Lenin in Schwabing
Von
Siehe auch:
Verwendete
Literatur:
Ernst Bäumler: „Verschwörung in Schwabing
Lenins Begegnung mit Deutschland“, Düsseldorf und Wien, 1972
Nedezda Konstantinovna Krupskaja:
„Erinnerungen an Lenin“, Wien 1929
David Shub:
„Lenin – Geburt des Bolschwismus“, 1948, deutsche
Ausgabe München, 1976
Die Vorgeschichte: Lenin als Verbannter in Sibieren
Am
13. Februar 1897 begann für Wladimir Iljitsch Uljanow,
der Welt besser bekannt als „Lenin“, die dreijährige Verbannung nach Sibirien.
Sein neuer Wohnort war das Dorf Schuschenskoje, etwa
600 km von der nächsten Bahnstation entfernt. Es war eine recht komfortable
Verbannung, denn der russiche Zar war weit humaner
als später Stalin. Lenin konnte sich frei bewegen, im Sommer konnte er wandern
und baden, im Winter Schlittschuh laufen. Seine Lebensgefährtin Nedeshda („Nadja“) Konstaninowna Krupskaja, Tochter des adeligen russischen Staatsbeamten Konstanin Krupski, von Beruf
Lehrerin, die ebenfalls wegen revoltionärer Umtriebe
verbannt worden war, durfte mit ihm in der Verbannung zusammenleben – aber nur
unter der Bedingung, daß sie heirateten - was dann
auch am 10. Juli 1898 stattfand. Die Krupskaja
brachte ihre Mutter in die Verbannung mit. Dieses Zusammenleben mit der
Schwiegermutter war die einzige Haftverschäftung, der
Lenin ausgesetzt war. Seine Schwiegermutter war später der einzige Mensch, der
Lenin zu widersprechen wagte.
Es
war eine sehr humane Verbannung
Die
Krupskaja schrieb 1924 über die Verbannung: „Unser
Leben (in der Emigration) wird als Leben voller Entbehrungen geschildert. Das
stimmt nicht. Not, in der man nicht weiß, wofür man sich Brot kaufen soll,
kannten wir nicht.“
Als
die Krupskaja und ihre Mutter in Schuschenskoja
eintrafen, war Lenin gerade auf der Jagd. Lenin war gut erholt und strotzte vor
Gesundheit. Die Verbannung tat ihm gut. Seine Bücher hatte er auch mitnehmen
dürfen und mit den beiden anderen Verbannten konnte er revolutionäre Lieder
singen. Später bekam die Krupskaja eine
Haushaltshilfe, sodaß sich sich
besser auf ihre revolutionären Studien konzentrieren konnte. Lenin half den
Bauern juristischen Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit. Lenin und seine
Frau unterhielten in der Verbannung eine ausgedehnte Korrespondenz. Per Brief
spielte Lenin Fernschach. Als er aus der Verbannung zurückkehrt war,
verzichtete Lenin auf das Schachspiel; es nahm ihm zu viel Zeit weg und
beeinträchtigte die revolutionäre Arbeit.
Lenin
durfte auch schon mal Pferd und Wagen mieten, um einen Revolutionär, der in der
Gegend wohnte, zu besuchen. Zu Neujahr trafen sich alle verbanneten
Sozialdemokraten in Minussa. Lenin und seine Frau
fuhren ebenfalls hin.
Lenin
benutze die Zeit in Sibiren, um ein dickes Buch über
die Entwicklung des Kapitalismus in Russland zu schreiben. Außerdem lernte er
Deutsch und übersetzte zusammen mit seiner Frau ein Buch über die englische
Gewerkschaftsbewegung.
Lenin
hat in der Verbannung die Idee, eine gesamtrussische Zeitung zu gründen
1899
kam Lenin auf die Idee, vom Ausland aus eine Zeitung herauszugeben, die in ganz
Russland Verbreitung finden sollte. Es war ihm klar, daß
in Russland die Redakteure und Drucker der Zeitung früher oder später erwischt
werden würden. Das Blatt mußte also im Ausland
geschrieben und gedruckt werden und dann mit Hilfe eines Agentnetzes
nach Russland geschmuggelt werden. Lenin wählte als Verlagsort München aus. Er
folgte damit dem Rat seines Freundes Dr. Israel (Alexander) Lasarewitsch
Helphand, eines großen, dicken Russen, der unter dem
lateinischen Pyseudonym „Parvus“
(d.h. „der Kleine“) Bücher und Zeitungsartikel sozialistischen Inhaltes
schrieb. Er war 1899 nach München gekommen und wohnte, als er sich hier
etabliert hatte, in der Ungererstraße 80 in München-Schwabing. Für München
sprachen mehrere Gründe: Lenin konnte auf Unterstützung durch die deutschen
Sozialdemokraten hoffen, in München konnte er ziemlich unbehelligt von der
Obrigkeit agieren und die Zeitungen mussten nicht so weit transportiert werden
wie von London, Paris oder Zürich aus.
Lenin
begann schon von er Verbannung aus einen lebhaften Briefwechsel mit zwei seiner
Freunde aus dem Petersburger Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse, Julius
Martow (der war Jude und hieß eigentlich J.O.
Zederbaum) und Alexander Potressow. Die beiden waren
ebenfalls nach Sibirien verbannt, aber an andere Orte. Lenin, Martow und Potressow hatten schon
1895 mit der Herausgebabe einer revolutionären
Zeitung in Petersburg begonnen. Aber noch bevor die erste Ausgabe erschien,
wurden die Probedrucke beschlagnahmt und Lenin und Martow
verhaftet.
Parvus
hatte Potressow 1899 im Exil besucht und von ihm
erfahren, daß Lenin eine Zeitung gründen wollte. Parvus war von der Idee begeistert, denn er liebte neue
Projekte.
Lenin
verlässt Russland und und kommt nach München
Am 29. Januar
1900 war für Lenin die Verbannung abgelaufen. Die Krupskaja
musste aber noch den Rest ihrer Verbannung absitzen, bis März 1901. Lenin
reiste mit Frau und Schwiegermutter per Schlitten über den vereisten Jenissej
entlang nach Krasnojarsk, dann per Bahn nach Ufa. Dort ließe er die beiden
Frauen in der Obhut von sozialdemokratischen Genossen zurück. Er selbst reiste über
Moskau und Petersburg nach Pskow (Pleskau).
Die Krupskaja schreibt: „Während seines Aufenthaltes
in Pleskau knüpfte Wladimir Iljitsch eifrig die Fäden
der Organisation, die die zukünftige, im Ausland erscheinende allgemeine
russische Zeitung mit Russland, mit der Arbeit in Russland verknüpfen sollte“.
Am 18. Mai erhielt er ohne Schwierigkeiten einen Pass für die Ausreise. Als er
aber nicht ausreiste, sondern nach Peterburg fuhr, wurde er für zehn Tage eingesperrt.
Die Krupskaja schreibt: „Vor der Abreise ins Ausland wäre
Wladimir Iljitsch beinahe gefasst worden. Er kam in Begleitung Martows aus Pleskau in Petersburg
an. Die Polizei kam ihnen auf die Spur und verhaftete sie. Wladimir Iljitsch
trug inder Weste 2000 Rubel, die er von „Tante“
erhalten hatte, und Notizen über Verbindungen im Auslande. Die Notizen waren
mit unsichtbarer Tinte auf ein Stück Briefpapier geschrieben, auf das zum
Schein noch etwas Nebensächliches, irgendeine Rechnung, mit gewöhnlicher Tinte
geschrieben war. Wenn die Polizei darauf verfallen wäre, den Zettel anzuwärmen,
so wäre es Wladimir Iljitsch nicht gelungen, eine allgemeine russische Zeitung
im Auslande zu organisieren. Aber er hatte Glück und wurde nach zehn Tagen
wieder auf freien Fuß gesetzt.“
Lenin hielt
mit seiner Frau Kontakt durch Briefe. Diese schrieb er meist in Bücher, die er
an die Adressen verschiedener Personen sandte. Am 29. Juli 1900 reiste Lenin
ungehindert über Zürich und Genf nach München.
Ein
gewisser Herr „Mayer“ zieht in die Kaiserstraße 53
Lenin
fand in München Unterkunft bei einem vertrauenswürdigen Sozialdemokraten. Es
handelt sich um den 36-jährigen Georg Rittmeyer,
einem behäbig wirkenden Mann mit Bierbauch. Rittmeyer
stammte aus Forchheim bei Nürnberg. Sein Vater besaß in Forchheim eine
Brauerei.
Georg
Rittmeyer hatte im Frühjahr 1899 das große Haus in
der Kaiserstraße 53 gekauft und dort das Lokal „Zum Onkel“ eröffnet. Alle
vierzehn Tage hielt hier der Bürgerrechtsverein seine Versammlungen ab und der
sozialdemokratische Gesangsverein „Echo“ veranstaltete hier seine beliebten
Liederabende.
Rittmeyers Haus hatte drei Stockwerke und einen weithin sichtbaren roten Giebel.
Es lag an der Ecke Kaiserstraße-Römerstraße. Ganz in der Nähe war das Haus von
Karl Wolfskehl in der Römerstraße 16. Im Parterre von
Rittmeyers Haus wohnten (außer ihm selbst) ein
Schreinermeister und ein Gastwirt, im ersten Stock wohnte ein Kaufmann, ein
Schlosser und seine Familie und die Reittmeyers
hatten noch einige Räume, im zweiten Stock wohnte ein Kaufmann, ein
Parkettschreiner, eine Witwe und ein Tagelöhner, im dritten Stock ein Maurer,
ein Pflastermeister, ein Schmid, ein Ausgeher und die
Witwe eines Straßenbahn-Kondukteurs mit ihrem Sohn Josef Lenz. Der war zwölf jahre
alt und arbeitete als Zeitungsjunge. Täglich brachte er Lenin die
sozialdemokratische „Münchner Post“.
Lenin
und das Münchner Wetter
Lenin
schrieb am 16. und 27. Januar 1901 an seine Mutter. Natürlich erzählte Lenin
seiner Mutter nichts von den gefährlichen und aufregenden Dingen, die er
machte. Er berichtet lieber vom Wetter in München. Er schrieb: „Schade, daß bei Euch eine so schreckliche Kälte herrscht: wenn ich
hier den Deutschen (oder Tschechen) von den Temperaturen von (minus) 28 R (=Réaumur; entspricht –35 Grad Celsius) erzähle, ächzen die
Leute nur und wundern sich, wie wir Russen das eigentlich aushalten. Hier
gelten minus acht bis minus 10 Grad R (=minus 10 bis minus 12,5 Grad Celsius)
als Kälte, als furchtbare Kälte, fast alle Leute gehen nur in Herbstmänteln
(allerdings tragen sie größtenteils noch wollne Strickjacken). Auch die Häuser
sind überhaupt nicht für die große Kälte eingerichtet, die Wände sind dünn, die
Fenster werden nicht fest abgedichtet, sehr oft gibt es nicht einmal Winterfesnter. Meinetwegen machst Du Dir unnötig Sorgen:
ich werde in einer Pension, in der ich seit dem Herbst ständig einkehre, gut
beköstigt. Ich fühle mich wohl – wahrscheinlich, weil ich wenig sitze und viel
herumlaufe.“
In
seinem nächsten Brief schrieb Lenin: „Warme Sachen brauche ich jetzt nicht. Der
Winter ist hier anscheinend schon vorbei – d. h. der richtige Winter mit
Temperaturen unter Null. Bis Ende Dezember war es warm, Schnee ist nicht
gefallen, es regnete. Dann fiel Schnee, und die Temperaturen sanken (morgens)
auf minus 10 bis minus 15 R (minus 12 bis minus 19 Grad Celsius), und die
Deutschen schimpften über die furchtbare Kälte. In den Häusern ist es bei ihnen
wirklich furchtbar kalt, sogar wenn draußen nur minus 3 R (minus 4 C) sind; sie
sind miserabel gebaut. Vor etwa einer Woche ist Tauwetter eingetreten, der
ganze Schnee taute in einer Nacht weg, und jetzt haben wir ein Wetter wie im
März bei uns oder sogar wie im April in Sibirien...“
Die
Krupskaja hat Probleme, ihren Mann zu finden
Aus
Angst vor der russischen Geheimpolizei, die auch im Ausland aktiv war, vermied
es Lenin, seinen Aufenthaltsort anzugeben, nahm falsche Namen an und tat in
seinen Briefen so, als wäre er in Prag. Aber er hatte seiner Frau ein Buch
geschickt, in seine Adresse in München stand. Das Buch schickte er aber nicht direkt
an seine Frau, sondern an einen Mittelsmann. Der gab es aber nicht an die Krupskaja weiter, sondern behielt es. Deshalb nahm sie an,
Lenin sei in Prag.
Sie
schreibt: „Ich fuhr nach Prag, in der Annahme, daß
Wladimir Iljitsch unter dem Namen Modratschek in Prag
aufhalte...Als ich in Prag ankam, war niemand an der Bahn.“ Sie mietete sich
schließlich eine Droschke und fuhr in ein
Arbeiterviertel. In einer schmalen Gasse, in einer riesigen Mietschkaserne
sollte „Herr Modratschek“ wohnen. Dem stand sie schließlich
gegenüber. Aber es war nicht Lenin, sondern ein tschechischer Arbeiter. Der
aber wusste, wo Lenin zu finden sei: Er wäre unter dem Namen Rittmeyer in München.
Bald
darauf betrat die Krupskaja in München-Schwabing das
Lokal „Zum Onkel“ und fragte nach „Rittmeyer“. Die
Frau des echten Rittmeyer führte sie in den
Hinterhof, wo es eine unbewohnte Wohnung gab. Dort saßen schon am Tisch:
Wladimir Iljitsch, Martow und Anna Iljitschna (Lenins Schwester Anna, die in Berlin lebte).
Lenin
lebte unter falschem Pass in München
Die
Krupskaja schreibt: „Wladimir Iljitsch war ebenso wie
Martow und Potressow mit
legalem Pass ins Ausland gereist. In München beschlossen sie aber, unter
fremden Pässen und abseits der russischen Kolonie zu leben, um die aus Russland
eintreffenden Genossen nicht zu gefährden und illegale Literatur in Koffern,
Briefen usw. leichter nach Russland übersenden zu können.
Als
ich nach München kam, lebte Wladimir Iljitsch bei dem bereits genannten Rittmeyer, ohne bei der Polizei gemeldet zu sein, und
nannte sich Mayer. Rittmeyer war zwar Besitzer eine
Gastwirtschaft, aber Sozialdemokrat, und gewährte Wladimir Iljitsch in seiner
Wohnung Unterkunft. Wladimir Iljitsch hatte ein ärmliches Zimmerchen. Er lebte
wie ein Jungeselle. Zu
Mittag aß er bei einer Frau, die ihm dauernd Mehlspeisen vorsetzte...
Vor
meiner Ankunft lebte Wladimir Iljitsch einfach ohne Paß.
Später besorgten wir uns den Paß eines Bulgaren, Dr. Jordanow, schrieben ihm eine Frau Maritza
hinein und richteten uns in einem Zimmer ein, das wir durch eine Annonce bei
einer Arbeiterfamilie fanden.“
Lenin
zieht in die Schleißheimer Straße 106
Dieser
Arbeiter war Hans Kaiser; er nahm Lenin und seine Frau im Frühjahr 1901 als
Untermieter in seiner Wohnung in der Schleißheimer
Straße 106 auf. Damit wohnten Lenin und Htler in der
gleichen Straße, allerdings nicht zur gleichen Zeit. Hitler kam erst 1911 nach
München. Er wohnte in der Schleißheimer Straße 34.
Hans
Kaiser erinnerte sich als fast 85-jähriger noch an seine Untermieter, Lenin und
seine Frau: „Es waren Russen, der Mann war blaß und
gedrungen, fast ohne Haare; die Frau etwas rundlich, mit einem guten,
bäuerlichen Gesicht.
Die
Krupskaja schreibt: „Nach meiner Ankunft zogen wir zu
einer deutschen Arbeiterfamilie. Die Familie war recht groß, sie bestand aus
sechs Personen. Sie hatten nur eine Küche und eine kleine Kammer. Aber es
herrschte überall peinliche Sauberkeit, die Kinder waren sehr sauber und gut
erzogen. Ich beschloß, Wladimir Iljitsch mit
häuslicher Kost zuv ersorgen und begann selber zu
kochen. Ich kochte in der Küche der Wirtsleute, musste aber alles in unserem
Zimmer zubereiten. Ich bemühte mich, dabei so wenig Geräusche wie möglich zu
verursachen, denn Wladimir Iljitsch schrieb schon an seiner Broschüre ‚Was tun ?’.
Wenn
er etwa schrieb, ging er gewöhnlich mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab
und sprach leise vor sich hin, was er schreiben wollte. Ich hatte mich damals
schon an seine Art zu arbeiten gewöhnt. Wenn er schrieb, redete ich gar nicht
mit ihm und stellte ihm keinerlei Fragen. Nachher, auf dem Spaziergang,
erzählte er, worüber er gerade schrieb und nachdachte...Oft machten wir
Ausflüge in die Umgebung Münchens, meist entlegene Orte, wo es weniger Menschen
gab.
Aus
Uljanow wurde in München „Lenin“
Ein
Revolutionär im Exil braucht eine Tarnadresse und ein Pseudonym. Auch Wladimir
Iljitsch Uljanow hatte im Laufe seiner konspirativen
Aktivitäten eine ganze Reihe von falschen Namen benutzt. In München nannte er
sich zum ersten Mal „Lenin“. Die Post, die er erhielt, war adressiert an Herrn
Dr. med. Carl Lehmann in der Gabelsbergerstraße 20a
(heute Gabelsbergerstraße 46, direkt gegenüber der
Technischen Universität München). Dr. Lehmann hatte in diesem Haus seine Praxis
und war unverdächtig. Aber die Gabeslbergerstraße 20a
war eine wichtige Deckadresse für russische Verschwörer. Lehmann war 1865 in
Offenburg in Baden geboren und hatte einen vermögenden Vater (der besaß eine
Lederfabrik). Lehmann war Weltverbesserer und Idealist und träumte von der
Befreiung der Arbeiterklasse. Während der Zeit, als das Sozialistengesetz in
Kraft war (1878 bis 1890), arbeitete er in Zürich, London, Hamburg und München
an der Herstellung und Verbreitung sozialistischer Literatur. Dabei kam er
mehrmals mit Polizei und Justiz in Konflikt; einmal stand er in Freiburg vor
Gericht, wurde aber freigesprochen. Erst später entschloß
er sich, einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen und studierte in Straßburg und
München Medizin, wo er dann promovierte. Einmal überkam ihn die Reiselust, er
sperrte die Praxis zu und reiste als Schiffsarzt um die Welt. Lehmanns Ehefrau
Hope hatte Medizin studiert und sich auf Gynäkologie spezialisiert. Sie stammte
aus Hallifort in Schottland, war 1855 geboren (also
10 Jahre älter) und vorher mit dem Sozialisten Dr. Otto Walther verheiratet und
war selbst eine engagierte und kenntnisreiche Sozialdemokratin. Der Salon in
der Wohnung der Lehmanns war Treffpunkt der sozialdemokratischen
Intellektuellen in München.
Wenn
der SPD-Parteivorsitzende August Bebel in München war, übernachtete er im Hause
der Lehmanns. Frau Lehmann übersetzte August Bebel’s
Buch „Die Frau und der Sozialismus“ ins Englische. Auch die linksradikale
Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin war häufig Gast bei
Lehmanns. Sie kam aus Sachsen, war in erster Ehe mit dem Russen Ossip Zetkin
verheiratet gewesen, der aber früh verstarb. Sie lebte in Stuttgart, war damals
noch eine staatliche Frau und stand dem Maler Oskar Zundel
Modell. Der heiratete sie. Clara Zetkin zog in Zundels
Villa in Stuttgart-Degerloch und empfing dort die Prominz
des internationalen Sozialismus, darunter ihre Freundin Rosa Luxemburg. Rosa
Luxemburg und Lenin begegneten sich später in München in der Wohnung von „Parvus“ in der Ungererstraße 80.
Lenin
zieht in die Siegfriedstraße 14
Das
Leben als Untermieter in der Schleißheimerstraße 106 konnte für Lenin und seine
Frau nur ein vorübergehender Notbehelf sein. Die Krupskaja
schreibt: „Nach einem Monat bezogen wir eine eigene Wohnung in einem der
zahlreichen großen Neubauten in der Münchner Vorstadt Schwabing, schafften uns
‚Mobiliar’ an (das wir bei der Abreise für insgesamt 12 Mark wieder verkauften)
und lebten wieder auf unsere Art.
Mittags
nach dem Essen kamen Martow und auch andere zur
sogenannten Redaktionssitzung zu uns. Martow pflegte
ununterbrochen zu reden und dauernd von einem Thema aufs andere überzuspringen.
Er las ungeheuer viel, erfuhr stets irgendwo irgendwelche Neuigkeiten und
kannte alles und jedes. ‚Martow ist der typische
Journalist’, sagte Wladimir Iljitsch von ihm verschiedentlich, ‚er ist
außerordentlich begabt, fasst alles rasch auf, ist äußerst sensibel, nimmt aber
alles auf die leichte Achsel.’
Für
die ‚Iskra’ war Martow
geradezu unersetzlich. Wladimir Iljischt ermüdeten
diese täglichen 5- bis 6stündigen Gespräche sehr; sie machten ihn ganz krank
und arbeitsunfähig. Einmal veranlasste er mich, zu Martow
zu gehen und ihn zu bitten, nicht mehr zu uns zu kommen...Aber daraus wurde
nichts. Nach zwei Tagen war wieder alles beim Alten. Martow
konnte ihne diese Gespräche einfach nicht leben. Von
uns pflegte er mit Vera Iwanowa, Dimka
und Blumenfeld (dem Setzer der Iskra) ins Cafe zu
gehen, wo sie noch stundenlang saßen.“
In
der Siegfriedstraße schrieb Lenin seine Broschüre „Was tun ?“
zu Ende.
Lenin
und das Münchner Leben
Die
Krupkskaja schreibt: „Die Münchner Zeit blieb uns
stets in angenehmer Erinnerung...Alle spärten das
Wachstum der Organisation, alle waren von dem Bewusstsein durchdrungen, daß der richtige Weg zur Schaffung der Partei gefunden war.
Nur
so ist die harmlose Fröhlichkeit zu erklären, mit der wir uns auf dem Karneval
amüsierten und jene übermütige Laune...
Das
lokale Leben fesselte unsere Aufmerksamkeit nur wenig. Wir nahmen als
Beobachter daran teil. Wir gingen zwar auch manchmals
auf Versammlungen, aber sie waren im Allgemeinen wenig interessant.
Ich
erinnere mich an eine Maifeier. In jenem Jahr war es der deutschen
Sozialdemokratie zum erstenmalg estattet
worden, einen Umzug zuveranstalten, aber nur unter
der Bedingung, daß man Ansammlungen innerhalb der
Stadt vermeide und die Feier außerhalb veranstalte.
Und
nun zogen die deutschen Sozialdemokraten in ziemlich großen Kolonnen, mit Kind
und Kegel und den üblichen Rettichen in der Tasche, schweigend im Eilmarsch
durch die Stadt, um später in einem Vorortrestaurant Bier zu trinen. An einer Demonstration aus Anlaß
des Weltfeiertages der Arbeiterklasse erinnerte die ‚Maifeier’ in keiner Weise.
Da
wir uns streng konspirativ verhielten, standen wir mit deutschen Genossen
überhaupt ncht in Verbindung. Nur mit Parvus kamen wir zusammen, der mit seiner Frau und seinem
Söhnchen nicht weit von uns in Schwabing wohnte. Einmal weilte Rosa Luxemburg
bei uns zu Besuch, und Wladimir Iljitsch kam bei Parvus
mit ihr zusammen. Parvus vertrat damals einen sehr
linken Standpunkt, war Mitarbeiter der ‚Iskra’ und
interessierte sich für die russische Bewegung.“
Lenin veröffentlicht in seiner Zeitung „Iskra“ den Artikel „Womit beginnen ?“
Dieser
Artikel, der eine ziemlich trockener und langweiliger Text
ist (man muß ihn also nicht unbedingt lesen) steht in
einem völligen Kontrast zu den Proklamationen Derleths.
Wieviel banaler, sachlicher und unspektakulärer ist
der Text Lenins. Hier geht es ganz banal und pragmatisch darum, wie man die Revoltion voranbringen kann.
Lenin veröfftlichte im Mai 1901 in der Nr. 4 seiner Zeitung „Iskra“ einen Grundsatzartikel mit dem Titel: „Womit beginnen ?“ Darin versuchte er den Weg zu weisen für die
weiteren Aktionen der Sozialisten. Er schreibt in den wesentlichen Passagen
(Übersetzung von Einde O’Callaghan):
Lenin: Wir
lehnen den Terror nicht ab, aber er ist im Moment eher schädlich als nützlich
„Grundsätzlich haben wir den
Terror nie abgelehnt und können wir ihn nicht ablehnen. Er ist eine
Kampfhandlung, die…unter bestimmten Bedingungen durchaus angebracht und sogar
notwendig sein kann. Doch das Wesen der Sache besteht gerade darin, daß gegenwärtig der Terror…ein…unabhängiges Mittel des
Einzelangriffs ist. Bei dem Fehlen einer zentralen Organisation und bei der
Schwäche der örtlichen revolutionären Organisationen kann ja der Terror auch
nichts anderes sein. Und deshalb erklären wir entschieden, das
ein solches Kampfmittel unter den gegebenen Umständen unzeitgemäß und
unzweckmäßig ist, daß es die aktivsten Kämpfer von
ihrer wirklichen, für die Gesamtbewegung wichtigsten Aufgabe ablenkt, und nicht
die Kräfte der Regierung, sondern die der Revolution desorganisiert. Man denke
an die letzten Ereignisse: Vor unseren Augen drängen breite Massen der
städtischen Arbeiter und des „gemeinen Volkes“ der Städte zum Kampf, die
Revolutionäre aber haben keinen Stab von Leitern und Organisatoren. Besteht
unter solchen Bedingungen nicht die Gefahr, daß durch
die Abwanderung der tatkräftigsten Revolutionäre zum Terror jene
Kampfabteilungen geschwächt werden, auf die einzig und allein ernste Hoffnungen
gesetzt werden können? Besteht nicht die Gefahr, daß
dadurch die Verbindung der revolutionären Organisationen mit den zersplitterten
Massen der Unzufriedenen, Protestierenden und Kampfwilligen zerrissen wird,
deren Schwäche gerade in ihrer Zersplitterung besteht? Dabei liegt doch in
dieser Verbindung die einzige Gewähr für unseren Erfolg. Wir sind weit entfernt
von dem Gedanken, heldenmütigen Einzelaktionen jede Bedeutung abzusprechen,
aber es ist unsere Pflicht, mit aller Energie davor zu warnen, sich am Terror
zu berauschen, ihn als wichtigstes und hauptsächliches Kampfmittel zu
betrachten, wozu heute sehr, sehr viele so stark neigen. Der Terror kann
niemals eine alltägliche Kampfhandlung werden: bestenfalls taugt er nur als
eine der Methoden des entscheidenden Sturmangriffs. Es fragt sich, ob wir im
gegenwärtigen Moment zu solchem Sturmangriff aufrufen können? …Die
Hauptmasse unserer Streitkräfte besteht aus Freiwilligen und Aufständischen. An
regulärer Truppe besitzen wir nur einige wenige kleine Abteilungen, und auch
die sind nicht mobilisiert, nicht miteinander verbunden, nicht dazu
ausgebildet, militärische Kolonnen, geschweige denn Sturmkolonnen zu bilden.
Für jeden, der fähig ist, die Gesamtbedingungen unseres Kampfes zu überblicken,
ohne sie bei jeder „Wendung“ im historischen Ablauf der Ereignisse zu
vergessen, muß es unter solchen Umständen klar sein, daß unsere Parole gegenwärtig nicht lauten kann: „Auf zum
Sturm“, sondern lauten muß: „Organisiert die
regelrechte Belagerung der feindlichen Festung“. Mit anderen Worten: Die
unmittelbare Aufgabe unserer Partei kann nicht sein, alle vorhandenen Kräfte
jetzt schon zum Angriff aufzurufen; sie muß vielmehr
in der Aufforderung bestehen, eine revolutionäre Organisation zu schaffen, die
fähig ist, alle Kräfte zu vereinigen, die sich nicht nur Leitung nennt, sondern
die Bewegung tatsächlich leitet, d.h. stets bereit ist, jeden Protest und jeden
Ausbruch zu unterstützen und zur Vermehrung und Festigung der für den
entscheidenden Kampf tauglichen Streitkräfte auszunutzen.
… erforderlich ist, einen bestimmten Plan
der Organisation auszuarbeiten, damit von allen Seiten an ihren Aufbau
geschritten werden kann. In Anbetracht der unaufschiebbaren Dringlichkeit der
Frage haben wir beschlossen, unserseits den Genossen den Entwurf eines Plans zu
unterbreiten, den wir in einer Broschüre, die für den Druck vorbereitet wird,
ausführlicher entwickeln werden. (nämlich in der Schrift: „Was tun ?“)
Wir brauchen
eine gesamtrussische sozialdemokratische Zeitung
Unserer Meinung nach muß
der Ausgangspunkt der Tätigkeit…die Schaffung einer gesamtrussischen
politischen Zeitung sein. Wir brauchen vor allem eine Zeitung – ohne sie ist
jene systematische Durchführung einer prinzipienfesten und allseitigen
Propaganda und Agitation unmöglich… Unsere Bewegung leidet unter sowohl in
ideologischer als auch in praktischer, organisatorischer Hinsicht vor allem
unter ihrer Zersplitterung …. Und der erste Schritt …. auf dem Wege zur
Verwandlung der einzelnen örtlichen Bewegungen in eine einheitliche
gesamtrussische Bewegung, muß die Schaffung einer
gesamtrussischen Zeitung sein...Wir sind jetzt imstande….eine Tribüne zu
schaffen für eine vom ganzen Volk ausgehende Entlarvung der zaristischen
Regierung – eine solche Tribüne soll die sozialdemokratische Zeitung sein. Zum
Unterschied von den anderen Klassen und Schichten der russischen Gesellschaft
besteht in der russischen Arbeiterklasse ständiges Interesse für politisches
Wissen, besteht ständig (und nicht in besonders erregten Zeiten) eine riesige
Nachfrage nach illegaler Literatur. Angesichts dieses Massenbedarfs, angesichts
des Heranwachsens erfahrener revolutionärer Führer, das bereits begonnen hat,
angesichts jener Konzentration der Arbeiterklasse, die sie in den
Arbeitervierteln der Großstadt, in der Arbeitersiedlung, im Fabrikort
faktisch zum Herrn der Lage macht, ist die Herausgabe einer politischen Zeitung
eine Sache, der das Proletariat durchaus gewachsen ist. Durch Vermittlung des
Proletariats aber wird die Zeitung in die Reihen des städtischen
Kleinbürgertums, der ländlichen Hausindustriellen und der Bauern dringen und zu
einer wirklichen politischen Volkszeitung werden.
Die Zeitung wird zu einer Stärkung unserer
Logistik und Organisation führen
Die Rolle der Zeitung beschränkt sich
jedoch nicht allein auf die Verbreitung von Ideen, nicht allein auf die
politische Erziehung und die Gewinnung politischer Bundesgenossen. Die Zeitung
ist nicht nur ein kollektiver Propagandist und kollektiver Agitator, sondern
auch ein kollektiver Organisator….Mit Hilfe der Zeitung und in Verbindung mit
ihr wird sich ganz von selbst eine beständige Organisation herausbilden, die
sich nicht nur mit örtlicher, sondern auch mit regelmäßiger allgemeiner Arbeit befaßt, die ihre Mitglieder daran gewöhnt, die politischen
Ereignisse aufmerksam zu verfolgen, deren Bedeutung und Einfluß
auf die verschiedenen Bevölkerungsschichten richtig zu bewerten und zweckmäßige
Methoden herauszuarbeiten, durch die die revolutionäre Partei auf diese
Ereignisse einwirken kann. Schon allein die technische Aufgabe – die
regelmäßige Versorgung der Zeitung mit Material und ihre regelmäßige
Verbreitung – zwingt dazu, ein Netz von örtlichen Vertrauensleuten der
einheitlichen Partei zu schaffen…. Dieses Netz von Vertrauensleuten wird das
Gerippe einer solchen Organisation bilden, wie wir sie brauchen: genügend groß,
um das ganze Land zu erfassen; genügend breit und vielseitig, um meine strenge
und detaillierte Arbeitsteilung durchzuführen; genügend standhaft, um unter
allen Umständen, bei allen „Wendungen“ und Überraschungen ihre eigene Arbeit
unbeirrt zu leisten; genügend elastisch, um zu verstehen, einerseits einer
offenen Feldschlacht gegen einen an Kraft überlegenen Feind auszuweichen, wenn
er alle seine Kräfte an einem Punkt gesammelt hat, und anderseits die
Schwerfälligkeit dieses Feindes auszunutzen und ihn dann und dort anzugreifen,
wo der Angriff am wenigsten erwartet wird. Heute fällt uns die verhältnismäßig
leichte Aufgabe zu, die Studenten zu unterstützen, die in den Straßen der
Großstädte demonstrieren. Morgen wird sich vielleicht eine schwierigere Aufgabe
ergeben, z.B. die Arbeitslosenbewegung in einem bestimmten Bezirk zu
unterstützen. Übermorgen müssen wir auf dem Posten sein, um an einem Aufruhr
der Bauern revolutionären Anteil zu nehmen…Und wenn wir unsere Kräfte für die
Herausgabe einer allgemeinen Zeitung vereinigen, so wird diese Arbeit nicht nur
die tüchtigsten Propagandisten heranbilden und hervortreten lassen, sondern
auch die geschicktesten Organisatoren, die
talentiertesten politischen Führer der Partei, die fähig sind, im notwendigen
Zeitpunkt die Parole zum entscheidenden Kampf auszugeben und den Kampf zu
leiten.
Lenin schreibt „Was tun ?“
Von
Herbst 1901 bis Februar 1902 schrieb Lenin in München seine grundlegende
Schrift „Was tun ?“ Sie wurde im März 1903 in Suttgart als Einzelausgabe (der Zeitung „Iskra“) veröffentlicht). Darin kommt er am Schluß auf die entscheidende Frage zu sprechen: „Welchen
Organisationstyp brauchen wir ?“ Er schreibt (von mir
gekürzt, Übersetzung O’Callghan):
Wir sind somit bei … dem Plan einer Organisation…,
die sich um eine gesamtrussische Zeitung gruppiert, die durch die gemeinsame
Arbeit für diese Zeitung geschaffen wird. Nur eine solche Organisation wird die
für eine sozialdemokratische Kampforganisation notwendige Elastizität gewährleisten… Es
wäre der größte Fehler, wollte man die Parteiorganisation so aufbauen, daß man dabei nur auf einen Ausbruch und einen Straßenkampf
oder nur auf die „Vorwärtsbewegung des unscheinbaren Tageskampfes“ rechnet. Wir
müssen unsere tägliche Arbeit ständig
leisten und immer zu allem bereit sein, denn sehr oft ist es fast unmöglich,
vorauszusehen, wann Perioden der Stille durch Perioden des Sturms abgelöst
werden….Auch die eigentliche Revolution darf man sich keineswegs in der Form
eines einmaligen Aktes vorstellen…Darum muß der
Hauptinhalt der Tätigkeit unserer Parteiorganisation…die politische
Agitationsarbeit (sein), die in ganz Rußland
einheitlich zusammengefaßt sein muß,
die von breitesten Massen getragen wird. Diese Arbeit aber ist im heutigen Rußland ohne eine gesamtrussische, sehr oft erscheinende
Zeitung undenkbar. Die
Organisation, die sich von selbst um diese Zeitung bildet, die Organisation
ihrer Mitarbeiter (im
weiten Sinne des Wortes, d.h. aller, die für sie arbeiten), wird eben zu allem bereit sein, angefangen
damit, daß sie die Ehre, das Ansehen und die
Kontinuität der Partei in der Zeit der größten revolutionären „Depression“
rettet, bis zu dem Moment, da sie den allgemeinen bewaffneten Volksaufstand vorbereitet, ansetzt
und durchführt.
In der Tat, man stelle sich den bei uns sehr
üblichen Fall vor, daß an einem oder an mehreren
Orten die Organisation restlos auffliegt. Wenn es nicht eine regelmäßige gemeinsame
Arbeit gibt, die alle
örtlichen Organisationen verbindet, so wird in einem solchen Fall die Arbeit
oft für viele Monate unterbrochen. Ist aber eine gemeinsame Sache da, so
genügt, selbst wenn noch soviel aufgeflogen ist, die Arbeit von zwei, „drei
energischen Menschen, um innerhalb von wenigen Wochen neue Zirkel von
»Jugendlichen, die bekanntlich sogar jetzt sehr rasch entstehen, mit dem
gemeinsamen Zentrum zu verbinden»; wenn aber diese gemeinsame Sache, die unter
den Verhaftungen zu leiden hat, allen sichtbar ist, so können noch rascher neue
Zirkel entstehen und die Verbindung mit dem Zentrum aufnehmen.
Man stelle sich anderseits einen Volksaufstand vor.
In der heutigen Zeit werden wohl alle zugeben, daß
wir an ihn denken und uns auf ihn vorbereiten müssen. Aber wie vorbereiten? Das
Zentralkomitee kann doch nicht an allen Orten Agenten zur Vorbereitung des
Aufstands ernennen! Selbst wenn wir ein Zentralkomitee hätten, so würde es
unter den gegenwärtigen russischen Verhältnissen durch solche Ernennungen absolut
nichts erreichen. Das Netz von Agenten hingegen, das sich bei der Arbeit für
die Schaffung und Verbreitung der gemeinsamen Zeitung von selbst bildet,
brauchte nicht „zu sitzen und zu warten“, bis die Losung zum Aufstand
ausgegeben wird, sondern es würde gerade eine solche regelmäßige Arbeit
leisten, die ihm im Moment des Aufstands mit größter Wahrscheinlichkeit den
Erfolg sichert. Gerade eine solche Arbeit würde unbedingt die Verbindung mit
den breitesten Massen der Arbeiter und mit allen Schichten, die mit der
Selbstherrschaft unzufrieden sind, festigen, was für den Aufstand von so großer
Wichtigkeit ist. Gerade in einer solchen Arbeit würde sich die Fähigkeit
herausbilden, die allgemeine politische Lage richtig einzuschätzen, und
folglich auch die Fähigkeit, den für den Aufstand passenden Moment zu wählen.
Gerade eine solche Arbeit würde alle
lokalen Organisationen daran gewöhnen, gleichzeitig auf dieselben, ganz Rußland bewegenden politischen Fragen, Vorkommnisse und
Vorfälle zu reagieren, auf diese „Vorfälle“ möglichst energisch, möglichst
einheitlich und zweckmäßig zu antworten – denn der Aufstand ist doch im Grunde
genommen die energischste, die einheitlichste und zweckmäßigste „Antwort“ des
gesamten Volkes an die Regierung. Gerade eine solche Arbeit würde endlich alle
revolutionären Organisationen an allen Ecken und Enden Rußlands
dazu anhalten, ständige und gleichzeitig streng konspirative Verbindungen zu
unterhalten, die die faktische
Einheit der Partei schaffen – ohne diese Verbindungen aber ist es unmöglich,
den Plan des Aufstands kollektiv zu beraten und am Vorabend des Aufstands die
notwendigen Vorbereitungsmaßnahmen zu treffen, über die das strengste Geheimnis
gewahrt werden muß.
Mit einem Wort, der „Plan der gesamtrussischen
politischen Zeitung“ ist nicht nur keine Frucht der Studierstubenarbeit von
Personen, die von Doktrinarismus und Literatentum angesteckt sind (wie es Leuten schien, die
nicht richtig über ihn nachgedacht haben), sondern ist, im Gegenteil, der
praktischste Plan, um von allen Seiten und unverzüglich mit der Vorbereitung
des Aufstands zu beginnen, ohne dabei auch nur für einen Augenblick die
dringende Tagesarbeit zu vergessen.
Um
seine Pläne in die Tat umzusetzen, brauchte Lenin Freunde und Helfer. Hier
einige der wichtigsten:
Er
war ein guter Bekannter von Dr. Lehmann und Parvus
und wurde zum ersten deutsche Geburtshelfer von Lenins Zeitung „Iskra“. Er war einer der begabtesten
und streitbarsten Journalisten der SPD. Der bekannte österreiche
Sozialdemokrat Victor Adler, Parteiführer in Wien, war sein Schwager. Sein
Vater war ein jüdischer Eisenbahn-Unternehmer in Österreich. Als Student der
Nationalökonomie in Wien wurde er Sozialist und Gründungsmitglied der
österreichischen SPD. Späer siedelte er nach München
über und arbeitete für die „Münchner Post“. Von dort ging er nach Dresden zur „Sächsichen Arbeiterzeitung“ und dann nach Berlin zum
„Vorwärts“, dem Zentralorgan der SPD. Dort lernte er Lenins Freund Potressow kennen. 1898 wurde er aus Preußen ausgewiesen,
weil er im Vorwärts zu sehr gegen Kaiser Wilhelms Reich opponierte. Er ging
nach Nürnberg und arbeitete für das Arbeitersekretariat. 1902 wurde er
Chefredakteur der SPD-Zeitung „Fränkische Tagespost“.
Er
benutzte seine Manschetten als Stenoblock und hauste in der Dachstube der
Druckerei der „Tagespost“. Bett, Stuhl und Fußboden seiner Kammer waren mit
Büchern und Manuskripten bedeckt.
Als
Lenin Braun in Nürnberg besuchte, wollte er die handwerklichen Details lernen,
die man wissen muß um eine Zeitung zu machen. Braun
besorgte ihm auch die erste Tarnadresse für seine Post aus Russland: Philip Roegner, Nürnberg, Neue Gasse 2. Roegner
war früher Mechaniker gewesen und jetzt Zigarrenhändler. Von Nürnberg aus
schrieb Lenin die ersten Briefe nach Russland und an die russischen Exilanten
in der Schweiz.
Er
war Sozialdemokrat und besaß eine kleine Druckerei in Leipzig-Probstheida,
Russenstraße 4. Dort druckte er auf einer einfachen Schnellpresse die
„Arbeiter-Turnerzeitung“. Auf dieser Druckerpresse wurde die Vorankündigung für
das Erscheinen der „Iskra“ und dann auch erste Nummer
der Zeitung gedruckt und von hier aus auf verschlungenen Wegen nach Russland
geschmuggelt. Die Zeitung wurde erst in die Schweiz, Belgien oder nach London
geschickt. Auch der Keller des „Vorwärts“ in Berlin war ein wichtiger
Umschlagsplatz. Nach Rußland gelangte die „Iskra“ auf verschiedenen Routen. Eine führte von London
über Hamburg und die Ostsee. Eine andere ging über Ostpreußen, eine dritte über
Oberschlesien und die Südroute über Östereich nach Südrußland. In Russland selbst gab es geheime Druckereien,
welche die einzelnen Ausgaben in vielen Tausend Exemplaren nachdruckten.
Der
Setzer der „Iskra“ in Hermann Rauhs
Druckerei war Joseph Blumenfeld, ein polnischer Sozialdemokrat. Sein Deckname
war „Zwentow“. Er hatte einen Satz kyrillischer
Lettern, unter Gerümpel verborgen, auf einem Handwagen in Rauhs
Druckerei gebracht. Er wurde ein von Lenins
geschätzter Helfer, fiel aber später zeitweise in Ungnade, weil seine vielen
Weibergeschichten die konspirative Geheimhaltung gefährdeten.
Er war Chef eines von ihm gegründeten SPD-Verlages in Stuttgart. Seine Geburtsstadt war Lübeck, seine Lehrzeit als Buchdrucker verbrachte er in Petersburg, wo er in das Umfeld des Revolutionärs Tschernyschewsky geriet. Der war einer der geistigen Väter der Narodniki. Dietz kehrte nach Deutschland zurück und baute in Stuttgart einen Verlag auf und druckte die marxistischen Klassiker und ihre Interpreten, sowie das maßgebende theoretisch-wissenschaftliche Organ der SPD, die Monatszeitschrift „Die Neue Zeit“, ferner Clara Zetkins „Die Gleichheit“ und das Satire-Blatt „Der wahre Jakob“.
Dietz druckte für Lenin seine zweite, legale Zeitschrift, die „Sarja“ („Morgenröte“). Für den Druck der Illegalen „iskra“ kam er nicht in Frage, weil er zu vorsichtig war.
Wera Sassulitsch
Die Narodniki versuchten, die Bauern gegen das Zarenregime aufzuhetzen und einen Bauernaufstand in Gang zu bringen. Als das nicht den erhofften Erfolg brachte, versuchten sie es mit terroristischen Mordanschlägen gegen hohe Persönlichkeiten des Zarenregimes. Die 27-jährige Studentin Wera Sassulitsch machte am 24. Januar 1878 in Petersburg den Auftakt: Sie schoß auf den Stadthauptmann General Trepow und verwundete ihn schwer. Erstaunlicherweise wurde sie freigesprochen. Als Lenin nach München kam, wurde die Sassulitsch eine enge Mitarbeiterin von ihm und Mitglied der Redaktion der „Iskra“.
René Prevot schreibt in seinem Buch „Kleiner Schwarm für Schwabylon“:
„Die Freunde und Bekannten der Reventlow, männliche wie weibliche, waren nicht zu zählen,
sie kannte ganz Schwabing. Aber selbst über diese Menge Menschen hinaus strebte
ihr Blick zu Unbekannten, und war bis zur Selbstvergessenheit fasziniert, wenn
sie eine irgendwie auffallende Erscheinung sah. Sie hatte die Antenne für das
Interessante.
So erinnere ich mich, wie sie –
zuerst bei Papa Benz, dann noch mehrere Male in anderen Schwabinger Cafés –
mich auf eine Russin aufmerksam amchte, die allgemein
und schlechthin nur ‚die Vera’ genannt wurde. Für mich gehört ‚die Vera’ zu
jenen merkwürdigen Personen, die man erst kenen
lernt, wenn sie nicht mehr da sind. Erst neuerdings, nach fünfzig Jahren, habe
ich erfahren, wer eigentlich ‚die Vera’ war,
um allerdings dann mit dem Stuhl umzukippen.
Sie fiel durch zwei Dinge auf,
durch die man sonst in Schwabing nicht auffallen konnte. Ersten durch ihre
Kleidung, die alles, was man an Extravaganze oder
Schlamperei...in Schwabing gewohnt war, weit übertraf, und zweitens durch ihr
Zigarettenrauchen, das jeden bis dahin gekannten Tagesrekord überringelte. Das
Auffallende ihrer Erscheinung wurde Ergänzt duch geheimsnisvolle Gerüchte: es hieß, sie habe einmal einen
russischen Polizeioffizier erschossen und sei aus dem Zarenreich geflohen. Wenn
sie mit ihrem Freunde, der sie fast ständig begleitete, in eins der Cafe´s kam, gingen Blicke eines fremdartigen Interesses
herüber und hinüber. Sie schien an dem Schwabinger Treiben Gfallen
zu finden; in ihren beobachtenden Augen stand fast immer ein Lächeln...
‚Die Vera’ war, das erfuhr ich
aus den Erinnerungen der Krupskaja, jene Vera Sassulitsch, die damals zu den engsten Mitarbeitern Lenins
gehört. Den Lenin wohnte und wirkte ja – in Schwabing.
Sie war Genossin Plechanows in der Gruppe ‚Befreiung der Arbeit’ und
Mitarbeiterin der Zeitschrift ‚Iskra’, die Lenin in
Schwabing redigierte und auf Geheimwegen nach Russland einschleusen ließ. ‚Iskra’ bedeutet ‚der Funke’, und der Name ging auf einen
Vers Puschkins zurück, der jede Nummer der Zeitschrift als Motto begleitete:
‚Aus dem Funken wird die Flamme emporschlagen’. Der Freund, mit dem Vera die
Schwabinger Cafés durchstreifte, war Blumenfeld, ein gebürtiger Pole und
nebenbei Setzer der ‚Iskra’. Nadeshda Konstantinowa Krupskaja hat des
Bild der Vera, die mit dem bulgarischen Paß in
München lebte, durch ein paar intime Züge bereichert: in ihrer Wohnung
herrschte eine genialische Unordnung, aber ein ebenso striktes Aufräumverbot.
Wenn sie auf einem Petroleumkocher ein Stück Fleisch gebrauten hatte, pfelgte sie es mit der Schere zu zerschneiden...
Doch genug von ihr. Der große Unbekannte, der hinter ihr stand, sit für uns niemals in Erscheinug getreten, obwohl wir sicher hundert- oder tausendmal im Umkreis seiner Wohnung umhergegangen sind. Anfänglich hatte W.J.Uljanow, genannt Lenin, unter dem schlichten Namen Maier in einem Hinterhaus der Thalkirchner Straße gewohnt wo ihn der Gastwirt Rittmaier begönnerte und eine alte Nachnarin ihm das Mittagsessen meistens eine der ihm unausstehlichen Mehlspeisen, bereitete.“
Der Schmuggel der Zeitung nach Russland verlief nicht ohne Rückschläge. Im Dezember 1901 wurde an er litauischen Grenze eine Gruppe verhaftet, welche die Iskra nach Russland schmuggelte. Im Februar 1902 wurde in Kiew und Moskau zahlreiche Mitglieder der zentralen Gruppe verhaftet, welche den Transport der Zeitung organiserten. Im März spürte die Polizei die von E. Baumann geleitete Geheimdruckerei in Kischinew auf. In Petersburg und in anderen Städten wurden „Iskra“-Agenten verhaftet. In Biylstok wurde ein nach Russland entsandtes Mitglied der Münchner „Iskra“-Redaktion verhaftet. Lenins Organistaion war praktisch außer Gefecht gesetzt; mehr noch: man musste fürchten, daß der zaristische Geheimdienst die Spur nach München zurückverfolgen würde. Bei Lenins Schwester Anna, die in Berlin wohnte, tauchte die Preußische Politische Polizei auf. In Prag beschlagnahmte die österreichishe Polizei bei Modratschek illegale Literatur für Russland. Maximus Ernst bekam es mit der Angst zu tun und wollte das Risiko nicht mehr länger tragen. Ernst und die Redaktion der Iskra trafen sich im „Europäischen Hof“ am Münchner Hauptbahnhof. Man beschloß, daß Lenin und seine Redaktion München verlassen musste, denn mit dem Zugriff der Polizei war jederzeit zu rechnen. Neuer Wohnort der Redaktion der „Iskra“ sollte London werden.
Lenin verlässt München
Am
12. April 1902 gab Lenin seine Wohnung in der Siegfriedstraße 14 auf. „Herr und
Frau Jourdanoff, alias Meyer, bestiegen am
Hauptbahnhof den Zug und fuhren zunächst nach Köln, wo sie in der Nähe des
Domes übernachteten. Über Lüttich führen sie dann nahc
London.
Wie
schon erwähnt, war er Russe. Der Vornahme „Israel“ läßt
auf jüdische Abstamung schließen. Er schrieb für
sozialistische Zeitungen, z. B. für die „Neue Zeit“ Kautskys.
Ende 1891 ging er nach Berlin und veröffentlichte im „Vorwärts“ eine
Artikelserie über die Hungersnot in Russland. Auf Grund seiner die Revoltion in Russland fordernder Artikel wurde er nach
einigen Jahren aus Preußen ausgewiesen und führet ein
unstetes Wanderleben, das ihn nach Dresden, Leipzig, Stuttgart München und
Zürich führte. 1895 fand er schließlich bei der stark links stehenden
„Leipziger Volkszeitung“ eine fest Anstellung als
Journalist, konnte sich dort aber nicht lange halten und wechselte zur
„Sächsischen Arbeiterzeitung“.
Sein
Freund und Begleiter war der Revolutionär und Publizitst
Julian Marchelowski. Der zog mit Frau und Kind am 3.
August 1898 in die Zieblandstraße 27 in
München-Schwabing. Am Einwohnermeldeamt ließ er sich als „Privatgelehrter“
eintragen. Sein Freund Parvus ging mit ihm nach
München. Als Zweck seines Aufenthaltes gab er „Wissenschaftliche Studien“ an.
Die Münchner Polizei observierte ihn und den russischen Emigrantenzirkel, ließ
ihn aber in Ruhe. Für ihn zuständig war der 37-jährige Assessor Wilhelm Karl Krais, der in er Akademiestraße am
Siegestor wohnte. Krais bestellte Parvus
auf das Polizeipräsidium und bot ihm höflich einen Stuhl und eine Zigarre an.
Man einigte sich darauf, daß Parvus
ein Königlich Bayrischer Sozialdemokrat sei. Und für die war Bayern und nicht
die Regierung in Berlin zuständig.
Ende
April 1899 reiste Parvus mit Dr. Lehmann nach
Russland und Sibirien. Parvus hatte einen gefälschten
tschechischen Paß, der auf den Namen „August Pen“
lautet. Sie kamen auch in den Heimatort Lenins, nach Simbirsk.
Vorher waren sie in Orlow im sibirischen Gouvernement
Wjatka. Dort lebte Lenins Kampfgefährte Alexander Nikolajewitsch Potressow in der
Verbannung. Von ihm erfahren sie von den Plänen Lenins, aus dem Exil heraus
eine Zeitung und eine geheime revolutionäre Organisation in Russland
aufzubauen. Parvus sagen ihre Hilfe und die Hilfer der Münchner Genossen zu.
Als
Lenin schließlich in München ist, unterstützt in Parvus
immer wieder, vor allem indem er ihm Kontakte zu hilfreichen Menschen
vermittelt.
1905
sah kam es in Russland zu einer missglückten Revolution. Um bei der sich abzeichnenenden Revolution mitzumischen, eilte Parvus nach Petersburg. Lenin folgte ihm. Trotzki kam aus
Wien. Im April 1906 wurde Parvus in Petersburg
verhaftet und zu mehrmonatiger Gefängnis- und Festungshaft verurteilt –
abzusitzen in der sibirischen Verbannung. Auf der Fahrt nach Sibirien gelang
ihm aber im September 1905 die Flucht. Er tauchte in Petersburg unter und floh
im November 1909 vor der drohenden Verhaftung nach Deutschland.
In
Berlin traf er mit Trotzki zusammen, der
für die „permanente Revolution“ eintrat. Ideen dazu hatte Parvus
geliefert. Im Sommer 1910 ging Parvus nach Wien und
von dort nach Konstantinopel, wo er im November 1910 eintraf. 1912 gelang es
ihm, Finanzberater der türkischen Regierung zu werden. Die Regierung der Türkei
wurde damals von den Jungtürken gestellt, die in der Revoltution
von 1908/1909 an die Macht gekommen waren. Durch lukrative, aber wohl auch
dubiose Gschäfte gelangte Parvus
innerhalb von zwei Jahren zu erheblichem Reichtum. Der Revolutionär wurde zum
Millionär. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, witterte er Morgenluft. Als
Vermittler von Geschäften (sicher auch Waffengeschäften zwischen der Türkei und
Deutschland/Österreich) konnte er mit weiterem Reibach rechnen. Im Falle einer
Niederlage Russlands konnte man mit dem Sturz des Zarenregimes rechnen. Parvus arbeitete darauf hin. Parvus
war ein rückhaltloser Befürworter der Deutschen Kriegspolitik und nutzte seine
Möglichkeiten, um zu bewirken, daß die Türkei an der
Seite Deutschlands in den Krieg eintrat. Seine Wohnung in Konstantinopel wurde
zum Treffpunkt ukrainischer, georgischer und armenischer Gruppen, die ihre
Heimatländer aus dem russischen Reich herausbrechen wollten. Als diese
Aufstände scheiterten, unterstützte Parvus verstärkt
sozialistische Emigrantengruppen.
Im
Januar 1915 sagte Parvus dem deutschen Botschafter in
der Türkei, Freiherrn von Wangenheim, sinngemäß etwa folgendes: „Die russischen
Revolutionäre und das Deutsche Reich haben ein gemeinsames Interesse: Den Sturz
des Zaren. Dazu ist es aber erforderlich, daß
Deutschland die sozialistischen Revolutionäre, die bereits an der Arbeit sind,
mit größeren Geldmitteln unterstützt. Bedauerlicherweise sind die russischen
sozialistischen Emigranten uneins. Deshalb muß erste
einmal ein Eingungskongress organisiert werden, z. B.
in Genf.“
Nach
dieser Unterredung reiste Parvus nach Bukarest und
Sofia, um Rumänien und Bulgarien zum Kriegseintritt auf Seiten Deutschlands zu
bewegen – allerdings ohne Erfolg. Über Wien, wo er mit russischen Emigranten
Kontakt aufnahm, reiste er nach Berlin. Dort nahm er im Februar 1915 an einer
Unterredung im Auswärtigen Amt teil. Seine Gesprächspartner waren: der
Staatssekretär Gottlieb von Jagow, Legationsrat Kurt Riezler und Max Zimmer. An diese Besprechung anknüpfend
reichte Parvus am 9. März 1915 im Auswärtigen Amt ein
23-seitiges Memorandum ein, in welchem er seine Ideen nochmals detailliert
darlegte.
In
dem Memorandum schlug er vor:
1.
Unterstützung der russischen Revolutionäre
in ihrem Kampf gegen die zaristische Regierung.
2.
Kontaktaufnahme mit den russischen
Revolutionären in der Schweiz
Ende
März stellte die deutsche Regierung eine Million Reichsmark für die
Unterstützung der Revolutionäre zur Verfügung. Damit wollte Kaiser Wilhelm
seinen Verwandten, den Russsichen Zar Nikolaus, den
er in Briefen einst als „mein lieber Nicki“ angeredet hatte, eigentlich gar
nicht stürzen. Es ging ihm wohl eher darum, den „lieben Nicki“ so sehr in Schwiegrigkeiten zu bringen, daß
er mit dem lieben Willy einen Separatfrieden schloß,
der die Umzingelung Deutschlands aufbrach, den Deutschen im Osten den Rücken
frei hielt und es ihnen gestattete, ihre ganze Kraft auf den Krieg im Westen
gegen Frankreich und England zu einzusetzen.
Parvus versuchte mit den Führern
der deutschen Sozialdemokratie Kontakt aufzunehmen, stieß aber bei den Sozi’s mit seinen Plänen auf
wenig Gegenliebe. Einer von ihnen (Eduard David) nannte ihn einen russischen
Spitzel, Lump und Betrüger, jetzt türkischer Agent und Spekulant“. Die
sozialdemokratische Parteizeitung „Vorwärts“ hielt ihn für „Einen Abenteurer
mit dem Bauch eines Falstaff“. Er sein eine Mischung
aus „poltischem Condottiere
und Industriekapitän“.
Im
Mai 1915 reiste Parvus nach Zürich und quartierte
sich in dem Nobelhotel „Baur au Lac“ ein. Damit outete er sich als reicher Mann und Klassenfeind. Die
Revolutionäre mochten ihn nicht. Lenin hielt Parvus
für einen Agenten der deutschen Sozialchauvinisten, also einen der
Sozialdemokraten, die sich nach Kriegseintritt in Chauvinisten verwandelt
hatten. Lenin traf sich mit ihm Ende Mai. Parvus
versuchte Lenin seine Ideen schmackhaft zu machen: „Solange der Krieg dauert,
wird es in Deutschland keine sozialistische Revoltion
geben – aber danach. Zur Zeit ist nur in Russland eine
Revolution möglich.“ Aber Lenin wollte mit Parvus
nichts zu tun haben. Bis 1917 lehnte er es ab, deutsche Hilfsgelder anzunehmen.
In
Zürich gelang es Parvus nur vier unbedeutende
Sozialisten anzuwerben. Mit ihnen gründete er in Kopenhagen ein
„wissenschaftliches Institut.“ In Kopenhagen vermittelte der deutsche Gesandte
in Kopenhagen, Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau,
die Kontakte zwischen Parvus und der deutschen
Regierung. Der Graf war ein Verwandter der Gräfin Franziska zu Reventlow.
In
Kopenhagen machte Parvus ein Handelsunternehmen auf.
Seine Vertreter in Russland waren seine Agenten im merkantilen und im revolutionärem Sinne.
Parvus und Graf Brockdorff-Rantzau verstanden sich gut miteinander. Im
August 1915 erhielt Parvus von der deutschen
Regierung eine großzügige Geldspritze zum Aufbau der sozialistischen
Zeitschrift „Die Glocke“, die bis 1925 existierte. Sie wurde bei der Münchner
Post gedruckt. Lenin war von der Konkurrenz für seinen „Iskra“
wenig begeistert. Er nannte die „Glocke“
ein „Organ des Renegatentums und des schmutzigen Lakaientums“.
Die russische Märzrevolution von
1917
In Russland geriet ab Herbst 1916 das Zarenregime ins Wanken. Ein großer Teil der Russen war unterernährt, viele waren am Verhungern. Im Januar 1917 berichtete die Polizei an die zaristische Regierung, daß Hungerrevolten drohen würden und daß die Menschen sich ein Ende des Krieges herbeiwünschten. Außerdem hatte man im Volk den Eindruck, daß im Kreml die Zarin und Rasputin herrschen würden, und nicht der Zar. Der war nämlich im Hauptquartier der Armee in Mogilew. Am 30. Dezember 1916 ermordeten Mitglieder des Zarenhofes Rasputin, aber die Dynastie der Romanows war nicht mehr zu retten.
Am 27. Feb. 1917 wurde in das Taurische Palais in Moskau die Duma durch ein kaiserliches Dekret einberufen. Am gleichen Tag fanden große Demonstrationen statt. In der Duma forderten die Liberalen die Schaffung eines der Duma verantwortlichen Ministeriums (sprich: Regierung). Den Linksparteien war das zu wenig. Alexander Kernski, der Führer Trudowiki verlangte die Entfernung des Zaren, notfalls mit Gewalt. Noch radikaler waren die Bolschewiki, sie wollten nicht nur den Zaren, sondern auch die Duma vernichten.
Am 8. März kam es in Petrograd (St. Petersburg) zu ersten Arbeiterstreiks wegen des Nahrungsmangels. Am 11. März herrschte in Moskau Anarchie. Das Transportwesen war zusammengebrochen. Nahrungsmittel und Heizmaterial konnten nicht mehr ausgeliefert werden. Teile der Truppen meuterten und machte mit den Revolutionären gemeinsame Sache. Es drohte ein Bürgerkrieg. Der Zar befahl am 12. März: „Lösen sie die Duma auf !“. Daraufhin zogen dreisigtausend Menschen zur Duma, darunter viele Soldaten, und besetzten die Duma. Die Wache der Duma konnte das nicht verhindern. Die Aufständischen befreiten die poltischen Gefangenen aus den Gefängnissen. Die Arbeiter der Petrograder Fabriken gründeten einen Arbeiterrat, also einen Sowjet. Es drohte eine blutige Schlacht zwischen den Elitetruppen des Zaren und den revolutionären Garden, aber dann kam die Nachricht, daß die Garden zu den Aufständischen übergelaufen waren. In seinem kaiserlichen Zug in Mogilew hoffte der Zar immer noch, die Revoltution unterdrücken zu können. Er beauftragte General Iwanow an der Spitze vermutlich loyaler Truppen nach Moskau aufzubrechen. Der Zar fuhr mit seinem Zug hinterher. Als er aber merkte, daß er in die Hände der Aufständischen fallen würde, fuhr er nach Pskow zurück. Jetzt war er bereit, auf die Forderung der Liberalen einzugehen und eine von der Duma ernanntes Ministerium zuzulassen. Aber inzwischen wollte das Volk schon längst seine Abdankung und die radikalen Revolutionäre seinen Kopf. Der Zar erklärte sich bereit, abzudanken. Die Leibgarde des Zaren unterstellte sich der Duma. Die Minister des Zaren wurden verhaftet. Am 15. März 1917 fuhren die beiden Duma-Abgeordneten Gutschkow und Schlugin von Petrograd nach Pskow, um dem Zaren die Abdankungsurkunde zur Unterschrift vorzulegen. Der Zar war bereit abzudanken – aber nur zu Gunstens seines Bruders, Großfürst Michael. In Petrograd hatten die Duma und das Exekutivkomitee des Sowjets ein provisorische Regierung unter Fürst Lwow ernannt. Alexander Kerenski wurde Justizminister.
Der Führer der Kadettenpartei, der zum Außenminister ernannte Prof. Paul Miljukow, drängte den Großfürsten Michael, nach Moskau zu gehen und mit Hilfe treuer Truppen die Regierung in die Hand zu nehmen. Der Großfürst aber fürchtete, daß dieser Versuch damit enden würde, daß er von den Aufständischen getötet würde. Deshalb verzichtete er darauf, auf dem Thron, der jetzt wohl eher ein Schleudersitz auf den Galgen war, Platz zu nehmen.
Damit endete in Russland das Zarenregime und an seine Stelle trat eine bürgerliche Regierung, in welcher als einziger Sozialist Kerenski saß. Aber es gab den mächtigen Sowjet (Rat der Arbeiter), der inzwischen dreitausend Mitglieder umfasste. Kerenski nahm eine Mittlerposition zwischen beiden Lagern, dem bürgerlichen und dem sozialistischen, ein und wurde zum wichtigsten und mächstigsten Mann der Regierung.
Bis 1917 blieben die revolutionären Erfolge von Parvus bescheiden, um nicht zu sagen, sie waren gleich Null. Die Märzrevolution kam ohne sein Zutun zu Stande. Und Lenin saß in Zürich und laß in der Zeitung, daß in Russland eine Revolution stattgefunden hatte – ohne ihn. Was jetzt kommen würde, war der Kampf der Revolutionäre gegen die Gegenrevolution und der Kampf der gemäßigten gegen die radikalen Revolutionäre. Bis jetzt waren sich alle in einem Ziel einig gewesen: Der Zar muß gestürzt werden. Aber was sollte nach dem Zaren kommen ? Eine Regierung des liberalen Bürgertums ? Ein Militärdiktatur ? Oder die Herrschaft des Proletariats ? Lenin zog es nach Russland. Der Bär war erlegt, jetzt galt es das Fell zu verteilen. Er war bei weitem nicht der Einzige, den es zurück nach Russland zog. Der Pöbel hatte die Gefängnisse gestürmt und die Regierung in Petrograd hatte eine Amnestie für alle erlassen, die gegen das Zarenregime rebelliert hatten und ins Exil geflüchtet waren oder im Gefängnis oder in der sibirischen Verbannung waren. Jetzt ergoß sich ein breiter Strom von Revolutionären, Abenteuerern, Idealisten und Glücksrittern nach Leningrad und Moskau. Einer derjenigen, die jetzt aus der sibirischen Verbannung zurückkehrte, war Stalin. Er hatte vier Jahre in einem kleinen Dorf im Turuansker Gebiet gelebt. Jetzt war er schon Ende März in Moskau angekommen und übernahm mit Kamenew und Muranow die Redaktion der bolschwistischen Zeitung „Prawda“.
Parvus wiegte sich in der Illusion, er könnte Lenin zu seinem Werkzeug machen. Lenin und seine Genossen mussten über die deutsch-russsiche Front hinweg nach Russland eingeschleust werden. Martow hatte die Idee, daß die russsischen Revolutionäre über Deutschland nach Russland zurückkehren sollten – im Austausch gegen deutsche Kriegsgefangene. Das Komitee der russsischen Emigranten in Bern schickte an das Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets ein ensprechendes Telegramm.
Der Vermittler zwischen den russischen Sozialisten und der deutschen Regierung war Parvus. Dessen Mittelsmann zur deutschen Regierung war Graf von Brockdorff-Rantzau. Der Vorschlag von Parvus wurde durch den Freiherrn von Maltzahn und durch Erzberger unterstützt. Sie überzeugten den Kanzler von Bethmann-Hollweg davon, der daraufhin dem deutschen Generalstab über diesen „glänzenden Schachzug“ berichtete. Paul Levi, Jude, Sozialist und Pazifist führte mit den Revolutionären in Zürich und Bern Verhandlungen. Lenin und seine Freunde waren einverstanden, allerdings diktierte Lenin vor seiner Abreise dem deutschen Botschafter noch einige Bedingungen, unter denen er über Deutschland nach St. Petersburg reisen wollte.
Am
9. April 1917 versammelten sich Lenin, die Krupskaja,
das Ehepaar Sinojew, Ines Armand, Radek
und fünf weitere Bolschwisten und etwa zwanzig Nichtbolschwisten in Zürich zu ihrer Abreise nach Russland.
Im “Zähringer Hof“ gab es noch ein Abschiedsessen. Um
15 Uhr 25, mit einer Viertelstunde Verspätung, fuhr der Zug mit Lenin und
seinen wenigen Getreuen in Richtung deutsche Grenze ab. Lenins Anhänger und
zahlreiche Emigranten und Arbeiter aus der Schweiz und Italien sangen auf dem
Bahnsteig die Internationale und winkten Lenin mit roten Fahnen nach. In Gottmadingen bei Singen stieg man in einen Sonderwagon um,
der aber nicht, wie es immer heißt, „plombiert“ war. Aber drei der vier Türen
waren abgeschlossen. Die Deutschen hatten sich bereit erklärt, auf die
Kontrolle von Pässen und Gepäck zu verzichten. Der Wagen wurde als ein Stück
Russland betrachtet. Im Wagen fuhren zwei deutsche Offiziere als
Sicherheitseskorte, ein Koch und der Schweizer Linkssozialist Fritz Platten
mit. Die Fahrt ging über Karlsruhe, Frankfurt, Berlin zu dem Ostseehafen
Saßnitz. Der Zug Lenins genoß einen derartigen
Vorrang, daß der Zug des deutschen Kronprinzen zwei
Stunden warten musste, um die russischen Revolutionäre passieren zu lassen.
Trotzdem kam man erst am 12. April in Saßnitz an. Von dort ging es mit dem
Schiff nach Stockholm, von dort durch Schweden und Finnland nach St. Petersburg.
Dort rollte der Zug am 16. April 1917 um 22:30 Uhr auf dem Finnischen Bahnhof
ein. Bereits am nächten Tag sprach er auf der Versammlung der Allrussischen Arbeiter- und Soldaten-Deputiertenräten „Über
die Aufgabe des Proletariats in der
gegenwärtigen Revolution“. Zweck dieser Rede war für ihn, bekannt zu werden und
seinen Führungsanspruch anzumelden.