Essay 7
Von
Ich
will mich bemühen in einer einfachen und klaren Sprache zu schreiben. Wenn die
Sprache nicht klar ist, sind oft auch die Geanken
nicht klar. Manchmal hat man den Eindruck, daß die Sprache
für alles mögliche benutzt wird: z. B. zur Verschleierung der Wahrheit, oder um
sich als gelehrt und fachkundig darzustellen usw. Aber manchmal wird sie auch
tatsächlich dazu benutzt, dem andern etwas mitzuteilen.
Die
Sprache ist nur ein Mittel, um beim Zuhörer eigene Erinnerungen und
Gedankenverbindungen auszulösen. Die Sprache funktioniert nur deshalb, weil der
andere ähnliche Erfahrungen und eine ähnliche Art zu denken hat, wie man
selbst. Wenn dies nicht der Fall wäre, dann könnte die Sprache viele
Hunderttausend Worte und die ausgefeilteste Grammatik
haben - trotzdem könnte man mit ihr nicht die Wirklichkeit einfangen und sie
dem andern vermitteln.
Seit
Beginn der Schöpfung ist die Welt immer komplizierter geworden.
Ganz
am Anfang des Universums gab es nur eine Sorte Atome: Wasserstoffatome, die
einfachsten nur denkbaren Atome. Durch Kernfusion und Kernzerfall entstand in
den Sternen der ganze Zoo von stabilen und instabilen Isotopen, den wir heute
auf der Karlsruher Nukleidkarte bewundern können.
Ganz
am Anfang des Lebens gab es nur einzellige Lebewesen. Als vorläufiges Ende
dieser Entwicklung sehen wir heute den Menschen, mit seinen Milliarden Zellen,
die in den verschieden Organen ganz unterschiedlich gebaut sind.
Alles,
was im Verlauf der Schöpfung entsteht - und die Schöpfung ist ja nicht
abgeschlossen, sondern geht heute und in Zukunft ständig weiter - entwickelt
sich zu immer größerer Vielfalt und schließt sich zu immer komplexeren Gebilden
zusammen. Die Produkte der Schöpfung werden immer vielfältiger, doch diese
Vielfalt ist immer besser zu größeren Einheiten integriert und organsiert.
Das
ist alles höchst erstaunlich, wenn man bedenkt, daß
nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik jedes System zu einem Zustand
hinstrebt, in welchem alle Unterschiede in der Verteilung von Energie und
Materie eingeebnet sind. In diesem Zustand sind alle höheren Energieformen in
Wärme umgewandelt und diese ist gleichmäßig verteilt ("Wärmetod des
Universums"). Nach dem Entropiegesetz müßten eigentlich
die Atome, aus denen ein Mensch besteht, danach streben, sich gleichmäßig über
das gesamte Universersum zu verteilen. Der Zustand
der totalen Desintegration ist eigentlich der dem Entropiegesetz gemäße. Das
erstaunliche ist, daß entgegen diesem Naturgesetz ein
so komplexes Gebilde wie der Mensch überhaupt entstehen konnte und daß sich der menschliche Organismus so lange gegen die
Kräfte der Zerstörung behauptet.
Schon
als das erste organische Molekül entstanden war, war es viel wahrscheinlicher, daß es ausseinanderbrechen würde,
und daß sich seine Bruchstücke in alle
Himmelsrichtungen verteilen würden, als daß es
weiterbestehen würde und sogar weitere Moleküle hervorbringen würde.
Es
sieht so aus, als wäre seit Beginn der Schöpfung eine zielgerichtete Kraft, ein
Geist, oder ein Wille am Werk, der immer komplexere Organismen entstehen läßt.
Wenn wir die Entwicklungsgeschichte des Lebens
beobachten, fällt auf, daß sich das Tempo der
Entwicklung ständig beschleunigt. Die Komplexität der Geschöpfe verdoppelt sich
in immer kürzeren Abständen. Allerdings ist es nicht so, daß
die Höherentwicklung stetig erfolgt, sondern es gibt Phasen, in denen die
Entwicklung recht langsam vorangeht, dann aber gibt es wieder Zeiten des
Umbruches, in denen dann in relativ kurzer Zeit große Veränderungen geschehen.
Der
Trend zu zunehmend komplexerer Organisation ist nicht nur im Bereich der
Biologie zu beobachten. Auch die Beziehungen der Lebewesen untereinander wurden
immer enger und vielseitiger. In einem Biotop bilden alle Lebewesen ein
komplexes, vielfach verwobenes Geflecht. Heute sind immer mehr Leute der
Ansicht, daß der ganze Planet Erde ein komplexer
Organismus ist, also gewissermaßen eine Art von Lebewesen ist.
Auch
die sozialen Beziehungen der Menschen untereinander sind immer enger und immer
differenzierter geworden.
In
der steinzeitlichen Horde gab es nur wenige verschiedene Tätigkeiten, und
notfalls konnte fast jeder Erwachsene die Tätigkeit eines anderen übernehmen.
Heute gibt es eine unendliche Vielzahl von Tätigkeiten.
Unsere
Gesellschaft ist in eine Vielzahl von Gruppierungen unterteilt: Man gehört
einer Firma, einer Religionsgemeinschaft, einer Nation usw. an.
Auf
der anderen Seite sind die Menschen immer enger miteinander verknüpft und vom
Funktionieren der gesamten Zivilisation abhängig.
Also
auch im Bereich der menschlichen Gesellschaft setzt sich der Trend zur
Integration und Differenzierung fort.
Auch
in der Technik, dieser künstlichen Schöpfung des Menschen gilt die gleiche Gesetzmäßigkeit
der zunehmenden Komplexität. Nehmen wir nur das Auto oder den Computer. Der
erste Wagen, den der Mensch erfand, war wohl kaum mehr als ein Kasten auf zwei
oder vier Rädern. Das heutige Auto ist ein fahrbares Wohnzimmer mit Heizung und
Kühlung, Steroanlage, Computer, Telefon und wohl
demnächst mit Navigationseinrichtung. Die einzelnen Teile bilden ein sinnvoll
aufeinander abgestimmtes, komplexes Ganzes. Bald werden auch die Autos
untereinander und mit der Straße und mit der Verkehrsampel kommunizieren und
ein komplexes System "Verkehr" bilden.
Noch
offensichtlicher ist der Trend zum komplexen Organismus bei den Computern, die
sich untereinander vernetzen.
Auf
der Ebene der Gesellschaft und der Politik bedeutet das Prinzip der zunehmenden
Komplexität, daß es eine zunehmende Vielfalt von
Nationalstaaten von zunehmnd unterschiedlichem
Charakter geben wird. Die Nationalstaaten werden zunehmend in Regionen
zerfallen, von denen jede zunehmend ihre eigene Rolle und ihren eigenen
Charakter herausbilden wird. Diese Entwicklung ist eine Folge des universellen
Trends zur Differenzierung.
Gleichzeitig
werden aber die Nationalstaaten in ein immer engeres Netz von wirtschaftlichen,
technischen und politischen Beziehungen eingebunden sein. Der Nationalstaat wird
immer mehr Kompetenzen nach oben, an übernationale Institutionen wie die EU
oder die NATO abegeben müßen,
gleichzeitig aber auch nach unten, an die Regionen. Es erweist sich immer mehr,
daß der Nationalstaat für die großen Aufgaben zu
klein und für die kleinen Aufgaben zu groß ist.
Auf
dem Gebiet der Religion bedeutet die zunehmende Komplexität, daß eine zunehmende Zahl von kleineren
Religionsgemeinschaften entstehen werden, die immer vielfältiger werden.
Auf
dem Gebiet der Wirtschaft bedeutet dies, daß die
großen Betriebe und Konzerne in eine immer größere Vielfalt von relativ
selbständig arbeitenden Teilbetrieben aufgeteilt werden.
Gleichzeitig
mit der zunehmenden Differenzierung der Gesellschaft, der Wirtschaft und der
Religion wird die Integration immer weiter fortschreiten.
Um
mit der Religion zu beginnen: Das Göttliche manifestiert sich in vielen Formen
und durch viele religiöse Führer. Aber letztlich steht hinter der scheinbaren
Vielfalt immer ein und dieselbe Kraft. Man wird erkennen, daß
ein religiöser Führer, der beansprucht, daß seine
Religion im alleinigen und vollen Besitz der Wahrheit ist, ein eitler und
machtgieriger Hochstapler ist, der seine Anhänger zur Intoleranz erzieht.
Intoleranz aber bedeutet Streit, Krieg und Gefahr für uns alle.
Im
Bereich der Wirtschaft werden die Produktionsprozesse und die Dienstleistungen
immer besser aufeinander abgestimmt werden. Erleichtert wird das durch die
zunehmende Verbesserung der Hard- und Software bei den Computern, aber auch
durch den immer engeren und immer intensiveren Kontakt der Verantwortlichen in
Politik und Wirtschaft. Menschen und Computer werden immer enger vernetzt.
Im
Bereich der Politik werden die Beziehungen der Nationalstaaten immer enger
werden. Die Regierungen aller Staaten werden immer mehr in ständigen Kontakt
sein. Jede Regierung wird ständig darüber unterrichtet sein, welche Pläne und
Wünsche die anderen Regierungen haben und man wird die eigenen Handlungen immer
mehr auf die anderen Regierungen abstimmen. Das wird allmählich dazu führen, daß es ein eine Anzahl von ständig tagenden Gremien gibt,
die sich mit der Lösung gemeinsamer Fragen der Wirtschaft, des Umweltschutzes,
der Ernährung, der Bekämpfung von Krankheiten und Verbrechen und der
militärischen Sicherheit gibt.
Die
Nationalstaaten, die bisher im Zusand der Anarchie
und des gleichgültigen Nebeneinanders oder gar im Zustand des feindlichen
Gegeneinanders waren, werden zu einer Art bürgerlicher Gesellschaft werden, in
der jeder Staatsmann, will er nicht von den übrigen verachtet oder angefeindet
werden, sich an einen gemeinsamen Verhaltenskodex halten muß.
Kern dieses Verhaltenskodex wird es sein, daß niemand
andere Staaten bedrohen oder angreifen darf, daß
niemand die gemeinsame Umwelt verschmutzen darf, daß
jeder in seinem Bereich die Menschenrechte achtet und für die Bevölkerung befriedigende
Lebensbedingungen herstellt, daß jeder sich an
Abmachungen und Verträge hält, daß jeder gegen
Verbrecher und Terroristen vorgeht und daß jeder
seinen Teil zum Gemeinwohl der Völkergemeinschaft beiträgt.
So
wird die Menschheit allmählich zu einer vielfältigen und und
doch organisch zusammenwirkenden Einheit werden.
Ich
nehme an, daß dieser Prozess schneller voranschreiten
wird, als die meisten von uns erwarten.
Die
Alternative zur Integration der Menschheit würde heißen: Desintegration, also Zerstörung.
Unter
dem Eindruck verheerender Kriege und der wachsenden Vernichtungskraft der
Waffen haben erst einige Vordenker wie Kant, Rousseau, Einstein und viele
andere große Männer, später dann immer mehr Menschen erkannt, daß der Krieg für immer abgeschafft werden muß und daß sich die Menschheit
zu einer politischen und gesellschaftlichen Einheit zusammenschließen muß. Die Heilige Allianz nach den napoleonischen Kriegen,
der Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg und die Vereinten Nationen nach dem
Zweiten Weltkrieg sind Meilensteine dieser Entwicklung.
Sollte
es wieder zu einem großen Krieg kommen, der diesmal die Menschheit und das
Leben auf unserem Planeten bis ins Mark treffen würde, und sollte es dann noch
Staaten und Politiker geben, dann werden diese, da bin ich ganz sicher, dem Zusamschluß der Menschheit noch ein weit größeres Stück
näherkommen und die Eigenintressen noch weit mehr
zurückstellen, als es heute der Fall ist.
Aber
müssen wir erst den ganz großen Krieg führen, um den ganz großen Frieden zu
bekommen?
Seit
es Menschen gibt, gibt es einen Konflikt zwischen dem Individuum und der
Gruppe, in der es lebt.
Jedes
Individuum hat den bewußten oder unbewußten
Drang nach einem Leben, das ihm ein Maximum an Genuß,
Freude, Freiheit, Bequemlichkeit, Anerkennung usw. bringt. Und so kommt es, daß der Mensch in seiner rohen, unzivilisierten Urform die
anderen Menschen angreift oder sogar tötet, wenn sie der Erfüllung seiner
Wünsche entgegenstehen.
Jeder
Mensch hat auch in den primitiveren Schichten seiner Persönlichkeit den Drang,
andere Menschen durch Gewalt, Lüge, Drohung, Betrug oder List die anderen
Menschen in den Dienst seiner Wünsche zu stellen.
Die
anderen Menschen, also die Eltern und Geschwister, die Lehrer, die Vorgesetzten
und die Vertreter der staatlichen Autorität machen dem Menschen durch
Belehrungen und Strafen immer wieder klar, daß das
Individuum sich dem Gesamtinteresse unterordnen muß.
Dieser Prozess der Sozialisation, der in frühster Kindheit beginnt und auch im
höchsten Alter noch nicht abgeschlossen ist, ist für beide Seiten sehr mühsam,
schmerzhaft und aufwendig. Der Mensch ist und bleibt ein Egoist, (wenn er das
nicht wäre, würde er sich selbst aufgeben) der bei allem was er tut, stets
seinen Vorteil, seine Bequemlichkeit, sein Ansehen und seine Sicherheit im Auge
hat. Nur lernt der Mensch mit der Zeit, daß es dem
eigenen Vorteil oft mehr dient, auf andere Rücksicht zu nehmen, die Spielregeln
der Gesellschaft einzuhalten und vieleicht sogar
freigiebig und großzügig zu sein, weil er seine Reichtümer spätestens am Ende
seines Lebens doch alle verliert.
Aber
trotz aller Sozialisation hat der Mensch in sich unverändert den Drang, alle
Normen und Einschränkungen der Gesellschaft hinter sich zu lassen, aus dem
Zustand der Integration in die Gemeinschaft auszubrechen und in seine
primitiven Verhaltensweisen zurückzufallen.
Ein
Weg, den verhaßten Zwängen der Gesellschaft zu
entkommen, ist es, so viel Macht und Reichtum zu erlangen, daß
man selbst die Spielregeln bestimmen kann, die bestimmen, wie man sich selbst
und wie sich die anderen verhalten müßen.
Das
nicht integrierte Individuum ist das Individuum, das seine Ziele und seinen
Vorteil ohne Rücksicht auf die anderen Menschen und auf die gesamte menschliche
Gesellschaft verfolgt und das danach strebt, sich allen Pflichten, die die Geselschaft an sie stellt, zu entziehen.
Je
reicher und mächtiger ein Individuum ist, umso mehr muß
die Gesellschaft besorgt sein, daß es sich den
allgemeinen sozialen Regeln entzieht oder seine Pflichten vernachlässigt.
Je
mächtiger und reicher ein Individuum ist, umso gefährlicher ist es für die
Gesellschaft.
Seit
es Massenvernichtungswaffen gibt, ist die Macht der Mächtigen, das Leben
anderer Menschen zu zerstören, ins Unermessliche gewachsen. Natürlich hat man
eine Reihe von Sicherheitsvorkehrungen eingebaut, um zu verhindern, daß ein geistig oder psychisch gestörter Mensch seine Macht
mißbraucht. Aber diese Sicherheitsvorkehrungen sind
bei weitem nicht ausreichend.
Nicht
nur die Individuuen, die über große militärische,
politische oder wirtschaftliche Macht verfügen, haben ein größeres
Zerstörungspotential als früher, sondern auch der ganz gewöhnliche Mensch - vor
allem wenn er über technisches Wissen verfügt und organisatorisch begabt ist.
Chemische
und biologische Massenvernichtungswaffen können mit relativ bescheidenen
Mitteln hergestellt und ins Herz unserer Millionenstädte gebracht werden.
Unser
gesamtes zivilisatorische System bildet einen komplizierten und damit auch
störanfälligen Mechanismus. Wenn an bestimmten kritischen Punkten die Versorgungs und Informationswege unterbrochen werden, kann
das weitreichende Folgen folgen haben.
Je
komplizierter und mächtiger unsere Zivilisation wird, umso mehr muß sie die nicht integrierten Individuuen
fürchten.
Nicht
integrierte Individuuen sind Menschen, die ihren
Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber nicht nachkommen und/oder die sich
nicht an die gesetzlichen und ethischen Normen der Gesellschaft halten.
Es
wäre jetzt aber falsch, in der mangelnden Integration des Individuums nur ein
Versagen und ein Mangel des Individuums zu sehen. Wenn ein Individuum nicht
integriert ist, ist das genausogut ein Mangel und Versagen
der Gesellschaft.
Die
Negersklaven in Amerika waren nicht in die menschliche Gesellschaft integriert.
Sie wurden nicht als Teil der menschlichen Gesellschaft betrachtet, sondern als
ein Stück Vieh.
Die
damalige amerikanische Gesellschaft hat den Negersklaven die Integration
verweigert. Aus dieser verweigerten Integration ist für die amerkikanische
Gesellschaft eine Fülle von Problemen und von Leid entstanden, und dieses
Versagen bei der Integration wirkt bis heute fort.
Die
Politiker wiederum haben bei der Integration der Negersklaven versagt, weil
weder ihre Religion noch ihre Erziehung die Sklaverein
als großes Unrecht ansahen. Also war die Wurzel des Leides ein Mangel in den ehtischen
Normen und in der Erziehung, welche die Gesellschaft ihren führenden Individueen angedeihen ließ.
Nazideutschland
hat den Juden die Integration verweigert und sie nicht als gleichwertige und
gleichberechtigte Teile der menschlichen Gesellschaft betrachtet und sie schließlich
wie Vieh abgeschlachtet.
Aus
diesen beiden Beispielen sehen wir schon, daß es
unbedingt nötig ist, daß die Gesellschaft alle Individuuen als gleichwertig und gleichberechtigt
integriert. Wenn sie das nicht tut, führt das zu Verbechen
des Staates und zu unsäglichem Leid.
Das
nicht integrierte Individuum ruiniert und zerstört die Gesellschaft; und die
Gesellschaft, die das Individuum nicht intgeriert,
neigt dazu, Leid und Vernichtung über das nicht integrierte Individuum zu
bringen.
Ein
ganz wesentlicher Faktor zur Integration des Individuums in die Gesellschaft
ist die Arbeit. Deshalb muß jedes arbeitsfähige
Individuum für die Gesellschaft arbeiten und die Gesellschaft muß jedes arbeitsfähige Individuum mit Arbeit versorgen.
Was
ist Arbeit?
Schon
die Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen unseres Körpers ist mit Arbeit
verbunden. Unser Herz muß schlagen, wir müßen atmen. Ohne daß es uns
vielleicht bewußt ist, kostet es schon eine Menge
Kraft und Energie, am Leben zu bleiben. Deswegen hat jedes Lebewesen einen
Drang, in Ruhe zu verharren und Kraft und Energie zu sparen. Die Faulheit und
die Abneigung gegen die Arbeit ist dem Menschen eingegeben. Er überwindet sie
nur deshalb, weil ihn etwas antreibt, z.B. der Hunger, die Angst, die
Sexualität, der Geltungsdrang oder die Gier nach Genuß
und Reichtum.
Die
Beschaffung der lebensnotwendigen Dinge ist mit Arbeit verbunden. Es besteht
schon im Tierreich die Tendenz, als Raubtier oder Parasit von der
Arbeitsleistung anderer zu profitieren.
Warum
hat der große Geist zugelassen, daß es Raubtiere und
Parasiten gibt? Vielleicht, weil sich durch die Raubtiere und Parasiten das
Leben schneller, vielfältiger und komplexer entwickelt hat. Oberstes Ziel des
großen Geistes ist es offensichtlich nicht, seine Geschöpfe vor Leid und Tod zu
bewahren. Und offensichtlich ist auch nicht sein oberstes Ziel die
Glückseligkeit des Menschen.
Doch
zurück zu den Parasiten und Raubtieren, die ist im Prinzip auch unter den
Menschen gibt. Stets war der Mensch in Versuchung, andere für sich arbeiten zu
lassen oder ihnen die Früchte ihrer Arbeit mit Gewalt oder Betrug wegzunehmen.
So entstand die Sklaverei, so entstanden Eroberungskriege, und hier lag ein
Motiv für die Enteignung und Vertreibung von Minderheiten.
Arbeit
bedeutet, daß man regelmäßig am Arbeitsplatz
erscheint und daß man sich der Befehlsgewalt eines
Vorgesetzen unterstellt. Arbeit bedeutet, daß man
sich einem fremden Willen unterordent und die freie
Verfügung über seine Zeit verliert. Arbeit bedeutet, daß man Pflichten übernimmt und bestimmte Regeln
des Zusammenlebens einhält. Arbeit kann bedeuten, Lärm, Hitze, Stress oder alle
möglichen Einflüsse zu ertragen, die dem Wohlbefinden und der Gesundheit
abträglich sind.
Indem
die Arbeit das Individuum zwingt, all dies zu ertragen, obwohl doch seine
innere Natur dagegen rebelliert, trägt sie zur Sozialisierung und damit zur
Integration des Menschen in die Gemeinschaft bei. Sie ist eine harte, oft sogar
eine unnötig harte Schule, die die Menschen zurechtbiegt (oft auch verbiegt),
und so zu einem wertvoller Teil der Gemeinschaft werden läßt.
Es
sind da gewisse Parallelen zum Militärdienst erkennbar, wobei ich aber den
Militärdienst auf keinen Fall glorifizieren will.
Es
wird wohl zu Recht befürchtet, daß es in einer
Gesellschaft, der infolge der Computerisierung und Globalisierung die Arbeit
ausgeht, immer mehr Menschen gibt, die nicht in die Gesellschaft integriert
sind, d.h. immer weniger Rücksicht auf die Forderungen und Bedürfnisse der
Gesellschaft nehmen und sogar in die Kriminalität abgleiten.
Deshalb
müßen die Menschen weiterhin beschäftigt und mit
Aufgaben und Pflichten versorgt werden - auch wenn ein großer Teil der Arbeit
von Computern oder Robotern übernommen werden wird.
Es bietet
sich mit der Automatisierung die Chance, den Menschen von allen unangenehmen,
langweiligen und gefährlichen Aufgaben zu befreien. Und es stellt sich die
Aufgabe, den Menschen aus dem Schema "Chef und Untergebene" zu
befreien und jeden Mitarbeiter zum gleichwertigen Partner in einer Gemeinschaft
von gleich berechtigten und gleich bezahlten Arbeitskräften zu machen.
Sicher
wird es auch in Zukunfts Führungskräfte geben müßen - aber führen heißt dienen - der Sache und den
Mitarbeitern.
Die
Arbeit wird immer mehr den Charakter eines Dienstes an der Gemeinschaft
bekommen. Ihr eigentlicher Zweck wir immer weniger die Bereitstellung der lebensnotwenidgen Güter sein, sonern
die Integration des Individuums in die menschliche Gemeinschaft.
Wenn
es eines Tages einmal einen Weg gibt, dies auf gute und humane Weise ohne
Arbeit zu tun, dann kann die menschliche Gesellschaft gerne auf die Arbeit im
bisherigen Sinne verzichten und jeder kann der Betätigung nachgehen, die ihm
Freude macht - vorausgesetzt sie nützt der Gemeinschaft oder schadet ihr
zumindest nicht.
Das
würde dann auf Tätigkeiten hinauslaufen die kreativ sind, oder Gesellig oder
der eigenent Unterhaltung und Weiterentwicklung
dienen.
Solange
dieser Zustand aber noch nicht erreicht ist, muß die
Arbeit auf alle gleich und gerecht verteilt werden, und niemand darf
unverhältnismäßig viel oder wenig verdienen.
Präsident
Clinton stellte im Juni 97 der Öffentlichkeit einen Geseztesentwurf
vor, der dazu beitragen soll, die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft in
zwei Nationen zu verhindern. Der Fernsehkommentator erinnerte an Alexis de Tocqueville, der schon vor über 150 Jahren genau diese
Spaltung vorausgesagt hat.
Clinton
sagte, viele Amerikaner glaubten, daß 30 bis 40 % der
Amerikaner Afroamerikaner seien. In Wirklichkeit seien es nur 12 %. Der erste Schritt zu einer Lösung des Problem
sei es, einmal die Fakten richtigzustellen.
Aber
ist das Problem bei 12 % kleiner als 39 %?
In
Chicago, der wohl amerikanischsten Stadt der USA leben etwa 39 % Afroamerikaner.
Bis zum Jahr 2000 werden etwa 25 % Menschen aus Lateinamerika hinzugekommen
sein. Die Zahl der Chinesen und Koreaner ist ebenfalls ansteigend.
Zwischen
Afroamerikanern und Latinos entstehen zunehmend
Spannungen, weil die letzteren den ersteren ihre Jobs streitig machen und auf
dem Arbeitsmarkt wohl auch durch ihr reichliches Angebot zu Senkung der Löhne
beitragen.
Chicago
zerfällt in eine Vielzahl von Stadtteilen, in denen Menschen jeweils der
gleichen ethnischen Herkunft zusammenleben und quasi unter sich bleiben. Die
Chinesen leben in Chinatown; gleich nebenan, in
Pilsen ist eine mexikanische Enklave, in der die die mexikanischen Feste in
traditioneller Weise gefeiert werden. Die Tschechen, die einst in Pilsen
lebten, sind in bessere Stadviertel umgezogen.
Als
Tourist kann man Chinatown oder Pilsen durchaus
besuchen, wenn man die nötige Vorsicht walten läßt.
Aber man sollte sich nicht in das nicht allzuweit
entfernte Slum "Cabrini Green" verirren.
Das kann sehr gefährlich sein. Dieses Produkt des sozialen Wohnungsbaus liegt
übrigens nicht allzuweit vom Sears-Towers und dem
Bankenviertel entfernt.
So
liegen in Chicago die verschiedenen Welten in unmittelbarer Nachbarschaft. Die
University of Chicago liegt mitten in verwahrlosten Schwarzenvierteln,
darunter die berüchtigten Taylor Homes. Man sieht
Ruinen verbrannter Häuser, stillgelegte Fabriken, zerbrochene Fensterscheiben.
Die 11000 Studenten und 1800 Dozenten erreichen ihren Elfenbeinturm, der eine
Hochburg des Wirtschaftsliberalismus (sprich Manchesterkapitalismus) ist, auf
dem autobahnähnlichen Lake shore drive,
passieren den Wachposten und fahren in die Tiefgarage. Das Universitätsgelände
ist mit einem drei Meter hohen Eisengitter umgeben.
In Cabrini Grenn leben 7000
Menschen, die alle unter der Armutsgrenze leben - 90 % sind Schwarze. Die
meisten Familienväter können oder wollen sich nicht um ihre Familie kümmern,
sie sind entweder im Gefängnis, oder tot oder abgehauen oder von ihren Frauen
davongejagt worden. In Cabrini Green wird findet laut
Statistik täglich ein Überfall statt.
Ganz
anders die Welt am Seeufer in der Nordhälfte der Stadt und in den Vororten in
der Nähe der Loyola Universität und der Northwestern
University. Hier sind man feudale Villen derer, die von der näher am Stadtkern
liegenden "Goldküste", einem ehemaligen Nobelviertel,
in die Vororte geflüchtet sind. Sie verschanzen sich in riesigen parkartigen
Gärten und in ihrer "No pasing zone".
Ein
Stück südlich der "Goldküste" verläuft die Michigan Avenue, die sich
"Magnificent mile"
nennt. Hier und in der etwas betagteren State Street
sieht man die wohl luxuriösesten Konsumtempel der Welt.
Man
hat nicht den Eindruck, daß die Existenz der Slums
die Lebensqualität oder das Lebensgefühl der wohlhabenden, erfolgrreichen
und angepassten Klasse "Euro-Amerikaner", wie ich sie mal nennen
will, und die meist englischer, irischer, schottischer, deutscher, jüdischer, skandinaviescher, italienischer Abstammung sind (oder auch
recht häufig Schwarze, das muß man nämlich auch sehen). Die amerikanischen
"Schwarzen" sind übrigens oft Mischlinge und nicht selten kaum
dunkler als ein bayerischer Mauerer, der einen Sommer auf dem Bau zugebracht
hat.
Die
Klasse der Wohlhabenden und Arrivierten hat es sich in ihrer Welt gemütlich gemacht
und sie durch Zäune, Wachleute, klimatisierte Wohnungen und Autos nach außen
hin abgeschirmt. Zum Einkaufen geht man
in große Einkaufszentren in den Vororten, in denen man nur Weiße und ein paar
gepflegte und etablierte Schwarze oder Latinos trifft.
Trotzdem
gibt es eine Vielzahl von Berühungspunkten mit den
Gruppen anderer etnischer Herkunft. Das sind die
Straßenfeste in den einzelnen Stadtvierteln, also die folkloristischen
Straßenfeste und kulturellen Ereignise in den
polnischen, litauischen, italienischen, jüdischen, armenischen "neighbourhood oder in den öffentlichen Parks. Da sind die
Jazz und Blues-Lokale und vielen Restaurants mit den spezifischen
Nationalgerichten. Die weißen Intelektuellen und
Freunde der Kunst treffen sich mit den schwarzen in den Randzonen südliche der Loop (dem Hochbahnring) in der Dearborn
Station (einem alten Bahnhofsgebäude oder in der Printhause
Row, einer Straßenzeile von Verlagshäusern.
Und
diese Begegnungen und dieser Austausch, der für alle Beteiligten anregend,
interessant und bereichernd sind, ist sicher auch ein nicht zu unterschätzendes
Stück Lebensqualität. Dieses Erproben fremder Lebensart, fremder Gedanken und
wohl auch fremder Partner ist es wohl, an was alle diejenigen denken, die von
er multikulturellen Gesellschaft schwärmen.
Und
die anderen, die an Slums, Verbrechen, Drogen, Anarchie, Schmutz und Zerfall
denken - sie gebrauchen das Wort "multikulturelle Gesellschaft"
ebenfalls, aber sie stellen sich halt etwas ganz anderes darunter vor. Und
beide haben sie recht.
-
Oder auch nicht, denn all die verschiedenen Stadtbezirke mit ihren
unterschiedlichen Ethnien, leben in der gleichen
amerikanischen Zivilisation. Der "Southsider"
aus Cabrinini Green hat im Grunde die gleichen
Wünsche wie der "Northsider" - auch wenn
beide wohl kaum je einWort miteinander wechseln
werden. Beide wollen sie so leben, wie der Northsider
es tut. Der Southsider will nicht zurück zur
Elfenbeinküste und dort seine Stammeskultur pflegen und als Bauer leben,
sondern er will vom arroganten Northsider als
gleichberechtigt und gleichwertig anerkannt werden. Er will "dignity" - ein Schlüsselwort für das Empfinden der Southsider, nicht nur in Chicago, sondern weltweit. Und er
will den amerikan way of life.
Ich
habe mich mit einigen Schwarzen unterhalten, und ich habe viele beobachtet: als
Empfangschef in der Hotelrezeption, als Moderator im Fernsehen, als Kunde auf
der Magificent Mile, als
Polizist oder Wachmann, als Zimmermädchen und Kellner, als Professor oder
Absolvent an der Hochschule. Es wäre dumm und absurd zu glauben, daß die Schwarzen weniger begabt, weniger fleißig oder häßlicher als die Weißen sind.
Trotz
der gewaltigen sozialen Unterschiede und Spannungen glaube ich nicht, daß die amerikanische Nation in eine schwarze und weiße
Hälfte zerfallen wird. Es wird auch zu keiner Revolte der Schwarzen kommen,
denn die Oberschicht der Schwarzen denkt nicht im Traum daran, ihre weniger
glücklichen Mitbürger zu einer Revolte gegen
das Establishment auszustacheln. Denn die schwarze Elite ist Teil des
weißen Establishments, wenigstens mehrheitlich.
Natürlich
gibt es daneben eine Vielzahl schwarzer Intellektueller, die am Aufbau der
schwarzen Nation arbeiten. Sie erforschen die Vergangenheit der afrikanischen
Vorfahren und ihre Religion und ihre Mythen, und sie scheuen sich auch nicht
neue Mythen und neue Religionen zu erfinden oder bestehende Glaubsvorstellungen
umzudeuten und umzudichten. Man schöpft aus Quellen des Islam, des
Christentums, und wohl auch aus dem haitianischen Voudou-Kult,
der ja selbst eine Mischung aus afrikanischen , christlichen und
freimaurerischen religiösen Vorstellungen ist. Und das Christentum, der Islam
und die Freimaurerei waren ja in ihren Anfängen durchaus umstürzlerische
Bewegungen.
Aber
noch ist die USA fest in der Hand der Amerikaner europäischer Abstammung, und
das wird auch so bleiben, wenn sich nicht etwas Unvorhergesehenes passiert und
sich Voudou, Crack oder die Drogenmafia stärker
erweisen als Know how, Coca
Cola und die Wallstreet. Aber nicht nur in Chicago und New York wird es Zonen
geben, die vom Normalbürger kaum betreten werden können, trotz der energischen
Versuche der Polizei, die Kontrolle wiederzuerlangen. Diese Zonen bilden eine
eigene Welt mit ihren eigenen Dschungelgesetzen und Dschungelreligionen.
Neugierige
Touristen, die "Das wirkliche New York" kennenlernen wollen, können
für 30 $ eine Busfahrt in die South-Bronx
unternehmen, so wie man ein Foto-Safari zu einem Dorf der Navajo-Indianer
unternimmt.
Anders
als die Navajo-Gebiete liegt die South-Bronx
nur einige U-Bahnstationen von dem feinen Wohnviertel um den Central-Park entfernt, und so bleibt die leise Angst, daß eines Tages sich die Tore er Unterwelt öffenen könnten, und sich Ihre Kreaturen über die
Madison-Avenue ergießen könnten. Rund um das Empire State Building steigen
Dampfschwaden und üble Gerüche aus der Kanalisation auf, und ständig sind
Reparaturtrupps im Einsatz. Auf dem Pflaster sieht man ab und zu eine
zertretene Riesenkakerlake, die offensichtlich aus der Kanalisation stammt. In
Washington sah ich nur 100 m vom weißen Haus eine große tote Ratte auf dem
Pflaster liegen. Sie erinnert daran, daß es finsteres
Schattenreich geben muß,
das genauso marode, unappetittlich und bedrohlich ist, wie die Lichterwelt in Manhattan, Las Vegas oder Disneyland
glänzend, ohne Makel und hygienisch einwandfrei ist.
Allerdings
- der Unterschied zwischen dien USA und vielen andern Ländern ist, daß hier der Versuch unternommen wurde, eine großartige und
vollkommene Welt ohne Schattenseiten zu schaffen. Naturgemäß kann eine solche
Welt nur eine Kulisse sein. Eine Ratte auf dem Pflaster einer Metropole der
Dritten Welt ist eine unbeachtete Selbstverständlichkeit. Es soll dort Gegenden
geben, wo selbst eine menschliche Leiche, die auf dem Pflaster liegt, kaum
wahrgenommen wird. So gesehen ist die Welt in Chicago fast in Ordnung.
Unverkennbar
ist aber in den USA die Tendenz, in künstlichen Paradiesen zu leben. Man baut
immer prächtigere Einkaufszentren in die von Weißen bewohnten Vororte, wo man
gegen Hitze und Kälte, gegen Häßlichkeit und
Verbrechen geschützt, den eigenen vier Wänden entfliehen kann, ohne den Unanhnehmlichkeiten und Gefahren der Innenstädte ausgesetzt
zu sein.
Noch
sind die Gebiete der Verwahrlosung und des Verbrechens in den großen Städten
der USA recht klein. Es ist nicht so, daß die gesamte
Bronx oder der ganze Süden Chicagos ein riesengroßes Slum wäre. Es sind einige Straßenzüge und
Häuserblocks, in denen Verbrechen und Elend besonders konzentriert sind. Der
weit größere Teil ist normales Stadtgebiet.
Seit
langem gibt es aber eine Flucht des Mittelstandes und der Oberschicht aus dem
Kernbereich der Städte in die Vororte. Um die nachts ausgestorbenen Geschäfts-
und Bankenviertel gruppieren sich die von Schwarzen, Latino's
und Asiaten bewohnten Viertel, unterbrochen von aufgegebenen Fabrikanlagen.
Weiter draußen kommen dann Indrustriegebiete und
Arbeiterviertel. Und noch weiter draußen beginnt dann die heile und angenehme
Welt der Besserverdienenden, die Welt der schmucken Einfamilienhäuschen und der
prächtigen Villen, umgeben von ausgedehnten Parkanlagen.
Die
Polizei versucht recht erfolgreich, die Stadtzentren, die Parks, die Zonen um
die Museen und die innerstädtischen Einkaufs- und Erholungsgebiete frei von
verwahrlosten und drogensüchtigen Menschen zu halten und die Sicherheit zu
gewährleisten. So wie es für die Normalbürger nicht ratsam ist, in die Welt der
Asozialen einzudringen, so ist es für die Asozialen nicht ratsam, sich in der
Welt der Etablierten blicken zu lassen.
Wohl
keine andere Nation der Welt vereint so viele Gegensätze in sich als die USA.
Nirgendwo herrscht ein so vielfältiges Durcheinander von Gebäuden aller
Stilrichtungen, aller Größen und jedes denkbaren Grades der Schönheit oder Häßlichkeit wie in New York oder Chicago - und das alles
auf engstem Raum. Nirgendwo ist so ein buntes Gemisch von Menschen jeder
denkbaren Variante. Wenn die Integration der unterschiedlichen Völker und
Volksstämme dieser Welt gelingen kann, dann in den USA. Deshalb ist die USA
trotz des Heraukommens Japans und Chinas immer noch
das Land der Erde, in dem sich die Zukunft der Menschheit entscheiden wird.
Wenn es gelingt, in den USA eine Gesellschaft zu schaffen, die alle Völker,
Rassen, Religionen und Weltanschauungen zu einer harmonischen und gerechten
Gesellschaft vereint, und die den Abgrund zwischen Arm und Reich einebnet, dann
hat die Welt noch Hoffnung. Wenn es in den USA nicht gelingt, dann wird es auch
nirgendwo sonst gelingen.
Die
geistige Basis Amerikas ist nach wie vor die Philosophie des Puritanismus, der
Aufklärung und des Pragmatismus. Die Frage "Wie geht es Ihnen
heute?", mit der man in den USA ständig begrüßt wird, ist natürlich eine
Höflichkeitsfloskel. Aber nicht nur. Es steckt die urchristliche Idee dahinter,
daß jeder des anderen Bruder und Freund sei, dessen
Wohl und Wehe einem nicht gleichgültig ist. Auch wenn es in den USA nicht mehr
viele Quäker (sie nennen sich "die Freunde") oder Puritaner gibt, ihr
Geist ist nach wie vor lebendig und bildet eine wesentliche Grundlage des
Erfolges der Nation. Wenn dieser Geist der Anständigkeit, Fleißes,
Menschenliebe, Gerechtigkeit und Freiheit, und nicht zu vergessen, des Fleißes,
der Disziplin, der Strebsamkeit und der Großzügigkeit, der immer noch stark
spürbar ist, der einem bei negativen Auswüchsen dieses Landes mit diesem Volk
immer wieder versöhnt - wenn dieser Geist einmal nicht mehr da sein wird, dann
wird die USA aufhören zu bestehen, und es wird dort eine andere Nation sein -
oder mehrere oder viele.
Diese
Tugenden sind das Fundament Amerikas, und auf diesem Fundament haben die
Siedler in den Neu-Englandstaaten aufgebaut. Später kam eine Einwandererwelle
nach der andern, und jede fügte dem Haus Amerika ihre An- und Aufbauten hinzu.
Nach den Engländern, Iren und Schotten stellen die Deutschen wohl die stärkste
Gruppierung, und so kommt es, daß Amerika auch heute
noch so viele deutsche Züge trägt.
Jede Einwandererwelle (z.B. die Italiener, die
Polen, die Armenier, die Juden) brachte ihre eigene Lebensweise, ihre eigenen
Kultur mit sich. Kultur bedeutet im amerikanischen Sprachgebrauch die die Art,
wie dem Menschen leben: wie sie kochen, wie sie ihre Feste feiern, wie sie
ihren Gott verehren und wie sie miteinander umgehen, welche Werte sie haben.
Amerika
wurde zur multikulturellen Gesellschaft schlechthin.
Es
war ganz natürlich, daß sich z.B. die Deutschen, die
neu hinzukamen, dort ansiedelten, wo schon andere Deutsche wohnten, und so
entstanden Viertel, in denen man fast nur Deutsche, oder Italiener oder Polen
fand.
Dieser
Zustand der nach Nationalitäten getrennten Stadtbezirke besteht vor allem in
Chicago nach wie vor fort, während in New York, dem großen Schmelztiegel diese
Tendenz weniger stark ist.
Die
große Aufgabe, vor der die USA als Vorreiter der gesamten Welt steht, ist es,
die verschiedenen Völker in einer Gesellschaft zu integrieren.
Hilfreich
bei dieser Aufgabe sind verschiedene Faktoren. Da ist einmal die in den USA
stark verwurzelte Weltanschauung, daß alle Menschen
gleichermaßen von Gott erschaffen und gleichwertig sind. Der zweite Faktor ist,
daß diese Weltanschauung mit der Realität weitgehend
übereinstimmt. Es ist nämlich in der Tat so, daß die
Gemeinsamkeiten zwischen Menschen verschiedener Rasse und Herkunft weit größer
und fundamentaler sind, als das Trennende. Die Gene aller Menschen stimmen zu
99 % überein, und die instinktiven Verhaltensweisen und Empfindungen sind bei
allen Menschen gleich. Wenn dies nicht der Fall wäre, könnten Menschen
unterschiedlicher Rasse keine Kinder miteinander bekommen, und sie würden
einander nicht attraktiv und begehrenswert finden, und sie hätten nicht den
Wunsch, miteinander Kinder zu haben. Wenn diese grundlegende Übereinstimmung
zwischen allen Menschen nicht wäre, dann könnten sie nicht die Sprache des
anderen erlernen und sogar vollkommen akzentfrei sprechen lernen.
Die
Unterschiede im Verhalten und Denken der verschiedenen Nationen sind
hauptsächlich ein Ergebnis der Unterschiedlichkeit der Kulturen, die zu
unterschiedlichen Maßstäben und Verhaltensweisen führen. Sie sind also
angelernt.
In
jedem Volk gibt es eine Schicht von Autoritätspersonen, die die traditionellen
Werte bewahrt und an die Jugend weitergibt. Das Verschafft ihnen Respekt,
Ansehen und auch Macht. Solange die Tradionen, die
sie vertreten, anerkannt und respektiert werden, solange werden auch diese
Führungspersonen respektiert.
Deshalb
sind sie natürlich aufs höchste alarmiert, wenn sich die Jugend anderen
Traditionen und Werten zuwendet.
Die
Autoritätspersonen, haben es natürlich besonders schwer, wenn ihre Volksgruppe
in einem fremden Land eine Minderheit darstellt. Das klassische Beispiel sind
die Juden, und zwar schon die Juden des alten Testaments, erst in Ägypten, dann
in Palästina, dann in der Babylonischen Gefangenschaft, dann in der Diaspora.
Die
Autoritätspersonen werden natürlich durch alle Mittel versuchen, ihre Schäfchen
bei der Stange zu halten und sie daran zu hindern, zu den fremden Göttern und
den fremden Werten überzulaufen.
Um
eine abgrenzte Bevölkerungsgruppe, wie sie die Einwanderer sind, zu
integrieren, muß es zwischen dem Staat und den
Autoritätspersonen der Minderheit zu einer Übereinkunft kommen, die die gegenseitige Anerkennung der Werte
und Anschauungen voraussetzt. Wenn dies nicht gelingt, wird es früher oder später
zu einem Konflikt kommen, der bis zum Terror, zur Vernichtung des schwächeren
Teils oder zur Revolte und zum Umsturz kommen kann.
In
der amerikanischen Praxis war es bisher so, daß die
Schulen die amerikanischen Werte und die amerikanische Kultur an die Kinder der
Einwanderer vermittelten und damit ab der zweiten Einwanderungsgeneration für
eine nahezu vollständigen Integeration sorgten.
Beunruhigend ist, daß in des Slumgebieten der
amerikanischen Großstädte viele Kinder der Slumbewohner wohl nicht zur Schule
gehen, weil die Schulpflicht dort wohl nicht mehr durchsetzbar ist. Damit
werden diese Kinder nicht mehr in die amerikanische Gesellschaft intgeriert. Die USA ist also auf dem Rückzug aus dem
Slumgebieten, und im Gegenzug werden die Slumgebiete sich immer weiter
ausbreiten.
Das
Spanisch der Mexikaner dagegen ist in den USA auf dem Vormarsch. Es gibt im
US-Fernsehen mindestens zwei spanischsprachige Kanäle. Der Zustrom von
lateinamerikanischen Menschen nach USA hält unvermindert an.
Schon
heute ist es so, daß im Stadtgebiet von New York, Los
Angeles und Chicago die europäisch-stämmige Bevölkerung in der Minderheit ist,
während auf dem flachen Lande nach wie vor das europäische, speziell das West-
Mittel- und nordeuropäische Element überwiegt. Es ist fast wie in Südtirol, wo
die Alteingesessenen auf den Dörfern sitzen, während in der Großstadt Bozen die
später Hinzugekommenen überwiegen.
Wer
profitiert von der Einwanderung, ist also quasi ein Einwanderungsgewinner, und
wer verliert durch die Einwanderung?
Beginnen
wir mit den Einwanderern selbst. Sie würden ihre Heimat nicht verlassen, wenn
sie sich in ihrer neuen Heimat nicht ein besseres Leben erhoffen würden. Sie
versprechen sich also einen Gewinn, und das oft zu recht.
Sie
wandern aus, weil ihnen in Ihrer Heimat der Zugang zu Wohlstand, Ansehen,
Freiheit und Respekt versagt wurde. Es wäre viel besser, sie hätten all das,
was sie in der Fremde suchen, ihnen in der Heimat gewährt würde. Es wäre auch
für ihr Heimatland besser, denn die Auswanderer sind oft die vitalsten und
tüchtigsten Teile der Bevölkerung. Sie würden nicht auswandern, wenn sie
schwach und apatisch wären und wenn sie sich nicht
zutrauen würden, sich in der Fremde zurechtzufinden und eine neue Existenz
aufzubauen. Mit ihnen verläßt auch das Potential für
eine Wende zum Besseren das Heimatland. Sie wären noch am ehesten in der Lage,
für mehr Gerechtigkeit und Freihheit zu kämpfen. So
stabilisiert die Auswanderung ungerechte soziale Verhältnisse und
Unterdrückung.
Nicht
alle Auswanderer sind arm, und nicht alle wollen nicht mehr in die Heimat
zurückkehren. Sie wollen sich vielmehr die Kaufkraftunterschiede der Währungen
zu nutze. Der Lohn einer türkischen oder mexikanischen Arbeitskraft ist nicht
hoch - aber er wird in harter Währung ausbezahlt, und dank des
Kaufkraftunterschiedes kann sich die Putzfrau nach 10 Jahren Arbeit in ihrer
Heimat eine Eigentumswohnung oder ein Haus kaufen.
Die Einwanderer sind oft Menschen, die in die Industrieländer
kommen, um als wohlhabende Leute zurückzukehren. Dieses Ziel ist durchaus verständlich und nicht verwerflich.
Aber es führt dazu, daß die Fremdarbeiter die
einheimischen Arbeiter in einen Verdrängungswettbewerb auf dem Arbeitsmarkt
hineinziehen.
Und
da sind wir bei den Verliererern der Einwanderung: es
ist die einheimische arbeitende Bevölkerung, vor allem die ungelernten
Arbeitskräfte. Es sind auch alle, die auf den Wohnungsmarkt und auf die
Sozialleistungen angewiesen sind. Sie sehen in den Zuwanderern eine
unerwünschte Konkurrenz - zu recht. Kann man es ihnen verübeln, daß sie vom Gedanken der multikulturellen Gesellschaft weit
weniger begeistert sind als der Lehrer, der Anwalt oder die sozial engagierte
Millionärsgattin?
Die
Verlierer sind natürlich auch die Einwanderer selbst, von denen nur ein Teil,
nämlich die strebsamsten und anpassungsfähigsten den Aufstieg schaffen. Oder
sie machen eine Karriere als Kriminelle. Der überwiegende Teil der Einwanderer
wird in der untersten sozialen Schicht bleiben.
Die
Gewinner der Einwanderungen sind diejenigen alteingesessenen, die sich
rechtzeitig Grundstücke und Immobilien gesichert haben und Handels- und
Industriebetriebe aufgebaut haben. Sie profitieren vom Wirtschaftswachstum und
vom Boom, der von den Einwanderern mit getragen wird.
Sie
sind sich Linksintellektuelle und rechtsliberale Besitzbürger darin einig, daß die Zuwanderung und die multikulturelle Gesellschaft
eine großartige Sache ist, und daß möglichst viele
weitere Zuwanderer ins Land müssen.
In
Wirklichkeit ist aber die ständige Zuwanderung aus der armen Welt in die
reichen Industrieländer so eine Art Kettenbriefschwindel, bei dem die letzten
die Hunde beißen. Die letzten sind die ewigen Verlierer, sowohl bei der
einheimischen wie bei der zugewanderten Bevölkerung.
Eine
ganz große Aufgabe der zukünftigen globalen Politik muß
es sein, dafür zu sorgen, daß jeder Mensch in seiner
Heimat bleiben kann, wenn er es will - und nicht durch Not und Gewalt gezwungen
wird, alles zurückzulassen und in einem fremden Land auf der untersten Stufe
neu anzufangen.
Es
sollten aber auch die Ungleichgewichte im Welthandel und in den
Kaufkraftparitäten beseitigt werden, sodaß es keine
Währungsgewinnler geben kann, die mit ihrer harten Währung in der armen Welt
alles zu Spottpreisen einkaufen können, denn im Grunde ist das eine Form des
Betrugs.
Das
große Ideal muß es sein, daß
jeder Mensch überall auf der Welt genügend zum Leben hat, und daß jeder dafür auch ehrlich arbeiten muß
(außer er ist krank oder alt). Jeder soll frei sein von Angst, Krieg, Terror
und Not. Und jeder soll seine Regierung fragen dürfen: Was habt ihr dazu begetragen, diesem Ideal näherzukommen? Und wenn die
Antwort beschämend und ungenügend ist, daß soll diese
Regierung durch eine bessere ersetzt werden.
Wie
kann man soetwas durchsetzten? Durch Bewußtseinsbildung bei den
Untertanen und ein bißchen Druck. Druck
zunächst in den USA auf die Regierung der USA. Dann Druck der Regierung der USA
auf Ihre Freunde, dann Druck der USA und ihrer Freunde auf diejenigen, die der
USA nicht so freundlich gegenüberstehen. Der Druck kann durch Diplomatie, Geld,
Polizeiaktionen und Friedenstruppen. Gerade Bosnien zeigt, daß
vieles geht, und daß noch mehr gehen könnte.
Aber
womit beschäftigt sich die USA: Mit der NATO-Osterweiterung. Eine Katastrophe,
weil Rußland außen vor bleibt. Wieder geht der Profit
der amerikanischen Waffenexporteure über die Interessen der Menschen auf der
Welt.
Die
USA ist nach wie vor die Schlüsselmacht auf der Welt, was in New York, Chicago
und Hollywood gedacht und gemacht wird, bestimmt, wo's in der Welt langgeht.
Aber leider ist die amerikanische Politik wie diese amerikanischen Städte:
Großes und Erhabenes liegen eng neben Häßlichem und
Verworfenen. Das ganze ist ein ziemliches Durcheinander, und nur ein Prinzip
ist unveränerlich: Erst Sicherung und Maximierung der
Gewinne, dann humanitärer Anspruch. Aber immer noch besser als eine Politik der
Machtmaximierung ohne humitären Anspruch.
Mit
zunehmender Entwicklung der Lebewesen nahm auch ihre Fähigkeit zu, sich sich über Sinnesorgane ein Bild der Welt zu verschaffen,
und diese Bilder und Ereignisse im Gedächtnis aufzubewahren.
Mehr
noch, es entwickelte sich die Fähigkeit, auf Grund der gemachten Erfahrungen
Ereignisse vorherzusehen. Wenn eine Antilope beochtet,
wie ein Löwe eine andere Antilope anspringt und zerfleischt, dann wird diese
Antilope, wenn ein Löwe auf sie zuläuft, den Angriff vorhersehen.
Immer mehr vervollkommnete
sich die Fähigkeit der Lebewesen ihr gesamtes bisheriges Leben quasi als
Tonfilm aufzuzeichnen und einzelne Szenen Bedarf abzurufen.
Mehr
noch, es entwickelte sich die Fähigkeit, vor dem inneren Auge Szenen abzulaufen
lassen, die nicht der Wirklichkeit, sondern dem Vorstellungsvermögen entsprangen.
So war es möglich, verschieden Optionen durchzuspielen und sich für zukünftiges
Handeln die optimale Variante auszusuchen.
Mit
dem Wissen über sich selbst und über die eigenen Vergangenheit entstand auch
das Bewußtsein seiner Selbst.