Gott und Satan sind identisch,

deshalb ist die Summe allen menschlichen Leidens konstant

von Richard Beiderbeck,    www.koinae.de     

 

 

Man kann die Welt nicht verbessern, sondern nur verändern

 

Die Summe der Leiden aller Lebewesen auf dieser Welt bleibt stets konstant – egal welche Anstrengungen man unternimmt, den Lebewesen Leiden zu ersparen – oder, wenn man ein Teufel wäre: ihnen Leiden zuzufügen. Zwar kann der einzelne Mensch oder eine Gruppe von Menschen, oder eine soziale Schicht oder eine Nation ihr Schicksal durch Fleiß, glückliche Umstände oder auch durch Gewalt und Verbrechen zum eigenen Vorteil verändern, aber dies geschieht stets auf Kosten anderer Menschen oder allgemeiner, Lebewesen. Die Summe von Positivem und Negativem ist immer Null. Die Welt ist ein Nullsummenspiel.

 

Jeder, der die Welt unvoreingenommen betrachtet, wird dies bestätigen: Die Reichen werden zwar immer reicher, aber die Armen immer ärmer. Der technische Fortschritt hat den Industrienationen zwar Wohlstand und Befreiung aus der alltägliche Not gebracht, aber er hat weite Teile der Welt in Armut, Hunger und Krieg gestürzt. Das - ach so fortschrittliche - 20.Jahrhundert hat mit Stalin, Hitler und Mao ein derartiges Maß an Grausamkeit und Barbarei gebracht, dass man ernsthaft daran zweifeln muß, ob die Humanität je einen endgültigen Sieg über die Bestialität erringen wird.

 

Die Entwicklungshilfe hat dazu geführt, dass immer weniger Babys an Krankheiten starben - aber als diese Babys erwachsen waren, hatten sie nichts zu essen. Die Entwicklungshilfe hilft nur allzu oft dazu, die lokalen Machteliten mit Geld und Waffen zu versorgen, was ihnen erlaubt, neue Kriege zu führen.

 

Nun wird jeder Weltverbesserer sagen: „Da läuft etwas furchtbar verkehrt. Wir müssen das ändern !“ Dem kann ich nur zustimmen. Aber ich bezweifele, ob das Elend überhaupt grundsätzliche aus der Welt geschafft werden kann und vermute, dass die Not der Kreatur schon von Anfang an in dieser Welt vorgesehen war. Die Beobachtung der Menschheitsgeschichte zeigt, dass sich trotz Jesus, Buddha und Mohammed die Welt nicht zum besseren gewandelt hat, und inzwischen bin ich geneigt zu sagen: „Auch Jesus, Buddha und Mohammed hatten ihren Anteil daran, dass die Welt in einem so schlechten Zustand ist.“

 

Der gute Gott ist der böse Gott, der böse Gott ist der gute Gott: Gott ist eine duale Einheit

 

Wenn es einen Gott gibt, wie kann er das zulassen ? Ist er vielleicht sogar die Ursache all dieses Elends ? Dies ist die beständige Frage aller Christen, die mit dem Leid konfrontiert werden. Neulich sagte ein Pfarrer im Wort zum Sonntag ungefähr folgendes: „Ich als Pfarrer kann auch nicht verstehen, dass es so viel Leid gibt.“ Aber er hatte keine Lösung anzubieten, sondern blieb ratlos.

 

Ottfried Fischer in seiner Rolle als Pfarrer Braun sagte: „Wir können den Teufel nicht abschaffen, sonst wäre Gott ja für das Böse verantwortlich.“

 

Es hat sich für die Verbreitung des Christentums als vorteilhaft erwiesen, Gott als den gütigen, menschenfreundlichen Gott darzustellen. Wenn man aber genauer hinsieht, ist Gott nur gütig zu denen, die an ihn glauben. Die Ungläubigen müssen für die Verfehlungen, die sie in der kurzen Spanne ihres Lebens begangen haben, bis in Ewigkeit in der Hölle leiden. Aber, so fügt der selbstgerecht Christ im Stillen hinzu, „das geschieht ihnen recht, denn sie haben gesündigt.“

Was ist Sünde ? Das lernen wir im Konfirmationsunterricht: „Sünde ist Ungehorsam gegen Gott.“ Die größte Sünde ist es, sich der Religion nicht zu unterwerfen. Wer sich nicht unterwirft, meinte die Kirche, ist ein Ketzer und hat den Scheiterhaufen verdient. All das ist vorbei – aber es ist nicht das Verdienst der Kirche, sondern mutiger und aufgeklärter Menschen, die mit dem Wahnsinn ein Ende machten.

 

Verräterisch ist das Wort „Islam“. Es bedeutet „Unterwerfung unter Gott“. Man unterwirft sich natürlich lieber einem gnädigen und menschenfreundlichen Gott. Deshalb wird Gott in Christentum und Islam als der „liebe Gott“ dargestellt. Wer würde sich schon gerne einem menschenmordenden Dämon unterwerfen ? Höchstens die Satanisten – und selbst die nicht, denn sie halten sich für Magier, die mit dem Teufel auf Augenhöhe stehen, mehr noch, ihn manipulieren können. Und sie glauben, dass auf ihn mehr Verlaß ist als auf den lieben Gott. Sie hoffen, man könne mit dem Satan Geschäfte auf Gegenseitigkeit machen – nach dem Motto: „Ich opfere dir ein Kaninchen, du erfüllst mir meine Wünsche!“ Und wenn ein Kaninchen nichts bewirkt, dann muß man nach ihrer perversen, atavistischtischen Logik halt einen Menschen opfern. Aber hier liegt er fundamentale Denkfehler aller derer, die beten oder gar opfern: Sie wissen nicht, dass alle Gebete und Opfer umsonst sind und absolut nichts bringen. Wenn sie doch scheinbar etwas bringen, ist das nur Zufall oder Einbildung.

 

Christentum und Islam haben Gott in zwei Hälften gespalten

 

– in Gott und den Satan. Und entsprechend zerfiel die Menschheit in zwei Hälften: Die Anhänger des guten und vollkommenen Gottes und in die Anhänger des Satans, die eigentliche keine Menschen, sondern fremde Teufel waren, die zu massakrieren ein religiöses Verdienst war und den direkten Einzug ins Paradies nach sich zog. Von der Religiosität zur Bestialität ist es oft nur ein Schritt. In den drei monotheistischen Religionen geht es viel mehr um die Ansprüche Gottes (sprich: dessen selbsternannten Statthalter auf Erden) als um die Ansprüche, Bedürfnisse und Rechte des Menschen.

 

Da ja der Satan nicht gleichwertig mit Gott sein darf, war es konsequent, ihn zum unerwünschten Gegenspieler zu degradieren, der schließlich am Ende aller Tage in einen Feuersee geworfen und vernichtet wird. Dann wird angeblich eine neue Schöpfung entstehen, in der es nichts Negatives mehr gibt. Dieser Wunsch nach einer paradiesischen Welt ist verständlich und nachvollziehbar – und jeder Weltverbesserer und jeder gläubige Christ oder Moslem träumt davon. Aber es ist reines Wunschdenken, das nichts mit der realen Welt und mit der realen Zukunft zu tun hat.

 

Die Wahrheit ist, dass Jahwe ursprünglich ein semitischer Kriegsgott (der „Herr der Heerscharen“) war, der seine Anhänger zu Mord und Krieg ermunterte. Jeder kann sich von diesem Charakter Jahwes im alten Testament überzeugen. Jahwe ähnelt weit mehr einem Satan als dem lieben Gott – das stellte schon der „Erzketzer“ Marcion fest. Aber die Zeiten und die Israeliten wurden immer zivilisierter – und so auch ihr Gott, der in immer lichtere Höhen aufstieg. So hoch über die olympischen Götter hinaus, so abgehoben von allem Irdischen, dass er einen Sohn haben musste, der sich um die leidenden Menschheit kümmerte. Ein gewisser Jesus aus Nazareth in der Sekte von Johannes dem Täufer bekam einen Gottkönigkomplex und übernahm in dankenswerter Weise die Rolle des Gottessohnes, der am Schluß massakriert wird und durch sein Opfer die Welt rettet.

Aber die Welt braucht keinen Retter, weil die Retter meist mehr Unheil anrichten als sie Gutes tun. Im Geiste Christi hat das Abendland Afrika und Amerika „gerettet“. Noch so eine Rettung, und die Welt ist endgültig ruiniert.

 

Die Lehren des Jesus waren in theologischer Hinsicht nicht sehr ergiebig. Er sprach in Gleichnissen, tat Wunder und verkündete das Reich Gottes – das nie kam. Aber der Apostel Paulus, der Jesus nicht persönlich kannte und sich weder um die Person Jesu noch um seine Lehre groß kümmerte, schuf seine eigene Religion, und nannte sie Christentum.

 

Die Geschichte der Menschheit - speziell auch die Geschichte der Juden – lässt hingegen nur einen Schluß zu: Gott ist gnädig und grausam in einem. Wenn man den Holokaust und die vielen Kriege betrachtet, kann man nur schließen: Gott liebt die Menschen nicht. Gott ist mindestens genauso sehr ein böser Gott wie ein guter Gott. Das ist vielleicht die Lebenslüge des Christentums, dass es behauptet: Gott ist nur gut, er ist die reine Liebe, und Ende aller Zeiten wird alles gut – zumindest für die, die an das Christentum glauben.

 

Alle Gebete und alle Opfer sind vergebens

 

Was die Wirksamkeit der Gebete und Opfer anbelangt, durch die der Mensch die göttliche Kraft zum eigenen Nutzen zu beeinflussen versucht, so kann hier der objektive Beobachter nur konstatieren: Eine Beeinflussbarkeit Gottes ist nicht nachweisbar. Jedem Beispiel, das dies zu belegen scheint, stehen zehn andere gegenüber, die das Gegenteil beweisen. Da kommt der Christ ins Grübeln und fragt sich, warum sich sein Gott so hartnäckig weigert, dem Guten zum Sieg zu verhelfen. Und der Christ muß seinen Gott vor sich selbst und vor andern rechtfertigen. Das theologische Fachwort heißt „Theodizee“. Aber was ist das für ein Gott, der von einem Menschen gerechtfertigt werden muß ?

 

Meine Schlussfolgerung lautet also: Ja, es gibt ein göttliches Wesen – aber es ist Gott und Teufel in einer Person  – falls es überhaupt eine Person ist, sondern in Wirklichkeit das Tao. Es liebt die Menschen nicht, es hasst sie aber auch nicht, und es ist nicht durch irgendein menschliches Verhalten beeinflussbar. Damit ist eigentlich allen religiösen Bemühungen der Boden entzogen, soweit sie der Absicht entspringen, durch den Kontakt mit dem Göttlichen Vorteil für sich selbst herauszuschlagen.

 

Das steh ich nun, ich armer Tor, und will nicht glauben, dass Gott meine Gebete erhören will, sondern dass ihm mit meiner Bettelei höchsten auf den Geist gehen würde. Ihm müssen die Ohren summen von dieses Schwaden von Gebeten, die wie eine Wolke von Moskitos von der Erde gen Himmel steigen, und die Gebete müssen wie Fliegengesumm in Gottes Ohren sein.

 

Das Paradies gibt es nicht, aber die Hölle auch nicht

 

Auf das Paradies mache ich mir keine Hoffnung, und die Hölle existiert nur für die Lebenden, nicht für die Toten. Deshalb ist es eine schreckliche Drohung, den Menschen das ewige Leben zu versprechen.

Aber in Wirklichkeit muß das Alte, zu dem auch ich schon bald gehören werde, Platz machen für neue Generationen. Der Mensch wird auch nicht im ewigen Rad der Wiedergeburt recycelt. Das Alte muß sterben und vergehen, damit Neues entstehen kann. Was am Alten gut war, lebt im Neuen fort. Der Rest ist nicht wert, dass es für die Ewigkeit konserviert werde. Und meine Gegner werden sagen: „Endlich ist der alte Sack tot !“ Und ich selbst werde sagen: „Ich danke Dir da droben oder da drunten, wer immer auch Du sein magst, dass Du jetzt das Licht ausknipst und ich meine Ruhe habe. Aber das Leben war toll. Fast hätte ich mich daran gewöhnt. Jetzt sind die Jungen dran mit den Leiden und den Freuden !“

 

Die Religion kann keine Antwort geben, die Wissenschaft aber auch nicht

 

Die Religion kann uns keine zutreffende Auskunft über die Welt und die Zukunft der Welt geben. Ihre Welterklärungen treffen offensichtlich nicht zu. Aber auch die Wissenschaft kann uns über die Zukunft und über die inneren Zusammenhänge der Welt nur wenig sagen. Wir müssen uns bescheiden und anerkennen, dass der Mensch immer viel zu wenig über die Welt wissen wird. Aber wir sollten uns vor denen „Religionsinhabern“ oder auch den Ideologen hüten, die sich im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnen und uns sagen wollen, was wir zu denken und zu tun haben.

 

Ausdruck der Dualität der Dinge ist auch, dass gerade im Bereich der Religion und der Spiritualität, das Materielle (sprich: das Geld) eine so wichtige Rolle spielt, während die am Materiellen orientierten Menschen eigentlich hinter dem Geistigen her sind.

 

Wo man den Glauben austreibt, kommt er durch die Hintertür wieder als Aberglaube herein

 

Die Aufklärung hat die christliche Religion immer unglaubwürdiger gemacht. Die Leute sind heute nur deshalb noch gläubig, weil sie sich mit der christlichen Religion nicht wirklich auseinandersetzen wollen. Sie sagen sich: „An irgendetwas muß ich ja glauben. Dann glaube ich doch am besten das, was alle glauben. Es könnte ja wirklich sein, dass wir in die Hölle kommen, wenn wir schwer sündigen. Da ist es doch besser, eine Art Jenseits-Versicherung abzuschließen und nicht aus der Kirche auszutreten.“ Hinzu kommt auch, dass die Kirchgänger eine Art persönliche Loyalität zu ihrem Priester oder Pfarrer entwickeln. Dieser ist ja oft auch ein anständiger und sympathischer Mensch, der sich bemüht, Gutes zu tun und den Menschen in ihren Nöten zu helfen.

 

Je mehr ich mich in der Esoterik-Szene umsah, desto mehr Sympathie konnte ich für die etablierte Religion entwickeln. Denn verglichen mit diesem Aberglauben und meist sogar kriminellen Abzocke und Ausbeutung, ja Unterdrückung, die in der Sekten- und Esoterikszene fast die Regel ist, ist die christliche Kirche aufgeklärt, seriös und menschenfreundlich. Die christliche Religion ist wie ein Grippevirus, an den sich die Menschheit gewöhnt hat, und mit dem sie ganz gut leben kann. Das Sektenwesen und die Esoterik bringen dagegen immer neue, gefährliche Viren hervor, gegen die die Menschen, die davon befallen werden, keine richtigen Abwehrkräfte haben und denen sie leicht zum Opfer fallen.

 

Ähnlich ist es im Islam. Hier sind es die Sektierer und Extremisten, die infiziert werden und eine Gefahr für die Menschheit darstellen.

 

Man muß aber sehen, dass der Nährboden, aus dem all diese religiösen Auswüchse kommen, die althergebrachten religiösen Ideen sind, die in den Sekten modifiziert werden und zu neuer Virulenz gelangen.

 

Auf der Spur des bösen Gottes

 

Im Jahr 1991 unternahm ich mit meiner Frau Roswitha eine Reise durch Frankreich. Ein paar Jahre war ich auf die romanische Baukunst gestoßen. Was mich dabei faszinierte, war weniger die düstere Wucht der dicken Mauern, sondern die in Stein gemeißelten Fabelwesen und Teufel, die man an romanischen Kirchen findet – meist im dem Rundbogen (genannt: Tympanon) über dem Eingang oder als dekorativer Abschluß (genannt Kapitell) oben an den Säulen. Diese Bildhauerkunst war unbeholfen, archaisch und erinnerte an Ausgrabungen aus dem alten Orient oder aus Südamerika. Hier war ein kulturelles Erbe verarbeitet, das in die vorchristliche Zeit zurückreichte.

 

Später kaufte ich mir zwei kleine Bücher der Kunsthistorikerin Ingeborg Tetzlaff und lernte, dass diesen seltsamen Gestalten an den Kirchen eine verborgene und hoch entwickelte Symbolik innewohnte. Ich merkte auch, dass im Unterschied zur Gotik und zum Barock die Künstler viel freier und unbefangener ihrer Inspiration gefolgt waren, ohne durch die Vorgaben des Stils eingeengt zu sein. Jeder stellte sein Thema dar, wie er es für richtig hielt. Es war eine Pionierzeit, eine Zeit des Aufbruchs.

 

Woher kam dieser seltsame, orientalisch anmutende Stil, der auch der „lombardische“ genannt wurde ? Die Romanik begann etwa zur gleichen Zeit wie die Kreuzzüge. Das war die Zeit, in der das Abendland in intensiven Kontakt mit dem Orient trat. Deshalb sind die Fachleute wohl auch der Ansicht, dass die künstlerischen Impulse, teilweise wohl auch die Künstler selbst, aus dem Orient kamen. Es gab nicht nur den islamischen, sondern auch einen christlichen Orient: das byzantinische Reich, zu welchem einst auch Ägypten, Syrien, Armenien, Georgien u.a. gehört hatten, und die an den Islam verloren gegangen waren. Im Islam ist die bildliche Darstellung verboten. Hatten die christlichen Bildhauer aus Syrien und Ägypten in Italien und Frankreich auf der Flucht vor dem Islam eine neue Heimat gefunden und dort die romanischen Plastiken geschaffen ?

In Athen an der kleinen Metropoliskirche und wohl auch in Syrien und der Türkei (z. B. auf einer Insel im Wan-See) findet man byzantinische Kirchen, die ähnliche Steinfiguren aufweisen wie die romanischen Kirchen im Abendland, allerdings in einem etwas anderen Stil. Das legt nahe, dass der romanische Skulpturenschmuck ein Stück alter Orient ist, der in den uralten Kirchen des christlichen Abendlandes überlebt hat. Und dort, so scheint es, haben auch die Götter und Dämonen des alten Orients überlebt. Das war für mich eine faszinierende Entdeckung.

 

Die alten Götter waren Tierdämonen, die neuen Götter Übermenschen

 

Warum hatte man diesen Geschöpfen des Teufels in den christlichen Kirchen ein Bleiberecht eingeräumt – auch wenn sie die Rolle des hässlichen Unterlegenen übernehmen mussten ? Vielleicht deswegen, weil sie in der Volksseele irgendwie ein geheimes unterirdisches Leben weiterführten ? Die romanischen Dämonen haben oft Tiergestalt. Das Tier wurde als göttlich verehrt, und auch die Götter hatten in ihrem Aussehen tierische Relikte, wie wir an Dionysos sehen, dessen pferdefüßige und bockshörige Gestalt dem christlichen Teufel zugeordnet wurde. Erst die Götter des griechischen Olymps leugneten ihre tierische Abstammung und verkörperten das überirdische und unsterbliche Abbild, das sich der Mensch von sich selbst machte. Aber der griechische Mensch sah nicht hinunter auf seinen eigenen Urgrund, als er sich sagte: „Warum soll ich noch die Natur anbeten, die doch vom Menschen unterworfen wurde ?“ Die Natur war zwar noch manchmal furchterregend und unberechenbar, aber viel furchterregender und unberechenbarer war der Mensch selbst. Er selbst war es, dar sich zur rätselhaften Sphinx und zum Todesdämon geworden war.

 

Die kleinen Engel und die kleinen Teufel von Foix

 

Ich reiste also mit meiner Frau durch Frankreich und war auf der Spur des bösen Gottes. Über Burgund (Vezelay, Autun) gelangte ich in das Land der Katharer im Vorfeld der Pyrenäen, sah Montsegur, St. Sernin in Toulouse, die romanischen Kirchen in den Pyrenäen und kam schließlich nach Foix, wo einer der Verteidiger des Katharertums, der Graf von Foix, seine Burg hatte. In der romanischen Kirche von Foix sah ich auf den Kapitellen kleine Engel und kleine Teufel friedlich vereint nebeneinander. Was sollte das heißen ? Hatten Sie vielleicht einen gemeinsamen Herren ? War dieser Herr der Gott der Katharer?

 

Das muß man verneinen. Die Katharer waren eine Sekte in der Tradition der Gnosis und des Religionsstifters Mani. Ihr Weltbild war dualistisch: Auf der einen Seite gab des den guten Gott (die Franzosen sagen: Bon dieu) und auf der anderen Seite den bösen Gott, welcher der Herr über die Welt war. Aber sie glaubten nicht an die Identität dieser beiden Götter. Das Weltbild der Katharer war manichäisch. Ein Weltbild, in welchem Gott und Satan identisch sind, wäre dagegen „dualer Universalismus“ oder so ähnlich zu nennen.

 

Aber die Katharer räumten anscheinend dem Satan mehr Macht und Bedeutung ein als die Christen ihrem Satan. Für sie waren Gott und Satan, um ein Modewort zu gebrauchen: mehr auf Augenhöhe miteinander. Der Satan war der Herr der Welt, ein böser Dämon, der die Menschen in seinem Höllenrachen, der „grand gouffre“ zu verschlingen drohte. Der gute Gott dagegen herrschte nur im Himmel und im Paradies.

 

Die romanischen Portale (z. B. das von Conques) stellten Christus als den triumphierenden Gottkönig dar, der auf seinem Thron sitzend, umgeben von Engelschören und Aposteln, das jüngste Gericht abhielt. Das war die Antwort des Christentums auf das Katharertum. Da war nichts zu sehen von wegen „Gott und Satan fast gleich mächtig“.

 

In Albi errichtet das siegreiche Christentum eine Kirche wie ein uneinnehmbare Burg, in deren Inneren in einem riesigen Fresko, einer Darstellung des jüngsten Gerichts, den Triumph Christi über die Welt des Satans.

 

Das Fresco von Torcello

 

Auf der Insel Torcello in der Lagune von Venedig  gibt es eine Basilika, die im Jahr 1008 von Orseolo erbaut wurde. Im 12. und 13. Jahrhundert wurde die gesamte hintere Wand der Kirche mit einem riesigen Mosaik im venezianisch-byzantinischen Stil versehen.  Es stellt das Jüngste Gericht dar. Unter dem Gottvater sieht man Jesus als Weltenrichter in einer Mandorla, einem Ganzkörper-Heiligenschein – eine Darstellungsweise, wie sie in der romanischen Kunst weit verbreitet ist. Einmalig ist aber, dass am unteren Ende der Mandorla Christi ein Feuerstrom beginnt, der Jesus mit der Hölle verbindet. In der Hölle sitzt Luzifer, der den Antichrist auf dem Schoß hält. In der Hölle sind auch zwei Engel, quasi als Gastarbeiter, welche die Verdammten in die Flammen treiben.

 

Man glaubte also, zwischen Christus und Luzifer bestehe eine Beziehung auf der Basis der Arbeitsteilung. Christus ist der erhabene Richter, Luzifer vollzieht die Strafe.

 

Die Kirche von Foix und das Fresco von Torcello hatten mich nachdenklich werden lassen. Aber ich brauchte noch Jahre, um zu erkennen, welches ihre Botschaft ist: Gott und der Teufel sind die zwei Seiten der gleichen Medallie.

 

Die Frage nach dem Leiden stellte sich in der Gotik erneut

 

Die romanische Kunst hat zwar auch den leidenden Christus am Holzkreuz dargestellt. Aber viel öfter sieht man ihn als triumphierenden Weltenrichter. In der Gotik sieht man dagegen Jesus bevorzugt in der Rolle des Gekreuzigten, oder des Kreuzträgers mit der Dornenkrone. Überhaupt wandte sich das Interesse der Künstler dem Leiden zu. Die Flut der Bilder, welche gepeinigte Märtyrer zeigte, wuchs ins Uferlose. Ich schließe daraus, dass die Menschen sich in der Gotik viel mit dem Leiden beschäftigten und bei der Kirche Trost suchten.

 

Die Frage, die sich nun nach dem Sieg über den Katharismus stellte, war: Warum muß der Mensch immer noch so viel leiden, wenn der Satan doch eigentlich nur ein kleiner und häßlicher Dämon ist ? Die Kirche konnte keine Antwort gaben, aber einen Trost: „Seht her, nicht nur ihr leidet, sondern Jesus und die Heiligen litten noch viel mehr.“

 

In der Renaissance machte sich der Mensch selbst zum Gott

 

In der Renaissance entdeckte die Oberschicht die griechische Antike neu. Der alte christliche Orient verlor an Bedeutung. Man glaube nicht mehr an den Gott der Juden. Aber, wie das so ist, man glaubte wieder an Zauberei und Magie. Und man glaubte, dass der Mensch sein eigener Herr sein kann, vor allem wenn er Landesfürst ist. In der Renaissance wurden schon die Grundlagen für den Absolutismus gelegt.

Die Kunst verewigte die Päpste, Könige, Fürsten und Bischöfe in prächtigen Statuen auf prunkvollen Gräbern. Das Leiden war etwas für Volk, und das Volk interessierte nicht.

Aber Hochmut kommt vor den Fall. Luther entdeckte den Satan wieder neu und setzte ihn auf die Menschheit an, die ihn jetzt wieder fürchten lernte und sich durch Buße und Wohlverhalten einen Platz im Himmel zu erkaufen suchte. Aber das wichtigste war der Glaube. Nur wer glaubte, konnte erlöst werden.

 

Im Barock machte sich die katholische Kirche zur Verwalterin der göttlichen Kraft und Herrlichkeit

 

Mit Luthers Reformation war die christliche Welt in zwei Hälften zerfallen: Hier die Asketen, Büßer, Puritaner und Bibelgläubige, dort die Herrscher über die göttliche Kraft und Herrlichkeit, die verschwenderisch aus dem Vollen schöpften. Die Kirchen wurden mit nie gekannter Pracht ausgestattet, mit Marmor und mit Gold – aber beides war meist nur auf wurmstichiges Holz gemalt. Alles war aufgebläht, nicht echt, im Grunde schon krank. Der Barock entdeckte den Engel neu, bevorzugt in Gestalt der Putte, des unschuldigen Kindes, das direkt in den Himmel gelangt war. Das Dämonische, wenn es überhaupt dargestellt wurde, war eindeutig als das Unterlegene erkennbar. Typisch ist ein heiliger Sankt Georg, der auf einem etwa schafsgroßen Drachen steht und der bemitleidenswerten Kreatur unerbittlich die Lanze in den Leib bohrt. „Ja“, so die Botschaft, „es gibt das Böse noch. Aber es verblasst vor Gottes Macht und Herrlichkeit.“

 

Die Aufklärung schafft den Teufel ab. Und Gott gleich mit dazu

 

Für die Aufklärung war Gott ein abstraktes philosophisches Prinzip. Man sah, wie Aristoteles, Gott als „Ersten Beweger, also das, was am Beginn einer Kausalkette steht. Was sollte man als aufgeklärter Mensch glauben ? Das, was die „infame“ (Voltaire) Kirche verbreitete, kam nicht in Frage. Aber an die alten griechischen Götter konnte man auch schlecht glauben. Das Bildungsbürgertum entdeckte Buddhismus und Hinduismus, auch Konfuzius und Lao Tse. Madame Blavatsky bereitete dann in „Isis unveiled“ diese orientalischen Religionen und Aberglauben für das breitere Publikum auf und nannte das ganze „Theosophie“. Man war aufgeklärt, aber irgendwie glaubte man doch an Magie, Wunder, Seelenwanderung und Spiritismus.

An den Teufel wollte man auch nicht glauben, eher schon an Dionysos, der Ekstasen und Orgien verhieß.

 

Die Moderne glaubte: das Materielle und das Sinnliche sind der Sinn des Lebens

 

„Gott ist tot“, verkündete Nietzsche. Die Kosmiker um Klages, Schuler, Wolfskehl und George sagten: Gott lebt, aber er heißt eigentlich Dionysos und er bringt das wahre Leben, das man aber nur im selbstvergessenen Sinnenrausch erfahren kann. Marx sagte: „Das, was wirklich zählt, ist der Gegensatz zwischen Kapitalisten und Proletariat. Das Proletariat ist das auserwählte Volk, das dereinst über die Welt herrschen und richten wird. Das Paradies liegt nicht im Jenseits, sondern im Diesseits, und kann auf Erden verwirklicht werden.

 

Was sollte man also glauben ? Die Intellektuellen sagten mit Sartre und Camus: „Die Welt ist absurd.“ Die meisten Leute zogen es aber vor, an das zu glauben, was sie schon immer geglaubt hatten: An die Lehren der Kirche. Aber die nahm man nicht mehr sehr ernst.

 

Woran glaubte die Moderne wirklich ? An den schönen und edlen Menschen und an die Lust, welche die Ewigkeit will. Schauen wir uns in dem Fotobuch Isolde Ohlbaum („Alle Lust will Ewigkeit)“ die Skulpturen der erotischen Grabengel und Liebespaare auf den europäischen Friedhöfen aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg an. Dort sieht man, was die christliche Kunst vermissen ließ: die vollendeten Körper der Frauen oder der Paare in Umarmung. Da wurde radikal mit der kirchlichen Prüderie und dem Puritanismus gebrochen. Da wird einem auch klar, wie weit der Islam mit seinen verschleierten Frauen von der Moderne entfernt ist. Aber dieser Rausch der Schönheit und der Erotik (ausgerechnet auf dem Friedhof !) währte nur kurz; aber vielleicht war die Belle Epoque der etwas kitschige Höhepunkt unserer abendländischen Kunst – was die Zahl und die handwerklich-künstlerische Qualität der Werke anbelangt.

 

Moderne, das heißt: Das Sinnliche ist der Sinn. Nicht Gott oder die Pflicht oder die Liebe. Einfach nur das Sinnliche, die Sinnenfreude, der Spaß. Ist Gott gut oder böse ? Uns ist es egal.