Die humane Mitte
Ein Manifest der
Vernunft
Kontakt:
Wenn ihr fest
im Glauben und fest in Euren Ansichten seid, und keine Lust auf etwas Neues
habe, denn lest nicht weiter.
Wenn ihr Mitläufer und Opportunisten seid, die sich
nach der Mehrheit orientieren, dann lest nicht weiter. Aber wenn ihr Querdenker und Zweifler seid, die nichts für
gegeben und selbstverständlich hinnehmen, dann lest weiter. Ich hab
Neuigkeiten:
Hört ihr
Weltverbesserer und mit Schuldgefühlen Beladene:
Wenn man alle
Folgen einbezieht, dann kann niemand durch Worte und Taten bewirken, dass es
weniger Leid und mehr Glück im Universum gibt, denn die Summe aller Freuden und
Leiden bleibt, global betrachtet, immer gleich.
Kein Gandhi
und kein Albert Schweitzer hat die Welt
als Ganzes besser gemacht, und kein Hitler und kein Stalin hat die Welt
als Ganzes schlechter gemacht. Es gibt keine Schuld und kein Verdienst des
Menschen, und keiner wird von Gott weder im Diesseits noch im Jenseits für
seine guten und schlechten Taten belohnt bzw. bestraft. Gott ist gegenüber
seinen Geschöpfen gleichmütig. Daß Gott gnädig und
voll Erbarmen ist, entspringt dem Wunschdenken der Gläubigen, das durch jede
Tragödie täglich aufs neue widerlegt wird. Liebe macht
blind; der Glaube auch, denn beide sind miteinander verwandt. Habt ihr schon
einmal gehört, wie ein junges Mädchen von Jesus geschwärmt hat
? Ihre Liebe und ihre Gefühle müssen irgendwo hin – da warf sie sie auf
Jesus, den idealen Mann. „Jesus erwidert meine Liebe“, sagt sie, Jesus liebt
auch dich.“ Das ist alles wunderbar – aber leider ist es nicht wahr. Jesus kann
Dich nicht lieben, denn er ist seit fast 2000 Jahren tot.
Alles, was
der Mensch tut, hat nicht nur gute, sondern auch schlechte Folgen, und beides
hält sich auf ewig die Waage. Du rettest ein Kind vor dem Hungertod, aber es
nimmt anderen Menschen die Nahrung und Ressourcen weg oder tötet gar einen
anderen. Eine schöne Frau stirbt in jungen Jahren, aber sie hätte vielleicht
einen Sohn geboren, der viele Menschen unglücklich gemacht hätte.
Hört ihr gläubigen Beter:
Ja, es gibt
einen Gott. Aber er ist durch Gebete, Opfer und Lobgesänge, durch Wallfahrten
und Wohlverhalten, durch Gelübde und gute Taten, durch magische Rituale und
magische Worte nicht zu beeinflussen. All Eure Versuche, Gott zu
manipulieren, ihn für Eure Zwecke nutzbar zu machen, sind sinnlos und ohne
Erfolg. Gott ist auch keine Person, zu der man irgendeine persönliche Beziehung
aufbauen kann. Eure Bettelei, eurer Egoismus, der auf Belohnung hofft, Eure
Furcht vor der Bestrafung – all dies ist ohne realen Grund, denn das Göttliche,
das Tao, entzieht sich jedem Kontakt, jeder Beschreibung und jeder
Beeinflussung. Das Tao ist weder gut noch böse, oder alles in einem.
Als die Menschen begannen, zu beten und Gott
durch laute Lobgesänge zu preisen, hallte der Himmel schon bald von diesem Lärm
wieder. Gott erwachte aus seinem Mittagschlaf und rief: „So eine Unverschämtheit ! Wer stört hier die himmlische Ruhe ?“ Und nach einer kleinen Denkpause fügte er hinzu:
„Was wollen diese Leute eigentlich ? Soll ich in den
göttlichen Plan eingreifen, um ihn nach ihren Wünschen zu ändern
? Soll ich für sie Wunder vollbringen und meine eigenen Naturgesetze aufheben ?“
Er rief den Erzengel Michael zu sich und
sagte: „Ich verfüge hiermit, dass Gottesbelästiger ab
sofort lebenslang in die Unterwelt verbannt werden.“ Und er leitete den Lärm
der Gebete und Lobgesänge in die Hölle um.
Bald schon erfüllte der Lärm der Beter die
gesamte Unterwelt und der Teufel rief: „Das ist ja hier die Hölle
! Er rief den obersten Bau-Teufel zu sich und beauftragte ihn: „Bau in
meinen Palast Lärmschutzfenster ein ! Mir ist es
überaus lästig, dass man zu mir betet.“
Dann griff der Teufel zum roten Telefon und
rief bei Gott an: „Die Umleitung der Gebete und Lobpreisungen in meinen
idyllischen Ort war ein überaus unfreundlicher Akt. Ich möchte hiermit in aller
Form protestieren.“
Gott antwortete: „Leider muß
ich Dir mitteilen, dass ich soeben verfügt habe, dass alle Beter und Lobhudeler lebenslang in Dein Reich verbannt werden.
Außerdem habe ich ihnen als Verschärfung der Strafe das ewige Leben geschenkt.“
Von da an herrschte zwischen Gott und dem
Teufel eine erbitterte Feindschaft.
Nachdem im Himmel wieder himmlische Ruhe
herrschte, wurde es Gott langweilig und er sagte zum diensthabenden Engel:
„Bring mir doch ein paar Atheisten. Ich möchte mit ihnen darüber diskutieren,
ob es mich wirklich gibt“. Und Gott amüsierte sich bei dieser Diskussion so
köstlich, dass er beschloss, nur noch Atheisten, Agnostiker, Marxisten,
Sozialisten und Anhänger der Lehre von Laotse in den Himmel aufzunehmen. „Die
lassen mich wenigstens in Ruhe !“ begründete er diesen
Schritt.
Auch der Teufel hatte in seinem schalldichten
Palast schon bald Langeweile, und er sagte dem diensthabenden Teufel: „Bring
mir doch ein paar Päpste. Wir werden uns ein paar romantische Liebesfilme
anschauen und anschließend über das Zöllibat
diskutieren.“
Und der Teufel amüsierte sich köstlich und
verfügte, dass er von nun an immer ein paar Päpste um sich haben wollte.
Gott schreibt
keine Heiligen Bücher und sendet keine Botschaften
Wenn jemand
sagt, er glaube daran, dass die Worte Gottes in einem heiligen Buch
niedergelegt seien, dann sei Dir bewusst, dass hier jemand versucht, Dich zum Narren und zum gehorsamen
Diener zu machen. Sei Dir bewusst, dass dies ein Angriff auf Deine Freiheit,
Deine Würde, Deinen inneren Frieden und nicht zuletzt auf Deinen Geldbeutel
ist. Vor Dir steht entweder ein naiver Mensch, der es noch nicht geschafft hat,
erwachsen zu werden, oder aber er ist ein gerissener Religionsprofiteur,
der seinen Machtwillen und seinen Egoismus geschickt vor sich und anderen verbirgt.
Er versucht nämlich, sich auf Gott berufend, Dir Vorschriften zu machen, was Du
tun sollst, sich in Dein intimes Leben einzumischen und Dir die Lebensfreude
durch Drohungen mit der Strafe Gottes zu rauben.
Er wird auch einen
süßen Köder auswerfen und sagen, dass Gott Wunder vollbringt und Deine Gebete
erhört, wenn Du nur fest an ihn glaubst und seine Gebote hältst. Aber es geht
ihm nicht um Deinen Nutzen, sondern um seinen eigenen. Die Religion ist für ihn
eine Möglichkeit, zu Ansehen und Respekt zu kommen und eine gehobene soziale
Position einzunehmen. Seine Religion gestattet ihm, immer recht zu haben und
selbst Menschen, die älter und wissender sind als er, zurechtzuweisen und ihnen
zu sagen, was sie tun sollen. Er meint, die ganze Welt zu verstehen, weil er in
einem heiligen Buch gelesen hat. Aber wenn du nur einen Hammer hast, ist alles
für dich ein Nagel.
Diese selbst
ernannten Verkünder des Göttlichen Willens glauben zu wissen, was Gott denkt
und will. Sie erzählen Geschichten von Wundern und von Heiligen und können
womöglich ihre heiligen Texte auswendig hersagen. Aber ihr Wissen ist ein
Pseudowissen, das nichts über die Wahrheit aussagt, sondern nur ein Stück
Literatur ist, eine Erfindung, ein Märchen. Sie wissen nichts über Gott und das
Jenseits, weil beide für Menschen unerforschbar sind. Ihre Garanten der
Wahrheit („Jesus ist der Garant der Wahrheit !“), ihre
Propheten sind schon lange tot. Moses, Jesus und Mohammed haben kein einziges
selbst geschriebenes Wort hinterlassen.
Alles, was sie sagten und taten, wurde erst später aufgezeichnet und noch
später zu heiligen Büchern zusammengefasst– oft von Menschen, die sie gar nicht mehr persönlich kannten. Auch
Paulus hat Jesus nie persönlich gesehen. Auf der Straße nach Damaskus hatte er eine Vision,
auf deutsch: einen Traum. Durch Hunger, Schlagentzug
und religiöse Hysterie ausgelöste Halluzinationen waren es auch, in welchen
Gott oder ein Engel den großen Religionsstiftern und Propheten erschien. Sie
hielten sich auserwählt, im Auftrag Gottes zu handeln, aber sie litten nur an
einer Psychose.
Schon vor den
großen Religionsstiftern gab es natürlich Religion. Der Kern jeder Religion ist
der Versuch des Menschen, die göttlichen Kräfte zu beeinflussen und zu nutzen.
Aber dies erfordert Opfer und Anstrengungen, so glaubte man. Umgekehrt waren
die Götter und Dämonen auf die Opfer angewiesen. Die Götter und ihre Anhänger
hatten quasi einen Bund geschlossen. All dies hat sich im Heiligen Abendmahl
und in der Vorstellung, dass Jesus geopfert wird, erhalten. Überhaupt ist der
Katholizismus eine Religion, die viele andere Religionen in sich aufgenommen
hat und sich trotz aller Dogmen immer wieder neu erfindet.
Die Transsubstantiation
Gott sprach zu Jesus: „Du hast so dunkle Ringe
unter den Augen und Du bist so blass. Geht es Dir nicht gut
?“
„Nein“ sagte Jesus, „es ist er Transsubstantiations-Stress !“Beim Heiligen Abendmahl
sprechen die Priester folgende Formel, während sie die Oblaten in meinen Leib
und den Wein in mein Blut verwandeln:
‚Nehmet, esset, dies ist mein Leib, der für Euch gebrochen wird. Nehmet, trinket,
dies ist mein Blut, das für Euch vergossen wird.’ Und mit Hilfe dieses
Hokuspokus („Hoc est corpus
meus – dies ist mein Leib“) muß
ich dann erscheinen und mich in Wein und Oblaten verwandeln.“
Gott sagte: „Also so ähnlich wie der Geist,
der erscheint, wenn Aladin seine Wunderlampe reibt.“
Jesus sagte: „Ja, genauso !“
Gott sagte: „Und anschließend wirst Du in einem
rituellen Kannibalenmahl verspeist.“
Und Gott fügte hinzu: „Jetzt verstehe ich
auch, warum der Papst nicht will, dass evangelische Pfarrer zusammen mit
katholischen Priestern das Abendmahl feiern. Diese magische Kraft, Dich
herbeizuzitieren und den Gläubigen die Vergebung der Sünden und das ewige Leben
zu gewähren, kann nur ein katholischer Priester haben, niemals ein Laie, weil
man dann ja keine Priester mehr brauchen würde. Und ein evangelischer Pfarrer
ist für die katholische Kirche kein Priester, sondern nur ein Laie und Ketzer.“
„Exakt !“, sagte
Jesus.
Und Gott sprach zu Jesus: „Jetzt leg Dich erst
mal für drei Tage ins Bett und erhole Dich.“
Nach drei Tagen wecke Gott Jesus auf und sagte
zu ihm:
„Ich habe über die Sache nachgedacht und habe
folgenden Beschlüsse gefasst:
Jeder, der sich anmaßt, in meinem Namen
magische Handlungen zu vollbringen, oder zu behaupten, in meinem Namen zu
sprechen oder meinen Willen zu vollziehen, wird mit einem Aufenthalt in der
Hölle nicht unter zwei Minuten, maximal aber fünf Minuten bestraft. (Denn mein
Gott ist ein gnädiger Gott, kein grausames Monster, der die Menschen ewig in
der Hölle schmoren lässt). Ebenso jeder, der mich als grausamen Sadisten
darstellt, indem er behauptet, ich würde die Sünder auf ewig in der Hölle
schmoren lassen.“
Und er fügte leicht verärgert hinzu: „Ich
verstehe nicht, wie Du Dich als gläubiger Jude
für diese heidnischen Zauberei hast einspannen lassen.“.
Jesus hat
tatsächlich gelebt, aber er ist schon lange tot, weil er nur ein sterblicher
Mensch war.
Obwohl es
keine brauchbaren außerchristliche Beweise dafür gibt, dass Jesus wirklich
gelebt hat, und obwohl der Bericht des Flavius Josephus in den entscheidenden
Sätzen gefälscht wurde, kann man davon ausgehen, dass Jesus tatsächlich eine
historische Person war. Er war nicht nur
eine literarische Metapher für die Liebe Gottes und wurde tatsächlich gekreuzigt.
Die schlechte Nachricht für Christen ist: Jesus ist tot – gleichgültig ob er am
Kreuz gestorben ist oder die Kreuzigung als Scheintoter überlebt hat, denn auch
Scheintote sterben früher oder später einmal. Jesus ist nicht in den Himmel
hinaufgefahren, er sitzt nicht zu rechten Hand Gottes und er ist nicht die
Fleischwerdung Gottes. Er war nur ein sterblicher
Mensch, der von den jüdischen Autoritäten den Römern übergeben wurde, weil zu
fürchten war, er würde einen Volksaufstand auslösen. Ein solcher Volksaufstand
fand dann tatsächlich einige Jahrzehnte später statt und führte zu der Zerstörung
von Jerusalem, zur Auflösung israelitischen Staates und zur Vertreibung der
Juden.
Man muß nicht, wie Nietzsche, Gott für tot erklären. Das führt
zu nichts, denn die Existenz Gottes kann weder bewiesen noch widerlegt werden.
Auf diesem Schlachtfeld der geistigen Auseinandersetzung kann niemand den Sieg
davontragen. Niemand kann beweisen, dass Gott tot ist, und instinktiv sträubt
sich jeder Mensch dagegen, zu glauben, dass diese Welt keinen Schöpfer,
Gestalter und Erhalter haben soll.
Der wunde
Punkt jeder Religion sind auch nicht ihre Götter, sondern ihre Verkünder. Dass
Jesus ist tot, das ist leicht nachzuvollziehen, weil alle Menschen bis heute
sterblich sind. In einer fernen Zukunft kann sich das vielleicht ändern, aber
es wird keine Unsterblichkeit des Körpers sein. Aber bisher ist noch jeder
Mensch gestorben. Deshalb ist die Aussage, dass Jesus gestorben ist, eigentlich
eine unbezweifelbare Selbstverständlichkeit.
Seine
Anhänger haben Jesus zu einem Gottkönig erklärt (nach dem Vorbild des
ägyptischen Pharao oder des römischen Kaisers). Das war in der Antike und im
Orient so üblich, und auch die Chinesen hielten ihren Kaiser für ein göttliches
Wesen. In einem theokratischen Staat ist der oberste Priester auch der König. Alle
gläubigen Juden, Christen und Moslems (unter diesen besonders die Schiiten)
hoffen darauf, dass möglichst bald das Reich Gottes, also ein von einem
Messias, einem Gottkönig regierter Gottesstaat kommen wird. Das wäre das Ende
der Demokratie und des freien Menschseins. Es gäbe keine natürlich denkenden
und fühlenden Menschen mehr, sondern nur noch gläubige Diener Gottes und seiner
menschlichen Stellvertreter. Das ist ganz weit weg von dem, was das Wesen unserer
griechisch-abendländische Kultur ausmacht. Christentum und Judentum sind eben
nicht konstituierende Elemente unserer abendländischen Zivilisation, sondern unsere
Zivilisation ist durch den Widerstand und durch die Überwindung dieser
altorientalischen Religionen entstanden. Gewiß, die
Fundamente der Zivilisation wurden im Orient gelegt, und wir haben darauf
aufgebaut. Aber erst dadurch, dass wir die alten Lehren in Frage stellten und
zu neuen Ufern aufbrachen, ist das Morgenland entstanden.
Die alten
Griechen haben es abgelehnt, vor dem persischen Großkönig die Proskynese zu machen, das Sich-Niederwerfen
in den Staub vor dem Antlitz des mächtigen Herrschers. Diese Proskynese
lebt noch in der Priesterweihe fort, wo sich der werdende Priester vor dem
Altar auf den Bauch legt, und auch das Niederwerfen der Moslems vor ihrem Gott
und das in die Knie Gehen der Katholiken ist diese Proskynese
in symbolischer Form. Aber ist Gott ist kein Großkönig und der Mensch ist kein
Untertan, auch nicht der Untertan Gottes und seiner irdischen Stellvertreter.
Die sind es nämlich, welche diese Unterwerfung fordern. Daß
Gott diese Unterwerfung fordert, das kann niemand beweisen, denn die heiligen
Texte sind keine Beweise, sondern nur Menschenwort.
Gott hat den
Menschen erschaffen so, wie er ist, und der Mensch handelt nach der ihm
eingegebenen Gesetzmäßigkeit. Wir kennen den Plan und die Gesetzmäßigkeit
nicht, aber es steht zu vermuten, dass der Plan nicht darin besteht, die
Menschen glücklich zu machen. Das hätten wir nämlich in langen Verlauf der
menschlichen Geschichte schon gemerkt . Der Plan muß ein anderer sein, und mir scheint es, der Plan ist,
immer komplexere biologische, soziale und technische Gebilde zu schaffen. Der
Mensch hat dabei eine wichtige Aufgabe. Aber eines Tages wird er nicht mehr
gebraucht werden. Aber jetzt wird er noch gebraucht, damit das, was nach ihm
kommt, entstehen kann. Aber das ist nur eine Vermutung, eine Verlängerung der
herrschenden Trends in die Zukunft hinein.
Die
vierte Botschaft ist:
Die Religion ist
nicht in der Lage, den Menschen eine einheitliche und allgemeinverbindliche
Antwort zu geben, wie er sich verhalten soll und wie er seine Gesellschaft und
seine Politik ordnen soll. Es stimmt nicht, dass die religiösen Normen
unveränderlich und für alle Zeiten gültig sind. Jede lebendige Religion
reagiert auf den Zeitenwandel, ja sogar den Zeitgeist; die Religion der Mehrheit passt sich an die
veränderten Umstände an, aber die fundamentalistischen Minderheiten werden noch
konservativer als die althergebrachte Religion. So ist der christliche und
islamische Fundamentalismus eine trotzige Gegenreaktion gegen die Dominanz des
westlichen, aufgeklärten Denkens. Aber kann dieses in den alten Orient
zurückgewandte Denken brauchbare Verhaltensnormen für den heutigen Menschen bieten ? Können Normen und Haltungen heute noch verbindlich
sein, die auf die patriarchalischen und kriegerischen Traditionen von räuberischen
Nomadenvölkern, wie sie die Israeliten und Araber waren, als die Fundamente
ihrer Religion gelegt wurden, noch Maßstab für eine urbane, auf Zusammenarbeit
und friedliches Zusammenleben angewiesene Gesellschaft sein ?
Die Christen
werden mir nun entgegenhalten, dass Jesus Nächstenliebe und Vergebung gepredigt
hat. Das ist richtig, denn Jesus lebte in einer Zeit, welche von der
hellenistischen Kultur geprägt war. Und noch mehr gilt dieses Verwurzeltsein in der römisch-griechischen Zivilisation für
den Apostel Paulus, welcher der eigentliche Begründer des Christentums war.
Aber der Kern der christlichen Aussage ist, dass die Herrschaft Gottes
unmittelbar bevorsteht. Insofern muß man sagen, dass
die christlichen Fundamentalisten vom Typ der Zeugen Jehovas den wahren Gehalt
der Botschaft Jesu richtig interpretieren. Aber die Kalamität ist, dass schon
Jesus und Paulus vergeblich hofften, dass das Reich Gottes noch zu ihren
Lebzeiten kommen würde. Und Jesus Christus konnte es auch nicht durch sein
Selbstopfer herbeizwingen. Eine Religion, die in ihrer Kernaussage davon
ausgeht, dass schon in naher Zukunft die Welt vernichtet wird und dass nur die
Auserwählten Gottes überleben und herrschen werden, kann doch nicht im Ernst
erwarten, dass ihre moralischen Maßstäbe für eine auf Dauer und Nachhaltigkeit
angelegte Politik verbindlich sein können. Die Botschaft Christi war nämlich:
Kümmert Euch nicht um das Morgen, den morgen wird die Welt untergehen.
Verschenkt eure Besitztümer und tut gute Werke, damit ihr zu den Auserwählten gehört ! Kann das Grundlage einer Moral sein
? Viele Mensche werden nämlich aus dieser Situation des baldigen
Weltuntergangs den Schluß ziehen, dass es klüger ist
zu saufen und zu huren, sein Geld zu verschleudern und die Gesetze zu übertreten.
Wenn morgen die Welt untergeht, ist eine lebenslängliche Haftstrafe keine
Drohung mehr und Disziplin, Ordnung und Moral sind dahin. Mohammed hat diesen
Glauben an das Gericht Gottes, den Weltuntergang und die Belohnung der
Gläubigen im Himmel übernommen, und besonders die Schiiten haben ihn
kultiviert, denn dieser Glaube stammt ja ursprünglich aus dem persischen, von
Zarathustra und Mani geprägten Kulturkreis und wurde
von den Juden von den Persern übernommen. Jeder Selbstmordattentäter glaubt
daran, schon gleich nach seinem Attentat ins Paradies zu kommen. Der
Fundamentalismus ist kein Irrläufer der jüdisch-christlichen Lehre vom
Weltuntergang und der Auserwähltheit der Gläubigen, sondern er ist die Essenz
und der Kern dieser Religion.
Wenn Dir also
jemand sagt, für ihn seien die christlichen oder islamischen Grundwerte
verbindlich, so frage nach seinen Hintergedanken. Er wird es zwar nicht
zugeben, doch die Almosen und die Wohltaten, welche er und seinesgleichen dem
Volk darbringen, werden verteilt, um als
Wohltäter des Volkes dazustehen. Aber religiöse Organisationen sind keine
Sozialkassen und keine staatlichen Institutionen, die einzig die Aufgabe haben,
den Menschen zu helfe, sondern sie sind geistige Kampfgemeinschaften, denen das
soziale nur als Mittel dazu dient, neue Anhänger zu rekrutieren.
Wenn Dir
jemand sagt, dass die Religion die Kunst und die Kultur in unvergleichlichem
Maße gefördert hätten, so glaube ihm nicht !Die Religion hat die Kunst immer
behindert und gegängelt – bis hin zur Bilderstürmerei. Gewiß,
die Kirche gab viele Kunstwerke in Auftrag, aber die Künstler durften sich
nicht entfalten und lieferten oft nur Mittelmaß oder noch Schlechteres ab. In der
Zeit von der Französischen Revolution bis 1914 sind hundertmal mehr qualitativ hochstehende
Kunstwerke erschaffen worden als im ganzen Mittelalter, als die Kirche den
Kunstmarkt dominierte.
Du wirst
jetzt vielleicht sagen: Wenn der Wille Gottes und seine Gebote für das
menschliche Verhalten unerforschlich sind, und wenn jede Handlung Gutes und Böses
gleichzeitig bewirkt, wie können wir dann überhaupt sagen, was Gut und Böse ist
und was verbindliche Norm für uns sein soll ? Wird uns
da nicht der Boden unter den Füßen weggezogen und wir verharren in
Ratlosigkeit? Die Antwort ist, was gut und was böse ist, darüber entscheiden
der Nutzen und das Glück der gesamten Menschheit. Die Menschen können nicht
tolerieren, dass jemand andere Menschen ermordet, verwundet oder beraubt. Also
müssen Mord, Körperverletzung und Raub verboten sein. Um das zu erkennen, dazu
braucht es keine religiöse Autorität, und auch zur Begründung und Durchsetzung
der Gebote, die den Menschen schützen, braucht es keinen Propheten und
Schrifttafeln, die Gott den Menschen angeblich gegeben hat.
Ist nicht schon das erste und wichtigste der
Zehn Gebote entlarvend: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben !“?Hier zeigt sich doch schon, worum es den religiösen
Gesetzgebern wirklich geht: Um ihre Interessen (die Sicherung Ihrer
Monopolstellung).
Die
Begründung jeder Moral und aller Rechtsnormen ist der Nutzen, die Sicherheit
und das Glück der möglichst großen Zahl von Menschen. Schlimmer noch, die
Religionen und die Ideologien und ihre Führer haben oft genug gegen diese
Normen verstoßen, weil sie behaupteten, dass ihre religiösen oder ideologischen
Gesetze und Aufträge über den Interessen der Menschen stehen. Aber die Basis
jeder Rechtsnorm muß der Mensch sein – aber nicht als
Individuum, sondern als eine große Gemeinschaft, die ein ganzes Volk oder
besser noch, die gesamte Menschheit umfasst.
Der Mensch
als Einzelperson ist schwach, kriminell, töricht und unreif. Aber das
Kollektiv, die große Vielzahl unterschiedlich denkender und handelnder Menschen
ist voll Weisheit und Intelligenz. Das Kollektiv ist nicht die dumpfe Masse, zu
der sie der einzelne Diktator machen will (und was ihm leider oft genug
gelingt), sondern es ist eine Gemeinschaft, in der die Meinungen widerstreiten
und in der man um die rechte Entscheidung ringt. Ein solches Kollektiv ist
klüger als das klügste seiner Mitglieder.