
Erinnerungen
an Petra Kelly (28.
Nov. 1947 bis 12. Okt. 1992)
Der folgende Text ist Teil meiner
politischen Erinnerungen von 1981 bis 2000. Ich trat 1981 den Grünen bei und
erlebte die Frühzeit der Grünen in München und Freising. 1985 war ich
Vorsitzender des Kreisverbandes Freising und half Petra Kelly, zum zweiten Mal
für den Bundestag zu kandidieren. Sie auch: www.koinae.de\MEINWEG2.htm
In folgenden Jahr, 1986, war
Bundestagswahl. Die Grünen suchten einen Kandidaten für den Bundestag. Erst
dachten sie an den Pfarrer Guggenmoos, der ein
engagierter Flughafengegner war. Den pfiff aber anscheinend sein Bischof
zurück, sodaß er absagte. Da hatte der Günther Godor (die ist sein Künstlername) den Einfall, Petra Kelly
in Freising kandidieren zu lassen. Die Chance bestand, denn Petra Kelly
unterlag ihrem eigenen Wahlkreis
Nürnberg bei der Nominierungsabstimmung der jungen Kreisvorsitzenden. Das muß eigentlich garnicht so sehr
verwundern, denn Petra Kelly war fast nie in ihrem Kreisverband, sondern immer
in Bonn oder auf Reisen.
Ich hatte Petra Kelly zum ersten Mal auf
dem Landesparteitag in Kehlheim gesehen. Dort redete sie für mein Gefühl zu
emotional, irgendwie exaltiert. Später sah ich sie auf dem Bundesparteitag in
Hagen. Dort war sie eine strahlend schöne Erscheinung.
In unserem Kreisverband Freising war
Petra Kelly nicht unumstritten. Viele warfen ihr vor, daß
Sie entgegen dem vereinbaren Rotationsprinzip ihrer Nachrückerin, der Halo
Seibold den Platz nicht frei gemacht hatte. Es war wohl auch zutreffend, daß Petra Kelly arrogant sein konnte, sich der
Gruppendisziplin schlecht unterwarf und abgehoben von der grünen Basis war. Ich
war jedoch unter ihren Fürsprechern, denn die Partei konnte es sich wohl nicht
leisten, eine so profilierte und charismatische Persönlichkeit ins Abseits zu
stellen. Günther Godor und Richard Biegger riefen bei ihr an und luden sie und Gert Bastian
ein, zu einer Art Bewerbung zur Versammlung der drei Kreisverbände Freising,
Erding und Pfaffenhofen, die den Bundestagswahlkreis bilden, zu kommen.
Die Versammlung fand in Neufahrn im
Gasthof Hepting nahe der S-Bahn statt. Die Grünen
baten mich, die Versammlung zu leiten, und so saß ich neben Kelly und Bastian
am Podiumstisch. Ich begrüßte sie und sagte, daß wir
sie bitten wollten, für uns zu kandidieren. Sie sagte, sie möchte sich erst ein
Bild über die Meinung der Mitglieder zu ihrer
Kandidatur machen. Nur wenn sie den Eindruck habe, daß
ihre Kandidatur wirklich erwünscht sein, werde sie kandidieren. Sie erzählte
von ihren Aktivitäten und wie wichtig es für sie sei, mit dem Geld, das sie als
Bundestagsabgeodnete bekomme, ihre zahlreichen
Aktivitäten zu finanzieren, insbesondere ihre Stiftung für krebskranke Kinder.
Ihre Schwester Grace war als Kind Opfer der Krebskrankheit geworden, und ich
vermute, daß Petra Kelly's
entscheidender Impuls, gegen alles Unrecht dieser Welt anzukämpfen, in der
Verwundung lag, die sie durch langsamen Tod
ihrer Schwester empfangen hat. So wie sie diesen Tod nie akzeptieren
konnte, so konnte sie auch nie akzeptieren, daß die
Welt nicht in Ordnung war.
Petra Kelly sprach sehr schnell.
Scherzhaft meinte sie, sie dürfe nicht schneller reden, als manche Leute denken
können. Das war lustig, aber auch ein wenig arrogant. Sie hatte zierliche und
schöne Hände, die verrieten, daß sie ein hochbegabter
Mensch war. Aber nicht immer klug. Denn sonst hätte sie nicht die Bemerkung
fallen lassen: "Die Grünen sind für mich nicht so wichtig. Da überschätzen
sie sich." Die Atmosphäre zwischen ihr und der Hälfte der Grünen, die sie
ablehnten, wurde immer gespannter, ja feindselig. Wie das die Art der Grünen
war, unterzog man sie einer regelrechten Inquisition. Warum sie sich nicht an das
Rotationsprinzip gehalten habe, warum sie sich nie um ihre Parteibasis kümmere,
warum sie so abgehoben, arrogant und voller Starallüren sei. Ich spürte, daß Petra all diese Anwürfe als unverschämt und um Grunde für ihre Selbstachtung als beinahe unerträglich
empfand. Mehrmals war sie nahe daran, den Versammlung
einfach platzen zu lassen. Ich saß daneben und ließ die Versammlung ihren Gang
gehen, und beschränkte mich darauf, die Ordnung zu halten. Mein Kalkül war, daß die Grünen ruhig Dampf ablassen sollten. Nachdem sie
die Petra ordentlich zurechtgestutzt hätten, würden sie sie vielleicht doch einladen , zu kandidieren.
Diejenigen, die Petra ablehnten, waren
vor allem die Fundi's und Basisdemokraten. Im Laufe
des Abends stellte sich aber heraus, das Petra
ebenfalls ein in der Wolle gefärbter Fundi war, und das war keine
Schauspielerei. Nachdem sich die Verhandlung schon bis 23.30 hingezogen hatte,
wurde die Petra allmählich unruhig und schien die Geduld mit den Grünen zu
verlieren. Wenn wir jetzt nicht zu einem Ergebnis kommen würden, würde die
Petra abreisen und niemals mehr wiederkommen. Das Ergebnis durfte nur eine
Einladung zu offiziellen Nominierungsversammlung sein. Die heutige Versammlung war ja unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Ich brach also die Diskussion
gegen einigen Widerstand ab und bat die Grünen, trotz einiger Vorbehalte Petra
Kelly einzuladen, für uns zu kandidieren. Dann ließ ich darüber abstimmen. Das
Ergebnis war denkbar knapp: Mit einer Stimme Mehrheit wurde Petra Kelly als
Kandidatin eingeladen. Sie nahm an und bedankte sich. Nach einer Weile waren
nicht nur die Gegner, sondern auch die Fan's von
Petra Kelly verschwunden und sie stand umgeben von den letzten Getreuen vor dem
Lokal. Kelly und Bastian erkundigten sich nach unserem Kreisverband und
sprachen von ihren Plänen. Dann war von den Grünen nur noch der Richard Biegger und ich übrig. Sie sagten, daß
sie versuchen würden, in dem gegenüberliegenden Hotel ein Zimmer zu bekommen.
Ich ging mit zu dem Hotel und sagte: "Auch wenn ihr mich für lästig
haltet, ich gehe jetzt mit zur Rezeption und will sehen, ob ihr ein Zimmer
bekommt." Es war kein Zimmer frei, und so fuhren wir nach Mitternacht in meinen Kleinwagen nach Freising. Petra
Kelly sagte unterwegs, daß sie es schade finde, daß Heinrich Böll nicht für die Grünen in den Bundestag
gekommen, sondern vorher gestorben sei. Ich sagte ihr, daß
ich es nicht richtig fände, wie die Grünen sie behandelt hätten und daß ich mich eigentlich immer weniger mit den Grünen
identifizieren könne.
Wir versuchten, im Bayerischen Hof ein
Zimmer zu finden, aber ohne Erfolg. Endlich hatten wir um dreiviertel eins am
Isarhotel Erfolg, wo wir die Wirtin aus dem Bett klingelten.
Zwei Wochen später wiederholte sich bei
der offiziellen Versammlung dasselbe, was schon bei der inoffziellen
geschehen war: Heftige Attacken gegen Kelly, Streit der Grünen untereinander
über die Person Petra Kelly. Überhaupt hatte sie in dieser Zeit einiges zu
leiden. Die Bildzeitung brachte eine große Schlagzeile auf Seite 1: "Petra
Kelly nackt!". Was war geschehen? Das Sexmagazin "Penthouse"
hatte Karikaturen von Prominenten im unbekleideten Zustand herausgebracht -
darunter auch Petra Kelly. Da konnte sie nun wirklich nichts dafür. Trotzdem
hatte sie die unbegründete Angst, die Grünen würden ihr das übel nehmen. Wir
konnten sie aber beruhigen, und die Sache spielte in der Versammlung auch keine
Rolle.
Das Ergebnis der Abstimmung war wieder
äußerst knapp: 20 gegen und 21 für Petra Kelly. Sie war damit unsere
Kandidatin.
Petra Kelly war zwar nun von ihrem
Wahlkreis als Direktkandidatin aufgestellt, aber sie brauchte einen der
vorderen Plätze der Landesliste, um wieder in den Bundestag zu kommen. Die
Aufstellungsversammlung war in Lindau.
Vor der Versammlung bat mich Gert Bastian, die Kritik, die ich in dem Brief an
Petra geäußert hatte, nicht vor der Versammlung zu äußern. Daran hatte ich aber
nicht im Traum gedacht.
Dann folgte die Abstimmung: Auf Platz
eins kam Halo Seibold. Gegen sie konnte Petra nicht kandidieren, denn ihrer
Nachrückerin nochmals das Bundestagsmandat wegnehmen - das konnte und wollte
Petra nicht. Auf Platz 2 kam gemäß dem
"Reißverschlußprinzip" ein Mann, Gerald
Häfner. Bei der Bewerbung um Platz drei unterlag Petra ihren Mitbewerberinnen.
Wieder mußte sie sich heftige Vorwürfe gefallen
lassen. Auf Platz vier kam der Ökobauer Hias Kreuzeder. Er gewann in einer dreiminütigen Rede die volle
Sympathie der Delegierten für sich. Der Versammlungsleiter sagte: "Hier
hat Herz zu Herz gesprochen." Hias Kreuzeder war aber nicht der schlichte Ökobauer, für den
man ihn halten konnte, sondern ein routinierter Bauernfunktionär. Auf Platz
fünf kam wieder eine Frau, und hier kandidierte u.a.
auch Petras Rivalin aus dem Kreisverband Nürnberg. Bei der ersten Wahl hatte Petra
weniger Stimmen als ihre schärfste Konkurrentin, aber auch diese hatte nicht
die erforderliche absolute Mehrheit. Es kam zu Stichwahl. Die Chancen für Petra
standen schlecht, und nach zwei demütigenden Niederlagen zögerte sie, nochmals
anzutreten. Sie fragte ihre Umgebung, (den "Petra Kelly-Fanclub", wie
der ehemalige Arbeitsratkollege von München West zu mir bissig bemerkte), ob
sie nochmals antreten sollte. Ich sagte, sie hätte auch ihren Stolz und sollte
doch aufgeben. Sie aber entschied sich dafür, weiterzukämpfen. Und dann geschah
fast ein kleines Wunder: Sei gewann die Stichwahl. Wenn die Grünen ein
einigermaßen gutes Ergebnis erzielten, war Petra wieder im Bundestag. Ihre
Freunde kamen zum Gratulieren, später ging sie zum Interview vor der Fernsehkamera.
Anschließend saßen wir draußen auf der
Terrasse des Versammlungslokals am Bodensee und genossen die warme Sonne. Petra
Kelly erzählte, daß sie zu Beginn ihrer Zeit im
Bundestag ganz vorne neben Willy Brand gesessen habe und daß
er sich so gut mit ihr verstanden habe, daß ihn die
Genossen daraufhin ein Stück weiter nach hinten versetzt hätten. Sie erzählte
auch, wie sehr sie Karlheinz Böhm bewundere, der eine private Aktion gegen den
Hunger in Äthiopien durchführte und daß sie es
ungerecht finde, daß man ihn als
"Sissy-Kaiser" abqualifiziere. Sie erzählte auch von den zahlreichen
Drohungen und Verleumdungen, denen sie ausgesetzt sei, die manchmal absurde
(sie sei die Tochter des KZ-Arztes Mengele) bis gefährliche Formen (Bedrohung
mit dem Messer) annahm. Gert Bastian blieb meistens schweigsam. Er machte einen
traurigen und müden Eindruck. Er sagte, daß die Tage
kürzer würden, und daß er nicht mehr die Kraft und
Energie wie früher hätte. Kelly war damals 39 und Bastian war 62. Sie war eine
dynamische, arbeitswütige und umtriebige, noch junge Frau. Es war
offensichtlich, daß er ihr Tempo nicht mithalten
konnte.
Schließlich verabschiedeten sich alle
voneinander. Als ich Petra Kelly die Hand gab, wußte
ich schon, daß ich die Grünen verlassen würde. Ich
würde nicht ihr Kreisvorsitzender sein und ich würde nicht den Wahlkampf für
sie führen, obwohl ich sie mochte und ich ihr gerne geholfen hätte. Aber der
Wahlkampf war nur eine Formsache. Er hatte nichts mit ihrem Wiedereinzug
in den Bundestag zu tun. Darüber entschied ihr Listenplatz, und den hatte sie
sich heute erkämpft.
Später schrieb ich dann an Kelly und Bastian:
"Beiliegend übersende ich eine Kopie meines Austrittsschreibens an den
Kreisverband. Liebe Petra, wir bleiben trotz allem in einem gemeinsamen Verein,
dem der Idealisten und Weltverbesserer.
Die Grünen haben jetzt genügend Leute, die für
sie eintreten. Da bin ich nicht mehr so notwendig. Liebe Petra, es reicht Dir
eine einzige Wahlveranstaltung... Wie ich Dich aber kenne, wirst Du bis zur
Erschöpfung arbeiten. Willst Du denn dem lieben Gott keine Chance geben, die
Welt alleine in Ordnung zu bringen? Oder glaubst Du: ‚Gott schuf Petra Kelly
und setzte sich dann zur Ruhe?’
Wer aber tut etwas für das Weltparlament?
Ein Wort noch zu Heinrich Böll im Bundestag: Da
hätte er sicher nicht hingepasst. Da hätte er genauso gut eine Rede im
japanischen Parlament halten können -
auf deutsch natürlich. Aber Böll ist ja da, wo er hinpasst, im Herzen
der Leute."
Noch bevor Sie meine Rücktrittschreiben erhielt, schrieb uns Petra Kelly:
"Ich werde Euch meinen Terminkalender
zukommen lassen. Ich möchte Euch dann einige Vorschläge für den Wahlkampf
machen, die wir dann diskutieren können. Ich will mich im Januar intensiv auf
diverse Veranstaltungen konzentrieren. Ich möchte auch ein Solidaritätskonzert
zu Gunsten der Flughafengegner initiieren. Ich möchte auch eine Veranstaltung
mit diversen Elterninitiativen und besonders "Mütter gegen
Atomgefahren" durchführen, zusammen mit Anti-Atom-Ärzten. Auf jeden Fall
sollten auch Veranstaltungen zum Thema Frieden und Abrüstung und Europäische
Atomstreitmacht, zum Thema Grüne Gesundheitspoltik,
zum Thema Atomenergie und Atomwaffen und auch zum Thema Frauen und Ökologie
stattfinden. Mir liegt auch sehr daran, den Volksentscheid gegen Atomanlagen in
Freising, Erding und Pfaffenhofen vorzustellen.
Im September wird, so hoffe ich, das von mir
herausgegebene Buch "Viel Liebe gegen Schmerzen" erscheinen, und
vielleicht kann ich dieses Buch nicht nur in Bonn, sondern auch in Freising der
lokalen Presse vorstellen. Hierzu bräuchte ich natürlich auch Euere
Unterstützung und Euere Mitarbeit.
In Lindau hatte wir ja
schon die Möglichkeit einer Veranstaltung mit Karl-Heinz-Böhm diskutiert. Bitte
teilt mir mit, ob Ihr mit einer solchen Veranstaltung einverstanden seid.
Ich möchte auch mit Christian Magerl ins Erdinger Moos fahren.
Ferner liegt mir auch daran, ein gemeinsames Treffen aller Bürgerinitiativen
durchzuführen. Ich wäre Euch für eine Adressenliste aller Euch bekannten Bürgerinitiativen
dankbar. Es wäre wohl auch sehr gut, wenn jeder Kreisverband eine Kontaktperson
benennt, sodaß ich Euch alle effektiver erreichen
kann. Das wärs für jetzt. Mit lieben Grüßen. Eure
Petra Kelly. Grüße auch von Gert."
Der Brief stellte im Grunde eine lange Liste von
Anweisungen an uns dar. Kein Wort des Dankes oder der Anerkennung. Petra Kelly
hatte von Bonn aus das Regiment über den
Kreisverband übernommen. So jedenfalls empfand ich das. Vergaß Petra Kelly, daß wir berufstätig oder Studenten waren, und nicht von der
Partei bezahlte Angestellte? Dieser Brief
bestätigte mich in meinem Entschluß, den
Grünen den Rücken zu kehren.
Petra Kelly wurde am 1.Okt. 1992 von Gert
Bastian in ihrem Reihenhaus in Bonn im Schlaf mit dem Revolver erschossen.
Anschließen erschoss Bastian sich selbst. Die Leichen wurden erst am 19. Okt.
gefunden. Am Morgen des 20. Oktober hörte ich im Radio die Nachricht, daß Kelly und Bastian erschossen aufgefunden worden wären
und daß es sich vielleicht um einen Doppelselbstmord
handele. Später wurde dann klar, daß Bastian Kelly
ohne ihr Einverständnis getötet hat. Als ich die Nachricht gehört hatte, fuhr
ich auf der B11 in die Arbeit. Ich dachte daran, wie ich mit den beiden auf
dieser Straße gefahren war. Neben der B11 flog etwa 50 Meter neben der Straße
ein Schwarm Möwen. Eine einzelne Möwe löste sich aus dem Schwarm und flog
herüber zu meinem Auto. Erst fürchtete ich, sie wolle in meine
Windschutzscheibe fliegen, dann aber strich sie knapp über das Autodach. Sie
streifte die Dachantenne, die mit einem hellen Klang auf des
Autodach schlug. Ich dachte mir: "Jetzt hat sie auf Wiedersehen
gesagt!" Im "Spiegel" las ich dann, daß
der Lieblingsvogel von Petra Kelly die Möwe war.
Wie sehe ich Petra Kelly heute ?
Sie war ein Mensch mit hohen Idealen. An
diesen Idealen maß sie sich selbst, die anderen und die gesamte Welt. Und ihren
Idealen hatte sich alles unterzuordnen: sie selbst, die anderen und die ganze
Welt. Sie missionierte. Sie war ein Glaubenseiferer. Alles, was sich in ihr an
Leid und Enttäuschung angesammelt hatte, das lebte sie in ihren öffentlichen
Auftritten aus. Wenn sie öffentlich sprach, rissen sie ihre Emotionen mit. Und
oft auch das Publikum.
Man merkt, das was sie sagte, war echt
und kam aus dem Herzen. Aber es war auch immer ein anklagender und fordernder
Unterton dabei. Gewissermaßen sagte sie immer zur ganzen Welt: „Seht her, wie
viel Leid und Unrecht geschieht ! Schuld daran ist das
Militär, die Industrie, das Kapital, die Männer! Aber wir sind die Guten, wir
werden Euch durch Worte und (symbolische) Taten dazu drängen, eine bessere Welt
zu schaffen.“
Sie sagte das nie in einer drohenden oder
aggressiven Weise, sondern in einer teils anklagenden, teils flehenden Art.
Aber im Grunde war es auch eine Art zu kämpfen und dem Unerreichbaren hinterherzujagen.
Doch das kämpferische und emotionale war
nur eine Seite ihres Wesens. Auf der anderen Seite war das das kindhafte,
sanfte und anmutige. Und zusammen ergab dies ihr Charisma. Sie hatte
Menschlichkeit und Charme, und bei den Männern weckte sie Beschützerinstinkte
und den Wunsch, ihr zu helfen bei ihrem Kampf. Und sie war trotz der dunklen
Ringe, die sie oft unter den Augen hatte, eine schöne Frau, die eine große
Ausstrahlung hatte – wenn es ihr gut ging und sie glücklich war.
Wie war die Beziehung zwischen Kelly und Bastian ? Da war zunächst einmal die Partnerschaft. Beide
waren von der Ausbildung und ihren geistigen Fähigkeiten Mitglieder der
gleichen sozialen Klasse: Der Elite. Sie wussten, wer Sie waren, und hatten
gegenseitige Wertschätzung und Respekt. Emotional war es eher eine
Vater-Kind-Beziehung. Es gab einen Moment auf dieser nächtlichen Fahrt durch
Freising, als wir auf der Suche nach einem Hotel waren, da dachte ich mir: „Die
Kelly redet ja mit dem Bastian wie ein zehnjähriges Kind mit seinem Vater!“
Damals dachte ich mir nicht viel dabei und schob es auf den emotionalen Stress
dieses Abends. Später dann las ich, daß Petra Kellys
Vater ihre Mutter verlassen hatte, als sie sechs Jahre alt war und daß sie ohne richtigen Vater aufgewachsen war. Sie hatte
immer Liebesbeziehungen zu ältern Männern und Gert Bastian war für sie wohl ein
Ersatzvater.
Im Jahr 2001 gab es den Film „Kelly
Bastian – Geschichte eine Hoffnung“ nach einem Drehbuch von Wolfgang Menge.
Pate zu dem Drehbuch hat wohl das Buch „Eine tödliche Liebe. Petra Kelly und Gert
Bastian“ von Alice Schwarzer gestanden. Die Hauptrollen spielten Dagmar Manzel (Petra Kelly) und Michael Mendl
(Gert Bastian).
Der Film wurde am 25.
Nov. 2007 anläßlich des bevorstehenden Geburtstages
von Petra Kelly auf Phönix gesendet. Das war für mich Anlaß,
diese Erinnerungen an Petra Kelly zu überarbeiten und neu zu überdenken.
Es gibt Menschen, die
andere für sich und das, was sie tun, begeistern und mitreißen können. Doch
wenn man mit ihnen längere Zeit zu tun hat, kann man erleben, wie sie es
schaffen, fast alle diejenigen, die sie bewundert und unterstützt haben, gegen
sich aufzubringen. Das kann hin bis zu Hass und Verachtung gehen – und das aus
gutem Grund, weil die Lichtgestalt Eigenschaften an den Tag legt, die man nicht
für möglich gehalten hätte. Ich glaube, ein solcher Mensch war Petra Kelly.
Sie weihte ihr Leben
hohen Idealen, und kraft der religiösen Inbrunst, die sie für ihre Ziele
empfand, glaubte sie das Recht zu haben, ihre Umgebung zu dominieren und auszubeuten,
Privilegien zu fordern und menschlich fragwürdige Dinge zu tun. Früher oder
später kam es dann dazu, daß sich die Mitstreiter enttäuscht
abwandten oder die Lichtgestalt erbittert bekämpften.
Oft hatte sie kein
Gespür dafür, wie das, was sie tat, die anderen in Rage brachte. Und wenn sie
diese Rage unterdrückten (wie Gert Bastian), dann wurde aus der Wut Depression,
und aus der Depression ein feiger Mord.
Was bleibt dann trotz
des menschlichen Fiaskos? Es bleibt die große Leistung, die sei sie für die
gute Sache erbracht haben.
Petra Kelly hat meine
Generation gelehrt, daß man sich öffentlich
artikulieren kann und gegen die schlechten Dinge auf der Welt ankämpfen kann
und muß (mit friedlichen und demokratischen Mitteln).
Petra Kelly war nie eine richtige Politikerin, sondern immer nur eine
Missionarin und eine Fürsprecherin der Armen und Schwachen. Sie hatte die Augen
einer Heiligen und die Seele eines Kindes. Wie hätte Gert Bastian ihr
widerstehen können ? Er ist ihr Mörder, aber auch ihr Opfer geworden.
Was wäre passiert, wenn
ich damals in Neufahrn nicht für, sondern gegen sie gestimmt hätte? Dann wäre
ihre Kandidatur abgelehnt worden. Vielleicht wäre dann Bastian früher oder
später wieder zu seiner Frau zurückgekehrt, und die Kelly hätte endlich Zeit
gefunden, ihr Leben in Ordnung zu bringen und erwachsen zu werden. Sie hätte in
Ruhe altern können und wäre zu einer Ikone geworden, so wie Willy Brandt.