Gott und
Satan sind identisch,
deshalb
ist die Summe allen menschlichen Leidens konstant
von
Man kann die Welt
nicht verbessern, sondern nur verändern
Die Summe der
Leiden aller Lebewesen auf dieser Welt bleibt stets konstant – egal welche
Anstrengungen man unternimmt, den Lebewesen Leiden zu ersparen – oder, wenn man
ein Teufel wäre: ihnen Leiden zuzufügen. Zwar kann der einzelne Mensch oder
eine Gruppe von Menschen, oder eine soziale Schicht oder eine Nation ihr
Schicksal durch Fleiß, glückliche Umstände oder auch durch Gewalt und
Verbrechen zum eigenen Vorteil verändern, aber dies geschieht stets auf Kosten
anderer Menschen oder allgemeiner, Lebewesen. Die Summe von Positivem und
Negativem ist immer Null. Die Welt ist ein Nullsummenspiel.
Jeder, der
die Welt unvoreingenommen betrachtet, wird dies bestätigen: Die Reichen werden
zwar immer reicher, aber die Armen immer ärmer. Der technische Fortschritt hat
den Industrienationen zwar Wohlstand und Befreiung aus der alltägliche Not
gebracht, aber er hat weite Teile der Welt in Armut, Hunger und Krieg gestürzt.
Das - ach so fortschrittliche - 20.Jahrhundert hat mit Stalin, Hitler und Mao
ein derartiges Maß an Grausamkeit und Barbarei gebracht, dass man ernsthaft
daran zweifeln muß, ob die Humanität je einen
endgültigen Sieg über die Bestialität erringen wird.
Die
Entwicklungshilfe hat dazu geführt, dass immer weniger Babys an Krankheiten
starben - aber als diese Babys erwachsen waren, hatten sie nichts zu essen. Die
Entwicklungshilfe hilft nur allzu oft dazu, die lokalen Machteliten mit Geld
und Waffen zu versorgen, was ihnen erlaubt, neue Kriege zu führen.
Nun wird
jeder Weltverbesserer sagen: „Da läuft etwas furchtbar verkehrt. Wir müssen das
ändern !“ Dem kann ich nur zustimmen. Aber ich
bezweifele, ob das Elend überhaupt grundsätzliche aus der Welt geschafft werden
kann und vermute, dass die Not der Kreatur schon von Anfang an in dieser Welt
vorgesehen war. Die Beobachtung der Menschheitsgeschichte zeigt, dass sich
trotz Jesus, Buddha und Mohammed die Welt nicht zum besseren gewandelt hat, und
inzwischen bin ich geneigt zu sagen: „Auch Jesus, Buddha und Mohammed hatten
ihren Anteil daran, dass die Welt in einem so schlechten Zustand ist.“
Der gute Gott ist der
böse Gott, der böse Gott ist der gute Gott: Gott ist eine duale Einheit
Wenn es
einen Gott gibt, wie kann er das zulassen ? Ist er
vielleicht sogar die Ursache all dieses Elends ? Dies
ist die beständige Frage aller Christen, die mit dem Leid konfrontiert werden.
Neulich sagte ein Pfarrer im Wort zum Sonntag ungefähr folgendes: „Ich als
Pfarrer kann auch nicht verstehen, dass es so viel Leid gibt.“ Aber er hatte
keine Lösung anzubieten, sondern blieb ratlos.
Ottfried
Fischer in seiner Rolle als Pfarrer Braun sagte: „Wir können den Teufel nicht
abschaffen, sonst wäre Gott ja für das Böse verantwortlich.“
Es hat sich
für die Verbreitung des Christentums als vorteilhaft erwiesen, Gott als den
gütigen, menschenfreundlichen Gott darzustellen. Wenn man aber genauer
hinsieht, ist Gott nur gütig zu denen, die an ihn glauben. Die Ungläubigen
müssen für die Verfehlungen, die sie in der kurzen Spanne ihres Lebens begangen
haben, bis in Ewigkeit in der Hölle leiden. Aber, so fügt der selbstgerecht
Christ im Stillen hinzu, „das geschieht ihnen recht, denn sie haben gesündigt.“
Was ist Sünde ? Das lernen wir im Konfirmationsunterricht: „Sünde
ist Ungehorsam gegen Gott.“ Die größte Sünde ist es, sich der Religion nicht zu
unterwerfen. Wer sich nicht unterwirft, meinte die Kirche, ist ein Ketzer und
hat den Scheiterhaufen verdient. All das ist vorbei – aber es ist nicht das
Verdienst der Kirche, sondern mutiger und aufgeklärter Menschen, die mit dem
Wahnsinn ein Ende machten.
Verräterisch
ist das Wort „Islam“. Es bedeutet „Unterwerfung unter Gott“. Man unterwirft
sich natürlich lieber einem gnädigen und menschenfreundlichen Gott. Deshalb
wird Gott in Christentum und Islam als der „liebe Gott“ dargestellt. Wer würde
sich schon gerne einem menschenmordenden Dämon unterwerfen ? Höchstens die Satanisten – und selbst die
nicht, denn sie halten sich für Magier, die mit dem Teufel auf Augenhöhe
stehen, mehr noch, ihn manipulieren können. Und sie glauben, dass auf ihn mehr Verlaß ist als auf den lieben Gott. Sie hoffen, man könne
mit dem Satan Geschäfte auf Gegenseitigkeit machen – nach dem Motto: „Ich
opfere dir ein Kaninchen, du erfüllst mir meine Wünsche!“ Und wenn ein
Kaninchen nichts bewirkt, dann muß man nach ihrer
perversen, atavistischtischen Logik halt einen
Menschen opfern. Aber hier liegt er fundamentale Denkfehler aller derer, die
beten oder gar opfern: Sie wissen nicht, dass alle Gebete und Opfer umsonst
sind und absolut nichts bringen. Wenn sie doch scheinbar etwas bringen, ist das
nur Zufall oder Einbildung.
Christentum und Islam
haben Gott in zwei Hälften gespalten
– in Gott
und den Satan. Und entsprechend zerfiel die Menschheit in zwei Hälften: Die
Anhänger des guten und vollkommenen Gottes und in die Anhänger des Satans, die
eigentliche keine Menschen, sondern fremde Teufel waren, die zu massakrieren
ein religiöses Verdienst war und den direkten Einzug ins Paradies nach sich
zog. Von der Religiosität zur Bestialität ist es oft nur ein Schritt. In den
drei monotheistischen Religionen geht es viel mehr um die Ansprüche Gottes
(sprich: dessen selbsternannten Statthalter auf Erden) als um die Ansprüche,
Bedürfnisse und Rechte des Menschen.
Da ja der
Satan nicht gleichwertig mit Gott sein darf, war es konsequent, ihn zum unerwünschten
Gegenspieler zu degradieren, der schließlich am Ende aller Tage in einen
Feuersee geworfen und vernichtet wird. Dann wird angeblich eine neue Schöpfung
entstehen, in der es nichts Negatives mehr gibt. Dieser Wunsch nach einer
paradiesischen Welt ist verständlich und nachvollziehbar – und jeder
Weltverbesserer und jeder gläubige Christ oder Moslem träumt davon. Aber es ist
reines Wunschdenken, das nichts mit der realen Welt und mit der realen Zukunft
zu tun hat.
Die
Wahrheit ist, dass Jahwe ursprünglich ein semitischer Kriegsgott (der „Herr der
Heerscharen“) war, der seine Anhänger zu Mord und Krieg ermunterte. Jeder kann
sich von diesem Charakter Jahwes im alten Testament überzeugen. Jahwe ähnelt
weit mehr einem Satan als dem lieben Gott – das stellte schon der „Erzketzer“ Marcion fest. Aber die Zeiten und die Israeliten wurden
immer zivilisierter – und so auch ihr Gott, der in immer lichtere Höhen
aufstieg. So hoch über die olympischen Götter hinaus, so abgehoben von allem
Irdischen, dass er einen Sohn haben musste, der sich um die leidenden
Menschheit kümmerte. Ein gewisser Jesus aus Nazareth in der Sekte von Johannes
dem Täufer bekam einen Gottkönigkomplex und übernahm in dankenswerter Weise die
Rolle des Gottessohnes, der am Schluß massakriert
wird und durch sein Opfer die Welt rettet.
Aber die
Welt braucht keinen Retter, weil die Retter meist mehr Unheil anrichten als sie
Gutes tun. Im Geiste Christi hat das Abendland Afrika und Amerika „gerettet“.
Noch so eine Rettung, und die Welt ist endgültig ruiniert.
Die Lehren
des Jesus waren in theologischer Hinsicht nicht sehr ergiebig. Er sprach in
Gleichnissen, tat Wunder und verkündete das Reich Gottes – das nie kam. Aber
der Apostel Paulus, der Jesus nicht persönlich kannte und sich weder um die
Person Jesu noch um seine Lehre groß kümmerte, schuf seine eigene Religion, und
nannte sie Christentum.
Die
Geschichte der Menschheit - speziell auch die Geschichte der Juden – lässt
hingegen nur einen Schluß zu: Gott ist gnädig und
grausam in einem. Wenn man den Holokaust und die
vielen Kriege betrachtet, kann man nur schließen: Gott liebt die Menschen
nicht. Gott ist mindestens genauso sehr ein böser Gott wie ein guter Gott. Das
ist vielleicht die Lebenslüge des Christentums, dass es behauptet: Gott ist nur
gut, er ist die reine Liebe, und Ende aller Zeiten wird alles gut – zumindest
für die, die an das Christentum glauben.
Alle Gebete und alle
Opfer sind vergebens
Was die
Wirksamkeit der Gebete und Opfer anbelangt, durch die der Mensch die göttliche
Kraft zum eigenen Nutzen zu beeinflussen versucht, so kann hier der objektive
Beobachter nur konstatieren: Eine Beeinflussbarkeit Gottes ist nicht
nachweisbar. Jedem Beispiel, das dies zu belegen scheint, stehen zehn andere
gegenüber, die das Gegenteil beweisen. Da kommt der Christ ins Grübeln und
fragt sich, warum sich sein Gott so hartnäckig weigert, dem Guten zum Sieg zu
verhelfen. Und der Christ muß seinen Gott vor sich
selbst und vor andern rechtfertigen. Das theologische Fachwort heißt „Theodizee“. Aber was ist das für ein Gott, der von einem
Menschen gerechtfertigt werden muß ?
Meine
Schlussfolgerung lautet also: Ja, es gibt ein göttliches Wesen – aber es ist
Gott und Teufel in einer Person – falls
es überhaupt eine Person ist, sondern in Wirklichkeit das Tao. Es liebt die
Menschen nicht, es hasst sie aber auch nicht, und es ist nicht durch irgendein
menschliches Verhalten beeinflussbar. Damit ist eigentlich allen religiösen
Bemühungen der Boden entzogen, soweit sie der Absicht entspringen, durch den
Kontakt mit dem Göttlichen Vorteil für sich selbst herauszuschlagen.
Das steh
ich nun, ich armer Tor, und will nicht glauben, dass Gott meine Gebete erhören
will, sondern dass ihm mit meiner Bettelei höchsten auf den Geist gehen würde.
Ihm müssen die Ohren summen von dieses Schwaden von Gebeten, die wie eine Wolke
von Moskitos von der Erde gen Himmel steigen, und die Gebete müssen wie
Fliegengesumm in Gottes Ohren sein.
Das Paradies gibt es
nicht, aber die Hölle auch nicht
Auf das
Paradies mache ich mir keine Hoffnung, und die Hölle existiert nur für die
Lebenden, nicht für die Toten. Deshalb ist es eine schreckliche Drohung, den
Menschen das ewige Leben zu versprechen.
Aber in
Wirklichkeit muß das Alte, zu dem auch ich schon bald
gehören werde, Platz machen für neue Generationen. Der Mensch wird auch nicht
im ewigen Rad der Wiedergeburt recycelt. Das Alte muß
sterben und vergehen, damit Neues entstehen kann. Was am Alten gut war, lebt im
Neuen fort. Der Rest ist nicht wert, dass es für die Ewigkeit konserviert
werde. Und meine Gegner werden sagen: „Endlich ist der alte Sack tot !“ Und ich selbst werde sagen: „Ich danke Dir da droben
oder da drunten, wer immer auch Du sein magst, dass Du jetzt das Licht
ausknipst und ich meine Ruhe habe. Aber das Leben war toll. Fast hätte ich mich
daran gewöhnt. Jetzt sind die Jungen dran mit den Leiden und den Freuden !“
Die Religion kann
keine Antwort geben, die Wissenschaft aber auch nicht
Die
Religion kann uns keine zutreffende Auskunft über die Welt und die Zukunft der
Welt geben. Ihre Welterklärungen treffen offensichtlich nicht zu. Aber auch die
Wissenschaft kann uns über die Zukunft und über die inneren Zusammenhänge der
Welt nur wenig sagen. Wir müssen uns bescheiden und anerkennen, dass der Mensch
immer viel zu wenig über die Welt wissen wird. Aber wir sollten uns vor denen
„Religionsinhabern“ oder auch den Ideologen hüten, die sich im Besitz der
alleinigen Wahrheit wähnen und uns sagen wollen, was wir zu denken und zu tun
haben.
Ausdruck
der Dualität der Dinge ist auch, dass gerade im Bereich der Religion und der
Spiritualität, das Materielle (sprich: das Geld) eine so wichtige Rolle spielt,
während die am Materiellen orientierten Menschen eigentlich hinter dem
Geistigen her sind.
Wo man den Glauben
austreibt, kommt er durch die Hintertür wieder als Aberglaube herein
Die
Aufklärung hat die christliche Religion immer unglaubwürdiger gemacht. Die
Leute sind heute nur deshalb noch gläubig, weil sie sich mit der christlichen Religion
nicht wirklich auseinandersetzen wollen. Sie sagen sich: „An irgendetwas muß ich ja glauben. Dann glaube ich doch am besten das, was
alle glauben. Es könnte ja wirklich sein, dass wir in die Hölle kommen, wenn
wir schwer sündigen. Da ist es doch besser, eine Art Jenseits-Versicherung
abzuschließen und nicht aus der Kirche auszutreten.“ Hinzu kommt auch, dass die
Kirchgänger eine Art persönliche Loyalität zu ihrem Priester oder Pfarrer
entwickeln. Dieser ist ja oft auch ein anständiger und sympathischer Mensch,
der sich bemüht, Gutes zu tun und den Menschen in ihren Nöten zu helfen.
Je
mehr ich mich in der Esoterik-Szene umsah, desto mehr Sympathie konnte ich für
die etablierte Religion entwickeln. Denn verglichen mit diesem Aberglauben und
meist sogar kriminellen Abzocke und Ausbeutung, ja Unterdrückung, die in der
Sekten- und Esoterikszene fast die Regel ist, ist die christliche Kirche
aufgeklärt, seriös und menschenfreundlich. Die christliche Religion ist wie ein
Grippevirus, an den sich die Menschheit gewöhnt hat, und mit dem sie ganz gut
leben kann. Das Sektenwesen und die Esoterik bringen dagegen immer neue,
gefährliche Viren hervor, gegen die die Menschen, die davon befallen werden,
keine richtigen Abwehrkräfte haben und denen sie leicht zum Opfer fallen.
Ähnlich
ist es im Islam. Hier sind es die Sektierer und Extremisten, die infiziert
werden und eine Gefahr für die Menschheit darstellen.
Man
muß aber sehen, dass der Nährboden, aus dem all diese
religiösen Auswüchse kommen, die althergebrachten religiösen Ideen sind, die in
den Sekten modifiziert werden und zu neuer Virulenz gelangen.
Auf der Spur des bösen
Gottes
Im Jahr
1991 unternahm ich mit meiner Frau Roswitha eine Reise durch Frankreich. Ein
paar Jahre war ich auf die romanische Baukunst gestoßen. Was mich dabei
faszinierte, war weniger die düstere Wucht der dicken Mauern, sondern die in
Stein gemeißelten Fabelwesen und Teufel, die man an romanischen Kirchen findet
– meist im dem Rundbogen (genannt: Tympanon) über dem Eingang oder als dekorativer
Abschluß (genannt Kapitell) oben an den Säulen. Diese
Bildhauerkunst war unbeholfen, archaisch und erinnerte an Ausgrabungen aus dem
alten Orient oder aus Südamerika. Hier war ein kulturelles Erbe verarbeitet,
das in die vorchristliche Zeit zurückreichte.
Später
kaufte ich mir zwei kleine Bücher der Kunsthistorikerin Ingeborg Tetzlaff und
lernte, dass diesen seltsamen Gestalten an den Kirchen eine verborgene und hoch
entwickelte Symbolik innewohnte. Ich merkte auch, dass im Unterschied zur Gotik
und zum Barock die Künstler viel freier und unbefangener ihrer Inspiration
gefolgt waren, ohne durch die Vorgaben des Stils eingeengt zu sein. Jeder
stellte sein Thema dar, wie er es für richtig hielt. Es war eine Pionierzeit,
eine Zeit des Aufbruchs.
Woher kam
dieser seltsame, orientalisch anmutende Stil, der auch der „lombardische“
genannt wurde ? Die Romanik begann etwa zur gleichen
Zeit wie die Kreuzzüge. Das war die Zeit, in der das Abendland in intensiven
Kontakt mit dem Orient trat. Deshalb sind die Fachleute wohl auch der Ansicht,
dass die künstlerischen Impulse, teilweise wohl auch die Künstler selbst, aus
dem Orient kamen. Es gab nicht nur den islamischen, sondern auch einen
christlichen Orient: das byzantinische Reich, zu welchem einst auch Ägypten,
Syrien, Armenien, Georgien u.a. gehört hatten, und
die an den Islam verloren gegangen waren. Im Islam ist die bildliche
Darstellung verboten. Hatten die christlichen Bildhauer aus Syrien und Ägypten
in Italien und Frankreich auf der Flucht vor dem Islam eine neue Heimat
gefunden und dort die romanischen Plastiken geschaffen ?
In Athen an
der kleinen Metropoliskirche und wohl auch in Syrien und der Türkei (z. B. auf
einer Insel im Wan-See) findet man byzantinische
Kirchen, die ähnliche Steinfiguren aufweisen wie die romanischen Kirchen im
Abendland, allerdings in einem etwas anderen Stil. Das legt nahe, dass der
romanische Skulpturenschmuck ein Stück alter Orient ist, der in den uralten
Kirchen des christlichen Abendlandes überlebt hat. Und dort, so scheint es,
haben auch die Götter und Dämonen des alten Orients überlebt. Das war für mich
eine faszinierende Entdeckung.
Die alten Götter waren
Tierdämonen, die neuen Götter Übermenschen
Warum hatte
man diesen Geschöpfen des Teufels in den christlichen Kirchen ein Bleiberecht
eingeräumt – auch wenn sie die Rolle des hässlichen Unterlegenen übernehmen mussten ? Vielleicht deswegen, weil sie in der Volksseele
irgendwie ein geheimes unterirdisches Leben weiterführten ? Die romanischen
Dämonen haben oft Tiergestalt. Das Tier wurde als göttlich verehrt, und auch
die Götter hatten in ihrem Aussehen tierische Relikte, wie wir an Dionysos
sehen, dessen pferdefüßige und bockshörige Gestalt dem christlichen Teufel
zugeordnet wurde. Erst die Götter des griechischen Olymps leugneten ihre
tierische Abstammung und verkörperten das überirdische und unsterbliche Abbild,
das sich der Mensch von sich selbst machte. Aber der griechische Mensch sah
nicht hinunter auf seinen eigenen Urgrund, als er sich sagte: „Warum soll ich noch
die Natur anbeten, die doch vom Menschen unterworfen wurde ?“
Die Natur war zwar noch manchmal furchterregend und unberechenbar, aber viel
furchterregender und unberechenbarer war der Mensch selbst. Er selbst war es,
dar sich zur rätselhaften Sphinx und zum Todesdämon geworden war.
Die kleinen Engel und
die kleinen Teufel von Foix
Ich reiste
also mit meiner Frau durch Frankreich und war auf der Spur des bösen Gottes.
Über Burgund (Vezelay, Autun)
gelangte ich in das Land der Katharer im Vorfeld der
Pyrenäen, sah Montsegur, St. Sernin
in Toulouse, die romanischen Kirchen in den Pyrenäen und kam schließlich nach Foix, wo einer der Verteidiger des Katharertums,
der Graf von Foix, seine Burg hatte. In der
romanischen Kirche von Foix sah ich auf den Kapitellen
kleine Engel und kleine Teufel friedlich vereint nebeneinander. Was sollte das heißen ? Hatten Sie vielleicht einen gemeinsamen Herren ? War dieser Herr der Gott der Katharer?
Das muß man verneinen. Die Katharer
waren eine Sekte in der Tradition der Gnosis und des Religionsstifters Mani. Ihr Weltbild war dualistisch: Auf der einen Seite gab
des den guten Gott (die Franzosen sagen: Bon dieu)
und auf der anderen Seite den bösen Gott, welcher der Herr über die Welt war.
Aber sie glaubten nicht an die Identität dieser beiden Götter. Das Weltbild der
Katharer war manichäisch.
Ein Weltbild, in welchem Gott und Satan identisch sind, wäre dagegen „dualer
Universalismus“ oder so ähnlich zu nennen.
Aber die Katharer räumten anscheinend dem Satan mehr Macht und
Bedeutung ein als die Christen ihrem Satan. Für sie waren Gott und Satan, um
ein Modewort zu gebrauchen: mehr auf Augenhöhe miteinander. Der Satan war der
Herr der Welt, ein böser Dämon, der die Menschen in seinem Höllenrachen, der „grand gouffre“ zu verschlingen
drohte. Der gute Gott dagegen herrschte nur im Himmel und im Paradies.
Die
romanischen Portale (z. B. das von Conques) stellten Christus
als den triumphierenden Gottkönig dar, der auf seinem Thron sitzend, umgeben
von Engelschören und Aposteln, das jüngste Gericht abhielt. Das war die Antwort
des Christentums auf das Katharertum. Da war nichts
zu sehen von wegen „Gott und Satan fast gleich mächtig“.
In Albi errichtet das siegreiche Christentum eine Kirche wie
ein uneinnehmbare Burg, in deren Inneren in einem riesigen Fresko, einer
Darstellung des jüngsten Gerichts, den Triumph Christi über die Welt des
Satans.
Das Fresco von Torcello
Auf der
Insel Torcello in der Lagune von Venedig
gibt es eine Basilika, die im Jahr 1008 von Orseolo
erbaut wurde. Im 12. und 13. Jahrhundert wurde die gesamte hintere Wand der
Kirche mit einem riesigen Mosaik im venezianisch-byzantinischen Stil versehen. Es stellt das Jüngste Gericht dar. Unter dem
Gottvater sieht man Jesus als Weltenrichter in einer Mandorla, einem
Ganzkörper-Heiligenschein – eine Darstellungsweise, wie sie in der romanischen
Kunst weit verbreitet ist. Einmalig ist aber, dass am unteren Ende der Mandorla
Christi ein Feuerstrom beginnt, der Jesus mit der Hölle verbindet. In der Hölle
sitzt Luzifer, der den Antichrist auf dem Schoß hält. In der Hölle sind auch
zwei Engel, quasi als Gastarbeiter, welche die Verdammten in die Flammen treiben.
Man
glaubte also, zwischen Christus und Luzifer bestehe eine Beziehung auf der
Basis der Arbeitsteilung. Christus ist der erhabene Richter, Luzifer vollzieht
die Strafe.
Die
Kirche von Foix und das Fresco von Torcello hatten
mich nachdenklich werden lassen. Aber ich brauchte noch Jahre, um zu erkennen,
welches ihre Botschaft ist: Gott und der Teufel sind die zwei Seiten der
gleichen Medallie.
Die Frage
nach dem Leiden stellte sich in der Gotik erneut
Die romanische Kunst hat zwar auch den leidenden Christus am Holzkreuz
dargestellt. Aber viel öfter sieht man ihn als triumphierenden Weltenrichter.
In der Gotik sieht man dagegen Jesus bevorzugt in der Rolle des Gekreuzigten,
oder des Kreuzträgers mit der Dornenkrone. Überhaupt wandte sich das Interesse
der Künstler dem Leiden zu. Die Flut der Bilder, welche gepeinigte Märtyrer
zeigte, wuchs ins Uferlose. Ich schließe daraus, dass die Menschen sich in der
Gotik viel mit dem Leiden beschäftigten und bei der Kirche Trost suchten.
Die Frage, die sich nun nach dem Sieg über den Katharismus
stellte, war: Warum muß der Mensch immer noch so viel
leiden, wenn der Satan doch eigentlich nur ein kleiner und häßlicher
Dämon ist ? Die Kirche konnte keine Antwort gaben,
aber einen Trost: „Seht her, nicht nur ihr leidet, sondern Jesus und die
Heiligen litten noch viel mehr.“
In der
Renaissance machte sich der Mensch selbst zum Gott
In der Renaissance entdeckte die Oberschicht die griechische Antike
neu. Der alte christliche Orient verlor an Bedeutung. Man glaube nicht mehr an
den Gott der Juden. Aber, wie das so ist, man glaubte wieder an Zauberei und
Magie. Und man glaubte, dass der Mensch sein eigener Herr sein kann, vor allem
wenn er Landesfürst ist. In der Renaissance wurden schon die Grundlagen für den
Absolutismus gelegt.
Die Kunst verewigte die Päpste, Könige, Fürsten und Bischöfe in
prächtigen Statuen auf prunkvollen Gräbern. Das Leiden war etwas für Volk, und
das Volk interessierte nicht.
Aber Hochmut kommt vor den Fall. Luther entdeckte den Satan wieder neu
und setzte ihn auf die Menschheit an, die ihn jetzt wieder fürchten lernte und
sich durch Buße und Wohlverhalten einen Platz im Himmel zu erkaufen suchte.
Aber das wichtigste war der Glaube. Nur wer glaubte, konnte erlöst werden.
Im Barock
machte sich die katholische Kirche zur Verwalterin der göttlichen Kraft und
Herrlichkeit
Mit Luthers Reformation war die christliche Welt in zwei
Hälften zerfallen: Hier die Asketen, Büßer, Puritaner und Bibelgläubige, dort
die Herrscher über die göttliche Kraft und Herrlichkeit, die verschwenderisch
aus dem Vollen schöpften. Die Kirchen wurden mit nie gekannter Pracht
ausgestattet, mit Marmor und mit Gold – aber beides war meist nur auf
wurmstichiges Holz gemalt. Alles war aufgebläht, nicht echt, im Grunde schon krank.
Der Barock entdeckte den Engel neu, bevorzugt in Gestalt der Putte, des
unschuldigen Kindes, das direkt in den Himmel gelangt war. Das Dämonische, wenn
es überhaupt dargestellt wurde, war eindeutig als das Unterlegene erkennbar.
Typisch ist ein heiliger Sankt Georg, der auf einem etwa schafsgroßen Drachen
steht und der bemitleidenswerten Kreatur unerbittlich die Lanze in den Leib
bohrt. „Ja“, so die Botschaft, „es gibt das Böse noch. Aber es verblasst vor
Gottes Macht und Herrlichkeit.“
Die Aufklärung schafft den Teufel ab. Und Gott gleich mit dazu
Für die Aufklärung war Gott ein abstraktes
philosophisches Prinzip. Man sah, wie Aristoteles, Gott als „Ersten Beweger, also das, was am Beginn einer Kausalkette steht.
Was sollte man als aufgeklärter Mensch glauben ? Das,
was die „infame“ (Voltaire) Kirche verbreitete, kam nicht in Frage. Aber an die
alten griechischen Götter konnte man auch schlecht glauben. Das
Bildungsbürgertum entdeckte Buddhismus und Hinduismus, auch Konfuzius und Lao Tse. Madame Blavatsky bereitete dann in „Isis
unveiled“ diese orientalischen Religionen und
Aberglauben für das breitere Publikum auf und nannte das ganze „Theosophie“.
Man war aufgeklärt, aber irgendwie glaubte man doch an Magie, Wunder,
Seelenwanderung und Spiritismus.
An den Teufel wollte man auch nicht glauben,
eher schon an Dionysos, der Ekstasen und Orgien verhieß.
Die Moderne glaubte: das Materielle und das Sinnliche sind der
Sinn des Lebens
„Gott ist tot“, verkündete Nietzsche. Die Kosmiker um Klages, Schuler, Wolfskehl
und George sagten: Gott lebt, aber er heißt eigentlich Dionysos und er bringt
das wahre Leben, das man aber nur im selbstvergessenen Sinnenrausch erfahren
kann. Marx sagte: „Das, was wirklich zählt, ist der Gegensatz zwischen Kapitalisten
und Proletariat. Das Proletariat ist das auserwählte Volk, das dereinst über
die Welt herrschen und richten wird. Das Paradies liegt nicht im Jenseits,
sondern im Diesseits, und kann auf Erden verwirklicht werden.
Was sollte man also glauben ?
Die Intellektuellen sagten mit Sartre und Camus: „Die Welt ist absurd.“ Die
meisten Leute zogen es aber vor, an das zu glauben, was sie schon immer
geglaubt hatten: An die Lehren der Kirche. Aber die nahm man nicht mehr sehr
ernst.
Woran glaubte die Moderne wirklich
? An den schönen und edlen Menschen und an die Lust, welche die Ewigkeit
will. Schauen wir uns in dem Fotobuch Isolde Ohlbaum
(„Alle Lust will Ewigkeit)“ die Skulpturen der erotischen Grabengel und
Liebespaare auf den europäischen Friedhöfen aus der Zeit vor dem ersten
Weltkrieg an. Dort sieht man, was die christliche Kunst vermissen ließ: die
vollendeten Körper der Frauen oder der Paare in Umarmung. Da wurde radikal mit
der kirchlichen Prüderie und dem Puritanismus gebrochen. Da wird einem auch klar,
wie weit der Islam mit seinen verschleierten Frauen von der Moderne entfernt
ist. Aber dieser Rausch der Schönheit und der Erotik (ausgerechnet auf dem Friedhof !) währte nur kurz; aber vielleicht war die Belle
Epoque der etwas kitschige Höhepunkt unserer abendländischen Kunst – was die
Zahl und die handwerklich-künstlerische Qualität der Werke anbelangt.
Moderne, das heißt: Das Sinnliche ist der Sinn.
Nicht Gott oder die Pflicht oder die Liebe. Einfach nur das Sinnliche, die
Sinnenfreude, der Spaß. Ist Gott gut oder böse ? Uns
ist es egal.