etwa 15-jähriger pubertierender Jüngling die Antwort: „Etwas ganz Grandioses !“ Und dieser Gedanke und Wunsch hatte sich in seine empfängliches Gemüt eingebrannt wie einem Ochsen das Brandzeichen. Dieser Gedanke gewann ein Eigenleben und fraß seine normale Identität auf und mästete sich an seiner Seele. Hinter diesem Wunsch nach Grandiosität blieben alle anderen Wünsche nach Bequemlichkeit, Genuß, Freundschaft, Vergnügen, Spaß, Freude zurück. Alle Kraft wurde auf dieses Ziel gerichtet. Als der Alltag ihm zeigte, daß er gar nicht so grandios war, sondern nur ein Schüler, Student und Schullehrer wie so viele Belanglose andere, begann er seinen Beruf und seinen Alltag zu hassen. Er wollte um jeden Preis ein „Enormer“ werden. Das verband ihn mit den Kosmikern.

Um grandios zu sein, musste er Menschen finden, die ihn bewunderten, ihn verehrten, ihm zu Diensten waren, sich seinen Befehlen bedingungslos unterwarfen, die ihm halfen, seinen Ruhm zu mehren und große Taten zu vollbringen, wenn möglich die Welt aus den Angeln zu heben.

Wenn er in der wirklichen Welt Rückschläge erlitt, dann flüchtete er sich in noch wildere Träume von großartigen Taten und Erfolgen, die er erringen würde.

Seine Vorbilder waren die oben genannten zehn Namen. Ihnen strebte er nach. Aber ihm war nicht bewusst, daß die Mehrzahl dieser zehn Riesen der Tat durch ihre Herkunft, ihre Ausbildung, ihr Talent oder durch besondere Umstände auf ihrem Weg zur Grandiosität begünstigt waren. Der Realitätssinn war bei Derleth, wie bei so vielen Bohèmiens, stark unterentwickelt. Er lebte in einer Welt der Bücher und Träume und nahm an den großen Veränderungen seiner Zeit (dem technischen Fortschritt, den sozialen Umwälzungen) kaum Kenntnis und schon gar nicht Anteil. Ein Blinder kann schlecht zum Führer werden.

Der unverbildete und in die Ecke gedrängte Rest seiner Person, der kleine und normale Ludwig Derleth, verschaffte sich durch den elften Namen Gehör, indem er schrieb: „Don Quixote.“ Das deckt sich mit der von der Reventlow gegeben Definition von „Wahnmochingerei“: Die Träume für die Wahrheit zu halten und sie für ernster zu nehmen als die alltägliche Realität.

 

Derleth verehrt Nietzsche

 

Während seiner Zeit in Germersheim und Dillingen las Derleth intensiv Nietzsches „Also sprach Zarathustra“, „Jenseits von Gut und Böse“, „Zur Genealogie der Moral“ und „Der Wille zu Macht“. Hier hatte er offensichtlich einen im Größenwahn Geistverwandten gefunden. Nietzsches Imponierprosa und Derleths großer Schreibtisch im Empirestil, geschmückt mit zwei Adlern, sein Mahagonibett, sein Hausaltar, auf dem sein eigenes Bild stand, ja die ganze Einrichtung seiner Wohnungen, die Audienzen, die er seinen Gästen gewährte, sein ganzes napoleonhaftes Auftreten kamen aus dem gleichen Geist: die eigene Grandiosität darzustellen. Typisch ist auch, daß sich Derleth immer wieder porträtieren oder als Plastik verewigen ließ. Ein Mann seiner Bedeutung musste der Nachwelt natürlich sein Bildnis hinerlassen.

 

Ludwig Derleth und die Kosmiker

 

Die Kosmiker Wolfskehl, Klages und Schuler kannten einander schon seit 1893. Derleth kam etwas später mit ihnen in Berührung, vermutlich im „Akademisch-Literarischen Verein“.

Zu Alfred Schuler hatte Derleth ein zwiespältiges und gespanntes Verhältnis. Schuler sah sich als heidnischer Römer, Derleth verstand sich als Christ. Als sich der Bruch zwischen beiden abzeichnete, instruierte Derleth am 12.2. 1900 seine Schwester Anna, sich wenn möglich, von Schuler fern zu halten, und wenn es sich nicht vermeiden ließe, Distanz zu wahren und bald wieder zu gehen. 1901 artete das Verhältnis zwischen Schuler und Derleth in offene Feindschaft aus. Gegenüber Dritten nannte Derleth Schuler den „Häßlichen“, den „Kadaver“, den „Kupferhund“ (weil Schuler immer auf der Suche nach alten Kupfergegenständen aus der Römerzeit war). Gegenüber Schuler ließ er sich aber nicht anmerken, daß er nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, sondern tat gegenüber ihm so, als würde ihre Beziehung weiterbestehen. Aber an seiner Schwester schrieb er: „Betrachte den Mann darum innerlich...als Cadaver.“ Noch 13.7. 1902 schrieb er an Schuler eine Postkarte mit „Herzlichen Grüßen aus Paris“.

Die Verbindung zwischen Derleth und Klages und Wolfskehl wurde durch den heimlichen Bruch Derleths mit Schuler vorerst kaum beeinflusst. Durch die Vermittlung von Hanna und Karl Wolfskehl kam Derleth mit Stefan George zusammen. Derleth wurde ab 1902 Mitarbeiter an Georges „Blätter für die Kunst“.

An Wolfskehl schickte Derleth im Oktober 1903 aus Dillingen zwei Gedichte „in dankbarem Gedenken“. In einem heißt es da:

„...erscheint in Nacht und Schauer dir der Gott

Von deinen Gliedern gleitet das Gewand

Und deinen Körper schließt mit Liebesarmen

Die Nacht in ihre schwarze Herrlichkeit.“

 

Derleth hatte sich also durchaus auf den Geist der Kosmiker eingelassen: Es geht um religiöses Erschauern, und um heilige Erotik. Im Sommer 1902 hatte der Freund Wolfskehls, der niederländische Schriftsteller Albert Verwey, der auch zu den Kosmikern gerechnet wird, Anna und Ludwig Derleth in München kennen gelernt und ihnen das Gedicht „Michael“ gewidmet. Dort wird Anna  als „reinste Jungfrau“ und Derleth „Gottes Feldherr“ tituliert.

 

Derleth macht eine Pilgerreise auf den Spuren grandioser Menschen

 

Am 20. Juli 1903 trat er eine Reise nach Italien an. Er fuhr nach über Verona nach Florenz. Dort war er im Palast des Marches Cappioni zu Gast. Dort versuchte er beim Adel Anhänger zu finden. Weiter ging es über Siena, den Trasimänischen See (hier hatte Hannibal eine Schlacht gewonnen) und Assisi nach Rom. Sein Kommentar zum Kolosseum: „Hier hätte sich Napoleon nicht klein gefühlt.“ Wie sich groß sich Derleth fühlte, ist nicht überliefert.

 

Derleth beginnt die „Proklamationen“ zu schreiben

 

Wieder heimgekommen nach Dillingen, schrieb er die Entwürfe seiner „Proklamationen“. Er schickte sie seiner Schwester zur Überarbeitung.

Wie er dann in der Karwoche 1904 die Proklamationen verlesen ließ, wurde in der zu Beginn des Kapitels zitierten Schilderung von Thomas Mann beschrieben. Hier bleibt nur noch anzumerken, daß die obigen, von mir gekürzten und leicht veränderten Proklamationen auf die 1919 in Druck gegebene Version zurückgeht. Zwischen Weihnachten und Silvester 1918 hatte Derleth seine inzwischen 14 Jahre alten Proklamationen nochmals überarbeitet und wohl auch gemäßigter formuliert. Insofern scheint es mir gerechtfertigt, wenn ich sie stellenweise etwas weniger gemäßigt formuliert habe.

 

Die Wirkung der Proklamationen

 

Derleth diente Thomas Mann nicht nur als Vorbild für den „Propheten Daniel“ in seiner Novelle „Beim Propheten“, sondern auch die Person des „Leo Naphta“ im „Zauberberg“ trägt, wenn auch verzerrt, Züge Derleths. In seinem „Doktor Faustus“ hat Thomas Mann den Verfasser der Proklamationen unter dem Namen „Daniel zur Höhe“ als einen der Wegbereiter des „deutschen Verhängnisses“ gerechnet. So weit würde ich nicht gehen. Er war ein Idikator, ein Symptom. Wirklichen Einfluß hatten andere.

 

Stefan George war zur Lesung der Prokalmationen am Karfreitagabend eingeladen. Ob er wirklich kam, weiß ich nicht. Er kannte die Proklamationen auf jeden Fall. Er sah, daß Derleth in der Kirche keinen Platz hatte und daß er als ein Bernhard von Clairvaux viel zu spät geboren war. Dies brachte er in einem Gedicht in der Sammlung „Der Stern des Bundes“ zum Ausdruck.

 

Am 1. Dez. 1904 brachte der Insel Verlag die Proklamationen als „goldumrändertes Buch mit Sargschwärze“ (Alastair) in einer Auflage von 500 Stück heraus.

 

Derleth pilgert zur Heiligen Maria nach Altötting und zu Napoleons Grab in Paris

 

Ostern 1905 verbrachte Derleth am Marienwallfahrtsort Altötting. Die letzte Woche des Jahres 1905 verbachte er in Paris. Quartier nahm er, wir ahnen es schon, in dem prachtvollem Gebäudekomplex Hotel Bonaparte an der rue Bonaparte.

 

Alamut hoch über dem Marienplatz 2

 

Seine Dienerin Anna hatte Ende 1905 am Marienplatz 2, im Dachgeschoß (5. Etage) eine Wohnung gefunden, die Wohnung in der Destouchesstraße 1 aufgelöst und wohl auch den Umzug durchgeführt. Im Sommer 1906 kehrte Derleth von Dillingen nach München zurück und zog am Marienplatz 2 ein. Das in der Häuserreihe rechts angrenzende Haus beherbergte die Wirtschaft „Zum Donysl“. Wir können in dem Namen unschwer „Zum Dionysl“ erkennen, also ein dem Gott des Weines gewidmetes Lokal. Das Lokal gibt es heute noch und heißt „Zum Donisl“. In den achziger Jahren des 20. Jahrhunderts erlangte es unfreiwillige Berühmtheit in der Boulevardpresse, weil ein Kellner den Leuten k.o.-Tropfen ins Bier gab und sie ausraubte.

In Christine Derleths Buch findet man ein Bild vom Haus am Marienplatz 2. Im Parterre gab es drei kleine Ladengeschäfte (eines davon war ein Geschäft für Handschuhe und Krawatten), darüber fünf Stockwerke mit Wohnungen. Unter dem Dach, auf der linken Seite, war die Wohnung von Ludwig und Anna Derleth. Man sieht drei Fenster, am mittleren steht gerade Ludwig Derleth und beochachtet den Frohnleichnamszug. Das Haus ist mit grünen Girlanden geschückt, die teilweise die Lüftlmalerei verdecken. Das Haus wurde im zweiten Weltkrieg zerstört und wieder neu aufgebaut.

Wenn man die Wohnung betrat, sah man als ersten die Kohlezeichnung, die Thomas Mann schon in seiner Novelle erwähnt hat. Sie stellte Napoleon beim Studium der Landkarte dar. Zwei Adlerschnäbel wiesen nach den beiden Zimmern: links wohnte die Schwester, rechts der Bruder. Es gab einen kleinen Parthenon-Fries und das Haupt der Medusa, Bilder von dem jugendlichen Augustus, Papst Pius X. , Napoleon und dem heiligen Franziskus, den von Pfeilen durchbohrten heiligen Sebastian, die Muttergottes von Altötting und Bilder, die Jadwiga de Janakowska zeigten. Ferner ein Profil-Relief von Anna Derleth und (gemalt von Heinrich Wadre) ihr Brustbild mit Laute (inspiriert durch das Bild „Der Engel mit der Laute“). Neben einem riesigen, mit Adlern geschmückten Schreibtisch stand ein Renaissance-Sekretär aus dem Miltenberger Schloß. Dann waren da noch Barockstühle, ein Gewürzschränkchen, ein Kerzentisch und eine Alabasterlampe mit Tierkreis.

Die Einrichtung diente der Selbstdarstellung Derleths und zeigte seinen Drang nach Grandiosität: Die Bilder mit den weltbewegenden Menschen, der bombastische Schreibtisch im Empirstil, der eines Napoleon würdig gewesen wäre, die Möbel aus einem Schloss. Dann der Ausblick auf das Gewimmel der winzigen Menschen auf dem Marienplatz, dem Zentrum der Hauptstadt des deutschen Südens.

 

Hier oben in seiner Gralsburg empfing er viele Besucher zu Gesprächen unter vier Augen, die eine Mischung aus Audienz, Beichte, Psychotherapie und Lebenshilfe waren. Er kam damit einem Bedürfnis der Menschen, ganz besonders wohl der Frauen entgegen. Derleth hörte ihnen zu, sagte ihnen was sie falsch machten und riet ihnen, wie sie Ordnung in ihr Leben bringen könnten und alles zum besseren wenden könnten. Die Mittel, die er anbot, waren: Glaube, Disziplin, Mäßigung, Enthaltsamkeit, Besinnung auf die eigenen Talente und Kräfte. Derleth hielt sich wie ein Beichtvater an das Schweigegebot: Er sprach nie über den Inhalt der Gespräche oder wer bei ihm war.

 

In einem Buch mit dem Titel „Nomina et figurae“ („Namen und Gestalten“) zeichneten die Derleths auf, wer bei ihnen zu Besuch war, z. B.

1906/1907: Stefan George, Alfred Kubin, Julia Mann, Ernst Gundolf, Ria Claaasen, Eva Huch, Max Scheler, Karl und Hanna Wolfskehl und viele andere.

In den späteren Jahren dann: Friedrich Gundolf, Norbert von Heilinggrat, Alastair, Dietrich von Hildebrand, Hans Carossa, Rainer Maria Rilke mit Lou Andreas-Salomé, Rolf von Hoerschelmann, Leo Frobenius und viele andere.

 

Derleth behandelte seine Besucher selten als auf gleicher Stufe stehend. Er erwartete von ihnen, daß sie seine Überlegenheit anerkannten und sich ihm gehorchten. Aber er wollte niemanden, der sich an ihn bis zur Selbstaufgabe klammerte und ihm hörig war. Solche Leute waren ihm lästig. Er gab ihnen ein Abschiedsgeschank, erklärte den Abbruch der Beziehung und beauftragte jemanden, sich um die verstoßene Person zu kümmern.

 

Wie es bei einem Empfang von Gästen bei den Derleths zuging, schildert die Dichterin Regina Ullmann. Sie begegenete den Derleths im Hause Wolfskehl, beschreibt die beiden und kommt auf ihre Wohnung am Marienplatz zu sprechen:

„Anna Derleth, in einem schwarzen Taffetkleid, um den Hals eine Rüsche, die ihr etwas Stolzes gab, überaus schön, hätte jedermann auffallen können. . .Unter denen, die durch ihre Abwesenheit (wie Stefan George) auffällig wirkten, ist Ludwig Derleth, der Bruder Anna Derleths erinnerlich. In der horstähnlichen Behausung des vierten, später fünften Stockwerkes am Marienplatz ist er vom Geistesleben Münchens...nicht wegzudenken. Und ebenso nicht seine Schwester Anna, die auf einem kleinen Petrolherd in einem Raum ohne Fenster, den sie Küche nannte, ihren Freunden ein feierliches Mahl zu bereiten und in einem der schmalen Zimmer, die auf den Marienplatz hinausgingen, auf Zinntellern aufzutragen wusste, im Glanze von Wachskerzen oder einer schmalen Lampe, auf die eine Büste Napoleons, schwach beleuchtet, herniederblickte. Oh, diese schwesterliche Selbstlosigkeit des stolzen Mädchens, wie es beispielsweise mit Feuereifer die vielen gewundenen Treppen zu ihrer Behausung auf- und niederging: wo finden wir ihresgleichen ! Und die trefflichen Aussprüche, die kernigen, die sie tat, sie werden manchen ihrer Freunde für immer in Erinnerung verblieben sein. Ein wenig duftete es daselbst nach Weihrauch, oder man bewunderte einen Rosenkranz von feiner Filigranarbeit, kurzum, es wurde nicht vergessen, wohin der Weg führte, den man von dort oben aus beschritt, und man verfehlte ihn nicht, den Weg nach Rom.“

 

Derleth findet in dem Ehepaar Marie und Max von Seydewitz Freunde und Mäzene

 

Christine Derleth schreibt in ihren Erinenrungen: „Zu den getreuesten Freunden Ludwig Derleths zählt das Ehepaar von Seydewitz. Max von Seydewitz stammte aus Mecklenburg, Marie aus dem Rheinland. Sie war verwandt mit Friedrich Engels, außerdem mit Bayer, dem Gründer der Bayer-Werke. Schon 1905 lernte Ludwig Derleth sie kennen und erfuhr volles Verständnis für seine Eigenart. Die beiden bewohnten ein großes Atelier in Schwabing, wo Max malte, Marie dichtete und malte. Ludwig schrieb ihr hellseherische Talente zu. Beide waren Anthroposophen, unter Ludwigs Einfluß konvertierten sie zur katholischen Kirche...“

In diesem Haus lernte Ludwig Derleth kennen, was er als Ideal ansah: nicht verheiratet zu sein, aber alle Annehmlichkeiten eines wohlsituierten Hauswesens zu genießen. Als das Ehepaar nach Dachau überseiedelte, verbrachte Ludwig als Gast im „Turmstübchen“ manche Tage, um in Ruhe seinen Gedanken nachzuhängen, zu dichten und immer am wohlgedeckten Tisch willkommen zu sein...Als die Dachauer Villa vertauscht wurde mit dem Schlösschen Aicholding im Altmühltal bei Riedenburg, war für Ludwig der Ort gefunden, wo er seinen in München begonnenen „Fränkischen Koran“ weiter vorantreiben konnte.

 

Derleth und Regina Ullmann

 

Wenn man Regina Ullmann in ihren letzten Jahren nach ihren Erinnerungen an Derleth fragte, merkte man, daß sie ihn zu Beginn innig verehrte. Aber dann musste es später etwas gegeben haben, das ihr schmerzlich war, und an das sie sich nicht erinnern wollte oder konnte. Sei sagte dann nur: „Er vermochte den Menschen, die zu ihm kamen, zu zeigen, wohin sie eigentlich gehörten.“

Derleth nahm Regina Ullamann 1911 mit auf eine Wallfahrt nach Altötting, wo sie sich zum Christentum bekehrte. Aber 1915 hatte Regina Ullmann einen anderen Seelenführer gefunden: Rainer Maria Rilke. Von Derleth lernte sie das Beten, von Rilke das Dichten. Letzteres reizte sie dann doch mehr und sie wandte sich endgültig von Derleth ab.

 

Derleth und Wilhelm Ulrich

 

Um 1908 war der Darmstädter Architekturstudent Wilhelm Ulrich in Noordwijk aan Zee zu Gast bei Albert Verwey, der einer der Kosmiker war. Dort war auch Karl Wolfskehl, der ihn zu ihm sagte: „Wenn Sie mal in München sind, dann kommen sie doch mal zu einen jour fixe in meinem Hause, der jeden Donnerstag stattfindet.“

Ulrich machte von der Einladung Gebrauch. An diesem Tag fand im Hause Wolfskehl eine dramatische Aufführung statt. Unter den Zuschauern fiel Ulrich ein Gast, der in seiner Haltung tiefe Geistigkeit und strenge Disziplin ausdrückte. Es war Ludwig Derleth, der bei Wilhelm Ulrich einen tiefen Eindruck hinterließ. Derleth legte ihm nahe, das Arabische zu studieren; seine Briefe an Derleth unterzeichnete der mit „Fidawi“, „der sich Opfernde“, womit er auf die Assassinen anspielte, die sich für den Alten vom Berge opferten.

Wilhelm Ulrich schreibt über Derleth: „Zu den wenigen Menschen, die Ludwig Derleth während ihres ganzen Lebens nahegestanden haben, kann ich mich nicht zählen. Aber da er von 1909 bis etwa 1921 mir seine volle Aufmerksamkeit und Liebe zugewandt hat, darf ich nun als alter Mann davon Zeugnis geben, wie sehr er mein ganzes Leben entscheidend beeinflusst hat. Ich bin nicht der einzige, es gab und gibt viele, darunter sehr bedeutende Männer und Frauen, die gleich mir sagen könen: ich habe an ihn geglaubt, auf ihn gehofft, habe ihn über alles geliebt und werde nie aufhören, ihn zu lieben. – Ludwig Derleth war dreierlei: Dichter, Denker, Menschenführer. Diese drei Funktionen hat er nicht zu allen Zeiten gleich stark ausgeübt: Dichter war er in frühester Jugend und dann wieder besonders im Alter. Sein frühes Mannesalter aber war der Tat gewidmet, der geträumten, gedachten, der versuchten Tat: Werbung einer kleinen auserwählten Schar beherzter, an Askese und Gehorsam gewöhnter geistiger Kämpfer als Kerntruppe gewalttägiger religiöser Erneuerung. Dieser Tatvorbereitung dienten großangelegte Studien auf geschichtlichem, politischem und philosophischem Gebiet. Aber diese Studien verselbständigten sich in dem Maße, wie die Aussichten zu Tathandlungen schwanden; und so war das reife Mannesalter ganz gewidmet einem von ihm so genannten enzyklopädischen Werke.“

 

Ulrich wurde dann aber nicht Glaubenskämpfer, sondern machte sich als Architekt und Pionier für hexagonale Bauten einen Namen.

 

Derleth, der Homophile

 

Derleth hatte eine latente Neigung zu jungen Männern, die er aber vermutlich weder sich noch anderen eingestand geschweige denn auslebte. Das war der Grund, warum er Wilhelm Ulrich nicht zu einem wahren Freund werden lassen wollte. Rolf Hinder schreibt in dem Vorwort zu Christine Derleths Erinnerungen, daß Derleth ein „knabenliebender Hellenenfreund“ gewesen sei, der sich einer „strengen Selbstzucht“ unterworfen habe und auf „ichhafte Erfüllung im Eros“ verzichtet hätte. Derleth sei bis zu seinem Tode nicht mehr von  Wilhelm Ulrich losgekommen und habe sich „äußerlich von ihm trennen“ müssen.

Claire Eckstein, eine Freundin von Anna Derleth, Ludwig Derleth habe die Ehe mit Christine Ulrich niemals vollzogen.

 

Derleth wird Privatgelehrter

 

Im Herbst 1906 laß sich Derleth an der Münchner Universität als Student einschreiben. Er hörte Vorlesungen über griechische Kunst, Organische Chemie und Medizin. Besonders interessierte ihn die Psychiatrie. Von 1907 bis 1910 nahm er an den Demonstrationen in der psychiatrischen Klinik teil, die Emil Kraepelin, der „General der Irren“ durchführte.

Er arbeitete ein Vielzahl von Büchern durch und machte von Stellen, die ihm wichtig erschienen, Abschriften (die er mit eigenen Gedanken vermischte) oder diktierte sie seiner Schwester Anna, später seiner getreuen Sekretärin Christine Ulrich, die sich ihm völlig unterwarf und für ihn kostenlos arbeitete. Sie wurde später seine Frau und Mäzenin.

Derleths Zuarbeiter Anna Derleth, Christine und ihr Bruder Wilhelm Ulrich erstellten viele Abschriften aus Büchern (vor allem aus der Bayerischen  Staatsbibliothek). Auf diese Weise entstanden Berge von beschrieben Papier. Sie umfassten im Einzelnen (die Namen wurden ihnen von den Literaturwissenschaftlern gegeben):

 

„Das armierte Schiff“ (290 Seiten)

Die „Fiechner-Bögen“ (400 Seiten)

Die „Drey-Könige-Bögen“ (250 Bögen)

Die schwarzen Hefte

Das Tausend-Seiten-Buch

Das Fünfhundert-Seiten-Buch

 

Während des ersten Weltkrieges machte sich Christine Ulrich unter der Anweisung von Derleth daran, von diesem Wust von Papier ein Stichwortverzeichnis mit Stellenangaben zu erstellen, genant die „Enzyklopädie“. Sie umfasste sechs Ordner.

 

Was für einen Zweck hatte nun diese etwa von 1905 bis 1918 dauernde Arbeit für Derleth ? Es ging ihm darum, sich Kontinente des Wissens zu erobern, um sie später für sein literarisches Werk ausbeuten zu können. Aber er wurde nicht zum Gelehrten, sondern zum Dichter. Und die Werke des Dichters kommen aus der Seele, nicht aus den Bibliotheken. Die Bücher inspirieren nur – genau wie die Reisen und die Begegnungen mit Menschen. Und so kam es, daß Derleth von dem, was er da auf dem Papier und im Kopf angesammelt hatte, im „Fränkischen Koran“ kaum direkten Gebrauch machte. Das Sammeln von Material war für ihn eine Tätigkeit, durch die er die gewaltigen Energien, die in ihm steckten, kanalisieren konnte. Außerdem hatte er so die Möglichkeit, seine Helfer jahrelang zu beschäftigen. Ungleich schwerer wäre es gewesen, sie mit immer neuen Aktionen und Tätigkeiten (im Sinne der Propaganda und Werbearbeit, wie sie von Parteien und Sekten gemacht wird) zu beauftragen. Das wäre für Derleth ungleich mühsamer gewesen, denn wie sagt ein chinesisches Sprichwort: „Wer andere antreibt, muß selbst rennen“. Anders als Hitler baute sich Derleth keine Massenorganisation auf. Er war im Grund kein Mann der Tat, sondern des Wortes, eher ein Priester als ein Soldat.

 

Derleth schreibt Gedichte für Georges Blätter für die Kunst“

 

1896, 1897 und 1898 veröffentlichte Derleth erste Gedichte und Prosa in der Literaturzeitschrift „Pan“.

Zwischen 1897 und 1910 wurden in den „Blättern für die Kunst“ etwa vierzig Gedichte Derleths veröffentlicht. Danach hat Derleth bis 1932 kein Gedicht mehr veröffentlicht. 1932 erschied „Der Fränkische Koran“. Des Werkes Erster Teil.“

 

Derleth und der Tänzer Alastair

 

Alastair war Tänzer und Sänger, Graphiker, Dichter und Übersetzer (z. B. von Gedichten Georges). Er hatte eine schmale Gestalt und schien irgendwie von einem anderen Stern zu stammen. Der Name „Alastair“ bedeutet „Der gefallene Stern“, was natürlich an Luzifer, den gefallenen Engel erinnert. Auch äußerlich sah er einem Engel der Hölle ähnlich: er hatte ein kreideblasses Gesicht und rote Haare, die seinen Kopf wie flackernde Flammen umgaben.

Er reiste mit einer ungewöhnlichen Menge von Koffern, die prachtvolle Gewänder enthielten, durch Europa. Seine Hotelrechnungen konnte er nicht bezahlen, aber er gab dem Personal königliche Trinkgelder. In disziplinierter Askese übt er Körper und Geist. Insofern gab es da mit Derleth schon Berührungspunkte.

Auf Wolfskehls Jours erschien Alastair in Begleitung einer schwarzhaarigen dunkelhäutigen Schönheit, die Lilith Bellenson hießt. Lilith ist der Name der ersten Frau Adams, die sich weigerte, sich ihm zu unterwerfen.

Alastair liebte es Geld zu verschwenden, das er gar nicht hatte. Als er in Bayern war, mietete er in vom Staat verwalteten Schlössern Räume, um seine Person im gebührenden Rahmen zu zelebrieren. Er liebte die schöne Geste und den großen Stil. Auch er war einer, der von der eigenen Grandiosität durchdrungen war. Er empfand es als Zumutung, sich mit den Widrigkeiten des normalen Lebens abzugeben und lebte lieber in einer Welt des schönen Scheins.

In Derleth fand er eine verwandte Seele. Sicher hatte ihn Derleth in seine Ziele eingeweiht, mit einer Elite die Welt zu beherrschen und ihm verhießen, daß er ein Mitglied dieser Elite werden könne. Vielleicht hat er ihm gesagt: „Um das zu werden, musst du nur sein, der du bist.“ Das muß dem Egomanen Alastair, der sich ohnehin schon als ein Wesen von irgendwo über der Welt empfand, wie Öl heruntergegangen sein. Er hielt mit Derleth durch 200 Brief, Karten und Telegramme Kontakt. Alastair muß hinter Derleth etwas Göttliches gesehen haben, das durch Derleth hindurch mit ihm redete. Er schrieb ihm immer wieder schwärmerische, bewundernde und dankbare Zeilen. Alastair war im Grunde ein einsamer Paradiesvogel. In Derleth fand er jemanden, der ihm zuhörte und mit dem er über seine Schwächen reden konnte.

Zwischen beiden bestand vermutlich eine homoerotische Anziehung.

 

Derleth knüpft Beziehungen zum Umfeld des Kronprinzen Rupprecht

 

Berta Maria Peringer-Brunn (1873 – 1954), die Tochter des Archäologen Heinrich von Brunn, hatte als junges Mädchen Eugen Peringer geheiratet, den Adjutanten des Kronprinzen Rupprecht. Sie hatte zur Bedingung ihrer Eheschließung gemacht, daß sie ihr Leben selbständig führen dürfe. Sie war der Ansicht, daß sie sich an die geltenden Konventionen nicht halten müsse. Sie war eine charmante Frau voller kapriziöser Einfälle, als Kind wohl verwöhnt, und gewohnt, ihren Willen durchzusetzen. Sie kleidete sich elegant nach der Mode des Jugendstils, hatte Spaß an sinnlichen Freunden und war heiter und beschwingt. Es ging ihr gut. Sie hatte aber auch einen Hang zur Spiritualität, glaubte, daß sie telepathische Fähigkeiten habe und war fromm. Derleth konnte sie davon überzeugen, daß das Schicksal mit ihm Großes vorhabe. Sie fand ihn interessant und liebte es, mit ihm Gespräche zu führen. Er machte sie zur Katholikin und verehrte ihn. Jeden Tag schickte sie ihm eine Kunstpostkarte.

 

Anna als selbstlose Dienerin Derleths

 

Derleth hielt von Familienbindungen und der Ehe nichts. Darin glich er nicht seinem Idol Napoleon, (der darin ein echter Italiener war), sondern seinem Idol Jesus Christus. Derleth wollte eine Sekte gründen, und die meisten Sekten zerstören die Familienbindungen, wenn das Sektenmitglied „gläubig“ und der Rest der Familie „ungläubig“ ist. Daß er mit seiner Schwester Anna unter einem Dach wohnte, war nicht Ausdruck der engen familiären Bindung, sondern seines Wunsches, jederzeit über ihre Arbeitskraft verfügen zu können. Für diese Gemeinschaft mit ihrem Bruder war Anna bereit, auf ein eigenes Familienglück zu verzichten. Sie hatte durchaus Freunde und Verehrer, die sie wohl auch geheiratet hätten, z. B. Henry von Heiseler, der 1898/1899 in München war oder der Maler Heirich Wadre. Aber in vorauseilendem Gehorsam gegenüber ihrem Bruder verzichtete sie auf eine Ehe. In späteren Jahren hat sie es vielleicht bereut, ihr Leben ihrem Bruder geopfert zu haben. Auf Fotos, die sie jenseits der Fünzig zeigen, sieht man eine verschreckte, verbitterte und trotzige Frau.

Sie war nicht die dumme Gans, die sich aus Gutmütigkeit ausnutzen läßt. Sie bekannte sich in jungen Jahren bewusst zu ihrem Bruder, weil das Leben als seine Adjutantin ihr eine Fülle von menschlichen Begegnungen und intellektuellen Bereicherungen brachte. So durfte sie 1907 auch einmal ohne ihren Bruder als Gast der Marchesa Nora Farinola in Florenz leben. Sie hatte durchaus Humor. Auf die Frage, was die Bestimmung der Frau sei, sagte sie: „Kochen, backen, Ehe brechen, Männer verführen“. Als man sie fragte, welchen Dialekt sie spreche (sie sprach unverkennbar Unterfränkisch), sagte sie: „Ich schbreche kadholisch“. Einem Zeitgenossen bescheinigte sie: „Selbst ihre Falschheit und Tücke waren echt.“

 

Eva Huch schreibt in einem Brief über Anna Derleth: „... sie lebt für den geliebten Bruder, und dieser ist’s wert, so bedacht zu werden. Beide sind arm, hungern, aber droben bei ihnen ist Adel, Gesinnung, Abgeschlossenheit. An Tagesfragen gehen sie nur hinhorchend vorbei, sie selber leben für anderes, eben für und durch den Geist. Das Katholische spür ich in ihnen stärker als sonst wo. Es sind Jahrhunderte, die sich in ihrem Schatten aufgespeichert haben...eine ganze Cultur, alles lebt in ihnen. Dazu kommt, daß sie dauernd und immer wieder zu allerlei Persönlichkeiten Beziehungen haben und da oben spielt sich eine Welt ab.“

 

Unter ihren Freudinnen und Freunden waren: Der Maler Hans Piloty, die Sängerin Charlotte Bara (Freundin des Dichters Gabriele d’Annunzio, der die Stadt Fiume durch einen militärischen Handstreich eroberte), die Dichterin Regina Ullmann, Ellen Delp, die Schauspielerin Ria Claasen, Hanna Wolfskehl und viele andere. Der Derleth-Biograph Dominik Jost (dem ich zusammen mit den Memoiren von Christine Derleth den größten Teil der Fakten und auch Formulierungen verdanke) schreibt über Anna Derleth: „Ihre Unterhaltungen waren überglänzt von einer Geistigkeit, die Eros und Logos einbezog, von einem Reichtum der Phantasie, die auch die kleinsten Ansätze zum Außerordentlichen zum Blühen brachte.“ Entsprechend der Zeit und dem Milieu, in dem sie sich bewegte, machte sie auch eigene schriftstellerische Versuche. Ihr wichtigstes Werk ist der Briefroman „Die Tempelmädchen“, der aber nie gedruckt wurde. Sie schrieb den Roman in der fensterlosen Küche am Marienplatz. Der Empire-Schreibtisch blieb ihrem Bruder vorbehalten. Jost schreibt über diese Küche: „In diesem engen Raum, kaum breiter als die Türe, hingen noch Stöße von Mänteln und Kleidern, während Anna höchst großzügig mit den Pfannen auf dem eisernen Herd umging.

Da sie sparen musste und gleichzeitig anspruchsvoll war, war sie auf dem Viktualienmarkt und in den Geschäften eine gefürchtete Kundin, die die Preise herunterhandelte und die Waren kritische prüfte. Aber sie konnte auch charmant sein: Um die besten Stücke zu bekommen und freundliche bedient zu werden, bestach sie die Verkäuferinnen mit Erikasträußchen und und netten Worten. Beim Einkaufen war sie der Chef, und der Chef war eine Dame.

 

Derleth gewinnt eine weitere Dienerin, seine spätere Frau und Mäzenin Christine Ulrich (geb.: 29. März 1894, gest. 1992 in Locarno)

 

Christine Derleth schreibt in ihren Erinnerungen: „Als ich 1911 mit siebzehn Jahren zum erstenmal die fünf Treppen der Wohnung am Marienplatz 2 in München erstieg und von Ludwig Derleth empfangen wurde, gab er mir den Rat, nicht zu heiraten. Der Rat fiel auf guten Boden. Denn: konnte ich mich jemals einem anderen Manne zuwenden, nachdem ich ihm begegnet war ?

Mit achtzehneinhalb Jahren kam ich nach München, um ein Studium zu beginnen. Aber was sollte mir ein Studium, seitdem ich wusste, daß es Ludwig Derleth gab ? Er wünschte „ein großes Buch zu schreiben“, und brauchte einen Schreiber. Diesen Glücksfall warf mir das Schicksal zu. Ich ergriff ihn traumwandlerisch, verließ alles Bisherige und stellte meine ganze kindliche Kraft zur Verfügung für eine Sache, von der ich nicht das Geringste wusste. Mußte sie nicht richtig sein, da es Derleth war, der sie begann ?

...und so begann er mit dem Diktat seiner Entwürfe, ein Diktat, das erst endete mit dem Abschluß seines Lebens...

...Mein Nichts-Sein, besonders mein Nichts-Seinwollen ging so weit, daß ich, unsichtbar, wie ich mich machte, wie ein Spiegel wirkte, in dem Ludwig sich selbst beurteilte, begutachtete. Ich hatte nicht die Erlaubnis, auch nur ein Komma zu ändern.“

Claire Eckstein berichtete Brigitta Kubitschek, Christine Ulrich von Ludwig Derleth und seiner Schwester das „Stummerl“ genannt wurde, „weil sie mit feiner und gestochener Schrift schweigend alles aufschrieb“, was ihr Derleth diktierte.

 

Nüchtern könnte man feststellen, daß es dem Guru Derleth gelungen war, die Bewunderung und das Anlehnugsbedürfnis eines jungen Mädchens auszunutzen und sie als kostenlose und ihm bis zur Selbstaufgabe fügsame Schreibsklavin auszubeuten. Christine verzichtete auf ihrn Studium und ihr selbstbestimmtes Leben, sondern begab sich in eine freiwillige Unmündigkeit, kaum daß sie das Elternahus verlassen hatte. Daß Christine Ulrich in ganz typisch weiblicher Weise Derleth dann doch immer mehr beeinflusste und Wege fand, ihren Anteil in die Arbeit einfließen zu lassen, schließlich als seine Ehefrau und Mäzenin die wichtigen Entscheidungen über die gemeinsame Lebensgestaltung als gleichwertige Partnerin traf, seine Schwester Anna aus seinem Leben verdrängte und schließlich, als er von Schlaganfällen schwer gezeichnet, von ihrer Pflege abhing, der starke und dominierende Teil wurde, ist der natürliche, aber auch tragische Ablauf einer solchen Beziehung, bei welcher der (meist deutlich ältere) Partner zuerst wie ein Gott angesehen wird und  dann immer mehr auf ein menschliches, ja allzumenschliches Maß schrumpft.

 

Von 1912 bis 1916 lebten die beiden Geschwisterpaare Ludwig und Anna Derleth und Christine und Wilhelm Ulrich in der Wohung am Marienplatz 2. Anna Derleth und Christine Ulrich verehrten und bewunderten Ludwig Derleth, der wiederum heimlich in Wilhelm Ulrich verliebt war. Für die vier war dies, trotz des Krieges, dessen Not aber in den ersten Jahren in München kaum zu spüren war, eine schöne und glückliche Zeit.

 

Christine Ulrichs Eltern zu Besuch bei den Derleths

 

Christine Ulrich, die spätere Christine Derleth schreibt: „Meine Eltern, die mich zum Studieren nach München entlassen hatten, nahmen eine vorbildliche Haltung ein, als ich nicht studierte. Sie wussten, daß ich für Ludwig Derleth schrieb, obwohl ich damals nicht die Gabe hatte, mich zu erklären. Sie wussten mich in Wilhelms Nähe, überwiesen das Studiengeld und...zeigten Vertrauen. Anna erwarb meines Vaters Sympathie durch eine prachtvolle Wildschweinschulter, die sie im Münchner Zerwirkgewölbe erstand....Meine Mutter machte einen Besuch am Marienplatz und wurde von Ludwig empfangen. Sie erzählte: ‚Es war eine Audienz. Herr Derleth redete sehr viel und gab mir keine Gelegenheit, auch etwas zu sagen!’.

Ludwig wurde mehr geliebt, als daß er selber zurückliebte. Es ging ihm...darum, jemanden zu veranlassen, so wie er zu denken. So war es zur Konversion meines Bruders zur katholischen Kriche gekommen, als Wilhelm 20 Jahre alt war...Meine Mutter zitterte bei dem Gedanken, Wilhelm könnte in ein Kloster eintreten. Aber diese Gefahr bestand nicht...Wilhelm konnte auf die Dauer sein Interesse am Architektenberuf nicht unterdrücken...als der Krieg zu Ende ging, übte er seinen Beruf in Holland aus. Nachdem er geheiratet hatte, siedelte er sich in Halle an der Saale an.

 

Das Tausend-Seiten-Buch ist beendet, Derleth ist von Ende April bis Juli 1914 in Rom

 

Derleth plante wohl, sich auf Dauer in Rom niederzulassen. Er hatte ein Zimmer hoch über der Spanischen Treppe. Aber der Erste Weltkrieg begann sich abzuzeichnen. Derleth legte seine Umsiedlungspläne auf Eis. Er kehrte am 20. Juli 1914 nach München zurück. Während des Ersten Weltkriegs beschäftigte Derleth sich, seine Schwester und seine zukünftige Frau damit, die vielen abgeschriebenen Seiten in der schon erwähnten Enzyklopädie zu ordnen. Daneben legte er noch eine Sammlung von Bildern an, die die Welt abbilden sollten. Eine Auswahl  aus diesen Bildern stellte sich Derleth allein zusammen; sie enthielt Bilder von Menschen und Orten oder festlichen Ereignissen, die ihm besonders bedeutsam waren.

 

Das „Chateau Merveil“

 

Wilhelm Ulrich wurde bereits 1914 kriegsinvalid und kehrte aus dem Krieg wieder nach München zurück. 1915 baute der zukünftige Architekt eine Art Puppenstube, das „Chateau Merveil“, dessen Zierde zwei Flügeltüren aus Glas waren. Dabei handelte es sich um zwei Fensterscheiben aus dem Quartier napoleonische Offiziere in Münnerstadt, in die sie mit dem Diamantring ein Bild der preußischen Königin Luise und einen Reiter mit einem Pferd eingeritzt hatten. Derleth hatte das Gymnasieum in Münnerstadt besucht und später die Scheiben in seinen Besitz gebracht.

 

Derleth und Christine Ulrich wollen einen Gutshof erwerben

Einblick in die finanzielle Lage des Vaters von Christine Ulrich

 

Christine Ulrich ging 1916 auf den „Fasanenhof“, ein landwirtschaftlicher Betrieb, um die Kenntnisse  zur Führung eines Gutes zu erwerben. Ihr Sinn für Praktische sagte ihr wohl, daß in den kommenden Jahren nützlich sein werde, ein landwirtschaftliches Anwesen zu erwerben und sich mit Nahrung selbst zu versorgen. Denn erst kommt das Fressen, dann das Ideal, um frei nach Brecht zu reden. Noch schöner ist es natürlich, das Fressen und das ideale Leben miteinander zu verbinden. Man stellte sich das Landleben idyllisch vor und wollte sich da draußen ein kleines Paradies schaffen. Der Traum vom Paradies spielte später in Derleths Dichtung, der „Fränkische Koran“ eine bedeutende Rolle. Man wollte aber nicht in einem einfachen Bauernhaus, sondern in einer Burg wohnen. So  fasste man die Rosenburg bei Riedenburg im Altmühltal ins Auge. Die Idee mit der Burg hatte das Ehepaar Marie und Max von Seydewitz, die in der Nähe von Riedenburg in Aicholding ein Schlösschen bewohnten, das sie mit der Villa in Dachau vertauscht hatten. Christine Derleths reicher Vater, der Anteile an einer Brauerei hatte, sollte die Rosenburg kaufen, Wasser- und Stomleitungen legen lassen und Gästezimmer einrichten. Aber aus den Plänen wurde nichts, weil das Geld der Inflation zum Opfer fiel. Christine Derleth schreibt: „Auch die von Seydewitz waren gezwungen, ihr Testament rückgängig zu machen., in welchen sie Ludwig Derleth das Schlösschen Aicholding vermacht hatten.“

Claire Eckstein teilte der Reventlow-Forscherin Brigitte Kubitschek am 21.06.1991 in einem Gespräch mit, daß Christine Derleth immer vermögend gewesen sei und Anteile an der Brauerei „Fundstädter Bier“ aus dem Erbe ihres Vaters besessen habe. (Ich vermute, daß es sich dabei um „Pfungstädter Bier“ handelte. Das Elternhaus von Christine Derleth stand nämlich in Pfungstadt bei Darmstadt). Später finanzierte der Vater von Christine die Wohnung des jung vermählten Paares in Rom. Die Bedingung was, daß Derleth Christine heiratete.

 

Der Erste Weltkrieg geht zu Ende

 

1917 fuhr Derleth zum Kloster Weltenburg bei Kehlheim und schrieb an Wilhelm Ulrich auf einer Postkarte: „Laß uns Weltbürger werden“. Offensichtlich war der Kriegshetzer und Napoleonbewunderer Derleth kriegsmüde geworden. Er träumte davon, schöne Dinge, die ihm an Herz gewachsen waren, am Donaudurchbruch an der langen Wand in einem rituellen Opfer zu versenken. Er nannte diese Stelle der Donau den „See der schönen Dinge“. In der letzten Woche des Jahres 1918 diktierte er Christine Ulrich in München die veränderte Fassung der „Proklamationen“, die dann 1919 im Musarion-Verlag herauskamen und einem breiteren Publikum bekannt wurden. Kurz danach begann er mit dem „Buch vom Orden“. Hier nimmt er wieder seine fixe Idee von einem Ritterorden auf, dessen Mitglieder durch die heiligen Bande des Gehorsams, der Ehrfurcht, der Demut, der Treue und der Liebe verknüpft sind, „die über alle Innigkeiten von Ehebünden und Freundschaften weit hinaus gehen“. Er wollte die zukünftigen Mitglieder des Ordens schon von jungen Jahren an auf das Ordensleben vorbereiten.

„Die Jünglinge sollen sich nicht bemühen, daß es ihnen gut gehe, sondern daß sie das Gute tun. ...alle persönlichen Äußerungen von selbstsüchtiger Gemütsart, Neid, Eiersucht, die individualistische Anmaßung und das Streben nach Eigennutz“ sollen überwunden werden.

Die jungen zukünftigen Halbgötter bekommen in Derleths Utopie keine gewöhnliche Nahrung, sondern „die Alchemie des Ordens“ stellt „höher belebende Nahrunsstoffe und neue Genußmittel her, welche den von der Natur gegebenen Körper verfeinern und „der Seele zu einem Durchbruch von neuen Kräften und Fähigkeiten verhelfen.“

Das alles erinnert an Gral und Göttertrank der olympischen Götter.

Derleth war nicht der einzige, der die Idee von der Gründung eines Ritterordens hatte. 1920 gründete z. B. Arthur Maraun den „Jungdeutschen Orden“, dem der Deutsche Orden als Vorbild diente. Sein Orden wurde von den Nationalsozialisten aufgelöst. Zu erwähnen ist natürlich auch der Neutemplerorden des Jörg Lanz von Liebensfels.

 

Derleth zieht sich zurück, um ein Buch zu schreiben

 

Im Sommer 1919 waren Ludwig Derleth und Christine Ulrich Gäste von Marie und Max Seydewitz in Aicholding. In der Gartenlaube und im Martinskirchlein begann er Texte zu diktieren, die teilweise in den „Fränkischen Koran“ eingingen.

Christine Derleth schreibt: „...(Ludwig Derleth) begann mit dem Diktat zu seinem eigenen Buch. Rasch ordnete er alle bisherigen freundschaftlichen Beziehungen dem unter. Die Ordensidee, die Hauptidee seines Lebens, ließ er nicht fallen, sondern betrat mit ihr gleichsam eine neue Ebene, die der Verwirklichung im Literarischen. Bald musste dem alles andere weichen.“

 

Ludwig Derleth: Pascha, Edelbohèmien und Schreibtischrevoluzzer

 

Ich sehe das etwas prosaischer. Die Hauptideee Derleths war es, der ganzen Welt (und sich selbst) zu zeigen, daß er ein grandioser Mensch sei. Der Weg, auf dem er dies zu erreichen hoffte, war, es Menschen um sich zu sammeln, die ihn verehrten und seinen Anweisungen kritiklos folgten. Nachdem ihm dies in größerem Maßstab nicht gelang, lenkte er seine Energie auf das Schreiben eines grandiosen Werkes. Der Name „Koran“ verrät schon ganz klar, warum es ihm ursprünglich ging: Ein heiliges, durch niemanden zu kritisierendes Buch, das der Menschheit sagen sollte, was sie zu glauben, zu fühlen, zu denken und zu tun hatte. Auch hier wieder der unstillbare Wunsch, andere zu dominieren. Der erste Text, der zum fränkischen Koran entstand, war „Das Buch vom Orden“. Darin kommt diese Absicht ganz unverholen zum Ausdruck. Daß dann später aus dem Fränksichen Koran eine Dichtung wurde, die u. a. auch den Lebensgenuss und auch den Genuss des Weines verherrlichte, hängt damit zusammen, daß das, was bei Derleth in der ersten Lebenshälfte zu kurz gekommen war, nämlich die Sinnlichkeit und das Genießen, von ihm während seiner Jahre in Italien nachgeholt wurde, als er sich mit dem Erbe seiner Frau einen luxuriösen Lebensstil leisten konnte. Wenn man die Fotographien des jungen Derleth mit denen des alten vergleicht, sieht man zwei verschiedene Menschen. Der junge Derleth ist ein hagerer, asketischer Fanatiker, der alte Derleth ist ein gelassen und selbstbewusst, aber auch müde schauender Patron mit einem Doppelkinn. Er kann zufrieden sein: während andere im Schützengraben verreckten und die Überlebenden nach dem Ersten Weltkrieg die Wirren und die Not erlebten, ließ er sich von anderen bewirten, kam durch eine Heirat zu Reichtum und führte ein großbürgerliches Leben. Zwei Frauen umsorgten ihn und waren seine gehorsamen Sklavinnen. Außer reisen, reden und sein Buch diktieren hatte er nichts zu tun. Die Widrigkeiten des Alltages, das Putzen, Wäschewaschen, das Kochen, das Einkaufen, vermutlich aus das Möbelpacken für die Umzüge, das Schreiben und bearbeiten seines Buches und alles andere nahmen ihm seine Frauen und Freunde ab.

Für sein umfangreiches literarisches Werk, der „Fränksiche Koran“ fand sich kein Verleger. Es wurde auf Kosten des Vermögens seiner Frau gedruckt.

 

Von München nach Rom - Derleth zieht sich zurück

 

Derleth war also entschlossen, die Beziehungen, die er aufgebaut hatte, abzubrechen. Christine Derleth schreibt: „Derselbe Ludwig Derleth, der viele geliebt und an sich gebunden hatte durch sein So-Sein, wurde jetzt herzlos gegen sich wie gegen die anderen.“

Diesen Satz muß man auch noch im Zusammenhang der Zeit sehen, zu der Derleth die Brücken zu seinen Freunden und Verehrern abbrach: Es war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Deutschland hatte den Krieg verloren, die Not war allgemein. Derleth konnte und wollte nichts für seine Freunde tun.

 

Die ganzen Umbrüche, die sich in München zwischen 1918 und 1923 ereigneten, haben weder in der Biographie noch im Werk von Derleth keine großen Spuren hinterlassen, außer einer: Derleth zieht sich zurück. Am 7. und 8. November kam es in München zur Revolution. König Ludwig III. floh  überstürzt aus München, Kurt Eisner bildete eine sozialistisch-sozialdemokratische Revolutionsregierung. Die Ernährungslage war katastrophal. Wohl auch deshalb setzen sich Derleth nach Aicholding als Gast des Ehepaares von Seydewitz ab.

Am 21. Feb. 1919 wurde Kurt Eisner in der Kardninal-Faulhaber-Straße, nahe zur Ecke Pacellistraße, von dem jungen Graf Arco von hinten durch einen Kopfschuß getötet. (Das Hotel Bayerischer Hof hat sich bis heute geweigert, an die Hausmauer eine Gedanktafel an den Sozialisten Eisner anbringen zu lassen).

In den darauf folgenden Wirren folgte am 7. April 1919 die Ausrufung der Bayerischen Räterepublik. Die immer noch amtierende Regierung Hofmann floh nach Bamberg. Es gab eine Proklamation, aber die war nicht von Derleth, sondern von den Sozialisten. Sie proklamierten den Anschluß Bayerns an die sozialistische Weltrevolution.

Müncher Soldaten versuchten die Gegenrevolution, aber der Ptusch scheiterte. Das führte dazu, daß die Linkssozialisten von den noch radikaleren Kommunisten am 13. April 1919 entmachtet wurden. Bayern war jetzt komunistische Räterepublik. Das war so ziemlich das Gegenteil von dem, was sich Derleth als Revolution vorgestellt hatte. Aber schon bald rückten preußische, würrtembergische und bayerische Truppen und Freikorps gegen München vor, und am 2. Mai 1919 war die Räterepublik durch einen blutigen Bürgerkrieg beseitigt. Von jetzt an regierte Gustav Ritter von Kahr von der bayerischen Volkspartei.

Die Inflation steigerte sich in Jahr 1922 und erreichte im Jahr 1923 das Stadium der Hyperinflation. Das Geld verlor immer schneller an Wert und aus Tausendmarkscheinen wurden Millionen und Miliiardenscheine. Man brauchte keine Geldbeutel mehr, sondern Rücksäcke. Am 23.9.1923 wurde Kahr zum Generalstaatskommissar ernannt und die Verfassung außer Kraft gesetzt. Am 8. und 9. November 1923 machte Hitler seinen erfolglosen Pustschversuch.

 

Vor diesem Hintergrund muß man Derleths Flucht in die Dichtung sehen. Er hätte jetzt Gelegenheit gehabt, eine Gefolgschaft um sich zu sammeln, und die von ihm in den Proklamationen geforderte Gewaltanwendung zu praktizieren. Aber er war ein Prediger und Theoretiker, kein Praktiker der Gewalt. Das waren die Millionen von Soldaten, die von 1914 bis 1918 zu Profis der Gewaltanwendung geworden waren, und die die Kämpfe und Wirren der Nachkriegsjahre trugen. Sie setzten das fort, was sie im Krieg gelernt hatten.

 

Derleth hat sich in seinen Dichtungen, so viel ich weiß, nicht mit Gewalt und alltäglicher Not auseinander gesetzt (außer daß er Gewalt und Gehorsam predigte). Als er sah, wohin Gewalt führen, revidierte er seine positive Einstellung zur Gewaltanwendung nicht. Er lebte weiter als Ewig-Gestriger in seiner Traumwelt.

 

Derleth ist viel unterwegs und dichtet

 

1921 ließ Derleth durch Christine Ulrich, die damals wieder in Darmstadt wohnte, ein Zimmer an der Steinstraße mieten. Hierher wurden aus der Müncher Wohnung die Gegenstände, die für Derleth eine besondere emotionale Bedeutung hatten, gebracht. Man bereitete den Abbruch der Zelte in München vor. Derleth kam wochen- und monatelang nicht in die Marienplatzwohnung. Aber seine Schwester Anna erstattete ihm Berichte über den Stand der Kurse (man hatte also Aktienvermögen zu verwalten) und über das Eintreffen von Geschenken und über Begegnungen und Gespräche.

 

Wenn Derleth mal in München ist, bekommt er schon mal einen Zornesausbruch und die Schwester ist „in Tränen gebadet“. Aber wenn er nicht da ist, ist sie sie auch traurig. Sie schreibt an Olga Fröbe-Kapteyn: „Gestern früh hat Ludwig München verlassen, mir wollte das Herz brechen – die Wirklichkeit geht und ich bin hier im Urwald.“

Im Frühjahr 1922 war Derleth in Halle bei Wilhelm Ulrich, im Sommer in Darmstadt. Im Herbst 1922 war er in Ascona, von dort aus machte er mit Olga Fröbe-Kapteyn eine Reise anch Rom.

Während dessen nahm Anna Derleth regen Anteil am geselligen Leben. Sie besuchte Vorträge der Sekte „Christian Science“, ging zur Kartenlegerin und las populäre Schriften über Astrologie. Aber sie behielt sich ihre Distanz und ihr skeptisches Urteil. Aber offensichtlich war sie auf der Suche nach einem spirituellen Halt in ihrem Leben, nachdem ihre Bruder und bisheriger Guru sich immer mehr aus ihrem Leben entfernte. Als eine Maus sich über ihre spärlichen Vorräte hermachte, fing sie Anna und setzte sie in der nahegelegenen Kirche St. Peter aus. Sie war tierlieb und man hielt zahlreiche Vögel. Denen gefiel es wohl gut in der Wohnung am Marienplatz, denn als sie einmal durchs offene Fenster alle entwichen waren, kamen sie auf den Lockruf Derleths alle wieder zurück.

 

Ludwig Derleth und Christine Ulrich heiraten in Rom

 

Im Herbst 1922 starb der Vater von Christine Ulrich. Christine Ulrich erbte einiges an Vermögen, aber die Inflation hatte das Geld des Vaters vermindert. Sie ging nach Berlin, um ihr Gesangsstudium fortzusetzten, das sie 1924 abschloß. Während dieser Zeit arbeite sie immer wieder für Derleth am „Fränischen Koran“ und schrieb den bis dahin vorliegenden Text (die „Heiligenberg-Fassung“) mit der Schreibmaschine in dreifacher Kopie ab.

Der holländische Großvater von Christine Ulrich starb. Sein Vermögen (und Holland hatte keine Inflation) fiel an die Mutter von Christine Ulrich. Die reichte es aber gleich weiter an ihre fünf Kinder. Christine wurde zur reichen Frau. Am 15. März 1924 heirateten Ludwig Derleth und Christine Ulrich in Rom und mieteten sich eine Wohnung (in der auch Derleths Schwester Anna mit einzog). Christine Derleth schreibt:

„Die Wohnung in Rom via quirinale 21 mit ihren sieben Zimmern war das Schönste, was wir uns hatten träumen lassen, und entsprach vollkommen Ludwigs ausgesprochenem Sinn für kultiviertes Wohnen.“

Den Münchner Freunden gaben sie ihre Adresse nicht bekannt, ein Telefon wollten die Derleths nicht haben. Briefe erreichten sie nur postlagernd. In die Stadt gingen sie nicht, wohl aus Angst, von jemandem aus Deutschalnd gesehen zu werden. Derleth arbeitet fleißig. Die Arbeit bestand darin, daß er italienische Weine trank und Weinlieder dichtete. Aber immerhin hieß der Wein „Die Tränen Christi“. Derleth endeckte den Rausch und das Dionysische. Das Asketische und Revolutionäre war bei dem jungen Ehemann out. Aber Derleth wäre nicht Derleth gewesen, wenn er seine Weinlieder nicht mystisch überhöht hätte.

 

Nach zwei Jahren besuchte Christine Derleth ihre Mutter in Rotterdam. Sie wurde krank und konnte nicht nach 14 Tagen nach Rom zurückkehren, sondern es wurden vier Wochen daraus. Derleth bekam einen seiner Wutanfälle, weil er ohne seine Schreibsklavin sein musste. Erbost kündigte er die Wohnung. Auch passte es ihm nicht, daß der Palzzo, in dem er wohnte, dem faschistischen Finanzminister Graf Guiseppe Volpi gehörte, der selbst den 1. und 2. Stock bewohnte (Derleth wohnte im dritten Stock). Die Faschisten gingen in diesem Haus ein und aus, und Derleth hatte Angst, für einen Faschisten gehalten zu werden. Außerdem sah Derleth ein, daß das Saufen und Dichten von Weinliedern doch nicht seine Zukunft sein könne.

 

Die Möbel wurden in ein Depot gegeben. Um die Logistik und die Organisation hatte sich wohl (wie immer) Derleths Schwester Anna zu kümmern. Derleth fand im Hotel „Kraft“ am Rheinweg in Basel eine Bleibe. In Basel hatte man Kontakte zu einer Mäzenin, Frau Helene Burckhardt.

 

Die Derleths in Perchtolsdorf bei Wien

 

Von 1927 bis 1935 wohnten Ludwig, Anna und Christine Derleth im Maria-Theresia-Schlössl in Perchtoldsdorf bei Wien, Hochstraße 135. Einst war es ein kleines Jagdschloß der Kaiserin Maria Theresia gewesen. Es war umgeben von Natur und ein guter Ort  für einen Dichter, der seine Ruhe haben will.

Im Januar 1930 verbrachten Ludwig und Christine Derleth einige Wochen in Paris. Von dort aus reisten sie über Algier, Biskra und Constanine zu den Ruinen von Karthago. Im Frühjahr 1931 besichtigten sie die Ruinen des Palastes des Kaisers Diokletian in Split (Kroatien).

 

Im Februar 1934 kam es in Wien und in anderen Städten zu blutigen Straßenkämpfen. Die Nationalsozuialisten versuchten einen Putsch. Am 25. Juli wurde Kanzler Engelbert Dollfuß ermordet.

 

Letzte Station: Ein Palazzo im Tessin (in San Pietro di Stabio)

 

Die Derleths merkten, daß es in Österreich ungemütlich werden würde und sahen sich nach einer neuen Bleibe um. Im Sommer 1935 reisten Ludig und Chrsitine Derleth in die Schweiz. Anna Derleth blieb in Perchtoldsdorf zurück.

 

Christine Derleth find im südlichsten Tessin, im Mendrisiotto, schon in der Po-Ebene gelegen, in San Pietro di Stabio einen Palazzo, der genügend Räume hatte (nämlich etwa 20 und einen Festsaal), um die vielen Bücher und Zeitschriften unterzubringen, die sich bei Ludwig Derleth inzwischen angesammelt hatten. Schon in Percholsdorf konnte Derleth den Hauptteil seiner Bibliothek nur in einem Nebengebäude unterbringen.

Der Palazzo war die Sommerresidenz des Architekten Domenico Fontana gewesen.

Bevor sie einzogen, vermählten sich Ludwig und Christine Derleth in der Chiesa di Loreto in Lugano nach dem Ritual der römisch-katholischen Kirche.

 

Wolfram von den Steinen besuchte Derleth 1940 und 1942 in San Pietro di Stabio. Er schreibt: „Kein Gebirge oder See, keine Sehenswürdigkeit... Am Rande des Dorfes auf einem Hügel die Kirche, unweit ein größeres Haus mit breiter Freitreppe. Oben von der Loggia führt dann eine Tür in einen dämmrigen Saal; alte Bilder, Bücher, mancherlei Hausrat. Ganz hinten leuchtet der Kamin, ein paar Kerzen brennen. Da sitzt der Greis und blickt stumm ins Feuer...Er ist nicht groß...noch immer gebieterisch in jeder Miene; Augen voller Stille und doch noch immer prüfend und gefährlich. Ein Feldherr im Exil. Oder ein Kardinal ?...er spricht nicht leicht...“

 

Christne Derleth schreibt: „Lange Zeit wohnte kein Dienstbote im Haus. Die Helferin im Haushalt kam von draußen und ging nach zwei Stunden wieder, ohne daß Ludwig sie gesehen hätte...Ich kochte für Ludwig und mich, er war stets allein. Anna war in Perchtoldsdorf geblieben. Nur Kinderbesuche gestattete er.“ Mit den Eidechsen unterhielt sich Derleth häufig und innig.

Christine Derleth: „In den ersten drei Jahren zeigte sich das Leben unter glückhaften Aspekten.“

Enge freundschaftliche Beziehungen hatten die Derleths zu der Medizinerin Dr. Margarete Gsell-Busse und deren Mann. Christine Derleth schloss mit den Gsells einen Vertrag auf gegenseitige Hilfe. 1938 kauften die Gsells den Palazzo in San Pietro und  räumten Ludwig Derleth das Wohnrecht auf Lebenszeiten ein. Außerdem halfen sie Chrstine Derleth, indem sie  die Texte Derleths ins Reine schrieben.

 

In den nächsten Jahren machte sich bei Derleth das Alter bemerkbar. Er litt an Artherisklerose und hatte nervöse Krämpfe. Er litt an geistiger Leere und wohl auch an Altersdepressionen. Christien konnte einmal gerade noch verhindern, daß er eine „Riesenpaket Manuskripte“ ins Kaminfeuer werfen wollte.

Claire Eckstein gab Brigitta Kubitschek zu Protokoll, daß Christine Derleth ihr gesagt habe, daß Ludwig Derleth die letzen zehn Jahre vor seinem Tod mit niemandem mehr gesprochen habe, auch mit seiner Frau nicht. Wahr ist wohl, daß Derleth Phasen gehabt hat, während denen er nur schweigend dasaß.

Am Dreikönigstag 1942 kam es zwischen Derleth und dem Theologen Hans Urs von Balthasar zu einer ersten Unterredung. Balthasar konnte Derleth dazu bewegen, den „Tod des Thanatos“, von dem es schon eine Fassung aus dem Jahr 1919 gab, neu zu überarbeiten. So konnte er Derleth aus seiner Apathie und seinem Menschenhass reißen. Der „Tod des Thanatos“ erschien 1946. Derleth fordert darin eine Erneuerung der katholischen Kirche. Diese Überarbeitung und Ergänzung des Textes wäre wohl nicht ohne die Hilfe von Balthasar und Christine Derleth zustande gekommen. Sie milderten die krassesten Formulierungen ab und der Abschnitt F wurde von Christine Derleth verfasst, wohl unter Verwednung von Fragementen und Gedanken Derleths.

 

Derleths Gesundheit verschlechterte sich weiter. Er litt an einer Störung des motorischen Zentrums (Parkinson) und konnte kaum noch gehen. Außerdem muß wohl die Ferndiagnose „Alzheimer“ stellen. Dominik Jost schreibt: „Oder er rief nach Christine, die neben ihm saß, konnte aber ihr Antlitz nicht erinnern, wenn sie sich über ihn beugte...Trat er einmal aus der Oase des Schweigesn heraus, kam sein Wort von weit her...“

Im Sommer 1947 erlitt Derleth einen Schlaganfall, von dem er sich aber einigermaßen erholte. Im Dezember 1947 besuchte ihn seine Schwester Anna.

Anna hatte in der Nachkriegszeit Hunger gelitten und sich im Januar 1947 ein Bein gebrochen. Jetzt stieg sie mit einem Stock und am Arm von Christine Derleth die Freitreppe zu ihrem Bruder hinauf, um die letzten Wochen seines Lebens bei ihm zu sein. Ludiwg Derleth starb am 11. Januar 1947. Seine Schwester Anna starb am 23. August 1955 (laut Christine Derleth, auf dem Grabstein steht aber 1959). Beide sind nebeneinander auf dem Friedhof in Stabio begraben.

 

Auf dem Grabstein von Ludwig Derleth steht:

 

„Salva nos, Domine, vigilantes

Custidi nos dormientes

Ut vigilemus cum Christo

Et requiescamus in pace. »

 

(« Rette uns, Herr, die wir wachen

Behüte uns, wenn wir schlafen

Damit wir mit Christus wachen

Und in Frieden ruhen.“)

 

Nach dem Tod Ludwig Derleths brauchte Christine Derleth zwei Jahre, um sich von den Belastungen, die die Krankheit, die Pflege und der Tod ihres Mannes mit sich gebracht hatten, zu erholen. Die riesige Bibliothek verkaufte sie  an die Buchhandlung Seebass in Basel, die sie versteigerte. Sein literarischer Nachlass ging an das Schiller-Nationalmuseum in Marbach.

 

Derleth als Vorbild für Gestalten in den Werken von Thomas Mann

 

Da ist einmal der Prophet Daniel in dem nur wenige Seiten langen Text „Beim Propheten“. Dann trägt noch in dem Roman „Der Zauberberg“ der Leo Naphta Züge von Ludwig Derleth. Und schließlich ähnelt noch der Dichter Daniel Zur Höhe im 34. Kapitel des „Doktor Faustus“ Ludwig Derleth. Dort stellt ihn Thomas Mann als einen Wegbereiter des Nationalsozialismus dar, als einen Präfaschisten.

 

Der Rechtsanwalt Otto Reeb schrieb am 5. Februar 1950 einen Brief an Thomas Mann und wies darauf hin, daß das Bild, das Thomas Mann in seinen Figuren von Derleth gezeichnet habe, ihn als eine „etwas komische Fiur“ erscheinen ließen.

 

Thomas Mann antwortete am 1. April 1950 aus 1550 San Remo Drive, Pacific Palisades in Kalifornien:

 

“Es tut mir aufrichtig leid, dass ich Sie …gekränkt habe….Dass Derleths ‘imperiales’ Wesen schon damals seine wunderlich-groteske Seiten hatte, will ich auch gerne glauben. Ich bin in München öfters mit ihm und seiner Schwester, der ‚bösen Nonne’, wie sie bei George heißt, zusammengetroffen und war immer zugleich fasziniert und amüsiert von der strengen und stolzen Verspieltheit der Geschwister, die eine besondere Abwandlung der Münchner Bohème war und beim ihm natürlich das bedeutendere Gesicht hatte. Damals ging er als Jesuiten-Novice nach Rom, wo ich ihn auch einmal mit einem Pater auf der Straße sah, der den feierlich Rodomontierenden lächelnd von der Seite betrachtete. Die ‚klugen und gewandten Väter’ sind zu sehr Weltkinder, um nicht Sinn für Humor zu haben, - der ihm gänzlich abging. Er ‚entsprang’ denn auch, wie seine Schwester berichtete, ‚nach Paris’, wo er, wie sie bedeutsam hinzufügte, ‚in der Rue Ponabarte’ wohnte. Wenn man sie fragte, welchen Dialekt sie eigentlich spräche, so antwortete sie: „Ich schbreche kaddolisch !“ So waren sie, wundervoll anti-bürgerlich, jesuitisch, napoleonisch, ganz Illiberale und Ausgefallene, auf grausame Schönheit und schöne Grausamkeit gestellt, kurzum Ästheten. Das ist kein Schimpfwort. Nun ist aber der „Faustus“ ein schrecklich moralisches Buch, in welchem es unter anderem um die unheimliche Nachbarschaft von Ästhetizismus und Barbarei geht. So kam es, dass sich mir unwillkürlich eine Figur wie der Dichter zur Höhe mit ihren an Derleth erinnernden Zügen unter die bedrohlichen, präfaschistischen Gestalten des Romans drängte. Ganz gewiß ist zur Höhe nicht der ganze Derleth....Meine Erinnerung spielte mir mehr äußere Einzelheiten seines Gehabes, seiner Attitude zu, besonders das stereotype ‚jawohl, jawohl, man kann es sagen’ hatte ich nach so vielen Jahren immer noch im Ohr. Aber von seiner geistigen Haltung, wie auch von der George’schen überhaupt, ist doch etwas in die Figur eingegangen...

Auf nichts habe ich es weniger abgesehen als Menschen weh zu tun. Ich bin froh, dass Ludwig Derleth dieses seine Persönlichkeit so wenig erschöpfende Halb-Porträt nicht mehr vor die Augen gekommen ist. Aber wahrscheinlich hätte er sich gar nicht erkannt.“