Die "Protokolle von Zion"- eine Fälschung

Woher stammen nun die "Protokolle der Weisen von Zion" wirklich ? Auskunft gibt uns das Buch "Weltverschwörungstheorien - die neue Gefahr von rechts". Es ist 1998 im Deuticke-Verlag, Wien-München erschienen, ISBN: 3-216-30378-0. Die Autoren sind Dr. phil. Eduard Gugenberger, Historiker und Völkerkundler, Franko Petri, Mag. iur., Mag. phil., Rechts- und Politikwissenschaftler, und Dr. phil. Roman Schweidlenka, Historiker.

Die Neonazis verbreiten als Teil ihrer politischen Propaganda die Legende von einer "geheimen Weltregierung". Ein besondere Rolle in der Nazi-Propaganda spielen die "Protokolle der Weisen von Zion".

Worum geht es ?

In seinem Buch "Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert" stellt der Autor "Jan von Helsing" (Pseudonym für Jan Udo Holey) folgende Behauptung auf:

Die "Weisen von Zion" seien als Zusammenschluß von reichen jüdischen Rabbinern entstanden. Sie hätten im Holland des 16. Jahrhundert den späteren Prinzen Wilhelm von Oranien unterstützt und seinen Sohn, dem späteren Wilhelm III. geholfen, König von England zu werden.

Anmerkung: Hier irrt Herr Holey, denn Wilhelm III. (1650 bis 1702) kann nicht der Sohn von Wilhelm von Oranien gewesen sein ( 1533 bis 1584), da zwischen dem Tod des einen und der Geburt des anderen 66 Jahre liegen. Das zeigt, wie schlampig der Herr Holey mit den Tatsachen umgeht.

Wilhelm III. hätte große Summen Geldes von jüdischen Bankiers geliehen und mit ihm als Bedingung ausgehandelt, daß sie die Bank von England als private Zentralbank errichten dürfen und hätten damit riesige Gewinne gemacht.

1773 habe Mayer Amschel Rothschild in Frankfurt ein geheimes Treffen mit 12 wohlhabenden und einflußreichen jüdischen Geldgebern (den "Weisen von Zion") abgehalten, um einen Plan auszuarbeiten, wie man das gesamte Vermögen der Welt kontrollieren könne. Dieser Plan sei später unter dem Namen "Die Protokolle der Weisen von Zion" bekannt geworden. Die Protokolle seien bis zum Jahr 1901 geheimgehalten worden, als sie in die Hände des russischen Professors S.Nilius fielen, der sie unter dem Titel "Die jüdische Gefahr" veröffentlichte.

Laut "Jan van Helsing" steht folgendes in den "Protokollen":

1. Die "Weisen von Zion" wollen große Kapitalmengen anhäufen, das Kapital an die Nationalstaaten ausleihen und so die Regierungen und die Staaten unter Kontrolle zu bringen.

2. Die Nachrichtenagenturen und die Presse sollen unter Kontrolle gebracht werden.

3. Alle politischen Gruppen sollen unterstützt werden, um ihr Vertrauen zu gewinnen.

4. Den Menschen soll der religiöse Glauben genommen werden, um ihnen den inneren Halt zu nehmen.

5.Die Menschen sollen mit vielen verschieden Meinungen verwirrt werden

6. Die Demokratie soll eingeführt werden und damit der Pöbel zur Herrschaft kommen

7. Durch Mangel und Hunger soll die Masse in Bewegung gebracht werden

8. Weltweit sollen Kriege angezettelt werden, um die Gegner der Weisen zu schwächen

9. Es soll durch die Erziehung blindes Vertrauen in die Wissenschaften erzeugt werden und dem Volk das eigene Nachdenken abgewöhnt werden.

10. Es sollen überall freimaurerische Logen gegründet werden, um bedeutende Persönlichkeiten anzulocken und zu beeinflussen.

usw. (insgesamt 24 Artikel).

Woran liegt es, daß die Protokolle auch heute noch geglaubt werden ?

Ein Grund ist wohl, daß sie bekannte Tatsachen und Mißstände aufgreifen und sie geschickt mit Verfälschungen verbinden. Die Halbwahrheiten sind oft viel schwerer zu erkennen wie die Lügen. Es ist richtig, daß es Freimaurer gibt. Es ist auch richtig, daß es schon seit Jahrhunderten viele reiche Juden gab und heute auch noch gibt, vor allem in den USA. Es ist richtig daß diese reichen Männer großen Einfluß haben - einfach aus der schlichten Tatsache heraus, daß Geld die Welt regiert. Es ist auch ganz natürlich, daß sich die reichen und einflußreichen Männer der Welt öfters treffen und ihre Ansichten austauschen, ihre Claims abstecken und gemeinsam Aktionen besprechen.

Daraus aber eine geheime Gruppe von Verschwörern konstruieren zu wollen, die die Welt regiert, geht einen Schritt zu weit. Die wird die Grenze von der Wahrheit zur Lüge und bewußten Verfälschung und Propaganda überschritten. Die mächtigen und reichen Männer der Welt sind sich nämlich nicht untereinander einig, und sie haben oft ganz unterschiedliche Interessen. Überhaupt ist die Macht auf der Welt auf viel mehr Menschen verteilt, als nur auf ein paar Superreiche. Macht ist vielgestaltig. Macht haben die Regierungen, die Gewerkschaften, die Kirchen, die Medien, die Großkonzerne und ihre Manager, die Generäle und die Armeen, die politischen Parteien, ja sogar die Wähler. Macht haben auch die Erfinder und Ingenieure, die mit neuen Entwicklungen die Volkswirtschaften auf ganz neue Wege lenken. Dies alles bildet ein komplexes Miteinander und Gegeneinander.

40 % des Textes der "Protokolle" stammen laut Norman Cohn zum Teil wortwörtlich aus dem 1864 von Maurice Joly in Brüssel veröffentlichen Buch "Dialog in der Hölle zwischen Machiavelli und Montesquieu, oder die Politik Machiavellis im neunzehnten Jahrhundert - von einem Zeitgenossen".

Nun war Maurice Joly keineswegs ein Vorläufer der Nazis, sondern er war ein oppositioneller Autor, der sich in versteckter Form über die despotische Herrschaft Napoleons III. lustig machte und sie anprangerte. Sein Buch wurde prompt verboten, Joly wurde inhaftiert.

Der liberal eingestellte Joly stellte sich in diesem Buch in satirischer Weise als "ein mehr oder weniger im Dunkeln bleibender Verschwörer" dar, der gegen die Meinung opponiere, daß nur eine allumfassende totalitäre Herrschaft die Menschen retten könne. Diese Meinung unterstellte er Napoleon III., den er als Machiavellisten kennzeichnete.

Joly benutzte also die schon damals umlaufenden Weltverschwörungstheorien für sein satirisches Pamphlet gegen Napoleon III. Er nahm diese Weltverschwörungstheorien wohl nicht ernst, aber letztlich wurde sein Buch später zur Fundgrube für diese Theorien.

Andere Quellen für die Weltverschwörungstheorien waren der Roman "Biarritz" von Retcliffe alias Goedsche. Hier kommt eine "Rede des Rabbiners" vor. Ein anderes Buch war Osman Beys "Eroberung der Welt durch die Juden". Weitere Quellen sind antisemistische Hetz- und Propagandaschriften.

Aus all diesen Versatzstücken entstanden am Ende des neunzehnten und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Rußland die "Protokolle der Weisen von Zion".

Warum gerade in Rußland ? Zu dieser Zeit lebten in Rußland viele Juden, etwa ein Drittel aller Juden auf der Welt. Rußland wurde durch immer heftigere revolutionäre Unruhen erschüttert. Die zaristische Geheimpolizei Ochrana versuchte den Zorn des Volkes an den Mißständen und dem allgemeinen Elend von der Regierung abzulenken. Als Sündenbock kamen die Juden gerade recht.

All die oben erwähnten Versatzstücke wurden von Pjotr Iwanowitsch Ratschkowski und anderen ab 1891 allmählich zu den "Protokollen" zusammengefügt. 1892 veröffentlichte Ratschowski in Paris unter dem Pseudonym "Jehan Préval" ein erstes Pamphlet, "Anarchie und Nihilismus".

Ratschkowski war ursprünglich ein linker Revoluzzer. Er wurde von dem zaristischen Regime gefangengenommen und vor die Wahl gestellt, hingerichtet zu werden oder auf Seiten des Regimes zu arbeiten. Er entschied sich für letzteres. Er wurde Rechtsextremist und brachte es 1883 in der Sicherheitspolizei von St. Petersburg zum Adjutanten. Dann wurde er nach Paris geschickt, wo er zwei Jahrzehnte lange "sämtliche geheimpolizeiliche Operationen außerhalb Rußlands" leitete. Er war oft in esoterischen Kreisen anzutreffen und wurde dort wohl in seiner antisemitischen Grundhaltung bestärkt.

1891 entwickelte er als Auslandschef der Ochrana den Plan, eine "Kampagne gegen die russischen Juden" zu machen, die dann zu dem oben erwähnten Pamphlet "Anarchie et Nihilisme" führte. Er forderte darin auf, "unverzüglich eine französisch-russische Liga zum Kampf gegen die geheimnisvolle, okkulte und unverantwortliche Macht der Juden zu schaffen" . Durch Fälschungen und Erpressungen versuchte er eine solche Liga zu gründen. Das mißlang ihm und führte dazu, daß er 1902 aus Paris abberufen wurde, was seinen Haß gegen die Juden noch verstärkte.

Einen weiteren Beitrag zu den Protokollen liefert vermutlich Elie de Cyon, eigentlich Ilia Zion, ein konvertierter Jude. Er war es wohl, der aus dem Buch Jolys die Textpassagen abschrieb.

1895 besaß die St. Petersburger Diplomatentochter und Theosophin Juliana Dmitrijewna Glinka den Text von Ilia Zion, den sie an Standesgenossen weitergab. In Petersburg entdeckte Sergej Nilius den Text und fügte ihn in sein eigenes Werk ein. Spätestens 1897 befand sich der Text von Ilia Zion in den Händen von Ratschkowski. Im gleichen Jahr gab der Prokurator des Geistlichen Synods von Moskau, Filip Petrowitsch Stepanow, gleichzeitig Kammerherr und Staatsrat, die Protokolle heraus.

Auf Betreiben von Ratschkowski erschien 1903 eine Fassung der Protokolle in der antisemistischen Zeitschrift "Snymja" unter dem Titel: "Programm für die Welteroberung durch die Juden". 1905 wurden die Protokolle von dem russischen Offizier G.W.Butumi als Broschüre herausgegeben. 1906 folgte eine Neuausgabe unter dem Titel: "Die Feinde des Menschengeschlechts. Protokolle aus den Geheimarchiven der Zentralkanzlei von Zion".

Seither ist der Text in vielen hundert Versionen und in vielen Sprachen in immer wieder abgeänderter Form veröffentlicht worden.

1905 veröffentlichte auch der hochgebildete russische Dichter und Gutsbesitzer Sergej Nilius die Protokolle im Rahmen seines Buches "Das Große im Kleinen. Der Antichrist als nahe politische Möglichkeit". Mit diesem Buch wurden die Protokolle allgemein bekannt.

Nilius wurde 1862 geboren. Er kam viel in der Welt herum und sprach zahlreiche Sprachen. Ursprünglich war er Anarchist, entwickelte sich aber zum glühenden Verfechter der Zarenherrschaft und des heiligen Rußland. In der modernen Zivilisation sah er eine Verschwörung der Mächte des Bösen.

Bisweilen zweifelte er an der Echtheit der von ihm veröffentlichen Protokolle. Das hinderte ihn aber nicht, als Prediger gegen die Juden durch das Land zu ziehen und die Menschen vor der Ankunft des Antichrist zu warnen.

Der Moskauer Metropolit veranlasste die Verlesung der antisemitischen Passagen seines Werkes in den 368 Kirchen der Stadt.

Der Text der "Protokolle" besteht aus etwa 100 Seiten in 24 Kapiteln. Es wird darin behauptet, die Juden hätten die Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Liberalismus in die Welt gesetzt , um die Macht der christlichen Staaten zu zerbrechen und schließlich eine jüdische Weltherrschaft zu errichten. Sie wollten durch Liberalismus, Materialismus und Unglauben die Macht der christlichen Monarchen brechen. Die Herrschaft des Geldes sollte die Herrschaft des Adels ersetzen. Die französische Revolution sei das Werk der "Weisen von Zion", ebenso andere Revolutionen und wirtschaftliche und soziale Umbrüche. Um ihre Ziele zu erreichen, würden sich die "Weisen von Zion" der Freimaurerlogen bedienen. Sie würden die Staaten gegeneinander aufhetzen und Kriege herbeiführen. Bei Widerstand würden die Weisen veranlassen, daß gegen die widerspenstigen Kräfte Kriege geführt würden oder daß Krankheiten sie vernichten würden.

Im Jahr 1997 würde die jüdische Weltherrschaft erreicht sein. Dann würde ein totalitärer jüdischer Staat mit einer mächtigen Geheimpolizei allen Widerstand unterdrücken. Dennoch würden alle Menschen in dem Reich von Zion glücklich sein.

1917 gelangten die Protokolle durch russische Exilanten nach Deutschland, wo sie bei deutschnationalen Aktivisten, Germanentümlern und nationalistischen Esoterikern großen Anklang fanden. 1923 verfaßte der spätere Chefideologe des Dritten Reiches, der Deutschbalte Alfred Rosenberg die Studie "Die Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitik". Ab 1920 bezogen sich fast alle NS-Hetzblätter und antisemitischen Veröffentlichungen auf die Protokolle. Später dienten sie den Nazis als Rechtfertigung für den Mord an 6 Millionen Juden.

Ab 1920 wurden die Protokolle in zahlreichen Ländern verbreitet.

Zu Beginn der zwanziger Jahre kamen starke Zweifel an der Echtheit der Protokolle auf. Die englische Tageszeitung Times entlarvte sie 1921 als Fälschung. 1934/1935 wurden bei einem Gerichtsprozess in Bern Beweise vorgelegt, daß die Protokolle eine Fälschung sind. Beklagte waren Mitglieder der Nationalen Front und des Bundes Nationalsozialistischer Eidgenossen, welche die Protokolle und andere antisemistische Hetzschriften verkauft hatten. Die Kläger waren die Israelitische Kultusgemeinde Bern und der Schweizerische Israelitische Gemeindebund.

Die jüdischen Kläger konnten durch Zeugen und Sachverständige den Gang der Fälschung beweisen. Die Schweizer Nazis versuchten vergeblich, in Rußland Zeugen für die Echtheit der Protokolle zu finden. Der Welt-Dienst und das NS-Propaganda-Ministerium unterstützten die Schweizer Nazis mit 30 000 Reichsmark. Der Chef des Welt-Dienstes, Ulrich Fleischhauer, hielt als Sachverständiger ein viereinhalbstündiges Propagandareferat vor dem Gericht. Aber seine Verdrehungen und falschen Zitate wurden während der Verhandlung entlarvt, und das Gericht beurteilte die Protokolle als Fälschung. Obwohl in der Berufungsverhandlung die Angeklagten freigesprochen wurden, beurteilte das Berner Oberlandesgericht die Protokolle erneut als hetzerisches antisemitisches Machwerk.