Von der Kastanie
Von Richard Beiderbeck, www.koinae.de
Das Himmelreich ist wie eine Kastanie. Wenn sie auf einen Ort der Kraft fällt, treibt sie aus und wächst zu einem gewaltigen Baum heran. Dieser trägt wiederum Früchte und bringt neue Kastanienbäume hervor. So wird aus einer kleinen Kastanie ein herrlicher Biergarten, in welchem die Menschen glücklich und zufrieden sind. Dort gibt es vollbusige Kellnerinnen, welche weit ausgeschnittene Kleider und große Maßkrüge tragen.
Im Biergarten des unbekannten Herrn ist immer ein lauer Sommerabend, und die Sonne geht niemals unter. Die Menschen trinken Maß um Maß, aber sie werden nie betrunken, sondern sind immer nur leicht beschwipst. Sie bleiben von allen Schattenseiten des übermäßigen Bierkonsums verschont und müssen noch nicht einmal zum Pieseln. Auch tut ihnen der Hintern nicht weh vom langen Sitzen auf den harten Holzbänken. Vielmehr ergeben sich immer neue Gespräche und Einsichten, und sie bleiben in einer ständigen Glückseligkeit – bis zu dem Moment, wo ein Engel (oder ein Teufel ?) in der Gestalt eines der weißwursteuphorischen Biergartenepikuräers aufsteht und laut zu allen sagt: „Ihr meints, ihr seid im Himmel. In Wirklichkeit seid ihr aber in der Hölle !“ Dann erhebt sich einer mit Gamsbart am Hut und sagt: „Dös is mir wurscht ! Bringts mir noch a Moaß ! Ich trink und trink und werd net bsuffa !“ Und ein anderer sagt zu ihm :“Sixtas, dös is d’Hölln“. Und ein anderer sagt: „Ich wollt mich grad mit der Kellnerin davonschleichen; sie sagt aber immer: ‚Wart bis dunkel werd, Bua !’“. Und ein dritter tut einen tiefen Zug vom Bier und sinniert: „Wenn der Himmel die Hölle ist, und wenn die Hölle die Hölle ist – was ist dann das wahre Leben ?“ Und ein vierter antwortet: „Besser !“
Und ein weiterer sagt: „Ja, und warum samma jetz alle do in dem Biergarten ?“ Und einer antwortet: „Weil mer d’ CSU gwählt ham !“ – „Nein, so moan I des net ! I moan, was für an Sinn hat des Lebn ?“ – „A propos Leben – bringts mer doch an Leberkas ! Sixter’s, des Leben vom dem Leberkas hat oan Sinn, weil I ehm gern mog. Wanns oan Menschen gibt, der di gernhot, dann hot dei Leben oan Sinn.“ „Doch, oaner hot di gern, vielleicht sogar zwoa: Der im Himmel und der in der Hölle.“
Da sagt einer, der bisher nur zugehört hat: „Gebts a Rua ! Dös kann mer ja nimmer mit anhören ! Bei dem ganzen Philosophieren kommt doch bloß a Schmarren raus. Es ist doch wurscht, ob dich oaner gern hot oder net, es is doch wurscht, ob des Leben oan Sinn hot oder net. Es is doch wurscht, ob dös do die Hölln oder der Himmel is. Hat oaner von euch Schmerzen, tut oam von euch was weh ? Nein ! Dann seid doch froh und dankbar ! Wenn ihr diesen Biergarten verlasst, beginnt gleich hinter der Wirtschaft die unendliche Wüste. Ihr habt gar keine Wahl, als hier zu sitzen.“ Da meint ein anderer: „Man könnte jetzt aber da hinaus in die Wüste gehen und nach zwei Stunden völlig erschöpft zurückkehren. Was meinst, wie einem da des Bier schmecka dat !“ „Aber willst du das wirklich riskieren ? Was is, wenn du dich verirrst oder ein Löwe frisst mich auf !“ „Wieder einer, der dich liebt !“ „Nein, jetzt ohne Schmarren: Soll ich jetzt lieber hier bleiben, oder alles aufs Spiel setzten, um noch was Tolleres zu erleben ?“ „Das mit dem Sand und der Wüste glaube ich nicht. Geh hinaus und hole mir einen Schuh voll Sand!“
Da ging der Mann hinaus und kam nach zwei Stunden mit einer in einer Papiertüte versteckten Schnapsflasche zurück, von der er immer heimlich ein Schlückchen nahm. Er sagte: „Dort hinten, hinter der Sanddüne ist eine U-Bahnstation. Man steigt ein und ist nach drei Stationen am Broadway. Da ist was los ! Kommt mit mir mit !“ Da gingen sie alle in die Wüste und suchten die U-Bahnstation. Nur einer, der mit dem Gamsbart am Hut, blieb sitzen und sagte: „Wenn die U-Bahn zur Theresienwiese ginge, wär ich vielleicht mitgefahren. Aber ich mach mir nichts aus Religion.“
„Dös hob I etz net verstanden !“ , sagte da einer. „Dös is doch ganz oafach“, sagte da ein Dritter, „oaner erzählt dir was, was völlig absurd ist – und du sollst es glauben“. „So einfach is des net“, sagte der aus der U-Bahn vom Broadway, „warum hätte ich sonst meine Schnapsflasche in einer Tüte versteckt ? Schon daran kannst du sehen, daß ich vom Broadway und nicht von der Theresienwiese komme. Und überhaupt: Man muß eine religiöse Erfahrung machen, dann kann man erst mitreden“. „Erfahrung !“, sagte da ein Skeptiker in der Krachledernen, „ I moan, du hoast dort draußen bloß e weng zvuil Schnaps derwischt. Was du religiöse Erfahrung nennst, nenn ich schlicht Halluzinationen durch übermäßigen Alkoholkonsum. Religiöse Erfahrungen, des san durch Drogen, Schlafmangel oder Hunger hervorgerufen Wachträume. Von wegen ‚Visionen’ !“ „Ja, aber in die Mitternachtsmesse an Weihnachten bist doch ganga. Und warum ? Weil die Religion tröstet. Was ist das für eine beschissene Welt, wenn die Religion nur die Halluzination eines spinnerten Religionsstifters ist ? Wenns die Religion net gäb, müst mer se erfinden“.