Wann wurde Jesus Christus gekreuzigt
?
Willibald Bösen: „Fazit: Im weiteren Verlauf unserer Untersuchungen gehen wir also davon aus, daß Jesus am Freitag, dem 14. Nisan, dem Rüsttag zum Paschafest, des Jahres 30 n. Chr. stirbt, nur drei bis vier Stunden vor dem festlichen Paschamahl am Abend. Von mehreren möglichen Daten scheint dieses uns das wahrscheinlichere. Stimmt es, daß Jesus zwischen 7 und 5 vor Chr. geboren wird, ist er bei seinem Tod am 7. April 30 n. Chr. 35 bis 37 Jahre alt.“
Die Amtszeit des römischen Präfekten Pontius Pilatus war von 26 bis 36 n. Chr.
Rudolf Augstein: „Wer die vagen Angaben in den Evangelien
kombiniert, kommt nach Johannes auf das Jahr 31 oder 33, nach den
Synoptikern (Matthäus, Markus Lukas) auf
das Jahr 31 bis 34.“
Wolfgang Klausnitzer: „Das sicherste Faktum im Leben Jesu ist die
Kreuzigung. Wann ist Jesus hingerichtet worden ? Der zeitliche Rahmen ist
abgesteckt durch die Amtzeit des Pontius Pilatus, der von 26-36 n. Chr. Präfekt
war (gekreuzigt ‚unter Pontius Pilatus’). Der früheste Zeitpunkt, an dem das
Wirken Jesu begonnen haben kann, ist das 15. Regierungsjahr des Kaisers
Tiberius (27-28). Der späteste mögliche Zeitpunkt, an dem Jesus in der Amtszeit
des Pilatus hingerichtet werden konnte, ist das Jahr 36.
Jürgen Roloff: „Folgt man den Zeitangaben des synoptischen
Passionsberichts, so ist Jesus am Sonntag vor dem Pessachfesttag in Jerusalem
angekommen und am folgenden Freitag, der entweder der Pessachfesttag selbst
oder der Pessachrüsttag war, hingerichtet worden. Demnach dauerte sein
öffentliches Auftreten (in Jerusalem) etwa vier Tage.“
Zum Wochentag der Kreuzigung heißt es bei Markus 14, 42: „Und als
es schon Abend geworden war (es war nämlich Rüsttag, das ist der Tag vor
Sabbat), kam Joseph von Arimathäa, ein angesehener Ratsherr, der ebenfalls auf
das Reich Gottes wartete, und wagte es, ging zu Pilatus hinein und erbat sich
den Leib Jesu“.
Der Sabbat entspricht unserem Samstag und der Rüsttag war demnach
ein Freitag.
Man muß wissen, daß bei den Juden der Tag mit Sonnenuntergang
endete, und daß nach Einbruch der Dunkelheit der neue Tag begann. Der Sabbat
begann also zu dieser Jahreszeit in Israel etwa um 18 Uhr des Vortages.
Das Passahfest begann am Sabbat, den 15. Nisan. Der Nisan ist der
erste Monat im jüdischen Festkalender, von Mitte März bis Mitte April. Israel
feierte das Passahfest (das „Fest der ungesäuerten Brote“) acht Tage lang (vom
14. bis zum 21. Nisan) in Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen
Knechtschaft. Es wurde durch ein vielstündiges Mahl eingeleitet, das
Passahmahl, das am Vorabend (also an einem Freitag nach unserer Zeiteinteilung)
des 15. Nisan eingenommen wurde. Wenn aber Jesus am Rüsttag zum Sabbat (also
Freitag vor 18 Uhr) gekreuzigt wurde, kann er nicht am Sabbat (also am
Freitagabend nach 18 Uhr) mit seinen Jüngern ein Sabbatmahl eingenommen haben.
Willibald Bösen: „Den Synoptikern steht Johannes entgegen...Welcher
der beiden Datierungen darf man folgen, der synoptischen oder der
johanneischen? Die Diskussion ist zu einem exegetischen Dauerbrenner geworden,
der immer wieder neu auflodert, den dauerhaft zu löschen, die Aussichten gering
sind. Wie eine salomonische Lösung klingt der Vorschlag, den die französische
Historikerin Annie Jaubert im Jahre 1957 macht. Im Zuge ihrer Quranstudienstößt
sie auf die Beobachtung, daß um die Zeitenwende bei den Juden zwei
verschiedenen Kalender in Gebrauch sind. In Jerusalem... ist der Mondkalender
verbindlich, einem Sonnenkalender folgen die... Essener, die in Qumran am Toten
Meer‚ eine ihrer Studien- und Ausbildungsstätten’ unterhalten...Nach dem
offiziellen Jerusalemer Mondkalender zählt das Jahr insgesamt 354 Tage...Um die
jährliche Differenz zum Sonnenjahr auszugleichen, wird alle zwei bis drei Jahre
ein 13. Monat angehängt.“
Deshalb fallen die Fest auf verschiedene Wochentage. Das
Passahfest wird immer am 15. Nisan gefeiert, aber es fällt auf verschiedene Wochentage.
Nach dem Sonnenkalender wurde das Passahmahl an einem Dienstag gefeiert.
Millar Burrows schreibt 1958 auf Seite 71 in „Mehr Klarheit über
die Schriftrollen“: „Die Schwierigkeit liegt darin, die Berichte der ersten
drei Evangelien mit dem des Johannes in Einklang zu bringen. Das Passahmahl
wird (gemäß der jüdischen Tradition) in der Nacht des 14. Nisan abgehalten, da
man den Tag von Abend zu Abend rechnete. Nach den synoptischen Evangelien war
das letzte Mahl von Jesus ein Passahmahl in der Nacht des 14. Nisan, und er
wurde am 15. Nisan gekreuzigt. Nach dem Johannesevangelium wurde er am 14.
Nisan gekreuzigt...“
Johannes Lehmann schreibt in „Jesus Report“: „Richtet man sich
aber auf der anderen Seite nach der Chronologie von Matthäus, Markus und Lukas,
kommt man mit den Terminen ins Gedränge, wie Schalom Ben-Chorin festgestellt
hat: ‚Sollte er nun in dieser Nacht,
nach der Feier, durch jüdische Behörden verhaftet worden sein, so wäre es
undenkbar, daß in dieser hochheiligen Nacht das Verhör im Hause des
Hohenpriesters Kaiphas stattgefunden haben sollte, daß Jesus am Morgen des
Festes dem Pilatus übergeben wurde und am ersten Tag des Passahfestes
gekreuzigt worden sei. Dabei ist in dem Bericht immer wieder die Rede davon,
daß wegen des herannahenden Sabbat besondere Eile geboten war, nie aber die
Rede davon, daß der Feiertag selbst durch Gerichtsverhandlung, Hinrichtung und
Begräbnis entweiht worden sei. Wer mit dem jüdischen Gesetz und Brauch vertraut
ist, spürt sofort, daß all das eine bare Unmöglichkeit darstellt. Wäre Jesus in
der Sedarnacht verhaftet worden, dann hätte man ihn bis nach den Feiertagen in
Gewahrsam gelassen...der offensichtliche Widerspruch löst sich erst heute...Wir
dürfen annehmen, daß Jesus, der durch...Johannes den Täufer vermutlich zur
Sekte von Quran Fühlung hatte, den solaren Quran-Kalender benutzt hat, sodaß
seine Sedarfeier einen Tag früher stattfand als die der offiziellen Kreise
Jerusalems’.“
Johannes Lehmann: „Wenn man die Rechnung des vierten Evangelisten
(Johannes) und damit die Zeitrechnung von Qumran zugrunde legt, konnte Jesus
noch vor dem üblichen Passah-Termin der Israeliten verurteilt, gekreuzigt und
begraben werden.“
Lehman schließt daraus: „Rabbi Jesus konnte also nicht in
irgendeine Herberge gehen und das Sedarfest bestellen: noch war das
Passahgeschirr nicht hervorgeholt und durfte nicht hervorgeholt sein, da man ja
noch Gesäuertes aß - eine Tatsache, die
nur einem abendländischen Christen unwichtig vorkommen kann...Die Voraussetzung
für ein vorverlegtes Sedarmahl nach dem Quran-Kalender war also, daß auch in
Jerusalem Essener lebten, die bereits alles hergerichtet hatten, und die
infolgedessen Rabbi Jesus und seine Anhänger zur Sedarfeier aufnehmen konnten.“
Wolfgang Klausnitzer: „Wann genau ist er gestorben ? Alle vier
Evangelien stimmen darin überein, daß Jesus an einem Freitag hingerichtet
worden ist. Unterschiedlich beschreiben sie die Stellung dieses Tages im
jüdischen Festkalender. Nach den Synoptikern war dieser Freitag der erste Tag
des Passahfestes. Das Johannesevangelium wird hier von den meisten Forschern
jedoch als das historisch zuverlässigere angesehen. Für Joh. 18,18; 19,31 war
dieser Freitag des Sterbens Jesu der „Rüsttag“ des eigentlichen Passahfestes,
an dem die Passahlämmer geschlachtet wurden, bevor dann mit Einbrechen der
Dunkelheit das Passahfest begann. Die synoptische Darstellung, Jesus sei am
Passahfest hingerichtet worden, ist wegen der großen Bedeutung dieses Festes
für die jüdische Frömmigkeit eher unwahrscheinlich. Markus 14,1 f berichtet ja
selbst, die Hohenpriester und die Schriftgelehrten hätten die Hinrichtung am
Festtag vermeiden wollen, um keinen Aufstand zu provozieren. Alle Evangelien
stimmen darin überein, daß Jesus in der Nacht gefangen genommen und am darauf
folgenden Tag gekreuzigt wurde. Das ist durchaus plausibel, wenn kein
eigentliches formelles Gerichtsverfahren, sondern nur ein Informationsprozess
vor den jüdischen Autoritäten stattgefunden und auch der römische Präfekt
aufgrund der Anzeige nur eine Befragung durchgeführt hat. Wenn man in dem
Zeitraum der Amtszeit des Pontius Pilatus nach den Jahren sucht, an denen der
14. Nisan, d. h. der Rüsttag für das Passahfest, auf einen Freitag fiel (und
damit die johanneische Chronologie für historisch sicher hält), kommen die Jahre
30 und 33 in Frage. Die neueste, allerdings nicht ganz unumstrittene Berechnung
von Walter Hinz kommt sehr detailliert auf den 30. März 28. Er rechnet alerding
die drei Jahre der Mitregentschaft des Tiberius mit Augustus zu den
Regierungsjahren des Kaisers. Das ist in den zeitgenössischen Quellen nicht
belegt. Andere Autoren favorisieren das Jahr 30, ohne das andere Jahre
endgültig ausgeschlossen werden können“.
Verwendete Literatur:
Willibald Bösen: „Der letzte Tag des Jesus von Nazareth“, Herder
Verlag Freiburg, Neuausgabe 1999
Johannes Lehmann: „Jesus Report“, 1970 Econ Verlag Düsseldorf,
Taschenbuchausgabe: Knaur, München/Zürich 1973
Jürgen Roloff: „Jesus“, C.H. Beck Verlag, München 2000
Wolfgang Klausnitzer: „Jesus von Nazareth - Lehrer – Messias –Gottessohn“, Pustet Verlag,
Regensburg 2001
Rudolf Augstein: „Jesus -
Menschensohn“, 1999 Hofmann und Campe, Hamburg 1999,
Taschenbuchausgabe: DTV, München 2001