Über die Bergpredigt und das Vaterunser

von Richard Beiderbeck, www.koinae.de    

 

Als Jesus schon einige Jahrzehnte lang tot war, ging man daran, die Erinnerungen an seine Worte und Taten aufzuzeichnen.

Keiner der Evangelisten war einer von den zwölf Jüngern  Jesu. Wahrscheinlich haben sie Jesus nie persönlich erlebt. Die Evangelien und damit auch die Bergpredigt wurden erst 40 bis 50 Jahre nach dem Tod Jesu geschrieben. Die wahren Autoren sind unbekannt.

 

 Der früheste Evangelist,  Markus,  sammelte diese Aufzeichnungen und reihte sie sie so aneinander, daß der Eindruck entstand, dies wäre eine Beschreibung des Lebensweges von Jesus. Das Kernstück des Markusevangeliums ist die Beschreibung, wie Jesus nach Jerusalem kommt und dort gekreuzigt wird. Das Markusevangelium sagt nichts über die Kindheit und die Jugend Jesu. Darüber war ihm und auch den anderen Evangelisten nichts Konkretes bekannt. Deshalb griffen sie auf Legenden zurück. Das Markusevangelium beginnt mit Johannes dem Täufer. Jesus war Mitglied seiner Sekte. Von ihm übernahm er sein religiöses Weltbild und dieses Weltbild spiegelt sich deutlich in der Bergpredigt. Jesus predigte im wesentlichen das, was er von Johannes gelernt hatte. Woher hatte nun Johannes seine religiösen Erkenntnisse ? Von der Sekte der Essener, die in  Qumran eine Zentrum hatten. Johannes predigte quasi in Sichtweite von Qumran. Ob Johannes der Täuifer ursprünglich ein Mitglied der essenischen Gemeinde war ? Er stand ihnen zumindest geistig nahe. War er ein Rebell, ein Abweichler unter den Essenern, der seine eigene Sekte aufmachte ?

 

Aber im Gegensatz zu Johannes trat Jesus als Wunderheiler auf, was ihm eine ungeheure Popularität brachte – aber nur in einem relativ kleinen Landstrich rund um den See Genezareth. In Rom wusste man nichts von Jesus. Es gibt auch keine Berichte römischer Autoren über Jesus. Alles was wir von Jesus wissen, stammt aus christlichen Quellen. Bei andern Autoren wird Jesus nur ganz am Rand erwähnt, und eigentlich geht es darin nicht um Christus, sondern um die Christen. Es gibt also über Jesus keine unparteiischen, objektiven Berichte. Die Evangelien dienen der Verbreitung und Propagierung des christlichen Glaubens und des Jesus-Kultes, auch wenn sie im Gewand von Biographien und historischen Berichten daherkommen. Man muß aber bei Markus anerkennen, daß er sich gewissenhaft bemühte, ein authentisches Bild von Jesus zu zeichnen. Deshalb ist sein Evangelium auch im wesentlichen eine „Passionsgeschichte mit biographischer Einleitung“ geblieben – ohne ausschmückende legenden. Diese Passionsgeschichte ist in Kern das apokryphe „Petrusevangelium“, das anscheinend Aufzeichnungen von mündlichen Berichten des Apostel Petrus darstellt, die seine Anhänger überliefert haben (es gab ja unter den frühen Christen verschiedene Gruppierungen, die sich teilweise feindlich gegenüberstanden).

 

Die Evangelisten Matthäus und Lucas übernahmen den Text von Markus und fügten mündlich überlieferte Aussprüche Jesu hinzu, darunter auch die Bergpredigt, die im Matthäus-Evangelium steht. Eine ähnliche Predigt, die „Feldpredigt“, findet sich bei Lukas.

Johannes dagegen hebt sich von diesen drei „Synoptikern“ deutlich ab. Er schöpft aus Quellen, die den Synoptikern unbekannt waren. Dafür lässt er vieles weg, was bei den anderen drei Evangelisten steht. Wie bei Markus kommt bei ihm die Bergpredigt nicht vor.

 

Die Bergpredigt ist dadurch entstanden, daß Matthäus überlieferte Aussprüche von Jesus zu einer Predigt  zusammenfügte. Der bekannteste Teil der Bergpredigt ist das Vaterunser: „Unser Vater in den Himmeln, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden; unser täglich Brot gib uns heute und vergib uns unsere Sünden wie wir vergeben unseren Schuldnern; und führe uns nicht in Versuchung, sondern errette uns vor dem Bösen“.

 

“Dein Reich komme“ könnte man vielleicht besser wiedergeben mit „Deine Herrschaft komme“. Jesus sehnt als die Herrschaft Gottes herbei. Wir fragen uns verwundert: „Gott ist doch allmächtig. Ja herrscht er denn nicht ?“  Für Jesus war nicht nur die Hölle, sondern auch die gesamte irdische Welt der Herrschaftsbereich des Satans. Erinnern Sie Sich an die Szene, wo der Teufel Jesus die Herrschaft über die Welt anbietet:

 

„Der Teufel versucht Jesus in der Wüste  

 

Jesus, erfüllt vom heiligen Geist, wurde von ihm hinaufgeführt in die judäische Wüste, um vom Teufel auf die Probe gestellt zu werden. Jesus fastete vierzig Tage und Nächte, und zuletzt war er schwach vor Hunger. Der Teufel sprach zu ihm: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann laß diese Steine zu Brot werden“. Jesus antwortete: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von dem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.“ Da nahm ihn der Teufel mit in die heilige Stadt Jerusalem auf die Mauer des Tempels und sagte zu ihm: „Wenn du Gottes Sohn bist, stürze dich hinunter, denn es ist geschrieben: Auf Händen werden dich die Engel tragen, damit du nicht anstößt deinen Fuß an einem Stein.“ Jesus sagte ihm: „Es ist auch geschrieben: Nicht sollst du versuchen den Herrn, deinen Gott.“

Und der Teufel zeigte ihm einem einzigen Augenblick alle Königreiche der Erde und sagte: „Ich werde dir diese ganze Macht und ihre Herrlichkeit geben, weil sie mir übergeben ist, und wenn immer ich will, gebe ich sie dir, wenn du jetzt vor mir auf die Knie fällst und mir huldigst, und sie wird ganz dein sein.“ Jesus aber sagte: „Geh fort, Satan ! Denn es steht geschrieben: Dem Herrn, deinem Gott sollst Du huldigen und ihm allein dienen“. Da ließ in der Satan in Ruhe und Jesus war wieder allein mit den Tieren in der Wüste und die Engel dienten ihm.“

 

Für Jesus herrschte der Teufel über die Welt. Wie wäre es auch sonst möglich gewesen, daß das auserwählte Volk Gottes seit vielen Jahrhunderten unter fremder Herrschaft stand ? Erst kamen die Assyrer, dann die Perser, dann die Griechen und jetzt herrschten die Römer. Unterbrochen wurde diese Zeit der Fremdherrschaft nur durch die 100 Jahre von 164 v. Chr bis 63 v. Chr., wo nach dem erfolgreichen Aufstand des Judas Makkabäus die Juden in ihrem eignen, von der jüdischen Dynastie der Hasmonäer regierten Staat lebten.

 

Wie vertrug sich der Anspruch des Gottes, der einzige und allmächtige Gott zu sein, mit der demütigenden Lage seines auserwählten Volkes ? Wenn Gott die mächtigste Kraft auf dieser Welt war, warum war sein Volk dann nicht das größte und mächtigste auf der Welt ?

 

Die Antwort, die Johannes der Täufer gab, war, daß sich die Juden von ihrem Gott und von seinen Gesetzen abgewandt hätten. Deshalb hätte Gott den Kräften des Bösen, repräsentiert durch das römische Imperium und die hellenistische Kultur, freie Hand gegeben, die Juden zu verführen, zu beherrschen und zu unterdrücken.

 

Wenn also Gott die Herrschaft der Römer brechen sollte, dann mußte Gott erst einmal versöhnt werden. Dies konnte nur durch Reue, durch Buße durch und eine radikale Änderung des Lebenswandels geschehen.  Dann würde die Herrschaft Gottes kommen.

 

Wie sollte diese Änderung des Lebenswandels aussehen ?

 

Einhaltung der jüdischen Religionsgesetze, Rückkehr zu den jüdischen Sitten und zum jüdischen Lebensstil.

 

Wenn man diese Forderungen auf unsere Zeit überträgt, würde das bedeuten, daß wird keine amerikanischen Filme ansehen und keine amerikanische Musik mehr hören dürften, unsere Frauen verschleiern müssten, jedwede Darstellung von Frauen, welche einen erotischen Anstrich haben, verbieten müssten, auf Zinsen, Spekulationen, Geschäftemachen, Alkohol und Drogen verzichten müssten und jeden Morgen in die Kirche gehen müssten.

 

Das erinnert doch fatal an einen fundamentalistischen Gottesstaat. Das kommt daher, daß der Islam so vieles von Judentum und Christentum übernommen hat. Jesus war ein Radikaler, ein Fundamentalist wie die Taliban. Aber es gibt einen großen Unterschied: Jesus trat für Gewaltfreiheit und gnädiges Vergeben ein. Er wollte das Reich Gottes nicht mit kriegerischen Mitteln herbeizwingen.

 

Johannes der Täufer war Apokalyptiker. Er sagte ein furchtbares Strafgericht Gottes schon in naher Zukunft voraus. Dann würden diejenigen, die sich nicht Gott und seinen Gesetzten unterworfen hatten, in grausamer Weise zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden. Das ist die andere Seite des gnädigen Gottes, an den Jesus glaubte: gegen diejenigen, die nicht an ihn glaubten und sich ihm nicht unterwarfen, würde Gott grausam und rachsüchtig sein.

 

Die zentrale Aussage in den Predigten und Gleichnissen Jesu ist das baldige Kommen des Reiches Gottes. Das Reich Gottes wird alles ändern und die aktuellen Verhältnisse in ihr Gegenteil verkehren. Den Armen wird das Reich Gottes Gehören. Wer heute weint, wird morgen lachen. Die Trauernden werden ermutigt werden, die Sanften werden die Erde erben, die Hungernden werden gesättigt werden. Allgemeine Gerechtigkeit wird kommen; wer sich erbarmt hat, wird Erbarmen finden, die Friedliebenden werden die Söhne Gottes gerufen werden. Wer sich dem religiösen Gesetzen gemäß verhalten hat, obwohl ihm dadurch Schaden entstand, wird nun in Reich Gottes herrschen. Im Glück leben werden die, die heute wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus verfolgt werden.

 

Für Jesus stand das Reich Gottes unmittelbar bevor; so konnte er seinen Anhängern sagen:

 

Sorget euch nicht um euer Leben, was ihr essen sollte oder was ihr trinken sollt, und nicht um eueren Leib, was ihr anziehen sollt ! Ist das Leben nicht mehr als Nahrung und der Leib nicht mehr als das Gewand ? Schaut auf zu den Vögeln des Himmels: sie sähen nicht und sie ernten nicht noch sammeln sie Scheuern, und euer himmlischer Vater ernährt sie; um wieviel mehr unterscheidet ihr euch von den Vögeln. Wer von euch kann, indem er sich sorgt, seinem Lebensalter eine einzige Elle zulegen ? Und warum sorgt ihr euch um ein Gewand ? Beobachtet die Lilien auf dem Acker, wie sie wachsen; sie mühen sich nicht aber noch spinnen sie; ich aber sage euch: Selbst Salomon in seiner Herrlichkeit mit all seinen prächtigen Gewändern war nicht so schön wie eine dieser Lilien. Wenn Gott aber die Gewächse des Ackers, die heute sind und morgen in den Ofen geworfen werden, so kleidet, wird er dann euch nicht noch viel mehr kleiden, ihr Kleingläubigen ? Sorgt euch nicht und sagt nicht: Was sollen wir essen ? Was sollen wir trinken ? oder: „Womit sollen wir uns umkleiden ? Denn alles dies erstreben die  Völker der Welt; euer Vater weiß, daß ihr dessen bedürft. Sucht aber zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hingelegt werden. Sorgt euch nicht für das Morgen, denn das Morgen wird für sich sorgen.

 

Jesus macht seinen Anhängern gewaltige Versprechungen und erklärt sie als von Gott auserwählt, der Welt das Licht der Wahrheit zu bringen und Gott zu verherrlichen. Diese Versprechungen und diese Seelenmassage dürfte auf viele Menschen ihre Wirkung nicht verfehlt haben, und viele glaubten nur allzu gerne. Sogar Jesus selbst glaubte es.

 

Jesus war ein gläubiger Jude. Paradoxerweise war Jesus Christus kein Christ. Der erste Christ war der Apostel Paulus, der Jesus nie persönlich sah, aber eine Religion erschuf, die man später „das Christentum“ nannte.

 

Jesus lag in beständigem Streit mit den Pharisäern. Dies war eine religiöse Partei im Judentum, die gegen das „Establishment“, die Sadduzäer, opponierten. Die Waffe der Pharisäer war das jüdische Gesetz. Nicht die Sadduzäer, also die Priester, die den Jahwe-Kult im Jerusalemer Tempel in ihrer Gewalt hatten, sondern die heiligen Texte und Gesetze waren für die Pharisäer der oberste Maßstab. Man kann die Sadduzäer mit der Katholischen Kirche vergleichen, wo Papst und Priester über die Gnadenmittel herrschen, und wobei die katholische Kirche und der Papst diejenigen sind, die entscheiden, was richtig ist. Die Pharisäer könnte man mit den Protestanten vergleichen, für die Papst und Kirche nichts gelten, sondern für die allein die biblischen Schriften maßgeblich sind.

 

Wie die jüdischenGesetze auszulegen waren, wollten die Pharisäer bestimmen, und sie ersannen immer neue Details, die das Leben der Menschen regelten und sie in ein enges Korsett von Vorschriften einspannten, daß sie sich kaum rühren konnten. Dieser Geist der Pharisäer lebt im heutigen orthodoxen Judentum fort. Damals wie heute gab es Menschen, die sich gegen diese strengen Zwänge auflehnen und liberal waren. Jesus war ein solcher Liberaler, und die Pharisäer warfen ihm vor, die Gesetze zu missachten. Vor diesem Hintergrund ist zu sehen, wenn Jesus in der Bergpredigt sagt:

 

„Meint nicht, daß ich kam, um aufzulösend as Gesetz oder die Propheten; ich kam nicht um aufzulösen, sondern um zu erfüllen. So sei es, denn ich sage euch: Bis vergeht der Himmel und die Erde, nicht ein einziges I-Tüpfelchen oder ein einziges Komma wegfällt vom Gesetz, bis alles geschieht. Wer immer also auflöst ein einziges dieser geringsten Gebote und lehrt so die Menschen, der wird der Geringste wird er genannt werden im Königreich des Himmels; wer aber immer gemäß dem Gesetz handelt und es so lehrt, wie es ist, dieser wird groß gerufen werden im Reich des Himmels. Denn ich sage euch: Wenn nicht überfließt euere Gerechtigkeit mehr als die der Schriftkundigen und Pharisäer, dann werdet ihr nicht hineingehen in das Königreich des Himmels.“

 

Um den Vorwurf zu entkräften, er sei ein Liberaler, gibt sich Jesus in der Bergpredigt „päpstlicher als der Papst“ und rigoroser als die Propheten:

 

„Ihr habt gehört, daß den Alten gesagt wurde: Du sollst nicht morden ! Wer immer mordet, wird dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, wird dem Gericht verfallen sein. Wer aber zu seinem Bruder spricht: ‚Tor’, der wird den Richtern verfallen sein. Wer aber immer sagt: ‚Törichter’, der wird in der Hölle des Feuers sein.“

 

 Ihr habt gehört, daß gesagt wurde: „Du sollst nicht ehebrechen !“ Ich aber sage euch: Jeder der eine Frau ansieht um sie zu begehren, brach schon die Ehe mit ihr in seinem Herzen. Wenn aber dein rechtes Auge dir Anstoß gibt, reiß es aus und werf es von dir ! Denn es ist besser für dich, als Einäugiger ins Reich Gottes hineinzugehen als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. Und wenn deine recht Hand oder dein Fuß dir Anstoß gibt, schlag sie ab und wirf sie von dir ! Denn es ist nützlicher für dich, daß du als Krüppel oder Lahmer durchs Leben gehst, als daß du mit  zwei Händen und zwei Füßen ins ewige Feuer hineingehst!

 

Gesagt wurde: Wer immer seine Frau entläßt, gehe ihr eine Scheidebrief. Ich aber sage euch: Jeder, der seine  Frau aus der Ehe entläßt, ausgenommen auf Grund von Unzucht, macht sie zur Ehebrecherin, wenn sie einen anderen heiratet. Wer immer eine geschiedene Frau heiratet, begeht Ehebruch.

 

Ihr habt gehört, daß gesagt wurde: „Die sollst nicht eidbrüchig werden, sondern du sollst dem Herren deine Eide erfüllen !“ Ich aber sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören ! …Euer Wort soll sein : ja, ja, nein, nein; mehr als dieses ist vom Bösen.“

 

Der Rigorismus von Jesus ist aber kein „law and order“-Rigorismus, sondern ein moralischer. Was hier Jesus sagt, könnte niemals Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein. Man kann doch niemanden, der seinen Mitmenschen beleidigt oder der mit anderen Frauen flirtet, mit den schlimmsten Strafen belegen !

 

Allerdings muß man sehen, daß dieser moralische Rigorismus Jusu sich nicht an die breite Masse richtete, sondern an seine engeren Anhänger. Darauf deutet folgender Satz in der Bergpredigt hin:

 

„Gebt nicht das Heilige den Hunden und werft die Perlen nicht vor die Säue, damit sie sie nicht mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen.“

 

Dies bedeutet, daß die Lehren der Bergpredigt nicht für die Allgemeinheit bestimmt sind, sondern nur für den inneren Kreis der Anhänger Jesu.

 

Die radikalen Forderungen, die Jesus stellt, sind unmenschlich und nicht zu erfüllen. Damit wird jeder Mensch schuldig und ist auf die Gnade Gottes angewiesen. Aber das ist es, was seine Kirche anstrebt. Erst wird die Meßlatte auf unerreichbare Höhen gelegt, und wenn die Menschen dann scheitern, brauchen sie die Hilfe und die Gnade Gottes und der Kirche. Es klingt gut und menschenfreundlich, wenn Jesus predigt:

 

„Ihr habt gehört, daß gesagt wurde: „Auge um Auge, Zahn um Zahn !“ Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen ! Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann wende ihm die andere zu ! Und dem, der willens ist, mit dir einen Rechtsstreit anzufangen und dir dein Untergewand zu nehmen, laß ihm auch dein Obergewand ! Wenn dich einer bittet, dann gib ihm, und den, der sich etwas von dir leihen will, weise nicht ab !

 

Ihr habt gehört, daß gesagt wurde: „Liebe Deinen Nächsten und hasse deinen Feind“. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, tut Gutes denen, die euch hassen, segnet, die euch verfluchen, betet für die, die euch schmähen, damit ihr Söhne eueres Vaters im Himmel werdet. Denn läßt er seine Sonne aufgehe über Böse und Gute und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nur die liebt, welchen Dank werdet ihr haben ? Lieben nicht auch die Sünder ihre Lieben. Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr hofft, daß sie es zurückgeben, wie wird euch das Gott danken ? Auch die Sünder leihen den Sündern, wenn sie wissen, daß sie eine Gegenleistung erhalten. Und wenn ihr eure Brüder grüßt, was ist daran so besonderes ? Tun nicht die Heiden dasselbe ? Liebt euere Feinde und tut ihnen Gutes; leiht ohne etwas zurück zu erhoffen; dann wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein, weil er gütig ist zu den undankbaren und Bösen. Werdet barmherzig, so wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.

 

Achtet darauf, euere guten Werke nicht vor den Menschen zu tun, um gesehen zu werden von ihnen; wenn ihr es doch tut, werdet ihr keinen Lohn haben bei euerem Vater im Himmel. Wenn du also eine Wohltat tust, trompete sie nicht vor dir her wie es die Heuchler in den Synagogen tun und in den Gassen, damit sie von den Menschen verherrlicht werden; so sei es, ich sage euch: Ihr Lohn ist weg ! Wenn du aber eine Wohltat tust, dann soll die linke Hand nicht erfahren, was die rechte Hand tut, damit deine Wohltat im Verborgenen ist.; und dein Vater im Himmel, der das Verborgene sieht, wird dir vergelten.

 

Wenn ihr betet, seid nicht wie die Heuchler; denn sie lieben es, in den Synagogen und an den Straßenecken zu stehen und zu beten, auf daß sie leuchten vor den Menschen; so sei es, ich aber sage euch: Ihr Lohn ist weg ! Du aber, wenn du betest, geh hinein in deine Kammer, verschließ deine Tür, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten…

 

Denn wenn ihr den Menschen ihre Übertretungen erlaßt, dann wird auch euer himmlischer Vater euch die Sünden erlassen; wenn ihr aber nicht vergebt, dann wird euch auch Gott nicht vergeben…

 

Verurteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet ! Denn mit dem gleichen Richtspruch, mit dem ihr richtet, werdet auch ihr gerichtet werden. Befreit, und ihr werdet befreit werden; gebt, und euch wird gegeben werden. Ein gerechtes Maß wird man euch in eueren Schoß geben, ein gedrücktes, ein geschütteltes, ein überfließendes: Mit dem Maß, mit dem ihr meßt, werdet ihr gemessen werden. Was siehst du den Span im Auge deines Bruders, den Balken aber im eigenen Auge siehst du nicht ? Oder wie kannst du deinem Bruder sagen: „Ich möchte den Span aus deinem Auge herausziehen „ - wenn du den Balken im eigenen Auge nicht beachtest. Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann wirst du zusehen, den Span aus dem Auge deines Bruders zu ziehen.

 

Aber Jesus kann auch etwas gemäßigter (die „goldene Regel“):Alles, was ihr wollt, daß euch die Menschen tun, so tut auch ihr ihnen ! Denn dies ist das Gesetz und die Propheten…

 

Dieser Text ist einer der grundlegendsten der ganzen Bibel. In ihm wird in wenigen Sätzen gesagt, wie sich ein Christ verhalten soll und warum er es tun soll (weil er im Himmel von Gott dafür belohnt wird). Die Kehrseite der Medaille ist, daß er bei Nichteinhaltung dieser überaus anspruchsvollen und realitätsfernen Forderungen fürchten muß, vom Reich Gottes ausgeschlossen zu bleiben.

 

Der menschlichen Natur und dem realen Leben viel angemessener als „Wenn man dich auf die linke Wange schlägt, halte auch noch die rechte hin“, ist die „tit for tat“ Regel, also „Wie du mir, so ich dir“. Wenn mir jemand Gutes tut oder zu mir freundlich ist, dann tue ich ihm Gutes und bin freundlich zu ihm. Wenn mir jemand böses tut, dann zeige ich ihm seine Grenzen und  antworte in der gleichen Weise. Dabei ist natürlich klar, daß man als Opfer von Verbrechen nicht das Gesetz nicht Selbstjustiz über darf.

 

Es soll nicht bestritten werden, daß die Methode des gewaltfreien Widerstandes und der einseitigen Vorleistungen bei Konflikten manchmal Wunder wirken können. Aber gegen einen wirklich bösartigen und unfairen Gegner wird das christliche Verhalten ihn nur ermutigen, in seinem bösen Tun fortzufahren.

 

Die Christen verhalten sich meist gar nicht christlich. Darauf weisen nicht nur Nichtchristen hin, sondern noch mehr die christlichen Priester gegenüber ihren eigenen Schäfchen.

 

Was die Liebe zum Geld anbetrifft, so hat hier die Kirche immer wieder gegen das Gebot Jesu verstoßen. Dies war für Franz von Assisi und Joachim von Fiore der Anlass, Bettelorden zu gründen. Und auch Luther rebellierte gegen die Geldgier der Kirche. Dabei konnten sie sich auf folgende Passage der Bergpredigt berufen:

 

„Sammelt keine Schätze auf der Erde, wo sie nur Motte und Wurm vernichten und wo Diebe einbrechen und stehlen. Verkauft euren Besitz und gebt den Armen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motte noch Wurm vernichten, und wo Diebe nicht einbrechen und nicht stehlen; denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein. Keiner kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen, und den anderen wird er lieben, oder er wird den einen sich halten und den anderen wird er verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“

 

An einer anderen Stelle der Bergpredigt heißt es:

 

„Es sprach einer zu ihm: Herr, ob es nur wenige sind, die gerettet werden ? Der aber sprach zu ihnen: Breit ist das Tor und breit ist der Weg, der ins Verderben führt, und viele gehen durch das breite Tor und den breiten Weg. Wie eng ist das Tor, und wie schmal ist der Weg, der ins Leben führt, und wenige sind es, die ihn finden. Kämpft, durch die enge Tür hineinzugehen, denn viele werden versuchen hineinzugehen, es aber nicht vermögen…

Nicht jeder, der mich „Herr, Herr“  ruft,  wird in das Reich des Himmels eingehen, sondern nur der, der den Willen des Vaters tut. Viele werden zu mir an jenem Tag sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen prophezeit, und haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben, und haben wir nicht in deinem Namen viele Wunder vollbracht ? Und dann werde ich ihnen bekennen: Niemals kannte ich euch; geht weg von mir, denn ihr habt ohne Berechtigung gewirkt.“

 

Wer in das Reich Gottes einziehen soll, wird von Gott entschieden. Aber Gott ist  gnädig, sagt Jesus seinen Jüngern:

 

„Bittet, und euch wird gegeben werden; suchet, so werdet ihr finden; klopft an und euch wird aufgetan werden. Oder wer von euch ist ein Mensch, der seinem Sohn, der ihn um Brot bittet, einen Stein übergeben wird ? Oder wenn er euch um einen Fisch bittet, werdet ihr ihm dann eine Schlange geben ? Wenn schon ihr, die ihr böse seid, eueren Kindern gute Gaben gebt, um wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn um den heiligen Geist bitten.“

 

Am Schluß weist Jesus dann noch hin, daß er der wahre Prophet ist:

 

„Nehmt euch in Acht vor den Lügenpropheten, welche zu euch kommen wie der Wolf im Schafspelz. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Man sammelt doch nicht Weintrauben von Dornenhecken und erntet nicht von den Disteln Feigen. Ein guter Baum bringt keine bösen Früchte. Wenn der Baum aber nicht gut ist, bringt er faule Frucht; er wird ausgehauen und ins Feuer geworfen.

 

Jeder, der zu mir kommt und meine Worte hört und sie tut, der gleicht einem Menschen, der eine Haus baut, das in einem tief gegrabenen Fundament auf Felsen steht. Da können die Stürme wehen, da kann der Regen herabkommen, und die Flüsse können über die Ufer treten und es wird nicht einstürzen. Aber jeder, der meine Worte hört und nicht danach handelt, gleicht einem törichtem Mann, der sein Haus ohne Fundament auf Sand baut.“

 

 

 

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