Abschied von Schuld und Sühne – das Nullsummen-Gesetz

von Richard Beiderbeck, www.koinae.de

Christentum, Judentum und Islam lehren, dass der Mensch im Laufe seines Lebens immer mehr Schuld auf sich lädt. Er kann der Strafe Gottes nur entkommen, indem er seine Sünden bereut, Buße und gottgefällige Werke tut und sich demütig der Gnade Gottes ausliefert. Nur so kann der Gläubige hoffen, nach seinem Tod ein ewiges Leben in der vollendeter Glückseligkeit des Paradieses zu führen.

Doch vom Paradies trennt den Gläubigen seine Schuld, und mit der Erbsünde soll der Mensch sogar schon geboren werden.

Ähnliche Gedanken vertreten Hinduismus und Buddhismus, wenn sie sagen, dass der Mensch schon von Geburt an die Sünden seiner vorangehenden Leben mit sich schleppt und sein Karma, also sein Schuldkonto tilgen muß, um in die ewige Glückseligkeit des Nirwana einzugehen.

Wer hat sich das alles ausgedacht und warum ?

Es waren die Priester und Prediger, welche die Menschheit in der „Schuldfalle“ gefangen haben. Diese Religionsprofiteuere leben davon, dass andere für sie die Arbeit tun, und die Frage, die sich ihnen stellt, ist nicht die: „Wie erlöse ich mich von der Schuld ?“ sondern: „Wie kann ich andere dazu bringen, für mich zu arbeiten und ihren Besitz mit mir zu teilen ?“ Und hier erwies sich die Schuldfalle als geniales Werkzeug.

Religion ist die Verschwörung der Priester und Prediger gegen den Rest der Menschheit mit dem Ziel, sie zu unterwerfen und auszubeuten. Das primäre Mittel dazu ist das gepredigte Wort, das sekundäre Mittel ist die Anwendung oder Androhung von Gewalt.

Diese Kombination von Religion und Gewaltanwendung wird bereits in den fünf Büchern Moses verherrlicht und zum Maßstab des frommen Handelns gemacht. Dieser alttestamentliche Geist erfüllte auch den Islam und die christlichen Kreuzfahrer. Und in diesem Geist hat das christliche Abendland die Welt kolonisiert und im Zeitalter des Imperialismus unterworfen.

Heute sehen wir uns wieder mit der Symbiose von Religion und Gewalt konfrontiert, verkörpert durch die islamischen Terroristen ebenso wie durch die jüdischen Siedler. Palästina wird nie zur Ruhe kommen, solange dieser alttestamentliche Geist auf beiden Seiten das Denken und Handeln bestimmt.

Ich glaube, dass kein Mensch den Willen Gottes kennen kann, und dass niemand sagen darf: „Gott will es !“.

Zitat aus Wikipedia: „Mit den Worten Deus lo vult (spätlateinisch für „Gott will es!“) antwortete die Menschenmenge, als Papst Urban II. am 27. November 1095 auf der Synode von Clermont zur Befreiung Jerusalems in einer Predigt aufrief. Damit begründete er den ersten Kreuzzug, der zur Befreiung der Heiligen Stätten beitragen sollte und den einzelnen Teilnehmern helfen sollte, ihre Sünden abzubüßen.“

Gott hat Palästina nicht den Juden (und auch nicht den Christen oder den Moslems) zum Geschenk gemacht, er hat sie nicht beauftragt, die Einwohner dieses Landes zu unterwerfen, ihre Priester zu ermorden und ihre Heiligtümer zu zerstören – so wie das im alten Testament beschrieben und mit Lob bedacht wird. Ein Gott, der so etwas befehlen würde, wäre kein Gott, sondern ein böser Dämon. Wenn man von der Güte Gottes und seiner Liebe zu den Menschen ausgeht, kann er niemals Palästina den Juden zum Geschenk gemacht haben. Wer immer dies behauptet hat, der hat Gott gelästert und zum Landraub aufgerufen. Das gilt für Moses ebenso wie für die Kreuzfahrer und die Zionisten. Es war auch nicht ein gnädiger und friedlicher Gott,  der die Krieger Mohammeds angestachelt hat, die Welt zwischen Marokko und Indonesien dem Islam zu unterwerfen. Nein, es waren immer Menschen, die sich der Religion bedienten, um andere Menschen zu Eroberungszügen anzuspornen. Und diese Eroberer, Mörder im Namen Gottes, Opfer und Täter zugleich, sind, von Gier und Angst getrieben, nach vorne gestürmt, um die Welt ihren Auftraggebern zu Füßen zu legen und selbst ein kleines Stück davon für sich zu behalten.

Ich glaube, dass Juden, Christen und Moslems nicht zu einem gütigen Gott, sondern zu einem bösartigen Kriegsgott beten.  Daß ihr Gott liebevoll und gnädig ist, gilt nur für die Auserwählten, nicht für die Ungläubigen. Das lehren die heiligen Schriften, aber auch die geschichtliche Realität. Aus Sicht eines Ungläubigen ist dieser Gott, an den sie glauben, weder gut noch gnädig, sondern bösartig, egoistisch, blutrünstig und tyrannisch. So bietet er sich nämlich dar, wenn man die Handlungen derer, die an ihn glauben, zum Maßstab nimmt. Und je fanatischer sie glauben, umso unmenschlicher sind ihre Handlungen.

Was heißt hier übrigens: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ?“ Hat Jesus damit alle Menschen der Welt gemeint, wie das gerne dargestellt wird ? Nein, der Nächste, das ist das Mitglied der eigenen religiösen Gruppe. Der Nächste ist niemals der Andersgläubige. Der wird verteufelt und mit Hass verfolgt. Auch Jesus drohte den Ungläubigen die Qualen der Hölle an. Das wird gerne übersehen.

Aber, und das ist die gute Nachricht für alle Ungläubigen, dieser Gott, der die Ungläubigen mit der Hölle bestraft, existiert nicht, sondern ist nur eine Erfindung der Prediger und Priester. Wir sind diesem Gott nicht unterworfen, und wenn jemand versucht, uns das weiszumachen, dürfen wir ihn auslachen, ohne die Strafe dieses Gottes fürchten zu müssen.

Allerdings müssen wir die Strafe der Gläubigen fürchten, die uns als „Ungläubige“ verteufeln. Ihr Gott kann uns nichts tun. Aber sie, die Gläubigen können es tun. Und deshalb dürfen sie keine Macht über uns haben. Solange der Koran in endlosen Tiraden über die „Ungläubigen“ herzieht und ihnen die Strafe Gottes androht, solange ist für uns „Ungläubigen“ nirgends auf der Welt ein sicherer Ort. Aber wir sollten den „Gläubigen“ nicht mit der gleiche Sprache und den gleichen Methoden antworten. Wir dürfen nicht den „Gläubigen“ den Krieg erklären und den Glauben bekämpfen, indem wir die „Gläubigen“ töten, obwohl die Gläubigen schon unzählige „Ungläubige“ im Namen ihres Gottes getötet haben.

Nein, wir dürfen nicht den Glauben bekämpfen, indem wir die „Gläubigen“ ausrotten. Der Kampf gegen den Glauben an diesen alttestamentlichen Kriegsgott  soll ein Kampf der Ideen sein. Es geht darum, die Ideen und Behauptungen der Gläubigen als Irrtümer und Lügen zu entlarven und der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen. Der größte Feind des Glaubens ist das Wissen. Da, wo  der Mensch das Wissen besitzt, ist er nicht mehr auf den Glauben angewiesen.

Aber auch dort, wo das Wissen endet, muß man nicht glauben, sondern zweifeln. Ja, wir können nichts wissen über das Leben nach dem Tode, und wir können nicht wissen, wer oder was Gott ist. Aber wir können und müssen daran zweifeln, daß irgend ein Mensch etwas darüber weis, und selbst wenn dieser Mensch Jesus Christus oder der Prophet Mohammed persönlich ist. Beides waren nur sterbliche Menschen, mit all ihrer Irrtümern und dem beschränkten Wissen ihr Zeit.  Es ist ihnen kein Bote Gottes erschienen und hat ihnen eine Botschaft von Gott überbracht. Nein, es waren nur Menschen, die ihre Träume mit der Realität verwechselt haben. Sollen sie die Garanten der Wahrheit sein? Nicht der Glaube, sondern der Zweifel führt zur Wahrheit.

Es ist durchaus sinnvoll und legitim, daran zu glauben, daß Jesus oder Mohammed die Garanten der Wahrheit sind. Weder Jesus noch Mohammed haben eine einzige Zeile hinterlassen, die sie selbst geschrieben hätten. Das, was sie sagten, wurde erst Jahrzehnte später von Personen, die wahrscheinlich keine Augen- und Ohrenzeugen waren, anhand von bruchstückhaften schriftlichen und mündlichen Überlieferungen zu einem heiligen Buch zusammengestellt, das angeblich von Gott stammt. Wieviele Fehler und Irrtümer sind da vorprogrammiert !

Aber die Fundamentalisten behaupten, jedes Wort der heiligen Schriften sei wahr und irrtumsfrei. Und deshalb dürfen sie von ihrer Wahrheit auch nicht den kleinsten Abstrich machen. Die Welt muß erst 6000 Jahre alt sein, Jesus muß vom heiligen Geist gezeugt sein usw. Kann man mit solchen Leuten, denen es nicht um die Wahrheit, sondern nur um das Rechtbehalten geht, diskutieren ? Es scheint mir eine Zeitverschwendung zu sein. Diskutieren kann man nur mit denen, die im Zweifel sind und die Zweifel zulassen.

Auch wenn sie gegen Fanatiker versagen, so sind dennoch Aufklärung und wissenschaftliche Skepsis die großen Waffen im Kampf gegen den Glauben. Diese Waffen sind in der sachlichen Auseinandersetzung unwiderstehlich, und der Glauben kann sich nur dagegen wehren, indem er die Auseinandersetzung auf andere Ebenen verlagert: die der Emotion, der Lüge, des Zwanges und sogar der nackten Gewalt.

Die Prediger und Priester lenken die Liebe und die Verehrung der Gläubigen auf göttliche oder heilige Personen. Jeder Mensch, und ganz besonders die Frauen und die Jugendlichen haben den Drang, Liebe zu geben und Liebe zu empfangen. Millionen von schwärmerischen jungen Mädchen haben sich in Jesus Christus verliebt, und viele von Ihnen haben Jesus sogar symbolisch geheiratet, indem sie Nonne wurden. Millionen vom moslemischen und christlichen Männern sehen in Gott einen liebenden Vater, der sie versorgt und belohnt.

Die Religionsprofiteure verstehen es aber auch, den Haß in den Menschen anzustacheln und sie in Furcht vor der Strafe Gottes zu versetzen. Die wissenschaftliche Skepsis kann die Lehren der Gläubigen ad absurdum führen, aber auf dem Gebiet der Emotionen sind die Gläubigen den Ungläubigen überlegen.

Wenn die Priestern und Predigern die Glaubwürdigkeit verloren haben und die Menschen ihnen mit Spott und Verachtung begegnen, dann bleibt den „Glaubenskämpfern“ nur noch die brutale Gewalt, der heilige Krieg. Priester und Krieger gehen eine unheilige Allianz ein. Der Priester stützt die Macht des Kriegers, indem er dessen Morde und Kriege für gerechtfertigt und von Gott gewollt darstellt. Im Islam haben sich Priestertum und Kriegertum vereint, um die Welt zu unterwerfen. Der Islam verdankt seinen Siegeszug nicht so sehr der Überzeugungskraft oder Originalität seiner Lehre, die oft nur ein Echo des Alten Testaments ist, sondern der Brutalität und der Opferbereitschaft seiner Krieger.

Der Moslem wird von Kind auf mit den Predigten Mohameds und mit seiner Hetze gegen Juden und Ungläubige vollgepumpt. So wird jedes kritische und selbständige Denken in weltanschaulichen Fragen unterdrückt. Es gibt nur den Koran, der im religiösen Kern  eine ungenaue Widergabe von Bruchstücken aus dem alten Testament ist,  angereichert mit Legenden und den Haßtiraden Mohammeds gegen Juden und Ungläubige. Der Haß und die Verachtung der Moslems gegen Juden und Christen ist ja kein Zufall, sondern er wird im Koran immer wieder und wieder gepredigt. Die Toleranz unserer westlichen Politiker gegenüber dem Koran erklärt sich nur daraus, dass sie ihn nicht kennen. Der Koran ist, genauso wenig wie das alte Testament, mit unseren westlichen Grundwerten unvereinbar. Man sollte ihn nicht verbieten, aber man sollte ihn genauso kritisch analysieren, wie das die abendländische Wissenschaft mit der Bibel getan hat.

Ein weiteres Mittel der „Gläubigen“ ist die „Geheimwaffe Gebärmutter“. Die fanatischen Gläubigen schwängern ihre Frauen, um neue, unkritische Gläubige heranzuzüchten und die „Ungläubigen“ mit ihrer schieren Überzahl zu erdrücken.

Den gläubigen Moslems fällt es schwer, eine auf Wissenschaft und Technik aufbauende Zivilisation zu schaffen, weil sich Glaube und Wissenschaft ebenso ausschließen wie patriarchalisches Denken und Demokratie. An der Wiege jeder Wissenschaft steht der Zweifel, und nicht der Glaube. Deshalb ist die Zivilisation der „Ungläubigen“ technisch und materiell überlegen und kann von den „Gläubigen“ durch einen Krieg nicht besiegt werden. So ist man auf das Mittel des Terrors verfallen. Aber der Terror hat unter den Moslems und Juden weit mehr Opfer gefordert als unter den „Ungläubigen“. Die Fundamentalisten sind sich nämlich untereinander nicht einig, denn jeder beansprucht im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein. Da es aber ebenso viele Wahrheiten wie Menschen gibt, kann Einigkeit unter den Menschen nur durch Toleranz und Kompromiss zustande kommen. Man muß miteinander reden, dem anderen zuhören, dem anderen sogar Recht geben. Die fanatischen Gläubigen sind dazu unfähig, deshalb sind sie politikunfähig.

Der Gott der Juden hat sie als sein Volk auserwählt - so glauben die Gläubigen unter ihnen. Aber nicht Gott hat die Juden auserwählt, sondern die parasitäre jüdische Priesterkaste hat sich das jüdische Volk als Opfer auserwählt. Warum das gerade das jüdische Volk ? Ein anderes Volk hatte die jüdische Priesterkaste nicht. Das Banale verstehen, heißt die Welt verstehen.

In der Antike war das Land der Juden die meiste Zeit in den Händen fremder Großmächte. Für die Juden stellt sich die Frage: „Wieso lässt unser Gott, der doch der einzige und allmächtige ist, es zu, dass wir von fremden Völkern, die zu fremden Göttern beten, unterworfen wurden ?“ Die Antwort der israelischen Priesterkaste war: „Ihr Juden habt Schuld auf euch geladen, weil ihr gegen die Gebote Gottes gehandelt habt.“

Die fremden Großmächte (Ägypter, Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen, Römer) duldeten keine eigene, israelische politische Führungsschicht. Der politische Zweig der israelischen Elite wurde immer gestutzt. Die Folge war, dass die ganze Kraft der jüdischen Elite in den religiösen Zweig ging. Die religiöse Elite war für das soziale und politische Leben der Juden die dominierende Kraft. Die Juden hatten einen Gottesstaat. Besser gesagt: es war ein Priesterstaat. Wenn ein Priester sagt: „Gott will, dass du dies und jenes machst“, dann versteckt er sich nur hinter seinem Gott. Er genießt es, dir im Namen Gottes Vorschriften zu machen, und im tiefsten Inneren gibt es ihm einen ungeheuren Kick, über dich eine solche Macht zu haben. Das Machtbedürfnis der israelischen Elite konnte sich nur auf dem religiösen Sektor entfalten.

Die Achsenzeit und die Religionen

Um das Jahr 600 vor Christus war in der zivilisierten Welt, die von Ägypten, Griechenland, Persien und Indien bis nach China reichte, die Fähigkeit, philosophische und religiöse Texte aufzuzeichnen und der Nachwelt zu überliefern, zum ersten Mal in der Weltgeschichte möglich geworden. Überall gab es eine Elite von Beamten und Priestern, die diese Kunst beherrschte. Und Mitglieder dieser Elite begannen, für ihre eigenen Bedürfnisse (oder die Ihrer sozialen Klasse), und nicht für die Bedürfnisse der Staatsverwaltung oder des Handels, eigene Aufzeichnungen machen und eine religiöse und philosophische Literatur zu erschaffen. Dies war eine Revolution, die mit der Verbreitung des Buchdrucks und mit der Verbreitung der elektronischen Medien und des Internets vergleichbar ist.

Dem Philosophen Karl Jaspers fiel es auf, dass all die großen Philosophien und Religionen um das Jahr 600 vor Christus entstanden sind. Jaspers nennt diese Zeit die „Achsenzeit“. Er meint damit eine zentrale Zeit in der Weltgeschichte. Jaspers beobachtet, dass zu dieser Zeit Konfuzius, Laotse, Buddha, Zarathustra, der jüdische Prophet Deutero-Jesaja und die griechischen Philosophen (z.B. Heraklit) gelebt haben.

Das Banale verstehen, heißt die Welt verstehen. Und das Banale kann uns auch helfen, das Phänomen der Achsenzeit zu verstehen. All diese großen Philosophen, Religionsstifter und Propheten konnten nur deshalb zu einer solchen weltgeschichtlichen Bedeutung gelangen, weil sie die ersten waren, deren Lehren entweder von ihnen selbst oder von ihren Schülern und Nachfolgern der Nachwelt schriftlich überliefert wurden.

Das ist der banale Grund dafür, dass all die in dieser Zeit entstandenen Religionen und Philosophien für uns so große Bedeutung haben. Sie waren nicht die ersten Philosophen und Religionsstifter. Aber sie waren die ersten, deren Gedanken uns so detailliert und genau überliefert sind – dank der Unsterblichkeit des geschriebenen Wortes, das damals zum erste Mal in einer solchen Menge produziert und überliefert werden konnte. Vorher gab es natürlich schon in Stein gehauene oder an Wände gemalte Inschriften. Aber erst das auf Pergament (und später auf Papyrus) geschrieben Wort wurde für die gebildete Schicht zum „demokratischen“ Allgemeingut, das nicht nur Pharaonen und Königen vorbehalten blieb.

Sicherlich gab es in den Jahrhunderten und Jahrtausenden vor der „Achsenzeit“ schon  große Philosophen und Religionsstifter. Aber ihre Worte sind verklungen und vom Winde verweht. Es gab auch schon eine mündliche Tradition, in welcher der Glaube und die Literatur von Generation zu Generation weitergereicht wurden. Ich denke da an Homer, der etwa Ende des achten Jahrhunderts v. Chr. lebte. Aber auch Homer wäre dem Vergessen anheim gefallen, wenn seine Werke nicht in der Achsenzeit aufgezeichnet worden wären.

Man kann sogar ziemlich sicher sein, dass die Gedanken der großen Philosophen und Religionsstifter zum großen Teil nicht von ihnen selbst stammen, sondern auf eine alte mündliche Tradition zurückgehen. Aber sie und ihre Schüler waren die ersten, die diese Traditionen schriftlich festhielten und natürlich mit eigenen Gedanken anreicherten. Auch hier gilt der Ausspruch Newtons: „Ich konnte nur deshalb so hoch steigen, weil ich auf den Schultern von Riesen stand“.

Die Achsenzeit ist also deshalb so bedeutsam, weil mit ihr die schriftliche Tradition von Religionen und Weltanschauungen begann.

Stellen wir uns einen gleichmäßig ebenen Berghang vor, der unterhalb der Mauer eines Stausees liegt. Irgendwo bekommt der Stausee einen Riß und das Wasser ergießt sich in einem breiten Strom zu Tal. Welchen Weg das Wasser nimmt, hängt vom den Eigenschaften des Untergrundes, ob er weich oder hart ist, aber auch vom Zufall ab. Das Wasser gräbt sich bei seinem Weg nach unten ein Bett. Und wenn das Bett einmal da ist, dann wird das Wasser in Zukunft immer den gleichen weg nehmen.

Diese ersten schriftlichen Traditionen sind wie das Wasser an diesem Berghang. Sie haben in das Bewusstsein der Menschheit ein tiefes Bett gegraben, und alles was später an Gedanken und Ideen daherkommt, benutzt die gleichen, tiefeingegrabenen Furchen um zu dem gleichen Ziel zu gelangen.

Und so kommt es, dass das Denken der heutigen jüdischen Siedler und der moslemischen Fundamentlisten sich immer noch in den gleichen Bahnen bewegt, die in ihren schriftlichen Traditionen, in ihren heiligen Büchern niedergelegt wurden. Und diese Traditionen begannen um etwa 800 vor Christus.

Die schriftliche Tradition, die zunächst ein großer Segen und ein großer Fortschritt war, hat sich im Lauf der Zeit zum großen Fluch entwickelt, weil sie das Denken eines großen Teils der Menschheit in den religiösen Traditionen der antiken Welt gefangen hält.

Ich möchte diesen alten Traditionen etwas Neues entgegenstellen. Aber auch wenn diese neuen Gedanken aus mir selbst kommen, so gab es natürlich schon Menschen, die in eine ähnliche Richtung dachten. Und so geht es mir wie jedem, der neue, revolutionäre Ideen entwickelt. Wenn er in den alten Büchern nachforscht, kommt er dahinter, dass andere seine Gedanken schon lange vor ihm gedacht haben. Und wenn er noch weiter in der Zeit zurückgeht, dann wird er irgendeinen Text aus der Achsenzeit finden, in welchem seine Gedanken zumindest schon im Ansatz vorhanden sind.

So kann man mein „Nullsummen-Gesetz“ schon im Tao Te-King des chinesichen Philosophen Lao Tse und in der chinesischen Tradition vorgedacht sehen.

Mein „Nullsummen-Gesetz“ lautet:

„Gleichgültig, was auch immer ein Mensch tut oder sagt, wird dies niemals nur rein positive oder nur rein negative Folgen haben. Global und über alle Zeiten und Länder hinweg betrachtet, halten sich gute und schlechte Wirkungen einer Tat oder eines Wortes im Gleichgewicht und heben sich gegenseitig auf, sodaß die Summe aller positiven und negativen Auswirkungen gleich Null ist.“

Das ist natürlich ein schwerer Schlag für alle Weltverbesserer, die fest daran glauben, dass sie durch ihr Tun mithelfen könnten, die Menschen aus ihrer Not zu befreien und den Planeten zu retten.

Global betrachtet bleibt die Summe aller Leiden und Freuden konstant, aber vom Gesichtpunkt des Einzelnen (oder einer einzelnen Gruppe, oder einer einzelnen Nation) aus betrachtet, kann eine Tat natürlich durchaus gut und sogar notwendig sein. Aber niemand kann mehr behaupten, dass das, was er tut, wirklich zum Vorteil und Nutzen des ganzen Planeten und der ganzen Menschheit sei.

So betrachtet, bin ich nicht mehr bereit, zu sagen: „Wir müssen uns der Klimaerwärmung entgegenstellen, weil dies wäre eine Katastrophe für die Menschheit und den Planeten“. Die Klimaerwärmung wird genauso viele positive wie negative Folgen haben, und beide werden sie sich die Waage halten und unter dem Strich wird dadurch Menschen und Natur nicht mehr und nicht weniger Schaden zugefügt werden.

Genauso wenig bin ich aber bereit zu sagen: „Wir brauchen ein ständiges wirtschaftliches Wachstum und die freie Marktwirtschaft, um der Menschheit Wohlstand und Reichtum zu verschaffen.“  Oder ich bin auch nicht bereit zu sagen: „Die Planwirtschaft und der totalitäre Überwachungsstaat sind das absolute Übel, das nur Unglück über die Menschheit bringen wird.“

Was immer Menschen tun und machen werden, es wird gleich viel Vorteile wie Nachteile haben.

Trotzdem werden Menschen immer voller Energie danach streben, ihre persönliche Situation zu verbessern und ihr Ansehen und ihren Lebensgenuß zu mehren. Und dabei werden sie immer in Konflikt mit anderen Menschen geraten. Aber sie können sich nicht darauf berufen, dass das, was sie tun oder wollen, für das Allgemeinwohl das beste sei oder dass Gott dies so will. Nein, sie selbst wollen es für ihren eigenen persönlichen Vorteil.

Wenn man das Nullsummengesetz auf die jüdische, christliche, islamische, hinduistische und buddhistische Religion anwendet, bedeutet dies, dass der Mensch durch seine Taten und Worte nicht schuldig werden kann. Denn: gleichgültig, was er tut, es hat genauso viele positive wie negative Folgen.

Selbstverständlich: wenn man „Sünde“ als „Ungehorsam gegen Gott“ (was nichts anderes ist als: „Ungehorsam gegen die Priester und Prediger“) definiert, dann gibt es eine Sünde. Aber nur aus der Sicht der Priester und Prediger. Wenn wir „Sünde“ aber als eine Tat definieren, welche global, also für alle Zeiten und alle Länder betrachtet, in der Summe anderen Menschen oder Lebewesen mehr schadet und ihnen mehr Leid bringt, dann kann der Mensch weder gute noch schlecht Taten vollbringen, sondern vom ethischen Standpunkt ist es im Endeffekt egal, was er tut, weil sich gutes und Schlechtes immer die Waage halten.

Daß es keine Sünde ist, sich zu weigern, sich einem von Priestern erdachten und geformten Gottesbild zu unterwerfen und der Willkür und Absurdität religiösen Gesetze zu folgen (z. B. kleinen Jungen die Vorhaut abzuschneiden), ist klar. Aber dass auch die humanistische Ethik durch das Nullsummengesetz als sinnlos erkannt wird, ist schon schwerer zu akzeptieren.

Aber nur in der Theorie kann ich tun, was ich will, nicht aber in der Praxis - denn ich bin Teil einer sozialen Gemeinschaft, und die definiert, was für die Allgemeinheit gut ist. Auch wenn es vom philosophischen Standpunkt egal ist, ob ich jemanden umbringe oder nicht, so kann eine soziale Gemeinschaft nicht tolerieren, dass ihre eigenen Mitglieder übereinander herfallen und sich umbringen. Selbst eine Gemeinschaft von Satanisten vom Schlage eines Alleister Crowley, der seinen Anhängern predigte: „Tu was du willst !“ kann das nicht tolerieren. Das würde die soziale Gemeinschaft sofort zerstören und wir hätten die Anarchie und das Recht des Stärkeren. Ganz ohne Religion und Priester muß sich eine soziale Gemeinschaft die Gesetze geben: „Du sollst nicht töten“, „Du sollst nicht stehlen“, Du sollst nicht vor Gericht falsch aussagen“. Es ist ja keineswegs so, dass diese Gesetze ohne Religion nicht hätten. Unsere weltlichen Gesetze sind ein Produkt der praktischen Vernunft – auch wenn man das bei einzelnen in Zweifel ziehen muß.

Das Nullsummen-Gesetz entlässt uns also nicht in die Anarchie. Es befreit uns auch nicht von Gewissensbissen. Gewissen, das ist die Angst des Sünders vor der Bestrafung durch das Kollektiv, gegen dessen Normen er verstoßen hat. Diese Angst kann und will das Nullsummengesetz nicht nehmen.

Aber es kann vor unnötiger Angst und religiösen Schuldgefühlen befreien.