Essay 7

Von Richard Beiderbeck, http://www.koinae.de/     

 

Ich will mich bemühen in einer einfachen und klaren Sprache zu schreiben. Wenn die Sprache nicht klar ist, sind oft auch die Geanken nicht klar. Manchmal hat man den Eindruck, daß die Sprache für alles mögliche benutzt wird: z. B. zur Verschleierung der Wahrheit, oder um sich als gelehrt und fachkundig darzustellen usw. Aber manchmal wird sie auch tatsächlich dazu benutzt, dem andern etwas mitzuteilen.

Die Sprache ist nur ein Mittel, um beim Zuhörer eigene Erinnerungen und Gedankenverbindungen auszulösen. Die Sprache funktioniert nur deshalb, weil der andere ähnliche Erfahrungen und eine ähnliche Art zu denken hat, wie man selbst. Wenn dies nicht der Fall wäre, dann könnte die Sprache viele Hunderttausend Worte und die ausgefeilteste Grammatik haben - trotzdem könnte man mit ihr nicht die Wirklichkeit einfangen und sie dem andern vermitteln.

 

Seit Beginn der Schöpfung ist die Welt immer komplizierter geworden.

Ganz am Anfang des Universums gab es nur eine Sorte Atome: Wasserstoffatome, die einfachsten nur denkbaren Atome. Durch Kernfusion und Kernzerfall entstand in den Sternen der ganze Zoo von stabilen und instabilen Isotopen, den wir heute auf der Karlsruher Nukleidkarte bewundern können.

Ganz am Anfang des Lebens gab es nur einzellige Lebewesen. Als vorläufiges Ende dieser Entwicklung sehen wir heute den Menschen, mit seinen Milliarden Zellen, die in den verschieden Organen ganz unterschiedlich gebaut sind.

 

Alles, was im Verlauf der Schöpfung entsteht - und die Schöpfung ist ja nicht abgeschlossen, sondern geht heute und in Zukunft ständig weiter - entwickelt sich zu immer größerer Vielfalt und schließt sich zu immer komplexeren Gebilden zusammen. Die Produkte der Schöpfung werden immer vielfältiger, doch diese Vielfalt ist immer besser zu größeren Einheiten integriert und organsiert.

 

Das ist alles höchst erstaunlich, wenn man bedenkt, daß nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik jedes System zu einem Zustand hinstrebt, in welchem alle Unterschiede in der Verteilung von Energie und Materie eingeebnet sind. In diesem Zustand sind alle höheren Energieformen in Wärme umgewandelt und diese ist gleichmäßig verteilt ("Wärmetod des Universums"). Nach dem Entropiegesetz müßten eigentlich die Atome, aus denen ein Mensch besteht, danach streben, sich gleichmäßig über das gesamte Universersum zu verteilen. Der Zustand der totalen Desintegration ist eigentlich der dem Entropiegesetz gemäße. Das erstaunliche ist, daß entgegen diesem Naturgesetz ein so komplexes Gebilde wie der Mensch überhaupt entstehen konnte und daß sich der menschliche Organismus so lange gegen die Kräfte der Zerstörung behauptet.

 

Schon als das erste organische Molekül entstanden war, war es viel wahrscheinlicher, daß es ausseinanderbrechen würde, und daß sich seine Bruchstücke in alle Himmelsrichtungen verteilen würden, als daß es weiterbestehen würde und sogar weitere Moleküle hervorbringen würde.

 

Es sieht so aus, als wäre seit Beginn der Schöpfung eine zielgerichtete Kraft, ein Geist, oder ein Wille am Werk, der immer komplexere Organismen entstehen läßt.

 

 Wenn wir die Entwicklungsgeschichte des Lebens beobachten, fällt auf, daß sich das Tempo der Entwicklung ständig beschleunigt. Die Komplexität der Geschöpfe verdoppelt sich in immer kürzeren Abständen. Allerdings ist es nicht so, daß die Höherentwicklung stetig erfolgt, sondern es gibt Phasen, in denen die Entwicklung recht langsam vorangeht, dann aber gibt es wieder Zeiten des Umbruches, in denen dann in relativ kurzer Zeit große Veränderungen geschehen.

 

Der Trend zu zunehmend komplexerer Organisation ist nicht nur im Bereich der Biologie zu beobachten. Auch die Beziehungen der Lebewesen untereinander wurden immer enger und vielseitiger. In einem Biotop bilden alle Lebewesen ein komplexes, vielfach verwobenes Geflecht. Heute sind immer mehr Leute der Ansicht, daß der ganze Planet Erde ein komplexer Organismus ist, also gewissermaßen eine Art von Lebewesen ist.

 

Auch die sozialen Beziehungen der Menschen untereinander sind immer enger und immer differenzierter geworden.

In der steinzeitlichen Horde gab es nur wenige verschiedene Tätigkeiten, und notfalls konnte fast jeder Erwachsene die Tätigkeit eines anderen übernehmen. Heute gibt es eine unendliche Vielzahl von Tätigkeiten.

Unsere Gesellschaft ist in eine Vielzahl von Gruppierungen unterteilt: Man gehört einer Firma, einer Religionsgemeinschaft, einer Nation usw. an.

Auf der anderen Seite sind die Menschen immer enger miteinander verknüpft und vom Funktionieren der gesamten Zivilisation abhängig.

Also auch im Bereich der menschlichen Gesellschaft setzt sich der Trend zur Integration und Differenzierung fort.

 

Auch in der Technik, dieser künstlichen Schöpfung des Menschen gilt die gleiche Gesetzmäßigkeit der zunehmenden Komplexität. Nehmen wir nur das Auto oder den Computer. Der erste Wagen, den der Mensch erfand, war wohl kaum mehr als ein Kasten auf zwei oder vier Rädern. Das heutige Auto ist ein fahrbares Wohnzimmer mit Heizung und Kühlung, Steroanlage, Computer, Telefon und wohl demnächst mit Navigationseinrichtung. Die einzelnen Teile bilden ein sinnvoll aufeinander abgestimmtes, komplexes Ganzes. Bald werden auch die Autos untereinander und mit der Straße und mit der Verkehrsampel kommunizieren und ein komplexes System "Verkehr" bilden.

Noch offensichtlicher ist der Trend zum komplexen Organismus bei den Computern, die sich untereinander vernetzen.

 

Auf der Ebene der Gesellschaft und der Politik bedeutet das Prinzip der zunehmenden Komplexität, daß es eine zunehmende Vielfalt von Nationalstaaten von zunehmnd unterschiedlichem Charakter geben wird. Die Nationalstaaten werden zunehmend in Regionen zerfallen, von denen jede zunehmend ihre eigene Rolle und ihren eigenen Charakter herausbilden wird. Diese Entwicklung ist eine Folge des universellen Trends zur Differenzierung.

Gleichzeitig werden aber die Nationalstaaten in ein immer engeres Netz von wirtschaftlichen, technischen und politischen Beziehungen eingebunden sein. Der Nationalstaat wird immer mehr Kompetenzen nach oben, an übernationale Institutionen wie die EU oder die NATO abegeben müßen, gleichzeitig aber auch nach unten, an die Regionen. Es erweist sich immer mehr, daß der Nationalstaat für die großen Aufgaben zu klein und für die kleinen Aufgaben zu groß ist.

 

Auf dem Gebiet der Religion bedeutet die zunehmende Komplexität, daß eine zunehmende Zahl von kleineren Religionsgemeinschaften entstehen werden, die immer vielfältiger werden.

 

Auf dem Gebiet der Wirtschaft bedeutet dies, daß die großen Betriebe und Konzerne in eine immer größere Vielfalt von relativ selbständig arbeitenden Teilbetrieben aufgeteilt werden.

 

Gleichzeitig mit der zunehmenden Differenzierung der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Religion wird die Integration immer weiter fortschreiten.

 

Um mit der Religion zu beginnen: Das Göttliche manifestiert sich in vielen Formen und durch viele religiöse Führer. Aber letztlich steht hinter der scheinbaren Vielfalt immer ein und dieselbe Kraft. Man wird erkennen, daß ein religiöser Führer, der beansprucht, daß seine Religion im alleinigen und vollen Besitz der Wahrheit ist, ein eitler und machtgieriger Hochstapler ist, der seine Anhänger zur Intoleranz erzieht. Intoleranz aber bedeutet Streit, Krieg und Gefahr für uns alle.

 

Im Bereich der Wirtschaft werden die Produktionsprozesse und die Dienstleistungen immer besser aufeinander abgestimmt werden. Erleichtert wird das durch die zunehmende Verbesserung der Hard- und Software bei den Computern, aber auch durch den immer engeren und immer intensiveren Kontakt der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft. Menschen und Computer werden immer enger vernetzt.

 

Im Bereich der Politik werden die Beziehungen der Nationalstaaten immer enger werden. Die Regierungen aller Staaten werden immer mehr in ständigen Kontakt sein. Jede Regierung wird ständig darüber unterrichtet sein, welche Pläne und Wünsche die anderen Regierungen haben und man wird die eigenen Handlungen immer mehr auf die anderen Regierungen abstimmen. Das wird allmählich dazu führen, daß es ein eine Anzahl von ständig tagenden Gremien gibt, die sich mit der Lösung gemeinsamer Fragen der Wirtschaft, des Umweltschutzes, der Ernährung, der Bekämpfung von Krankheiten und Verbrechen und der militärischen Sicherheit gibt.

 

Die Nationalstaaten, die bisher im Zusand der Anarchie und des gleichgültigen Nebeneinanders oder gar im Zustand des feindlichen Gegeneinanders waren, werden zu einer Art bürgerlicher Gesellschaft werden, in der jeder Staatsmann, will er nicht von den übrigen verachtet oder angefeindet werden, sich an einen gemeinsamen Verhaltenskodex halten muß. Kern dieses Verhaltenskodex wird es sein, daß niemand andere Staaten bedrohen oder angreifen darf, daß niemand die gemeinsame Umwelt verschmutzen darf, daß jeder in seinem Bereich die Menschenrechte achtet  und für die Bevölkerung befriedigende Lebensbedingungen herstellt, daß jeder sich an Abmachungen und Verträge hält, daß jeder gegen Verbrecher und Terroristen vorgeht und daß jeder seinen Teil zum Gemeinwohl der Völkergemeinschaft beiträgt.

So wird die Menschheit allmählich zu einer vielfältigen und und doch organisch zusammenwirkenden Einheit werden.

Ich nehme an, daß dieser Prozess schneller voranschreiten wird, als die meisten von uns erwarten.

 

Die Alternative zur Integration der Menschheit würde heißen:  Desintegration, also Zerstörung.

 

Unter dem Eindruck verheerender Kriege und der wachsenden Vernichtungskraft der Waffen haben erst einige Vordenker wie Kant, Rousseau, Einstein und viele andere große Männer, später dann immer mehr Menschen erkannt, daß der Krieg für immer abgeschafft werden muß und daß sich die Menschheit zu einer politischen und gesellschaftlichen Einheit zusammenschließen muß. Die Heilige Allianz nach den napoleonischen Kriegen, der Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg und die Vereinten Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg sind Meilensteine dieser Entwicklung.

Sollte es wieder zu einem großen Krieg kommen, der diesmal die Menschheit und das Leben auf unserem Planeten bis ins Mark treffen würde, und sollte es dann noch Staaten und Politiker geben, dann werden diese, da bin ich ganz sicher, dem Zusamschluß der Menschheit noch ein weit größeres Stück näherkommen und die Eigenintressen noch weit mehr zurückstellen, als es heute der Fall ist.

 

Aber müssen wir erst den ganz großen Krieg führen, um den ganz großen Frieden zu bekommen?

 

Seit es Menschen gibt, gibt es einen Konflikt zwischen dem Individuum und der Gruppe, in der es lebt.

Jedes Individuum hat den bewußten oder unbewußten Drang nach einem Leben, das ihm ein Maximum an Genuß, Freude, Freiheit, Bequemlichkeit, Anerkennung usw. bringt. Und so kommt es, daß der Mensch in seiner rohen, unzivilisierten Urform die anderen Menschen angreift oder sogar tötet, wenn sie der Erfüllung seiner Wünsche entgegenstehen.

Jeder Mensch hat auch in den primitiveren Schichten seiner Persönlichkeit den Drang, andere Menschen durch Gewalt, Lüge, Drohung, Betrug oder List die anderen Menschen in den Dienst seiner Wünsche zu stellen.

 

Die anderen Menschen, also die Eltern und Geschwister, die Lehrer, die Vorgesetzten und die Vertreter der staatlichen Autorität machen dem Menschen durch Belehrungen und Strafen immer wieder klar, daß das Individuum sich dem Gesamtinteresse unterordnen muß. Dieser Prozess der Sozialisation, der in frühster Kindheit beginnt und auch im höchsten Alter noch nicht abgeschlossen ist, ist für beide Seiten sehr mühsam, schmerzhaft und aufwendig. Der Mensch ist und bleibt ein Egoist, (wenn er das nicht wäre, würde er sich selbst aufgeben) der bei allem was er tut, stets seinen Vorteil, seine Bequemlichkeit, sein Ansehen und seine Sicherheit im Auge hat. Nur lernt der Mensch mit der Zeit, daß es dem eigenen Vorteil oft mehr dient, auf andere Rücksicht zu nehmen, die Spielregeln der Gesellschaft einzuhalten und vieleicht sogar freigiebig und großzügig zu sein, weil er seine Reichtümer spätestens am Ende seines Lebens doch alle verliert.

 

Aber trotz aller Sozialisation hat der Mensch in sich unverändert den Drang, alle Normen und Einschränkungen der Gesellschaft hinter sich zu lassen, aus dem Zustand der Integration in die Gemeinschaft auszubrechen und in seine primitiven Verhaltensweisen zurückzufallen.

Ein Weg, den verhaßten Zwängen der Gesellschaft zu entkommen, ist es, so viel Macht und Reichtum zu erlangen, daß man selbst die Spielregeln bestimmen kann, die bestimmen, wie man sich selbst und  wie sich die anderen verhalten müßen.

 

Das nicht integrierte Individuum ist das Individuum, das seine Ziele und seinen Vorteil ohne Rücksicht auf die anderen Menschen und auf die gesamte menschliche Gesellschaft verfolgt und das danach strebt, sich allen Pflichten, die die Geselschaft an sie stellt, zu entziehen.

 

Je reicher und mächtiger ein Individuum ist, umso mehr muß die Gesellschaft besorgt sein, daß es sich den allgemeinen sozialen Regeln entzieht oder seine Pflichten vernachlässigt.

Je mächtiger und reicher ein Individuum ist, umso gefährlicher ist es für die Gesellschaft.

 

Seit es Massenvernichtungswaffen gibt, ist die Macht der Mächtigen, das Leben anderer Menschen zu zerstören, ins Unermessliche gewachsen. Natürlich hat man eine Reihe von Sicherheitsvorkehrungen eingebaut, um zu verhindern, daß ein geistig oder psychisch gestörter Mensch seine Macht mißbraucht. Aber diese Sicherheitsvorkehrungen sind bei weitem nicht ausreichend.

 

Nicht nur die Individuuen, die über große militärische, politische oder wirtschaftliche Macht verfügen, haben ein größeres Zerstörungspotential als früher, sondern auch der ganz gewöhnliche Mensch - vor allem wenn er über technisches Wissen verfügt und organisatorisch begabt ist.

Chemische und biologische Massenvernichtungswaffen können mit relativ bescheidenen Mitteln hergestellt und ins Herz unserer Millionenstädte gebracht werden.

 

Unser gesamtes zivilisatorische System bildet einen komplizierten und damit auch störanfälligen Mechanismus. Wenn an bestimmten kritischen Punkten die Versorgungs und Informationswege unterbrochen werden, kann das weitreichende Folgen folgen haben.

 

Je komplizierter und mächtiger unsere Zivilisation wird, umso mehr muß sie die nicht integrierten Individuuen fürchten.

Nicht integrierte Individuuen sind Menschen, die ihren Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber nicht nachkommen und/oder die sich nicht an die gesetzlichen und ethischen Normen der Gesellschaft halten.

 

Es wäre jetzt aber falsch, in der mangelnden Integration des Individuums nur ein Versagen und ein Mangel des Individuums zu sehen. Wenn ein Individuum nicht integriert ist, ist das genausogut ein Mangel und Versagen der Gesellschaft.

 

Die Negersklaven in Amerika waren nicht in die menschliche Gesellschaft integriert. Sie wurden nicht als Teil der menschlichen Gesellschaft betrachtet, sondern als ein Stück Vieh.

Die damalige amerikanische Gesellschaft hat den Negersklaven die Integration verweigert. Aus dieser verweigerten Integration ist für die amerkikanische Gesellschaft eine Fülle von Problemen und von Leid entstanden, und dieses Versagen bei der Integration wirkt bis heute fort.

 

Die Politiker wiederum haben bei der Integration der Negersklaven versagt, weil weder ihre Religion noch ihre Erziehung die Sklaverein als großes Unrecht ansahen. Also war die Wurzel des  Leides ein Mangel in den ehtischen Normen und in der Erziehung, welche die Gesellschaft ihren führenden Individueen angedeihen ließ.

 

Nazideutschland hat den Juden die Integration verweigert und sie nicht als gleichwertige und gleichberechtigte Teile der menschlichen Gesellschaft betrachtet und sie schließlich wie Vieh abgeschlachtet.

 

Aus diesen beiden Beispielen sehen wir schon, daß es unbedingt nötig ist, daß die Gesellschaft alle Individuuen als gleichwertig und gleichberechtigt integriert. Wenn sie das nicht tut, führt das zu Verbechen des Staates und zu unsäglichem Leid.

 

Das nicht integrierte Individuum ruiniert und zerstört die Gesellschaft; und die Gesellschaft, die das Individuum nicht intgeriert, neigt dazu, Leid und Vernichtung über das nicht integrierte Individuum zu bringen.

 

 

Ein ganz wesentlicher Faktor zur Integration des Individuums in die Gesellschaft ist die Arbeit. Deshalb muß jedes arbeitsfähige Individuum für die Gesellschaft arbeiten und die Gesellschaft muß jedes arbeitsfähige Individuum mit Arbeit versorgen.

 

Was ist Arbeit?

Schon die Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen unseres Körpers ist mit Arbeit verbunden. Unser Herz muß schlagen, wir müßen atmen. Ohne daß es uns vielleicht bewußt ist, kostet es schon eine Menge Kraft und Energie, am Leben zu bleiben. Deswegen hat jedes Lebewesen einen Drang, in Ruhe zu verharren und Kraft und Energie zu sparen. Die Faulheit und die Abneigung gegen die Arbeit ist dem Menschen eingegeben. Er überwindet sie nur deshalb, weil ihn etwas antreibt, z.B. der Hunger, die Angst, die Sexualität, der Geltungsdrang oder die Gier nach Genuß und Reichtum.

 

Die Beschaffung der lebensnotwendigen Dinge ist mit Arbeit verbunden. Es besteht schon im Tierreich die Tendenz, als Raubtier oder Parasit von der Arbeitsleistung anderer zu profitieren.

 

Warum hat der große Geist zugelassen, daß es Raubtiere und Parasiten gibt? Vielleicht, weil sich durch die Raubtiere und Parasiten das Leben schneller, vielfältiger und komplexer entwickelt hat. Oberstes Ziel des großen Geistes ist es offensichtlich nicht, seine Geschöpfe vor Leid und Tod zu bewahren. Und offensichtlich ist auch nicht sein oberstes Ziel die Glückseligkeit des Menschen.

 

Doch zurück zu den Parasiten und Raubtieren, die ist im Prinzip auch unter den Menschen gibt. Stets war der Mensch in Versuchung, andere für sich arbeiten zu lassen oder ihnen die Früchte ihrer Arbeit mit Gewalt oder Betrug wegzunehmen. So entstand die Sklaverei, so entstanden Eroberungskriege, und hier lag ein Motiv für die Enteignung und Vertreibung von Minderheiten.

 

Arbeit bedeutet, daß man regelmäßig am Arbeitsplatz erscheint und daß man sich der Befehlsgewalt eines Vorgesetzen unterstellt. Arbeit bedeutet, daß man sich einem fremden Willen unterordent und die freie Verfügung über seine Zeit verliert. Arbeit bedeutet, daß  man Pflichten übernimmt und bestimmte Regeln des Zusammenlebens einhält. Arbeit kann bedeuten, Lärm, Hitze, Stress oder alle möglichen Einflüsse zu ertragen, die dem Wohlbefinden und der Gesundheit abträglich sind.

 

Indem die Arbeit das Individuum zwingt, all dies zu ertragen, obwohl doch seine innere Natur dagegen rebelliert, trägt sie zur Sozialisierung und damit zur Integration des Menschen in die Gemeinschaft bei. Sie ist eine harte, oft sogar eine unnötig harte Schule, die die Menschen zurechtbiegt (oft auch verbiegt), und so zu einem wertvoller Teil der Gemeinschaft werden läßt.

Es sind da gewisse Parallelen zum Militärdienst erkennbar, wobei ich aber den Militärdienst auf keinen Fall glorifizieren will.

 

Es wird wohl zu Recht befürchtet, daß es in einer Gesellschaft, der infolge der Computerisierung und Globalisierung die Arbeit ausgeht, immer mehr Menschen gibt, die nicht in die Gesellschaft integriert sind, d.h. immer weniger Rücksicht auf die Forderungen und Bedürfnisse der Gesellschaft nehmen und sogar in die Kriminalität abgleiten.

 

Deshalb müßen die Menschen weiterhin beschäftigt und mit Aufgaben und Pflichten versorgt werden - auch wenn ein großer Teil der Arbeit von Computern oder Robotern übernommen werden wird.

 

Es bietet sich mit der Automatisierung die Chance, den Menschen von allen unangenehmen, langweiligen und gefährlichen Aufgaben zu befreien. Und es stellt sich die Aufgabe, den Menschen aus dem Schema "Chef und Untergebene" zu befreien und jeden Mitarbeiter zum gleichwertigen Partner in einer Gemeinschaft von gleich berechtigten und gleich bezahlten Arbeitskräften zu machen.

 

Sicher wird es auch in Zukunfts Führungskräfte geben müßen - aber führen heißt dienen - der Sache und den Mitarbeitern.

 

Die Arbeit wird immer mehr den Charakter eines Dienstes an der Gemeinschaft bekommen. Ihr eigentlicher Zweck wir immer weniger die Bereitstellung der lebensnotwenidgen Güter sein, sonern die Integration des Individuums in die menschliche Gemeinschaft.

Wenn es eines Tages einmal einen Weg gibt, dies auf gute und humane Weise ohne Arbeit zu tun, dann kann die menschliche Gesellschaft gerne auf die Arbeit im bisherigen Sinne verzichten und jeder kann der Betätigung nachgehen, die ihm Freude macht - vorausgesetzt sie nützt der Gemeinschaft oder schadet ihr zumindest nicht.

Das würde dann auf Tätigkeiten hinauslaufen die kreativ sind, oder Gesellig oder der eigenent Unterhaltung und Weiterentwicklung dienen.

 

Solange dieser Zustand aber noch nicht erreicht ist, muß die Arbeit auf alle gleich und gerecht verteilt werden, und niemand darf unverhältnismäßig viel oder wenig verdienen.

 

Präsident Clinton stellte im Juni 97 der Öffentlichkeit einen Geseztesentwurf vor, der dazu beitragen soll, die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft in zwei Nationen zu verhindern. Der Fernsehkommentator erinnerte an Alexis de Tocqueville, der schon vor über 150 Jahren genau diese Spaltung vorausgesagt hat.

Clinton sagte, viele Amerikaner glaubten, daß 30 bis 40 % der Amerikaner Afroamerikaner seien. In Wirklichkeit seien es nur 12 %.  Der erste Schritt zu einer Lösung des Problem sei es, einmal die Fakten richtigzustellen.

Aber ist das Problem bei 12 % kleiner als 39 %?

 

In Chicago, der wohl amerikanischsten Stadt der USA leben etwa 39 % Afroamerikaner. Bis zum Jahr 2000 werden etwa 25 % Menschen aus Lateinamerika hinzugekommen sein. Die Zahl der Chinesen und Koreaner ist ebenfalls ansteigend.

Zwischen Afroamerikanern und Latinos entstehen zunehmend Spannungen, weil die letzteren den ersteren ihre Jobs streitig machen und auf dem Arbeitsmarkt wohl auch durch ihr reichliches Angebot zu Senkung der Löhne beitragen.

 

Chicago zerfällt in eine Vielzahl von Stadtteilen, in denen Menschen jeweils der gleichen ethnischen Herkunft zusammenleben und quasi unter sich bleiben. Die Chinesen leben in Chinatown; gleich nebenan, in Pilsen ist eine mexikanische Enklave, in der die die mexikanischen Feste in traditioneller Weise gefeiert werden. Die Tschechen, die einst in Pilsen lebten, sind in bessere Stadviertel umgezogen.

Als Tourist kann man Chinatown oder Pilsen durchaus besuchen, wenn man die nötige Vorsicht walten läßt. Aber man sollte sich nicht in das nicht allzuweit entfernte Slum "Cabrini Green" verirren. Das kann sehr gefährlich sein. Dieses Produkt des sozialen Wohnungsbaus liegt übrigens nicht allzuweit vom Sears-Towers und dem Bankenviertel entfernt.

So liegen in Chicago die verschiedenen Welten in unmittelbarer Nachbarschaft. Die University of Chicago liegt mitten in verwahrlosten Schwarzenvierteln, darunter die berüchtigten Taylor Homes. Man sieht Ruinen verbrannter Häuser, stillgelegte Fabriken, zerbrochene Fensterscheiben. Die 11000 Studenten und 1800 Dozenten erreichen ihren Elfenbeinturm, der eine Hochburg des Wirtschaftsliberalismus (sprich Manchesterkapitalismus) ist, auf dem autobahnähnlichen Lake shore drive, passieren den Wachposten und fahren in die Tiefgarage. Das Universitätsgelände ist mit einem drei Meter hohen Eisengitter umgeben.

In Cabrini Grenn leben 7000 Menschen, die alle unter der Armutsgrenze leben - 90 % sind Schwarze. Die meisten Familienväter können oder wollen sich nicht um ihre Familie kümmern, sie sind entweder im Gefängnis, oder tot oder abgehauen oder von ihren Frauen davongejagt worden. In Cabrini Green wird findet laut Statistik täglich ein Überfall statt.

Ganz anders die Welt am Seeufer in der Nordhälfte der Stadt und in den Vororten in der Nähe der Loyola Universität und der Northwestern University. Hier sind man feudale Villen derer, die von der näher am Stadtkern liegenden "Goldküste", einem ehemaligen Nobelviertel, in die Vororte geflüchtet sind. Sie verschanzen sich in riesigen parkartigen Gärten und in ihrer "No pasing zone".

Ein Stück südlich der "Goldküste" verläuft die Michigan Avenue, die sich "Magnificent mile" nennt. Hier und in der etwas betagteren State Street sieht man die wohl luxuriösesten Konsumtempel der Welt.

 

Man hat nicht den Eindruck, daß die Existenz der Slums die Lebensqualität oder das Lebensgefühl der wohlhabenden, erfolgrreichen und angepassten Klasse "Euro-Amerikaner", wie ich sie mal nennen will, und die meist englischer, irischer, schottischer, deutscher, jüdischer, skandinaviescher, italienischer Abstammung sind (oder auch recht häufig Schwarze, das muß man  nämlich auch sehen). Die amerikanischen "Schwarzen" sind übrigens oft Mischlinge und nicht selten kaum dunkler als ein bayerischer Mauerer, der einen Sommer auf dem Bau zugebracht hat.

 

Die Klasse der Wohlhabenden und Arrivierten hat es sich in ihrer Welt gemütlich gemacht und sie durch Zäune, Wachleute, klimatisierte Wohnungen und Autos nach außen hin abgeschirmt.  Zum Einkaufen geht man in große Einkaufszentren in den Vororten, in denen man nur Weiße und ein paar gepflegte und etablierte Schwarze oder Latinos trifft.

 

Trotzdem gibt es eine Vielzahl von Berühungspunkten mit den Gruppen anderer etnischer Herkunft. Das sind die Straßenfeste in den einzelnen Stadtvierteln, also die folkloristischen Straßenfeste und kulturellen Ereignise in den polnischen, litauischen, italienischen, jüdischen, armenischen "neighbourhood oder in den öffentlichen Parks. Da sind die Jazz und Blues-Lokale und vielen Restaurants mit den spezifischen Nationalgerichten. Die weißen Intelektuellen und Freunde der Kunst treffen sich mit den schwarzen in den Randzonen südliche der Loop (dem Hochbahnring) in der Dearborn Station (einem alten Bahnhofsgebäude oder in der Printhause Row, einer Straßenzeile von Verlagshäusern.

 

Und diese Begegnungen und dieser Austausch, der für alle Beteiligten anregend, interessant und bereichernd sind, ist sicher auch ein nicht zu unterschätzendes Stück Lebensqualität. Dieses Erproben fremder Lebensart, fremder Gedanken und wohl auch fremder Partner ist es wohl, an was alle diejenigen denken, die von er multikulturellen Gesellschaft schwärmen.

Und die anderen, die an Slums, Verbrechen, Drogen, Anarchie, Schmutz und Zerfall denken - sie gebrauchen das Wort "multikulturelle Gesellschaft" ebenfalls, aber sie stellen sich halt etwas ganz anderes darunter vor. Und beide haben sie recht.

- Oder auch nicht, denn all die verschiedenen Stadtbezirke mit ihren unterschiedlichen Ethnien, leben in der gleichen amerikanischen Zivilisation. Der "Southsider" aus Cabrinini Green hat im Grunde die gleichen Wünsche wie der "Northsider" - auch wenn beide wohl kaum je einWort miteinander wechseln werden. Beide wollen sie so leben, wie der Northsider es tut. Der Southsider will nicht zurück zur Elfenbeinküste und dort seine Stammeskultur pflegen und als Bauer leben, sondern er will vom arroganten Northsider als gleichberechtigt und gleichwertig anerkannt werden. Er will "dignity" - ein Schlüsselwort für das Empfinden der Southsider, nicht nur in Chicago, sondern weltweit. Und er will den amerikan way of life.

 

Ich habe mich mit einigen Schwarzen unterhalten, und ich habe viele beobachtet: als Empfangschef in der Hotelrezeption, als Moderator im Fernsehen, als Kunde auf der Magificent Mile, als Polizist oder Wachmann, als Zimmermädchen und Kellner, als Professor oder Absolvent an der Hochschule. Es wäre dumm und absurd zu glauben, daß die Schwarzen weniger begabt, weniger fleißig oder häßlicher als die Weißen sind.

 

Trotz der gewaltigen sozialen Unterschiede und Spannungen glaube ich nicht, daß die amerikanische Nation in eine schwarze und weiße Hälfte zerfallen wird. Es wird auch zu keiner Revolte der Schwarzen kommen, denn die Oberschicht der Schwarzen denkt nicht im Traum daran, ihre weniger glücklichen Mitbürger zu einer Revolte gegen  das Establishment auszustacheln. Denn die schwarze Elite ist Teil des weißen Establishments, wenigstens mehrheitlich.

Natürlich gibt es daneben eine Vielzahl schwarzer Intellektueller, die am Aufbau der schwarzen Nation arbeiten. Sie erforschen die Vergangenheit der afrikanischen Vorfahren und ihre Religion und ihre Mythen, und sie scheuen sich auch nicht neue Mythen und neue Religionen zu erfinden oder bestehende Glaubsvorstellungen umzudeuten und umzudichten. Man schöpft aus Quellen des Islam, des Christentums, und wohl auch aus dem haitianischen Voudou-Kult, der ja selbst eine Mischung aus afrikanischen , christlichen und freimaurerischen religiösen Vorstellungen ist. Und das Christentum, der Islam und die Freimaurerei waren ja in ihren Anfängen durchaus umstürzlerische Bewegungen.

Aber noch ist die USA fest in der Hand der Amerikaner europäischer Abstammung, und das wird auch so bleiben, wenn sich nicht etwas Unvorhergesehenes passiert und sich Voudou, Crack oder die Drogenmafia stärker erweisen als Know how, Coca Cola und die Wallstreet. Aber nicht nur in Chicago und New York wird es Zonen geben, die vom Normalbürger kaum betreten werden können, trotz der energischen Versuche der Polizei, die Kontrolle wiederzuerlangen. Diese Zonen bilden eine eigene Welt mit ihren eigenen Dschungelgesetzen und Dschungelreligionen.

Neugierige Touristen, die "Das wirkliche New York" kennenlernen wollen, können für 30 $ eine Busfahrt in die South-Bronx unternehmen, so wie man ein Foto-Safari zu einem Dorf der Navajo-Indianer unternimmt.

Anders als die Navajo-Gebiete liegt die South-Bronx nur einige U-Bahnstationen von dem feinen Wohnviertel um den Central-Park entfernt, und so bleibt die leise Angst, daß eines Tages sich die Tore er Unterwelt öffenen könnten, und sich Ihre Kreaturen über die Madison-Avenue ergießen könnten. Rund um das Empire State Building steigen Dampfschwaden und üble Gerüche aus der Kanalisation auf, und ständig sind Reparaturtrupps im Einsatz. Auf dem Pflaster sieht man ab und zu eine zertretene Riesenkakerlake, die offensichtlich aus der Kanalisation stammt. In Washington sah ich nur 100 m vom weißen Haus eine große tote Ratte auf dem Pflaster liegen. Sie erinnert daran, daß es finsteres Schattenreich  geben muß, das genauso marode, unappetittlich  und bedrohlich ist, wie die Lichterwelt in Manhattan, Las Vegas oder Disneyland glänzend, ohne Makel und hygienisch einwandfrei ist.

Allerdings - der Unterschied zwischen dien USA und vielen andern Ländern ist, daß hier der Versuch unternommen wurde, eine großartige und vollkommene Welt ohne Schattenseiten zu schaffen. Naturgemäß kann eine solche Welt nur eine Kulisse sein. Eine Ratte auf dem Pflaster einer Metropole der Dritten Welt ist eine unbeachtete Selbstverständlichkeit. Es soll dort Gegenden geben, wo selbst eine menschliche Leiche, die auf dem Pflaster liegt, kaum wahrgenommen wird. So gesehen ist die Welt in Chicago fast in Ordnung.

Unverkennbar ist aber in den USA die Tendenz, in künstlichen Paradiesen zu leben. Man baut immer prächtigere Einkaufszentren in die von Weißen bewohnten Vororte, wo man gegen Hitze und Kälte, gegen Häßlichkeit und Verbrechen geschützt, den eigenen vier Wänden entfliehen kann, ohne den Unanhnehmlichkeiten und Gefahren der Innenstädte ausgesetzt zu sein.

 

Noch sind die Gebiete der Verwahrlosung und des Verbrechens in den großen Städten der USA recht klein. Es ist nicht so, daß die gesamte Bronx oder der ganze Süden Chicagos ein riesengroßes Slum  wäre. Es sind einige Straßenzüge und Häuserblocks, in denen Verbrechen und Elend besonders konzentriert sind. Der weit größere Teil ist normales Stadtgebiet.

Seit langem gibt es aber eine Flucht des Mittelstandes und der Oberschicht aus dem Kernbereich der Städte in die Vororte. Um die nachts ausgestorbenen Geschäfts- und Bankenviertel gruppieren sich die von Schwarzen, Latino's und Asiaten bewohnten Viertel, unterbrochen von aufgegebenen Fabrikanlagen. Weiter draußen kommen dann Indrustriegebiete und Arbeiterviertel. Und noch weiter draußen beginnt dann die heile und angenehme Welt der Besserverdienenden, die Welt der schmucken Einfamilienhäuschen und der prächtigen Villen, umgeben von ausgedehnten Parkanlagen.

Die Polizei versucht recht erfolgreich, die Stadtzentren, die Parks, die Zonen um die Museen und die innerstädtischen Einkaufs- und Erholungsgebiete frei von verwahrlosten und drogensüchtigen Menschen zu halten und die Sicherheit zu gewährleisten. So wie es für die Normalbürger nicht ratsam ist, in die Welt der Asozialen einzudringen, so ist es für die Asozialen nicht ratsam, sich in der Welt der Etablierten blicken zu lassen.

 

Wohl keine andere Nation der Welt vereint so viele Gegensätze in sich als die USA. Nirgendwo herrscht ein so vielfältiges Durcheinander von Gebäuden aller Stilrichtungen, aller Größen und jedes denkbaren Grades der Schönheit oder Häßlichkeit wie in New York oder Chicago - und das alles auf engstem Raum. Nirgendwo ist so ein buntes Gemisch von Menschen jeder denkbaren Variante. Wenn die Integration der unterschiedlichen Völker und Volksstämme dieser Welt gelingen kann, dann in den USA. Deshalb ist die USA trotz des Heraukommens Japans und Chinas immer noch das Land der Erde, in dem sich die Zukunft der Menschheit entscheiden wird. Wenn es gelingt, in den USA eine Gesellschaft zu schaffen, die alle Völker, Rassen, Religionen und Weltanschauungen zu einer harmonischen und gerechten Gesellschaft vereint, und die den Abgrund zwischen Arm und Reich einebnet, dann hat die Welt noch Hoffnung. Wenn es in den USA nicht gelingt, dann wird es auch nirgendwo sonst gelingen.

Die geistige Basis Amerikas ist nach wie vor die Philosophie des Puritanismus, der Aufklärung und des Pragmatismus. Die Frage "Wie geht es Ihnen heute?", mit der man in den USA ständig begrüßt wird, ist natürlich eine Höflichkeitsfloskel. Aber nicht nur. Es steckt die urchristliche Idee dahinter, daß jeder des anderen Bruder und Freund sei, dessen Wohl und Wehe einem nicht gleichgültig ist. Auch wenn es in den USA nicht mehr viele Quäker (sie nennen sich "die Freunde") oder Puritaner gibt, ihr Geist ist nach wie vor lebendig und bildet eine wesentliche Grundlage des Erfolges der Nation. Wenn dieser Geist der Anständigkeit, Fleißes, Menschenliebe, Gerechtigkeit und Freiheit, und nicht zu vergessen, des Fleißes, der Disziplin, der Strebsamkeit und der Großzügigkeit, der immer noch stark spürbar ist, der einem bei negativen Auswüchsen dieses Landes mit diesem Volk immer wieder versöhnt - wenn dieser Geist einmal nicht mehr da sein wird, dann wird die USA aufhören zu bestehen, und es wird dort eine andere Nation sein - oder mehrere oder viele.

Diese Tugenden sind das Fundament Amerikas, und auf diesem Fundament haben die Siedler in den Neu-Englandstaaten aufgebaut. Später kam eine Einwandererwelle nach der andern, und jede fügte dem Haus Amerika ihre An- und Aufbauten hinzu. Nach den Engländern, Iren und Schotten stellen die Deutschen wohl die stärkste Gruppierung, und so kommt es, daß Amerika auch heute noch so viele deutsche Züge trägt.

 Jede Einwandererwelle (z.B. die Italiener, die Polen, die Armenier, die Juden) brachte ihre eigene Lebensweise, ihre eigenen Kultur mit sich. Kultur bedeutet im amerikanischen Sprachgebrauch die die Art, wie dem Menschen leben: wie sie kochen, wie sie ihre Feste feiern, wie sie ihren Gott verehren und wie sie miteinander umgehen, welche Werte sie haben.

Amerika wurde zur multikulturellen Gesellschaft schlechthin.

Es war ganz natürlich, daß sich z.B. die Deutschen, die neu hinzukamen, dort ansiedelten, wo schon andere Deutsche wohnten, und so entstanden Viertel, in denen man fast nur Deutsche, oder Italiener oder Polen fand.

Dieser Zustand der nach Nationalitäten getrennten Stadtbezirke besteht vor allem in Chicago nach wie vor fort, während in New York, dem großen Schmelztiegel diese Tendenz weniger stark ist.

 

Die große Aufgabe, vor der die USA als Vorreiter der gesamten Welt steht, ist es, die verschiedenen Völker in einer Gesellschaft zu integrieren.

Hilfreich bei dieser Aufgabe sind verschiedene Faktoren. Da ist einmal die in den USA stark verwurzelte Weltanschauung, daß alle Menschen gleichermaßen von Gott erschaffen und gleichwertig sind. Der zweite Faktor ist, daß diese Weltanschauung mit der Realität weitgehend übereinstimmt. Es ist nämlich in der Tat so, daß die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen verschiedener Rasse und Herkunft weit größer und fundamentaler sind, als das Trennende. Die Gene aller Menschen stimmen zu 99 % überein, und die instinktiven Verhaltensweisen und Empfindungen sind bei allen Menschen gleich. Wenn dies nicht der Fall wäre, könnten Menschen unterschiedlicher Rasse keine Kinder miteinander bekommen, und sie würden einander nicht attraktiv und begehrenswert finden, und sie hätten nicht den Wunsch, miteinander Kinder zu haben. Wenn diese grundlegende Übereinstimmung zwischen allen Menschen nicht wäre, dann könnten sie nicht die Sprache des anderen erlernen und sogar vollkommen akzentfrei sprechen lernen.

 

Die Unterschiede im Verhalten und Denken der verschiedenen Nationen sind hauptsächlich ein Ergebnis der Unterschiedlichkeit der Kulturen, die zu unterschiedlichen Maßstäben und Verhaltensweisen führen. Sie sind also angelernt.

In jedem Volk gibt es eine Schicht von Autoritätspersonen, die die traditionellen Werte bewahrt und an die Jugend weitergibt. Das Verschafft ihnen Respekt, Ansehen und auch Macht. Solange die Tradionen, die sie vertreten, anerkannt und respektiert werden, solange werden auch diese Führungspersonen respektiert.

Deshalb sind sie natürlich aufs höchste alarmiert, wenn sich die Jugend anderen Traditionen und Werten zuwendet.

Die Autoritätspersonen, haben es natürlich besonders schwer, wenn ihre Volksgruppe in einem fremden Land eine Minderheit darstellt. Das klassische Beispiel sind die Juden, und zwar schon die Juden des alten Testaments, erst in Ägypten, dann in Palästina, dann in der Babylonischen Gefangenschaft, dann in der Diaspora.

Die Autoritätspersonen werden natürlich durch alle Mittel versuchen, ihre Schäfchen bei der Stange zu halten und sie daran zu hindern, zu den fremden Göttern und den fremden Werten überzulaufen.

 

Um eine abgrenzte Bevölkerungsgruppe, wie sie die Einwanderer sind, zu integrieren, muß es zwischen dem Staat und den Autoritätspersonen der Minderheit zu einer Übereinkunft kommen,  die die gegenseitige Anerkennung der Werte und Anschauungen voraussetzt. Wenn dies nicht gelingt, wird es früher oder später zu einem Konflikt kommen, der bis zum Terror, zur Vernichtung des schwächeren Teils oder zur Revolte und zum Umsturz kommen kann.

 

In der amerikanischen Praxis war es bisher so, daß die Schulen die amerikanischen Werte und die amerikanische Kultur an die Kinder der Einwanderer vermittelten und damit ab der zweiten Einwanderungsgeneration für eine nahezu vollständigen Integeration sorgten. Beunruhigend ist, daß in des Slumgebieten der amerikanischen Großstädte viele Kinder der Slumbewohner wohl nicht zur Schule gehen, weil die Schulpflicht dort wohl nicht mehr durchsetzbar ist. Damit werden diese Kinder nicht mehr in die amerikanische Gesellschaft intgeriert. Die USA ist also auf dem Rückzug aus dem Slumgebieten, und im Gegenzug werden die Slumgebiete sich immer weiter ausbreiten.

 

Das Spanisch der Mexikaner dagegen ist in den USA auf dem Vormarsch. Es gibt im US-Fernsehen mindestens zwei spanischsprachige Kanäle. Der Zustrom von lateinamerikanischen Menschen nach USA hält unvermindert an.

 

Schon heute ist es so, daß im Stadtgebiet von New York, Los Angeles und Chicago die europäisch-stämmige Bevölkerung in der Minderheit ist, während auf dem flachen Lande nach wie vor das europäische, speziell das West- Mittel- und nordeuropäische Element überwiegt. Es ist fast wie in Südtirol, wo die Alteingesessenen auf den Dörfern sitzen, während in der Großstadt Bozen die später Hinzugekommenen überwiegen.

 

 

Wer profitiert von der Einwanderung, ist also quasi ein Einwanderungsgewinner, und wer verliert durch die Einwanderung?

 

Beginnen wir mit den Einwanderern selbst. Sie würden ihre Heimat nicht verlassen, wenn sie sich in ihrer neuen Heimat nicht ein besseres Leben erhoffen würden. Sie versprechen sich also einen Gewinn, und das oft zu recht.

Sie wandern aus, weil ihnen in Ihrer Heimat der Zugang zu Wohlstand, Ansehen, Freiheit und Respekt versagt wurde. Es wäre viel besser, sie hätten all das, was sie in der Fremde suchen, ihnen in der Heimat gewährt würde. Es wäre auch für ihr Heimatland besser, denn die Auswanderer sind oft die vitalsten und tüchtigsten Teile der Bevölkerung. Sie würden nicht auswandern, wenn sie schwach und apatisch wären und wenn sie sich nicht zutrauen würden, sich in der Fremde zurechtzufinden und eine neue Existenz aufzubauen. Mit ihnen verläßt auch das Potential für eine Wende zum Besseren das Heimatland. Sie wären noch am ehesten in der Lage, für mehr Gerechtigkeit und Freihheit zu kämpfen. So stabilisiert die Auswanderung ungerechte soziale Verhältnisse und Unterdrückung.

 

Nicht alle Auswanderer sind arm, und nicht alle wollen nicht mehr in die Heimat zurückkehren. Sie wollen sich vielmehr die Kaufkraftunterschiede der Währungen zu nutze. Der Lohn einer türkischen oder mexikanischen Arbeitskraft ist nicht hoch - aber er wird in harter Währung ausbezahlt, und dank des Kaufkraftunterschiedes kann sich die Putzfrau nach 10 Jahren Arbeit in ihrer Heimat eine Eigentumswohnung oder ein Haus kaufen.

 

 Die Einwanderer sind oft Menschen, die in die Industrieländer kommen, um als wohlhabende Leute zurückzukehren. Dieses Ziel ist  durchaus verständlich und nicht verwerflich. Aber es führt dazu, daß die Fremdarbeiter die einheimischen Arbeiter in einen Verdrängungswettbewerb auf dem Arbeitsmarkt hineinziehen.

 

Und da sind wir bei den Verliererern der Einwanderung: es ist die einheimische arbeitende Bevölkerung, vor allem die ungelernten Arbeitskräfte. Es sind auch alle, die auf den Wohnungsmarkt und auf die Sozialleistungen angewiesen sind. Sie sehen in den Zuwanderern eine unerwünschte Konkurrenz - zu recht. Kann man es ihnen verübeln, daß sie vom Gedanken der multikulturellen Gesellschaft weit weniger begeistert sind als der Lehrer, der Anwalt oder die sozial engagierte Millionärsgattin?

 

Die Verlierer sind natürlich auch die Einwanderer selbst, von denen nur ein Teil, nämlich die strebsamsten und anpassungsfähigsten den Aufstieg schaffen. Oder sie machen eine Karriere als Kriminelle. Der überwiegende Teil der Einwanderer wird in der untersten sozialen Schicht bleiben.

 

Die Gewinner der Einwanderungen sind diejenigen alteingesessenen, die sich rechtzeitig Grundstücke und Immobilien gesichert haben und Handels- und Industriebetriebe aufgebaut haben. Sie profitieren vom Wirtschaftswachstum und vom Boom, der von den Einwanderern mit getragen wird.

 

Sie sind sich Linksintellektuelle und rechtsliberale Besitzbürger darin einig, daß die Zuwanderung und die multikulturelle Gesellschaft eine großartige Sache ist, und daß möglichst viele weitere Zuwanderer ins Land müssen.

 

In Wirklichkeit ist aber die ständige Zuwanderung aus der armen Welt in die reichen Industrieländer so eine Art Kettenbriefschwindel, bei dem die letzten die Hunde beißen. Die letzten sind die ewigen Verlierer, sowohl bei der einheimischen wie bei der zugewanderten Bevölkerung.

 

Eine ganz große Aufgabe der zukünftigen globalen Politik muß es sein, dafür zu sorgen, daß jeder Mensch in seiner Heimat bleiben kann, wenn er es will - und nicht durch Not und Gewalt gezwungen wird, alles zurückzulassen und in einem fremden Land auf der untersten Stufe neu anzufangen.

 

Es sollten aber auch die Ungleichgewichte im Welthandel und in den Kaufkraftparitäten beseitigt werden, sodaß es keine Währungsgewinnler geben kann, die mit ihrer harten Währung in der armen Welt alles zu Spottpreisen einkaufen können, denn im Grunde ist das eine Form des Betrugs.

 

Das große Ideal muß es sein, daß jeder Mensch überall auf der Welt genügend zum Leben hat, und daß jeder dafür auch ehrlich arbeiten muß (außer er ist krank oder alt). Jeder soll frei sein von Angst, Krieg, Terror und Not. Und jeder soll seine Regierung fragen dürfen: Was habt ihr dazu begetragen, diesem Ideal näherzukommen? Und wenn die Antwort beschämend und ungenügend ist, daß soll diese Regierung durch eine bessere ersetzt werden.

 

Wie kann man soetwas durchsetzten? Durch Bewußtseinsbildung bei den  Untertanen und ein bißchen Druck. Druck zunächst in den USA auf die Regierung der USA. Dann Druck der Regierung der USA auf Ihre Freunde, dann Druck der USA und ihrer Freunde auf diejenigen, die der USA nicht so freundlich gegenüberstehen. Der Druck kann durch Diplomatie, Geld, Polizeiaktionen und Friedenstruppen. Gerade Bosnien zeigt, daß vieles geht, und daß noch mehr gehen könnte.

Aber womit beschäftigt sich die USA: Mit der NATO-Osterweiterung. Eine Katastrophe, weil Rußland außen vor bleibt. Wieder geht der Profit der amerikanischen Waffenexporteure über die Interessen der Menschen auf der Welt.

 

Die USA ist nach wie vor die Schlüsselmacht auf der Welt, was in New York, Chicago und Hollywood gedacht und gemacht wird, bestimmt, wo's in der Welt langgeht. Aber leider ist die amerikanische Politik wie diese amerikanischen Städte: Großes und Erhabenes liegen eng neben Häßlichem und Verworfenen. Das ganze ist ein ziemliches Durcheinander, und nur ein Prinzip ist unveränerlich: Erst Sicherung und Maximierung der Gewinne, dann humanitärer Anspruch. Aber immer noch besser als eine Politik der Machtmaximierung ohne humitären Anspruch.

 

Mit zunehmender Entwicklung der Lebewesen nahm auch ihre Fähigkeit zu, sich sich über Sinnesorgane ein Bild der Welt zu verschaffen, und diese Bilder und Ereignisse im Gedächtnis aufzubewahren.

Mehr noch, es entwickelte sich die Fähigkeit, auf Grund der gemachten Erfahrungen Ereignisse vorherzusehen. Wenn eine Antilope beochtet, wie ein Löwe eine andere Antilope anspringt und zerfleischt, dann wird diese Antilope, wenn ein Löwe auf sie zuläuft, den Angriff vorhersehen.

 

 Immer mehr vervollkommnete sich die Fähigkeit der Lebewesen ihr gesamtes bisheriges Leben quasi als Tonfilm aufzuzeichnen und einzelne Szenen Bedarf abzurufen.

Mehr noch, es entwickelte sich die Fähigkeit, vor dem inneren Auge Szenen abzulaufen lassen, die nicht der Wirklichkeit, sondern dem Vorstellungsvermögen entsprangen. So war es möglich, verschieden Optionen durchzuspielen und sich für zukünftiges Handeln die optimale Variante auszusuchen.

 

Mit dem Wissen über sich selbst und über die eigenen Vergangenheit entstand auch das Bewußtsein seiner Selbst.