von
Als
Jesus schon einige Jahrzehnte lang tot war, ging man daran, die Erinnerungen an
seine Worte und Taten aufzuzeichnen.
Keiner der Evangelisten
war einer von den zwölf Jüngern Jesu.
Wahrscheinlich haben sie Jesus nie persönlich erlebt. Die Evangelien und damit
auch die Bergpredigt wurden erst 40 bis 50 Jahre nach dem Tod Jesu geschrieben.
Die wahren Autoren sind unbekannt.
Der früheste Evangelist, Markus,
sammelte diese Aufzeichnungen und reihte sie sie so aneinander, daß der Eindruck entstand, dies wäre eine Beschreibung des
Lebensweges von Jesus. Das Kernstück des Markusevangeliums ist die
Beschreibung, wie Jesus nach Jerusalem kommt und dort gekreuzigt wird. Das
Markusevangelium sagt nichts über die Kindheit und die Jugend Jesu. Darüber war
ihm und auch den anderen Evangelisten nichts Konkretes bekannt. Deshalb griffen
sie auf Legenden zurück. Das Markusevangelium beginnt mit Johannes dem Täufer. Jesus war Mitglied seiner Sekte. Von ihm
übernahm er sein religiöses Weltbild und dieses Weltbild spiegelt sich deutlich
in der Bergpredigt. Jesus predigte im wesentlichen
das, was er von Johannes gelernt hatte. Woher hatte nun Johannes seine
religiösen Erkenntnisse ? Von der Sekte der Essener,
die in Qumran
eine Zentrum hatten. Johannes predigte quasi in Sichtweite von Qumran. Ob Johannes der Täuifer
ursprünglich ein Mitglied der essenischen Gemeinde war ? Er stand ihnen zumindest geistig nahe. War er ein
Rebell, ein Abweichler unter den Essenern, der seine eigene Sekte aufmachte ?
Aber im
Gegensatz zu Johannes trat Jesus als Wunderheiler auf, was ihm eine ungeheure
Popularität brachte – aber nur in einem relativ kleinen Landstrich rund um den
See Genezareth. In Rom wusste man nichts von Jesus. Es gibt auch keine Berichte
römischer Autoren über Jesus. Alles was wir von Jesus wissen, stammt aus
christlichen Quellen. Bei andern Autoren wird Jesus nur ganz am Rand erwähnt,
und eigentlich geht es darin nicht um Christus, sondern um die Christen. Es
gibt also über Jesus keine unparteiischen, objektiven Berichte. Die Evangelien
dienen der Verbreitung und Propagierung des christlichen Glaubens und des
Jesus-Kultes, auch wenn sie im Gewand von Biographien und historischen
Berichten daherkommen. Man muß aber bei Markus
anerkennen, daß er sich gewissenhaft bemühte, ein
authentisches Bild von Jesus zu zeichnen. Deshalb ist sein Evangelium auch im wesentlichen eine „Passionsgeschichte mit biographischer Einleitung“
geblieben – ohne ausschmückende legenden. Diese Passionsgeschichte ist in Kern
das apokryphe „Petrusevangelium“, das anscheinend
Aufzeichnungen von mündlichen Berichten des Apostel Petrus darstellt, die seine
Anhänger überliefert haben (es gab ja unter den frühen Christen verschiedene
Gruppierungen, die sich teilweise feindlich gegenüberstanden).
Die
Evangelisten Matthäus und Lucas übernahmen den Text von Markus und fügten
mündlich überlieferte Aussprüche Jesu hinzu, darunter auch die Bergpredigt, die
im Matthäus-Evangelium steht. Eine ähnliche Predigt, die „Feldpredigt“, findet
sich bei Lukas.
Johannes
dagegen hebt sich von diesen drei „Synoptikern“
deutlich ab. Er schöpft aus Quellen, die den Synoptikern
unbekannt waren. Dafür lässt er vieles weg, was bei den anderen drei
Evangelisten steht. Wie bei Markus kommt bei ihm die Bergpredigt nicht vor.
Die
Bergpredigt ist dadurch entstanden, daß Matthäus
überlieferte Aussprüche von Jesus zu einer Predigt zusammenfügte. Der bekannteste Teil der Bergpredigt
ist das Vaterunser: „Unser Vater in den
Himmeln, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie
im Himmel so auch auf Erden; unser täglich Brot gib uns heute und vergib uns
unsere Sünden wie wir vergeben unseren Schuldnern; und führe uns nicht in
Versuchung, sondern errette uns vor dem Bösen“.
“Dein Reich komme“
könnte man vielleicht besser wiedergeben mit „Deine Herrschaft komme“. Jesus
sehnt als die Herrschaft Gottes herbei. Wir fragen uns verwundert: „Gott ist
doch allmächtig. Ja herrscht er denn nicht ?“ Für Jesus war nicht nur die Hölle, sondern
auch die gesamte irdische Welt der Herrschaftsbereich des Satans. Erinnern Sie
Sich an die Szene, wo der Teufel Jesus die Herrschaft über die Welt anbietet:
Jesus, erfüllt vom
heiligen Geist, wurde von ihm hinaufgeführt in die judäische
Wüste, um vom Teufel auf die Probe gestellt zu werden. Jesus fastete vierzig
Tage und Nächte, und zuletzt war er schwach vor Hunger. Der Teufel sprach zu ihm:
„Wenn du Gottes Sohn bist, dann laß diese Steine zu
Brot werden“. Jesus antwortete: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern
von dem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.“ Da nahm ihn der Teufel mit in die
heilige Stadt Jerusalem auf die Mauer des Tempels und sagte zu ihm: „Wenn du
Gottes Sohn bist, stürze dich hinunter, denn es ist geschrieben: Auf Händen
werden dich die Engel tragen, damit du nicht anstößt deinen Fuß an einem
Stein.“ Jesus sagte ihm: „Es ist auch geschrieben: Nicht sollst du versuchen
den Herrn, deinen Gott.“
Und der Teufel zeigte
ihm einem einzigen Augenblick alle Königreiche der Erde und sagte: „Ich werde
dir diese ganze Macht und ihre Herrlichkeit geben, weil sie mir übergeben ist,
und wenn immer ich will, gebe ich sie dir, wenn du jetzt vor mir auf die Knie
fällst und mir huldigst, und sie wird ganz dein sein.“ Jesus aber sagte: „Geh
fort, Satan ! Denn es steht geschrieben: Dem Herrn,
deinem Gott sollst Du huldigen und ihm allein dienen“. Da ließ in der Satan in
Ruhe und Jesus war wieder allein mit den Tieren in der Wüste und die Engel
dienten ihm.“
Für Jesus herrschte
der Teufel über die Welt. Wie wäre es auch sonst möglich gewesen, daß das auserwählte Volk Gottes seit vielen Jahrhunderten
unter fremder Herrschaft stand ? Erst kamen die
Assyrer, dann die Perser, dann die Griechen und jetzt herrschten die Römer.
Unterbrochen wurde diese Zeit der Fremdherrschaft nur durch die 100 Jahre von
164 v. Chr bis 63 v. Chr., wo nach dem erfolgreichen
Aufstand des Judas Makkabäus die Juden in ihrem eignen, von der jüdischen
Dynastie der Hasmonäer regierten Staat lebten.
Wie vertrug sich der
Anspruch des Gottes, der einzige und allmächtige Gott zu sein, mit der
demütigenden Lage seines auserwählten Volkes ? Wenn
Gott die mächtigste Kraft auf dieser Welt war, warum war sein Volk dann nicht
das größte und mächtigste auf der Welt ?
Die Antwort, die
Johannes der Täufer gab, war, daß sich die Juden von
ihrem Gott und von seinen Gesetzen abgewandt hätten. Deshalb hätte Gott den
Kräften des Bösen, repräsentiert durch das römische Imperium und die
hellenistische Kultur, freie Hand gegeben, die Juden zu verführen, zu
beherrschen und zu unterdrücken.
Wenn also Gott die
Herrschaft der Römer brechen sollte, dann mußte Gott
erst einmal versöhnt werden. Dies konnte nur durch Reue, durch Buße durch und
eine radikale Änderung des Lebenswandels geschehen. Dann würde die Herrschaft Gottes kommen.
Wie sollte diese
Änderung des Lebenswandels aussehen ?
Einhaltung der
jüdischen Religionsgesetze, Rückkehr zu den jüdischen Sitten und zum jüdischen
Lebensstil.
Wenn man diese
Forderungen auf unsere Zeit überträgt, würde das bedeuten, daß
wird keine amerikanischen Filme ansehen und keine amerikanische Musik mehr
hören dürften, unsere Frauen verschleiern müssten, jedwede Darstellung von
Frauen, welche einen erotischen Anstrich haben, verbieten müssten, auf Zinsen,
Spekulationen, Geschäftemachen, Alkohol und Drogen verzichten müssten und jeden
Morgen in die Kirche gehen müssten.
Das erinnert doch
fatal an einen fundamentalistischen Gottesstaat. Das kommt daher, daß der Islam so vieles von Judentum und Christentum
übernommen hat. Jesus war ein Radikaler, ein Fundamentalist wie die Taliban. Aber es gibt einen großen Unterschied: Jesus trat
für Gewaltfreiheit und gnädiges Vergeben ein. Er wollte das Reich Gottes nicht
mit kriegerischen Mitteln herbeizwingen.
Johannes der Täufer
war Apokalyptiker. Er sagte ein furchtbares
Strafgericht Gottes schon in naher Zukunft voraus. Dann würden diejenigen, die
sich nicht Gott und seinen Gesetzten unterworfen hatten, in grausamer Weise zur
Rechenschaft gezogen und bestraft werden. Das ist die andere Seite des gnädigen
Gottes, an den Jesus glaubte: gegen diejenigen, die nicht an ihn glaubten und
sich ihm nicht unterwarfen, würde Gott grausam und rachsüchtig sein.
Die zentrale Aussage
in den Predigten und Gleichnissen Jesu ist das baldige Kommen des Reiches
Gottes. Das Reich Gottes wird alles ändern und die aktuellen Verhältnisse in
ihr Gegenteil verkehren. Den Armen wird das Reich Gottes Gehören. Wer heute
weint, wird morgen lachen. Die Trauernden werden ermutigt werden, die Sanften
werden die Erde erben, die Hungernden werden gesättigt werden. Allgemeine
Gerechtigkeit wird kommen; wer sich erbarmt hat, wird Erbarmen finden, die Friedliebenden
werden die Söhne Gottes gerufen werden. Wer sich dem
religiösen Gesetzen gemäß verhalten hat, obwohl ihm dadurch Schaden entstand,
wird nun in Reich Gottes herrschen. Im Glück leben werden die, die heute wegen
ihres Bekenntnisses zu Jesus verfolgt werden.
Für Jesus stand das
Reich Gottes unmittelbar bevor; so konnte er seinen Anhängern sagen:
Sorget euch nicht um
euer Leben, was ihr essen sollte oder was ihr trinken sollt, und nicht um
eueren Leib, was ihr anziehen sollt ! Ist das Leben nicht mehr als Nahrung und
der Leib nicht mehr als das Gewand ? Schaut auf zu den
Vögeln des Himmels: sie sähen nicht und sie ernten nicht noch sammeln sie
Scheuern, und euer himmlischer Vater ernährt sie; um wieviel
mehr unterscheidet ihr euch von den Vögeln. Wer von euch kann, indem er sich
sorgt, seinem Lebensalter eine einzige Elle zulegen ?
Und warum sorgt ihr euch um ein Gewand ? Beobachtet
die Lilien auf dem Acker, wie sie wachsen; sie mühen sich nicht aber noch
spinnen sie; ich aber sage euch: Selbst Salomon in seiner Herrlichkeit mit all
seinen prächtigen Gewändern war nicht so schön wie eine dieser Lilien. Wenn
Gott aber die Gewächse des Ackers, die heute sind und morgen in den Ofen
geworfen werden, so kleidet, wird er dann euch nicht noch viel mehr kleiden,
ihr Kleingläubigen ? Sorgt euch nicht und sagt nicht: Was sollen wir essen ? Was sollen wir trinken ?
oder: „Womit sollen wir uns umkleiden ? Denn alles
dies erstreben die Völker der Welt; euer
Vater weiß, daß ihr dessen bedürft. Sucht aber zuerst
das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hingelegt
werden. Sorgt euch nicht für das Morgen, denn das Morgen wird für sich sorgen.
Jesus macht seinen
Anhängern gewaltige Versprechungen und erklärt sie als von Gott auserwählt, der
Welt das Licht der Wahrheit zu bringen und Gott zu verherrlichen. Diese
Versprechungen und diese Seelenmassage dürfte auf viele Menschen ihre Wirkung
nicht verfehlt haben, und viele glaubten nur allzu gerne. Sogar Jesus selbst
glaubte es.
Jesus war ein gläubiger
Jude. Paradoxerweise war Jesus Christus kein Christ. Der erste Christ war der
Apostel Paulus, der Jesus nie persönlich sah, aber eine Religion erschuf, die
man später „das Christentum“ nannte.
Jesus lag in
beständigem Streit mit den Pharisäern. Dies war eine religiöse Partei im
Judentum, die gegen das „Establishment“, die Sadduzäer,
opponierten. Die Waffe der Pharisäer war das jüdische
Gesetz. Nicht die Sadduzäer, also die Priester, die
den Jahwe-Kult im Jerusalemer Tempel in ihrer Gewalt hatten, sondern die
heiligen Texte und Gesetze waren für die Pharisäer der oberste Maßstab. Man
kann die Sadduzäer mit der Katholischen Kirche
vergleichen, wo Papst und Priester über die Gnadenmittel herrschen, und wobei
die katholische Kirche und der Papst diejenigen sind, die entscheiden, was
richtig ist. Die Pharisäer könnte man mit den Protestanten vergleichen, für die
Papst und Kirche nichts gelten, sondern für die allein die biblischen Schriften
maßgeblich sind.
Wie die jüdischenGesetze auszulegen waren, wollten die Pharisäer
bestimmen, und sie ersannen immer neue Details, die das Leben der Menschen
regelten und sie in ein enges Korsett von Vorschriften einspannten, daß sie sich kaum rühren konnten. Dieser Geist der
Pharisäer lebt im heutigen orthodoxen Judentum fort. Damals wie heute gab es
Menschen, die sich gegen diese strengen Zwänge auflehnen und liberal waren.
Jesus war ein solcher Liberaler, und die Pharisäer warfen ihm vor, die Gesetze
zu missachten. Vor diesem Hintergrund ist zu sehen, wenn Jesus in der
Bergpredigt sagt:
„Meint nicht, daß ich kam, um aufzulösend as Gesetz oder die Propheten;
ich kam nicht um aufzulösen, sondern um zu erfüllen. So sei es, denn ich sage
euch: Bis vergeht der Himmel und die Erde, nicht ein einziges I-Tüpfelchen oder
ein einziges Komma wegfällt vom Gesetz, bis alles geschieht. Wer immer also
auflöst ein einziges dieser geringsten Gebote und lehrt so die Menschen, der
wird der Geringste wird er genannt werden im Königreich des Himmels; wer aber
immer gemäß dem Gesetz handelt und es so lehrt, wie es ist, dieser wird groß
gerufen werden im Reich des Himmels. Denn ich sage euch: Wenn nicht überfließt
euere Gerechtigkeit mehr als die der Schriftkundigen und Pharisäer, dann werdet
ihr nicht hineingehen in das Königreich des Himmels.“
Um den Vorwurf zu
entkräften, er sei ein Liberaler, gibt sich Jesus in der Bergpredigt
„päpstlicher als der Papst“ und rigoroser als die Propheten:
„Ihr habt gehört, daß den Alten gesagt wurde: Du sollst nicht morden ! Wer immer mordet, wird dem Gericht verfallen sein.
Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, wird dem Gericht verfallen
sein. Wer aber zu seinem Bruder spricht: ‚Tor’, der wird den Richtern verfallen
sein. Wer aber immer sagt: ‚Törichter’, der wird in der Hölle des Feuers sein.“
Ihr habt
gehört, daß gesagt wurde: „Du sollst nicht ehebrechen !“ Ich aber sage euch: Jeder der eine Frau
ansieht um sie zu begehren, brach schon die Ehe mit ihr in seinem Herzen. Wenn
aber dein rechtes Auge dir Anstoß gibt, reiß es aus und werf
es von dir ! Denn es ist besser für dich, als
Einäugiger ins Reich Gottes hineinzugehen als daß
dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. Und wenn deine recht Hand oder
dein Fuß dir Anstoß gibt, schlag sie ab und wirf sie von dir
! Denn es ist nützlicher für dich, daß du als
Krüppel oder Lahmer durchs Leben gehst, als daß du
mit zwei Händen und zwei Füßen ins ewige
Feuer hineingehst!
Gesagt wurde: Wer
immer seine Frau entläßt, gehe ihr eine Scheidebrief.
Ich aber sage euch: Jeder, der seine
Frau aus der Ehe entläßt, ausgenommen auf
Grund von Unzucht, macht sie zur Ehebrecherin, wenn sie einen anderen heiratet.
Wer immer eine geschiedene Frau heiratet, begeht Ehebruch.
Ihr habt gehört, daß gesagt wurde: „Die sollst nicht eidbrüchig werden,
sondern du sollst dem Herren deine Eide erfüllen !“
Ich aber sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören !
…Euer Wort soll sein : ja, ja, nein, nein; mehr als dieses ist vom Bösen.“
Der Rigorismus von
Jesus ist aber kein „law and order“-Rigorismus,
sondern ein moralischer. Was hier Jesus sagt, könnte niemals Grundlage einer
allgemeinen Gesetzgebung sein. Man kann doch niemanden, der seinen Mitmenschen
beleidigt oder der mit anderen Frauen flirtet, mit den schlimmsten Strafen belegen !
Allerdings muß man sehen, daß dieser
moralische Rigorismus Jusu sich nicht an die breite
Masse richtete, sondern an seine engeren Anhänger. Darauf deutet folgender Satz
in der Bergpredigt hin:
„Gebt nicht das
Heilige den Hunden und werft die Perlen nicht vor die Säue, damit sie sie nicht
mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen.“
Dies bedeutet, daß die Lehren der Bergpredigt nicht für die Allgemeinheit
bestimmt sind, sondern nur für den inneren Kreis der Anhänger Jesu.
Die radikalen
Forderungen, die Jesus stellt, sind unmenschlich und nicht zu erfüllen. Damit
wird jeder Mensch schuldig und ist auf die Gnade Gottes angewiesen. Aber das
ist es, was seine Kirche anstrebt. Erst wird die Meßlatte auf unerreichbare
Höhen gelegt, und wenn die Menschen dann scheitern, brauchen sie die Hilfe und
die Gnade Gottes und der Kirche. Es klingt gut und menschenfreundlich, wenn
Jesus predigt:
„Ihr habt gehört, daß gesagt wurde: „Auge um Auge, Zahn um Zahn
!“ Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen !
Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann wende ihm die andere zu ! Und dem, der willens ist, mit dir einen Rechtsstreit
anzufangen und dir dein Untergewand zu nehmen, laß
ihm auch dein Obergewand ! Wenn dich einer bittet,
dann gib ihm, und den, der sich etwas von dir leihen will, weise nicht ab !
Ihr habt gehört, daß gesagt wurde: „Liebe Deinen Nächsten und hasse deinen
Feind“. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen,
tut Gutes denen, die euch hassen, segnet, die euch verfluchen, betet für die,
die euch schmähen, damit ihr Söhne eueres Vaters im Himmel werdet. Denn läßt er seine Sonne aufgehe über Böse und Gute und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nur die liebt,
welchen Dank werdet ihr haben ? Lieben nicht auch die
Sünder ihre Lieben. Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr hofft, daß sie es zurückgeben, wie wird euch das Gott danken ? Auch die Sünder leihen den Sündern, wenn sie wissen,
daß sie eine Gegenleistung erhalten. Und wenn ihr
eure Brüder grüßt, was ist daran so besonderes ? Tun
nicht die Heiden dasselbe ? Liebt euere Feinde und tut
ihnen Gutes; leiht ohne etwas zurück zu erhoffen; dann wird euer Lohn groß
sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein, weil er gütig ist zu den
undankbaren und Bösen. Werdet barmherzig, so wie auch euer Vater im Himmel
barmherzig ist.
Achtet darauf, euere
guten Werke nicht vor den Menschen zu tun, um gesehen zu werden von ihnen;
wenn ihr es doch tut, werdet ihr keinen Lohn haben bei euerem Vater im
Himmel. Wenn du also eine Wohltat tust, trompete sie nicht vor dir her wie es
die Heuchler in den Synagogen tun und in den Gassen, damit sie von den Menschen
verherrlicht werden; so sei es, ich sage euch: Ihr Lohn ist weg ! Wenn du aber
eine Wohltat tust, dann soll die linke Hand nicht erfahren, was die rechte Hand
tut, damit deine Wohltat im Verborgenen ist.; und dein Vater im Himmel, der das
Verborgene sieht, wird dir vergelten.
Wenn ihr betet, seid
nicht wie die Heuchler; denn sie lieben es, in den Synagogen und an den
Straßenecken zu stehen und zu beten, auf daß sie
leuchten vor den Menschen; so sei es, ich aber sage euch: Ihr Lohn ist weg ! Du aber, wenn du betest, geh hinein in deine Kammer,
verschließ deine Tür, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein
Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten…
Denn wenn ihr den
Menschen ihre Übertretungen erlaßt, dann wird auch
euer himmlischer Vater euch die Sünden erlassen; wenn ihr aber nicht vergebt,
dann wird euch auch Gott nicht vergeben…
Verurteilt nicht,
damit ihr nicht verurteilt werdet ! Denn mit dem
gleichen Richtspruch, mit dem ihr richtet, werdet auch ihr gerichtet werden.
Befreit, und ihr werdet befreit werden; gebt, und euch wird gegeben werden. Ein
gerechtes Maß wird man euch in eueren Schoß geben, ein gedrücktes, ein
geschütteltes, ein überfließendes: Mit dem Maß, mit dem ihr meßt,
werdet ihr gemessen werden. Was siehst du den Span im Auge deines Bruders, den
Balken aber im eigenen Auge siehst du nicht ? Oder wie
kannst du deinem Bruder sagen: „Ich möchte den Span aus deinem Auge
herausziehen „ - wenn du den Balken im eigenen Auge nicht beachtest. Heuchler,
zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann wirst du zusehen, den Span aus dem
Auge deines Bruders zu ziehen.
Aber Jesus kann auch
etwas gemäßigter (die „goldene Regel“): „Alles, was ihr wollt, daß
euch die Menschen tun, so tut auch ihr ihnen ! Denn
dies ist das Gesetz und die Propheten…
Dieser Text ist einer
der grundlegendsten der ganzen Bibel. In ihm wird in wenigen Sätzen gesagt, wie
sich ein Christ verhalten soll und warum er es tun soll (weil er im Himmel von
Gott dafür belohnt wird). Die Kehrseite der Medaille ist, daß
er bei Nichteinhaltung dieser überaus anspruchsvollen und realitätsfernen
Forderungen fürchten muß, vom Reich Gottes
ausgeschlossen zu bleiben.
Der menschlichen Natur
und dem realen Leben viel angemessener als „Wenn man dich auf die linke Wange
schlägt, halte auch noch die rechte hin“, ist die „tit
for tat“ Regel, also „Wie du mir, so ich dir“. Wenn
mir jemand Gutes tut oder zu mir freundlich ist, dann tue ich ihm Gutes und bin
freundlich zu ihm. Wenn mir jemand böses tut, dann zeige ich ihm seine Grenzen
und antworte in der gleichen Weise. Dabei
ist natürlich klar, daß man als Opfer von Verbrechen
nicht das Gesetz nicht Selbstjustiz über darf.
Es soll nicht
bestritten werden, daß die Methode des gewaltfreien
Widerstandes und der einseitigen Vorleistungen bei Konflikten manchmal Wunder
wirken können. Aber gegen einen wirklich bösartigen und unfairen Gegner wird
das christliche Verhalten ihn nur ermutigen, in seinem bösen Tun fortzufahren.
Die Christen verhalten
sich meist gar nicht christlich. Darauf weisen nicht nur Nichtchristen hin,
sondern noch mehr die christlichen Priester gegenüber ihren eigenen Schäfchen.
Was die Liebe zum Geld
anbetrifft, so hat hier die Kirche immer wieder gegen das Gebot Jesu verstoßen.
Dies war für Franz von Assisi und Joachim von Fiore
der Anlass, Bettelorden zu gründen. Und auch Luther rebellierte gegen die
Geldgier der Kirche. Dabei konnten sie sich auf folgende Passage der
Bergpredigt berufen:
„Sammelt keine Schätze
auf der Erde, wo sie nur Motte und Wurm vernichten und wo Diebe einbrechen und
stehlen. Verkauft euren Besitz und gebt den Armen. Sammelt euch aber Schätze im
Himmel, wo sie weder Motte noch Wurm vernichten, und wo Diebe nicht einbrechen
und nicht stehlen; denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein. Keiner
kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen, und den
anderen wird er lieben, oder er wird den einen sich halten und den anderen wird
er verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“
An einer anderen
Stelle der Bergpredigt heißt es:
„Es sprach einer zu
ihm: Herr, ob es nur wenige sind, die gerettet werden ?
Der aber sprach zu ihnen: Breit ist das Tor und breit ist der Weg, der ins
Verderben führt, und viele gehen durch das breite Tor und den breiten Weg. Wie
eng ist das Tor, und wie schmal ist der Weg, der ins Leben führt, und wenige
sind es, die ihn finden. Kämpft, durch die enge Tür hineinzugehen, denn viele
werden versuchen hineinzugehen, es aber nicht vermögen…
Nicht jeder, der mich
„Herr, Herr“ ruft, wird in das Reich des Himmels eingehen,
sondern nur der, der den Willen des Vaters tut. Viele werden zu mir an jenem
Tag sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen prophezeit, und haben
wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben, und haben wir nicht in deinem
Namen viele Wunder vollbracht ? Und dann werde ich
ihnen bekennen: Niemals kannte ich euch; geht weg von mir, denn ihr habt ohne
Berechtigung gewirkt.“
Wer in das Reich
Gottes einziehen soll, wird von Gott entschieden. Aber Gott ist gnädig, sagt Jesus seinen Jüngern:
„Bittet, und euch wird
gegeben werden; suchet, so werdet ihr finden; klopft an und euch wird aufgetan
werden. Oder wer von euch ist ein Mensch, der seinem Sohn, der ihn um Brot
bittet, einen Stein übergeben wird ? Oder wenn er euch
um einen Fisch bittet, werdet ihr ihm dann eine Schlange geben
? Wenn schon ihr, die ihr böse seid, eueren Kindern gute Gaben gebt, um wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben,
die ihn um den heiligen Geist bitten.“
Am Schluß
weist Jesus dann noch hin, daß er der wahre Prophet
ist:
„Nehmt euch in Acht
vor den Lügenpropheten, welche zu euch kommen wie der Wolf im Schafspelz. An
ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Man sammelt doch nicht Weintrauben von
Dornenhecken und erntet nicht von den Disteln Feigen. Ein guter Baum bringt
keine bösen Früchte. Wenn der Baum aber nicht gut ist, bringt er faule Frucht;
er wird ausgehauen und ins Feuer geworfen.
Jeder, der zu mir
kommt und meine Worte hört und sie tut, der gleicht einem Menschen, der eine
Haus baut, das in einem tief gegrabenen Fundament auf Felsen steht. Da können
die Stürme wehen, da kann der Regen herabkommen, und die Flüsse können über die
Ufer treten und es wird nicht einstürzen. Aber jeder, der meine Worte hört und
nicht danach handelt, gleicht einem törichtem Mann, der sein Haus ohne
Fundament auf Sand baut.“
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