Schwabing-Wahnmoching, Franziska zu Reventlow,

 die Münchner Bohème und die Kosmiker

Von Richard Beiderbeck, www.koinae.de 

Siehe auch:

www.koinae.de/Derleth.htm

www.koinae.de/Lenin.htm

 

Verwendete Literatur:

Zeitzeugen:

Franzika Gräfin zu Reventlow: „Herrn Dames Aufzeichnungen – Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil“

Franziska Gräfin zu Reventlow: „Viragines oder Hetären ?“ (Ein Aufsatz zur Emanzipation der Frau, erschienen in den Züricher Gesprächen, herausgegeben von Oskar Panizza)

Roderich Huch (der „Sonnenknabe“ in „Herrn Dames Aufzeichnungen“): „Alfred Schuler, Ludwig Klages und Stefan George –Erinnerungen an Kreise und Krisen der Jahrhundertwende in München Schwabing“, Castrum Peregrini Presse, Amsterdam 1973

Franz Hessel, Franziska zu Reventlow, Oskar A.H. Schmitz und Roderich Huch: „Schwabinger Beobachter“ – Eine hektographierte Satire über die Kosmiker, drei Ausgaben von März bis Mai 1904

Franz Hessel: „Der Kramladen des Glücks“, ein Schlüsselroman über Hessels Erlebnisse in München um die Jahrhudertwende.

Erich Mühsam: „Namen und Menschen – Unpolitische Erinnerungen“

Erich Mühsam: „Ascona” – eine Broschüre (Locarno 1905)

Emil Szittya: “Das Kuriositäten-Kabinett”, (Konstanz 1923)

Georg Fuchs: „Sturm und Drang in München um die Jahrhundertwende“ (München 1936)

(Zu diesem Werk ist anzumerken, daß der Autor sich dem Zeitgeist – d. h. der nationalistischen Ideologie angepasst hat – darunter hat sein Buch stark gelitten. Aber er ist ein Zeitzeuge, den man nicht übergehen kann.)

Rolf von Hoerschelmann: „Leben ohne Alltag“, Berlin 1947

René Prévot: „Kleiner Schwarm für Schwabylon“, München 1954

„Denk ich an München“, Herausgeben von Hermann Proebst und Karl Ude, München 1966, darin enthalten: Hans Brandenburg: „Schwabing nach der Jahrhundertwende“, Ernst Hoferichter: „Sonderlinge und Originale“, Anton Sailer: „Grau war Schwabing, und schön dazu“

Katia Mann: „Meine ungeschriebenen Memoiren“, München 1974

Alfred Kubin: „Die andere Seite - Ein phantastischer Roman“ (München und Leipzig 1909)

Thomas Mann: „Beim Propheten“ in „Sämtliche Erzählungen“, Band 1, Fischer Verlag

Ludwig Derleth: „Proklamationen“, München 1919

Ludwig Curtius: „Erinnerungen an Karl Wolfskehl“ in „Karl Wolfskehl – Leben und Werk in Dokumenten“,  Darmstadt 1969

Nedezda Konstantinovna Krupskaja: „Erinnerungen an Lenin“, Wien 1929

 

Sonstige Literatur:

Hermann Wilhelm: „Die Münchner Bohème Von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg“ München 1993

Helmut Bauer, Elisabeth Tworek: „Schwabing – Kunst und Leben um 1900“ (München 1998)

Werner Ross: „Bohèmiens und Belle Epoque – Als München leuchtete“ (Berlin 1997)

Lothar Altmann (Redaktion): „Persönlichkeiten im alten Schwabing“ (München 2000)

Ludwig Hollweck: „Unser München – Ein Lesebuch zur Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert“ (München 1980)

Ludwig Hollweck: „Von Wahnmoching bis zur Traumstadt – Schwabinger erzählen von Schwabing“

Kristian Bäthe: „Wer wohnte wo in Schwabing ?“ (München 1965)

Hanns Vogel: „Schwabing – vom Dorf zur Künstler-Freistatt“

Katharina Festner, Christian Raabe: „Spaziergänge durch das München berühmter Frauen“ (Zürich-Hamburg 1996)

Willy Haas: „Die Belle Epoque in Texten, Bildern und Zeugnissen“ (München 1967)

David Clay Large: „Hitlers München – Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung“ (München 1998)

Dirk Heißerer: „Wo die Geister wandern – Eine Topographie der Schwabinger Bohème um 1900“ (München 1993)

Rudolf Reiser: „Alte Häuser – Große Namen“ (München 1978)

Johannes Székely: „Franziska Gräfin zu Reventlow – Leben und Werk“, Bonn 1979

Gerhard Plumpe: „Alfred Schuler“, Berlin 1978

Marion Giebel: „Das Geheimnis der Mysterien – Antike Kulte in Griechenland, Rom und Ägypten“ München 1993

Michael Rostovtzeff: „Die Geschichte der Alten Welt, Band 2: Rom“

 

Dominik Jost: „Ludwig Derleth – Gestalt und Leistung“ – Stuttgart 1965

 

Richard Faber: „Männerrunde mit Gräfin – Die ‚Kosmiker Derleth, George, Klages, Schuler Wolfskehl und Franziska zu Reventlow“ (Mit einem Nachdruck des Schwabinger Beobachters), Frankfurt 1994

 

Richard Faber: Franzisca zu Reventlow und die Schwabinger Gegenkultur, Köln Weimar Wien 1993

 

Brigitta Kubitschek: Franziska Gräfin zu Reventlow 1871 – 1918  Ein Frauenleben im Umbruch – Studien zu einer Biographie, Prien/Chiemsee 1994

 

Ernst Bäumler: „Verschwörung in Schwabing Lenins Begegnung mit Deutschland“, Düsseldorf und Wien, 1972

 

David Shub: „Lenin – Geburt des Bolschwismus“, 1948, deutsche Ausgabe München, 1976

 

Manfred Dierks: „Der Wahn und die Träume – Eine fast wahre Erzählung aus dem Leben von Thomas Mann“, 1997, Düsseldorf, Zürich

 

Ulla Ebringhoff: „Franziska zu Reventlow“, Hamburg 2000

 

Franziska Sperr: Die kleinste Fessel drückt mich unerträglich – Das Leben der Franziska zu Reventlow“, München 1995

 

Helmut Fritz: „Die erotische Rebellion – Das Leben der Franziska Gräfin zu Reventlow“, Frankfurt am Main, 1980

 

München-Schwabing, 1891 bis 1914

 

Schwabing war bis zum 31. Dezember 1890 ein eigenständiges Dorf, ab dann ein Vorort von München. Schwabing von 1891 bis 1914, das war aber nicht nur ein Vorort von München, sondern der „Vorort einer neuen Welt“. Hier, nördlich des Siegestores wohnten die Enormen und Abnormen, hochintellektuelle Genies und Perverse, Narren und Hochstapler, Übermenschen und Unmenschen, Bohemiens und Phantasten, Propheten einer neuen Welt, Umstürzler und größenwahnsinnige Weltverbesserer, Avantgardisten und Exzentriker, langmähnige Künstler und Schriftsteller, Satanisten und Neuheiden, Exaltierte und Desperados, herbeigeströmt aus ganz Deutschland und dem Rest der Welt, besonders aus Russland und dem Balkan. Hier wohnte Lenin mit seiner Frau Krupskaja, baute seinen ersten Jüngerkreis auf und schrieb seine wegweisende Schrift „Was tun ?“ Hier hob er seine Zeitung „Iskra“ (der Funke) aus der Taufe und ließ sie in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofes drucken. Von hier aus baute er eine revolutionäre Untergrundorganisation in Russland auf. Der Name seiner Zeitung war Programm: Der Funke suchte ein Pulverfaß.

 

Hier in Schwabing gab es dekadente und zügellose Künstlerfeste und Bauernbälle in friedlicher Koexistenz. München, die mütterliche Stadt, nährte sie alle an ihrem Busen, Lenin und Hitler, Brecht und Thomas Mann.

 

Wahnmoching: eine Wortschöpfung der Gräfin zu Reventlow

 

Gräfin Franziska („Fanny“) zu Reventlow hat  in ihrem 1911 geschriebenen und 1913 veröffentlichten Roman „Herrn Dames Aufzeichnungen – Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil“ dieses Schwabing unter dem Namen „Wahnmoching“ verewigt. Sie schreibt: „Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand“. Dieser Zustand wird durch den Namen Wahnmoching umschrieben. Inspiriert zu ihrer Wortschöpfung wurde sie vielleicht durch das „Café Größenwahn“, das eigentlich Café Stefanie hieß, und wo sie ständiger Gast war. Die Endung „-moching“ spielt auf  Feldmoching an, ein Dorf nördlich von München, dessen Bewohner als bäuerlich-zurückgebliebene Schildbürger galten. Auch Schwabing war ein solches Dorf und hatte noch viel von diesen bäuerlichen Strukturen und der entsprechenden Denkweise bewahrt. Diese Ur-Schwabinger beherbergten in ihren Mauern Menschen, die in einer ganz anderen Welt lebten, in einem Wolkenkuckucksheim, in einer Welt des Wahnes und des Größenwahnes.

Da ist zum Beispiel jener Ludwig Derleth, der verkündete: „Hier steht der Wahnsinn in Person. Verglichen mit mir sind alle vernünftig, also bedeutungslos.“

 

Die topographische Lage von Wahnmoching

 

Das Café Größenwahn lag gar nicht in Schwabing, sondern in dem südlich an Schwabing angrenzenden Stadtteil Maxvorstadt. Ebenso lagen in der Maxvorstadt die Künstlerkneipe „Simplizissimus“ und das Kabarett „Die elf Scharfrichter“. Man muß also einen Teil der Maxvorstadt, nämlich vor allem die Amalien-, Türken-, Theresien- und Schellingstraße ebenfalls zu Wahnmoching rechnen. Heute ist dies die Gegend in der Nähe der Ludwig-Maximilians-Universität, deren Rückseite an die Türkenstraße grenzt. Die Amalienstraße verbindet die Kunstakademie mit dem Stadtkern. Es gibt in diesen Straßen viele Studentenlokale, Buchhandlungen, Antiquariate und Kunstgalerien.

 

Eine heimliche Verwandtschaft besteht zwischen Wahnmoching und dem „königlichen München“, also der Teil der Stadt, der von den bayerischen Königen, allen voran Ludwig I. und Maximilian II. erbaut wurde, also Ludwigstraße, Odeonsplatz, Brienner Straße, Königsplatz, Maximilian- und Prinzregenten-Straße. Die bayrischen Könige waren die ersten Wahnmochinger. War es nicht der schiere Größenwahn, aus einem altbayerischen Residenzstädtchen eine antike Metropole zu machen, mit Triumphbogen, tempelähnlichen Gebäuden, Propyläen und Prachtstraßen  ? Ganz zu schweigen von Ludwig II. und seinen Schlössern. Die bayerischen Könige waren schon lange bevor es diesen seltsamen Stadtteil gab, Wahnmochinger.

 

Schwabylon: eine Wortschöpfung von Roda Roda

 

Der Schriftsteller Roda Roda, ein ehemaliger k. und k. Militär-Reitlehrer, teilte die Münchner in mehrer Kategorien ein: 1.  die ordentlichen Münchner Bürger. 2. die noch akzeptierten Zuwanderer aus Altbayern, Schwaben, der Pfalz und Tirol. Als unterste Kategorie schließlich die „Zugroasten“, (die er wiederum in „Preißen“ und „Schlawiner“ unterteilte) und die sich am liebsten in Schwabing aufhielten. Er schreibt: „Die Schlawiner und Preißen reden untereinander russisch, kaukasisch und schottisch, es ist eine große Sprachwirrung, darum heißt der Stadtteil Schwabylon, und was dort vorgeht, davor muß sich die Jugend und der Bürger hüten, überhaupt ist es nördlich vom Siegestor kein Bayern, sondern es ist mehr Preißen“.

 

Schwabing, die „Traumstadt“ in den Gedichten von Peter Paul Althaus

 

Peter Paul Althaus (1892-1965), der aber erst 1921 nach Schwabing kam, schrieb in Tutzing am Starnberger See von Mitte 1945 bis Mai 1946 seinen 1951 erschienen Gedichtband „In der Traumstadt“. Er versuchte darin das Schwabing der Belle Epoque wiedererstehen zu lassen und nannte sich selbst „Erster Bürgermeister der Traumstadt“.

 

Ist die „Traumstadt“ die Hauptstadt „Perle“ des „Traumreiches“ in dem Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin ?

 

Der Zeichner und Schriftsteller Alfred Kubin (1877 – 1959) schrieb (und illustrierte mit seinen Zeichnungen) den 1909 erschienen Roman „Die andere Seite – Ein phantastischer Roman“. Er ist ein „düster-dämonisches Frühwerk“ (Dirk Heißerer). Man weiß nicht, ob „Perle“, die Hauptstadt des Traumreiches, Prag, Wien, München oder  Kubins Geburtsort Leitmeritz in Böhmen ist. Vieles spricht aber dafür, daß es sich bei Kubins Traumstadt „Perle“ um München-Schwabing handelt. Jedenfalls liegt Perle „auf dem gleichen Breitengrad wie München“, und ein „mächtiges Gebirge begrenzt das Traumreich“, dessen Gletscher man im Mondlicht erkennen kann. Und die Reise der Hauptfigur des Romans beginnt in München. Und so geht die Reise auf „Die andere Seite“: nämlich die andere Seite des Siegestores, dort, wo Schwabing beginnt.

 

Das Traumreich ist die “Freistätte für die mit der modernen Kultur Unzufriedenen“. Sie dämmern zwischen Wahn und Wirklichkeit dahin, haben „eminent geschärfte Sinnesorgane“ und entwickeln allerlei dekadente Lebensformen. In der Traumstadt Perle versammelt sind: hysterische Weiber, Potenzprotze, Hypochonder, Spiritisten, Raufbolde, Akrobaten, politische Flüchtlinge. Da gibt es Gelangweilte, die Aufregungen suchen und alte Abenteurer, die Ruhe erhoffen. Da gibt es im Ausland verfolgte Mörder, Falschmünzer und Diebe.

Kubin schreibt: „ein großer Teil der Traumleute gehörte früher zu den ständigen Gästen der Sanatorien und Heilanstalten“.

 

Kubin lernte Oscar A.H. Schmitz (1871-1931) kennen, der zum Kreis Stefan Georges gehörte und Kubin in das Haus des Dichters Karl Wolfskehl einführte. Dort begegnete er im Februar 1904 der Schwester von Schmitz, der Witwe Hedwig Gründler, die beiden verliebten sich und Kubin zog im Mai 1904 in die Wohnung von Hedwig Gründler in der Mandlstraße 26 (damals Mandlstraße 1a/II) und sie heirateten am 22. Sept. 1904.

 

Die abstruse Lehre von den kosmischen Substanzen, die im Blut der Arier enthalten sein sollten, und die von den „Kosmikern“ (siehe weiter unten) verbreitet wurde, hinterließ auch in Kubins Roman seine Spuren. Das Traumreich geht unter. Kubin schreibt: „Das größte aller Mysterien, das Geheimnis des Blutes, war verraten worden, und darauf steht Wahnsinn !“

 

Erich Mühsam über Schwabing

 

„Schwabing ! Ich denke an zahllose Stunden der Vergnügtheit, der Besinnung und des künstlerischen Genusses. Ich denke an Faschingsnächte von maßloser Ausgelassenheit und an Menschen von seltsamem Gehaben, aber genialer Beweglichkeit des Geistes...Ich denke an treffliche Schwabinger Mädchen, die Leben und Liebe vorurteilsfrei und unbefangen zu nehmen und zu geben verstanden. Ich denke an die freie seelische Luft, die Schwabing durchwehte und den Stadtteil zu einem kulturellen Begriff machte. Das ist alles vorbei.“

 

René Prévot (Theaterkriter der Münchner Post, Schriftsteller) über Schwabing

 

„Schwabings Stunde heißt Illusion. Dieser Stadtteil hat die Weite, die Dehnbarkeit eines Kontinents. Es ist die ästhetische Experimentierstation der Kulturstadt München. Die wundersame Wahlheimat aller Spleene; eine gastliche Freistatt für jegliches Schlawinertum; ein Asyl für alle Außenseiter der Bürgerlichkeit. Ein Babelturm, der in den Himmel wachsen möchte. Da spricht jeder die Sprache seines kostbaren Ich: Mikrokosmen, die mit tyrtäischer Gebärde das Hohelied ihrer Winzigkeit stammeln...Jeder kann Meister werden in irgendeinem Kreis von Jüngern; kann stolz mit diesem Knappentroß die Leopoldstraße hinunterwandeln. Bis ans Siegestor wird man ihm seine Bedeutung glauben. Da gehen gemessenen Schrittes die „Ästhetischen“, dort kommen mit interessanter Blässe die „Erotischen“ daher. Sie lieben einander nicht. Fremde, feindliche Nomadenstämme sind sie im gleichen Schlaraffenland der Einbildung. Und wenn ihre Kriegspfade sich begegnen, dann kreuzen sich die kühlen, verächtlichen Blicke wie Schwertklingen. – Aber sonst un sie einander nichts.“

 

Rolf von Hoerschelmann über Schwabing

 

„Die Schwabinger, von denen ich sprechen möchte, machten sich anheischig, die Welt zu ändern, jedes Ideal im täglichen Leben zu verwirklichen, nach ihren Grundsätzen zu leben. Sie waren Schüler Nietzsches. Und einer ihrer Grundsätze lautete, wie es der große Schwabinger Ludwig Klages ausdrückt: ‚Nicht im Dasein und in der Behauptung des Daseins offenbart sich das Leben sondern allein in den Augenblicken jener überströmenden Fülle, die selbst mit Zerstörung des Leibes noch nicht zu teuer erstanden wäre.“....

In jeder großen Kunststadt gibt es eine Bohème, in Paris und in Berlin so gut wie in München. Daß in Schwabing die Luft wehte, die ihr am bekömmlichsten war, daß sie die kleinen Gärten und Häuschen, die Atelierwohnungen in den Neubauten ihr behagliches boten, darf aber nicht zum Irrtum verführen, die Schwabinger Bohèmiens für die typischen Schwabinger zu halten. Aber beide Kreise, gleich unbürgerlich gesinnt, hatten stets Fühlung miteinander und mischten sich gern und oft. Bohemièns waren Erich Mühsam und Ringelnatz, Lotte Pritzel und Emmy Hennings, Klabund und Marietta. Der Silhouettenschneider Engerth hat sie alle verewigt. Die schwarze Galerie in der Brennessel war deshalb sehenswert...“

 

Hans Brandenburg in „Schwabing nach der Jahrhundertwende“:

 

„...ein rückblickender Kulturhistoriker schilderte es als einen geistigen Organismus...in dem sich Kreise und Kräfte befehdeten und fanden, überschnitten und durchkreuzten, und Wolfskehl rühmte noch spät, daß hier alle Kriege Bruderkriege gewesen seien. Aber die Bruderkriege führten doch oft zu dauernden Zerwürfnissen, Freundschaftsbrüchen und Ehescheidungen, zu Haß und Feindschaft...

Schwabing war die Euphorie vor den Weltkriegen, der dionysische Rausch, wie ihn Gottfried Benn Jahrzente später als das uns Mangelnde erklärte, als die notwendige Rückkehr zu archaischen Zuständen, für die er sogar Rauschgifte empfahl. Hier in Schwabing war der Fasching ernst und auch in Humor und toller Laune kein Ulk, kein Prinz Karneval, sondern beinahe eine Gottheit.“

 

Richard Knecht schreibt über den Schwabinger Fasching: „Die Fascingsfeste der damaligen zeit waren berühmt wegen ihrer Einfälle, wegen der Farbenpracht und ihrer Einheitlichkeit. Da konnte man nicht in irgendeinem Kostüm kommen, sondern je nach Motto entwarfen wird die Kostüme...Das ‚Pressefest’ 1912 war besonders prunkvoll...In der Mitte des Saales war das Goldene Kalb aufgebaut, um das herum die Tanzenden sich drehten...Der ‚Hexensabbat’ war zuerst ein kleines Fest in der ‚Blüte’ und wurde dann ganz groß aufgezogen in den ‚Blumensälen’. Wir kaschierten ein riesiges Drachenmaul auf der Bühne und dekorierten den Saal als Hexenküche und Höllentobel. Bei Musik bildete sich ein Festzug aus Feuermännern, Hexen aller Sorten, Nymphen, Irrlichtern, Teufeln, um den Oberhexerich auf der Bühne zu empfangen. Es war Henke, der aus dem Drachenmaul geschossen kam und mit Mary Wigmann den Tanz eröffnete.“

 

Hans Brandenburg fährt fort:

„Schwabing war eine Utopie....

Vor allen Dingen war das Schwabing nach der Jahrhundertwende ein unvergleichlicher Tummelplatz von Jugend und Freiheit. Sein geistiges Leben und Treiben spielte sich bewusst fern von der Öffentlichkeit ab, in Ateliers und Privatwohnungen und im Fasching in einem volkstümlichen Bräu. Die paar Lokale, die es als Sammelpunkte hatte, waren weniger Geschäftsunternehmungen als Originalschöpfungen von Liebhabern: der ‚Simlicissimus’ der Traunsteiner Bäuerin Kathi Kobus, das Café Leopold des Sängers José Benz, die Pension Führmann eines ehemaligen Farmers, das Klubheim Steinickes eines Buchhändlers. Tonangebend in Schwabing waren Leistungen. Die vielen Mitläufer bildeten immerhin den Chorus, und die wichtigsten waren die stillen Privatgelehrten, die von einem kleinen Vermögen lebten, die nichts hervorbrachten, aber das eigentliche Publikum stellten, die gebildeten Empfänger und Mittler, die alles kannten, wenn sie vielleicht auch nur in den Buchhandlungen schmökerten, die das Älteste entdeckten und als erste das Kommende witterten.

 

Was ist von diesem Schwabing geblieben ?

Als erstes Haus der Leopoldstraße neben dem Siegestor steht der bürgerliche Palast, in dem Alfred Waler Heymel, Rudolf Alexander Schröder und Otto Julius Bierbaum die „Insel“ gründeten, die zum Insel-Verlag führte und Schwabings geistige Entstehungsgeschichte einleitete. Dies frühe Schwabing war ja vor allem das Whnviertel der Dichter, (Max) Halbe’s und (Ludwig) Thoma’s, die dem Naturalismus in seiner norddeutschen und in seiner süddeutschen Spezies zu breiten Wirkungen verhalfen, Thomas Mann’s und Friedrich Huch’s, die ihn verfeinerten und vergeistigten, und Stephan George’s, der ihn üebrwand. Mehr noch als Wolfskehl haben Ernst Bertram, Friedrich Gundolf, Norbert von Heilingrath und auch der abtrünnige Ludwig Klages diesen berühmten Schwabinger Kreis zu einem Siegeszug ins Geistesgeschichtliche und in die Lehrsäle der Universitäten befähigt.

Die ‚Elf Scharfrichter’ und Ringelnatz, Artur Kutschers Seminar und die aus ihm hervorgegangenen ‚Vier Nachrichter’, ja, selbst die ‚Jugend’ und der ‚Simplicissimus’ sind nicht ohne Schwabing denkbar. Otto Falckenberg begann seine Laufbahn mit einem Weihnachtsspiel, das ihm junge Schwabinger Künstler im Sinne ihrer Feste inszenieren halfen. Die Debschitzschule hat mit den Anstoß zur Gründung der Vereinigten und der Deutschen Werkstätten, zur Erneuerung des Kunstgewerbes...gegeben.“ Brandenburg nennt außerdem: Den Klassizismus des Malers Adolf Hildebrands, die Architektur Seidls, das moderne Kunstgewerbe, das Marionettentheater, die Schwabinger Schattenspiele, die „neue Sezession“ und den „Blauen Reiter“.

 

Wie Brandenburg das alte Schwabing erlebt hat

 

Er erzählt: „Der Stadtteil Schwabing, der vor nicht zu langer Zeit noch ein Dorf und für kurz eine Stadt gewesen war, sah im ganzen so aus wie noch heute. Natürlich ist vieles Alte geschwunden, doch die Zeit und sogar der Bombenkrieg haben hier längst nicht so aufgeräumt und vernichtet wie in anderen Vierteln, und das Auge der Erinnerung kann überall leicht ergänzen, ja, wenn unsere längst dahingegangenen Genossen von dereinst auferstünden, sie würden sich schnell zurechtfinden. Zwar liefen die neueren Straßenzüge im Westen und Nordwesten noch ins Freie, aber um Habsburgerplatz, Kurfürstenplatz, Elisabethplatz waren sie doch schon da, im Fieber der Bauspekulation aus dem Boden gestampft, während nach Osten der unveränderliche Englische Garten eine Grenze setzte, in deren Hut Alt-Schwabing fortbestand.

 

Als auf der Leopoldstraße noch kein Verkehr war

 

Und gerade diese Mischung von Alt und Neu bildete die Anziehungskraft dieses nördlichen Stdtteils. Es gab genügend  billige Wohnungen, Zimmer und Ateliers sowohl in frischgebackenen Mietshäusern wie in alten, oft halb baufälligen Landsitzen, ehemaligen Bauern- und Gutshöfen, Vorstadthütten und verwahrlosten Schlösschen inmitten verwunschener Gärten, ja, diese wurden von echten Schwabingern durchaus bevorzugt. Aber die Leopoldstraße lief wie heute zwischen ihren Pappelreihen dahin, nur so verkehrsarm, daß man sie, den Simplicissimus lesend, überqueren konnte, ohne nach rechts und links zu blicken, und daß sie abends, wenn die paar Geschäfte die Rolladen heruntergelassen hatten, im Dunkeln lag, eine verschwiegene Promenade für Liebespaare, die damals noch nicht gesehen werden wollten. Durch die Haimhauser Straße, durch die Feilitzschstraße, die trostlos öde, also ohne die heutigen Nachtlokale, oder stadtnäher über den Nikolaiplatz, durch Wernck- und Seestraße ging man wie heute zum Englischen Garten. Nur daß ums Schwabinger Kirchlein, als wir in der nahen Mandlstraße wohnten, alte Herbergen sich schachtelten, wie man sie später nur noch in Au oder Giesing sah, und an der Ecke der Feilitzschstraße ein ländliches Gasthaus stand mit einem Gartenpavillon an seiner hochgemauerten Brüstung, der auf die Holzbrücke zum Kleinhesseloher See hinunterblickte und auf die Schwemme daneben, in die halbnackte Burschen abends die Pferde ritten...

 

Es gab nicht viele Lokale

 

Im Englischen Garten waren die Einkehren beim Milchhäusl, am Kleinhesseloher See und am Chinesischen Turm abends verlassen, weil man die Nachtluft dort für zu feucht und kalt hielt, aber an der Leopoldstraße saß man im Garten des Großen Wirts und mehr noch in dem der Schwabingerbrauerei, manchmal bei Blechmusiken, die  aus den beiden Biergärten über die Straße  ineinanderbrandeten. Sonst gab es  an nennenswerten Lokalen in ganz Schwabing, und ebenfalls in der Leopoldstraße, nur noch das Noris, ein kleines Café spießbürgerlicher Kartenspieler, dort gelegen, wo man heut mit Selbstbedienung bei Tengelmann einkauft, und die Gaststätte Leopold, die noch besteht. Hinter ihr hörte die Trautenwolfstraße schon nach wenigen Schritten auf, sie lief gegen eine Mauer, hinter der ein altes Haus mit großem Walmdach in einem verwilderten Garten stand, mehr von Mäusen und Katzen als von Menschen bewohnt....

 

Überall sah man berühmte Personen

 

In unserer näheren und weiteren Umgebung bemerkten wir zunächst nur die bekannten oder auch schon berühmten Einzelpersönlichkeiten. Das schauderhafte Wort Prominenz war noch nicht erfunden.

In der Wilhelmstraße wohnte Max Halbe, Münchens berühmtester Dramatiker, dessen ‚Jugend’ ich nach meiner Ankunft als erstes Theaterstück gesehen hatte. Zwei oder drei Jahre sptäer sollte ich Mitglied seiner Kegelbahn ‚Unterströmung’ werden, auf der ich viele Hauptfiguren der Münchner und Schwabinger Kunst- Literatur- und Theaterwelt wiederfand oder erst kennenlernte: so Roda Roda, Franz Blei, Carl Rößler, Ludwig Scharf, Carl Georg von Maaßen, den jungen Privatdozenten Arthur Kutscher, die Maler und Zeichner Weisgerber, Müller-Dachau, von Hayeck, Erich Wilke, C.O.Petersen, den Komponisten Vrieslander, die Schauspieler Friedrich Ulmer und August Weigert.

Ganz nahe bei Halbe, nur um die Ecke herum, wohnte in der Franz-Joseph-Straße Thomas Mann mit seiner jungen Frau. Er war vor Jahren nach dem Tode des Vaters mit Mutter und Geschwistern nach München gezogen, und gleich nach Schwabing, in die Herzogstraße. In der nahen obskuren Marktstraße beim heutige Wedekindplatz hatte er seine erste Jungesellenwohnung innegehabt, auf echt Schwabinger Weise mit Rupfen ausgestattet, und dort an dem Werk seines dauernden Ruhmes geschrieben, den „Buddenbrocks’...

Im Rückgebäude unseres Verlages (in der Hohenzollernstraße) wohnte Ludwig Thoma mit seiner exotischen Marion. Wir sahen ihn am offenen Fenster seine Peter-Schlemihl-Verse mit Schmunzeln skandieren, die wir dann wie frisch von der Quelle in der nächsten Simplicissimus-Nummer bestaunten und belachten.

Wenn wir am Nikolaiplatz unter den Bäumen saßen, blickte ein junges Mädchen zu uns hinunter, Ina Seidel, gleichaltrig mit mir. Sie war genau wie Thomas Mann mit der verwitweten Mutter hergezogen, ward aber von ihr nicht losgelassen in die angeblich so gefährliche Lust Schwabings. Sie bog sich über das Gitter des Balkons, sehnsüchtig nach den jungen Dichtern spähend...

 

Bekannte Radfahrer

 

Drei männliche Gestalten jedoch konnten nicht verborgen bleiben, die man in den Straßen nur auf dem Fahrrad sah, wie mit ihm verwachsen. Der eine war Herrman Obrist, der Gründer der Kunst- und Kunstgewerbeschule, vornehm auch auf seinem Rade und in seiner Eigenkleidung wie ein gepflegter Engländer. Der zweite war Adolf Furtwängler, der berühmte Archäologe und Professor,...Sein Haus stand in der kurzen Maria-Josefa-Straße, die den Nikolaiplatz mit der Mandlstraße verbindet. Es stand dort, wo Carl Sattler später als ersten großen Bauauftrag die palazzoartige Villa in Klinkersteinen ausführte, in der sich heute der Adressbuchverlag befindet. Furtwänglers Haus war ein Gartenhaus. Auf Säulen ruhte sein Dach, archaischen Holzsäulen, von wildem Wein umrankt. Und hier wuchs sein Sohn Wilhelm heran, der berühmte Dirigent, von seinem Privatlehrer Ludwig Curtius unterrichtet. Draußen radelte der Vater mit fliegenden grauen Haaren zur Universität, und wenn er beim Prinzregenten zur Tafel geladen war, auch mit fliegenden Frackschößen und klingelnd in die Residenz.

 

Friedrich Huch, einer der „Enormen“

 

Der dritte war noch der junge Dichter Friedrich Huch, mit stahlbaluen Augen im sonnverbrannten Römerkopf, mit rohseidener oder leinener Joppe, in kurzen Hosen und Sandalen...Friedrich Huch hauste als Jungeselle und Sonderling im wahren Altschwabing an der Kefergasse unter dem Baronsbergl, dem Osterwaldgarten gegenüber. Abends spielte er Ziehharmonika oder tastete sich auf einem Klavier die Motive Wagners zurecht, dem seine Hassliebe galt...Er stieg nur vom Rade, wenn er einkaufte oder mit Wohlgefallen einer Bubenrauferei zuschaute, und war auch sonst in einsamer Neugier beflissen, sich Gucklöcher ins Leben zu öffnen. Im Sommer verbrachte er ganze Tage im Ungererbad, ein kühner Schwimmer und Springer, am Leibe so bronzen wie im Gesicht. Von dort nahm ihn der kleine Victor Mann einmal nach Hause mit. Und so kam es, daß Thomas dem früh verstorbenen Dichter die Leichenrede hielt...

 

Münchner Verleger

 

In der Schwabingerbrauerei sahen wir manchmal einen jungen stichelhaarigen Herren mit Hund. Es war der Verleger Reinhard Piper, ein Bücherwurm wie wir spotteten. Er freilich beachtete uns nicht. Bald war er ein führender Verleger geworden, zu denen gehörend, die München und besonders Schwabing zu einer Buchzentrale machen sollten. In der nahen Wilhelmstraße residierte die alte Firma Beck, in der Elisbethstraße der junge Georg Müller, und das Haus in der Mandlstraße, in dem ich mit meiner Schwester gewohnt hatte, sollte Albert Langen beziehen...

 

Der Schwabinger Fasching

 

...ein großes Lebenselement verbrüderte uns alle: der Fasching und das, was vom Fasching das ganze Jahr fortbestand. Vor allem war es der Fasching in der Schwabingerbrauerei. Hier feierten die bildenden Künstler, die in ihren Ateliers oft hungerten, ihre wahren, wenn auch teuer bezahlten Triumphe in einem vergänglichen Ausstattungszauber, der ihre sonstigen Leistungen übertraf. Hier waren Max Halbe, Friedrich Huch, die Gräfin Reventlow, die Professoren der Akademie, berühmte auswärtige Gäste wie Arthur Schnitzler zu sehen, hier traten junge und schon berühmte Rivalen wie die Maler Willi Geiger und Albert Weisgerber als gemimte Athleten und Ringkämpfer in die Schranken und hier tauchte Karl Wolfskehl, damals noch mit Patriarchenbart, wollüstig in die  Farben, -Musik- und Tanzstrudel mit seinen himmelnden, halbblinden Augen in allen Tänzerinnen Göttinnen erblickend.

 

...am Faschingsdienstag...brach man in die Stadt ein...Der offene Wagen der Pension Führmann war ein Leiterwagen, von Bauerngäulen gezogen, und von seiner Höhe streuten meine Freundin und ich gleich den andern unermüdlich Konfetti.

 

In Wahnmoching herrschte die Liberalitas Bavariae

 

In Bayern regierte der Prinzregent. Er war im Greisenalter und lebte ein eher bescheidenes Leben. Er ließe seine Münchner in Ruhe und es lag ihm ferne, seine Bürger zu kontrollieren und finanziell auspressen zu wollen. Auch wenn er selbst nicht viel davon verstand, förderte er die Künste und war gegenüber neuen Strömungen aufgeschlossen und tolerant. So konnten die Wahnmochinger ungestört von Polizeiapparat und Bespitzelung ihre weltrevolutionären Gebäude errichten, nach neuen, unerhörten Formen der Kunst und des Lebens suchen und die freie Liebe auf Künstlerfesten praktizieren.

Jetzt könnte man einwenden, daß es mit der bayerischen Liberalität doch nicht so weit her gewesen sei, weil doch schließlich im Jahr 1891 Hanns von Gumppenberg vom Amtsgericht München I zu zwei Monaten Festungshaft wegen Majestätsbeleidigung verurteilt worden war. Aber die Majestät, die er beleidigt hatte, war Kaiser Wilhelm. Und der war viel leichter beleidigt als der Prinzregent und verstand keinen Spaß.

1898 wurde einer der Zeichner des „Simplicissimus“, Thomas Theodor Heine, in Sachsen festgenommen und eingesperrt. Aber wie gesagt: in Sachsen, und nicht in Bayern. Der Autor Frank Wedekind und der Herausgeber Albert Langen gingen nach Zürich ins Exil. Wedekind kehrte 1899 nach Deutschland zurück und wurde in Sachsen zu einigen Monaten zu „nicht ehrerühriger Festungshaft“ verurteilt.

Härter wurde allerdings Oskar Panizza angefasst. Der Verleger und Literat, der seinen erlernten Beruf als Nervenarzt nach zwei Jahren aufgegeben hatte, wurde zu einem Jahr Einzelhaft wegen polemisierender Schriften gegen Staat und Klerus verurteilt.

1906 mußte der Simplizissimus-Autor Ludwig Thoma für sechs Wochen in das Stadelheimer Gefängnis, hatte dort aber eine eher luxuriösen Aufenthalt.

Der Anarchist, Sozialist und Revoluzzer Erich Mühsam im Jahr wurde 1909 elf Tage wegen „Geheimbündelei“ in Untersuchungshaft, wurde aber am Ende eines Prozesses im folgenden Jahr freigesprochen.

Trotzdem kann man sagen, daß die Behörden die Wahnmochinger weitgehend in Ruhe ließen, und daß die der Druck, gegen Autoren und Verlage vorzugehen, von außerhalb Bayerns kam.

Und dann gab es noch den Kohlrabiapostel Karl Wilhelm Dieffenbach, der in wegen unbekleideten Sonnenbadens in einem Steinbruch bei Höllriegelskreuth zu sechs Wochen Haft verurteilt wurde.

 

Die Oase München

 

Ludwig Klages schreibt über das München der Zeit zwischen 1890 und 1900:

München wirkte „im Anwachsen von Technik, Industrie, Großunternehmertum wie eine Oase...wer in den 90er Jahren als angehender Maler, Plastiker, Architekt, Kunsthandwerker oder junger Studierender dort landete...bemerkte mit Staunen das ungeahnte Bild eines gleichsam geweihten Müßigganges: die schönschreitenden Frauen, deren königliche Haltung nicht schalkhaften Blicken und dem erwiderndem Lächeln wehrte – die lässig und beinahe schlendernd sich bewegenden Männer, von denen die meisten doch ihren Geschäften nachgingen – die Steinklopfer, Maurer, Poliere (mit den Maßkrügen neben sich, deren Arbeitsspannen hinter den Arbeitspausen zurückblieben -  den nicht nur vom Vogelsang erfüllten Englischen Garten, wo man auf Wegen und Bänken nur jugendlichen Paaren begegnete und sich als Einzelgänger fast verboten vorkam – nicht zu vergessen der bei aller Anmut mütterlichen Kellnerinnen, welche bereitwillig die Zeche stundeten, und des unglaublich langen Kredits, den – unbeschwert von Sorgen um mögliche Verluste -  die Metzger, Bäcker, die Schuster, die Kleinhändler, ja bisweilen sogar -  Hauswirte gewährten ! ... Und wie überraschte ihn erst das selbst an Wochentagen nicht aussetzende Leben in den sog. Kellern, deren allerdings schier unermesslich geräumige Hallen in nicht minder geräumigen Plätzen voll mächtiger Bäume standen, wo man in buntester Reihe das Bier sich selber holte und wo auf langen Bänken am gleichen Tische beieinander saßen Barone, Handelsherren, Studenten, Barbiere, Künstler, Fassbinder, Pillendreher, Holzfäller, Gelehrte ! War es doch nichts allzu Seltenes, daß im Hofbräu ‚inkognito’ Fürstlichkeiten beiderlei Geschlechts an den Fässern lehnten, meist erkannt und dann ohne sonderliche Neugier zutraulich betrachtet !“

 

Freie Liebe in Wahnmoching

 

Die in Wahnmoching propagierte und teilweise auch praktizierte „freie Liebe“ wurde von den Behörden nicht beanstandet. Warum auch hätte man das tun sollen ? Die freie Liebe war gar nicht weit weg von dem, was die Münchner in ihrem Fasching sowieso taten, und die Pflege der vorehelichen und außerehelichen Sexualkontakte war ja in Bayern nichts Neues. Die aus dem Norden oder Westen Deutschlands kommenden Neu-Schwabinger gingen da also keineswegs neue Wege, sie erfanden nur einen ideologischen Überbau von wegen „Hetären“, „dionysisch“, „bacchantisch“. In Wirklichkeit konnte man doch wohl kaum richtig aus seiner bürgerlichen Haut. Es lief auf diesen Künstlerfesten kaum anders ab wie auf einem normalen Faschingsball: Man war kostümiert, setzte sich in Szene, rauchte und trank, flirtete, tanze, knutschte und landet dann allein oder zu zweit in einem Bett – meist mehr oder weniger alkoholisiert. Eine von der Gräfin Reventlow kultivierte Variante war das „Knäulen“, eine Art Gruppenpetting.

 

Das Gerücht von den Satanisten in Schwabing

 

In Schwabing gab es, umgeben von verwilderten Gärten, einige Herrensitze aus alter Zeit. Hier sollten nach Gerüchten, die jemand in die Welt gesetzt hatte, „schwarze Messen“ stattfinden – satanistische Abendmahlsfeiern mit allerlei sexuellen Perversionen. Man würde sogar das Blut eines geopferten Kindes vergießen. Man beschwor angeblich Geister und Dämonen und befragte sie über die Zukunft; die magischen Formeln hatte man aus irgendwelchen alten Folianten. Die hätte man in den Herrensitzen als Nachlaß irgendwelcher Alchemisten gefunden.

 

Ausgelöst wurden diese Gerüchte vielleicht durch die kultischen Feste der „Kosmiker“ im Hause Wolfskehl, wo man sich die sich als Dionysos, Satyr und Bacchantin verkleidete und symbolische Riten veranstaltete.

 

Die Enormen und die Belanglosen

 

Die „Belanglosen“ verstanden halt nicht, was die „Enormen“ wollten und taten. Die „Enormen“, das waren diejenigen, die mit den kosmischen Kräften in Verbindung standen, die sich von diesem mütterlichen Urgrund allen Seins inspirieren ließen, um die Welt zu erneuern und neue Formen der Gesellschaft und der Kunst zu schaffen. Die „Enormen“, das waren die Genies - jeder von ihnen ein Gipfel der menschlichen Entwicklung (oder zumindest auf dem Weg dorthin) - in ihren mystisch verdunkelten Zimmern und weihrauchgeschwängerten Ateliers. Sie wollten alle gängigen Regeln und Normen hinter sich lassen.

 Die „Belanglosen“ waren die große Massen  der Durchschnittsmenschen, die „Vielzuvielen“.

 

Wahnmoching als bürgerliche Variante der untergehenden Welt des Adels

 

Es mag auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen, sich die Bohème die Welt des Adels als Vorbild hat nehmen können. Doch je weiter man sich in das Phänomen „Wahnmoching“ vertieft, desto mehr Parallelen zur untergehenden Welt des Adels erkennt man.

Eine Ähnlichkeit zwischen den Adeligen und der Bohème besteht z. B. in der Einstellung zur bürgerlichen Arbeits- und Sexualmoral. Ein richtiger Aristokrat wies es voll Empörung zurück, sich in die industrielle Arbeitswelt einzuordnen. Ebenso die Bohème. Und wie die „Leisure-class“ (die Klasse, die nur den Freizeitvergnügungen nachging), fehlte den meisten Bohèmiens die Ausdauer und die Disziplin, auf dem Gebiet der Malerei oder Literatur, wirklich große Leistungen zu erbringen. Man war Dilettant und Amateur.

Ein wichtiger Unterschied zwischen der Bohème und den etablierten Malern und Schriftstellern bestand darin, daß sie nicht gegen Auftrag arbeiteten (wer zahlt, schafft an), sondern zunächst einmal für sich selbst. Das gab den Bohemièns viel mehr Freiheit, neue und ungewöhnliche Wege zu begehen. Und wenn er begabt und geschickt ist, kann ein Amateur der Kunst und der Wissenschaft weit besser dienen als ein Meister, der zwar das Handwerkliche vollkommen beherrscht, der aber immer nur in ausgetretenen Pfaden wandelt.

Was die Sexualmoral anbetrifft, gibt es zwischen Aristokratie und Bohème auch allerlei Parallelen. In der Aristokratie war es Gang und Gäbe, daß sowohl die hohen Herren wie auch ihre Ehefrauen sich keineswegs zur ehelichen Treue bekannten, sondern ihren Trieben und ihrem Wunsch nach Vergnügen freien Lauf ließen. Das war eine Folge der arrangierten und nach reinen Nützlichkeitsapekten geschlossenen Ehen. Wenn die Ehe nicht der richtige Ort war, um das Glück zu finden, musste man es anderswo suchen. Die vielen Maitressen Ludwig des XIV. und Ludwig des XV. sowie die Affairen von Marie Antoinette spiegeln nicht nur die Gepflogenheiten des französischen Adels, sondern der gesamten adeligen und reichen Welt wieder. Was die Bohème als ihre große Errungenschaft ansah, die „freie Liebe“, war in der Welt der Aristokratie eine selbstverständliche Institution – vorausgesetzt es wurden bestimmte Regeln eingehalten. So durfte sich eine Ehefrau erst dann ihre Liebhaber nehmen, wenn sie ihrem adeligen Ehemann etwa zwei Kinder geschenkt hatte und so der Fortbestand der Dynastie gesichert war. Für die Herren gab es noch viel weniger Einschränkungen; der hohe Herr konnte fast mit jeder Frau seiner Wahl ins Bett gehen, vorausgesetzt er ließe sich nicht scheiden. Der einzige wirkliche Unterschied zwischen Aristokratie und Bohème bestand darin, daß die Bohemièns gar nicht erst heirateten. Wozu hätten sie das auch tun sollen ? Sie hatten keine Schlösser an ihre Nachkommen zu vererben.

Die Parallelen gehen aber noch weiter: Z. B. hatten die „Kosmiker“, eine Gruppe von Schwabinger Bohemièns um Alfred Schuler, Karl Wolfskehl, Ludwig Klages und Stefan George, den Blutmythos der Aristokratie (also den Glauben an die magische Kraft des Blutes und der Abstammung), aufgenommen und modifiziert. Früher waren die Aristokraten die „Enormen“ und alle anderen die „Belanglosen“. Jetzt waren die „Kosmiker“ die „Enormen“ (wie sie sich nannten) und alle anderen die „Belanglosen“. Für Alfred Schuler und Ludwig Klages trat der Arier an die Stelle des Aristokraten.

 

Wahnmoching, Anlaufstelle für Arbeitsscheue und -unfähige, soziale Absteiger und gescheiterte Existenzen

 

In Wahnmoching sammelten sich alle diejenigen, die sich in die Welt der beginnenden Industrialisierung nicht eingliedern wollten und konnten. Der Adel und Teile des Bürgertums verarmte, während die Neureichen und Aufsteiger als Fabrikbesitzer, gerissene und rücksichtslose Händler und Bankiers zu Geld und Ansehen gelangten. Einen Einblick in diesen Abstieg der alten Eliten gibt uns Thomas Mann mit seinem Roman „Die Buddenbrocks“, der die  Geschichte seiner eigenen Familie zum Thema hat. Thomas Mann ist ein Sproß aus einer abgestiegenen Kaufmannsfamilie, der als junger Mann zusammen mit seiner Mutter in Wahnmoching landete und Literat wurde. Seine Heirat mit Katja Pringsheim, einer Tochter aus großbürgerlichem jüdischem Haus und sein durch Arbeitsdisziplin und Begabung ermöglichter Erfolg als Bestsellerproduzent verhinderten, dass er zum in einer Schwabinger Dachkammer hausenden Bohemièn wurde, sondern in die Prinzregentenstraße zog und später in die eigene Villa in Bogenhausen.

 

In der vorindustriellen alten Zeit wurde der Familienbesitz von einem Familienoberhaupt verwaltet, dem diejenigen Familienmitglieder, die dazu fähig und willens waren, zuarbeiteten. Und der Rest der Familie, diejenigen, die weder die Lust noch die Fähigkeit hatten, den Reichtum der Familie zu mehren ?  Die arbeiten nicht, sondern widmeten ihr Leben den Vergnügungen, den geselligen Anlässen und dem Reisen. Oder sie wurden Privatgelehrte oder beschäftigten sich als Dilettanten, Sammler oder Mäzene mit der Kunst.

Als aber weite Teile des Adels und des Besitzbürgertums verarmten, war es vorbei mit dieser Herrlichkeit. Die Söhne und Töchter aus gutem Hause mussten für ihren Broterwerb selbst aufkommen und sich an die Welt der Spießbüger und der Proleten anpassen und wie diese sich in die große, „seelenlose“ Welt der Erwerbstätigkeit eingliedern. Das ging ihnen natürlich gegen die Natur. Hatten sie nicht gelernt, daß sie einer gehobenen Klasse angehörten, ja sogar eine überlegene Art von Menschen waren, die es nicht nötig hatte, sich mit den Widrigkeiten des Alltags herumzuschlagen ?

In der Welt der Spießer konnten und wollten sie sich nicht einfügen. Sie hätten in der Arbeitswelt auch garnicht zuverlässig funktioniert. Wo und wovon sollten sie leben ? Es gab einen Fluchtpunkt: Schwabing. Nördlich des Siegestores entstand ein neuer Münchner Stadtteil mit relativ preiswerten Wohnungen für das mittlere Bürgertum. Dort konnten sich diejenigen einquartieren, die von ihrer Familie unterstützt wurden. Oder die einfach nicht die Miete zahlten und deshalb öfters umziehen mussten . Wer finanziell schlechter gestellt war, weil er aus kleinbürgerlicher Familie stammte oder weil der Vater den Geldhahn zugedreht hatte, der kam in bescheidenen Pensionen, in Dachkammern und in Hinterhäusern unter. Die Wahnmochinger mit Geld waren Privatiers, die ohne Geld Bohemièns. Aber alle Wahnmochinger fühlten sich zu Höherem berufen als zur gewöhnlichen Erwerbsarbeit. Sie hatten der Welt etwas zu bringen und zu geben: Ihre Botschaft, verkündet durch ihre großen Auftritte (und sei es nur im Cafe Größenwahn), durch ihre Romane, Gedichte oder Werke der bildenden Kunst – oder auch nur durch das Kunstwerk ihres Lebens und ihrer Selbstinszenierung.

 

Die Schauplätze des Romans „Herrn Dames Aufzeichnungen“ von Franziska zu Reventlow

und andere wichtige Orte

 

a)    Cafe Stefanie („Cafe Größenwahn“)

 

Das Cafe Stefanie lag in der Maxvorstadt an der Ecke Amalienstraße 14/Theresienstraße. Nicht weit davon war in der Türkenstraße 28 das Kabarett „Die elf Scharfrichter“, das aber nur von 1901 bis 1903 existierte. Ein Stück weiter, in Türkenstraße 57, war die „Simplicissimus-Künstlerkneipe“ der Kathi Kobus, in der Joachim Ringelnatz auftrat. Das Cafe Stephanie gehörte zu den wenigen Gaststätten Münchens, die eine  Konzession hatten, bis drei Uhr geöffnet zu sein.

 

Erich Mühsam schreibt in „Namen und Menschen“ über das Cafe Stephanie:     

 

„Hier verkehrten massenhaft Maler, Schriftsteller und Genieanwärter jeder Art, auch viele ausländische Künstler, Russen, Ungarn, Balkanslawen, kurz das, was der Münchner Eingeborene in dem Sammelnamen „Schlawiner“ zusammenfasste. Ein Ecktisch war für eine Anzahl von Berühmtheiten reserviert, deren einige dem Schachspiel oblagen, andere die Tagesereignisse auf den Gebieten der Literatur, der Kunst und des Theaters erörterten. Dort lernte ich Max Halbe kennen und Max Dauthendey und habe dann jahrelang an dem Ecktisch fast täglich Schach gespielt mit Roda Roda und Gustav Meyrink, mit dem Syndikus der Münchner Kunstakademie Eugen von Stieler ... und vielen anderen. Auch den überaus feinen, klugen und ironischen Romancier Graf Eduard Keyerling habe ich dort noch getroffen...“

 

Leonhard Frank schrieb in „Links wo das Herz ist“:

 

Das Bohème-Cafe Stefanie bestand aus einem Nebenraum, an dessen Fensternischen Münchner Berühmtheiten jeden Nachmittag Schach spielten vor zuschauenden Straßenpassanten, und den größeren Hauptraum mit einem glühenden Kohlenofen, versessenen, stark nach Moder reichenden Polsterbänken, rotem Plüsch, und dem Kellner Arthur, der in ein zerschlissenes Büchlein, notdürftig zusammengehalten durch ein Gummiband, die Pfennigsummen notierte, die seine Gäste ihm schuldig blieben. Der überfüllte Hauptraum hatte einen warmen Geruch, eine spezielle Mischung aus Kaffee- und dumpfem Moderduft und dickstem Zigarettenrauch. Wer eintrat, war daheim.

Irgendwo im Haus oder im Himmel musste ein Elektrizitätswerk sein. Die Gäste, angeschlossen an den Starkstrom, zuckten unter elektrischen Schlägen gestikulierend nach links und nach rechts und vor und von den Polsterbänken hoch, fielen ermattet zurück und schnellten mitten im Satz wieder hoch, die Augen aufgerissen im Kampf der Meinungen über Kunst...

Doktor Kreuz sagte: ‚Den meisten erscheinen die Erkenntnisse Freuds heute noch als Unsinn; ich denke, die Ergänzung Nietzsches durch Freud könnte der große Glücksfall des zwanzigsten Jahrhunderts sein.’

Der lange Russe sagte entschlossen: ‚Kein Zweifel, Nietzsche und Freud ermöglichen es uns, den Weg zu bereiten für den komplexfreien hemmungslosen Übermenschen...Da ist allerdings ein Hindernis, allerdings ein sehr ernstes, äußerst ernstes – das Christentum.’“

 

Josef Ruederer schreibt:

„...das vielgenannte Café Stefanie...Schon der Geruch ist verschieden. Keine Zigarren, nur Zigaretten, kein Bier, nur Stefan George. Nicht als ob der gefeierte Dichter in eigener Person zugegen wäre: seine Jünger, seine Bekenner, seine Verehrer sitzen herum. In allen Altern, in allen Typen, in allen Geschlechtern. Schwarzhaarige Jünglinge aus den Donaustaaten, Malweiber, die Reformkostüme tragen, und Studenten, die dichten.“

 

Als Stammgäste traf man die „Elf Scharfrichter“ und den Lyriker Johannes R. Becher, der später die Hymne der DDR („Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“) schrieb und Kultusminister der DDR wurde. Der schon erwähnte Gustav Meyrink schrieb den Roman „Der Golem“, der im Prager Ghetto spielt.

Ferner traf man an: Die avantgardistische Malerin Marianne Werfekin, den Theaterautor Frank Wedekind („Frühlings Erwachen“) die Frauenrechtlerin Emmy Hennigs und den Dadaismus-Mitbegründer Hugo Ball.

Und natürlich traf man Franziska zu Reventlow.

 

Georg Jacob Wolf schreibt:

 

„Im Café Stephanie oder, wie es die missgünstigen Schottermenschen (d.h. diejenigen, die auf der Münchner Schottereben geboren wurden), die Ur-Münchner, nennen: im Cafe Größenwahn spielte und spielt sich ein nicht unbeträchtlicher Teil des Schwabinger Geisteslebens ab. Denn es gehört zu den Merkwürdigkeiten des Schwabinger Geistreichseins, daß man es nicht für sich allein ist, sondern daß man dazu immer einiger Zuhörer, Beipflichtender oder Widersprechender bedarf. Zugleich ist das Cafe Kesekabinett, Wärmestube und ‚Pumpstation’.

 

 

b)    Cafe Leopold

(Leopoldstraße 50)

Hier hatte Karl Wolfskehl seinen festen Platz. Außerdem: Albert Langen

 

Hans Brandenburg schreibt über das Café Leopold und Papa Benz

 

„Unseren Stammtisch hatten wir im Leopold, im Café Benz, wie man sagte... Der runde José Benz, ein Bühnentenor, hatte die feine und zarte Tochter eines Bauunternehmers nur unter der Bedingung heiraten dürfen, daß er die Theaterlaufbahn aufgab. Sie hatte ein mehrstöckiges Haus mit in die Ehe gebracht. Im Erdgeschoß war eine Fuhrmannskneipe gewesen, Benz hatte einfach die Preise hinaufgersetzt und dadurch die alten Gäse verscheucht und bessere gewonnen und hatte sich entschlossen, selbst den Wirt zu machen. Abends betrat er das kleine Musikpodium, auf dem eine Schrammelkapelle spielte, und sang wieder Oper- und Operettenarien, und an bestimmten Abenden wurde ein Kabarettprogramm durchgeführt, das den Beginn der  bekannten Kleinkunstbühne wurde. Da füllten die Haimhauser oder Giesinger das Lokal, weil sie glaubten, hier das Künstler-Schwabing zu finden, so wie das heute ein internationales Fremdenpublikum von den Nachtlokalen um den Wedekindplatz glaubt.“

 

c)     Cafe Luitpold

(im zweiten Weltkrieg zerstört, heute ist dort der Luitpoldblock – in der Nähe trifft der Oskar-von-Miller-Ring auf die Brienner Straße – am Platz der Opfer des Nationalsozialismus, am Rande des Kreuzviertels, ein uraltes Nobelviertel im Dunstkreis der Münchner Residenz)

Dieses vornehme Cafe wurde von Stephan George bevorzugt, dort saß er mit den Kosmikern.

 

d)    Pension Fuchs

(Hess-Strasse 34, Ecke Luisenstraße)

 

Zwei der Kosmiker, Stefan George (damals 24) und Ludwig Klages (damals 20) wohnten 1893 in der Pension Fuchs, in der zur gleichen Zeit auch der junge Jakob Wassermann, ein Jude aus Fürth, der später ein Bestsellerautor wurde („Kaspar Hauser“, „Das Gänsmännlein“ u. a.), dem sich die attraktivste Frau in der Pension, eine junge Malerin, liebevoll zuwandte.

 

e)     Pension Führmann

(Belgradstraße 57)

Ein ehemaliger Pferdestall, den der Weltenbummler Henry (Heinrich) Führmann geerbt hatte und zu einer Pension mit Zimmerchen in Streichholzschachtelgröße umbaute. Jeden Samstag fand in der Pension ein Fest statt.

 

f)      Karl Wolfskehls Haus (Römerstraße 16)

 

Diese ansehnliche Jugendstilvilla gehörte Karl Wolfskehl und hier fand das in „Herrn Dames Aufzeichnungen“ geschilderte dionysische Maskenfest statt. Wolfskehl veranstaltete die „offene Sonntagnachmittage“, an denen sich beim ihm die Münchner Maler und Literaten trafen, z. B. Martin Buber, Paul Klee, Franz Marc, Ricarda Huch und Anette Kolb. So wurde er bald zu einer stadtbekannten Persönlichkeit. Im Dachgeschoß des Hauses hatte Wolfskehl seinem Freund Stefan George drei Zimmer zur Verfügung gestellt. Einer der beiden Wohnräume hieß „Kugelzimmer“, weil es von einer Milchglaskugel beleuchtet wurde. Es war schlicht eingerichtet und diente als Wohn- und Arbeitszimmer. Hinter diesen beiden Hauptwohnräumen war das „dritte Zimmer“, in dem George nur ausgewählte Gäste empfing. Hier stand sein Bett.

Die Besucher mussten ihre Straßenschuhe gegen bereitgestellte Hausschuhe eintauschen; die Strohmatte des Kugelzimmers sollte sauber bleiben.

 

g)    Das Eckhaus (Kaulbachstraße 63, im Abschnitt zwischen Ohmstraße und Schackstraße, nicht weit vom Siegestor)

 

Hier zogen im November 1903 als Wohngemeinschaft ein: Franziska zu Reventlow mit ihrem Sohn Rolf, sowie ihr Lebensgefährte, der polnischen Maler Bogdan von Suchocki und als dritter Erwachsener in dieser ménage à trois der Vereherer und Bewunderer der Reventlow, der junge Schriftsteller Franz Hessel. Die Reventlow verbrachte hier eine für ihr unstetes Leben relativ lange Zeit von drei Jahren – vielleicht die glücklichste in ihrem Leben, weil sie hier so etwas wie eine Famliengemeinschaft fand – denn auch der Bohemièn sehnt sich manchmal nach der bürgerlichen Normalität.

Das „Eckhaus“ steht heute nicht mehr. Das schlichte, zweistöckige Haus stand nicht an einer Straßenecke, sondern die Reventlow nannte es das „Eckhaus“, weil es an der Ecke eines großen vierstöckigen Mietwohnblocks stand.

 

 h) Die „kosmische Wiese“

 

Die kosmische Wiese war ein Stück unbebautes Land zwischen den Häusern am Nordrand von Schwabing, vielleicht am Biederstein oder auch nördlich der Destouchesstraße. Hier wandelten die Propheten und Künder neuer Religionen, Okkultisten, Gnostiker, Theosophen, Mystiker, Taoisten, Mazdaisten, Buddhisten, Zionisten, Nihilisten, Bolschewisten, Pazifisten und andere Weltbeglücker, die versuchten, Jünger zu sammeln und um sich herum einen Kreis von Bewunderern und Verehrern aufzubauen. Natürlich gab es auch Hochstapler, die keine „Hungerleider nach dem Unerreichbaren“ waren, sondern denen es nie um die Verbesserung der Welt, sondern nur um Verbesserung ihrer eigenen Situation ging und die Menschen suchten, die sich ihnen als dem großen Meister unterwarfen, ihn versorgten und seinen Ruhm mehrten.

 

i)  Die „Elf Scharfrichter“ im „Gasthaus zum Goldenen Hirschen“ (Türkenstraße 28)

 

René Prevot schreibt: „Da war zunächst einmal der ‚Goldene Hirsch’ mit den Elf Scharfrichtern.

Ein geheimnisvolles, schon aus der Ferne irgendwie aufreizendes Stimmungs-Vorgelände umgab die Elf Scharfrichter. Die Wirklichkeit allerdings, in die man hineingeriet, war zunächst mehr ernüchternd...Gegenüber einer unschönen Kaserne lag in der Türkenstraße eines der ortsüblichen kleinen Beiseln, ‚Zum Goldenen Hirschen’, und wenn man durch einen Torweg den dämmrigen Hof betrat, sah man sich zunächst hinter die Kulissen eiens Schankbetriebes versetzt – leere Fässer, Stapel von Bierkisten, Handwagen und Abfälle...Umso überraschender war der Eintritt in das kleine Theaterchen. Der Raum war ehemals der Paukboden einer Studentenschaft gewesen – blutgetränkter Boden also. Dieses Lokal, das sich wie der Zuschauerraum einer im Thespiskarren umherziehenden Wandertruppe des 18. Jahrhunderts ausnahm, schien wie durch Schicksal zu seiner jetzigen Bestimmung gekommen zu sein. Er hatte gerade die richtigen Ausmaße, mochte an die hundert Personen fassen und wäre durch die elf Scharfrichtermasken an der Wand wohl schon hinlänglich gekennzeichnet gewesen, wenn nicht neben einer der beiden kleinen Logen der ‚Schandpfahl’ noch deutlicher von der Signatur des Ortes gesprochen hätte. An dem Pfahl sah man einen mit Perücke bedeckten Totenschädel, in dem recht schauerlich ein Henkrsbeil haftete – ein Einfall, einer Jahrmarktbude würdig, hier aber durch das Motiv des Bürgerschrecks, des ‚épater le bourgeois’ seltsam überhöht. Viele zeichnungen und Bilder von berühmten Künstlern und eine Kleinstatue des weiblichen Hauptstars Marya Delvard lockten vor Beginn und während der Pausen zur Betrachtung. Plötzlich setzten die Klänge des ‚Scharfrichtermarsches’ ein. ‚Erbauet ragt der schwarze Block, Wir richten scharf und herzlich’..., und herein kamen in ihrem scharlachroten Ornat die ‚Elf’ geschritten – ein feirlicher Zug, der gerade durch seine Starrheit etwas schauerlich Grotekses hatte, und die ‚Exekution’ begann. Die Execution wesssen ? – Natürlich des ‚Bourgeois’, des fetten, satten, reichen, selbstgenügsamen Hüters einer überalterten Weltvorstellung. Diese Tendenz verhinderte jedoch nicht, daß die Söhne reichster Häuser, die ihrerseits auf den Bourgeois herabsahen, eine Schwäche für das Scharfrichterspiel hatten. So waren die ‚feinen Schwabinger’ rund um Rudolf Alexander Schröder dort durchaus nicht selten zu sehen....

Merkwürdig war..., daß aller Aufwand der Scharfrichterei nicht genügt haben würde, um wirklich ein Publikum herbeizuziehen – die Eintrittskarten ksoteten immerhin drei Goldmark -, wenn nicht eine Frau, eben jene Marya Delvard, den Durchbruch in der Pblizität zustandegebracht hätte. Sie war...der erste zarte Trieb an dem später so üppig blühenden Baum der ‚Vamps’. Sie war Lothringerin, eine Landsmännin von mir, und mit Marc Henry, dem Sänger-Conférencier des berühmten ‚Chat –Noir’ vom Montmartre nach Schwabing gekommen. Aus dem ‚Chat-Noir’, der Urzelle aller europäischen Kabaretts, brachte Marce Henry die Erfahrungen mit, die ihn zum Direktor und Conférencier der Elf Scharfrichter prädestinierten; sein schönstes Geschenk an das junge Unternehmen aber war die Delvard. Keß und doch irgendwie geheimsnisvoll trat sie vor den blauschwarzen Rundvorhang, das Gesicht über dem engen schwarzen Kleid mit dem hochgeschlossenen Kragen kreideweiß gepudert, die Lippen breit rotgeschminkt, und trug mit jener dunklen Stimme und starr-ernster Miene, die bis zu Marlene Dietrich zum Air der großen Diseeeeuse gehörten, Wedekinds ‚Ilse’ vor. Das war der Sieg. Die Delvard und ihre ‚Ilse’ hatten ihr Echo in den Weltblättern von paris bis Petersburg.

Frank Wedekind, der berühmteste der Elf, war im Anfang des Unernehmens noch nicht dabei gewesen. Unter den Gründern war ‚Peter Luft’ der führende Kopf, im Privatleben Otto Falckenberg, der meinem Besuch allerdings schon ausgeschieden war, um den Weg zu beschreiten, der ihn zum berühmtesten Theaterregisseur neben Max Reinhard machen sollte...Hans Weinhöppel, als Scharfrichter Hannes Ruch, war Hauskomponist. Ja, und nun Wedekind, der Vielumraunte, den der Ruhm von ‚Frühlingserwachen’, des ‚Erdgesites’, des ‚Marquis von Keith’ begleitete und dessen Schauerbalade von ‚brigitte B.’ jeder von uns auswendig wusste.“ Das ganze Theater fieberte seinem Auftritt entgegen. „Endlich trat Marc Henry vor den Vorhang und kündigte an: ‚Scharfrichter Franz Wedekind mit seiner Gitarre.’ Wedekind war der einzige, der sich nicht in ein Pseudonym hüllte, was seinem scharf vorspringenden Profil sozusagen sehr gut zu Gesicht stand...Dämonisch schlug Frank die Saiten seiner Gitarre und sang mit tenoraler Stimme im köstlichsten Bänkelsängerton... (Die Balade von einer Verkäuferin, die auf nächtlicher Straße von einem Mann halb vergewaltigt, halb verführt wird und ihm dann einen Einbruch bei ihren Herrschaften ermöglicht. Wir heutigen können darüber nicht mehr lachen). Prévor fährt fort: „War es die sublime Komik der Verse, war es der suggestive Vortrag ihres Dichters ? – Jedenfalls brach ein Jubel ohnegleichen los...Als Darsteller seiner eigenen Werke wirkte Wedekind komisch in der Tragik und tragisch in der Komik. Die ihm vorgeworfene ‚Schamlosigkeit’ war nur Abwehr gegen die ‚lüsterne’ Prüderie der sogenannten guten Gesellschaft. Seine Bühnenerfolge waren jahrzehntelang umstritten...Fast alle seine Premieren waren ‚fröhliche Begräbnisse’ ! Denn mehr und mehr fühlte man den metaphysischen Hauch, der seine Dramen durchwehte in einer Zeit, da der Naturalismus die Phantasie schwunglos zu morden drohte.“

 

 

Die Kosmiker

 

Der innere Kreis der Kosmiker waren Alfred Schuler, Ludwig Klages, Karl Wolfskehl und Stefan George. Da außer Schuler jeder sich noch mit einem Kreis von Freunden und Anhängern umgab, ist es schwer zu sagen, wer zu den Kosmikern zu rechnen ist. Auf der bekannten Photographie der Kosmiker aus dem Jahr 1902 ist noch der niederländsiche Dichter und George-Übersetzer Albert Verwey zu sehen, ein enger Freund von Karl Wolfskehl. Auch Rudolf Pannwitz, Oscar A.H. Schmitz (mehr als neugieriger Zaungast) und der Zeichner und Schriftsteller Alfred Kubin und der später noch ausführlich zu erwähnende Ludwig Derleth gehörten dazu.

Die Kosmiker im engeren Sinn waren aber nur Klages, Schuler und Wolfskehl. George blieb seinem Charkter entsprechend zu jedermann auf Distanz. Sie waren Spinner – aber auf hohem Niveau. Darin waren sie Ludwig Derleth nah, der aber nicht für die Wiederbelebung des Heidentums, sondern für ein erneuertes, militantes Christentum eintrat. In seinen „Proklamationen“ sagt er: „Das Heilige ist dem Kosmischen entgegengesetzt“. Da er sich für heilig hielt, konnte er eigentlich kein Kosmiker sein. Und da die Kosmiker die christliche Religion ablehnten, mussten sie eigentlich auch Derleth ablehnen, der nicht nur Christ war, sondern sich vielleicht sogar für eine Wiedergeburt Christi hielt. Aber man war sich einig, daß die bestehende Welt gründlich verändert werden musste. Und man war sich ähnlich im Größenwahn.

 

Die Entstehung der Gruppe der Kosmiker

 

Die Kosmiker hatten sich größtenteils bereits 1893 kennengelernt (Klages und George als Zimmerherren in der Pension Fuchs). Johannes Székely schreibt: „Aber erst nach der Übersiedlung Karl Wolfskehls nach München im Jahre 1899 fand man sich zu regelmäßigen Gesprächen im gastfreien Hause Wolfskehls zusammen, das durch seine „Jours“ und Feste, aber auch durch seinen Dauergast im „Kugelzimmer“, George, berühmt wurde. Vor allem bildete sich in leidenschaftlichen Diskussionen aus den Gedanken der einzelnen eine kosmische Theorie, die Grundlage für das Treiben in Schwabing.“

 

Die Gräfin zu Reventlow ist Zeitzeugin

 

Die „tolle Gräfin“, Franziska zu Reventlow, hat sich in einer satirischen und enthüllenden Schilderung („Herrn Dames Aufzeichnungen“) über die Kosmiker lustig gemacht, und die Atmosphäre eingefangen, die sie um sich verbreiteten. Daß dieser Kreis, vor allem Ludwig Klages, sie zunächst mächtig anzog und faszinierte, muß man allerdings auch hinzufügen. Die Satire ist wohl auch ein Versuch der Reventlow, ihre Entäuschung darüber zu verarbeiten, daß der Kreis auseinanderbrach und daß ihrer Beziehung zu Klages keine Dauer beschieden war.

 

Ein heidnisches Faschingsfest im Hause Wolfskehl

 

Franziska zu Reventlow hat ein heidnisches Faschingsfest im Hause Wolfskehls in „Herrn Dames Aufzeichnungen geschildert:

 

Als Anblick und Stimmung war es schon etwas Wunderbares, ja, ich kann wohl sagen: als wir zu früher Morgenstunde das gastliche Haus verließen, waren auch meine Empfindungen bis zu einem Zustand inneren Taumels gesteigert, der noch heute nicht ganz erloschen ist. Und doch – und doch – ich wollte, ich wäre in der Lage, zu behaupten, man müsse seine Feder in heidnisches Blut tauchen, um Wahnmochinger Bacchanale zu schildern, und wenn ich mein Buch schreibe, werde ich es wohl auch so ausdrücken.

Ich denke nach – dort drüben am Sofa liegt noch mein Kostüm und die Hirtenflöte – und nun will mir wiederum scheinen, als übertriebe ich nach der anderen Seite. Es lag doch viel heidnischer Glanz und Schimmer über dieser Nacht – bei einigen war es vielleicht nur allgemeine frohe Feststimmung – Maria, Susanna sind sicher bei jeder Redoute ebenso bacchantisch aufgelegt – bei anderen wohl auch eine tiefe Entrücktheit aus der heutigen Welt. So Delius (Alfred Schuler), der als römische Matrone in schwarzen Gewändern erschienen war; auf dem Kopf trug er einen schwarzen Schleier, und in der Hand einen metallenen Triangel, dem er mit einem Stäbchen melodische Töne entlockte. Und auch bei dem Professor (Karl Wolfskehl), der den indischen Dionysos darstellte, in purpurrotem Gewand mit Weinlaubkranz und einem langen goldenen Stab. Beim Tanzen raste er wild daher, und seine Augen rollten, mir fiel auf, daß er eigentlich ein schöner Mann ist mit seiner mächtigen Gestalt und dem dunkeln Bart. Er schien auch vielen Frauen gut zu gefallen, und er sah sie alle mit verzückten Blicken an, und fand sie alle namenlos schön. An Rauschfähigkeit fehlte es ihm sicher nicht, und er lebte ganz in seiner Rolle, wenn man es so nennen darf. Nur bei einer kleinen Szene – Maria verfiel in einem animierten Moment darauf, an seinem ungeheuren goldenen Stab emporzuklettern – er schaute sie froh entgeistert an, hielt ihr den Stab hin, und der Stab brach in der Mitte durch. Schade, aber in diesem Moment versagte sein heidnisches Empfinden, und er wurde ärgerlich. Nach meinem Gefühl dürfte Dionysos sich nicht ärgern, wenn Bacchantinnen oder Hermaphroditen etwas entzweibrechen. Aber außer mir hat es wohl niemand bemerkt.

Den Meister (Stefan George) sah ich zum erstenmal aus der Nähe, als Cäsar in weißer Toga und mit einem goldenen Kranz um die Stirn, – er mischte sich ungezwungen unter die Menge, und es gab ihn wirklich. Dabei behält er doch immer eine gewisse Ferne, und seine Geste schien mir schön und würdig.

Das Fest begann mit einem feierlichen Umzug: voran schritt eine Bacchantin, die ein ehernes Becken schlug, dann kam Dionysos mit seinem goldenen Stab, ihm folgten der Cäsar – er trug eine Art kugelförmigen, durchbrochenen Krug, in dem ein Licht brannte – und die in Schwarz gehüllte Matrone, daneben und dazwischen bekränzte Knaben mit Weinbechern. Wer in antikem Gewand war, folgte, die übrigen blieben zur Seite stehen. Denn viele waren auch anders kostümiert – Renaissance, alte Germanen oder Orientalisch. Der arme Georg, Marias Rechtspraktikant, der durch die Eckhäusler eingeladen war, hatte den Charakter des Festes entschieden nicht begriffen, er war als Pierrot gekommen, und es war ihm dann sehr unbehaglich. Willy, dem er sein Leid klagte, sagte, er müsse eben versuchen, sich wie der Narr in einem Shakespearschen Drama aufzufassen. Er empfand wohl die Bosheit nicht, die darin lag, und fühlte sich getröstet.

Der Umzug ergab tatsächlich ein ungemein wirkungsvolles Bild, und durch den eigenartigen Gesang, der dabei angestimmt wurde, eine fast beklommen weihevolle Stimmung. Selbst Georg in seinem Pierrotanzug war ganz davon angetan und stand wie erstarrt in einer Fensternische. Es waren nur ein paar Verse, die liturgisch, das heißt in dumpf-nasalem Ton gesungen wurden, wobei man alle Silben gleichmäßig betonte und ins Unendliche ausdehnte. Sie lauteten:

Wir sind gewohnt,
Wo es auch thront,
Hinzubeten, es lohnt.
Wie unser Ruhm zum Höchsten prangt
Dieses Fest anzuführen,
Die Helden des Altertums
Ermangeln des Ruhms,
Wo und wie er auch prangt,
Wenn sie das Goldene Vlies erlangt –
Wir die Kabiren – – –

Zwei, dreimal wurde dieser Gesang wiederholt, während der Umzug sich durch sämtliche Räume bewegte. Adrian saß am Flügel und spielte eine Art dumpfe getragene Begleitung.

Dann löste sich alles in bewegtes Durcheinander, Tanz und die sonst üblichen festlichen Betätigungen auf. Ich sehe in der Erinnerung ein buntes Gemisch von einzelnen Bildern und Eindrücken, die ich wohl festhalten möchte, ehe sie sich verwischen. Der Professor (Karl Wolfskehl) – Dionysos – in einem Kreise von Damen – er redet in Versen, wohl eine halbe Stunde lang, man bewundert ihn, und mit Recht, denn es war wirklich eine Leistung. Die Kappadozische (Elsa Bruckmann) schmachtet und ist ganz Bewunderung – sie hatte ein eigentümliches Kostüm an mit großen Metallplatten an den Ohren, (vermutlich kappadozisch). Dann sehe ich Delius (Alfred Schuler), die römische Matrone, in der Hand einen Teller mit zierlichen Butterbrötchen, die er versunken in den Mund schiebt. Er ist heute ganz in seiner wahren Welt. Seine Mutter (er lebt mit seiner Mutter zusammen und soll sie sehr verehren) irrt zwischen den Gästen umher und sucht ihn: Wo ist mein Sohn – haben Sie meinen Sohn nicht gesehen? Endlich entdeckt sie ihn, aber er wendet sich ab und will sie nicht anerkennen. Ganz betroffen flüchtet sie zur Frau des Hauses, die sie lächelnd beruhigt.

Ich entdecke Sendt (Ludwig Klages), der alleine in heiterer philosophischer Ruhe hinter einem Glase Wein sitzt und die kleine Szene ebenfalls beobachtet hat. Halb betäubt lasse ich mich neben ihm nieder.

»Trinken Sie, junger Mann,« sagt er, »– wie bekommt Ihnen denn das Flötenblasen – es machte mir aufrichtiges Vergnügen, Sie neben dem Dionysos einherschreiten zu sehen. Solange die Maskerade Maskerade bleibt – –«

»Ach, lieber Doktor, wenn Sie nur Philosoph bleiben. – Ich bin wirklich freudig überrascht, Sie hier zu treffen.«

»O warum nicht; ich amüsiere mich ausgezeichnet, und es gibt wirklich allerhand zu sehen – zum Beispiel Delius (Alfred Schuler) – können Sie sich wohl denken, weshalb er seine Mutter nicht erkennen wollte?«

Ich meinte, er wollte wohl nicht aus der Stimmung herausgerissen werden, und als römische Matrone...

Sendt lächelte.

»Die Matrone gilt vielleicht nur für Outsider. – Ich habe munkeln hören, daß er den Eingeweihten die große Urmutter darstellt – obwohl diese von Rechts wegen unsichtbar ist. Deshalb trägt er wohl auch den schwarzen Schleier auf dem Haupt. Sie begreifen, daß es nun wirklich stillos wäre, sich mit seiner Mama zu unterhalten, wenn man sich selbst als Urmutter empfindet.«

Ich versank in tiefes Staunen – Maria kam angestürzt und warf sich in einen Sessel:

»Da sitzt ihr wieder und redet, statt zu tanzen. – Hören Sie, Sendt, der Sie alles wissen, warum ist der Dionysos so rot? – Ich dachte immer, er wäre nackt und nur mit Weinlaub.«

»Zügeln Sie Ihre schlimmen Phantasien, Maria! Der indische Dionysos, den Sie heute in unserem Professor verkörpert sehen, wird im langen wallenden Gewande dargestellt – und für Sie, lieber Dame, – der Kult der großen Mutter kam aus Asien, deshalb mag wohl auch der indische als der Ur-Dionysos gelten.«

»Wie langweilig,« sagte Maria, »– jetzt gibt's schon wieder einen Umzug, und ich wollte gerade mit Georg tanzen.«

Wir sahen in der Tat, daß man sich wieder zum Zuge ordnete; von allen Seiten strömten die Bacchanten, Jünglinge und Hermaphroditen mit erhitzten Gesichtern herbei. Dionysos schwang einen laubumkränzten Stab, den seine Frau ihm statt des zerbrochenen goldenen hergerichtet hatte. Nur Delius blieb ruhig an seinem Platz stehen, Adrian lief an ihm vorbei und fragte, ob er sich denn nicht beteilige, aber er antwortete gemessen:

»O nein, es handelt sich diesmal nur um einen Privatumzug des Cäsar.«

Man fühlte, daß alle in erhöhter Stimmung waren, denn es ging lauter und lebendiger zu als am Anfang, bis der Cäsar sich in Bewegung setzte und wieder der eintönige dumpfe Gesang erscholl.

–   –   –   –   –   –   –
Wir die Kabiren – – –

»Was sind Kabiren?« fragte Maria leise.

»Thrakische Urgötter« – sagte Sendt und schenkte sich ein neues Glas ein.

         

–   –   –   –   –   –   –
Die Helden des Altertums
Ermangeln des Ruhms – – –

Und nun wollte ich wieder wissen, warum. »Ich dachte gerade, sie wären enorm?«

»Die Kabiren sind eben noch enormer,« erwiderte der Philosoph. – »Übrigens sind die Verse aus dem Faust.«

Und Maria ganz enttäuscht: »Aus dem Faust? – Ich meine, von Hofmann – sie sehen ihm so ähnlich.«

»Nein, nun hört auf, Kinder!« sagte der Philosoph. »Ihr fragt mich zu Tode! Lieber wollen wir nächstens wieder ein theoretisches Souper veranstalten – Je me sauve,« und damit verläßt er uns, um einer schönen Griechin die Cour zu machen.

Ich tanze mit Maria, mit einer Unbekannten, dann treibe ich mich herum und suche nach Susanna (Franzsika zu Reventlow), die ich noch kaum gesehen habe. Die vier Hermaphroditen, deren Kostüm bis ins kleinste Detail übereinstimmt, sind durchaus verwirrend. Darin hat Susanna wohl recht gehabt. Ich denke, sie ist es, die vor mir steht, und lege sanft den Arm um sie – es ist Konstantin, – er dreht sich um und schaut mich an wie ein schönes Mädchen:

»Nein – dort in der Fensterbank sitzt sie,« sagt er.

Die Lampen blenden, ich sehe nur ein paar schlanke schwarze Beine, ein weißes Obergewand, den roten Kranz –, ich trete näher heran – Schnurrbart – Zwicker – es ist Adrian. Er unterhält sich gerade mit einem Franzosen, klärt ihn über die Bedeutung des Festes auf und weist auf eine Gruppe von Knaben und Bacchantinnen hin, unter denen es stürmisch und zärtlich hergeht. Ich höre Adrian sagen:

»Mais c'est une orgie – vraiment, c'est une orgie – un bacchanal!«

»Oui, oui, oui – parfaitement,« erwidert der Franzose.

Hoffnungslos wand ich mich weiter durch die menschenvollen Räume, aber nun begegnete mir die wirkliche Susanna (Franzsika zu Reventlow) und zog mich mit:

»Ein neuer Zinnsoldat« – sagt sie, »er ist sehr nett, kommen Sie nur mit.«

Ja, er war wirklich recht nett – ein blonder Gutsbesitzer (Albert Henschel), der sich stilvoll in ein großes Pantherfell gewickelt hatte. – Wir etablierten uns in einer stillen Ecke, Susanna schmiegte sich an das Pantherfell und ließ mir ihre linke Hand. Sie weiß, daß ich mich dann schon etwas glücklicher fühle.

So saßen wir, schwätzten, ruhten uns aus und betrachteten das festliche Getriebe. Willy (Franz Hessel, ein Verehrer der Reventlow) und Orlonski ( der polnische Maler Bogdan von Suchocki, ein Lebensabschnittspartner der Reventlow) tauchten manchmal auf, grollten etwas, weil sie nicht tanzen wollte, blieben eine Weile oder verzogen sich wieder. Heinz kam vorbei – dann sein Freund, der Indianer; ich erfuhr jetzt endlich von Susanna, daß er Petersen heißt und aus einer nordischen Heidegegend stammt, – deshalb wird er auch trotz seiner dunklen Haare als blonder Germane eingeschätzt. An diesem Abend trug er ein orientalisches Kostüm und einen langen falschen Bart. Ich rief ihn an, da ich ihn doch kannte, aber er zuckte die Achseln und antwortete mit einem unverständlichen Gemurmel, was wohl bedeuten sollte, daß er nicht für mich zu sprechen sei.

»Er ist ein orientalischer Priester,« erklärte Susanna, »und es gehört dazu, daß er uns nicht kennt. – Überhaupt zu seinem Stil; er gilt gerne für verschlossen und herrisch.«

Es war schon spät; in der Mitte des Zimmers begann jetzt ein weibliches Wesen, anscheinend eine Mänade, die fast nur in rote Schleier gehüllt war und Hörner auf dem Kopfe trug, Solo zu tanzen, – alles schob sich zur Seite, um zuzuschauen. Delius in seinem schwarzen Gewande schritt um die Tanzenden herum und ließ leise seinen Triangel ertönen. Ich erkannte die schwarze Malerin, die ich bei Heinz gesehen.

»Das ist die ›Murra‹,« sagte Susanna leise, »ich weiß nicht, wie sie sonst heißt. Der Petersen ist Bildhauer und hat sie kürzlich als ›erdhaftes Weib‹ modelliert – es ist nur ein Kopf, der nicht recht aus dem Stein heraus will. Er sollte eigentlich die Urzeit heißen, aber irgend etwas stimmte nicht, und er taufte es dann die ›Murra‹. Der Name soll eben das Dunkle, Erdhafte wiedergeben. Man fand es enorm, und das Mädchen ist sehr stolz darauf.«

Der Panther hörte aufmerksam zu und schien sich nicht besonders zu wundern, – er muß doch nicht ganz fremd in Wahnmoching sein.

Die »Murra« tanzte und bog sich in verzückter Gelenkigkeit vorwärts – rückwärts, – man hatte manchmal Angst, sie könnte ohne weiteres durchbrechen. Alle Zuschauer waren völlig hingerissen, nur der Mann im Pantherfell machte ziemlich laut eine abfällige Bemerkung, und der Indianer – nein, diesmal war er ja Priester – warf ihm einen furchtbaren Blick zu. Die kappadozische Dame sah interessiert zu uns herüber, sie hoffte wohl, es würde wieder Blut fließen. Aber nun ergriff der Priester ein Gong und trat selbst in die Arena. Mit dröhnenden Schlägen und düsterer Miene schritt er auf die Tänzerin zu, um sie herum, und feuerte sie zu immer wilderen Sprüngen an. Sie erntete ungeheuren Beifall, ihre roten Schleier flogen auf und nieder, – ich fühlte mich schließlich wie hypnotisiert, ich sah und empfand nichts mehr als rote Schleier – rote Schleier, hörte nichts mehr als die dröhnenden Gongschläge. Vielleicht war das wirklich der dionysische Rauschzustand, den dieses Fest ja herbeiführen sollte. Der Professor kam an den Tisch und ich teilte ihm meine Empfindungen mit; er schien hocherfreut und sah mich voller Sympathie an. Dann zog eine Bacchantin ihn fort; der Panther gürtete sein Fell und mischte sich ebenfalls in das Gewühl. Susanna hatte bisher wohlig in unser beider Armen geruht; nun der andere gegangen war, konzentrierte sie sich auf mich. Ich war sehr glücklich und auch wieder melancholisch, denn ich wagte endlich die Frage, zu der ich mich schon lange verurteilt fühlte:

»Ach Susanna, – kann ich Ihnen denn niemals mehr sein als ein Zinnsoldat?«

Und sie antwortete nur: »Das ist schwer zu wissen.«

Der Panther kam zurück und mit ihm der Philosoph; die beiden waren anscheinend schon bekannt und unterhielten sich eifrig miteinander. Immer noch tanzte die »Murra«, sie schien überhaupt nicht mehr aufhören zu können – dann plötzlich schleuderte der Indianer sein Gong weit von sich und drehte sich rasch und immer rascher um sich selbst wie ein Derwisch. Das gab das Signal zu einer allgemeinen Ekstase, alles begann zu tanzen, zu drehen, in einem rasenden Tempo herumzuwirbeln, – paarweise, allein oder zu mehreren, wie es gerade kam. Eine ganze Schar von Mänaden schwang sich im Kreise um den Dionysos, der verzückten Blickes bald eine, bald die andere ansah und einzufangen versuchte. Auch Susanna hatte ihre Faulheit abgeschüttelt und bildete mit Konstantin und Adrian ein unentwirrbares Ensemble von schwarzen Beinen und rotumlaubten Köpfen.

Wir hielten unterdessen an unserer Ecke fest, sie glich immer mehr einer umbrandeten Insel; – Adrian trat wieder zu uns und betrachtete das bewegte Schauspiel durch seinen Zwicker.

»Hören Sie, Sendt,« sagte er hingerissen, »wenn Sie immer noch nicht zugeben wollen, daß wir in Wahnmoching noch einmal ein dionysisches Zeitalter erleben werden – –«

»Meinetwegen – erleben Sie es,« entgegnete der Philosoph trocken. – »Es ist ja im späteren Altertum schon einmal vorgekommen, daß die dionysischen Kulte eine wohlgeordnete patriarchalische Weltanschauung wieder über den Haufen rannten und – –«

Adrian horchte gespannt auf: »Was? das wußte ich ja gar nicht.«

»Nun, dann wird es Sie sicher interessieren, daß auch damals die Frauen wieder zu Mänaden und Hetären wurden, und – hören Sie nur gut zu, Adrian – auch damals lernte ein ernüchtertes Zeitalter wieder den Rausch einer tieferen und glühenderen Lebensempfindung kennen – was, so viel ich weiß, die verborgene Hoffnung Wahnmochings ist. Eben jene nächtlichen dionysischen Feste mit rasenden Tänzen, die Opfertiere, die von den Mänaden zerrissen und roh verschlungen wurden.«

»Pfui Teufel,« sagte der Panther.

»Weil in ihrem Blut der Gott selbst enthalten war.«

»Stierblut,« fiel Adrian, sich plötzlich erinnernd, ein.

»Ja, Stierblut, weil der Gott in der Gestalt eines Stieres erschien und man somit seine Substanz in sich aufnahm – aber bitte, lesen Sie es lieber in Ihrem Bachofen nach, ich habe nicht die Absicht, hier weitere Vorträge zu halten.«

Adrian nahm einen Zettel aus seinem Gewande und notierte sich etwas. Der Panther hatte derweil nachgedacht und sagte bedächtig:

»Es wäre eigentlich doch nicht so übel!« Dann stand er auf und reckte sich. Adrian faßte ihn am Arm.

»Kommen Sie, Panther! – Tanzen wir, rasen wir, stürzen wir uns unter die Mänaden.«

»Gebt nur acht, daß sie euch nicht zerreißen,« bemerkte der Philosoph friedfertig.

Und die beiden tauchten in dem tobenden Chaos unter, das noch eine Zeitlang fortwogte und sich dann allmählich in erhitzte und ermattete Einzelgestalten auflöste – –

 

Die Kosmiker: ein elitärer Geheimzirkel

 

Da dieser Kreis der Kosmiker eigentlich ein elitärer Zirkel war (zumindest sich dafür hielt), war das, was in diesem Kreis an Vorträgen und Gesprächen stattfand, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und wurde auch nicht in Schriften dem Publikum zugänglich gemacht – jedenfalls nicht direkt, sondern in Form von Lyrik und Dichtung (bei George und Wolfskehl) oder in Form von philosophischen und pseudowissenschaftlichen Darlegungen (bei Klages und Wolfskehl). Schuler brachte ohnehin nie einen größeren zusammenhängenden Text zu Stande, sondern nur Fragmente und Vortragsmanuskripte, die erst 1930 und dann erweitert 1940 von Klages und Elsa Bruckmann herausgegeben wurden (mit einem 112-seitigen antisemitischen „Vorwort“ von Klages).

 

Die Reventlow macht die Kosmiker lächerlich

 

Die Reventlow beging mit ihren Enthüllungen also einen Bruch der Vertraulichkeit (aber keinen großen, denn Schwabing wusste ohnehin über die Kosmiker Bescheid, weil sie in ein weiteres Umfeld ausstrahlten) und wurde somit von Klages und Schuler als Verräterin betrachtet. Immerhin beging sie mit ihren satirischen Enthüllungen im „Schwabinger Beobachter“, einer nur in kleiner Auflage von März bis Mai 1904 verbreiteten Faschingszeitung, auch ein Sakrileg, indem sie die erhabenen Propheten und ihren seltsamen Hang zum Mystizismus, Okkultismus, Neuheidentum und Satanismus durch den Kakao zog. Die Reventlow offenbarte, was den Insidern infolge von „Betriebsblindheit“ entging: die Kosmiker waren nicht nur „kosmisch“ sondern auch komisch, um nicht zu sagen: lächerlich. Wenn Alfred Schuler seine welterschütternden Werke vortrug, dann geschah das in breitem Pfälzer Dialekt. Ähnliches gilt auch für Nietzsche; man stelle sich ihn nur vor, wie er seinen „Zarathustra“ seinem sächsichen Tonfall vorträgt.

 

War Hitler Wahmochinger ?

 

Das war wohl genauso komisch wie der gestikulierenden Hitler, der von der „Vorrrrrsehung“ sprach. Schuler, Lanz von Liebenfels („Der Mann, der Hitler die Ideen gab“ – So der Titel des Buches von Wilfried Daim), selbst der große Nietzsche, und natürlich Hitler selbst: alle waren sie Kasperl aus dem gleichen Theater, und das hießt Wahnmoching, und Wahnmoching war und ist überall.

 

War Hitler ein Wahnmochinger ? Nicht dirket; er hat sich seine wahnmochinghafte „Weltanschauung“ schon in Wien zwischen 1906 und 1913 angeeignet und kam erst Mai 1913 nach München. Aber Hitler war ein Bohemièn, und vieles, was über den Unwillen und die Unfähigkeit zur bürgerlichen Arbeitsmoral und von der Überzeugung von der eigenen Größe von den Bohemièns gesagt wurde, gilt auch für Hitler.

Hitler war Maler, besser gesagt: Maler-Dilettant, denn bei der Aufnahmeprüfung an die Wiener Kunstakademie fiel er durch. Er lebte von der Unterstützung seiner Mutter, und als die gestorben war, von einer Waisenrente, die er bis zum 23. Lebensjahr bezog. Außerdem malte er Bilder, die er von seinem Partner Hanisch verkaufen ließ. Später verkaufte er auch seine Bilder selbst. Er konnte eine Erbtante davon überzeugen, dass sie ihn in ihrem Testament gegenüber den andern Erben bevorzugte. 1907 trat er dann das Erbe an. Als Hitler schließlich 1913 nach München ging (um der Einziehung in die Österreichische Armee zu entgehen) trug er sich vielleicht noch mit dem Gedanken, ein ernsthaftes Malstudium zu beginnen. Jedenfalls war München ein Platz, an dem er seine Bilder verkaufen und sich über Wasser halten konnte. Und in München gab es die Staatsbibliothek, mit deren Hilfe er seine Halbbildung vervollkommnen konnte. Hitlers Tätigkeit in München bestand aus Malen, Lesen, Flanieren, Tagträumen und Nichtstun. Er führte eine typische Bohemè-Existenz, in einigen Punkten gar nicht so unähnlich dem Leben der Reventlow. Auf der anderen Seite gibt es zwischen den beiden natürlich gewaltige Unterschiede: Hitler war Asket und Moralapostel. Die Reventlow war das Gegenteil. Das Liebesleben der Reventlow war ausschweifend, davon abgesehen aber völig normal und es vollzog sich auf und nach Faschingsbällen und Festen und wurde von ihr selbst dokukumentiert. Über Hitlers Sexualleben wissen wir wenig, ganz sicher war es aber nicht ausschweifend, es war wahrscheinlich nicht normal und er hat es auch nicht dokumentiert.

 

Letztlich ist es Hitler, der Schwabing-Wahnmoching für die Welt interessant machte, denn man stellte sich die Frage: aus welchem Sumpf wuchs Hitler ? Dahinter steht die Frage: Wie konnte in seinem Hirn der Gedanke des Holokaust entstehen ? Und da wurde man in Wien und in München-Wahnmoching fündig. Wenn auch Hitler nicht in Schwabing wohnte, so hatte er doch seine Parteizentrale in der Schellingstraße 50. Auf der anderen Straßenseite wurde im Hinterhaus der „Völkischen Beobachter“ gedruckt. Aber das war nach dem Ersten Weltkrieg. Da gab es das alte Wahnmoching schon nicht mehr, dafür aber das Berlin der verrückten zwanziger Jahre und die NSDAP. In beiden lebte ein Stück Wahnmoching weiter.

 

Von der „Omnität“ der Massenvernichtungswaffen und des Wahns

 

Ein Phänomen unserer modernen Zeit ist die „Omnität“, wie ich es nenne: Was gestern einem exklusiven Kreis vorbehalten ist, an dem kann heute jeder teilhaben, der es will.  Wie beim Auto, beim Computer und den Fernreisen: Was einem exklusiven Zirkel von privilegierten Reichen und Mächtigen vorbehalten blieb, wurde und wird allgemein zugänglich. Was an Spinnerei den Kosmikern oder einem Lanz von Liebenfels oder Guido von List und ihren relativ wenigen Anhängern vorbehalten blieb, das konnte dank der Medien weite Teile der Bevölkerung als weltanschauliches Virus infizieren. Heute kann jeder Wahmnochinger sein. Das begann schon in den zwanziger Jahren. Und auch die Massenvernichtungswaffen: Was heute in den Händen einiger weniger Oberbefehlshaber liegt, das ist morgen in den Händen von jedem, der es ernsthaft haben will. Wahn und Massenvernichtung sind allgemein zugängliche Möglichkeiten geworden. Das ist das Beängstigende an der Moderne.

Wahn allein ist relativ harmlos; erst gepaart mit den Fortschritt und mit Hierarchien wird daraus eine tödliche Bedrohung.

 

Alfred Schuler entdeckt das Hakenkreuz (er war aber nicht der Einzige)

 

Doch zurück zu den Kosmikern. Alfred Schuler entdeckte in dem Buch von Ludwig Bachofen über das Matriarchat das Hakenkreuz. Er gab ihm den indischen Namen „Swastika“ und sah in ihm ein prähistorisches Symbol für die Sonne, das Feuer des Lebens – kurz: für die göttliche Kraft.  Er und die Kosmiker hatten ein starkes Interesse an vorgeschichtlichen Mythen, Sagen und Überlieferungen, an antiken Mysterienspielen und gnostischen Kulten. „Die Geheimnisse alter Völker“, die „dämonischen Mächte der Erde, der Nacht und des Totenreiches“ faszinierte sie und sie suchten nach den verschütteten Quellen der heidnischen Welt. Der SS-Führer Heinrich Himmler eiferte ihnen darin nach, indem er seine Abteilung „Ahnenerbe“ aufbaute.

 

Die Kosmiker wollten eine Renaissance des Heidentums

 

Die alten Religionen und kulturellen Traditionen waren durch das Christentum ausgerottet oder assimiliert worden. Weil aber die Sympathie der Kosmiker dem vorchristlichen Heidentum gehörte, lehnten sie das Christentum ab – ganz besonders in der Form, die ihm Luther gegeben hatte. Die römisch-katholische Kirche hatte heidnische Kulte und Bräuche assimiliert und ins Christliche umgebogen, enthielt also Reste des Heidnischen und Römischen. Da aber das Heidnische und (bei Schuler das Römische) als bewundernswert galt, standen die Kosmiker dem Katholizismus nicht so feindlich gegenüber wie dem Protestantismus.  Das Judentum lehnten sie ab, weil von ihm der Untergang der alten heidnischen Welt ausgegangen sei. Schuler und Klages verfielen sogar allmählich auf einen radikalen Antisemitismus.

 

Die Kosmiker und Johann Jakob Bachofen

 

Die Kosmiker verehrten das Mütterliche und das Weibliche und hatten ihren Propheten und Vordenker in Johann Jakob Bachofen (1815-1887), dessen Werke Karl Wolfskehl in der Münchner Staatsbibliothek aufgestöbert hatte (in Vorbereitung seiner Dissertation über „Germanische Werbungssagen“ (1893). Das Buch von Bachofen hat den Titel: „Untersuchung über die Gynaiokratie (Anm.: d.h. Herrschaft der Frauen) der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur“.

Wolfskehl faszinierte, daß die orientalischen Götter teilweise Hermaphroditen waren, also Männliche und Weibliches miteinander verbanden, (genau wie der Name von Herr Dame im Schwabinger Schlüsselroman „Herrn Dames Aufzeichnungen“). Schuler, der immer noch bei seiner Mutter wohnte, war begeistert vom Kult der Erdmutter und Klages interessierten die Zeichen und Symbole der Pelasger (einem altgriechischen Volksstamm, der eine archaische Religion hatte).

 

Das Weibliche konnten drei der Kosmiker in sich selbst besonders gut entdecken: Schuler war (zumindest latent) homsexuell, und George mit seinen langen wallenden Haaren hatte weibliche Züge in seinem äußeren und inneren Wesen. Für Jünglinge und Knaben empfand er eine homoerotische Neigung – die er aber wahrscheinlich nicht in der Praxis auslebte. Umso mehr kultivierte er sie auf der verbalen und literarischen Ebene. Mit seiner Schwäche für Knaben stand er in der antiken Tradition der Knabenliebe. Auch Klages hatte laut Roderich Huch, des „Sonnenknaben“, homoerotische Tendenzen in seinem Wesen. Vielleicht war das einer der Gründ, warum seine Liebe zu der Reventlow letztlich scheiterte.

 

Die Kosmiker träumten von einer Befreiung der Frau aus dem Joch der Ehe. Die Frau sollte nicht Besitz eines einzelnen Mannes sein, dem sie unterworfen war. Die Idealfrau war für die Kosmiker die antike Hetäre (wörtlich: Gefährtin); Hetären waren in der Antike gebildete und kultivierte Frauen, die geistige und körperliche Partnerinnen der Männer waren und ihnen ganz besondere geistige, emotionale und körperliche Genüsse verschafften.

 

Der kosmische Eros

 

Die Kosmiker sahen im kosmischen Eros ein Mysterium, durch das die Welt immer wieder erneuert würde. Die Kosmiker wollten „kosmisch empfinden“ (dies ist eine Formulierung, die Klages bei Nietzsche fand), weder Egoisten noch Altruisten sein, sondern in Liebe mit dem ganzen Kosmos vereint sein. Nicht der Mann, sondern die Frau sollte im Mittelpunkt der Gesellschaft stehen, nicht die kalte, berechnende Vernunft, sondern das Gefühl, die Leidenschaft, das Seelische sollte verehrt werden, nicht der Übervater im Himmel, sondern die Mutter Erde. Inspiriert durch die heidnischen Fruchtbarkeitskulte glaubten sie wohl, daß der Vollzug des Liebesaktes auf magische Weise die Fruchtbarkeit der Natur erhalten und die Welt immer wieder neu erschaffen würde. Die Kosmiker verachteten die „Belanglosen“ (die Normalmenschen, die Spießbürger, die Proleten und Plebejer – also faktisch alle, die einem Broterwerb nachgingen) und hielten sich für die Auserwählten, die „Enormen“, die noch in der Lage waren, sich völlig der Ekstase, dem erotischen und dionysischen Rausch hinzugeben.

 

Die „antiken Feste“ der Kosmiker

 

Von den zahlreichen Kosmiker-Festen und –Umzügen sind zu erwähnen:

 

1.     Das „Römische Fest“ oder „Gastmahl“, zu dem Schuler am 29.4.1899 in seine Wohnung einlud.

2.     Das als „heidnische Orgie“ bezeichnete Faschingsfest im Winter 1902

3.     Das „Antike Fest“ vom 22.2.1903 in der Wohnung von Wolfskehl, bei dem George als Cäsar, Schuler als „Urmutter“ (von den Beteiligten als „römische Matrone“ gedeutet) und Wolfskehl als indischer Dionsysos oder Bacchus auftraten und sich an einem mehrfach wiederholten Maskenzug beteiligten. Neben etwa 70 Teilnehmern erschienen Klages (als indischer Mönch), seine Freundin Hedwig Bernhard („Putti“) als „Bacchantin mit ehernem Becken“, der Maler Schnittgen als Nike-Träger, Henry von Heiseler als Hermes, Anna Maria Derleth als Vestalin sowie Paul Stern und Franz Dülberg. Auch die Reventlow nahm in Begleitung von Franz Hessel und Oskar A.H. Schmitz teil. Beschrieben wird das Fest in „Herrn Dames Aufzeichnungen“, dem Roman der Reventlow.

4.     Das Maskenfest vom 14.2.1904 in der Wohnung von Henry von Heiseler. In einem „Dichterzug“ erschienen George als Dante und Wolfskehl als Homer

5.     Das Faschingsfest am 24. 3. 1904 im Hause Wolfskehl, auf dem das Erscheinen der 7. Folge von Georges „Blätter für die Kunst“ gefeiert wurde. Es wurde Wolfskehls szenische Dichtungen „Maskenzug 1904“ aufgeführt. Wolfskehl präsentierte sich als Dionysos

 

Die Kosmiker: Eine neuheidnische Gruppe

 

Die Kosmiker wollten eine Wiedergeburt die alten Religionen und Mysterien. Sie bemerkten, daß im Fasching heidnische Bräuche und Religionen fortlebten, und so wurde der Fasching für sie eine Zeit, in welcher man das Heidnische besonders gut wieder zum Leben erwecken konnte. In Wolfskehls Wohnung wurden Faschingsfeste und historische Gastgelage inszeniert. Man ließ sich bei seiner Kostümierung von antiken Komödien und Tragödien inspirieren und trug lateinische Oden und Texte von Dante vor (in deutscher Übersetzung).

 

Die romantische Sehnsucht der Kosmiker nach dem einfachen, reinen Leben

 

Sie sehnten sich nach jenen mythischen Zeiten, wo der Mensch im Rhythmus der Erde lebte, ohne Verfälschung, ohne die von einer Zivilisation geschaffenen unnützen Hindernisse. Der Mensch war noch im Urzustand und ein natürlicher Bestandteil des Kosmos. Dieser Kosmos war von Dämonen belebt. Mit diesen wollte Alfred Schuler durch die Magie in Verbindung treten. Klages dagegen war der Mystiker, der das ekstatische Schauen liebte. Wolfskehl liebte das dämonisch-dionysische, den Rausch.

 

Der griechische Gott Dionysos und seine Mysterien

 

Dionysos stammt aus Kleinasien, aus Lydien und Phrygien. Er ist der Gott des Weines, der Raserei und des Wahnsinnes, des Rausches, der blutigen und sexuellen Exzesse, der Triebhaftigkeit und Zügellosigkeit, aber auch der Naturverbundenheit. Ein Symbol für all das ist die pyhrygische Mütze, die, wer hätte das gedacht, der deutsche Gartenzwerg und die französische Marianne, die Symbolfigur der französischen Revolution, tragen.

Er ist begleitet von einem Gefolge aus Nymphen und Satyrn, das sind halb göttliche und halb tierische Wesen, die so aussehen wie das Christentum den zottigen und bocksfüßigen geilen Teufel darstellt. Dann gibt es noch die Silenen (die Waldbewohner) und vor allem die Mänaden (die Rasenden), auch Bakchantinnen (Bacchantinnen) oder Bakchen (Bacchen) genannt, wilde Weiber, die im ekstatischen Taumel sind und wilde Tiere mit bloßen Händen zerreißen und das rohe Fleisch hinunterschlingen. So wollen sie wieder auf die Stufe des Tieres zurückkehren und die Trennung zwischen dem bewussten Ich und der Natur, die vom Göttlichen erfüllt gedacht wird, aufheben, und von ihm erfüllt werden. Die gotterfüllte Natur wird durch den Gott Pan verkörpert, dem Gott der Mittagsstille, der gerne Flöte blasend im Schilf sitzt.

Die Mänaden tragen Efeukränze, das gefleckte Fell eines Hirschkalbes und halten den Thyrsos in der Hand, den von einem Pinienzapfen bekrönten, mit Efeu und Weinlaub umwundenen hohen Stengel der Narthexpflanze.

 

Bei den (von Frauen durchgeführten und dominierten) dionysischen Festen und Mysterien ging es darum, sich aus allen Fesseln der Konvention zu lösen und die Lebenskräfte und das Lebensgefühl auf das höchste zu steigern und eins zu werden mit dem ewigen Kreislauf und der ewigen Wiederkehr des Lebens. Marion Giebel schreibt in „Das Geheimnis der Mysterien“: „Von Gott ergriffen, im Enthusiasmós, sehen die Mänaden nun Milch, Honig und Wein aus dem Boden hervorquellen, sie umgürten sich mit Schlangen, ergreifen Rehkitze und Wolfsjungen, um sie zu säugen, dann aber zerreißen sie die Tiere mit der bloßen Hand, Böcke und Rehe, sogar Stiere, und verschlingen sie in rohem Zustand“. Als die Zeiten zivilisierter wurden, begnügten sich die Mänaden damit, auf Efeublättern (dem immergrünen Symbol des ewigen Lebens) herumzukauen.

Dionysos- und Bakchosmysterienbünde gab es seit 500 v. Chr. überall in Griechenland und Unteritalien. Die Mysteriengemeinden waren private und alternative Kultgenossenschaften. Zu dieser Zeit hatte die griechische Philosophie durch ihre Rationalität die alten Götter entthront. Mit dem Zusammenbruch der alten Religion wandten sich die Menschen der Esoterik zu – wie heute auch.

 

Dionysos statt Vernunft und Technik

 

Bachofen legte den Dionysoskult als ein Wiederaufleben der alten Herrschaft der Frauen aus, die als Priesterinnen der Erdgötter (die Erdmutter und ihr jungendlichen Gemahl) die Fruchtbarkeitskulte (verbunden mit kultischem Beischlaf) durchführten. Die Kosmiker wollten wieder zurück zu einer Religion, die von dem weiblichen und mütterlichen Prinzip, verkörpert durch die große Erdmutter, beherrscht wird. Den Gott der Juden, den sie mit dem semitischen Gott Moloch identifizierten, lehnten sie entschieden ab und wollten ihn von seinem Thron stoßen, und zugleich mit ihm das Patriarchat. An die Stelle der Vernunft und der kalten, technischen Intelligenz des Industriezeitalters wollten sie den Rausch, das Gefühl, die Seele, den Trieb und die mystische Vereinigung mit dem Göttlichen setzen.

 

Dionysos und das Matriarchat

 

Das urzeitliche Matriarchat wurde nach Bachofen durch das männliche Prinzip des Licht- und Sonnengottes Apollo abgelöst und führte letztlich zu der rationalen Zivilisation des Industriezeitalters. Dionysos dagegen habe zunächst die Amazonen bekämpft, aber dann sei es zu einer „vollkommenen Congenialität“ des männlichen und weiblichen Prinzipes gekommen. Das war es wohl auch, was den Kosmikern vorschwebte, eine Gleichberechtigung, ja ein Verschmelzen der beiden Prinzipien. Ein reines Matriarchat war nämlich auch nicht im Sinne der Herren Kosmiker. Freie Liebe, Hetären und Bakchantinnen und Korybantentänze von Jünglingen schon eher.

 

Die Kosmiker wollten eine verfeinerte, sinnliche Lebensweise. Das künstlerische, ästhetische sollte über die platte Vernunft dominieren. Damit lagen sie mit dem Jugendstil und dem Ästhetizismus auf einer Wellenlänge.

 

Die Mysterien von Samothrake und die Kabirengötter

 

Samothrake ist eine küstennahe Insel hoch im Norden der Ägäis. Hier wurden die großen Götter, die Kabiren verehrt. Es handelt sich dabei um männliche jugendliche Götterwesen, die das Gefolge der Großen Muttergöttin (in Griechenland: Rhea, die Göttermutter, in Kleinasien: Kybele) bilden. Dieses Gefolge heißt: die Korybanten oder Kureten. Sie bewachen das Kind der großen Mutter: den Zeus. Sie führen zu Musik von Flöten, Handtrommeln und Zymbeln (Schallbecken) ekstatische Waffentänze auf. Sie sind Naturgötter, die im Meer, auf der Erde und  in der Luft wohnen. Sie ernähren und verderben die Lebewesen.

In dem Kabirenheiligtum im griechischen Theben verehrte man den Kabeiros und seinen Sohn oder Geliebten Pais

Die Mysteriengläubigen erhalten während der Einweihung („Teletä“) einen geweihten Gegenstand, meist einen Stein, das Telesma, wovon sich das Wort „Talisman“ ableitet.

Die Mysten brachten zur Einweihung eiserne Ringe und Gegenstände mit, die dann mit Hilfe eines im Heiligtum befindlichen Magnetsteines magnetisiert wurden, und somit die als magisch angesehene Kraft erhielten, andere Eisengegenstände anzuziehen. Es ging, wie überall in der Religion, wieder einmal um die göttliche Kraft, die hier im Heiligtum auf heilige Gegenstände und ihre Träger übertragen werden sollte, um zu schützen und Glück, Fruchtbarkeit, Erfolg und vielleicht sogar ewiges Leben zu bringen.

Vor dem Eintritt in das Heiligtum musste der Einzuweihende Geheimhaltung schwören. Den Höhepunkt der Weihe bildete die Enthüllung der drei Kabirengötter im Allerheiligsten. Goethe lässt in seiner „Klassischen Walpurgisnacht“ in seinem „Faust II“ über die Kabirengötter sagen:

„Sind Götter ! Wundersam eigen

Die sich immerfort selbst erzeugen

Und niemals wissen, was sie sind“

Es geht bei dem Kabirenkult um das ewige Werden, um  die Einheit von Gott, Natur und Mensch, zu der der Mensch zurückkehren soll - mit Hilfe der mystischen Einweihung und einer göttlichen Erfahrung, die er dabei macht.

 

Rolf von Hoerschelmann schreibt in seinem Buch „Leben ohne Alltag“ über die Kosmiker:

 

„Unter den Enormen Schwabings verdichtete sich die Überzeugung, daß durch Selbstversenkung in das kosmische Urprinzip, durch die Ansammlung starker kosmischer Substanzen, die im Blute liegen, durch Verbannung alles Molochitischen aus der Umgebung eine ‚Blutleuchte’ erzielt werden könne, eine strahlende Blütezeit, in diesem Falle heidnischer Substanz. Es sollte durch beschwörenden Zauber ein heidnisches Zeitalter heraufgeführt werden, und trotz der Todesstrafe, die auf den Verrat kosmischer Geheimnisse stand, wisperte man bei jedem Schwabinger Knäuel in Ateliers, Salons und möbilierten Zimmern von der strahlenden Zukunft, von dem bevorstehenden Reich leiblicher und geistiger Schönheit und von ungeheuerlichen Sensationen, Orgien und Saturnalien. Das antike oder „kosmische“ Faschingsfest, das Stefan George als weißgewandeten Cäsar, Wolfskehl als Dionysos und Schuler als römische Matrone anführten, war nach allen Berichten der Zeit der Höhepunkt des rauschaften Treibens. Voll Erwartung der kommenden Dinge taumelte Schwabing dahin. Zwar warnte noch ein Enormer wie der Prediger in der Wüste mit erhobener Faust und donnernder Stimme: Ludwig Derleth, der Verfasser der „Proklamationen“. Er war kein Heide, sondern ein leidenschaftlicher Katholik, ein kriegerischer Christ, der mit Brandfackel, Schwert und Kreuz bewaffnet, seinen Feldzug gegen die verrottete Welt zu führen gedachte. Der Geist des Napoleon loderte in seinem asketischen Kopf. Doch rund herum tobte die Korybantische Schar der kleinen Geister, die teils enger, teil loser mit den Gewaltigen verbunden war und frohlockte oder zweifelte, schwärmte oder spottete.“

 

Die Lehre der Kosmiker von den „Seelensubstanzen“

 

Aufgebracht hatte die Idee von den Seelensubstanzen und der “Blutleuchte“Alfred Schuler. Um einen ersten Eindruck davon zu geben, warum es geht, möchte ich die Sache aus meiner, dem banalen zugeneigten Sicht wiedergeben:

 

Als die Menschen noch nichts von Maschinen und Computern wussten, wunderten sie sich, warum sich Lebewesen überhaupt lebendig sein können. In ihnen musste eine göttliche Kraft wirksam sein. Diese göttliche Kraft, so glaubten die Kosmiker unter Rückgriff auf alte Vorstellungen, werde von Generation zu Generation durch das Blut weitergegeben.

 

Diese Lebenskraft im Blut würde von „seelischen Substanzen“ herrühre, die im Blut enthalten seien. Bei den seelischen Substanzen gebe es zwei Sorten: die heidnische (das sei die göttliche, positive) und die „molochitische“, das sei die negative, zersetzende, wenn man so will: satanische Seelensubstanz. Wir können hier also ein gnostisches Weltbild erkennen, in welchen die Kräfte des Guten mit denen des Bösen um die Vorherrschaft kämpfen.

 

Der „Molochismus“

 

Mit Moloch ist der kinderfressende Gott der alten Kanaaniter, ein semitischer Gott gemeint, dem Menschenopfer dargebracht wurden. Moloch bezeichnet bei Schuler das negative, zersetzende Prinzip, alles Lebensfeindliche, Lebensvernichtende – das Gegenteil der schöpferischen, „kosmischen“ Kraft.

 

Die Kosmiker belegten Jahweh, den Gott Abrahmas (und damit den Gott der Juden, Christen und Moslems), mit dem Namen „Moloch“. Dieser „Moloch“ ist aus der Sicht der Kosmiker ein patriarchalischer Gott, dessen Anhänger das Matriarchat vernichtet und die Frauen unterdrückt hätten. Damit hätten sie die Menschheit von den Quellen der Lebenskraft abgeschnitten und an die Stelle von Gefühl, Empfindung, Ekstase, Rausch und religiöser Ergriffenheit das nüchterne, sachliche, rationale, unfruchtbare und zerstörerische männliche Denken gesetzt. Die Kosmiker waren also, wenigstens in der Theorie, große Verehrer des weiblichen und mütterlichen Prinzips – das sie aber nicht nur in den Frauen, sondern auch in sich selbst entdeckten. Die Kosmiker wollten in sich selbst die weibliche Komponente ihre Seele stärken und so zu einer Art seelischen Zwitterwesen, ein Hermaphrodit, werden. Die Natur hielten sie für heilig. Man sieht, nicht nur Nazis, sondern Esoteriker, Feministen und Umweltbewusste konnten bei den Kosmikern Gedanken finden, die auf ihrer Linie lagen. Das macht es aber auch schwierig, die Kosmiker in eine bestimmte Schublade einzuordnen.

 

Das Heidnisch-Matriarchalische

 

Die Kosmiker verehrten alles Heidnisch-Matriarchalische und glaubten, daß die göttliche Lebenskraft, die Blutleuchte, in der vorchristlichen Zeit besonders wirkmächtig gewesen sei. Damals wurde das schöpferisch-weibliche Prinzip in der bei den Griechen als die Erdmutter (Demeter, Gaia), in Kleinasien als Astarte und Kybele, in Ägypten als Isis usw. verehrt. Dieser Erdmutter war als Bäutigam und/oder Sohn ein jugendlicher Gott zugeordnet, der im Herbst starb (oder geopfert wurde), dann den Winter im Schoß der Erde, in der Unterwelt verbrachte und im Frühjahr wieder auferstand. Deshalb gehörten zum Gefolge der Erdmutter Jünglinge und Jungfrauen, die im Rahmen des Kultes einen rituellen Beischlaf vollzogen, um die Natur zur Fruchtbarkeit anzuregen. Derartige Fruchtbarkeitskulte fanden in Kanaan in den Tempeln des Gottes Baal statt. Für die Baalsanhänger war Sexualität eine heilige Handlung, während die Jahwe-Anhänger und in ihrem Gefolge die Christen, die Sexualität verteufelten.

 

Die „molochitische Substanz“ sei in den Anhängern Jahwe’s (also dem Gott der Juden und Christen) enthalten und hätte die positiven Substanzen zersetzt, vergiftet und verdorben. Die positive Seelensubstanz, die „Blutleuchte“, sei in denjenigen Menschen zu finden, welche die Fähigkeit hätten, sich dem Gefühl, dem Rausch, der religiösen Ekstase, dem heiligen Wahnsinn und der Besessenhheit von der Gottheit hinzugeben. So würden sie mit dem „Göttlichen“ in mystischer Weise vereinigt und erlangten ein höheres Bewusstsein (das „kosmische“), welche es ihnen gestatte, den ganzen Kosmos als Einheit (und sich selbst als Teil davon) zu erleben und zu „Enormen“ zu werden.

 

In den „Enormen“ sei die Lebenskraft besonders konzentriert und diese Menschen seien besonders lebendig und schöpferisch. Alle anderen seinen die „Belangslosen“ oder gar die „Molochitischen“.

 

Die „Blutleuchte“

 

Das Christentum, so glaubten die Kosmiker, habe die Lebenskraft geschwächt, und deshalb müssten die heidnischen Substanzen wieder zu neuem Leben erweckt werden. Dies konnte dadurch geschehen, daß Menschen in sich das Heidentum wieder neu erwachen ließen oder indem Menschen aus der heidnischen Antike wiedergeboren würden. (Schuler hielt sich ja für einen wiedergeborenen Römer). Wenn nun an einem Ort und in einer Zeit besonders viele neue bzw. wiedergeborene Heiden vereint seinen, so würden sich eine lokale Konzentration der göttlichen Kraft bilden, - und damit quasi die kritische Masse überschreiten - und zu einem Ausbruch kosmischer Energie führen: „die Blutleuchte“. Die Blutleuchte ist also auch der Ausbruch oder das Sichtbar- und Wirksamwerden kosmischer Energien durch die Anhäufung kosmischer Seelen-Substanzen in einem Volk oder einer Gruppe von Menschen, die in der gleichen Zeit und am gleichen Ort vereint sind.

 

Die Blutleuchte würde dazu führen, daß das heidnisch-römische Reich wieder neu erstehen würde – wenn man so will: das Heidnisches Römisches Reich Deutscher Nationen.

 

Um Menschen zusammen zu führen, in deren Blut die heidnisch-göttlichen Seelensubstanzen besonders angereichert seien, planten Schuler und Klages die Schaffung einer Art Klosters für Heiden. Daraus wurde aber nichts.

 

Die Blutleuchte in der Erklärung der Reventlow in „Herrn Dames Aufzeichnungen“

 

Wir lesen dort:

»Schön – also Delius (=Alfred Schuler) denkt sich nun diese Seelensubstanzen von den ältesten Zeiten her wie Gesteinschichten übereinander gelagert, etwa zuunterst die der alten Ägypter, Babylonier, Perser – dann die der Griechen, Römer, Germanen und so weiter. Man nennt das biotische Schichten. – Seit der Völkerwanderung, meint er nun, habe sich alles verschoben, die Substanzen sind durcheinandergemischt und dadurch verdorben worden. Infolgedessen wirken bei den jetzigen Menschen lauter verschiedene Elemente gegeneinander, und es kommt nichts Gutes dabei heraus. Nur bei wenigen (und das sind natürlich die Auserlesenen) hat sich eine oder die andere Substanz in überwiegendem Maße erhalten – zum Beispiel bei ihm selbst die römische...«

»Nun,« fuhr Delius völlig unbeirrt und unpersönlich fort..., der Protestantismus bedeutet den Sieg – ja, leider den Sieg des jüdisch-christlichen Elementes über den Rest von Heidentum in der katholischen Kirche – glauben Sie nur – was überhaupt an diesem Christentum, über das ich mich jetzt nicht näher auslassen möchte, – in jenen traurigen Zeiten des Niedergangs noch lebendig und glühend war – das ist Rom – das ist die Blutleuchte des Altertums – die Blutleuchte Roms – (Blutleuchte – ein wunderbares Wort – aber was mag es bedeuten? ich warf dem Philosophen einen flehenden Blick zu, und er winkte beruhigend: später, später.) Rom und immer wieder Rom – Wissen Sie,« und dabei überschlug sich seine Stimme in einem jähen Auflachen, »wissen Sie, daß dieser abtrünnige Mönch einfach ein Jude war – ja,« fügte er gedehnt und geheimnisvoll hinzu: »Geist ohne Substanz, das ist immer der Weg zum nichts. Seien Sie überzeugt, daß keiner ihn ungestraft beschreitet. Der sogenannte Geist und die Selbstvernichtung der Substanz, – das ist immer dasselbe. Ja, der Fluch all dieser neuen Gestaltungen, – das ist der Geist und sonst nichts. Aber das hängt mit den biotischen Schichten zusammen, und da sind viele geheimnisvolle Dinge im Spiel,« dies letzte klang, als ob er nur zu sich selber spräche und ganz vergessen hätte, daß alles ihm zuhörte.

 

Die Blutleuchte und die Weltanschauung der Kosmiker in der Darstellung von Roderich Huch

 

Roderich Huch ist der „Sonnenknabe“ in „Herrn Dames Aufzeichnungen“. Er absolvierte das Gymnasium in Braunschweig und ging 1899 nach München, um zu studieren. In der Zeit, als Herrn Dames Aufzeichnungen spielen (1901 bis 1904) war er also Anfang der Zwanzig. Durch seinen Vetter, den Schriftsteller Friedrich Huch wurde er mit Ludwig Klages bekannt, der ihn in den Kreis der Kosmiker einführte. Als es zum Schwabinger Krach gekommen war, unterstützte er die Reventlow und ihre Freunde bei der Herausgabe und Verteilung des „Schwabinger Beobachters“, einer Art Faschingszeitung, die sich über die Kosmiker lustig machte.

 

Roderich Huch erzäht, daß sein Vetter Friedrich Huch ein erstaunliches Talent gehabt hätte, andere Menschen zu parodieren. Nach einer dieser Darbietungen habe Klages zu Friedrich gesagt: „Huch, Sie sind enorm !“

Roderich Huch schreibt: „Jedoch erkannte ich auch hier bald, dass diese Begeisterung nicht so sehr dem schauspielerischen Talent galt als vielmehr der starken Lebensäusserung, die aus Friedrichs Gesten und seinem ganzen Vortrage sprach und Klages in so helles Entzücken versetzte.

So wurde mir zuerst klar, dass es das Leben selbst war, das Klages in den Menschen suchte und in den meisten vermisste. Glaubte er es dann doch einmal entdeckt zu haben, so kannte seine Begeistgerung keine Grenzen. Ich merkte bald, dass er in mir Lebensgluten vermutete, die er als ‚enorm’ ansprach. Damals erfuhr ich auch, nach welchen Gesichtspunkten die Entscheidung darüber fiel, ob solche Lebensgluten ‚enorm’ oder ‚belanglos’ seien und hörte aus seinem Munde zum ersten Mal den Namen ‚Schuler’. Dieser hatte nach Klages Angaben entdeckt, daß die Lebensgluten in den alten heidnischen Völkern am tiefsten geleuchtet hätten, aber durch das Christentum zum grössten  Teil und durch die spätere Reformation vollends zum Erlöschen gekommen seien, sodaß heute nur noch bei solchen Menschen von Lebensgluten gesprochen werden könne, in denen alte heidnische Gluten als ‚Blutleuchte’, wie Schuler es nannte, wieder auflebten. Nur ganz wenige Menschen seien heute damit begnadet; ausser ihm und Busse (Hans Hinrich Busse war der beste Freund von Ludwig Klages, Busse hatte in der Neureutherstrasse in der Nähe des Siegestores ein graphologisches Institut) natürlich in erster Linie Schuler selbst, dann wohl auch Stefan George...und Wolfskehl, der wertvolle Arbeit für die gemeinsame Sache geleistet habe; schließlich auch einige Frauen, vor allem Franziska zu Reventlow, eine ihrem nüchternen Elternhause in Holstein entflohene junge Gräfin mit phantastischen Lebensgluten heidnischen Ursprungs, der als solcher durch die jüngst (1897) erfolgte Geburt eines unehelichen Kindes, von dem sie nicht einmal den Vater kenne, zweifelsohne erwiesen sei.

Ich erfuhr nach und nach von Klages, dass das Ziel ihrer gegenwärtigen Hoffnungen dahin gehe, ‚Blutleuchten’ in den heutigen Menschen wieder zu erwecken, wozu vornehmlich Frauen sich eigneten, weil diese leichter aus dem Dunstkreis der überkommenen Spiessermoral zu lösen seien als Männer, deren Trachten naturgemäss dahin ziele, ihre hergebrachten und ganz lebensfeindlichen Vorrechte zu erhalten und dazu vor allem die Fesseln der Ehe zu benutzen. Solche auf ihre Männchenhaftigkeit pochenden Biederleute seien ein gutes Beispiel für falsche Vitalitäten, da man die schale Sinnlichkeit dieser Leute ja nicht mit der tiefen Seelenglut wertvoller Menschenverwechseln dürfe, für die Sinnlichkeit nur eine der vielfachen Ausdrucksmöglichkeiten der Seele bedeute ! Wenn ich wirklich aufschlussreiche Ergebnisse über diese Dinge einsehen wolle, so müsse ich Bachofens Mutterrecht studieren. Darin wären die heidnischen Ursprünge der von ihm geschilderten Lebensgluten im Mutterrecht so klar aufgedeckt, dass man heute fast in jedem Falle entscheiden könne, ob ein Mensch wertvolle Substanzen in sich trüge oder nicht“.

 

Die alten Germanen als Träger kosmischer Substanzen

(immer noch Zitat aus Roderich Huchs Text)

 

„Träger solcher Substanzen seien in erster Linie die alten Germanen, dann die Griechen und Römer und vor allem deren Vorfahren auf griechischem und italienischem Boden, keinesfalls aber die Juden, da diese als Anbeter des Gottes Jehova Bekenner des Vaterrechtes seien und der Verdammnis anheimfielen, soweit sie sich nicht von ihrem starren Gott lösten und zu den Rauschgluten der mütterlichen Erde bekannten; denn allein die des dionysischen Rausches fähigen Menschen trügen das wahre Leben in sich, die, welche sich nur vom bewussten Verstande leiten liessen und nicht fähig seien, ‚ausser sich’ zu geraten und die Bewusstseinsschwelle zu verlassen, seien minderwertig und gänzlich belangslos. Da somit das unbewusste Leben hochzuhalten sei und das bewusste Leben nichts gelte, so seien es die passiven Menschen, die als Träger der Blutleuchte in Betracht kämen.

‚Du’, wandte er sich an mich, ‚bist schon darum ein Sonnenkind, weil du so wundervoll passiv bist, ebenso Friedrich, dessen matronenhaftes Aussehen ihn schon allein als urmutterhaft und enorm kennzeichnet. Von enormen Frauen kann ich dir im Augenblick nur Franziska Reventlow nennen, die für mich die vollkommene Verkörperung der heidnischen Madonna bedeutet und von mir grenzenlos verehrt wird. Du wirst sie sicher bald ebenso verehren wie ich...

Von nun an unterhielt ich mich oft und lange mit Klages über Blutleuchte, Unterbewußtsein und die Hoffnung auf eine Wiedererweckung neuen Lebens in uns und den uns Nahestehenden. Ich fing an, es für selbstverständlich zu halten, dass alles andere gegenüber der Erweckung dieses neuen Lebens nebensächlich sein müsse“.

 

War Napoleon ‚belanglos’ ?

(Zitat aus Roderich Huch’s Text)

 

„Auch Näheres wollte ich wissen, da sich mir Zweifel auftaten, die ich nicht allein beheben konnte. Waren wirklich die ‚aktiven’ Menschen belanglos ? Napoleon, Alexander und Friedrich der Grosse, Luther und Bismark ? Da belehrte Klages mich, dass die Passivität, die in enormen Menschen walte, eine schicksalsmässige Passivität sei, die neben der persönliche Aktivität wohl bestehen könne, wenn sie nur nicht die passive Seele verdränge. Hingegen müsse das geschaffene Werk ganz aus seiner passiven Seele kommen; der Schaffende gebäre sein Werk in unbewusstem Zwang, wie das Weib ihr Kind, und Nietzsche, der grosse Verkünder der kosmischen Seele, habe sich demnach einer gewaltigen Verirrung schuldig gemacht: sein berühmter Wille zur Macht sei ein krasser Rückfall in die Mächte der Finsternis und müsse durchaus abgelehnt werden...“

 

Klages und die Juden

(Zitat aus Roderich Huch’s Text)

 

„Schuler spreche daher auch Luther seiner lebensfeindlichen Substanz wegen als ‚Juden’ an. Bismarck verdamme er, weil er den deutschen Süden bewusst vom Norden getrennt habe, um preussische Machtgelüste zu befriedigen, und nenne ihn die ‚Verbrecherdogge von Friedrichsruh’. ‚Und die richtigen Juden, Wolfskehl, Gundolf, Heinrich Heine ?’ fragte ich wissensdurstig. Mit Wolfskehl sei das so eine Sache, erwiderte Klages. ‚Wolfskehl ist ein glühender Orientale und steht wohl darum nicht ganz abseits. Aber ich sehe da noch nicht endgültig klar’ setzte Klages schnell hinzu. Über Gundolf und Heinrich Heine sei es schwierig, Endgültiges zu sagen, denn man dürfe nicht verkennen, dass besonders Heinrich Heine in seinen Liedern Töne angeschlagen habe, die in tiefste Gluten leuchteten. Man müsse da vorsichtig sein.

Dass Luther ein ‚Jude’ sein sollte, fand ich sonderbar...aber ich hatte schon so viel gelernt, daß ich wusse, wie unerbittlich Klages in dieser Beziehung sein konnte, wenn er einmal jemanden als ‚Juden’ oder ‚molochitisch’ abtat. Er sprach nicht, wie man es später tat, vom Rassestandpunkt, sondern vom seelischen, von der ‚Substanz’ aus, wie er die Seele gerne bezeichnete, und lehnte jeden anderen Standpunkt brüsk ab. Erst später gelangte er dahin, ‚Rassejuden’ von vorneherein zu verdammen, um 1900 liess er noch Ausnahmen gelten, zum Beispiel Wolfskehl. Es war sogar auffällig, wie wenig sich die mir damals bekannten Juden aus dem Wolfskehlschen Kreise von Klages Behandlung der Judenfrage getroffen fühlten, denn kein einziger von ihnen bezog etwa Klages Verdammung der ‚Juden’ auf sich oder überhaupt auf wirkliche Juden. Im Gegenteil verkehrten sie ganz unbefangen mit ihm waren offenbar davon überzeugt, dass sie selbst – als Bekenner des Dionysios – gar nicht Juden im Klages’schen Sinne sein könnten, zumal sie ja Klages’ Standpunkt vollkommen teilten und das molochitische Denken ebenso sehr verdammten wie er selbst. Das traf ausser auf Wolfskehl ebenso auf Gundolf wie auf den klugen, gern sich selbst ironisierenden Philosophen Dr. Paul Stern und noch einge andere Teilnehmer an den Wolfskehlschen Jours zu, die sich alle mehr oder weniger zu Klages kosmischer Weltanschauung bekannten, auch von Klages, wie mir schien, entsprechend respektiert wurden“.

 

Luther ein ‚Jude“

(Zitat aus Roderich Huch’s Text)

 

„Freilich, dass Luthers Seele ‚jüdisch’ sei, musste ich schliesslich wohl zugeben, hatte mir doch Klages unwiderleglich ‚bewiesen’, dass dieser alles Geheimnisvolle, das noch in der christlichen Kirche als Reste heidnischer Kultur vorhanden gewesen sei und eine mystische Versenkung der Seele während des Gottesdienstes ermöglicht habe, entfernen ließ, die Musik nüchtern, die Wände kahl gemacht und so im Protestantismus eine Religion geschaffen habe, die lediglich einem toten Verstandeskult huldige. Wäre Luther auf dem Scheiterhaufen gekommen, meinte Klages, so hätte dem deutschen Volk viel Unglück erspart werden können.“

 

Klages und der dunkle Rausch

(Zitat aus Roderich Huch’s Text)

 

„...In diesem dunklen Rausch fand Klages die tiefste Versenkung, tiefer als sie die heisseste Liebe zu geben vermöchte; ja Klages hielt eine zu enge Vereinigung zweier Liebender für dem echten Rausch hinderlich, wie er ja auch die Ehe als einen Hemmschuh echten Rausches ansah. Jedoch missverstand man ihn, wenn man infolge seiner Ablehnung der Ehe glaubte, in ihm einen Verfechter der freien Liebe zu sehen. Ihm war es überhaupt nicht um die Versenkung der Seele in eine andere Seele zu tun, sondern um die Versenkung der Seele in sich selbst. Das, so meinte er, sei auch der tiefe Sinn der letzten Worte in Goethes Faust ‚Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan’, über welche die Gelehrten den haarsträubendsten Unsinn verbreitet hätten. Es handele sich da gar nicht um erotische Gesichtspunkte, sonern um die kosmische Versenkung der Seele in sich selbst. Auch Goethe sei im allerstärksten Maße kosmisch gewesen. Auch bei ihm hätten die heidnischen Gluten vornehmlich in Versen Niederschlag gefunden, etwa im West-Östlichen Divan und im zweiten Teile des Faust; später habe ausser Hölderlin in der Tat nur George im Algabal und im Teppich des Lebens ähnlich großartige Töne für die Rauschgluten den Lebens gefunden. Solche Gluten gelte es in uns und in uns nahestehenden festzuhalten.“

 

„Das Verströmen der Seele ins All in einem vielleicht nur einen Augenblick währenden Rausch hielten Klages und Schuler für die höchste Steigerung des Lebens überhaupt. Sie setzten diese Auffassung bewusst in Gegensatz zu Goethes Wort im Faust über den schönsten Augenblick im Bewusstsein der Ewigkeit der geschaffenen Arbeit und näherten sich somit der Auffassung der Romantiker, zu denen ihrer Meinung nach auch Hölderlin zählte.“

 

„Klages war, sobald er seine Lehren zu formulieren versuchte, fast nur noch Theoretiker, der zersetzte, anstatt aufzubauen, und damit tat er eigentlich das, was er selbst leidenschaftlich verdammte. War doch einer der von ihm am heftigsten verfochtenen Grundsätze seine Lehre von ‚Geist als Widersacher der Seele’. Die Seele war für ihn das glühende Leben, der Geist dagegen der zersetzende Verstand der diese Glut in Begriffe auflöst und damit tötet.“

 

Der „große Schwabinger Krach“

 

Da Wolfskehl  jüdische Abstammung war und aktiv in der zionistischen Ortsgruppe München mitarbeitete, musste es zwischen Schuler und Klages auf der einen und Wolfskehl und George auf der anderen Seite zum Bruch kommen. Das war der „große Schwabinger Krach“ vom Winter 1903/1904.  Daß George zu Wolfskehl hielt, erklärt sich wohl auch daraus, daß George kostenlos bei Wolfskehl wohnte, der seinem verehrten Dichterfreund im Dachgeschoß seines Hauses in der Römerstraße 16 drei Zimmer zur Verfügung gestellt hatte. George hatte in seinem Literatenkreis, der die „Blätter für die Kunst“ herausgab, jüdische Freunde. George ging zum Antisemitismus auf Distanz und ließ sich auch später nicht von den Nazi’s vereinnahmen. Schuler erklärte Wolfskehl und George den Krieg, indem er ihm durch einen Soldaten in einem schwarzen Kuvert eine beinahe förmliche Kriegserklärung überbringen ließ.  Ein Freund Wolfskehls wurde verprügelt. Es kam zu Drohungen, Racheschwüren und Verfluchungen. Man sank auf ein erbärmliches Niveau, wie das bei hochtönenden Idealisten öfters vorkommt. Wolfskehl und die Reventlow bekamen Angst. Die Reventlow schlief nur noch mit dem Revolver am Bett.

 

Die Kosmiker waren von Anfang an keine homogene Gruppe. Es gab kein Oberhaupt und keine Hierarchie. Es war ein Zusammenschluß von sich gleichrangig Fühlenden. Bereits 1901 waren Derleth und Schuler in heftigen Konflikt geraten. Neben konträren weltanschaulichen Standpunkten spielten persönliche Antipathien eine Rolle. So hatten sich Derleth von Schuler und Klages getrennt.

 

Im Winter 1903/1904 überwarfen sich Klages und Schuler mit George und Wolfskehl. Vordergründig ging es darum, daß Wolfskehl ein Jude und George ein Judenfreund war. Als Wolfskehl „eine zionistische Blutleuchte zu entdecken meinte und damit die kosmische Seele verriet, da…Juden als Anhänger des Vaterechtes keiner kosmischen Seele fähig sein könnten“ (Roderich Huch in „Die Enormen“), kam es zum Bruch. Wolfskehl, „ein jüdischer Edeltyps, sprach gar zu plötzlich von semitischer Blutleuchte, die ebenso wie die arische unter der späteren Rassendekadenz immer wieder hervorbreche, und wies nach, daß die erdfremde, zerstörerische Tendenz des Judentums erst nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil bei den Propheten zu bemerken sei. Er verherrlichte die prä-jahwistische jüdische Substanz“ (Roderich Huch in „Dämon Welt).

In dem Vorwort zu seiner Ausgabe der Schulerschen Vorträge und Fragmente (1940) verstieg sich Klages sogar zu der Behauptung, daß Wolfskehl als ein Teilnehmer an der jüdischen Weltverwörung George und seine Blätter für die Kunst dazu benutzt habe, die letzten wirklichen Lebensreste, die in Schuler und Klages noch vorhanden seien, zu unterdrücken. 

 

Klages witterte in zwei der Juden, die im Kreis um Wolfskehl auftauchten, Abgesandte der jüdischen  Weltverschwörung. Die Reventlow schildert dies in Herrn Dames Aufzeichnungen:

 

„Es war kein Jour, und wir trafen nur zwei Gäste dort. Aber diese zwei sind in unserem Stadtteil eine seltene und auffallende Erscheinung, – eine junge Polin mit flammend rotem Haar und bleichem fanatischem Gesicht, sie nennt sich Jadwiga, und ihr Begleiter ist ein Rabbi von der deutschen Ostgrenze...Wieso und warum die beiden in das Faschingstreiben gerieten, ist bisher unklar geblieben, denn eigentlich sind sie nur unterwegs, um für den Zionismus Propaganda zu machen.“

 

Die Fachleute identifizieren die „Jadwiga“ mit Hedwig Schmitz, der Schwester des Juden Oskar A.H. Schmitz, die den Maler Alfred Kubin heiratete. Weiter heißt es dann in „Herrn Dames Aufzeichnungen:

 

„Zwischen Hallwig (Klages) und dem Professor (Wolfskehl) ist es zum Bruch gekommen. Was für eine Welt ist dadurch in Trümmer gegangen, noch ehe sie entstanden war ! ...Es heißt, Hofmann (Wolfskehl) sei durch jene beiden – den Rabbi und die Jadwiga – so verblendet worden, daß er ungemein starke kosmische Substanzen in ihnen zu entdecken glaubte und...im Zionismus die Möglichkeit einer großen Blutleuchte...Als nun Hallwig (Klages) bei seiner Rückkehr von alldem erfuhr, war er durchaus nicht einverstanden, sondern beschuldigte Hofmann, daß er durch Anwendung der kosmischen Geheimnisse die Sache der Juden und des Zionismus unterstützen wolle und somit das Heidentum Wahnmochings an den jahwistischen Moloch in eigener Person verraten und ausgeliefert habe. Ja, er könne gar nichts anderes damit beabsichtigen, als auf eigene Hand gewissermaßen eine Filiale des angestgrebten kosmischen Reiches zu gründen – nein, keine Filiale, sondern ein direktes Gegenreich – und sich zum Oberpriester desselben zu machen ... Furchtbare Worte und Briefe sollten zwischen den beiden gewechselt worden sein“.

 

George, der zu diesem Zeitpunkt nicht in München war, wurde von Wolfskehl zu Hilfe gerufen um den Streit zu schlichten. Aber er verweigerte Klages eine Unterredung. Er begründete dies so: „Die allgemein übliche Unterredung ist nach meiner Ansicht dennoch zu vermeiden, wenn die Grundstimmungen der Parteien so verschieden sind und jedes Wort nur die Klüfte weiter öffnet.“ Diese Einschätzung Georges teile Wolfskehl Klages in einem Brief am 15.1.1904 mit.

Klages brach daraufhin durch einen Brief die Beziehung zu George ab.

 

Schuler brach aber nicht in der gleichen Schärfe und Endgültigkeit, sondern entschuldigte sich bei George in einem Brief für eine andere Sache, nämlich daß er in einem Gedicht von George („Porta Nigra“) eine Provokation gesehen habe und das Gedicht gegenüber mehreren Personen falsch beurteilt hätte. Schuler besuchte George auch nach dem Bruch noch oft.

 

So scheint es, daß Klages die eigentliche treibende Kraft hinter dem Schwabinger Krach gewesen sei. Klages missfiel an George: 1. Daß er sich zum Mittelpunkt eines Personenkultes machte und in seinen Augen die Blätter für die Kunst hauptsächlich für die Erhöhung seiner Person benutzte 2. Sich mit Juden umgab 3. Seine Kunst und seine Person nicht in den Dienst des Zieles der Kosmiker stellte, eine Blutleuchte und ein heidnisch-römisches Reich der Arier zu schaffen. Klages strebte immer mehr darauf hin, Einfluß auf die Gestaltung und den Charakter der „Blätter für die Kunst“ zu gewinnen. Er nannte die Dichtung in den Blättern „kläglich“ und „stümperhaft“. George dagegen war der Ansicht, daß die von Klages protegierten Beiträge (wohl die von Alfred Schuler) noch weit stümperhafter und verlogener seien.

 

Da in den „Blättern“ einige Verse von Klages ohne dessen Zustimmung veröffentlicht hatte, benutzte dies Klages in niederträchtiger Weise, um den Herausgebern George, Klein und Gundolf eine Klage wegen Verletzung des Urheberrechtes anzuhängen.

 

Peinlich war natürlich schon, daß Klages erst zwei Jahre Vorher ein Buch über Stefan George und seine Dichtung herausgebracht hatte, wo er ihm höchste Anerkennung zollte.

 

 

Aber Klages ärgerte sich wohl auch darüber, daß sich die Reventlow mit Wolfskehl und Hessel eingelassen hatte. Ein andere, vielleicht noch wichtigerer Grund war vermutlich, daß es unter den Kosmikern eine Rivalität darüber gab, wer die Führungsposition einnehmen sollte. 1902 hatte Klages noch ein lobendes Buch über Stefan George geschrieben. Aber er geriet immer mehr in den Bann von Alfred Schuler. Wer sollte in dieser Kosmiker-Runde nun den Ton angeben und die Normen der „Enormen“ bestimmen – George und sein „Jünger“ Wolfskehl oder Schuler und Klages ?

 

 

Rolf von Hoerschelmann schreibt über den Schwabinger Krach:

 

Liebe und göttliche Faschingsfreude erfüllten die Atmosphäre, die dennoch geladen mit Sprengstoff war, denn Misstrauen beschlich die Enormen ! Eine Krise brach aus und der Verrat ging um. Zu verschieden waren die drei großen Zauberer: Während Wolfskehl in trunkener Hingabe Räusche suchte und allenthalben fand, verachtete Klages Mummenschanz und Tänze. Der blonde Barbar aus dem Norden, der den Kampf der Seele wider den Geist entfachte, unterschied sich wieder von dem dunklen deutsch-römischen Schuler, der nur in Symbolen dachte und mit Wolfskehl gemein den Sinn für irdische Genüsse und die Beseeltheit alles stofflichen Erbgutes hatte. Aber er war grimmiger Antisemit, und es stellte sich heraus, daß die Juden an der Blutleuchte nicht teilnehmen könnten, ja, der Verdacht wurde rege, daß sie ihrerseits eine jahwistische Blutleuchte planten ! Der große „Schwabinger Krach“ begann ! Klages und Schuler brachen mit Wolfskehl, verstießen die Gräfin, die mit allen gut sein wollte, trennten sich von George, dem sie vorwarfen, seine ungeheueren Kräfte nur für die Kunst zu verbrauchen und es mit den Juden zu halten. Ein ihnen treu ergebener Hühne, Albert Hentschel, genannt „Adam“, wurde ob seiner Wickingersubstanz und der damit verbundenen Körperkraft zum Vollstrecker höchster Befehle und jagte den leichtsinnigen Sonnenkanben über die kosmische Wiese.. Es blieb ungeklärt, ob der glücklich Entronnene zum Opfertod oder nur zu leichter Verstümmelung verurteilt worden war. In diese Zeit platze die erste Nummer des ‚Schwabinger Beobachters’ wie eine Bombe hinein.

Im Frühling 1904 war die siebte Folge der „Blätter für die Kunst“ (Herausgegeben von Stefan George) erschienen und wurde durch ein Fest bei Wolfskehl gefeiert. Die um die dominierende Gestalt Georges versammelten Getreuen vereingten sich zu einem Maskenzug und sprachen feierliche Verse. Diese Dichtung und der Stil der Prosa, mit der in den Blättern für die Kunst die einleitenden Maximen verkündet wurden, gaben die Motive für die Parodie des ‚Beobachters’. Das Motto: „Warte Schwabing, Schwabing warte, dich holt Jesus Bonaparte“, gehört zu den schlagkräftigsten Stellen der genialen Satire.

Den Höhepunkt der einzigartigen Folge bildet der dritte ‚Schwabinger Beobachter’ mit der prachtvollen Walpurgisnacht auf der kosmischen Wiese, jenem großen, damals noch im ländlichen Urszustand befindlichen Rain am Biederstein, dem Tummelplatz aller großen und kleinen Schwabinger. Hier nun wird in Faustischen Versen der ganze Kreis noch einmal vorgestellt – zum Abschied von den untereinander zerfallenen Enormen, der kleinen Sterne am Schwabinger Himmel, der Schar von Trabanten und den ‚ganzen Chor angenehmer Hexen’, den heute namhaft zu machen so wenig möglich wie nötig sein dürfte. Im wogenden Reigen der Gestalten um den großen Zaubermeister erblicken wir zuerst den Dichter Henry Heiseler. Der Witz, die Gräfin Reventlow im reingehaltenen Faust-Zitat als Lilith, Adams erste Frau, vorzustellen, ist zündend, wenn man bedenkt, welche Rolle der große Adam Hentschel, ‚Henry der Panther’, in ihrem Leben spielte. Im Graphomanten erkennen wir Klages wieder, der sich mit den bedeutenden Versen an sie wendet, die ihre Verurteilung enthalten: ‚Weib, webst du noch gefährlich in den Nächten ? Du hattest Teil an unseren Heidenfesten. Nun gehst Du zu den Guten und Gerechten und blendest sie mit den enormen Resten !’ Der Patriarch im buntgestreiften Gewande ist Karl Wolfskehl, der nun mit Klages um das Leben der Enormen rechtet, aber der Graphomant entscheidet:

‚Ich bin allein, nur einer ist der Erste

In Schwabing, Regne Schwefel, Erde, berste !’

Es geschieht, und der Chor der Pygmäen singt klingend das Abschiedslied: ‚Wie war’s in Schwabing doch vordem, für uns zu leben so bequem’. Klages, der Meister der begrifflichen Erkenntnis, erhält zum Schluss von Mephisto die Lehre: ‚Du weißt nur, wie das Ding in Worten heißt, und wird es wirklich, dann musst Du zur Hölle.’ Alle Gespenster verschwinden und das Ende der ‚Großen Schwabing’ dämmert.“

 

Waren die Kosmiker Rassisten ?

 

Sie waren Gegner der jüdischen Religion und des jüdischen Gottes. Schuler und Klages glaubten wie die Nazis an eine jüdische Weltverschwörung. Klages entwickelte sich später zum glühenden Antisemiten. Aber Wolfskehl war Jude (und Zionist) und floh 1932 vor den Nazi’s bis ans Ende der Welt, nach Neuseeeland, ins Exil. George verkehrte mit Juden und ließ sich nicht durch die Nazi’s vereinnahmen.

Schuler und Klages sahen die „molochistischen Seelensubstanzen“ zunächst nicht an die Rasse, sondern an die Religion und an die Kultur geknüpft. So konnte Schuler Martin Luther als „Juden“ bezeichnen, obwohl aus rassistischer Sicht Luther kein Jude war. Aber Luther hatte aus Sicht der Kosmiker mit seinem Christentum quasi den molochitischen Geist aufgesogen und vernichtete durch Abschaffung des Marienkultes die letzten heidnisch-matriarchalischen Reste in der christlichen Religion protestantischer Prägung.

 

Schuler, die Kosmiker und die Nationalsozialisten

 

Schuler erlebte noch, wie die Nazi’s seine Symbole und Ideen aufgriffen. In seinem Nachlass findet sich  die seltsame Notiz (wahrscheinlich aus dem Jahr 1922):

„Der nationalsozialistische Tumor (ist) auch in München rapid im Steigen, droht in der Hitlertruppe den Antisemitismus -  ‚So geben Sie mir ein anderes Schlagwort, womit ich die Masse gewinne’ (Hitler) – aus dem Zentrum drängend, ist die trunkene Todesfackel, welche den Völkern ins Schlachthaus voranleuchtet“.

 

Schuler sieht den Nationalsozialismus als Krebsgeschwür Deutschlands an und fürchtet, daß er die Völker ins Schlachthaus des Krieges führen wird; er wirft den Nazi’s vor, daß sie den Krieg und nicht den Antisemitismus zu ihrer zentralen Aufgabe machen und vermutet, dass ihre Antisemitismus für sie nur das Mittel ist, um die Massen auf ihre Seite zu bringen. Man muß Schuler zugute halten, daß er sich nicht für einen gewaltsamen Antisemitismus ausgesprochen hat. Es bleibt unklar, ob Schuler das gewollt hat, was für Hitler die letzte Konsequenz aus dem Antisemitismus war, die Vernichtung der Juden.

 

Am 8. April 1923 starb Schuler in München in Folge einer Krebserkrankung.

 

Inwieweit Schuler die Nazis wirklich beeinflusst hat, kann man nicht sagen. Ich vermute, sein Einfluß war gering bis überhaupt nicht vorhanden. Hitler schreibt in „Mein Kampf“ über seine Jahre in Wien: „Ich hatte diese Stadt betreten als ein halber Junge noch und verließ sie als still und ernst gewordener Mensch. Ich erhielt in ihr die Grundlagen für eine Weltanschauung im großen und einer politischen Betrachtungsweise im kleinen, die ich später nur im einzelnen zu ergänzen brauchte, die mich aber nie mehr verließen....Ich weiß nicht, wie meine Stellung zum Judentum, zur Sozialdemokratie, besser zum gesamten Marxismus, zur sozialen Frage usw. heute wäre, wenn nicht schon ein Grundstock persönlicher Anschauungen in so früher Zeit...sich gebildet hätte.“

Hitler kam schon mit einer fertigen Weltanschauung nach München, die er sich in Wien unter dem Einfluß des Betrügers und Hochstaplers Jörg Lanz von Liebenfels (dessen „Ostara“-Hefte Hitler regelmäßig las), und der Pamphlete des Guido von List und anderer angeeignet hatte. Viel mehr als durch Schuler und die Kosmiker wurde Hitler von seinem Münchner Mentor, dem Bohèmien Dietrich Eckart, beeinflußt. Die Nazi’s wurden durch die Münchner Thule-Gesellschaft weit mehr beeinflusst als durch die Kosmiker.

 

Die Kosmiker haben ihre Zeit nicht geprägt. Sie waren nur übersensible Indikatoren ihrer Zeit. Sie verarbeiteten und übersteigerten nur das, was in den Schulen, Gymnasien und Universitäten gelehrt wurde und was aus Paris, London und Wien an Theosophie und Okkultismus nach München drang. Für jeden Schüler eine humanistischen Gymnasiums (und die Kosmiker und auch Nietzsche waren das) war klar, daß es neben der christlichen Lehre noch andere Religionen gab, z. B. die heidnisch-antiken, und daß nicht das Christentum die letzte und alleinige Wahrheit und das Maß aller Dinge sei. Die Deutschtümelei, die man bei Wolfskehl und George findet, stand im Einklang mit dem Wunsch, die Deutsche Nation zu einen und stark zu machen für zukünftige Eroberungskriege – denn Deutschland war bei der Verteilung der Welt zu kurz gekommen. Insofern hat Derleth nur das ausgesprochen, was Kaiser Wilhelm mit seinem Flottenbauprogramm bezwecken wollte: „Ich gebe euch zur Plünderung frei – die Welt !“

Auch die Schwärmerei der Kosmiker für das Kaisertum fiel ja nicht vom Himmel in ihre Seelen herab; es gab die Kaiserreiche der Habsburger, der Hohenzollern und der Romanows. Und man lebte im Zeitalter des Imperialismus. Nicht nur Derleth hat Napoleon bewundert. Napoleon war in Deutschland wieder Mode geworden. Und sein Russlandfeldzug spukte wohl im Hirn manches Generalstäblers herum. Sein Aufruf, sich auf die feindlichen Stellungen zu stürzen und durchzubrechen, nahm nur den ersten Weltkrieg vorweg. Und mit Hinblick auf diese zu erwartende Auseinandersetzung bereiteten die Lehrer schon damals ihre Schüler auf ihre zukünftigen Aufgaben für. Ohne diese Gehirnwäsche schon an der Volksschule wären die deutschen (und überhaupt die europäschen Soldaten) nicht so gehorsam in den Feuerofen von Verdun und in den „geheiligten Weg“ des „Chemin des Dames“ gegangen. Der Antisemitismus wurde schon lange vor Schuler und Klages von der katholischen Kirche gepredigt.

 

Insofern bin ich geneigt, den Kosmikern für das Aufkommen der Nazi’s nur eine geringe Schuld zu geben. Sie waren Spinner (am wenigsten noch Wolfskehl). Derleth, Schuler und George waren seelisch Gestörte, die von Wahnideen besessen waren. Solche Leute sind für sich genommen, harmlos – solange sie friedlich bleiben. Gefährlich werden sie nur, wenn sie andere beeinflussen oder anstacheln. Und ganz gefährlich sind sie, wenn sie an die Spitze einer Hierarchie, also eines Staates und seiner Armee, gelangen. In normalen Zeiten kommen Psychopathen in die Therapie, in extremen Zeiten an die Regierung. Und wenn ihre Psychosen bisher verborgen waren, dann gelangen sie auf dem Regierungssessel zum Ausbruch. Insofern ist Wahnmoching überall: Im Moskau Stalins, in Berlin Hitlers und im Peking Maos.

 

Die Wirklichkeit ist grausamer, absurder und unwahrscheinlicher, als sich das der größte Spinner vorzustellen vermag.

 

Franziska (Fanny) zu Reventlow (geboren am 18. Mai 1871 im Schloß zu Husum, gestorben am 26. Juli 1918 in Locarno),

 

„die tolle Gräfin“ oder „Königin von Schwabing“ genannt, war eine kleine zarte Frau. Ihr genauer Name ist: Fanny Sophie Auguste Liane Adrienne Wilhelmine zu Reventlow. Ihre Mutter war Emilie Julia Anna Luise zu Reventlow, geborene Gräfin zu Rantzau (1834 –1905). Ihr Vater Ludwig Christian Detlev Graf zu Reventlow (1824 - 1893) wurde 1866 Königlich Preußische Landdrost (Landrat). Sein Amtsitz war das Husumer Schloß. Die Töchter des Adelsgeschlechtes der Reventlows waren Mätressen der reichen Dänenkönige und Domkapitulare gewesen.

 

René Prevot schreibt über sie:

„Was soll ich von ihr erzählen ? Was von all den Geschichten und Legenden, die sie schon zu Lebzeiten umrankten und die nach ihrem Tode sozusagen zur undurchdringlichen Rosenhecke wuchsen ?

Viele haben gesagt, sie sei schön gewesen. Ich selber habe das nie empfunden...Aber es ging eine unentrinnbare Faszination von ihr aus, nicht nur des weiblichen Fluidums, vielmehr die einer Kraft, die man in jedem Augenblick verspürte. Man traute ihr zu, daß sie sich ihr Nora-Schicksal wissentlich und willentlich selbst erschaffen hatte...

Schon als Schulmädel muß sie in Extravaganzen geglänzt haben...

Sie hat oft erzählt, daß es ihr Geburtstag war, an dem sie in München ankam, und sie empfand das so, als ob sie erst in Schwabing wirklich zur Welt gekommen sei. Es gibt ein Tagebuchblatt von ihr, wo sie von der Freude schreibt, von dem Stolz, ‚so Vabanque zu spielen, so ganz allein und so ganz stark. Die Kraft, die niemand ahnte, schwoll in mir empor. Fort comme le mort’...

Es gab eine Zeit, wo sie jeden Morgen in ihrem Briefkasten einen Gruß Rilkes vorfand...

Bezeichnend für Fannys Wahnmoching war, daß sie, sobald sie nur Gelegenehit dazu fand, unermüdlich Träume erzählen konnte. Ihr da zuzuhören, war für mich keine leichte Aufgabe...Aber einer ihrer Träume ist mir unvergesslich geblieben, der von Napoleons Goldschatz. Traum-Napoleon hatte ihr eine Grube verraten, in der er einen Goldschatz vergraben hatte, und sie sollte aufpassen, daß er nicht von den Griechen geraubt wurde. Um das Versteck zu tarnen, hatte Napoleon eine Unmenge Handschuhe darübergelegt, und von diesen nahm sie heimlich einen an sich....Leider war der Handschuh beim Erwachen nicht mehr da...

Woher kamen die Einnahmen, um die leider unvermeidlichen Ausgaben zu decken ? Als ich eines Tages Fanny ziemlich abgerissen mit einer Petroleumkanne und einem Stück Leoni-Wurst in der Hand traf...stellte ich ihr ganz schlicht und einfach diese Frage. Sie gab ebenso schlichte und einfach die Bohème-Antwort Rodolfos: ‚E come vivo ? - - Vivo !’ (mit Rodolfo ist die Figur aus der Oper „La Bohème“ gemeint. Er sagt: „Und wie ich lebe ? - - Ich lebe halt !“)

Eine harmlose Bemerkung Klein-Rölfchens...gibt hinreichend Aufschluß. Er saß mit seiner Mutter in der Schwabinger Brauerei und spielte...mit Bierfilzen. ‚Was machst du denn da ?’ fragte ein Münchner, der mit am Tische saß. ‚Ich baue ein Leihhaus.’ Die vielverschlungenen Lebensweg Fannys mochten hingehen, wohin sie wollte, an einem Ende stand immer das Leihhaus, am anderen wartete der Gerichtsvollzieher. ‚Grüß Gott Frau Gräfin, wo ist der Teppich ?’ Diese Frage des Kuckucks war im Kreise ihrer engsten Vertrauten zum geflügelten Witz geworden. Einmal hatte sie den Guten schwer beleidigt: sie hatte ihm einen Soxhlet-Apparat (Glasaparatur der Chemiker zur Extraktion von organische Stoffen mit Hilfe von Lösungsmitteln) angeboten. ‚Beinahe wäre er nicht wiedergekommen...“

Geld, wenn’S da war, wurde hinausgeschmissen. ‚Leider rächt es sich für die schlechte Behandlung’, lachte Fanny, ‚indem es hinterher lange ausbleibt.’

Damals konnte man mit Schreiben ganz gut verdienen, wenn man Talent, Ausdauer und Glück hatte. Wobei allerdings das Glück des Pegasus der Bohème recht wechselvolle zeiten bereitete. Man bekam für eine Witz fünf bis zehn, manchmal auch zwanzig Mark, und hält man dagegen, daß man ein Schweinshaxe mit Kraut für fünfzig Pfennig, ein Stück Gänsebraten für sechzig Pfennig und ein Beefsteak mit Ei für achtzig Pfennig bekam, so kann man sich eine Vorstellung von dem Lebensstandard machen.

Fanny tat also nicht schlecht daran, die Feder zu stücken. Es heißt, Ludwig Klages, ‚der einzige Mensch, mit dem ich fliegen kann’, hat Fanny von ihm gesagt, habe sie von der Malerei weg zur Schriftstellerei geführt. Aber ob sie malte oder schrieb, die lockere Geldhand blieb ihr treu. Wenn sie zweihundert Markt bekam und dem Wirt dreihundert für die Miete schuldete, so schenkte sie irgendeinem armen Teufel, von dem sie gehört hatte, zunächst einmal hundert...

So war die Bemerkung Rölfis gar nicht so abwegig, der einmal, als zwei verregnete Hunde vor seiner Mutter hergingen, meinte: ‚Die sehen aus wie zwei Schriftsteller !’

Die Art des Einfalls hatte der Kleine sicher von seiner Mutter, Kinder sind ja sehr gelehrig. Ich habe nie wieder eine Frau getroffen, der die Einfälle in so reicher Zahl kamen wie ihr. Sie liefen ihr zu. Als sie einmal im Krankenhaus lag und jemand sie besuchte, um ihr beizuspringen, sagte sie: ‚Er will mir helfen, weil es ihn freut, das Leben zu protegieren’ – eine Bemerkung, die sogar irgendwie das ‚gewisse Etwas’ traf.

 

 

 

 

Ein guter Freund des Grafen Ludwig zu Reventlow war der Dichter Theodor Storm, der eine häufiger und gern gesehener Gast im Husumer Schloß war. Das Führen eines gastfreundlichen großen Hauses was für die Hausfrau mit erheblicher Arbeit und Kosten verbunden. Da erwartete die Mutter von der jungen Fanny, dass sie mithalf – so wie das ihre ältere Schwester Agnes auch tat. Die Reventlows hatten sechs Kinder: Agnes, Theodor, Ludwig, Fanny (Franziska), Ernst und Karl, genannt Catty. Die Jungs waren natürlich von der Mithilfe im Haushalt verschont. Die junge Fanny hatte wenig Lust auf die Hausarbeit und wollte lieber lesen, lernen und ihr Leben genießen. Dadurch geriet sie in Konflikt mit ihrer Mutter, und sie bekam oft Schläge und Schelte. Sie entwickelte sich zum schwer erziehbaren Kind.

Mit 14 Jahren rebellierte Fanny gegen ihre Eltern, weil sie ihr verboten hatten, mit Gleichaltrigen zusammen zu sein. Anscheinend hatte sie schon damals ein starkes Interesse an Sex. 1886 wurde sie auf ein streng protestantisches Erziehungsheim, das Freiadelige Magdalenenstift zu Altenburg in Thüringen, geschickt. Die Familie der Reventlow hatte durch Erbschaft ein Anrecht auf einen Studienplatz zu stark ermäßgten Gebühren (die normale Jahresgebühr war 800 Reichsmark) erworben.

Die Reventlow hat in München ihre Mädchenzeit in ihrem autobiographischen Entwicklungsroman „Ellen Olestjerne“ geschildert. Die Erziehungsmethoden waren autoritär und missachteten die Würde des Menschen. Die Reventlow rebellierte also zu Recht. Aber sie stand natürlich auf verlorenem Posten. Die Erziehung der Reventlow – erst im Elternhaus, dann im Internat – endete als Fiasko. Die Erzieher waren entnervt, wütend und enttäuscht und die Reventlow wurde ein Mensch, der es nie gelernt hatte, den Anforderungen des normalen sozialen und beruflichen Lebens zu genügen.

1887 wollte man Fanny zu Reventlow nicht mehr im Stift behalten und entließ sie nach Ostern. Zu Hause in Husum wurde der tägliche Kleinkrieg zwischen Mutter und Tochter verschärft wieder aufgenommen. Ab Juni 1887 schob man sie zu verschiedenen Verwandten ab. Bei ihrer Tante, die ebenfalls Fanny heiß, kam sie mit Literatur und Malerei in Berührung. Die Tante richtete ihr ein Zimmer als Atelier ein. Eine in der Nähe lebende Künstlerin gab ihr Malstunden.

1889  wurde der Vater der Reventlow pensioniert und die Familie zog nach Lübeck um (Moislinger Alle 30), aber das Schloss blieb in Familienbesitz und wurde von zwei ihrer Brüder bewohnt. 1890 bis 1892 finanzierte ihr der Vater den Besuch des Lehrerinnen-Seminars in Lübeck, das sie auch mit dem Examen abschloss. Der Schwerpunkt der Ausbildung lag auf dem Erlernen der englischen und französischen Sprache. Französisch hatte sie bei ihrer französischen Gouvernante im Elternhaus gelernt. Außerdem konnte sie Dänisch. Später halfen ihr diese Sprachkenntnisse, sich durch das Übersetzen von französischen Romanen (für den Albert Langen-Verlag) Geld zu verdienen.

Ihr erster Jugendfreund war Emanuel Fehling, der Sohn des Rechtsanwaltes, Senators (Stadrates) und Bürgermeisters von Lübeck, Emil Ferdinand Fehling. Dessen Frau war die Tochter des Dichters Emanuel Geibel.

Die Reventlow lernte Emanuel Fehling durch ihren jüngern Bruder Catty kennen, der das Katharineum (ein Gymnasium) besuchte. Emanuel war ein sensibler Junge mit literarischen Interessen. Sie trafen sich in der Marienkirche und küssten sich hinter den dicken Säulen.

 

Emanuel Fehling führte Catty in den sozialkritischen Ibsen-Club ein, und der wiederum brachte seine Schwester mit in den Club. In diese Clubs, die es in vielen Städten Deutschlands gab, traf sich die oppositionellen bürgerlichen Jugendlichen, die nicht mit den autoritäten Strukturen im wilhelminischen Deutschland einverstanden waren. Man las Ibsen und andere sozialkritische Schriftsteller, z. B. die Naturalisten Fjedor Dostojewski und Émile Zola und den Sozialdemikraten Ferdinand Lassalle. Man wollte Lebensgenuß, Selbstverwirklichung, freie Liebe und Emanzipation. Man probte den Aufstand in Hafenkneipen, wo man sich als Zeichen der Emanzipation einmal richtig vollaufen ließ. Wenn es die Finanzen erlaubten, verschwand man dann auch mal im Bordell - denn Mädchen, die sich der freien Liebe hingaben waren wohl in Lübeck rar.

 

Die Revntlow hatte schon in Husum Ibsen gelesen. In ihrem autobiographischen Entwicklungsroman „Ellen Olestjerne“, der im wesentlichen ihre Erlebnisse im Altenburger Mädchenpensionat erzählt, schreibt sie: „Früher empfand ich es immer als eine Art Unrecht gegen meine Eltern, mich so dagegen aufzulehnen und heimliche Sachen zu tun, aber nun ging mir plötzlich auf, daß jeder ein unveräußerliches Recht an seinem Ich und sein eigenes Leben hat.“

 

In der Zeit zwischen März 1890 und und Oktober 1891, als Emanuel zum Militärdienst eingezogen wurde und die Freundschaft endete, gab es zwischen ihm und Fanny einen Briefwechsel. Ins Bett gingen sie aber nicht nicht miteinander – vielleicht in Ermangelung eines Bettes,  wahrscheinlich mangels der konsequenten erotischen Energie auf Seiten Emanuels, gemeinsam in ein solches zu steigen. Vermutlich war dieses ungelöste Bettproblem der Grund für die depressive Stimmung, die sich bei Fehling einstellte.

 

Die Reventlow schloß im April 1892 den Besuch des Lehrerinnenseminars mit einer erfolgreichen Abschlussprüfung ab. Auf ihren Wunsch hin hatte die Leiterin des Seminars sie eine halbes Jahr früher als üblich die Prüfung machen lassen. So konnte die Reventlow ein halbes Jahr früher den ungeliebten Zwängen der Schule entkommen.

 

Der erste, mit dem die Reventlow ernsthafte sexuelle Erfahrunge hatte, war vielleicht Ferdinand Schluse, der Sohn einer berüchtigten Freidenkerfamilie. Oder es war Karl Schorer, ein Bekannter aus dem Ibsen-Club. Als die Reventlow bei einer Verwandten die Sommermonate verbrachte, fand die Mutter der Reventlow einen Brief von Karl Schorer in einem Lexikonband. Sie alarmierte den Vater und gemeinsam brachen sie Fannys Schreibtisch auf.  Sie fanden ihre Korrespondenz mit dem Ibsen-Klub und entdeckten, daß sie erste sexuelle Erfahrungen mit  einem wesentlich älteren Mann hatte. Da der Adel aber seine Töchter unter Verschluß hielt und nicht dazu neigte, die Jungfernschaft ihrer Töchter irgendeinem Dahergelaufenen ohne jede Gegenleistung zu überlassen, trat der Familienrat zusammen und verbannte sie in das Pfarrhaus von Adelberg bei Flensburg. Man drohte ihr mit Entmündigung.

 

Als sie am 18. Mai 1892 volljährig war, war sie aber auf die Dauer nicht mehr unter Kontrolle zu halten. Sie floh im April 1893 aus dem Pfarrhaus nach Hamburg-Wandsbeck. Dort erhielt sie die Nachricht, daß der Vater schwer erkrankt sei. Man bat sie, nicht nach Lübeck zu kommen, da man fürchtete, daß sie den Vater zu sehr aufregen würde. Man machte sie für dessen schwere Erkrankung verantwortlich. Ihr Bruder Ludwig schrieb ihr: „Wirst du zu schamlos, so werde ich, wenn Papa nicht mehr kann, den Antrag auf Entmündigung wegen Geisteskrankheit gegen Dich stellen. Moral insanity wird sich erweisen lassen, Material liegt bereits vor.“ Dabei muß man die Formulierung  „Moral insanity“ beachten. Ludwig war sich klar, daß seiner Schwester keine „mental insanity“ nachzuweisen war. Blieb als nur der Tatbestand Moralische Krankheit, wahrscheinlich dachte er an Nymphomanie. Daß man aber wegen ständig wechselndem Geschlechtsverkehr ins Irrenhaus kommt, war wohl selbst im wilhelminischen Deutschland kaum zu befürchten.

Inzwischen lag der Vater im Sterben. Trotz des Verbotes zum Vater zu kommen, reiste die Reventlow nach Lübeck. Am Bahnhof fing sie Ihr Bruder Catty mit einer kleinen Delegation ab und verhinderte, daß sie den Vater sehen konnte. Erst als er gestorben war, durfte sie ihn zum letzten Mal sehen.

 

In Hamburg-Wandsbeck verlobte sich die Reventlow mit dem Gerichtsassessor Walter Lübcke – unter der Bedingung, daß sie sechs Monate im Jahr zum Malstudium nach München durfte.

 

Die Reventlow beginnt in München ein Bohème-Leben

 

Von 1893 bis 1910 lebte die Reventlow meistens in München – unterbrochen lediglich von häufigen, teilweise langen Reisen, Kuraufenthalten und Ferien auf dem Lande. Zwischen 1894 und 1910 zog sie mindestens 27 mal um. Sie wohnte in „Ateliers“ (ausgebaute Dachböden), möbilierten und unmöbilierten Zimmern in Dachstöcken, Rück- und Nebengebäuden, nach der Geburt ihres Sohnes auch in Wohnungen, die ihr Freunde zur Verfügung stellten oder in Wohnungen, die „herrenlos“ waren. Vor längeren Reisen gab sie ihr Zimmer auf und stellte ihre Habseligkeiten bei Freunden unter – um so die Miete zu sparen. Meist waren die Ursachen für den Wechsel ihrer Unterkunft wohl die Kündigung wegen Nichtzahlens der Miete oder die Flucht vor Gläubigern.

 

Im August 1893 kommt sie zum ersten Mal nach München. Sie will die Malerei in der privaten Malschule von Anton Azbe in der Georgenstraße lernen. Sie wohnt in der Theresienstraße 66, später im Rückgebäude der Türkenstraße 81.

 

Die Reventlow wird schwanger, hat eine Fehlgeburt, wird krank und will ihr Leben ändern

 

Seit dem Frühjahr 1894 ist sie von dem polnischen Künstler Adolf Herstein schwanger. Als sie ihm das mitteilt, wendet er sich von ihr ab und rät ihr, Walter Lübcke zu heiraten. Das tut sie auch am 22. Mai 1894 in Hamburg. Aber sie liebt inzwischen einen Dritten. Im Juni hat sie eine Fehlgeburt, die sie vor ihrem Mann geheimhält.

Sie wird krank und kommt in München in die private Heilanstalt Josephinum, damals Arcisstraße 41. Dort muß sie mehrer Wochen bleiben. Sie hat nicht nur eine gesundheitliche Krise, sondern auch eine seelische. In dieser Zeit muß sie sich die Frage gestellt haben: „Wie soll es weiter gehen mit mir ? Soll ich dieses zügellose, mannstolle Leben in ständigen finanziellen und sonstigen Nöten weiterführen oder soll ich nicht lieber die brave Ehefrau werden und Kinder bekommen?“ Unter dem Eindruck der gemachten Erfahrungen entschließt sie sich: Ich kehre zu meinem Ehemann zurück.

Sie belibt ein Jahr lang als die Frau des Gerichtsassessors Walter Lübcke in Hamburg.

 

Die Reventlow beginnt Tagebuch zu führen

 

Im Februar 1895 beginnt sie mit ihren Tagebuchauszeichnungen, die bis zum Herbst 1910 gehen. Es ist das Tagebuch einer Egomanin. Weite Teile des Tagebuchs befassen sich mit dem Zustand ihres eigenen Ego, ihre Stimmungen, ihre Gemütsverfassung, ihre jeweiligen Lebensumstände. Während ihrer Schwangerschaft leidet sie unter Wahnideen und will jemanden oder sich selbst umbringen. Nach der Geburt ihres Kindes (siehe unten) fasst sie neue Zuversicht.  Sie vertraut dem Tagebuch ihren Liebeskummer und ihre Spannungen mit ihren zahlreichen Geliebten an. Sie leidet an Depressionen und Lebensangst, weil sie oft einsam, arm und krank ist. Dann befindet sie sich in einem apathischen Dämmerzustand. Andererseits gibt es Zeiten, in denen sie voll Lebensfreude, Harmonie, Glück, Kraft und Übermut ist – ganz besonders während des Münchner Faschings, aber auch in der ländlichen Idylle und während der Phasen relativen materiellen Wohlstandes. Sie hängt sehr an ihrem Sohn Rolf und im Zusammensein mit ihm findet sie Glück.

 

Das Tagebuch zeigt die krassen Widersprüche ihres Lebens: hier die Melancholie, die Depression, die Apathie, dort die Leichtlebigkeit, das zügellose Sich-Ausleben und die maßlose Gier nach Lebensgenuß. Sie leidet an Hysterie, kaltem Erschauern und Überempfindlichkeit. Manchmal gehen ihr die Mitmenschen furchtbar auf die Nerven und sie findet sie alle nur noch abstoßend.

 

Die Krankheiten der Reventlow

 

Auch darüber gibt ihr Tagebuch Auskunft.  Die Krankheiten sind hauptsächlich Folgen ihres Lebenswandels. Ihr chronischer Geldmangel führte dazu, daß sie phasenweise sehr schlecht ernährt und in ungesunden Quartieren untergebracht war. Als Folge davon  bekam sie zeitweilig eine offene Lungentuberkulose. Über ein anderes Gebrechen, das sie jahrzehntelang hatte, schweigt sich ihr Tagebuch aus. Aber es liegt auf der Hand, daß sie mit ihren vielfachen sexuellen Kontakten sich mindestens eine Gonokokkeninfektion geholt hat. Aus dem „Schwabinger Beobachter kann man herauslesen, daß sie ihrem Ex-Geliebten Klages vorwirft, daß er Sex für schmutzig hält. Als er merkte, daß sie außer mit ihm gleichzeitig noch Sex mit anderen Männern hatte (und sie war nicht wählerisch), muß er sich auch klargemacht haben, daß er sich bei ihr anstecken konnte – was seiner erotischen Leidenschaft für sie wohl einigen Abbruch tat. Die Fehlgeburt von 1894 war vermutlich in Wirklichkeit eine Abtreibung, die nicht nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt wurde. Während dem Rest ihres Lebens muß sich die Reventlow zahlreichen Operationen unterziehen. Auch während der letzten Jahre ihres Lebens, die sie in Ascona verbingt, fährt sie mehrmals nach München, um sich operieren zu lassen. 1918 stirbt sie schließlich an den Folgen einer Operation.

 

Die Reventlow schreibt für den Simplizissimus

 

Im Jahr 1896 ist sie wieder in München und hat verschiedene Liebesbeziehungen. Sie schreibt für den Simplicissimus die Satire „Das jüngste Gericht“, die im Januar 1897 erscheint. Die gesamte Nummer wird beschlagnahmt , der Herausgeber Albert Langen muß sich vor Gericht verantworten. Aber in der nächsten Nummer kontert sie mit „Das allerjüngste Gericht“ und beschreibt den Prozess gegen Langen.

 

Die Reventlow und das Geld

So wird es, von einigen Unterbrechungen abgesehen, bis an ihr Lebensende weitergehen: Sie versetzt ihre Federbetten und ihr Fahrrad, alle brauchbaren Einrichtungsgegenstände werden vom Gerichtsvollzieher gepfändet und sie ernährt sich auch schon mal von Buchweizengrütze. Sie führt das typische Leben derer in der Bohème. Man kann in den Bohèmeviertel der Großstädte vor dem ersten Weltkrieg, aber auch in ländlichen Künstlerkolonien mit sehr wenig Geld auskommen. Die Mieten sind billig, die Vermieter, Wirte und Läden verzichten auf sofortige Zahlung und zwischen den Bohemièns besteht das ungeschriebene Gesetz, daß sie einander etwas pumpen. Manche im Milieu der Bohème haben aber Vermögen und zahlen für die anderen die Rechnungen. Wenn der Bohèmien zu Geld kam, wurde erst mal eine Orgie gefeiert, um für kurze Zeit den Entbehrungen zu entkommen und wenigstens für ein paar Tage das Gefühl zu haben, man wäre wohlhabend und könne aus dem Vollen schöpfen. Wenn alles Geld verpulvert war, begann die Misere wieder.

Die Reventlow beherrschte die verschiedenen Formen des Pumpens, Schnorrens und Schuldigseins souverän und mit Anmut. Sie war ständig im Pfandhaus und stand mit dem Gerichtsvollzieher auf gutem Fuß. Die Miete zahlte sie gerne nur mit Abschlag, Zechprellerei und das Verlassen des Hotels ohne die Rechnung zu zahlen waren ihr geläufig. Für Ihre Übersetzungen und Bücher verlangte sie zumeist Vorschuß, das Honorar ihre Buches „Von Paul zu Pedro“ wurde sofort gepfändet.

Hauptsächlich verdient sie ihren Lebensunterhalt durch das Übesetzungen und als Schreiberin von Büchern. Daneben nimmt sie vorübergehend die verschiedensten Jobs an. Aber ihre Abneigung gegenüber Disziplin und regelmäßige Arbeit sind so groß, daß es sie nirgends lange hält.

Zwischendurch arbeitet sie auch mal als Aktmodell, Versicherungsvertreterin, Wanderköchin oder unter dem Namen „Fräulein Emmy“ als Lehrling in einem Massage-Atelier. Außerdem will sie Hebamme, Zirkusreiterin oder Hotelleiterin werden. Der Traum vom schnellen und leicht verdienten Geld (durch Spekulationen, Erfindungen oder originelle Geschäftsideen) begleitet sie ihr Leben lang und ist typisch für die Bohème. Ihren 1897 gemachten Versuch, durch ein Milchgeschäft ein bequemes Einkommen zu haben, schildert sie humoristisch in ihrer Erzählung „Das gräfliche Milchgeschäft“.

Die Reventlow als Amateur-Prostituierte

Gelegentlich ging sie mit einem zahlungskräftigen Liebhaber ins Bett. Im Herbst und Winter 1896 arbeitet sie in einem als Schönheits-Salon getarnten Bordell. Das läßt ihre Tagebucheintragung von der Neujahrnacht 1896/1897 erschließen. Sie schreibt: „Bei Frau X.  hab’ ich meine Glanzgewänder, aber sie gehören mir nicht, ich muß sie immer als Pfand dalassen...Man weiß nicht, wer ich bin, und mit meinen Bekannten komme ich auf diesem Wege nicht zusammen. Damit habe ich Glück gehabt, nie jemand getroffen. Aber mich hier herausziehen lassen, mich etablieren lassen – wieder die alte Geschichte; ich kann meine Freiheit  nicht aufgeben, dann wäre sie hin, wenn ich auch ein besseres Dasein hätte. Dann wäre ich offiziell drin und könnte nie wieder heraus.“

Die Reventlow wird wieder schwanger. Aber wer ist er Vater ? Vielleicht Alfred Freiss, der „fremde Herr“ ?

Im Januar 1897 ist sie wieder schwanger. Später wird sie niemals den Namen des Vaters nennen. Das haben ihr später die Kosmiker als Zeichen der Hetärenschaft hoch angerechnet. Der Grund könnte ein banaler sein: Die Reventlow wusste auf Grund ihrer Tätigkeit als Gelegenheitsprostituierte selbst nicht, wer der Vater war. Also breitete sie über die ganze Angelegenheit den Mantel des Schweigens.

Möglicherweise war der Vater auch der Rechtspraktikant und spätere Rechtsanawalt Dr. Alfred Friess. Während ihrer ganzen Münchner Zeit hatten die beiden eine „erotisch ungemein intensive“ Beziehung (Richard Faber). Friess schaute sporadisch bei ihr vorbei, abends nach dem Tennisspielen oder  – meist in der tiefsten Nacht, z. B. nach einem Faschingsball. Friess hatte korrekte Umgangsformen und war charmant, ein „bel ami“. Aber er achtete auf Distanz und redete sie, obwohl er mit ihr ins Bett ging, mit dem förmlichen „Sie“ an. Er wollte keine Liebesbeziehung zur Reventlow und auch auch nicht die daraus entspringenden Verpflichtungen. In ihrem Tagebuch nannte sie ihn „Monsieur“. Warum ließ sie sich auf eine solche Beziehung ein ? Sie „hätte ihn mit Liebe überschüttet, wenn sie gedurft hätte“, schrieb sie in ihr Tagebuch. Die Reventlow ind Alfred Friess hatten ein ungeschriebens Abkommen zur gegenseiten Versorgung mit gutem Sex ohne den anderen durch irgendwelche Ansprüche oder Bindungen einzuengen. Und das war letzlich auch ganz im Sinne der Reventlow, die einmal in ihr Tagebuch notierte: „Die kleinste Fessel drückt mich unerträglich“.

 

Walter Lübke will die Scheidung

Ihr Mann will die Scheidung. In den nächsten Monaten ist sie in zwei Prozesse verwickelt: 1. Der Scheidungsprozess, bei dem sie im April 1897 wegen mehrfachen Ehebruches für schuldig gesprochen und geschieden wird.  2. Ein Prozess wegen Abtreibung. Es geht um die Fehlgeburt, die sie im Juni 1894 hatte; man vermutet, daß die Fehlgeburt die Folge einer Abtreibung gewesen sei. Sie wird aber wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Aber sie hat sich bei dieser (Abtreibungs-)Fehlgeburt wohl eine schwere Krankheit eingehandelt.  Sie sitzt auf unbezahlten Arztrechnungen und muß für die Prozesskosten für ihre Scheidung aufkommen; sie ist pleite.

 

Die Reventlow kann die Miete nicht bezahlen

Im April 1897 schmeißt sie ihr Vermieter wegen Nichtbezahlen der Miete aus ihrer Wohnung in der Hess-Strasse 46. Über Ostern ist die Wohnungslose in Konstanz am Bodensee, dort trifft sie Rainer Maria Rilke. Rilke verliebt sich in den kommenden Wochen in sie. Er schreibt ihr Gedichte und beginnt mit ihr einen Briefwechsel.

Noch April 1897 bekommt sie von dem Verleger Albert Langen einen, wenn auch schlecht bezahlten Job als Übersetzerin französischer Romane (von Anatol France, Guy de Maupassant und Marcel Prévost). Das Geld reicht nicht, und so versucht sie sich in verschiedenen Jobs: Als Stenotypistin und als Versicherungsvertreterin. Sie bringt die paar Wertgegenstände, die sie besitzt, ins Leihhaus und pumpt ihre Freunde an. Sie veröffentlicht kurze Prosastücke im Simplicissimus und anderen Zeitschriften.

 

Ihr Sohn Rolf wird geboren

Am 1. Sept. 1897 kommt in ihrer Wohnung in der Georgenstraße 29 (dort ist das „Gasthaus zu den vier Nussbäumen“) ihr Sohn Rolf auf die Welt. Am 7. Nov. 1897 läßt sie ihren Sohn taufen – damit er später als Ungetaufter keine Probleme haben soll. Ihr Freund Rolf spielt vor dem Pfarrer den Vater. Während der heiligen Handlung brechen sie immer wieder in Gelächter aus. Sie will ihr Kind allein erziehen. Sie ist eine liebevolle und gleichzeitig mannstolle Mutter. Man findet sie auf Karnevals- und Atelierfesten und in Cafés. Sie fühlt sich „erosdurchleuchtet“, was im Klartext heißt: sie verliebt sich und hat Sex.

 

Die Reventlow schreibt Artikel für Oskar Panizzas Zeitschrift

 

Den ideologischen Überbau für ihren Lebenswandel liefert sie in zwei Aufsätzen, die sie in Oskar Panizza’s Zeitschrift „Züricher Diskussionen“ veröffentlicht. Sie plädiert darin für die „volle geschlechtliche Freiheit, das ist freie Verfügung über seinen Körper“ und eine „erotische Kultur“. Ein Vorbild für die Frauen seien die Hetären des Altertums.

 

Die Reventlow und die Emanzipation

 

Die Reventlow wird gerne als Vorkämpferin der Frauenemanzipation gesehen. Das ist aber nur teilweise richtig. Sie trat dafür ein, dass die Frauen ihre Sexualität ungehindert ausleben können. Aber von der Berufstätigkeit der Frau hielt sie wenig. Das begründete sie damit, dass die Frau dem Mann körperlich und geistig (!) unterlegen sei. Sie vertrat naturgemäß die Positionen, die ihren Interessen und ihrem Wesen entsprachen.

So wollte:

1.     Ungehindertes sinnliches Vergnügen

2.     Geistigen Austausch mit Männern (und die dazu notwendige Bildung, die aber nur der Veredelung der Frau, nicht ihrer Berufstätigkeit dienen sollte)

3.     Ein Leben ohne Mühe und Plackerei, sondern ein Leben voll Leichtigkeit und Luxus (hier spricht die Nachfahrin der adeligen Mätressen der dänischen Könige)

 

Hier die wichtigen Passagen ihres Aufssatzes „Viragines oder Hetären ?“ in Oskar Panizzas literarischen Zeitschrift „Züricher Gespräche“.

Anmerkung: Die Orthographie ist im Original wiedergegeben und ist recht eigenwillig.

 

„Das Streben, die Frauen der arbeitenden Klaßen aus ihrer Misere zu befreien, ihnen beßere Lebensbedingungen, höhere Löhne zu schaffen, sich der Kinder und Wöchnerinnen, besonders der unehelichen, anzunehmen, Alles das ist der sogenante berechtigte Kern der ganzen Bewegung, dem wohl kein vernünftig und human denkender Mensch seine Anerkennung versagen wird.

Die Hauptkraft der redenden, schreibenden und agitirenden Bewegung konzentrirt sich auf die Befreiung der gebildeten, gutsituirten Frau, auf den Kampf um die Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter, die durch höhere geistige Schulung der Frau, durch Errichtung von Mädchengymnasjen, Zulaßung zum Studjum und zu den verschieden Berufen erreicht werden soll.

Die extremsten Bewegungsdamen haben die Behauptung aufgestelt: Das Weib kann Alles, was der Mann kann, es ist nur durch jahrhundertelange Unterdrükung und Gewohnheit um die Möglichkeit zu fisischen und geistigen Kraftleistungen gebracht worden.

 

Die Forderung nach vollständiger Emanzipation ist unrealistisch, weil Mann und Frau verschieden sind

Der Mann ist physisch überlegen

Die Männer sollen „rangehen“, die Frauen sich erobern lassen

 

Die geschlechtliche Attake ist die Urleistung des Mannes, die nur er auszuüben vermag und von der aus sich sein ganzes Wesen und seine ganze Stellung in der Welt gebildet und entwikelt hat. — Das Weib erwartet, verlangt sie, gibt sich ihr hin. Das ist seine Funkzjon. Und warum soll in dieser äußerlich paßiven Rolle etwas Erniedrigendes liegen? Für diejenigen Frauen, die der Psichjater als natura frigida bezeichnet, mag es ja sein. Gut, so sollen sie es eben bleiben laßen. Aber für jedes, wahrhaft erotisch empfindende Weib liegt gerade ein unendlich feiner Reiz darin, den stärkeren Gegner im Liebeskampf anzureizen, zu versuchen und sich ihm dann in selbstvergeßnem Rausch zu schenken. Und sie wird im entscheidenden Augenblik durchaus nicht das Gefühl einer Niederlage haben — im Gegenteil, die Bejahung des Lebens ist immer ein Siegesgefühl.

 

Der Mann kann Studium, Beruf und Fortpflanzung miteinander verbinden, die Frau nicht

 

Sobald sie zum Beispiel Mutter wird, ist es aus mit dem Studjum oder wenigstens legt die Mutterschaft ihr starke Beschränkungen auf. Die Frau, die mit dem Manne erfolgreich konkuriren will, kann also wiederum nicht als auf gleicher Stufe mit ihm stehend betrachtet werden.

Wir lernen in der Praxis immer nur überarbeitete, nervöse Berufsfrauen kennen, die der Welt und ihrer Lust abhold sind, weil sie eben beides nicht miteinander vereinigen können.

Dabei wird die Zulaßung zum mänlichen Studjum und den Berufen mit einer Vehemenz verfochten, als ob der Menschheit bedeutend auf die Beine geholfen würde, wenn es weibliche Aerzte, Anwälte, Richter etc. gäbe.

Und weibliche Richter und Anwälte — ich glaube, der Gedanke, vor einem Forum von sittenstrengen Geschlechtsgenoßinnen abgeurteilt zu werden, möchte zahllose Sünderinnen zum Selbstmord oder zum Meineid treiben.

Das Argument, daß einer der genanten Berufe die Frau befähigen soll, sich eine günstigere, pekunjäre Lage zu schaffen, steht ebenfalls auf thönernen Füßen. Die blaße Möglichkeit nach absolvirtem Studjum einen solchen Beruf überhaupt zu erlangen, ist wenigstens in Deutschland eine seltne Ausnahme. Es würden also viele Frauen studiren und nur wenige ihren Beruf ausüben können, somit eine Summe von Geld, Zeit und Kraft verloren gehn, die anderweitig beßer angewendet werden könten. Daß eine Frau überhaupt aus Not zum Studjum greift, komt schwerlich vor, sie studirt eben lediglich aus Begeisterung oder um die Welt von ihren Fähigkeiten zu überzeugen.

 

Frauen sind keine Philosophen, Denker und Erfinder

 

Weibliche Denker, Filosofen, Erfinder, kurz das «Weibschenie» auf geistigem Gebiet ist uns noch nicht vorgeführt worden. Wenn man dies nur auszusprechen wagt, so wird unfehlbar Sonja Kowalewska[ zitirt. Gewiß, sie hat mehr gekont und mehr geleistet wie mancher begabte Mann, aber ihre Lebensgeschichte ist der beste Beweis für das vorhin Gesagte — wie sie selbst förmlich unter ihrer Begabung und Wißenschaft gelitten und sich nach ganz andrem Lebensinhalt gesehnt hat. Und überdies ist die Kowalewska eine Erscheinung, wie sie in Jahrhunderten vielleicht ein einziges Mal vorkomt, während es fast zu allen Zeiten genjal begabte Männer gegeben hat. Und daß von diesen Einer an dem Zwiespalt zwischen seiner eigentlichen Lebensanlage und seiner Wißenschaft zu Grunde gegangen wäre, ist mir nicht bekant.

 

Als Künstlerin kann die Frau schon besser konkurrieren

 

In Kunst und Literatur ist es mit den weiblichen Leistungen vielleicht etwas beßer bestelt. Künstlerisches Gefühl, Geschmak etc. ist immerhin etwas, was sich bei der Frau noch eher findet wie überwiegendes Denken. Und doch, — was ist denn bis jezt auf künstlerischem Gebiet von Frauen geleistet worden? Hier und da ein gutes Porträt, eine fein empfundne Landschaft oder ein wirklich lebenswahrer Roman — aber wo ist etwas Hervorragendes, wovor man unwillkürlich stehen bleibt, was einen wirklich pakt und bis ins Innerste hinein durchschauert? Wie zum Beispiel bei Klinger, Rops, Dostojewsky, Garborg, Hamsun? —

Eine Frau, die in der Kunst etwas leisten will, sich berufen fühlt, darin etwas zu leisten, hängt mehr wie bei allen andren Berufsarten davon ab, wie sie zum Leben steht. Wer das Leben nicht kent, wer nicht Schuld und Schmerzen, wer nicht Verzweiflung und schwindelndes Glük an sich selbst erfahren hat, wird nie und nimmer etwas schreiben oder bilden können, was in der Seele anderer die tiefen Schauer des Lebens auslöst. Wo das nicht der Fall ist, kann auch nicht von Kunst gesprochen werden.

Es gibt aber doch Frauen genug, die das Leben kennen gelernt haben in all seinen Höhen und Tiefen, wird man mir einwenden. Ja, die gibt es, aber meist bleiben sie als gebrochne Existenzen am Wege liegen, wenn sie nicht wenigstens die Mittel besizen, um ganz unabhängig zu leben, jeder Kritik und jedem Lästermaul die Stirne zu bieten, mit einem Wort: um auf die Gesellschaft zu pfeifen. Denn alle tiefgehenden Erlebniße nehmen die Frau, eben infolge ihrer fisischen Beschaffenheit mehr mit wie den Mann. Und dann: jede Frau die sich ausleben will, muß den Kampf gegen eine erdrükende Uebermacht, gegen die Gesellschaft aufnehmen. Eine Frau, die eine Vergangenheit und womöglich noch eine Gegenwart hat, ist vor der Gesellschaft gleich dem Manne, der im Zuchthaus geseßen ist.

 

Nur auf der Bühne kann die Frau Gleiches leisten wie der Mann

 

Das einzige künstlerische Gebiet, wo die Frau wirklich Gleichwertiges mit dem Mann leistet, ist jedenfalls die Bühne — der eklatanteste Beweis, daß sie nur da etwas zu sein und zu leisten vermag, wo sie ihrem Geschlecht und ihrer aus demselben hervorgehenden Veranlagung keinen Zwang aufzuerlegen braucht. Und das ist von allen Künsten nur bei der dramatischen der Fall; das Materjal, mit dem sie hier zu arbeiten hat, ist sie selbst, ihr eigner Körper, ihre Stimme, ihre Bewegungen, und der Mann ist hier nicht der Konkurent, mit dem sie ihre Kräfte meßen soll, sondern wie im Leben der Partner, der Mitspielende. Und ferner, was von großer Bedeutung ist, die Schauspielerei ist keine eigentlich produktive Kunst, es handelt sich nur um die Auffaßung, das Sich-hineinleben, Nachempfinden. Wir haben große Schauspielerinnen und große Tänzerinnen, aber keinen bedeutenden weiblichen Komponisten oder Dramatiker.

Alles das zeigt uns so deutlich, daß die Natur sich nicht dreinreden läßt. Und wo man ihr dennoch dreinredet, da rächt sie sich. Was komt denn dabei heraus, wenn man es wirklich durch Gewohnheit und Training dahinbringt, daß es im nächsten Jahrhundert Frauen gibt, die ebenso schwere Lasten heben oder (pardon, messieurs!) ebensoviel Ballast im Gehirn herumschleppen wie mancher hochgelahrte Mann? Daß die Frau selbst nichts von ihrem Leben hat, daß die Gaben des Genußes, die die Natur in sie gelegt hat, ungenoßen verkümmern, daß sie für den Mann allen Reiz verliert und die Welt immer langweiliger und geschlechtsloser wird?

 

Der Mann ist von Natur aus der Herrschende

Die Frau soll Luxusobjekt sein und angenehme Lebensbedingungen haben

Die Frau soll keiner Berufstätigkeit nachgehen

 

Der Mann hat die Stellung die ihm von Naturwegen zukomt, er ist überall der Herschende, Angreifende, in allen Lebenslagen, in allen Berufen. Er kann leichter zu seinem Recht als Mann und als Mensch kommen wie die Frau zu ihrem Recht. Sie ist nicht zur Arbeit, nicht für die schweren Dinge der Welt geschaffen, sondern zur Leichtigkeit, zur Freude, zur Schönheit — ein Luxusobjekt in des Wortes schönster Bedeutung, ein beseeltes, lebendes, selbstempfindendes Luxusobjekt, das Schuz, Pflege und günstige Lebensbedingungen braucht, um ganz das sein zu können, was es eben sein kann. Für den harten Kampf mit dem Dasein sind wir nicht gemacht, das weiß auch jede Frau, die durch die Verhältniße zu solchem Kampf gezwungen ist. Sie leidet darunter, weil sie fühlt, daß es gegen ihre Natur ist. Wenn wir die kurze Zeit des Lebens damit ausfüllen, Männer zu lieben, Kinder zu bauen und an allen leichten erfreulichen Dingen der Welt teilzunehmen, so haben wir genug getan, und dafür, daß wir unsre Kraft und unsren Körper den Männern und Kindern geben, verdienen wir, daß man uns das Leben äußerlich so leicht gestaltet wie nur möglich. Wir sind dazu da, es gut zu haben und uns nicht plagen zu müssen. Aber statt deßen sind Tausende und Abertausende von Frauen gezwungen, sich um das tägliche Brod zu schinden und abzurakern, sich Körper und Geist durch übermäßige Anstrengungen zu zerstören und auf ihren Reiz und ihre Funkzjon als Weib ganz oder teilweise zu verzichten. Darin liegt das Verkehrte, das Unmenschliche, die Grausamkeit gegen das Weib. Darüber solte man sich entrüsten und wehklagen, wenn doch einmal gewehklagt werden muß.

 

Das Hetärentum ist für die Frau das Ideal

Die Frau braucht die volle geschlechtliche Freiheit

Die Ehe ist eine mangelhafte Einrichtung

 

Vielleicht entsteht noch einmal eine Frauenbewegung in diesem Sinn, die das Weib als Geschlechtswesen befreit, es fordern lehrt, was es zu fordern berechtigt ist, volle geschlechtliche Freiheit, das ist, freie Verfügung über seinen Körper, die uns das Hetärentum wiederbringt. Bitte, keinen Entrüstungsschrei. Die Hetären des Altertums waren freie, hochgebildete und geachtete Frauen, denen niemand es übelnahm, wenn sie ihre Liebe und ihren Körper verschenkten an wen sie wolten und so oft sie wolten und die gleichzeitig am geistigen Leben der Männer mit teilnahmen. Das Christentum hat statt deßen die Einehe und — die Prostituzjon geschaffen. Leztere ist ein Beweis dafür, daß die Ehe eine mangelhafte Einrichtung ist. In einem Teil der Frauen sucht man von Jugend auf durch die christlich-moralische Erziehung das Geschlechtsempfinden abzutöten oder man verweist sie auf die Ehe mit der Behauptung, daß die Frau überhaupt monogam veranlagt sei. Gleichzeitig richtet man die Prostituzjon ein, zwingt also den andern Teil der Frauen poligam zu sein, damit den Männern geholfen werde, für die wiederum die Ehe unausreichend ist. Der Geschlechtstrieb und seine Befriedigung überhaupt wird als ein notwendiges Uebel hingestelt, dem so oder so abgeholfen oder gesteuert werden müße. In der Ehe wird er zur Pflicht gestempelt, außerhalb derselben verpönt oder seine Befriedigung in möglichst unästetische Formen, wie unsre heutige staatlich konzeßjonirte Prostituzjon gebracht. So geht mir doch mit der Behauptung, die Frau sei monogam! — Weil Ihr sie dazu zwingt, ja! Weil Ihr sie Pflicht und Entsagung lehrt, wo Ihr sie Freude und Verlangen lehren soltet. Weil Ihr kein Schönheitsgefühl im Leibe habt. Was ist denn ästetischer und im wahren Sinne moralischer: wenn Ihr Eure blühenden Mädchen zu abgestorbenen Gespenstern macht und Eure Söhne ins Bordell schikt, oder wenn Ihr sie sich mit einander in Schönheit ihres Lebens freuen laßt?

Warum solte das moderne Heidentum uns nicht auch ein modernes Hetärentum bringen? Ich meine, den Frauen den Mut zur freien Liebe vor aller Welt wiedergeben? In Frankreich ist man uns in dieser Beziehung, in der erotischen Kultur jedenfalls weit voraus. Wir Deutschen müßen uns erst das schwere Blut, das kalte nordische Schuldbewußtsein und Verantwortungsgefühl abgewöhnen.

 

Die Emanzipation will die Frauen vermännlichen

Vermännlichte Frauen (Viragines) sind wie alle Hermaphroditen zum Aussterben verurteilt

 

Und um wieder auf die Frauenbewegung zurükzukommen: sie ist die ausgesprochne Feindin aller erotischen Kultur, weil sie die Weiber vermänlichen will. Sie will unsern blutarmen, höheren Töchtern durch Gimnasjum und Studjum das bischen Geschlecht noch völlig abgewöhnen, womöglich durch ihre idealen Forderungen a la Björnson's «Handschuh» auch die Männer zur Askese erziehen.

Es kann einem angst und bange werden, wenn man diese «Extremsten» in geteiltem Loden-Rok und gestärkter weißer Weste auf den Kateder steigen und mit einer Stimme wie eine Baß-Klarinette über «Das Woib» reden hört. Sie meinen ja gar nicht das Weib, sie wollen ja gar nicht das Weib. Gott weiß, was sie überhaupt wollen. Es ist uns aus guter Quelle bekant, daß hier in München im vorigen Jahre eine Versammlung von Viragines stattfand, wo unter anderm auch die Frage aufgeworfen wurde, ob die Männer überhaupt noch zum Geschlechtsgenuß zugelaßen werden solten. Mit knapper Stimmenmehrheit, mit einer einzigen Stimme Majorität, wurde die Frage «für diesmal noch» bejaht, wenn auch unter manchen Einschränkungen. — Mein Gott, es fält uns ja nicht ein, die lesbische Liebe principjell zu «verdammen.» Der Verdammungsstandpunkt ist für uns moderne Heiden überhaupt ein überwundner. Unter der anmutigen Form, wie sie uns Pierre Louys in seiner «Aphrodite» schildert, sind wir gern bereit, sie als berechtigt anzuerkennen, als Bereicherung der Welt um ein grazjöses Laster. Aber an den Viragines unsrer Tage mit Herrenwesten und Lodenröken irgend ein ästetisches Wolgefallen zu finden — das ist zu viel verlangt.

Darwin erzählt uns, daß die englischen Schafzüchter sexuelle Zwischenformen aus ihrer Herde ausmerzen, weil sie weder schöne Wolle noch gute Hammelrüken liefern. Die Natur hat unter den Menschen bereits dasselbe getan. Die neusten Lehrbücher der patologischen Anatomie konstatiren, daß die Hermafroditen am Aussterben sind. Die Viragines, die bei uns die Männer abschaffen wollen, sind also wol zum g[r]ößeren Teil nur hermafroditische Geister, mit denen der gesund-erotische Geist des neuen Heidentums, dessen Sieg wir vom nächsten Jahrhundert erhoffen, bald aufräumen wird.“

 

Oskar Panizza

 

Der Herausgeber der Züricher Diskussionen und Freund der Reventlow, Oskar Panizza ist gelernter Irrenarzt, der es aber nach zweijähriger Tätigkeit als Assistenzarzt an der „Oberbayerischen Landesirrenanstalt“ ab 1884 vorzog, sich Literatur- und Sprachstudien zu widmen und nach London zu reisen. Er kann sich das dank einer großen Erbschaft leisten. Er engagiert sich für die Münchner literarische Zeitschrift „Gesellschaft - Realistische Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben“, die aber am 27. März 1891 eingeht. Da er mehrmals wegen Gotteslästerung angeklagt wurde, setzt er sich nach Zürich ab, von wo aus er die Artikel der Reventlow veröffentlicht. Als die Kaiserin Sissy 1898 in Genf ermordet wird, muß er aus der Schweiz nach Paris flüchten. Die deutsche Justiz beschlagnahmt sein Vermögen, er kehrt zurück, stellt sich und kommt ins Gefängnis. Als er wieder frei ist, ist er depressiv und leidet an Verfolgungswahn. 1905 kommt er in die Nervenheilanstalt – etwas, das unter Wahnmochingern fast nie vorkam. Aber Panizza war auch kein Wahnmochinger, sondern Anhänger des modernen Realismus. Deshalb bekam er auch Ärger mit den Behörden. Als Wahnmochinger Spinner hätte er viel unbehelligter und emotional ausgeglichener leben können, und dabei noch sein Ego kultivieren können.

 

Die Reventlow will Schauspielerin werden

 

1898 zieht sie in die Hohenzollernstraße 1/Rückgebäude. Franziska Reventlow will Schauspielerin werden und nimmt Unterricht in einer Münchner Theaterschule. Sie finanziert die teuren Theaterstunden,  indem sie für den Albert Langen Verlag arbeiet und für den Simplizissimus Beiträge verfasst und einige Skizzen macht.

Sie erhält ein Angebot von einer östereichischen Schmierenbühne, das sie aber nicht annimmt. Das Gärtnerplatztheater engagiert sie, annulliert aber nach wenigen Tagen das Engagement.

Sie kann mal wieder nicht die Miete bezahlen und muß die Wohnung wechseln.

Am 27.11. 1899 darf sie unter der Regie von Otto Falckenberg in Knut Hamsuns „An des Reiches Pforten“ die weibliche Hauptrolle der Elina spielen – aber nicht als berufsmäßige Schauspielerin, sondern als Mitglied des Amateurensembles des Münchner Akademisch-Dramatischen Vereins.

 

Die Reventlow verdient ihr Geld als Übersetzerin

 

Sie liest polnische Korrektur für den Verleger Marchlewski, schreibt Manuskripte für Bekannte ab, so auch für den Schriftsteller Emil Ludwig. Sie malt für die Zeitschrift „Jugend“ ein Titelblatt, das aber nicht angenommen wird. Sie macht Fayence-Malereien, Ölbilder und 30 Mops-Bilder  für Kathi Kobus, die Wirtin des Künstlerlokals „Simplizissimus“.

Im Jahr 1898 übersetzt sie acht Bücher mit insgesamt fast 2000 Seiten, 1899 fünf Bücher, 1900 sechs Bücher usw. In ihren zehn Schwabinger Jahren hat sie insgesamt 8000 Druckseiten ins Deutsche übertragen.

Für Albert Langen überträgt sie den größten Teil des Werkes von Marcel Prévost, zahlreiche Novellen und Romane von Anatol France und Guy de Maupassant sowie die Werke anderer Schriftsteller. Sie hat einen guten Stil und sprachliches Einfühlungsvermögen, sodaß ihre Übersetzungen zum Teil heute noch nachgedruckt werden. Aber wenn ihr der Text zu lang ist, nimmt sie auch schon mal eigenwillige Kürzungen vor.

 

Reventlow trifft Klages

 

Im August 1899 begegnet sie dem damals 27-jährigen Ludwig Klages.

 

Klages wird ihr Mentor und Geliebter. Am 19. Sept. 1899 schreibt sie in ihr Tagebuch: „Ein wundervoller Abend mit Klages...Das erste Mal, daß ich mit einem Menschen so reden konnte. Ich sehnte mich immer nach einem Menschen, der fliegen könnte, und ich glaube, er kann es.“ Klages führt sie  in die Gedankewelt der „Kosmiker“ ein. . In den Jahren von 1901 und 1902 erhält sie finanzielle Unterstützung von ihrem Geliebten Ludwig Klages. Er verschafft ihr eine Mäzenatin. Es ist Paula Richter, die Frau eines jüdisches Fabrikanten aus Lodz.  Die Reventlow nutzt das Geld unter anderem für Kuraufenthalte am Genfer See (Mai 1902) und in Bad Steben (Juni/Juli 1902).

 

 

Albrecht Hentschel nimmt die Reventlow mit nach Griechenland

 

Vom 31. Mai bis zum 23. November 1900 ermöglicht ihr der auf Paläontolgie spezialisiserte Geolge Albrecht Henschel („Adam“), der zum Kreis um Ludwig Klages gehört, eine kostenlose Reise zur Insel Samos – natürlich in seiner Begleitung. Auf Samos will Hentschel Gesteinsschichten untersuchen. Ihren knapp dreijährigen Sohn nimmt sie mit.

 

Die Reventlow beginnt mit ihrem Roman Ellen Oljestjerne

 

Da die Reventlow für die Reise ein Taschengeld braucht, spricht sie bei Korfiz Holm, der sie aus seiner Zeit als Lübecker Gymnasiast kennt und  der jetzt Leiter des Albert Langen Verlages ist, wegen einem Vorschuß auf ihren Roman „Ellen Olestjerne“ vor. Als sie von der Reise zurück ist, kann sie dem Verlag allerdings kein Manuskript vorlegen. Sie erzählt, in Brindisi habe ein italienischer Zollbeamter ihren Manuskriptkoffer durchstöbert und hätte dabei unglücklicherweise den geladenen Revolver der Gräfin berührt. Ein Schuß habe sich gelöst und den Beamten getroffen. Daraufhin sei der Koffer mit dem Manuskript beschlagnahmt worden. Korfiz Holm ist schwer beleidigt. Er sagt: „Ich kenne bei Gott ja vielerlei Ausreden von Schriftstellern, die unter südlichen Stränden nicht zum Schreiben gekommen sind. Aber hätten Sie sich nicht etwas ausdenken können, das um eine Kleinigkeit wahrscheinlicher ist ? “

Das mit dem beschlagnahmten Koffer und dem Revolverschuß stimmte aber tatsächlich. Nur das Roman- Manuskript steckte noch in den Anfängen. Der Roman wurde erst 1902 fertig. Die Reventlow ging in den Schackstraße und legte Holm das fertige Manuskript vor. Der gab es ihr zurück, ohne ein Wort davon gelesen zu haben. Erbestand darauf, daß sie es überarbeiten solle. Jetzt war die Reventlow schwer beleidigt. Sie nahm das Manuskript mit und suchte isch einen anderen Verleger. Holm verzichtete großzügig auf die rückerstattung des Vorschusses.

Will man Manfred Dierks und seiner Erzählung „Der Wahn und die Träume – eine fast wahre Erzählung aus dem Leben Thomas Manns“ glauben, dann traf sich die Reventlow mit Lenin im Café  Stefanie und bot ihr an, einen sozialistischen Verleger zu finden. Aber das gehört wohl in das Reich der dichterischen Phantasie.

 

Die Reventlow und die Kosmiker

 

Klages führte sie in die „Kosmische Runde“ mit Alfred Schuler und Karl Wolfskehl ein. George begegnet sie am 20. Feb. 1901. Sie schrieb: „Fast unheimlich, dieser seltsam gebildete (im Sinne von: geformte) Kopf mit den erloschenen Augen. Kommt einem nicht recht wie ein wirklicher Mensch vor, trotzdem er lachen kann“.

Sie empfindet den Umgang mit dem Kosmikern als eine Bereicherung. Sie schreibt: „Und all die herrlichen Menschen jetzt. Das hat mir doch in den letzten Jahren gefehlt. Da waren lauter Krüppel, Lahme und Blinde, mit denen ich verkehrte.“

Allerdings will sich die Reventlow nicht immer nur in den geistigen Höhen der Kosmiker aufhalten. Sie will sich auch amüsieren und ihren Spaß haben und sich von der Esoterik und den „Enormen“ erholen. Deshalb gibt sie sich gerne mit normalen Bohèmiens, z. B. dem Philosophen Dr. Paul Stern, den Schriftstellern Franz Hessel und Oskar A-H. Schmitz, dem Studenten Roderisch Huch und dem polnischen Maler Graf Bogdan von Suchocki ab.

 

Die Kosmiker deklarierten die Reventlow  zu ihrer „heidnischen Madonna“, weil sie ein uneheliches Kind hatte und es ablehnte, den Vater des Kindes zu benennen oder gar mit ihm in einer bürgerlichen Familie zusammenzuleben. Zur Hetäre, dem Frauen-Ideal der Kosmiker, brachte es die Reventlow in der Praxis aber nie, denn die Kosmiker und die Schwabinger Bohemièns konnten sich keine Hetäre leisten. Zur Realität des Hetärenlebens hätte nämlich gehört, daß die Männer ihre Hetäre in angemessener Weise mit Wohnung, Kleidung und Unterhalt versorgt hätten. Aber der einzige, der von den Kosmikern Vermögen besaß, war Wolfskehl, und der war verheiratet.

 

Klages hatte mit der Reventlow eine Liebesaffäre; er entwickelte aber eine durchaus bürgerliche Eifersucht, (obwohl er selbst eine Beziehung zu „Putty“, der Tochter seiner Vermieterin hatte, und nicht daran dachte, diese Beziehung zu seinem Betthäschen aufzugeben). Wie ein eifersüchtiger Ehemann überwachte er sie immer mehr. Die Reventlow nannte ihn in ihrem Tagebuch den „Oberaufseher“. Erschwerend für die Beziehung zwischen Klages und Reventlow kam hinzu, daß die Reventlow zumindest zu dieser Zeit eine maßlose Raucherin war.

 

1902 endete die Liebesbeziehung zu zwischen Klages und der Reventlow. Zu einer letzten Aussprache in seiner Wohnung brachte sie in ihrem Muff ihren geladenen Revolver mit. Sie spielte mit dem Gedanken, Klages oder sich selbst umzubringen. Klages war es schon ein Jahr vorher klar geworden, daß er „dies Weib“ nie ganz für sich gewinnen konnte. Er dachte an Selbstmord, entschied sich dann aber dafür, sich mit „Unmengen von Cognac“ zu berauschen. Aber vielleicht wollte er die Reventlow auf gar nicht. Dafür spricht die Vermutung, daß er homoerotische Gefühle für den Sonnenknaben empfand und daß er sich vor Sex mit der Reventlow fürchtete, da er annehmen musste, daß sie durch ihren vielfach wechselnden Geschlechtsverkehr eine Geschlechtskrankheit haben könnte. Außerdem konnte er als als Liebhaber kaum mit „Monsieur“ aufnehmen.

 

Was faszinierte die Reventlow an Klages ? Daß er ihr eine neue geistige Welt erschloß, die Welt der Spekulation, der Philosophie und der Religion. Ganz handfest erhoffte sie von ihm Hilfe beim Schreiben ihres Romaes „Ellen Olestjerne“. In diesem Roman arbeitete sie die Traumata ihrer Jugend auf und suchte eine Antwort auf die Frage „Wer bin ich, was soll aus mir werden ?“ Sie erzählte ihm ihre ganze Lebensgeschichte.

 

Was fazinierte Klages an der Reventlow ? In vieler Hinsicht war die Reventlow eine Verkörperung des Weiblichen schlechthin. In der Reventlow konnte Klages wie ein Genetiker an den Riesenchromosomen der Taufliege studieren, was eine Frau ist. Bei ihr war alles ins Überdimensionale gesteigert: die Sinnlichkeit, die Leidenschaft, der Ehrgeiz, der Wunsch nach Genuß, Anerkennung, Selbstdarstellung und Selbstverwirklichung und sie trug ihm gegnüber ihr Herz auf der Zunge. Sicher war sie eine auf ihre Weise schöne Frau – schön vor allem durch ihre Lebendigkeit und ihren ungezügelten Durst auf das Leben.

 

Als die Beziehung zu Klages zu Ende ist,  findet sie in einem herrenlosen Atelier in der Dietlindenstraße 1 eine Bleibe. Inzwischen hat der verheiratete Karl Wolfkehl, in ihrem Tagebuch „Carlo“ genannt, ihr im Winter 1902 seine Zuneigung erklärt, was bedeutete: er unterstützt sie finanziell. Ein weiterer Liebhaber und Mäzen ist Schriftstelle Franz Hessel. Wolfskehl und Hessel stammen aus wohlhabenden jüdischen Familien. Im Mai 1903 reist sie mit Wolfskehl nach Revello.

 

Die Reventlow wohnt mit dem Mann ohne eigene Hosen im Eckhaus

 

Im November 1903 zieht sie mit Franz Hessel und dem polnischen Maler Bogdan von Suchoki in das „Eckhaus“ in der Kaulbachstraße 63. Im Winter 1902 hatte Suchocki auf ihrem Sofa übernachtet und am 5. März 1903 schrieb er seinen ersten Brief an sie: „Mein liebes Gemäusse ! Darf ich mein nennen ? Nur ein kleines Stückchen, aber das Mein muss ohne Klagesschen verderblichen Theorien sein...“

Hessel ist für wegen seiner Zuzahlungen zu Miete und Lebensunterhalt notwendig und als ruhiger und kameradschaftlicher Vereherer geduldet, Suchocki aktiviert ihre Glückshormone. Die Reventlow ist glücklich. Bis 1906 wird sie im Eckhaus bleiben.

 

Ihr Sohn Rolf Reventlow (1897 bis 1981) erinnert sich: „In Schwabing wohnten wir in einem alten Häuschen in der Kaulbachstraße in einer Art Wohnkollektiv...Das Häuschen war viel kleiner und viel älter – als die umliegenden Zinshäuser, hatte einen total verwahrlosten Garten, einen leeren Schuppen, viele ungenützte Zimmer, ein Atelier, das Mutter mit Beschlag belegt hatte, und eine seltsam angelegte Wohnküche mit Veranda, die eine Art Gemeinschaftsraum darstellte und in der Such für alle zu kochen pflegte.“ Man hat eine ménage à trois. Der junge Hessel hofft in Franziska eine Ersatzmutter zu finden, die diese aber natürlich nicht spielen will.

 

Das Eckhaus ist der zentrale Ort des Romans „Herrn Dames Aufzeichnungen“.

 

Die Malerin Marianne Werefkin schreibt in „Briefe an einen Unbekannten“ über das Eckhaus:

„Gestern Besuch bei der Gräfin R. In einer alten und einsamen Straße der Stadt mit großen Gärten und alten Häusern, ein Haus noch viel älter als die anderen, so alt, daß es zum Abbruch reif scheint. Ich läute. Der Freund, ein polnischer Maler, dessen Mutter eine Prinzessin war, der die Hosen eines anderen trägt, weil er keine eigenen mehr hat, öffnet mir und begrüßt mich mit einem Handkuß. Durch den dunklen Hof, der auf den Garten stößt, kommen wir zum Eingang. Die früher hier gewohnt haben, sind reich gewesen. Alle Zimmer sind bis zu halben Höhe getäfelt. Überall Gaslüster. Jetzt alles verwahrlost, modriger Geruch und eine geheimnisvolle Stimmung. Eine kleine Treppe führt nach oben. Ein leeres Zimmer nach dem anderen. Das hohe Alter der Wände wetteifert mit dem Alter der wenigen Gegenstände, die sie bergen. Auf einem kleinen Eisenbett liegt die so reizende Frau mit den Augen eines jungen Mädchens und mit ihrem armen, vom Leben gezeichneten Gesicht. Entzückend in ihrem Bett, so zierlich, ganz Kind. Und in der jammervollen Umgebung Blumensträuße wie aus einer anderen Welt, der Welt der Illusionen, die Bescheid weiß über dieses aus der Bahn geworfene Leben. Und der Pole, der keine eigenen Hosen hat, aber die Manieren eines Prinzen, bereitet ihr die Suppe und bringt sie an ihr Bett. Diese beiden Kinder, so einfältig und wahr wie Lot und doch so reich an Hirngespinsten, unglücklich ohne es zu spüren, deklassiert, ohne darunter zu leiden, scheinen mir aus dem Traum zu kommen. Und mein Herz öffnet sich ihnen und liebt sie.“

 

Der große Schwabinger Krach und die Reventlow

 

Im großen Schwabinger Krach spielte die Reventlow insofern eine Rolle, als Klages sich darüber ärgerte, daß sie sich mit Wolfskehl eingelassen hatte und Franz Hessel ihr Freund, Verehrer und Unterstützer war. Die Reventlow bedauerte den Schwabinger Krach sehr.

 

Die Reventlow, Franz Hessel und Oskar A.H. Schmitz bringen den „Schwabinger Beobachter“ heraus

 

In einem Brief an Suchocki schreibt sie: „Schau, es ist mir keine kleine Sache, daß der Schwabinger Moloch mir auch meinen Adam (der Paläontologe Albert Henschel, ein Freund und Bewunderer von Ludwig Klages) verschlungen hat. Und das hat er vollkommen. Suchi, das ist wie eine schwere Operation, von der man sich so rasch nicht wieder erholen kann.“

 

Am 1. Nov. 1903 schreibt sie in ihr Tagebuch über den bereits im Gang befindlichen Schwabinger Krach: „Es ist vielleicht das Schwerste und Unfasslichste, was ich mit den Menschen erlebt habe. Mein Adam, mein guter Freund, der mich so lieb hat...Kann nicht schlafen, muß immer daran denken und lese nachts alte Briefe von ihm und Klages. Mein Gott, was ist Klages eigentlich? Am Ende doch nur ein Mensch mit Größenwahnsinn und Ichsucht und einem wundervollen Verstand, der uns alle hingerissen hat. Aber wohin reißt er die Menschen ? Und vor allem meinen Adam ?...Und ein Gefühl, als ob ich allein Carlo (Karl Wolfskehl) schützen und halten könnte, das große Kind, dem so übel mitgespielt wird, die anderen, die ihn ausspionieren und verraten...Schlafe neben meinem Revolver und denke, sie sollen nur kommen.“

 

Von März bis Mai 1904 entstanden in der Küche des Eckhauses drei Ausgaben des „Schwabinger Beobachters“ mit Hilfe eines Abzugapparates als Flugblätter, die an bestimmte Adressen in Schwabing in einern Auflage von etwa 100 Stück verteilt wurden.

Darin wurden Klages, Schuler und George – besonders deren antisemitischen Theorien und das affektiertes Verhalten der „Enormen“ persifliert.

 

Im Sommer 1904 erfährt sie, daß sie wieder schwanger ist. Sie freut sich auf das Kind von Suchocki, aber hat Angst vor den Problemen, die mit dem zweiten Kind auf sie zukommen. Woher den Platz und das Geld für das zweite Kind nehmen? Sie reagiert darauf in typischer Weise: Sie macht mit ihrem Sohn Rolf, ihrem Liebhaber Bogdan und mit ihrem Mäzen Franz eine längere Reise mit dem Fahrrad nach Italien. Am 1. Oktober 1904, sie sind in Forte di Marmi bei Parma, erleidet sie eine Fehlgeburt von Zwillingen. Womit sie dann am Ziel (oder Zweck ?) der Reise angelangt wäre. Sie muß längere Zeit im Bett bleiben und erholt sich nur langsam. Am 1. Nov. 1904 treten die Reventlow und ihr Sohn Rolf und Bogdan von Suchocki die Rückreise an – mit dem Fahrrad. Mit Franz Hessel hat sie sich zerstritten. Am 23. Nov. kommen sie am Münchner Hauptbahnhof an.

Aber auch im Jahr 1905 bleibt die seltsame Familie mit einem Kind und zwei Männern in der Kaulbachstraße zusammen. Zwar sagt ihr Franz Hessel im November 1905, daß er aus der Kaulbachstraße ausziehen will, aber da sie die Nachricht vom Tod ihrer Mutter erhält, fährt sie zu ihrem Bruder Ludwig nach Berlin. Von der Mutter erbt sie 8000 Mark.

Vor Weihnachten ist sie wieder in München und bald darauf stürzt sie sich in den Münchner Fasching von 1906. Suchocki macht ihr Eifersuchtszenen. Am 13. März sagt ihr Suchocki, daß „niemals, niemals ein Mensch bei ihr belieben wird“.

Franz Hessel zieht am 21. März 1906 aus und geht nach Berlin. Später finden wir ihn in Paris, wo er dem Erich Mühsam, der ebenfalls dort ist, finanziell unter die Arme greift.

Die Reventlow zieht im Juni 1906 aus, wenige Tage später Suchocki. Sie bleiben sich aber weiterhin durch einen Briefwechsel verbunden.

1906 wird die Reventlow lungenkrank.

Im Oktober 1906 sie wird erneut gepfändet. Im November 1906 reist sie über Ragusa (Dubrovnik) nach Korfu, wo sie bis Ende Februar 1907 bleibt.

 

Suchocki schließt eine Scheinehe, die er aber schon bald bereut

 

Suchocki schließt unterdessen eine Scheinehe mit der schwangeren Malerin Helene von Basch, die ihm dafür 1080 Mark gibt. Die Bedingung: Er muß sich verpflichten, ihr Kind zu adoptieren. Sie hofft, daß aus der Scheinehe eine richtige Ehe wird. Er gibt der Reventlow 200 Mark von den 1080, bettelt sie aber schon am 7. März 1907 wieder um 200 Mark an. Als Suchocki seine Beziehung zur Reventlow aufrecht erhält, fordert Helene von Basch Alimente von ihm.  Noch im Jahr 1907 wandert er nach Chicago aus, bleibt aber weiterhin in Briefkontakt mit der Reventlow. Er fragt durch die Vermittlung der Reventlow bei einen Rechtsanwalt nach, ob er sich seinen Alimentenpflicht entziehen könne, wenn er behauptet, er habe seine Frau Helene von Basch nicht böswillig verlassen, sondern sei zum Erwerb des Lebensunterhaltes seiner Familie nach Amerika ausgewandert, und sie habe die Pflicht, ihm dorthin zu folgen.

 

Sein letzter sicher datierter Brief an die Reventlow stammt vom 14. November 1909. Im Jahr 1910 geht er mit der Malerin Ottilie Reyländer nach Mexiko (wo er mindestens bis 1927 mit ihr zusammen lebte). Offensichtlich muß er in Chicago fürchten, zu Alimentezahlungen herangezogen zu werden, wenn den Behörden seine Adresse bekannt wird.

 

Die Reventlow will ihre Hinterglasgemälde im Klein-Hesseloher See im Englischen Garten versenken

 

Suchocki hatte ihr vor seiner Abreise nach Amerika Teile seiner Malausrüstung hinterlassen. Durch ihn angeregt, hatte sie sich mit der Hinterglasmalerei beschäftigt.  Jetzt hoffte sie, sich damit ein Einkommen zu verschaffen. Erich Mühsam schreibt:

„Ich denke mit Wehmut daran, wie sie wochenlang im Zimmer hockte, Hunderte von Gläsern um sich herum, und die Landschaften von Oberammergau, das Theater, die rührendsten Szenen der Christusgeschichte und sonst welche frommen Dinge darauf malte. Sie war auf die Idee gekommen, ihrem Dalles (Miesere) durch den durch den Verschleiß (Verkauf) von Andenken in Oberammergau bei den gerade fälligen Passionsspielen abzuhelfen. Tatsächlich reiste sie hin, saß die ganze Zeit von früh bis abends in einer Holzbude  und hoffte auf die amerikanischen Millionäre, die ihr die Gläser abkaufen würden. Aber die ganze Zeit über regnete es, und außerdem waren die Andenken viel zu billig, als daß reiche Leute sie gekauft hätten.

So kam sie fast mit dem ganzen Vorrat und mit vermehrter Schuldenlast nach Schwabing zurück. Um sich am Anblick der durch die Malerei völlig entwerteten Gläser nicht länger ärgern zu lassen, beschloß die Gräfin, die ganze Herrlichkeit zu ersäufen. Sie mietete im Englischen Garten ein Boot, ruderte in die Mitte des Klein-Hesseloher Sees und wollte eben das mächtige Paket mit den Passionsgläsern über Bord gehen lassen, als ein Parkwächter erschien und ihr zuschrie, das Versenken von Gegenständen im See sei bei hoher Strafe verboten.“

 

Die Reventlow hat am Aschermittwoch 1909 einen riesigen Kater

 

Vor der Weihnacht 1908 zieht sie in die Helmtrudenstraße 5. „Unerwarteter Geldregen nach langer Dürre“, schreibt sie in ihr Tagebuch. Vielleicht hat sie den Pflichtteil des Erbes ihrer Mutter ausbezahlt bekommen.

Den Fasching 1909 feiert sie exzessiv. Wer sie nach Hause begleitet, wird für seine Liebesdienste mit einem Frühstück belohnt. Am Aschermittwoch hat sie einen „ungeheueren Karnevalskater“ und will ein anderer Mensch werden. Ihre Männerbeziehungen sollen von nun an von der Vernunft geleitet werden, also nur dem Pläsier und Geld einbringen. Das Herz soll aus dem Spiel bleiben. Am 2. Oktober kündigt ihr der Hauswirt, aber sie geht erst mal aufs Oktoberfest. Fünf Tage später kommt eine Zahnarztrechnung über 800 Mark.

 

Sie zieht in die Leopoldstraße 41. Einer ihrer Freunde aus dieser Zeit, der Psychoanalytiker Dr. Otto Groß und der Nationalökonom Professor Edgar Jaffé haben sie unterstützt. Der Psychoanalytiker diagnostizierte, daß ihre Sorgen und Leiden ihre Ursache in seelischen Komplexen hätten. Die Psychoanalyse beeindruckte sie zwar stark, aber nicht so stark, daß sie sich nicht darüber spöttelte.

Der Nationalökonom wollte sie zu seiner Privatsekretärin machen. Aber die Möglichkeit, in Paris als Kassendame einer Kunstaustellung zu bekommen, schien ihr vielleicht doch verlockender...

Der wahre Grund, warum sie nach Paris wollte, war wohl, daß ihr die Gläubiger im Genick saßen und sie ins Ausland fliehen musste.

Johannes Székely schreibt in seinen 1979 erschienen Reventlow-Buch: „Der finanzielle Eklat...ereignete sich im Herbst 1910, als die Schulden der Gräfin so angewachsen waren, daß ihr nur noch eine Flucht vor den Gläubigern als Rettung erschien. Ihre Finanzlage ist damals so verfahren, daß sie nicht nur heimlich München verlässt, sondern sich sogar vorübergehend von ihrem Sohn trennt, um ungehinderter Geld verdienen zu können.“

 

Die Reventlow geht nach Ascona, der deutschen Künstler- und Gesundheitsapostelkolonie,

und schließt eine Scheinehe mit einem baltischen Baron von Aelxander Rechenberg-Linten

 

Erich Mühsam berichtet in „Namen und Menschen“: „In dieser Zeit – gegen Herbst 1910 – kam eine Freundin von mir aus Ascona und berichtete mir folgendes: Der Vater des Barons Rechenberg habe sich nun ebenfalls in Ascona festgesetzt und möchte gern, daß der Sohn heiraten solle. Das habe Rechenberg Junior auf die Idee gebracht, der geliebten Waschfrau, da er sie schon nicht haben könne, dadurch zu helfen, daß er deren Töchterchen zu seiner Erbin mache. Nach russischem Recht würde aber sein väterliches Erbteil nach seinem Tode  an die Geschwister fallen, falls er unverheiratet stürbe. Sei er aber verheiratet, so könne er selbst letztwillig (d.h. in seinem Testament) verfügen (über seinen Erbteil). 

Darum lasse mich Rechberg fragen, ob ich nicht eine Frau für ihn wisse, die mit ihm einen Scheinehevertrag eingehen möchte. Sie würde, sobald er die Erbschaft antrete, die Hälfte des Vermögens sofort ausgezahlt erhalten, dürfe aber an die andere Hälfte keinerlei Anspruch erheben, die solle für das Kind der Waschfrau bleiben. Eine Verpflichtung anderer Art aus der Ehe käme selbstverständlich nicht in Frage.

Als ich den Vorschlag hörte, rief ich augenblicklich: ‚Die Gräfin!’“

Mühsam setzte der Reventlow die Sache auseinander. Sie fragte: „Wie heißt der Kerl?“ und meinte dann: „Rechenberg ist ganz praktisch. Da brauche ich nicht die Monogramme in den Taschentüchern umzusticken.“

Die Reventlow reiste nach Ascona und die Eheschließung kam tatsächlich am 22. Mai 1911 zustande.  Sie erschien im Strandkleid, der Gatte im Matrossendress, und der Schwiegervater, der keine Ahnung hatte, war voll Glück, daß der missratene Sohn jetzt sogar eine Gräfin als Ehefrau gewonnen hatte.

Der Geschäftspartner der Reventlow in dieser Scheinehe war ein Sproß aus einer deutsch-russischen Adelsfamilie. Er trank Unmengen von Alkohol und war schwerhörig. Aber sonst war er ein sehr netter Kerl, der den Vegetarieren, Kohlrabiaposteln und Temperenzlern von Ascona als abschreckendes Beispiel diente, aber für Erich Mühsam von all den Deutschen in Ascona derjenige war, mit dem er am liebsten zusammensaß.

1912 starb der alte Baron Rechenberg und die Erbschaft wurde fällig. Mühsam schreibt: „Es gab eine lange Prozessiererei und schließlich nicht die erhofften hunderttausend (Schweizer Franken), aber doch an die vierzigtausend Franken, eine  für die Gräfin märchenhafte Summe“.

Mühsam berichtet, die Reventlow habe ihr geschrieben, daß sie das Geld einer Schweizer Bank übergeben habe und mit einer kleinen Summe davon nach Nizza gefahren sei. Dort habe sie ein Telegramm erhalten, daß die Bank in Konkurs gegangen sei.

Eine etwas andere Version der Geschichte mit der Scheinehe bietet Emil Szittya in seinem „Kuriositäten-Kabinett“:

„Ein Verwandter des jungen Rechenberg hinterließ eine Erbschaft, die dieser aber nur unter der Bedingung antreten konnte, daß er verheiratet sei und ein Kind habe. Dieses Geld reizte unseren Alkoholisten jahrelang. Es gab in der ganzen Umgebung Askonas keine einzige Osteria, wo er auf seine Erbschaft noch keine Schulden hatte. Darauf kreditierte man ihm in seiner Pension. Alle haben wir große Renten versprochen bekommen. Wir beratschlagten jahrelang, wie wir Rechenberg eine Familie verschaffen könnten, bis es sich endlich Erich Mühsam zur Pflicht machte, ihm eine Frau mit einem Kinde zu verschaffen. Das Opfer war die Schriftstellerin Gräfin Reventlow...Sie brauchte Geld und heiratete darum den Baron Rechenberg; aber...es gab im Testament eine Klausel, nach der sie die Erbschaft doch nicht bekamen, sondern ihr Sohn...Ihr Sohn, der noch heute in Askona wohnt, soll nach ihrem Tode das Geld geerbt haben; aber da sich das Geld in Russland befindet, wird er nicht viel davon haben“.

Vielleicht war es aber auch so: Nach dem Tod des alten Barons Rechenberg erreichten die Geschwister des jungen Rechenberg, daß nur der Pflichtteil an ihn ausgezahlt wird. Eine Klausel im Testament (oder die Entmündigung des Alkoholikers) führte aber dazu, daß das Erbe nicht an den jungen Rechenberg, sondern nur an dessen Kind ausgezahlt werden durfte. Dazu mußte er aber erst heiraten und ein Kind haben. Ob ein adoptiertes Kind (der Sohn Reventlow) als Kind anerkannt wurde, war ebenfalls fraglich. Trotzdem erhielt er wohl von der Bank einen kleineren Kredit, den er mit der Reventlow teilte. Die machte sich damit auf nach Nizza, genauer gesagt: zur Spielbank in Monte Carlo. Der Bankzusammenbruch wurde dann also nur erfunden, um zu vertuschen, dass man mit Hilfe dieser Aktion zwar seinen Kreditrahmen vorübergehend erweitern konnte, aber dass der erhoffte Geldsegen ausblieb. Warum sollte eine Schweizer Bank ausgerechnet dann pleite gehen, wenn die Rventlow Geld abheben will ?

 

Die Reventlow verarbeitet die Pleite in ihrem Roman „Der Geldkomplex – meinen Gläubigern gewidmet“

 

Dieser Brief-Roman erschien 1916 im Albert Langen Verlag, München. Die Heldin berichtet aus einem  Nervensanatorium, wo sie sich aufhält, weil sie einen „Geldkomplex“ hat. Die Heldin glaubt, daß das Geld, das sie stets missachtet hat, sich nun an ihr durch ständige Abwesenheit rächt. Ständig fühlt sie sich durch ihre Gläubiger verfolgt. Die Heldin ist auch nicht wirklich psychisch krank, sondern sie ist nur in dem Sanatorium, weil sie dort kostenlos wohnen und Essen kann. Sie wartet dort auf eine Erbschaft. Man kann in der Heldin unschwer die Reventlow selbst erkennen, die über sich, über die Gläubiger und das Leben ironisiert.

 

In dem Roman wird erzählt, daß die Heldin nach Monte Carlo reist, sich an den Spieltisch setzt und alles vergisst: „..am Spieltisch gibt es keine Vergangenheit, keine Zukunft und keine Gegenwart mehr, keine Spannungen und keine Gedanken, ... man sieht nur Geld, fühlt nur Geld, und das gerade ist, was mir nottut.“

 

Ob sie nicht nur im Roman, sondern auch wirklich in der Spielbank von Monte Carlo war, weis ich nicht. Sicher ist aber, daß Jakob Flach in seinem Buch „Ascona“ schreibt: „Man sah sie jeden Abend als vornehm in Schwarz gehüllte Dame am Spieltisch im Kursaal von Locarno stehen und in bleicher Ruhe ihre Jetons setzen – ‚sie braucht Geld’ flüsterten die einen; ‚sie ist von der Direktion als Lockvogel angestellt’, wussten die anderen; sie gab darauf die delphische Antwort: Vom Gelde kommt nichts Gutes, nicht mal, wenn man keines hat !“

 

Die Reventlow schreibt „Von Paul zu Pedro“

 

In der Zeit vom Dezember 1910 bis Dezember 1911 schreibt sie in Ascona die Hetärengespräche „Von Paul zu Pedro“. Es handelt sich um mit eigenen Erinnerungen durchsetzte Plaudereien der inzwischen knapp Vierzigjährigen zum Thema Liebe. Sie sieht die Dinge Teils skeptisch-desillusioniert, teils heiter-philosophisch.

 

Beim Schreiben läßt sie wohl noch einmal ihre Erfahrungen vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen: Wie sie als junges Mädchen die Erotik entdeckt und von ihr gegeistert ist, wie sie sich in den Taumel von Wahnmoching stürzt und einige rauschhafte Jahre verbringt, die der Höhepunkt ihres Lebens sind, wie sie dann versucht, mit Suchocki ein dauerhaftes Glück zu finden. Aber all das schreibt sie nicht. Das hat sie längst schon in ihr privates Tagebuch geschrieben, das aber für die voyeuristische Nachwelt 1925 von ihrem Verleger Albert Langen und als Herausgeberin (sprich Verkäuferin) von Else Reventlow in die Öffentlichkeit gezerrt wurde.

 

Die Reventlow schreibt in „Von Pedro zu Paul“ über das, was sie sich jetzt einem Mann erwartet: er soll kein Bohemièn und Hungerleider sein, sondern ein eleganter Lebemann, der ihr einen luxuriösen Lebensstil bieten kann: angenehme Reisen, Übernachtung in edlen Hotels, gutes Essen. Oder, da spricht die immer noch vorhandene Erotikerin: ab und zu einmal ein Abenteuer mit einem heißblütigen sizilianischen Playboy.

 

Sie meint sich selbst, wenn sie schreibt, daß es empörend für eine Frau sei, „wenn das äußere Dasein sich nicht angenehm und schmerzfrei abwickele“. Jede habe doch einen „angeborenen Hang zu Wohlleben und Bequemlichkeit“, und Geldschwierigkeiten verletzten die weibliche Eitelkeit“.

 

Im Grund hat sie sich aber nicht geändert, nur ist sie jetzt bequemer und anspruchsvoller geworden. Stets hat sie an Männer folgende Anforderungen gestellt: 1. Sie müssen geistreich, amüsant und unterhaltsam sein, 2. Sie müssen in ihr die Glückhormone der Verliebtheit freisetzen und ihren beträchtlichen sexuellen Appetit befriedigen 3. Sie müssen finanzkräftig sein und ihr einen luxuriösen Lebensstil und soziales Ansehen bieten können 4. Sie müssen überaus tolerant gegenüber ihrem Lebens- und Genußhunger sein, also ihre Seitensprünge und ihre Exzesse mit Genussmitteln, Essen, Reisen, Glückspiel, Sammeln neuer Erfahrungen und ihre immer neue Versuche der Selbstverwirklichung in der Kunst oder wo auch immer großmütig tolerieren.

 

Die Tragik ihres Lebens bestand darin, daß es diesen Mann im wirklichen Leben niemals geben kann und sie ihn folglich auch niemals fand. Oder viel mehr bestand die Tragik darin, daß sie das niemals einsehen und akzeptieren konnte, sondern immer alles wollte.  Sie wollte niemals verzichten und sich niemals unterwerfen. Dieser Stolz und dieses Festhalten an den Ansprüchen, dieses „je maintiendrai“, wie es sich z. B. Karl der Kühne, der allzu Kühne, zum Wahlspruch gemacht hatte, waren das Erbe ihre Klasse – des Adels, dessen Welt in diesen Jahrzehnten zerbrach.

Aber war dieser maßlose Lebenshunger wirklich eine Tragik ? Gewiß – die Reventlow hat einen hohen Preis für ihr kompromissloses Leben bezahlt. Aber sie hat unendlich viel dafür bekommen und auch gegeben.

 

Die Reventlow schreibt „Herrn Dames Aufzeichnungen“

 

Im Januar 1912 beginnt sie mit dem Schlüsselroman „Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil“, den sie im September 1912 fertig hat und der im Jahr 1913 im Albert Langen Verlag erscheint. Es ist ein Schlüsselroman. Johannes Székely schreibt: „Entscheidendes Kriterium des Schlüsselromans, der zugleich ver- und enthüllt, ist die Wiedererkennbarkeit von historisch-authentischen Personen, Zuständen und Ereignissen.“

Was die Reventlow in „Herrn Dames Aufzeichnungen“ erzählt, ist weitgehend authentisch.

Székely über den Roman: „Er ist in erster Linie gedacht als ironisch-kritischer Angriff auf das Treiben der Kosmiker in Schwabing um die Jahrhundertwende, vermittelt aber nebenher dokumentarische Details über deren merkwürdigen Theorien, Eigenheiten und Aktionen und ist ein kulturhistorischer Spiegel der Zeit. Überdies enthält er melancholische Erinnerungen der Autorin an eine glückliche Periode, die sie nach neun Jahren als einen einzigen rauschhaften Höhepunkt ihres Lebens nacherlebt zu haben scheint. Während sich nämlich die erzählten Vorgänge mit Hilfe einiger markanter historischer Ereignisse in der Zeit zwischen 1902 und dem Frühjahr 1904 datieren lassen, sind sie im Roman komprimiert zu einem einzigen Winter, der die außergewöhnliche Intensität des Münchner Faschings um 1900, besonders des Jahres 1903, wiedergeben soll. Diese wird nicht nur von der Reventlow selbst, sondern auch von der umfangreichen Schwabinger Memoiren-Literatur bestätigt.“

 

Aber Roman erwähnt nur einen bescheidenen Bruchteil des kulturellen Lebens in München. Man erfährt nichts über die Vorkämpfer der modernen Literatur, des modernen Theaters und der modernen Kunst. Man hört nichts von dem Kabarett der „Elf Scharfrichter“, nichts von der „Dichtelei“ und der „Simplicisimus-Künstlerkneipe“, nichts von Ringelnatz und Kathi Kobus, nichts über Frank Wedekind, Albert Langen (Satirezeitschrift „Simplicissimus“), nichts vom „Insel-Verlag“, nichts von Otto Julius Bierbaum und Max Halbe, nichts von Gustav Meyrink, nichts von Franz Marc und Wassily Kandinsky.

 

Der Roman befriedigte teils die Neugier der Leute, teils weckte er sie erst. Die Kosmiker waren ein Zirkel, der Geheimnisse hatte. Das macht ihn interessant. Spannend ist auch, herauszufinden, wer sich hinter den Schlüsselnamen verbirgt.

 

Der Roman schildert, wie der junge Herr Dame mit den Kosmikern in Berührung kommt und allmählich in ihre Denkwelt und in ihre Feste und ihr Umfeld eingeführt wird. Herr Dame versteht von dem, was man ihm erzählt, zunächst wenig, aber er ist aufgeschlossen und innerlich positiv gegenüber den Kosmikern eingestellt. Er saugt zunächst einmal alles, was er hört und sieht, unkritisch in sich auf und versucht sich erst einen Reim auf alles zu machen, bevor er sein Urteil bildet. Vieles kommt ihm aber sehr befremdlich vor. So ist die Reventlow sicher auch selbst den Kosmikern entgegengetreten. Als sie den Roman schreibt, weiß sie natürlich viel mehr und ist auch reifer geworden und erkennt, wie lächerlich vieles war. Sie macht mit Hilfe der Person „Herr Dame“ nicht nur über die Kosmiker lustig und stellt sie bloß, sondern lächelt auch über sich selbst. Die Selbstironie hilft ihr, ihre Enttäuschungen und Niederlagen zu verarbeiten. Ich glaube aber nicht, daß die Reventlow die Kosmiker bloßstellen oder sich über sie lustig machen will; nicht Haß oder Rache sind ihr primäres Motiv, sondern es geht ihr wohl schlicht darum, diese ungewöhnliche Gruppe von Menschen für ihre schriftstellerische Arbeit zu nutzen („auszubeuten“ wäre ein zu hartes Wort). Am ungnädigsten geht sie mit George (der ihr offensichtlich unsympathisch war) um und mit Alfred Schuler, über dessen abstruse Ideen sie sich tüchtig mokiert. Wolfskehl, der auf okkultistischen Unsinn hereinfällt, wird mit gutmütigem Spott bedacht.

 

 

Die Personen in Franziska zu Reventlows „Herrn Dames Auszeichnungen“

 

Adrian – Oskar A.H. Schmitz, Schriftsteller und naher Bekannter der Gräfin

Bacchantin mit ehernem Becken  -  Hedwig Bernhard (Putti), Freundin von Ludwig Klages, Tochter seiner Zimmerwirtin

Bender – Karl Bauer, Maler, Graphiker, bekannt durch seine Lithographien wichtiger Persönlichkeiten

Herr Dame – trägt Züge des Schriftstellers Franz Hessel aber vor allem auch der Reventlow selbst.

Der Name „Herr Dame“ kann eine Reminiszenz daran sein, daß die Reventlow auf einem Faschingsfest im Schwabingerbräu als Dame in Jünglingskleidern erschien. Dies berichtet Franz Hessel in seinem Schwabinger Schlüsselroman „Der Kramladen des Glücks“. Da Maskierungen oft etwas darüber verraten, wie ein Mensch sich sieht oder wie er sein möchte, ist eine Maskierung oft auch demaskierend. Auf die Reventlow bezogen heißt das, daß sie eine männliche Komponente in ihrem Wesen hatte. Das würde auch ihren polygamen Lebenswandel erklären helfen. Der Name „Herr Dame kann auch darauf anspielen, daß die Kosmiker dem Hermaphroditentum große Bedeutung beimaßen.

Delius – Alfred Schuler

Mutter des Delius (Mama): Schulers Mutter

Georg (Zinnsoldat) – Alfred Friess, Rechtsanwalt, Geliebter der Reventlow, der „fremde Mann“

Hallwig – Ludwig Klages. Dieser Schlüsselname kann sich ableiten von „Hall“ (im Sinn von hohl, tönend) und Ludwig.

Prof. Hoffmann – Karl Wolfskehl, Dichter und wohlhabender Hausbesitzer, stammt aus einer Darmstäder Bankiersfamilie jüdischer Herkunft

Frau Hofmann (Lotte) – Wolfskehls Gattin Hanna, geb. de Haan

Jadwiga (die junge Polin) – Manja, eine nicht näher identifizierte Person um Karl Wolfskehl oder Hedwig Gründler, die Schwester des Juden Oskar A.H. Schmitz

Jugendbekannter Susannas – Victor von Letzow, Vetter der Reventlow

Heinz Kellermann – Friedrich Huch, Schriftsteller, Vetter von Roderich Huch (Konstantin)

Kappadozische Dame (Fräulein H.) – vermutlich handelt es sich im Elsa Bruckmann, Verlegersgattin, die später Hitler in die Münchner Gesellschaft einführte

Konstantin (der Sonnenknabe) – Roderich Huch, damals Student, Freund der Reventlow

Maria – die Reventlow selbst

Der Meister -  Stefan George

Murra (schwarze Malerin, grünliches Mädchen) – Modell einer Skulptur des Klages-Freundes Hans Hinrich Busse

Orlonsky (der Henker) – Bogdan von Suchocki, Maler (mit ihm lebte die Reventlow drei Jahre zusammen)

Der Panther – Albrecht Hentschel, Privatgelehrter und Paläontologie, Geliebter der Reventlow, ein Hüne

Petersen (orientalischer Priester, der Indianer) – Hans Hinrich Busse, Schriftsteller, Graphologe, Bildhauer, Freund von Klages

Der Pschychometer – Vermutlich Dr. Albert von Schrenck-Notzing

Ein Rabbi (Begleiter der Jadwiga) – nach dem Vorbild eines gewissen Rabbi Meyer

Dr. Sendt (der Philosoph) – Dr. Paul Stern, Philosoph, Vertrauter und Freund der Reventlow

Susanna – die Reventlow (sie wird durch mehrere Personen dargestellt)

Willy – Franz Hessel, Schriftsteller jüdischer Abstammung, Freund der Reventlow

 

Dames Diener Chamotte: keine Schlüsselfigur, sondern eine erfundene Figur

 

Die Reventlow bleibt bis zu ihrem Tod (1918) in Ascona

 

Über die letzten Jahre der Reventlow lesen wir bei Erich Mühsam: „Danach habe ich die Gräfin nur noch ein einziges Mal gesehen, als der Krieg schon im Gange war. Sie war durch die Heirat Russin und daher „Feindin“ geworden. Nun kam sie bei mir an und klagte, daß ihr Junge, der damals sechzehn Jahre alt war, durchaus als Freiwilliger gehen wolle. ‚Er hält den Krieg für eine Indianergeschichte’, sagte sie todunglücklich. Zum Glück wurde ihr Bubi damals nicht genommen, und als er zwei Jahre später musste, da hat die mutige Gräfin ihrer Mutterliebe die Krone aufgesetzt und ihn auf eigene Gefahr in Sicherheit gebracht.“

 

Ihr Lebensgefährte in Ascona war ein italienischer Rechtsanwalt.

 

Die Reventlow starb 1918 in Locarno an der Folge einer Operation. Diese war notwendig geworden, weil sie auf einer abschüssigen Straße vom Fahrrad stürzte und sich eine Darmverschlingung zuzog.

 

Die Künstlerkolonie Ascona

 

Man hat Ascona „das Schwabing von Schwabing“ genannt, weil dort die Künstler, Spinner und Nichtstuer unter sich waren.

1905 verfasste Erich Mühsam die Broschüre „Ascona“, in der er die Künstlerkolonie und ihre Menschen schildert. Ascona liegt auf einer Halbinsel, die sich bei Locarno (im Schweizer Kanton Tessin) in den Lago Maggiore hinausschiebt. Ascona hatte damals 1000 Einwohner, hinzu kamen etwa 50-100 Deutsche, die sich hier entweder in der in der Nähe gelegenen Kurklinik „Monte Verità“ aufhielten oder in gemieteten oder gekauften Häusern wohnten. An Häusern und Grundstücken gab es damals in Ascona ein Überangebot, weil die Weinbauern als Folge einer Reblausplage pleite gegangen waren und teilweise ihre Häuser einfach verlassen hatten und nach Amerika ausgewandert waren – jedenfalls schreibt das Mühsam so in seiner Broschüre, die aber für Ascona Werbung machen soll. Deshalb soll man nicht alles glauben, was Mühsam schreibt. Richtig ist aber sicher, daß Ascona damals ein Ort war, der neben einer herrlichen Landschaft und einem angenehmen Klima in einem ruhigen und billigen Winkel der Schweiz lag und für Außenseiter jeder Art ein idealer Zufluchtsort war vor Gläubigern, der Polizei und vor spießigen Nachbarn, die sich Homosexualität oder sonstigem ungewöhnlichem Verhalten störten. Die Mieten und der Wein waren billig, die Italiener menschenfreundlich und gutmütig.

Henri Oedenkoven baute auf einem hochgelegenen Plateau über dem Lago Maggiore, genannt „Monte Verità“, ein vegetarisches Sanatorium auf. Begonnen hatte es damit, daß hier oben, etwa in 20 Minuten von  Ascona aus zu erreichen, die Deutschen einige Holzhütten bauten und eine Vegetarier-Kommune bildeten. Diese Kommune hatte Zulauf von Ethikern, die keine Lebewesen töten wollten, und von Feministinnen, die ein Leben in Gleichberechtigung der Geschlechter führen wollten. Hinzu kamen Theosophen, Spiritisten und Okkultisten. In Monte Verità war man bemüht, durch einen untadeligen Lebenswandel Seele und Leib im Gleichgewicht zu halten. Erich Mühsam machte sich über sie lustig. Er dichtete:

„Wir essen Salat, ja wir essen Salat

Und essen Gemüse von früh bis spat.

Auch Früchte gehören zu unserer Diät.

Was sonst noch wächst, wird alles verschmäht...

Wir sonnen den Leib, ja wir sonnen den Leib,

Das ist unser einziger Zeitvertreib...

Wir hassen das Fleisch, ja wir hassen das Fleisch

Und Milch und Eier und lieben keusch...

Wir trinken keinen Sprit, ja wir trinken keinen Sprit...

Wir rauchen keinen Tabak, nein, wir rauchen keinen Tabak...

Und schimpft ihr den Vegatarier einen Tropf,

So schmeissen wir euch eine Walnuß an den Kopf...“

 

Als das Sanatorium in ein kommerzielles Unternehmen umgewandelt wurde, spalteten sich ein Teil der Mitbegründer ab, darunter auch Henri Oedenkoven und Carl Gräser. Eine andere Mitbegründerin, Lotte H., die Tochter eines höheren preußischen Beamten, zog auch aus und bewohnte nun ein schief stehende Häuschen außerhalb von Ascona.

 

 

Stefan George (geboren am 12. Juli 1868 in Büdesheim bei Bingen, gest. am 4. Dez. 1933 in Minusio bei Locarno)

 Werke: „Hymnen“, „Das Jahr der Seele“, „Der Stern des Bundes“,“ „Das neue Reich“

 

Hans Brandenburg schreibt über George:

(Den Meister, also George) „sahen wir auf der Straße und in  der Schwabingerbrauerei, im hochgeschlossenen Rock, von schwarzhaarigen Jüngern umgeben. Am Nikolaiplatz, im selben Haus wie Ina Seidel, hatte auch der Jüngling gelebt, den George nach seinem frühen Tode als ‚Maximin’ vergottete. Knabenliebe, feierliche Attitüde, priesterliches Gebaren, gestelzte Verskunst, Kleindruck der Hauptwörter, Anmaßung der ‚Blätter für die Kunst’, als gebe es nur hier ‚die Kunst’, erregten unsere Spottlust.“

 

George wuchs in Bingen auf und besuchte in Darmstadt das Gymnasium. Sein Vater Stephan George war ein wohlhabender Weinhändler und Stadtverordneter in Bingen, der einmal als Wirt in Büdesheim angefangen hatte. Sein Großvater Anton George war Franzose und stammte aus Lothringen. Stefan George war also trotz seines elitären Gehabes kein Aristokrat, sondern der Sohn eine Wirtes, der es zu Geld gebracht hat. Die Reventlow hielt die Selbstinszenierung Georges für „unecht und theatralisch“. Außerdem machte sie sich über seinen Hang zum Mystizismus und Okkultismus lustig und stellte seine Neigung zur schwarzen Magie bloß.

 

Stefan George, der „Weihenstephan“

 

Nach Abschluß der Schule geht George nach Berlin und beginnt ein Sprach- und Literaturstudium; aber lange hält er die ernste Arbeit nicht aus. Er geht auf Studienreisen in die europäischen Metropolen (London, Mailand, Kopenhagen und vor allem Paris). Das Geld dazu hat er von seinem Vater. Der junge George lebt einige Zeit in London, verbringt  den Winter 1888/89 in Montreux, das Frühjahr 1889 in Oberitalien und geht anschließend nach Paris. Dort gelangt er in den Kreis um den Dichter Mallarmé, dessen Ästhetizismus Georges Neigungen und Charakter entgegenkommt. „L’art pour l’art“ ist Motto des Ästhetizismus: die Kunst ist um ihrer selbst willen da, und nicht um dem Auftraggeber oder einem sozialen Engagement zu dienen (wie das im Realismus, der gleichzeitig in Mode war, der Fall ist). Man könnte im Fall Georges auch sagen: „L’art pour l’artiste“, die Kunst ist für den Künstler da. Die Kunst war für George ein Mittel, sich zum Mittelpunkt eines Kreises von bewundernden Jüngern zu machen. Er war sein eigener Hohepriester, der seine Dichtungen und seine Person zelebrierte und mit höheren Weihen versah. Die Gräfin zu Reventlow nannte ihn deshalb folgerichtig: „Weihenstephan“, was auf den Namen des  Freisinger Vororts Weihenstephan zurückgreift, der eine Landwirtschaftsschule hat (heute Teil der TU-München). Einer aus Weihenstephan hat also gelernt, wie man etwas kultiviert; im Fall von George: sich selbst.

 

Stefan George und die „Blätter für die Kunst“

 

George gab die „Blätter für die Kunst“ heraus und umgab sich mit Bewunderern, vor allem jungen Leuten, die beim „Meister“ das Dichten lernen wollten. Die „Blätter für die Kunst“ hatten nur eine Auflage von 300 Stück pro Nummer. Mehr waren wohl nicht unter die Leute zu bringen, die Zahl der Münchner, die sich für seine lyrischen Gedichte interessierten, war recht gering. Aber George machte  aus der Not eine Tugend und erklärte seine Literaturzeitschrift für ein Blatt, das nur einer Elite vorbehalten war, die aus seinen Jüngern und Freunden bestand. Die durften wohl auch darin etwas veröffentlichen, wenn sie sich an den Kosten beteiligten.

 

Stefan George, der Dandy

 

Bevorzugt fand man ihn im Café Luitpold. Dies war das nobelste Cafe in München und setzte auf weltstädtisches Flair. Es befand sich dort, wo heute der Luitpoldblock steht, der in der Nähe der Brienner Straße ist. Sein Freund Wolfskehl bevorzugte das Café Leopold an der Leopoldstraße, und so wurde George auch ab und zu dort gesehen. Im Cafe Stefanie fand man nur seine Bewunderer und jungen Dichter. Obwohl seine äußeren Lebensumstände die eines Bohèmiens waren, war Bohème nicht sein Stil.

 

George war von mittlerer Größe, hatte wallende dunkle Haare, die er am Oberkopf geradezu aufgetürmte, eine gefurchte, fliehende Stirn, scharfkantige Züge und ein vorstehendes, kräftiges Kinn. Trotzdem wirkte er ein wenig feminin.

Er spazierte mit schwarzem Mantel und Zylinder durch Schwabing. Er war schwer zugänglich und gab sich geheimnisreich.

 

Theodor Lessing schreibt in „Einmal und nie wieder. Lebenserinnerungen“ über George:

„George war zu der Zeit, als wir ihn kannten, ein junger, melancholischer Prinz im Exil, herrisch und verhärmt. Um seine knochigen Schultern wehte ein römischer Mantel und auf dem dunkel schimmernden, im Nacken mit sogenanntem Polkaschnitt grad gezirkelten Gelock thronte statt einer Krone der bürgerliche Zylinderhut. Stolz das fordernde Haupt zurückgeworfen, ging, nein schritt er durch das Café, wie der Bischof durch die Mitte von Sankt Peter. Gleichzeitig wunderlich und bedeutend, gleichzeitig närrisch und achtungebietend. Denn blieb er erfolglos, so war er eben einer von vielen, durch lange Mähne und schöne Schlipse gekennzeichneten verkannten Genies, die damals rudelweise in Schwabing Tee tranken. Setze er sich aber durch...dann wurde aus Zylilnder, Gehrock und proesterlicher Haltung der nächste ästhetische Stil. – Er legte Wert auf Form und Kleid. Band sich...sorgsam vor dem Spiegel eine Halskrause, blickte in die Modemagazine, betrachtete neue Schmuckformen, lobte Tuche und Seiden, bespiegelte aufmerksam im Glase die gute Ordnung seiner Krawatte. Kurz, er war ein gehaltener Herr...Selbst hinterm Maßkrug bewahrter der Hohepriester eine so würdige Haltung, daß mein Hohn ihn den Weihenstephan nannte. Denn reichte er zu Empfang und Abschied uns die Hand, so zelebrierte er gleichsam Empfang und Abschied. Und verließ ihn auf der Straße der Jünger, um in ein Bedürfnishäuschen zu treten, so machte George einen königlichen Gestus, wie die Majestät, welche auf eine Weile ihre Begleitung in den Alltag entlässt, und kam der Jüngling wieder, dann nahm ihn der Geweihte neuerdings auf in sein Königtum – Diese großen Attitüden waren aber Seele, die sich umzirkelt, weil sie im Alltag nicht blühen kann.“

 

George: emotional abgestorben

 

In einem Gedicht in seinem „Algabal“ heißt es:

 

„Mein garten bedarf nicht luft und nicht wärme;

Der Garten, den ich mir selbst erbaut

Und seiner Vögel leblose schwärme

Haben noch nie einen frühling geschaut.

Von Kohle die stämme, von kohle die äste...“

 

Die pubertären Reste in Georges Wesen

 

Schon als Kind in Bingen am Rhein hatte George die Neigung, sich zum Mittelpunkt eines Freundeskreises zu machen, der ihn bewunderte und zur erhabenen Person machte. Er war gern der König oder der Hohepriester, der seltsame Kultrituale erfand. Er war der „König von Amhara“. Hier kann man das Wort „Amharez“ entdecken. Jesus war ein „Amharez“ (d. h. „einer vom Lande, einer aus der Provinz“, nämlich Galiläa), der von seinen Anhängern für den König von aller Juden gehalten wurde und der sich von dort aus in die Metropole begab.

 

Georg Fuchs, der mit ihm das Gymnasium in Darmstadt besuchte, schreibt über seinen Hang, Rituale zu erfinden:

„...wir dehnten unseren gemeinschaftlichen Heimweg bis in die schon ländlichen Vorstadtgassen aus. An der offenstehenden Tür einer Kegelbahn, bei einer Gartenwirtschaft, blieb George plötzlich stehen und sagte: ‚Also nimm an, das hier wäre das Heiligtum, von dem wir gesprochen haben. Wenn du das ernsthaft glauben kannst, wenn du mit so viel Glaubenskraft begabt bist, dann ist es wirklich das Heiligtum. Hast du den Mut, mit mir hineinzugehen und den Mächten standzuhalten, die ich beschwören werde?“ – Erst musste ich lachen. Als ich aber sein unheimlich strenges Gesicht ansah, verging mir das Lachen und ich erwiderte, nachdem nun schon einmal mein ‚Mut’ herausgefordert...war, daß ich zu allem bereit sei.... - Er murmelte, während wir unter fortgesetzten Verbeugungen und rhytmisch eingeschalteten Kniefällen in der sandigen Bahnneben dem Kegelbord nach der Platte wandelten, auf der man die Kegel aufsetzt, Sprüche in seinem Sakraldeutsch; denn als solche wollte er seine Geheimsprache eigentlich aufgefasst wissen. In der Mitte der Bahn angelangt, musste ich mein Gesicht mit meinem über den Kopf gezogenen Lodencape verhüllen und ihm blindlings folgen, bis er mir Halt gebot. Wo sonst beim Kegelspiel der König steht, errichtete er aus unseren aufeinandergelegten Schulmappen eine Art von ‚Altar’, umkreiste mich mit einem liturgisch klingenden nasalen Singsang, und endlich fühlte ich, wie er, eine gewisse Formel dreimal wiederholend, etwas Sand auf mich rieseln ließ.“

 

 

In seinem Gedicht „Ursprünge“ im „Siebten Ring (1907) schrieb George über seine Kinderzeit:

„Doch an dem Flusse im Schilfpalaste trieb uns der Wollust erhabenster Schwall: In einem Sange, den keiner erfasste, waren wir Heischer und Herrscher vom All. Süss und befeuernd wie Attikas Choros über die Hügel und Inseln klang:

CO BESOSO PASOJE PTOROS CO ES HAMA PASOJE BOAN.”

Die letzte, zunächst unverständliche Zeile schrieb George in seiner Privatsprache “Lingua Romana”, die Elemente des Griechischen und Lateinischen enthält. Er benutzte sie zeitlebens für persönliche Notizen und sie war für seine Freunde unverständlich.

Aber soviel ist klar: in „BESOSO“ steckt das spanische Wort „BESO“, der Kuß. Ich würde „BESOSO“ also mit „ich küsse“ übersetzen. In „PASOJE“ steckt „pasión“, Leidenschaft. Und in „PTOROS“ steckt das griechisch „PTORTHOS“, der „Sprössling“. Nun können wir uns schon zusammenreimen, daß da im Schilf leidenschaftlich etwas geküsst wird, das die Eigenschaft hatte, zu sprießen. Wenn’s also auch mit der Grammatik noch etwas hapert, der Satz muß ungefähr heißen: „Daß ich leidenschaftlich den Sprössling küsse, ist für uns eine gute Leidenschaft.“

 

Man kann bei George diagnostizieren: Pubertäre Allmachtsphantasien und Neigung zu homoerotischen Handlungen. Das ist an sich noch nichts Beunruhigendes. Daß George sich als Erwachsener an diese Dinge so gerne erinnert, zeigt, daß er in seiner sexuellen und geistigen Entwicklung auf der pubertären Stufe stehen geblieben ist.

 

George unterzog sich wohl nie der Mühe und dem Risiko, eine Frau für sich zu gewinnen und auf ihre Wünsche und ihre Weltsicht einzugehen (die bei den meisten Frauen sehr vernünftig und dem Praktischen verhaftet ist).

 

Stefan George und der Knabe Maximin

 

Da des „innere Ich“ von George in der Pubertät stecken geblieben war, erkannte er in Knaben und jungen Männern sich selbst wieder und verliebte sich in sie.

 

Im Jahr 1901 begegnete Stefan George auf der Leopoldstraße ein junger und schöner Mann, nicht ganz 14 Jahre alt. Von nun an beobachtete George den Knaben aus der Ferne, wagte es aber erst im Vorfrühling 1902 ihn anzusprechen. Er nahm ihn in seinen Kreis der Dichter auf und ließ ihn an den Kosmiker-Festen teilnehmen. Sein Name war Maximilian Kronberger (geb. am 16. April 1888, gest. am 15. April 1904). Dieser bürgerlich erzogene Junge aus guter Familie hatte aber keine Neigung, mit George in intimen Kontakt zu treten, und George hielt wohl auch selbst seine homosexuellen Neigungen in Zaum. Aber trotzdem war George maßlos eifersüchtig und launenhaft.

 

„Maximin“ starb am 15. April 1904, einen Tag vor seinem Geburtstag, an Genickstarre (?!). Eigenartig ist es schon, daß Maximilian just zu der Zeit starb, als er vom „Schwabinger Beobachter“ als Lustknabe von George dargestellt wurde.

 

George litt ungemein unter dem Verlust; er verarbeitete ihn, indem er den geliebten Jüngling nachträglich zum Gott erhob und zum Gegenstand eines Kultes machte. Er gab einen Prachtband heraus, der einem Altarbuch ähnelte, und verkündete darin die unermessliche Weisheit und die innere Größe des Knaben. Für die Jünger im George-Kreis war es zwingend vorgeschrieben, die Göttlichkeit des Knaben Maximin anzuerkennen.

 

George wendet sich in „Der siebte Ring“ an Maximin:

„Dem bist du kind, dem freund.

Ich sehe in dir den Gott

Den schauernd ich erkannt

Dem meine Andacht gilt.“

 

George will, daß sich der Sonnenknabe auszieht

 

Ein anderer von George verehrter Jüngling war der „Sonnenknabe“ Roderich Huch. Von ihm wollte George, daß er sich ausziehen solle – allerdings ohne Erfolg, denn der Junge hatte mit Homosexualität nichts am Hut.

 

Roderich Huch schreibt in seinen Erinnerungen: „Wir waren um diese Zeit wieder einmal in ziemlich großer Anzahl bei Wolfskehls zu Gast: die Gräfin Fanny Reventlow, ihr Freund Albert Hentschel (der ‚Panther’ in dem Roman der Reventlow, der mich später auf der ‚kosmischen Wiese’ überfiel), ferner Putti, die junge Freundin von Klages, die ‚Bix’, Busses Freundin, die Schriftsteller Oskar A.H. Schmitz, Dr. Paul Stern und Franz Dülberg, Helene Klages, Gundolf und ich. George war, als wir ankamen, in dem sogenannten dritten Zimmer, das für ihn allein reserviert war, während die anderen Gäste in den ersten beiden Zimmern untergebracht waren. Ich nehme an, dass Wolfskehl oder Klages George irgendwann erzählt hatten, dass sie mit mir beim Schwimmen gewesen seien und beobachtet hätten, dass ich einen ebenmäßigen, schönen Körper hätte; genug, plötzlich tat sich die Tür auf, George platze in die sofort einfallende Stille hinein, trat auf mich zu und herrschte mich an: ‚Ziehen sie sich aus !’ Ich bekam einen tödlichen Schrecken, sah die anderen teilweise schadenfroh grinsen und entgegnete leise und schüchtern: ‚Nein !’ Hierauf drehte sich George wortlos um und verschwand. Wolfskehl dagegen umfasste liebevoll meine Schulter und sagte immer wieder verzweifelt: ‚Rodi, wie könne Se nur, wie könne Se nur, denken Se doch nur, der Moister !’ Ich antwortete ihm bedrückt: ‚Ja, es tut mir auch leid, aber ich konnte doch nicht anders vor all diesen Menschen und dann wäre ich sicher gar nicht so schön, wie der Meister erwartet hätte’, setzte ich verschämt hinzu. An diesem Abend sah ich George nicht wieder. . . Was George mit diesem befremdlichen Auftritt gegen mich bezweckt hatte, blieb dunkel. Ich kann mir nur denken, dass er erproben wollte, wie weit seine Macht über mich reiche. . . Dass George etwa aus Lüsternheit das Verlangen gestellt hätte, schied völlig aus. . .Aber daß er seine Macht zeigen wollte, und auch vor einer leichten Grausamkeit gegen mich nicht zurückschreckte, halte ich für möglich. George war ein Herrenmensch und sicher nicht frei von grausamen Instinkten...So musste ich die Folgen meines Ungehorsams tragen und wurde von Wolfskehl sicher ungern und gegen seinen Wunsch aus seinem Hause ausgeschlossen... Klages...billigte vorbehaltlos mein Verhalten, da er ohnehin George persönliche Machtgelüste unterstellte und er hatte sogar noch eine Unterredung mit ihm, um zu versuchen, den Zwist beizulegen.“

Klages war der Ansicht, daß Rodi kein Vorwurf zu machen sei und George erkannte das sofort an. Huch glaubt, daß George ein „Nein“ von keinem Menschen ertragen konnte, zumal nicht von einem, der so viel jünger als er war.

 

„Algabal“, das grandiose Wunsch-Ego von Stefan George

 

„Algabal“ ist der Name eines imaginären Priester-Königs, von dem die gleichnamige Gedichtsammlung von George handelt. Dieser Algabal ist der Mensch, als den sich George sieht, sein wahres Ich. Auch hier kommt wieder zum Tragen, daß Georges menschliche Entwicklung in der Pubertät steckengeblieben ist. Jeder junge Mensch steht vor der Frage: Wer bin ich ? Wer möchte ich sein ? Was soll ich werden ? Nur zu verständlich ist der Wunsch, etwas Grandioses zu werden, die höchste Spitze zu erreichen. Wer steht an der Spitze ? Zur Jugendzeit von George waren das immer noch Kaiser und Papst. Also wollte George (und darin ist Derleth sein Seelenbruder) Kaiser und Papst in einer Person werden, ein mächtiger Hohepriester, der Gewalt über andere hat, der immer im Mittelpunkt steht, der gefeiert und bewundert wird, und der für die anderen die Maßstäbe und Normen setzt. In einem bescheidenen Rahmen ist ihm das im Kreise seiner Jünger gelungen. Auch bei Hitler sind derartige Tendenzen erkennbar. Der aber hatte ein besseres Instrument als die Kunst: er hatte die Hierarchie der Partei, die er um sich herum aufbaute und die ihn an die Spitze trug.

 

Algabal ist aber kein christlicher Hohepriester, sondern ein heidnischer. In der Ablehnung des Christentums und in der Verehrung alles Heidnischen war sich George mit Schuler, Klages und Wolfskehl einig, und alle vier Kosmiker träumten von einem „Heidnischen Römischen Reich Arischer Nationen“, wie ich das einmal formulieren möchte. Und jeder von ihnen träumte sich als zukünftigen Priesterkönig dieses heidnischen, von der „Blutleuchte“ zu neuem Leben erweckten Reiches.

 

Das historische Vorbild für „Algabal“ ist der römische Kaiser Elagabal (oder Heliogabalus), der im Jahr 218 im Alter von 14 Jahren Kaiser wurde und bis zu seinem Tod im Jahr 222 herrschte. Wie konnte ein vierzehnjähriger Jüngling römischer Kaiser werden ? Durch eine von syrischen Frauen mit Hilfe syrischer Soldaten angezettelten Revolte gegen den Befehlshaber der Leibgarde, der den verhängnisvollen Fehler begangen hatte, den Soldaten den Sold zu kürzen. Wie kamen die syrischen Frauen in den römischen Kaiserpalast ? Sie waren Verwandte der Ehefrau des Kaisers Septimus Severus. Im römischen Kaiserpalast gab es also so etwas wie eine syrische Blutleuchte und ein syrisches Matriarchat. Dank seiner Abstammung von den Priesterkönigen in der syrischen Stadt Emesa war Elegabal der Oberpriester des syrischen Sonnengottes Elegabal, dessen Namen er trug. In dem Namen „Elegabal“ oder „Heliogaba“ sind drei Götternamen enthalten: Helios (der Sonnengott), Gaia (die Erdmutter) und Baal (der kanaäische Fruchtbarkeitsgott). Es handelt sich bei Elegabal also um eine Verschmelzung dreier Götter, von denen einer, dies war für die Kosmiker von besonderer Bedeutung, weiblich war. Wenn man so will, war Elegabal also ein hermaphriditischer Gott.

Bürgerlich hieß der neue römische Kaiser eigentlich Varius Avitus Bassianus. Elegabal führte in Rom die Sitten seiner syrischen Theokratie ein. Für viele römische Soldaten war das keine große Umstellung, weil sie ohnehin orientalischen Kulten ergeben waren. Aber die alt-etablierten Familien der römischen Ober- und Mittelschicht waren natürlich mit der Herrschaft der Orientalen nicht einverstanden. Soldaten ermordeten den fanatischen Elagabal.

 

Georges Algabal-Komplex

 

Meine These ist: George war von dem Gedanken besessen, daß er eigentlich ein jugendlicher Priesterkönig sei. Er hatte also zwei Identitäten, zwei Wesenkerne, die zueinander im Widerspruch standen: Hier der Sohn eines Weinhändlers, der die Aufgaben des belanglosen Alltags meistern musste und dort der grandiose Gottkönig, der dazu ausersehen war, das Reich des Elagabal neu erstehen zu lassen. Diese beiden Persönlichkeitskerne standen in Opposition gegeneinander und führten zu einer Lähmung des Gefühlslebens. George wirke auf die Reventlow, als würde er eine Maske tragen, als sei er nicht echt. Das geheime Problem Georges war, daß er sich eigentlich für jemand anderen hielt, den es gar nicht gab: den Gottkönig. Den, der er war, den Sohn des Weinhändlers, konnte er nicht akzeptieren. Für wen sollte er sich also halten und wie sollte er sich benehmen ? Der Gottkönig wurde in ihm übermächtig, und so gab er sich königlich und umgab sich mit einem Hofstaat von Bewunderern. Aber richtig leben konnte er nur in dem Reich seiner Phantasie und seiner Kunst.

Es ist leicht nachzuvollziehen, daß er der Reventlow unsympathisch war. Sie hatte nie Zweifel darüber, wer sie war, und sie genoss es aus ganzem Herzen, die zu sein, die sie war. Nicht Hirngespinste, sondern das pralle Leben, immer neue körperliche Genüsse und emotionale Erlebnisse war das Ziel ihrer ruhelosen Suche. Sie war lebendig, George gelähmt.

 

Daß ein Mensch so sehr von dem Gedanken besessen ist, ein Gott, ein Kaiser oder wer auch immer zu sein, ist so selten nicht. Es kommt unter Neurotikern vor, aber auch ganz normale Menschen können in Zuständen religiöser Ekstase (z. B. bei den afrikanischen und Voodoo-Kulten, aber auch schon in den antiken Mysterien) sich mit Göttern identifizieren. Dies kann auch zu einem permanenten Zustand werden.

 

Der „göttliche“ Stefan George     

 

In „Herrn Dames Aufzeichnungen“ schreibt die Reventlow über George: „Wie sie von dem Meister als von einem ganz übernatürlichen Wesen sprachen... ein Zauberer – ein Nekromant oder dergleichen“.

Ein anderes Mal wird Herrn Dames Wunsch, den Meister kennenzulernen, von seinen Anbetern als „eine Art Gotteslästerung“ getadelt. Man raunt, gewöhnliche Sterbliche dürften nicht wissen, „Daß er wirklich vorhanden ist“, und sein persönliches Erscheinen erregt Verwunderung: „es gab ihn wirklich“.

K.A. Müller schreibt über eine Lesung, die George 1901 abhielt. Dabei saß George „gleich einem unnahbaren Heiligenbild an einem violett ausgeschlagenen Tisch zwischen brennenden Silberleuchtern und hohen Lilien“.

Richard Faber schreibt: „Vom Meister über den Priester und Heiligen...ist der Weg nicht weit zum Gott. Aber auch von Caesar führt eine mehr oder weniger geradlinige Bahn zur Apotheose (=Vergöttlichung). Und als Caesar ist George wissentlich und willentlich bei einem der Wolfskehlschen Feste aufgetreten (so wie er sich bereits poetische als ‚Algabal’ stilisiert hatte). Dabei wurden ihm Ehren erwiesen, die....nur Göttern zukommen.“

Wolfskehl erklärte G. Edward, „es gebe keinen Menschen, keinen Dichter, keinen Künstler, der an ihn (George) heranreiche, er (sei) wie ‚der Mensch’ schlechthin, der keiner Zeit, keinem Lande, keiner Welt angehört, der nur einmal in Jahrtausenden auftritt“

 

Stefan George in „Herrn Dames Aufzeichnungen“

 

In ihrem Schlüsselroman schreibt sie über George (der hier „der Meister“ genannt wird) und den George-Kreis:

Zuletzt sprachen sie viel von einem literarischen Kreise, um den es etwas ganz Besonderes sein muß. Dabei entspannen sich starke Meinungsverschiedenheiten...Übrigens genierte ich mich auch etwas, weil der Dichter, der den Mittelpunkt jenes Kreises bilden soll, mir ziemlich unbekannt war. Seinen Namen kannte ich wohl, aber von seinen Werken so gut wie nichts.

Da war ein junger Mensch mit etwas zu langen Haaren, auffallend hohem Kragen und violetter Krawatte, die auf ungewöhnliche, aber immerhin ganz geschmackvolle Art geschlungen war. (Frau Susanna stieß den Philosophen an und raunte ihm zu, es sei wohl eine »kultliche« Krawatte – und der antwortete: Violett – natürlich ist das kultlich.) Dieser junge Mensch also bezeichnete ihn ausschließlich als den Meister. Ich hatte bisher nur gehört, daß man in Bayreuth so redet, und es befremdete mich ein wenig. Überhaupt redete er mit einem Pathos, das mir im Kaffeehaus nicht ganz angebracht schien und sicher auch jenen »Meister« unangenehm berühren würde, wenn er es zufällig hörte – und war sichtlich verstimmt über einige Bemerkungen der anderen Herren, besonders des Philosophen, der sich etwas ironisch über Heldenverehrung und Personenkultus äußerte.

Merkwürdige Dinge kamen da zur Sprache – eine ältere Dame erzählte: man (anscheinend Mitglieder jenes Kreises) wäre bei einer Art Wahrsager – einem sogenannten Psychometer – gewesen, und es sei unbegreiflich, wie dieser Mann durch bloßes Befühlen von Gegenständen den Charakter und das Schicksal ihrer Besitzer zu erkennen wisse – ja, bei Verstorbenen sogar die Todesart.

»Es ist ganz ausgeschlossen,« so sagte sie, »daß er über irgend etwas Persönliches im voraus orientiert sein konnte und – –« »Aber Sie müssen doch zugeben, daß er manchmal versagt,« fiel der Dichter mit der violetten Krawatte ihr ins Wort – – »in bezug auf den Meister hat er sich schwer geirrt. Und gerade das ist sehr interessant und bedeutungsvoll, denn es zeigte deutlich, daß er die Substanz des Meisters wohl fühlte, nicht aber beurteilen konnte – –«

»Wieso?« fragte einer von den Herren, der nicht dabei gewesen war. Der Dichter maß ihn mit einem überlegenen Blick und wandte sich wieder an die Dame, die zuerst gesprochen hatte:

»Sie haben es ja selbst gehört – er bezeichnete sie als unecht und theatralisch – und weshalb – weil er eben nicht ahnte, um wen es sich hier handelt – weil er sich die hier verwirklichte Größe aus seinem engen Gesichtskreis heraus nicht vorstellen konnte. So half er sich mit der These des Theatralischen darüber hinweg. – Für uns nur wieder eine neue Bestätigung, wie wenige der Erkenntnis des einzig und wahrhaft Großen würdig sind.«

Die Dame hatte beide Ellbogen auf den Tisch gestützt und hörte mit leuchtendem Blick zu:

»Ja, ja, so ist's, wir fühlten es ja auch alle – aber wie klar und schön Sie es jetzt ausgelegt haben.«

»Es ist so klar, daß es kaum noch einer Auslegung bedurfte – zudem hatte der Meister den bewußten Ring erst seit einem Jahr getragen, und seine Substanz war zweifellos noch mit fremden früheren Substanzen gemischt – das mußte die Beurteilung bedeutend erschweren.«

Darauf entstand eine Pause, und dann sagte die Dame sehr nachdenklich:

»Hören Sie, vielleicht liegt es noch einfacher – ich habe diesen Mann schon lange im Verdacht, daß er schwarze Magie treibt, und dann läge es wohl nahe, daß er alles wirklich Große und Schöne hassen – innerlich ablehnen muß. Und wiederum – daß der Meister nach jener Äußerung die Gesellschaft verließ, beweist doch stärker wie alles andere, daß er sich mit etwas Unlauterem in Berührung fühlte und sich dem entziehen mußte.«

»O, ich glaube,« warf Sendt spöttisch ein, »auch wenn man ihm von völlig lauterer Seite derartige Dinge sagte, würde er sich zurückziehen.«

»Das soll wohl wieder eine von Ihren logischen Spitzfindigkeiten sein,« erwiderte die Dame gereizt, »– aber die Sache trifft es nicht. Allerdings hätte er sich mit vollem Recht zurückgezogen – aber diese Dinge sind überhaupt nicht wesenhaft und gehören nicht zur Mitte.«

»Warum beschäftigt man sich denn immer wieder mit ihnen? Ich meine, vor kurzem noch gehört zu haben, daß die Beschränkung auf die weiße Magie nicht gebilligt wurde?«

»Gegen die schwarze sind von jeher schwere Bedenken erhoben,« antwortete die Dame etwas strafend.

»Besonders seit jener böse Magier die Substanz des Meisters so verkannte,« bemerkte Sendt, während er ihr in den Mantel half, denn sie hatte sich inzwischen erhoben, um zu gehen.

»Allerdings,« murmelte sie vor sich hin, und es klang sehr überzeugt. Dann brach sie auf und mit ihr der größere Teil der Gesellschaft. Nur Doktor Sendt und Susanna blieben noch.

 

Durch Klages bekommt die Reventlow Kontakt mit dem Kreis um Stefan George:

„Zuletzt sprachen sie viel von einem literarischen Kreise, um den es etwas ganz Besonderes sein muß...Übrigens genierte ich mich auch etwas, weil der Dichter (Stefan George), der den Mittelpunkt jenes Kreises bilden soll, mir ziemlich unbekannt war. Seinen Namen kannte ich wohl, aber von seinen Werken so gut wie nichts.

Da war ein junger Mensch mit etwas zu langen Haaren (ein Jünger von George, der dessen Dandy-Outfit und dessen Ästhetizismus nachahmt), auffallend hohem Kragen und violetter Krawatte, die auf ungewöhnliche, aber immerhin ganz geschmackvolle Art geschlungen war. (Frau Susanna stieß den Philosophen an und raunte ihm zu, es sei wohl eine »kultliche« Krawatte – und der antwortete: Violett – natürlich ist das kultlich.) Dieser junge Mensch also bezeichnete ihn ausschließlich als den Meister. Ich hatte bisher nur gehört, daß man in Bayreuth so redet, und es befremdete mich ein wenig. Überhaupt redete er mit einem Pathos, das mir im Kaffeehaus (Café Stefanie) nicht ganz angebracht schien und sicher auch jenen »Meister« unangenehm berühren würde, wenn er es zufällig hörte – und war sichtlich verstimmt über einige Bemerkungen der anderen Herren, besonders des Philosophen, der sich etwas ironisch über Heldenverehrung und Personenkultus äußerte.“

 

Die Reventlow kratzt am Stefan-George-Kult und entlarvt den Meister als unecht und theatralisch, und zeigt, daß die Kosmiker Anhänger des Spiritismus und der weißen und schwarzen Magie sind

 

Merkwürdige Dinge kamen da zur Sprache – eine ältere Dame erzählte: man (anscheinend Mitglieder jenes Kreises) wäre bei einer Art Wahrsager – einem sogenannten Psychometer – gewesen, und es sei unbegreiflich, wie dieser Mann durch bloßes Befühlen von Gegenständen den Charakter und das Schicksal ihrer Besitzer zu erkennen wisse – ja, bei Verstorbenen sogar die Todesart.

... er (der Hellseher) zeichnete (Stefan Georges Charakter) als unecht und theatralisch – und weshalb – weil er eben nicht ahnte, um wen es sich hier handelte.

Die George-Anhänger wollen dies natürlich nicht gelten lassen.

Darauf entstand eine Pause, und dann sagte die Dame sehr nachdenklich:

»Hören Sie, vielleicht liegt es noch einfacher – ich habe diesen Mann (den Hellseher) schon lange im Verdacht, daß er schwarze Magie treibt, und dann läge es wohl nahe, daß er alles wirklich Große und Schöne hassen – innerlich ablehnen muß. Und wiederum – daß der Meister (Stefan George) nach jener Äußerung die Gesellschaft verließ, beweist doch stärker wie alles andere, daß er sich mit etwas Unlauterem in Berührung fühlte und sich dem entziehen mußte.«

»O, ich glaube,« warf Sendt (Ludwig Klages) spöttisch ein, »auch wenn man ihm von völlig lauterer Seite derartige Dinge sagte, würde er sich zurückziehen.«

»Das soll wohl wieder eine von Ihren logischen Spitzfindigkeiten sein,« erwiderte die Dame gereizt, »– aber die Sache trifft es nicht. Allerdings hätte er sich mit vollem Recht zurückgezogen – aber diese Dinge sind überhaupt nicht wesenhaft und gehören nicht zur Mitte.«

»Warum beschäftigt man sich denn immer wieder mit ihnen? Ich meine, vor kurzem noch gehört zu haben, daß die Beschränkung auf die weiße Magie nicht gebilligt wurde?«

»Gegen die schwarze sind von jeher schwere Bedenken erhoben,« antwortete die Dame etwas strafend.

»Besonders seit jener böse Magier die Substanz des Meisters so verkannte,« bemerkte Sendt, während er ihr in den Mantel half, denn sie hatte sich inzwischen erhoben, um zu gehen....

Ich faßte Mut und fragte, was denn um Gottes willen das mit der Magie bedeute, die Dame sprach ja wie ein erfahrener alter Hexenmeister. – Schwarze und weiße Magie – was versteht man überhaupt darunter? Ich dachte, so etwas käme nur in Märchenbüchern oder im Mittelalter vor. »O nein,« sagte mir Sendt, »die Dame huldigt nur wie viele andere dem Spiritismus, und Sie müssen wissen, daß dieser von seinen Anhängern als weiße Magie proklamiert wird, weil man sich nur an die guten und sympathischen Geister wendet und mit ihnen Beziehungen anknüpft. Die schwarze Magie aber beschäftigt sich gerne mit den Geistern von Verbrechern und Bösewichtern, die sich noch nicht ganz von der Erde befreit haben. – Sie besitzen deshalb auch noch irdische Kräfte und rächen sich gelegentlich an dem, der sie beherrscht. Und der Magier, von dem hier die Rede war, hat sich eben so schlecht benommen, daß man ihm alles mögliche zutraut und sich in Zukunft vor ihm hüten wird.«

 

Die Seelenverwandtschaft der Kosmiker

 

Auch Alfred Schuler hielt sich für jemanden, der er nicht war: er glaubte ein reinkarnierter römischer Cäsar zu sein. Klages sah sich als der Künder und Priester einer neuheidnischen Religion. Der den Kosmikern verbundene Ludwig Derleth sah sich Jesus und Napoleon Bonaparte in einer Person. Karl Wolfskehl wollte sich im Rausch mit seinem Gott Dionysos vereinigen.

Waren diese Männer wahnsinnig ? Das muß verneint werden. Sie hatten in ihrer Seele nur eine Art autonome Region, in der sich der Gedanke festgesetzt hatte, sie seien etwas ganz Enormes, etwas Göttliches. Aber sie waren sich immer bewusst, daß sie in Wirklichkeit gewöhnliche Menschen waren, die teilweise unter ärmlichen und beschämenden Lebensumständen lebten, und in Wirklichkeit nicht grandios waren. Aber sie glaubten und hofften, einmal enorm zu werden. Hätte dieser Gedanke, daß sie Cäsaren oder gar Götter seien, vom Kern ihres Bewusstseins Besitz ergriffen, dann wären sie wahnsinnig geworden. Aber so weit kam es nicht. Sie hatten nur eine Obsession. Das Wort Obsession ist übrigens ein Wort, das ständig gebraucht wird, wenn über Künstler berichtet wird. Sie hatten eine Obsession und die machte sie zu Künstlern. George war der Fleißigste und Disziplinierteste von ihnen, und daher auch der Produktivste.

 

Stefan George und die Kosmiker

 

Obwohl er zeitweilig ähnlich dachte wie sie, sich an ihren Diskussionen und Maskenfesten beteiligte, hielt er doch zu ihnen Distanz. Er war kein eigentliches Mitglied der Kosmiker-Kreises. Aber er war mit seiner Exzentrik, mit dem Kult seiner Anhänger und seinem Manierismus und Ästhetizismus ein Stück von Wahnmoching.

 

George als Gegenstand der Satire

 

Arno Holz verspottete ihn in seiner „Blechschmiede“ in der Gestalt des „Appolonius Glogatha“ als „Süßlichen, lyrischen und hermaphroditischen Fisteltenor“. George erschien in Witzblättern und Satiren. Oskar Panizza verhöhnte ihn als „Sonnenheld Stefan der George“. Auch in zahlreichen Schlüsselromanen wurde er porträtiert.

Nicht nur im Roman der Reventlow, sondern auch in Wirklichkeit wurde er von seinen Anhängern „der Meister“ genannt, so wie Jesus von seinen Jüngern „Meister“ genannt wurde.

 

Ludwig Klages (geb. 10.12.1872 in Hannover, gest. 29.7. 1956 in Kilchberg bei Zürich)

 

Ernst Hoferichter schreibt über Ludwig Klages:

„Eines Mittags brachte Karl Wolfskehl aus der Staatsbibliothek wieder einen Stoß von Büchern mit und legte sie im möbilierten Zimmer von Ludwig Klages ab. Der blätterte nichtsahnend in den dicken Bänden, las eine Seite da und dort und entdeckte das damals völlig vergessene Werk „Mutterrecht“ von J.J. Bachofen. So geschah es in der Kaulbachstraße in Schwabing, daß das bedeutendste Werk über Mythenforschung wiederentdeckt und daß die Weltliteratur um das Wissen von der Magna mater entscheidend bereichert wurde...

Die biozentrische Runde und besonders Ludwig Klages wurden durch Alfred Schuler und die Wiederentdeckung Bachofens entscheidend beeinflusst. Am Parzivalplatz entlarvte Klages den Geist als Falschmünzer und Widersacher des Lebens. In der Runde erlebte der Eros kosmogonos seine Auferstehung. Das Leben...ward heiliggesprochen, und als geheimes Symbol für seine glühende Essenz trugen die Quellgeister der Runde die Krawatte aus scharlchrotem Tuch.

Die Krawatte aber war eine der wenigen Eigenarten, die an Ludwig Klages sichtbar wurden. Als Seelenforscher galt er schon vor dem ersten Weltkrieg als Gelehrter von hohen Graden. Er war Revolutionär und Entlarver gegenüber den beiden Mächten: Geist du Leben....Hier, im äußersten Norden der Künstlervorstadt, entstanden seine epochalen Werke über Ausdruckswissenschaft und Charakterkunde -  und als deren Seitenpfad die Schaffung der wissenschaftlichen Schriftbegutachtung.

Ich lernte Klages im Jahr 1920 kennen, wurde sein Schüler und durch seine Metaphysik des Lebens wie verwandelt. Das freundschaftliche verhältnis währte bis 1934...“

(Hoferichter erzählt uns hier die Version von Ludwig Klages, wie es zur Entdeckung von Bachofens Werk kam: Also eigentlich war er derjenige, der Bachofen entdeckt hatte, und nicht Wolfskehl. Das sagt einiges über Klages aus).

 

Klages war  blond, hochgewachsen, ein schöner junger Mann. Er besuchte das Lyceum I (= Ratsgymnasium) in Hannover. 1885 wurden Klages und Theodor Lessing in der Untertertia zu Klassenkameraden und freundeten sich an. Sie waren Gesinnungs- und Leidensgenossen. Die Mutter von Klages war früh verstorben und der Vater, ein Handlungsreisender in Tuchwaren, war übermäßig streng. Theodor Lessing war ein ungeliebtes Kind, der bei seinen Klassenkameraden darunter zu leiden hatte, dass er Jude war.

 

Als Fünfzehnjähriger hatte Ludwig Klages ein religiöses Erweckungserlebnis, als ihn ein Lehrer für das stabreimendes Epos „Die Niebelungen“ des umherziehenden „Barden“ Wilhelm Jordan begeisterte. Er begann ebenfalls ein Epos und Gedichte über die Naturgewalten, das wilde Heer und den germanischen Gott Wotan zu verfassen. In seinem Schülerzimmer experimentierte er mit der Magie. Später schrieb er: „Die Wurzeln meines Wesens reichen in die diluviale Vorzeit. Es ist ein Mitfühlen mit den fernsten und totesten Entwicklungsstufen, dem Urbasalt, dem Meere, den Wolken und Stürmen“.

 

Er begann 1891 in Leipzig das Studium der Chemie, Physik, Philosophie und Psychologie, hört u.a. Vorlesungen bei W. Wundt, arbeitet ein Zwischensemester am Polytechnikum in Hannover und wechselte 1893 nach München über, wo er 1900 in Chemie über den 'Versuch zu einer Synthese des Menthons' (muß wohl heißen: Synthese des Menthols) mit den Nebenfächern Physik und Philosophie promovierte. Er arbeitete aber nie als Chemiker, sondern lebte von graphologischen Gutachten, der Herausgabe der „Graphologischen Monatshefte“, für die er auch Artikel schrieb, von Vorträgen und von Autorenhonoraren.

 

Als Klages nach München zog, war er auf der Suche nach sich selbst und nach dem Leben. Schon 1893 lernte er Stefan George kennen, der wie er damals in der Pension Fuchs (Hessstrasse 34, Ecke Luisenstraße) wohnte. George fand in Klages einen interessierten und ihn bewundernden Gesprächspartner. Klages wurde Mitglied des George-Kreises.

 

Theodor Lessing und Ludwig Klages zerstreiten sich

 

Zum Wintersemester 1894/95 kam auch Lessing nach München. Für den George-Kreis hatte Lessing nur Misstrauen, Ablehnung und Spott. Über die Jünger Georges sagte er, sie seien Jünglinge, „die auf abfallenden Schultern die Menschheit himmelan tragen“. Gemünzt auf George und die Kosmiker sprach er von Dichtern, die im Talar des Prophetentums…allerlei Gelüst und Defekt verdecken“. Später (1910) beschrieb er in einem Rückblick Stefan George als einen „zäsarischen Leichnam auf Urlaub“. Umgekehrt hielten die Kosmiker nicht viel von Theodor Lessing. Karl Wolfskehl nannte ihn 1905 in einem Brief an Friedrich Gundolf einen „Süßwasserfisch…mit dem Geruch abgestandenen Himbeerpuddings“.

Am 1. Oktober 1899 schrieb Klages in einem Abschiedsbrief an Theordor Lessing:„Wir wissen beide (seit langem) um die zunehmende Entfremdung unserer Seelen. Jeder von uns mag wohl seine besondere Formel und Begründung dafür haben, und es wäre vergeblich, darüber Einverständnis erzielen zu wollen. – Mag dies geschehen sein, wie es will, – es ist so, dass unsere geistigen Begegnungen – so äußerlich und oberflächlich sie auch allmählich wurden – mehr und mehr der innere Einklang fehlt. Dadurch aber sind wir uns eher zur Last als zur Freude.“ Bei ihrer letzten Begegnung sagte Klages zu Lessing: „Du bist ein ekelhafter, zudringlicher Jude.“

 

Klages wird Graphologe

 

1885 wurde Klages  Mitglied des von seinem Freund, dem Bildhauer und Graphologen Hans Hinrich Busse geschaffenen „Instituts für wissenschaftliche Graphologie“. 1896 gründeten Busse, Klages und der Medizinstudent Georg Meyer die „Deutsche Graphologische Gesellschaft“, bei der später auch Elisabeth Förster-Nietzsche Mitglied war. Von 1900 bis 1908 gab Klages die „Graphologischen Monatshefte“ heraus, für die er Artikel schrieb. Sie bildeten die Grundlage für seine grapholgischen Bücher: „Grundlagen der Charakterkunden“ erschien erstmals 1910 unter dem Titel „Prinzipien der Charakterologie“), „Handschrift und Charakter“(1917) und „Grundlegung der Wissenschaft von Ausdruck“ (1935). Diese Bücher werden heute noch gedruckt und gelesen.

In der Graphologie hatte Klages Möglichkeit gefunden, seinen Lebensunterhalt zu finanzieren und seinen Neigungen nachzugehen. Die Graphologie befriedigt scheinbar auf einfache Weise das Bedürfnis, den Charkter eines Menschen an Hand seiner Schrift zu erkennen. Dieses Bedürfnis haben zum Beispiel Personalchefs, die einen Bewerber beurteilen sollen. Die Graphologie ist meiner Meinung nach keine Wissenschaft, sondern nur eine Pseudowissenschaft, die dazu verführt, Vorurteile über Menschen zu erwerben. Später befasste sich Klages mit Runen.

 

Klages gründet das „Psychodiagnostische Seminar“

1903 gründet Klages des „Psychodiagnostische Seminar“, das bis zum Kriegsausbruch 1914 bestand und sich zunehmendes Interesses erfreute. In dem Seminar hielt Klages pseudowissenschaftliche Vorträge über „Charakterologie“ und „Ausdruckswissenschaft“. Einige berühmte Literaten und Philosophen besuchten des Seminar, z. B. Karl Jaspers, Norbert von Hellingrath, Walter F. Otto, Heinrich Wölfflin u. a. Er hielt wiederholt Gastvorlesungen an deutschen Universitäten, und es wurde ihm sogar mehrmals eine akademische Laufbahn angeboten. Auf Vortragsreisen war er in Deutschland und der Schweiz unterwegs.

Klages als Philosoph und Prophet

 

Er hatte einen scharfen, analytischen Geist, aber viele wichtiger ist ihm die Seele. „Der Geist als Widersacher der Seele“ (Bd. 1 u.2: 1929, Bd. 3: 1932) ist eines seiner bedeutendsten Werke. Der kalte Geist habe die Technik und die Industrie geschaffen und lasse die Seele verkümmern. Der Mensch solle sich zurückbesinnen auf seine Seele, die in seinem Blut (d.h. seiner Abstammung) liege. Letztlich wurzele der Mensch im Schoß der Urmutter, der Mutter Erde.

 

Auf diese Ideen hatte ihn sein Freund Alfred Schuler gebracht. 1899 gründeten Ludwig Klages, Alfred Schuler, Karl Wolfskehl und Stefan George den Kreis der Kosmiker oder die kosmische Runde. Einen wesentlichen Impuls dazu hatte wohl das „römische Fest“ gegeben, das am 29. April 1899 in er Wohnung von Alfred Schuler stattfand.

 

Klages hielt sich für einen „Enormen“, für das Mitglied einer auserwählten Elite, zu der natürlich vor allem die „Kosmiker“ gehörten. Der Gedanke, daß die Abstammung das Wesen und das Schicksal eines Menschen bestimme, ist die Ideologie des Adels und der Feudalherrschaft. Klages ersetzt nur den Begriff „Adel“ durch den Begriff „Germanen“. Das germanische Blut adelt für Klages den Menschen. Das ist nicht besonders originell, sondern voll im Trend des 19. Jahrhunderts, als die Deutschen zu einer Nation zusammenwuchsen. Man besann sich auf die Wurzeln und suchte nach einer Identität. Man fand die Germanen und ihre Götter und ihre Religion. Zur Identitätsfindung gehört die Abgrenzung von anderen, z. B. den Juden. Man sah auch, daß die christliche Religion den Germanen übergestülpt worden war und daß das Christentum im Judentum wurzelte. Gleichzeitig wurden die Juden gleichberechtigte deutsche Staatsbürger und viele schafften durch Fleiß, Intelligenz, Unternehmergeist und Geschäftssinn den sozialen Aufstieg in die Welt der Akademiker, Verleger, Bankiers und Industriellen. Die alte Klassen des Landadels, aber auch die Handwerker und kleinen Kaufleute stiegen ab und wurden von der Industrialisierung überrollt. So wuchs der Neid und der Haß gegen die Juden.  Klages Vater gehörte der Klasse der kleinen Kaufleute an.

 

Klages als einer der Stammväter der Ökologie

 

Klages stand dem technischen Fortschritt ablehnend gegenüber und warnte vor den Gefahren der Umweltzerstörung. 1913 schrieb er unter dem Titel „Mensch und Erde“ einen Beitrag zur Festschrift der Freideutschen Jugend, die diese aus Anlass ihrer Jahrhundertfeier am Hohen Meißner herausgab. In diesem Aufsatz trat er nachdrücklich für den Naturschutz ein. Er schrieb: "Wir täuschten uns nicht, als wir den 'Fortschritt' leerer Machtgelüste verdächtig fanden, und wir sehen, dass Methode im Wahnwitz der Zerstörung steckt. Unter den Vorwänden von 'Nutzen', 'wirtschaftlicher Entwicklung', 'Kultur' geht er in Wahrheit auf Vernichtung des Lebens aus. Er trifft es in allen seinen Erscheinungsformen, rodet Wälder, streicht die Tiergeschlechter, löscht die ursprünglichen Völker aus, überklebt und verunstaltet mit dem Firnis der Gewerblichkeit die Landschaft und entwürdigt, was er von Lebewesen noch überlässt, gleich dem 'Schlachtvieh' zur bloßen Ware, zum vogelfreien Gegenstande eines schrankenlosen Beutehungers. In seinem Dienste aber steht die gesamte Technik und in deren Dienste wieder die weitaus größte Domäne der Wissenschaft."

 

Auf Grund solcher, durchaus anerkennenswerter Texte wurde Klages von der Umweltschutzbewegung als einer ihrer Vordenker wiederendeckt und kam in den 1990-er Jahren wieder zu neuen Ehren. Allerdings musste man auch zur Kenntnis nehmen, dass Klages ein überzeugter Antisemit war und als Wegbereiter nicht nur der Ökologie, sondern auch der Nazi’s angesehen werden kann.

 

Klages zieht 1915 in die Schweiz

Klages ahnte wohl voraus, dass der Erste Weltkrieg mit einer Niederlage Deuschlands enden werde. Er verlegte seinen Wohnsitz in die Schweiz nach Kilchberg am Zürichsee.

Klages versuchte eine Art Sekte um sich zu scharen. Alfred Schuler war so etwas wie der Hohepriester dieser Sekte.

 

Alfred Schuler (geb. am 22. Nov.1865 in Mainz, gest. am 8. April 1923 in München)

 

Ernst Hoferichter schreibt über Alfred Schuler: „Alfred Schuler, wohl die eigenartigste Erscheinung aus der Hoch-Zeit Schwabings, ist völlig in Vergessenheit geraten. Er hinterließ keine ‚Gesammelten Werke’, und doch war er der große Initiator für alle, die ihn erleben durften. Schuler lebte in tiefster Armut. Jeden Morgen giong er von Schwabing zum Viktualienmarkt, um sich für ein paar Pfennige einen geräucherten Hering zu kaufen. Die Tage verbrachte er nicht im Literaturcafé, sondern saß in den qualmenden Vorstadtschänken, in Tafernwirtschaften, in der Schwemme des Hofbräuhauses. Er durchwanderte die Gassen der Altstadt, die Auer Dult und die Arbeitsstätten der kleinen Handwerker. Den ‚Geist’ haben, nach Schulers Ansicht, die Professoren erfunden. Nachts aber begann er sein Werk. Er hielt Vorträge in Privatwohnungen oder er veranstaltete ein fürstliches Symposion für Pfennigwerte.

In diesen Nächten konnte man erfahren, wer Alfred Schuler war. Da wurde offenbar, daß in ihm – wie in wenigen Sterblichen – außergewöhnliche Mächte bereitlagen, um als Seelenbilder in selterner Farbenpracht und Plastik hervorzuquellen. Er war begnadet, das Rauschen vergangener Zeiten der Menschheitshöhen heraufzubeschwören und zum Nacherleben zu bringen. Und in Schwabing geschah es, daß im Alkovenzimmer eines Hinterhauses – jenseits aller okkulten Magie -  die Feste römischer Kaiser und Cäsaren, allein durch die Mystik des Wortes, so nahe kamen, daß der metallische Klang der Kampfschilde, das Aroma von Neros Weinsorten, der Dampf der kaiserlichen Bäder und die Aura des alten Roms zu erleben waren. Dabei war es ihm gegeben, diese Lebensschauer aus den Quellschächten seiner Seele in den Bereich plastischer Gestaltung heraufzuretten. Als Alfred Schuler frühzeitig starb, wurde er von seinen Schwabinger Freunden in Caesarentracht in den Sarg gebettet, auf dem die Worte standen: ‚Ultima lux’ (Letztes oder äußerste Licht).“

(Anmerkung: Diese Schilderung Hofrichters ist in einigen Punkten übertrieben, aber Karrikaturen treffen oft den Kern).

 

Alfred Schuler und seine Kosmiker-Freunde glaubten, daß sein Kopf dem eines römischen Cäsaren gleiche und er hielt sich für die Reinkarnation eines römischen Kaisers.

Schulers Persönlichkeit ging völlig im alten Rom auf. Wenn er bayrische Knödel oder Weißwürste aß, verwandelte sich dieses Mahl in seiner Vorstellung in Speisen, die bei einem römischen Gastmahl gereicht wurden. So wie Don Quichotte in der Welt der Ritter lebte, so lebte Schuler in der Welt der Römer. Wenn er auf etwas stieß, das sich in seiner Phantasie nicht in etwas altrömisches zurückverwandeln ließ, war er ratlos.

Er besuchte regelmäßig die Auer Dult, weil er hoffte, dort Reste römischer Kultur sammeln zu können.

 

Schuler war untersetzt, hatte einen Spitzbauch und einen für den Körper zu großen Kopf. Er hatte einen monotonen Tonfall und eine singende Sprechweise (was aber bei jemand aus der Pfalz nichts Ungewöhnliches ist). Sein Gesicht wirkte maskenhaft, wie besessen. Er kleidete sich schwarz wie ein Geistlicher. Er hatte einen schwarzen, toga-ähnlichen Mantel.

 

Er war der Sohn des Appellationsgerichtsrates August Schuler (1825-1887) und seiner Frau Katharina, geb. Ries (1829-1912).

Von Mainz kam er als Kind nach Zweibrücken in der Pfalz. Dort bekam sein Vater die Stelle eines Oberlandesgerichtsrates. In Zweibrücken besuchte Alfred Schuler die Volksschule und zwischen 1876 und 1887 das altsprachliche Gymnasium in Zweibrücken.

 

Alfred Schuler und die Römer

 

Er interessierte sich für die Überreste römischer Vergangenheit, die im Umkreis von Zweibrücken zu finden waren. Schuler schreibt 1883 über sich (Text aus dem Nachlass):

„Während sich nun in immer regelmäßiger Einförmigkeit eine Schulwoche nach der andern abwickelte, wendete ich mich in den Mußestunden jenen fernen, schönen Zeiten zu, da die Römer unsere Gaue bewohnten und begann an der Hand meines Vaters das Studium der Archäologie. – Vor allem war es natürlich die Baustelle der Römerkolonie des nahen Ixheim, die meine Aufmerksamkeit erregte. – Da liegen heute noch am ganzen Hang des Berges zerstreut: Trümmer von  Randziegeln, Hohlziegeln, Estrichtrümmer und Stücke von farbigem Wandbestrich – untrügliche Zeichen römischer Bauten. – Wenn ich sodann in den Trümmern von Schwarzenacker verweilte, und rings um mich frisch aufgeworfenen Schutt der eingesunkenen Römervillen lag, da belebte sich plötzlich meine öde Umgebung. Aus den halbverbrannt umherliegenden Menschenknochen, die an eine furchtbare Katastrophe erinnerten, stiegen die Geister der Vorzeit. Aufs neue wölbten sich die längst verschwundenen Hallen, aufs neue sprudelte Wasser durch die säulenumrahmten Höfe und Bäder, und jubelnde Bacchantinnen umtanzten die zechenden Gäste...Zeitweise lebte ich ganz in jener idealen Zeit.

Doch mein Verlangen nach jenen fernen Zeiten knüpfte sich bald an einen Punkt der wirklichen Gegenwart, an das Land, aus dem all jene Kultur zu uns ins Gallierland geflossen, aus dem der Römer mit seiner Kunst und Bildung zu uns herübergestiegen: Italien. Wohl ist auch dort Alles Schutt und Trümmer, aber doch glauben wir in jenem Land der Antike näher zu sein – Den Stadtplan Roms hatte ich aufs genauseste studiert: kein Templel, keine Säule entging mir.“

 

Alfred Schuler, der ewige Student

 

Nach dessen Tod seines Vaters zog er 1887 mit seiner Mutter nach München, wo er bis zu seinem Tode blieb. Er  wohnte mit seiner Mutter gemeinsam in der Luisenstraße 38a und später in der Luisenstraße 69. Seine Mutter finanzierte bis zu ihrem Tod 1912 seinen Lebensunterhalt aus ihrer Witwenrente. Am 25.10.1887 immatrikulierte er  sich an der Ludwigs-Maximilian-Universität an der juristischen Fakultät. Aber er vernachlässigte das Studium, das seinem späteren Broterwerb und eventuell Karriere dienen sollte und saß lieber in den Vorlesungen für Archäologie, Geschichte und Kunstgeschichte bei den Professoren Traube, Furtwängler und Brunn.

Bei den Archäologie-Vorlesungen merkte er wohl bald, daß die Archäologie eine sehr mühsame und mitunter sehr trockene Angelegenheit ist. Mit der Realität der Archäologie konfrontiert und den Mühen, die ein solches Studium erfordert, verlor er bald das Interesse. 1889 notiert er in sein Tagebuch:

„Sic transit gloria mundi. – Ich wollte Archäologe werden; verzweifelter Entschluß, aber ich glaube, ich wollte es wirklich – so einige Wochen“.

Jetzt will er sich lieber der Kunst des Altertums zuwenden. Dann merkt er aber, daß er auf ein wissenschaftliches Studium der Kunst auch keine Lust hat. Vor sich rechtfertigt er das etwa so: Als ewig Studierender wäre ich wie ein Eunuch, denn ich könnte keine Kunst hervorbringen. Was die antike Literatur betrifft, da muß man erst einmal richtig Latein und Griechisch lernen – und das ist sehr trocken und mühsam.

Anfang der neunziger Jahre gibt Schuler seine juristisches Studium offiziell auf und beginnt, Geschichte zu studieren. Darin sieht er jetzt seine eigentliche Begabung. Er schreibt:

„Jeder kann nur zu Markte tragen, was er besitzt: in einem Silberbergwerk kann nicht nach Gold...gegraben werden; sollte man das, was man von der toten Natur nicht verlangen kann, gar von einem Menschen fordern und noch obendrein ihm vorwerfen dürfen, wenn er es nicht leistet?“

Er will seine Doktorarbeit über den römischen Feldherrn Stilicho (von Geburt ein Wandale) schreiben. Aber bis dahin muß er erst einmal sein Studium absolvieren. Das betreibt er ohne sonderliches Interesse. 1895 versucht er einen wohlhabenden Bekannten anzupumpen – mit der Begründung, seine Doktorarbeit gehe bald in Druck. In seinem Nachlass findet man aber kein ausgearbeitetes Konzept, geschweige den einen als Doktorarbeit brauchbaren Text.

Schuler blieb ein „bemooster Student“,  legte keine Examina ab und blieb ohne Hochschulabschluß.

 

Schuler begeistert sich für Ibsen und den Naturalismus

 

Der Schriftsteller Michael Georg Conrad (1846 bis 1927) gab in München die Zeitschrift „Die Gesellschaft“ heraus. Er war Vorkämpfer des Naturalismus, zu dessen Ahnherren Zola, Ibsen und Dostojewski gehörten. Schuler lernte Conrad persönlich kennen und muß noch vor 1890 die wichtigsten Texte für die Weltanschauung des Naturalismus gelesen haben. Der Naturalismus lehnt jede metaphysische Spekulation ab und lässt nur die wissenschaftlich belegbaren Tatsachen gelten.

1890 hat Schuler Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem in München weilenden Ibsen. Schuler will Dichter werden und möchte sich bei Ibsen Rat holen. Er plante eine naturalistische Tragödie unter dem Namen „Die Epigonen“ zu schreiben.

Der einzige Text aus der Feder Schulers, der je zu seinen Lebzeiten gedruckt wurde, ist ein 1893 in der „Gesellschaft“ erschienener Aufsatz über Ibsens „Baumeister Solness“.

 

Es wundert einen schon, daß ausgerechnet der Esoteriker Schuler sich für den Naturalismus begeisterte – der von George entschieden abgelehnt wurde. Aber die Naturalisten kritisierten auch die bürgerliche Gesellschaft, die sich behaglich einrichtete und das Elend der Arbeitervorstädte nicht zu Kenntnis nahm. Auch die Naturalisten revoltierten gegen die Industriekultur – aber aus anderen Gründen als die Kosmiker.

Schuler wurde durch einen Freund auf Ibsen aufmerksam und schrieb an ihn einen Brief. Was ihn an Ibsens Werk so ansprach, war die Gesellschaftskritik. Ähnlich war es ja bei der Reventlow. Nach einem Besuch des „Volksfeindes“ schreibt er in sein Tagebuch: „Ja, das war ein luftreinigendes Gewitter ! Zündende Blitze in unsere alterssieche, absterbende Ideenwelt geschleudert. – Diese neuen, zündenden Gedankenblitze, sie sind die sicheren Vorboten einer gewaltigen, inneren Revolution unserer Gesellschaft.“

1894 glaubt Schuler, daß das in diesem Jahr von ihm entdeckte  „Kosmische“ mit dem Sozialistischen nah verwandt ist. Aber später geht Schuler immer mehr auf Distanz zum Naturalismus. Vor allem kann er sich für dessen Fortschrittsoptimismus nicht begeistern.

Er sieht zwischen der Gegenwart der Jahrhundertwende und der römischen Kaiserzeit eine Parallele. Das ist nichts Ungewöhnliches oder Originelles. Der Kulturpessimismus, das Gefühl des „Fin du Siècle“, der „Décadence“, ist in Mode. Man weiß, daß man in einer Spätzeit lebt. Oswald Spengler wird das später in seinem „Untergang des Abendlandes“ ausführlich belegen.

 

Schuler wendet sich wieder vom Naturalismus ab

 

Bis 1897 arbeitet Schuler an einen Roman mit dem Titel „Aeolus“ (das ist der Gott des Windes). In den Jahren nach 1893 ist Schuler zunehmend einsamer geworden. Er hat sich vom Naturalismus abgewendet. Jetzt verherrlicht er den Rausch und liebt die Nacht. In dem Aeolus-Fragment heißt es: „Im Genuß geht jeder Gedanke unter. – Wir durchdringen Nichts – gar nichts – weder jetzt noch jemals, dann das Wesen der Dinge ist die Nacht (...) – Ja, die Nacht ist unsere Beherrscherin. Denn das Licht strömt nur aus einzelnen Punkten, sie aber füllte den endlosen Raum. Wozu mit der Verzweifelung in der Brust die Spanne des Lichtes erkaufen, die ein Gedanke um uns wirft. Der ermöglicht nur ihre grinsenden Schatten zu sehen, die uns verborgen bleiben, wenn wir den dunklen Trieben gehorchen (...)‚ Mut, mein Lieber, auch für dich trägt die schwarze Mutter, wie für die vielen Tausenden eine – Granatblüte im Haar... Schrankenlose, alles überwältigende Seeligkeit überkam ihn. Der Vorhang war weit auseinandergezogen. Auf der Schwelle vom strahlenden Oecus umhaucht, hoben sich die Formen einer nackten Kanbengestalt, um deren Reize Mond und Lampenlicht zu ringen schienen (...) In der Tiefe des Oecus aber züngelten rötliche Flämmchen durch sinkende Weihrauchschleier, während leuchtender Räucherdunst aus dem Inneren drang. Da fühlte Aeolus seinen Hals von einem nackten Arm umschlungen, glühende Lippen pressten sich auf die seinen, und eine unwiderstehlich süsse Gewalt zog den Willenlosen über die Schwelle.“

Gerhard Plumpe schreibt: „Die Szene trägt alle Züge eines erotisch-zeremoniellen Initiationsritus, der den ‚Kandidaten’ den Schritt aus seiner gewohnten Welt in den neue Sphäre tun lässt. (Erleuchtete Pforte – Schwelle – auseinandergezogener Vorhang).“

 

Die Nerobroschüre

 

1894 reiste Schuler einige Wochen nach Rom. Im gleichen Jahr veröffentlichte der spätere Friedensnobelpreisträger Ludwig Quidde eine Broschüre mit dem Titel: „Caligula“. In ihr wird Kaiser Wilhelm II. als römischer Kaiser parodiert. Caligula heißt übrigens „Das Stiefelchen“. Wilhelm II. ist also das Militärstiefelchen. Es geht gegen die imperialistische Politik Deutschlands.

Was Quidde nicht ahnen konnte, war, daß Schuler durch Quiddes Parodie das kaiserliche Rom beleidigt sah, so wie ein Tierliebhaber für die Esel Partei ergreift, wenn sie mit Menschen verglichen werden. Schuler entwirft eine „Nerobroschüre“. Er will darin zeigen, der Ansicht, daß der Blick auf das kaiserliche Rom einen Ausweg für sich in der Krise befindliche Zivilisation zeigen kann.

In den Handschriften der Broschüre zeichnete er erstmals das Hakenkreuz (die Swastika) an den Rand. Über die Swastika wollte er eine Doktorarbeit schreiben.

 

Mitte der neunziger Jahre hatte Schuler schon jede Hoffnung auf eine soziale Erneuerung aufgegeben. Nicht die Massen, sondern die großen Individuen allein konnten aus seiner Sicht einen Umschwung herbeiführen. So bereitete er dem Ruf nach einem starken Führer den Boden. Ein solches großes Individuum sah er in Nietzsche. Aber der war krank. Schuler versuchte ihn durch einen magischen Ritus zu heilen, bei dem junge Männer um ihn herumtanzen und ein „ityphallisch erregter Knabe“ mit einem Spiegel auftreten sollte.

Auch auf Kaiserin Elisebeth setzte er große Hoffnungen. Er plante, ihr eine Pergamentrolle, die seine wesentlichen Gedanken in Form von Fragmenten enthielten, zu überreichen und sie so für sich zu gewinnen. Wenige Tage bevor er bei ihr eine Audienz haben sollte, fiel sie am 10.9.1898 einem Attentat zum Opfer. Der dritte Hoffungsträger war der Märchenkönig Ludwig II. Leider war er seit 1886 schon tot.

 

Schulers latente Homosexualität

 

Er hatte homosexuelle Neigungen und schwärmte von „junge Soldaten und Matrosen, Boxern und Ringern, von muskelfesten Arbeitern im Arbeitskittel und von starkbrüstigen Bauernbuben im Gebirglerkleid“ (Theodor Lessing in „Einmal und nicht wieder“). 1889 entwickelte er eine Leidenschaft für einen Münchner Piccolo, den er als Muse für seinen Roman „Lucerius“ nutzen wollte. Der soll die Vernichtung der römischen Siedlungen an der Blies (in der Nähe von Zweibrücken) schildern. In seinem Fragementkomplex „Tiberius“ aus dem Winter 1890 erscheint das Motiv des Hermaphroditismus. Er schreibt: „In den ersten Nachstunden des Tages, da steigt es manchmal in mir empor heiss und wild und süss zugleich, ein rohes, ungestümes Toben und Drängen – Gestalten, purpurglühend in sprühender Finsternis – weder Mann noch Weib...“

Er war sich über seine homosexuelle Veranlagung im Klaren, aber er lebte sie nicht aus, weil derartiges die Gesellschaft so etwas damals nicht tolerierte. Seine Begeisterung für die Gesellschaftskritik rührte wohl auch daher, daß er sich als Teil einer von der bürgerlichen Gesellschaft unterdrückten Minderheit war.

 

Schuler, der Dichter, der keine Werke, sondern nur Fragmente zustande bringt

 

Eines seiner nie vollendeten Werke heißt „Die Epigonen“. Schuler sieht sich selbst als Epigone, ein Nachgeborener, der ohne eigene schöpferische Kraft nur das wiederholt, was andere schon vorher gedacht und geleistet haben. Dieser Mangel an Talent, aber auch an Fleiß und Ausdauer, auch an inneren und äußeren Erlebnissen, führt dazu, daß er außer Vorträgen und Aufsätzen kein größeres Werk zustande bringt. Nachdem seine Bemühungen, seine akademische Laufbahn zum Abschluß zu bringen ebenso gescheitert sind wie sein Versuch, Dichter zu werden, braucht er etwas, das ihm hilft, sich selbst nicht als Versager zu sehen. Er legt sich eine Weltanschauung, eine Religion zu. Er wird Kosmiker. So wird aus einem Versager, einer gescheiterten Existenz, einem, der von der Rente seiner Mutter lebt, einer, der in sich die Kraft des Blutes fühlt und weiß, daß er kein Belangloser, sondern ein „Enormer“ ist. Er spinnt, aber der Wahn hilft ihm, nicht verrückt zu werden und sein inneres Gleichgewicht wieder zufinden.

 

Parallelen zwischen Schuler und Hitler

 

Die Parallelen zu Hitler sind nicht zu übersehen. Bei beiden war die Mutter Beamtenwitwe und der Sohn lebte von ihrer Rente. Allerdings starb Hitlers Mutter früh, sodaß Hitler in die bitterste Armut stürzte und im Obdachlosenasyl leben musste. Bei beiden sehen wir die durch Mangel an Talent und Fleiß gescheiterten Versuche, Künstler zu werden. Bei beiden beochten wir die Hinwendung zu einer rassistischen Weltanschauung, die ihnen sagt: „Du bist kein Versager, sondern Angehöriger einer auserwählten und mit göttlicher Kraft begabten Rasse.“

Und beide verkehrten später im Salon der Elsa Bruckmann. Ob sie sich dort begegneten ? Und wenn sie sich begegnet wären – Hitler war damals schon der Führer einer aufstrebenden Partei, der die Bekanntschaft mit Sonderlingen wie Schuler eher als imageschädigend ansah.

 

Klages uns George besuchen Schuler

 

Ludwig Klages machte Stefan George mit Alfred Schuler 1897 bekannt, indem beide Alfred Schuler in seiner Wohnung in der Luisenstraße besuchten.  Klages schreibt darüber später (in: „Einführung in: Schuler, Alfred, Fragmente und Vorträge aus dem Nachlass“, Leipzig 1940):

„Man male sich aus: mitanwesend Schulers bereits damals sehr alte Mutter, bedienend und helfend; im besten seiner nicht geräumigen Zimmer eine längliche Tafel, imgrunde bescheiden, für seine Verhältnisse üppig mit Speisen bedeckt; Licht von Kerzen und einem römischen Dreidochter; vor diesem auf metallenem Sockel eine Nachbildung des ‚Adoranten’, dahinter Lorbeer und anderes Grün; um jeden Teller ein Kranz leuchtender Blüten; Weihrauchduft. – Nach der Mahlzeit beginnt er mit dem Vorlesen seiner stärksten Fragmente, mächtig schon einsetzend und zu immer mächtigerem Pathos fortgerissen. Es bildete sich, so möchte man meinen, ein magisches Feld, Verwandtes sich anähnelnd, alles Fremde fortstoßend und austreibend. Die alte Mutter ist in sich zusammengesunken; Wolfskehl, seelisch und geistig immun, saugt und assimiliert; seine Frau sitzt teilnahmslos da, denn ihr ist das ‚zu hoch’; George gerät in wachsende, schließlich kaum noch beherrschte Erregung. Er hat sich hinter seinen Stuhl gestellt; fahler denn fahl scheint er im Begriff, die Fassung zu verlieren. Keiner vernimmt noch genau, was Schuler kündet; doch aus dem Dröhnen seiner Stimme wächst ein Vulkan, der glühende Lava schleudert, und aus der Lavaglut steigen purpurne Bilder, besinnungsraubend, entrückend. – Wann es vorbei ist, wie es vorbei ist, bleibt unfasslich, nur daß es vorbei ist, weiß unversehns jeder, indem er aufbruchsbereit einen Strauß in der Hand hält: je einen Fetzen der Kerze, die Schuler zerrissen hat, um seine Gäste zum Abschied damit zu beschenken.“

Draußen, auf der Straße, sagte George zu Klages: „Das ist Wahnsinn ! Was haben Sie getan, mich dorthin zu locken ! Das ist Wahnsinn ! Führen Sie mich fort; führen Sie mich in ein Wirtshaus, wo biedere Bürger, wo ganz gewöhnliche Menschen Zigarren rauchen und Bier trinken ! Ich ertrage es nicht !“

Klages meint: Schuler plante einen „besitzergreifenden Angriff auf die Seele Georges“.

 

Bereits 1897 muß in Schulers Wohnung eine Art „römisches Fest“ stattgefunden haben. Stefan George widmete ihm aus diesem Anlaß eine Gedicht, das in der zweiten Auflage des „Jahres der Seele“ erschien. Weitere Zusammentreffen mit den Kosmikern folgten. Das Fest vom 29.4. 1899 wird als der Höhepunkt der Versuche angesehen, George zum Medium der kosmischen Bewegung zu machen – ohne Erfolg.

 

Wolfskehl und Klages schlugen George vor, in den „Blätter für die Kunst“ Fragmente von Schuler zu veröffentlichen. Aber diese „Kunstwerke“ Schulers genügten den Ansprüchen Georges nicht – er fürchtete um das Ansehen seiner Literaturzeitschrift. So kam es zu einer ersten Verstimmung zwischen Schuler/Klages und George. Die beiden warfen später George vor, er habe zwar die kosmische Substanz, aber was mache er daraus ? Kunst. Das sei zu wenig.

 

Schuler und Klages

 

Schuler beeinflusste Klages immer mehr. Zunächst hielt Klages ihn für einen genialen Sonderling, der zwar bedeutende Gedanken hatte, die aber nicht zugänglich waren. Schuler konnte sich nicht begrifflich ausdrücken. Klages aber konnte analysieren, abstrahieren und formulieren. So ergänzten sie sich und entwickelten ihre Weltanschauung, die nun dank Klages auch nach außen vermittelt werden konnte. Schuler und Klages bildeten den eigentlichen Kern der Kosmiker.

 

Alfred Schuler sucht  „heidnische Substanzen“

 

Schuler war der „geistige Vater des Wahnmochinger Heidentums“ (Reventlow). Er glaubte, daß die römische-heidnische „Seelensubstanz“ in ihm fortlebte. Er suchte überall den Geist der Vergangenheit: in alten Gemäuern und auf dem Flohmarkt der Auer Dult. Er suchte nach verborgenen „heidnischen Substanzen“ und war von dem Gedanken besessen, sie wieder aufleben zu lassen. Er glaubte an Magie. Das war aber nichts Ungewöhnliches zu dieser Zeit. In London war schon Jahrzehnte vorher der esoterischen Geheimorden „Golden Dawn“ entstanden und der Kreis der Theosophen, denen auch Rudolf Steiner zeitweise angehörte, und der sich dann von ihnen trennte und seine Anthroposophie begründete. Spiritismus und Okkultismus waren um die Jahrhundertwende weit verbreitet.

 

Alfred Schuler und die „Blutleuchte“

 

Eine zentrale Rolle in der Weltanschauung des Alfred Schuler nahm die „Blutleuchte“ ein. Schuler spricht von einer „vibrierenden Lichtfülle“, der „verklärenden, seligmachenden Kraft“, sie sei das „essentielle Leben“. Über die „Blutleuchte“ wurde ja schon ausführlich in dem Abschnitt über die Kosmiker berichtet.

 

Alfred Schuler nach dem großen Schwabinger Krach

 

Nach dem Zerbrechen der kosmischen Runde war für Schuler die Hoffnung geschwunden, daß einige auserwählte Individuen eine Wende der Geschichte herbeiführen und das neuheidnische Reich ins  Leben rufen könnten. Er geriet immer mehr in Isolation und spielte mit dem Gedanken an Selbstmord, den er als „Opfertod“ sah.

Er beschäftigte sich immer mehr mit Totenkult und Totenwelt. Das machte ihn zu einem unheimlichen, aber auch faszinierenden Zeitgenossen. Eine Weile beschäftigte er sich mit Magie und Freimaurerei – wandte sich aber davon  wieder ab, als er in ihr ein „molochitisches Instrument“ zu erkennen glaubte (Wegen der angeblichen Welt-Verschwörung der Juden und Freimaurer). Dem Okkultismus schloß sich Schuler ebenfalls an und nahmnoch 1921 an den Séancen des berühmte Barons von Schrenck-Notzing teil.

 

Alfred Schuler gerät in finanzielle Not

 

Als seine Mutter 1912 gestorben war, war seine einzige Einkommensquelle, die Witwenrente seiner Mutter, weggebrochen. Zunächst gab ihm der Arzt Professor Freitag, Sohn des berühmten Dichters Gustav Freitag („Die Ahnen“), einen Job. Er sollte die umfangreiche Bibliothek des Arztes katalogisieren. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges fiel dieser Unterhalt weg, aber die Gattin des reichen Verlegers Hugo Bruckmann, nämlich Elsa Bruckmann-Cantacuzène, (wohl identisch mit der „kappadozischen Dame“ in Herrn Dames Aufzeichnungen) unterstützte ihn aus Mittel der von ihr gerade gegründeten „Kriegshilfe für geistige Berufe“.

 

Alfred Schuler hält Vorträge

 

Im Rahmen dieser Organisation hielt Schuler im Jahr 1915 zum ersten Mal seinen Vortragszyklus „Vom Wesen der ewigen Stadt“. So wurde er einer, wenn auch bescheidenen Öffentlichkeit bekannt.

Schuler konnte vor einem Auditorium nur sprechen, wenn er nicht das Gefühl hatte, daß uner den Zuhörern welche seien, die ihn ablehnten. Elsa Bruckmann, die die Organisation der Vorträge übernahm, bemühte sich, für einen handverlesenen Hörerkreis zu sorgen.

Der Zyklus umfasste in dieser frühen Fassung drei Einzelvorträge: „Im Zeichen des Eros“, „Ausgleich und Caesarismus“ und „Im Zeichen des schwarzen Rades“.

 

Wieder hatte Schuler mit dem für ihn so typischen Problem zu kämpfen: Er konnte seine Gedanken nicht so ordnen, daß ein zusammenhängendes Ganzes entstand. Er biß sich an Details fest und konnte immer nur Bruchstücke zustande bringen. Aber Klages half ihm, die Bruchstücke zu ordnen, die fehlenden Zwischenräume auszufüllen und daraus einen Vortrag zu machen.

 

Den letzten der drei Vorträge hörte auch Rainer Maria Rilke. Er schrieb darüber an Marie von Thurn und Taxis: am 18.3. 1915):

 

„Ein paar Vorträge, zu denen man einen sonst ganz eingezogenen Mann kürzlich bewogen hat, haben den kleinen Kreis, der dazu zusammenkam, wunderlich erregt und beschäftigt...Stellen Sie sich vor, daß ein Mensch, von einer intuitiven Einsicht ins alte kaiserliche Rom her, eine Welterklärug zu geben unternahm, welche die Toten als die eigentlich Seienden, das Toten-Reich als ein einziges unerhörtes Dasein, unsere kleine Lebensfrist aber als eine Art Ausnahme davon darstellte: dies alles gestützt durch eine unermessliche Belesenheit von einem solchen Gefälle innerer Überzeugung und Erhebung, daß der Sinn unvordenklicher Mythen, gelöst, in dieses Redebett herbeizustürzen schien, den Sinn und Eigensinn des seltsamen Sonderlings auf einer großen Strömung tragend“

 

Im Winter 1917/1918 wiederholte Schuler die Vorträge in München. Jetzt hatte er aus den drei Vorträgen sechs gemacht. Rilke kündigte aus Berlin aus sein Kommen an. Er schrieb an Schuler: „Es ist eine sehr große Freude für mich, daß Sie sich entschlossen haben, das wichtige und bedeutende Erlebnis Ihrer tief erlebten Arbeit in sechs Vorträgen vor uns hinzustellen; leider werde ich den ersten Abend versäumen müssen, da ich nicht vor dem 8. Dezember in München eintreffen kann. Den anderen Vorträgen aber hoffe ich ein aufmerksamer Hörer zu sein. Sie wissen, daß ich das, was Sie zu geben haben, für ganz unschätzbar halte“.

Als Rilke das Frühjahr 1918 in München verbachte, sahen sie sich häufig. Rilke bestärkte Schuler darin, seine Vorträge nochmals zu halten – diesmal in Dresden im Hause der Malerin Hedwig Woermann-Jaenichen, und zwar im April und Mai 1918. Einer der Zuhörer in Dresden war der Maler und Schriftsteller Oskar Kokoschka.

 

Obwohl es ihm nun allmählich gelang, über den engsten Kreis seiner Freunde in München hinaus zu wirken, blieb er dennoch in seiner tiefen Resignation. Verbittert schrie er an Klages: „Was nützt es einem Weibe, wenn es nach jahrzehntelangem Harren endlich zum Beischlaf kommt, wenn die Zeit er Conceptionsfähigkeit vorbei ist ?“

 

Bei seinen Vortragsabenden fühlte er sich sichtlich unwohl. Er schrieb an Klages: „Ich selbst – kam mir in diesen geschlossenen Abenden wie ein Maikäfer in der Zigarrenkiste vor, der die ihm reichlich gespendeten grünen Blätter nicht frisst, weil er nur die Schranken des Gefängnisses empfindet.“

 

Seine letzten Lebensabende sicherte Elsa Bruckmann finanziell ab. An sie schrieb er: „Wenn ich gleichwohl aus dem nunmehr materiell gesicherten letzten Teil meines Lebens eine Nachlese erhoffe, die ich der Menschhiet als ein nicht ganz wertloses Vermächtnis hinterlassen darf, so verdanke ich das ganz besonders Ihrer werktätigen Interessenahme an meinem Schicksal...“

 

Schuler stand mit der Witwe Bachofens (Luise Bachofen-Burckhardt) in brieflichem Kontakt . Sie schickte ihm 1917 die Autobiographie ihres Mannes zu.

 

Im März und im Juni 1922 wiederholte Schuler zum letzten Mal seine Vorträge in München.

 

Auf seiner Grabplatte steht die Inschrift:

D M  ET LUMINIBUS MAJORUM ALFRED SCHULER

VIVUS SIBI HUNC MONUMENTUM TRANSITIV FEC(it) !

Das heißt: „Dieses Monument ließ zu seinen Lebzeiten Alfred Schuler, als einer, der auf der Durchreise war, zu Ehren von D M  und für die Lichter der Ahnen (=Blutleuchte) bauen“. Rätsel gibt die Abkürzung D M auf. Es könnte heißen: Deo mortuorum, dem Gott der Toten.

 

Karl Wolfskehl (geb. am 17. Sept. 1869 in Darmstadt, gest. am 30. Juni 1948 in Bayswater/Auckland/Neuseeland)

 

Hans Brandenburg schreibt über Wolfskehl: ... der ungekrönte König von Schwabing. Einem altjüdischen Mainzer Rabbiner- und Patriziergeschlecht entstammend und so breit und hoch gewachsen wie Conrad, der Franke aus Bauernblut, war er der andere, der neue Führer der Münchner Literatur, durchaus der Antipode des Naturalismus, dem er nicht die geringste künstlerische Bedeutung zugestand. Er war das Haupt des Georgekreises, Stefan Georges Trabant und Mäzen, dabei ein Alleswisser, ein Geistesfürst in der Beherrschung aller Gebiete der Weisheit und Schönheit, ein Kenner und Erneuerer der ältesten deutschen Poesie und selbst Dichter und ein dionysischer Lebenskünstler. Sein geselliges Haus stand weit offen, aber in der innersten Zelle an Gästeabenden sein erlauchtester Gast, der Meister nur die Erwählten. Der George-Kreis war der Kreis der Kreise...

(Wolfskehls) Darmstädter Bonhomie, seine mundartliche Jovialität drangen in alle Kreise, alles überbrückend und umschlingend, auch in die feindlichen, so exklusiv auch seine geistigen Maximen blieben. Und sicher hat es zwischen ihm und Conrad nie eine unfreundliche Begegnung gegeben.

Wolfskehl war Germanist und Zionist. 1893  promivierte er mit der Dissertation „Germanische Werbungssagen“. Er stammte aus einer Darmstädter Bankiersfamilie, die sich zum liberalen Judentum bekannte. 1897 sollte in München der erste Zionistenkongress stattfinden. Aber die örtliche Israelitische Kultusgemeinde lehnte dies ab, weil sie fürchteten, der Zionismus würde den liberalen Juden, die sich als deutsche Staatsbürger sahen, schaden.

1899 gründete Wolfskehl die Münchner zionistische  Ortsgruppe. Er hatte sich vom liberalen Juden zum Zionisten gewandelt. Er hoffte, daß in Jerusalem eine jüdische „Blutleuchte“ entstehen werde. Er war überzeugt, daß in den Juden heidnische Seelensubstanzen vorhanden wären. Nicht zu Unrecht war er der Ansicht, daß die Juden ursprünglich Anhänger von Furchtbarkeitsgöttern (der Baale) und einer Muttergottheit, der Aschera, waren, von der, wie wir heute wissen, bis etwa 600 v. Chr. eine Kultbild im Jahwehtempel zu Jerusalem stand (weil sie die Partnerin Jahwes war).

Wolfskehl „entdeckt“ Bachofen

Wolfskehl, der Alleskenner und Vielwisser, war schon während seiner Zeit als Doktorand in der Bayerischen Staatsbibliothek auf ein Werk des Baseler Archäologen und Altertumswissenschaftlers Johann Jakob Bachofen gestoßen. Es war 1861 erschienen und hieß: „Mutterrecht – Untersuchung über die Gynaikratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur“. 1899 machte Wolfskehl  Schuler und Klages damit bekannt. Bei Bachofen fanden sie das, was sie schon selbst ahnten und dachten, von einem ernstzunehmenden Wissenschaftler bestätigt. Sie waren begeistert und machten Bachofen zu ihrer höchsten wissenschaftlichen Instanz. Ludwig Klages zog sich fünf Wochen lang in seine Wohnung zurück, empfing keine Freunde mehr und studierte nur noch Bachofen.

Die Reventlow spötelt in Herrn Dames Aufzeichnungen: „Nach Bachofen -  das ist ein bekannter Gelehrter, lieber Dame, und wenn Sie sich dauernd in unserem Stadtteil niederlassen wollen, müssen sie ihn lesen – nach Bachofen ist der Hetärismus die früheste Lebensform – in Wahnmoching gilt sie natürlich als die enormste“.

Wolfskehl ging nach seiner Promotion keinem Broterwerb nach. Er gehörte der „Bohème dorée“ an, war Privatgelehrter und Genießer der angenehmen Dinge des Lebens. Seine Frau Lotte war eine gute Gastgeberin. Mit dem Geld seiner Familie kaufte sich Wolfskehl in München in der Römerstraße 16 ein großes Jugendstilhaus, in welches er an den „Jours fixes“ alles empfing, was in München als Künstler oder Gelehrter Rang und Namen hatte. Er stellte dem von ihm verehrten und vergötterten Dichter Stefan George im Dachgeschoß seines Hauses drei Zimmer zur Verfügung, in denen er Dauergast war. George hatte keine eigene Wohnung. Wenn George in Bingen war, wohnte er bei seiner Schwester.

Wolfskehl war der Zeremonienmeister des Georgekultes und der begeisterte Künder der Göttlichkeit des Dichters, von dem er immer ehrerbietig als von dem „Meister“ sprach, so wie die Jünger das mit Jesus taten. Die Reventlow nannte deshalb Wolfskehl satirisch den „Petrus“.

Wolfskehl, der „Zeus von Schwabing“

Richard Seewald schreibt über Wolfskehl: „Er trug einen Prophetenbart, der, da der Besitzer den Kopf meistens ekstatisch zurückgeworfen trug, waagrecht in die Luft hinausragte. Wolfskehl war immer von irgend etwas begeistert, von Menschen, von Büchern, von Bildern. Die Worte dafür sprudelten ihm ein wenig stotternd von den Lippen. Seine Kurzsichtigkeit, die beinahme an Blindheit grenzte, hätte ihn für bildende Kunst unempfindlich machen müssen; aber sie tat es nicht. Mit einem Auge (manchmal trug er auch ein Monokel), einen Zentimeter von der Bildfläche entfernt, betrachtete er Gemälde, wie eine Wand groß, und geriet darüber in Entzücken...

An den Empfangstagen nun war der Wolfskehlsche Salon fast so voll wie die Künstlerkneipe „Simplicissimus“, nur waren hier alle Gäste bereits in irgend einer Weise arriviert. Die Hausfrau, von allen je nach Grad der Vertrautheit „Hanna“ oder „Frau Hanna“ genannt, saß neben dem Samovar und schenkte unendliche Tassen Tee aus.“

Seewald sah Wolfskehl zum letzten Mal in Ascona. „Er war auf der Flucht, und in Neuseeland liegt er begraben“.

 

Karl Wolfskehl ruiniert das Klavier im Salon der „kappadozischen Dame“

Die Reventlow macht sich in „Herrn Dames Aufzeichnungen“ über den Mystizismus und den Aberglauben der Kosmiker lustig:

Die „kappadozische Dame erzählt: Es waren in meinem Salon zu Gast: »...der Professor (Karl Wolfskehl), seine Frau und einige von den jungen Dichtern. Einer von ihnen ging gleich an meinen Flügel, betrachtete ihn von allen Seiten und sagte irgend etwas. Dann fragte die Frau Professor ihren Mann:

›Wollen wir es jetzt sagen?‹, und er nickte. Dieses Nicken sehe ich noch deutlich vor mir, aber ich kann es nicht beschreiben, es lag etwas ganz Besonderes darin. Dann war plötzlich ein Paket da, es wurde ausgewickelt, und ein Kästchen mit einem Schlauch daran kam zum Vorschein – es sah etwa aus wie ein photographischer Apparat. Und Frau Hofmann sagte lebhaft, dieses Kästchen habe ein Freund ihres Mannes aus dem Orient mitgebracht, es gäbe auf der ganzen Welt nur noch ein ebensolches, und das gehöre dem Oberrabbi von Damaskus. Wenn man es an ein Klavier anschraube, innerlich erhitze und dann hineinbliese, so gäbe es genau denselben Ton, wie die Posaunen von Jericho.«

»Hatten Sie nicht Angst, daß auch bei Ihnen die Mauern einfallen könnten?« fragte der Philosoph (Dr. Paul Stern).

»Nein, von den Mauern war gar nicht die Rede – ich weiß nur, daß ich dann nach Spiritus suchte, um das Kästchen zu füllen, und ihn nicht finden konnte, aber mit einem Mal war er doch da, und das Kästchen war auch schon am Klavier angebracht. Der Professor blies in den Schlauch und es gab einen dumpfen Ton – aber dann muß der Spiritus ausgelaufen sein, und plötzlich stand alles in Flammen. Niemand kümmerte sich darum, und ich dachte an meinen Perserteppich, der unter dem Flügel liegt. Sie wissen ja, ich bin etwas eigen mit meinen Sachen. Aber der Professor sagte, es sei gar kein Perser, es sei ein ›Beludschistan‹, und er habe keine Beziehung zum Wesen der Dinge, – ist das nicht merkwürdig? Ja, und nun kam noch etwas ganz Triviales, ich meinte, der Flügel würde sicher auch anbrennen, und in diesem Moment stand der Professor in seiner ganzen Größe vor mir und sagte:

›Wenn Fräulein H... (Else Bruckmann) mir ihren Verlust genau beziffert, soll alles ersetzt werden.‹«

»Und dann?« fragte der Philosoph.

»Das weiß ich selbst nicht mehr, es war ganz verschwommen, – aber sagen Sie selbst, liebster Doktor, ist es nicht wirklich seltsam? Meinen Sie nicht, daß es kosmische Bedeutung hat?«

Damit brach das Gespräch ab, denn Gerhard kam, und die Dame ging bald darauf fort. Ich setzte mich zu ihnen und fragte Sendt, was denn das für eine rätselhafte Geschichte sei, ich hätte leider nicht vermeiden können, sie mitanzuhören. Und jetzt zweifelte ich nicht mehr daran, daß man hierzulande Zauberei treibt.

»Haben Sie denn nicht gemerkt, daß die Dame mir einen Traum erzählte?«

»Nein – darauf bin ich gar nicht gekommen.«

»Lieber Dame,« sagte Gerhard, und es klang beinah wehmütig – er hat überhaupt immer etwas Schmerzliches im Ton – »Sie machen Fortschritte. Schon können Sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden. Das geht uns allen hier wohl manchmal so – nicht wahr, cher philosophe?«

»Traum oder nicht Traum,« antwortete der Philosoph nervös, »was sie mir da auftischte, war wieder einmal eine Wahnmochingerei, wie sie im Buch steht.«

»Wahnmochingerei – was ist das?«

»Nun, was Sie da eben mitangehört haben.«

Doktor Gerhard wollte wissen, was für ein Traum es gewesen sei.

»Natürlich ein kosmischer,« sagte der Philosoph, »sie hoffte es wenigstens und wollte von mir wissen, ob es stimmt. Sonst traut sie sich nicht ihn bei Hofmanns zu erzählen.«

Ich hätte gerne noch gewußt, was eine »Wahnmochingerei« ist und »kosmische Träume«. – Aber der Philosoph schien mir nicht gut aufgelegt, und ich kann doch nicht immer fragen und fragen wie ein vierjähriges Kind.“

 

Soweit dieses Zitat aus  „Herrn Dames Aufzeichnungen“

Ludwig Curtius schreibt über Wolfskehl: „Karl Wolfskehl lernte ich um die Jahrhundertwende im Hause meines Lehrers, des Archäologen Adolf Furtwängler, in München kennen...Mich erschreckte der übergroße, kräftig gebaute Mann mit seinen langen wirren Haaren und den weit ausgreifenden Gebärden seiner langen Arme anfangs. Ich fürchtete, er würde plötzlich bei einem Ausbruch seiner Begeisterung, während er mit seinen großen Händen demonstrierte, die Teetassen vom Tische fegen. Dann, wenn er aufstand, weil ihm Tisch und Stuhl zu enge wurden, um im Umhergehen Gedichte zu rezitieren und sie zu erläutern wurde der Salon zu klein.

Er erschien mir zuerst chaotisch, und ich fand mich in ihm nicht zurecht. Denn wenn er in ungehemmtem Redefluß zuerst ein mittelalterliches Gedicht vortrug, um von diesem auf ein indisches überzugehen, von diesem aber auf Sappho kam und einige Verse aus der Ilias erläuterte, nachher aber Bemerkungen über Dostojewski hinwarf und, während ich mir diese überlegte, schon bei Mallarmé angelangt war, um zuletzt Georges Verse zu preisen und in bitterem Zorn über die Gegenwart auszubrechen, war das Zentrum schwer zu finden, von dem aus dieser Überfluß regiert und geordnet war. Auch die Komik fehlte nicht. Er las einmal aus seinem „Saul“ vor und tat dies mit der feierlichen Leidenschaft seiner alttestamentlicher Vorbilder. Aber da in seinem Munde seine Helden unverfälschtes Darmstädterisch sprachen, ergab sich ein merkwürdiger Kontrast.

Der Haushalt seines Geistes war unübersehbar. Er sagte ungern nein, war für jedes Fest, für jedes Cafégespräch zu haben, kannte unzählige Menschen und unterhielt, bis zum ersten Weltkrieg ein wohlhabender Mann, unterstützt von seiner so gütigen und weiblich schlichten Frau, in Schwabing ein gastliches Haus. Wann fand er die Zeit, die unzähligen Bücher zu lesen, aus denen er seine Funde so freigebig mitteilte ? Begreiflich, daß er auf der Straße nur im Sturmschritt mit wehendem, kaum zugeknöpftem Mantel erschien und daß sein Wesen etwas von einem großen Zugvogel hatte, immer im Aufbruch nach einer anderen Hemisphäre. Aber es wäre falsch, ihn sich als nervösen, von der modernen Zeithetze getriebenen Menschen vorzustellen. Er besaß in hohem Maße auch die Fähigkeit des verweilenden Genießens, liebte den Wein, verehrte schöne Frauen, ergab sich beglückt jeder reizvollen Situation von Landschaft, Kunstwerk oder Gesellschaft, und die saturnalische Berauschtheit eines Bierzeltes der Oktoberfestwiese in München oder die sinnenfrohe Verbundenheit der Bauernkirchweih in Schwabing versetzte ihn ebenso in ekstatische Seligkeit wie der Anblick der Ruinen des Palatins in Rom...

Im Kreise Stefan Georges war er gewiß der am wenigsten dogmatische und musste sich oft gefallen lassen, vom ‚Meister’ zurechtgewiesen zu werden, was seine unverbrüchliche Treue nicht störte. So hatten ja auch die verschiedenartigsten menschlichen Beziehungen nebeneinander Platz in seinem großen Herzen. Immer waren diese positiver Art. Zum ‚Kreise’ (der ‚Kosmiker’) gehörte eine klare Grenzziehung gegen die menschlich und geistig fremde Welt, und scharfe Richterurteile waren gang und gäbe. An Wolfskehl erstaunte mich immer wieder die Absicht, das Wertvolle eine zu beurteilenden Menschen zu finden und anzuerkennen. Darin kam die tiefe Noblesse seiner Natur zutage, ja überhaupt die klassische Struktur des weitläufigen Gebäudes seiner Persönlichkeit. Diese war so reich, daß ihr nichts Menschliches fremd war. Aber sie hielt sich nie in deren Niederungen auf und strebte immer zum Lichte. Das zeigte schon seine Kopfhaltung an mit dem immer etwas in den Nacken zurückgeworfenen, die Höhe, das Lichte, die Ferne erspähenden Hauptes...

Er war ein Seher. Sein Sehertum war mit veranlasst durch einen physischen Mangel. Früh sehr kurzsichtig, war er als Fünfziger halbblind...(In Rom) sah er auch alles, was er sehen wollte, aber doch nicht wirklich sehen konnte, und beschrieb es hinterher begeistert. Er sah es eben als Seher. Und so war es auch im Geistigen. Der Mann, der später Gedrucktes nur lesen konnte, wenn er es ganz dicht unter seine Augen hielt, besaß eine Fähigkeit zusammenhängenden Deutens, sodaß ihm der Inhalt von Büchern vertraut wurde, von denen ihm nur ein kleiner Teil zugänglich war. Und sein enormes Gedächtnis ermöglichte es ihm die durch die Weltliteratur schweifenden Apercus seiner rhetorischen Ausbrüche...

Es muß unentschieden bleiben, ob er der Entdecker von Bachofen oder ob dies Schuler war...Sei dem wie ihm sei, jedenfalls besaß er den ‚Tiefenblick’, der ihm hinter der äußeren historischen Erscheinung ihre symbolische Form ahnen und erkennen ließ, und steigerte dadurch sein seherisches Wesen.

Aber noch fehlt ein Schlüssel zu seinem Verständnis: Dieser ist sein Judentum. Im Unterschied zu vielen bedeutenden geistigen Juden litt er nicht an ihm, nährte auch kein heimliches Ressentiment, sondern hütete als die eine Heimat seines religiös-dichterischen Wesens. Die andere war sein leidenschaftliches Deutschtum. Mittelhochdeutsche Dichtung war ihm etwas beinahe Heiliges.

... seine lodernde Begeisterung für alles Edle und Große kommt mir jedes Mal in den Sinn wenn ich auf Goethes Wort stoße: ‚Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt’“.

 

Als Dichter stand Wolfskehl zunächst im Schatten Georges. Genauer gesagt: Wolfskehl hielt George für einen so großartigen Dichter, daß ihm alle seine eigenen Werke als zweitrangig erschienen. Deshalb hatte er keinen großen Eifer, selbst große Werke der Dichtung zu schaffen.

 

Als Folge des ersten Weltkrieges verlor Wohlskehl sein Vermögen und zog in die Victoriastraße. Dort lebte er von Frau und Kind getrennt. 1932 ging er ins Exil, das ihn schließlich bis ans Ende der Welt, nach Neuseeland führte.

 

Nach dem zweiten Weltkrieg schrieb er im neuseeländischen Exil das Lied „An die Deutschen“, das 1948 erschien. In alttestamentlichem Zorn wettert er gegen die Selbstvergessenheit der Deutschen, daß eine so großartige Kultur hervorgebracht hatte und unter Hitler in die Barbarei und Primitivität zurückgefallen war. Er erinnerte an das „Geheime Deutschland“, das unzerstörbar sei und das er nach wie vor liebte.

 

 

Oskar A. H. Schmitz (geb. 16. April 1873 in Homburg, gest. am 17. Dez. 1931)

 

Quelle: Das einleitende Essay von Wilhelm W. Hemecker zum vom ihm (Hemecker) herausgegebenen Buch „Haschisch“, einer kleinen Sammlung von Erzählungen von Oskar A.H. Schmitz.

 

Im als Quelle angeführten Buch „Haschisch“ findet man ein Photo von Oskar A.H. im Alter von etwa 25 Jahren. Er hat ein schmals Gesicht, vorstehende Wangenknochen, nach vorn gekämmte Haare, trägt auf der Nase einen Zwicker (Brille ohne Bügel) mit ovalen Gläsern, einen Schnurbart, der bis auf die Wangen hinüberreicht. Er hat Anzug und Weste an.  Der Hemdkragen ist gemäß der damaligen Mode nach oben gestellt. Statt einer Krawatte hat er ein kunstvoll geknotetes Halstuch, wie sie die Jünger Stefan Georges trugen.

 

Oscar (oder Oskar – je nach Quelle) Adolf Hermann Schmitz, der sich immer nur Oscar A. H. Schmitz nannte, studierte an verschiedenen Universitäten Jura, Nationalökonomie und Germanistik. Von einem Abschluß in einem dieser Fächer ist aber nicht die Rede. Der Kunsthistoriker Franz Dülberg war mit ihm im Wintersemester 1892/1893, als beide die Ludwigs-Maximilian-Universität in München besuchten. Er erinner sich an Schmitz: „Als sein Hauptstudium bezeichnete er ohne Phrase und mit schlichter Inbrunst ‚das Leben’.“ Am 6. Dez. 1896 schreibt Schmitz in sein Tagebuch: „Diese Zeit ist ausgefüllt durch mannigfache wissenschaftliche Studien der verschiedensten Art, durch dichterisches Arbeiten und allerhand Erlebnisse, wie man sie in großen Städten findet.“ Damit gemeint sind München, Berlin, Tunis, Rom und bald schon Paris.

Über seinen dichterischen Werdegang notiert Schmitz: „Als ich den Treibhäusern der Bourgeoisie entgangen war, konnte mich die rohe Formlosigkeit des Naturalismus, ja des Materialismus fesseln. Auf der anderen Seite stieß mich der völlige Mangel an Geschmack, Zartheit, Stilsinn der Naturalisten ab...Es war die Zeit meiner tiefsten Verwirrung. Das Geheimnis, daß nur die gebändigte Kraft Wert hat, vermittelte mir Wolfskehl und die ‚Blätter für die Kunst’ (Stefan Georges).“

 

Oscar A. H. Schmitz begegnet 1894 Karl Wolfskehl in Rom

 

Hemecker schreibt: „Karl Wolfskehl, den ‚offiziösen’ Organisator des Kreises um Stefan George, hatte Schmitz in geselliger Runde während ‚einer lauen Mainacht’ des Jahres 1894 in Rom kennengelernt, unter ‚einem Feuerwerk..., das im Kolosseum abgebrannt wurde’.

Über Wolfskehl schrieb Schmitz in „Dämon Welt. Jahre der Entwicklung“ (München 1926):

„An Weltkenntnis und äußerer Selbständigkeit stand er hinter mir, dem um etwa drei Jahre Jüngeren, zurück, aber noch niemals war ich einem so tief und zugleich umfassend gebildeten Menschen begegnet, bei dem sich alles Wissen zu einer Harmonie zusammenschloß...“

Karl Wolfskehl wurde sein Freund und Mentor. Schmitz schreibt: „Das im Augenblick wichtigste aber war, daß ich durch Wolfskehl, welcher der gerade entstandenen, noch ganz kleinen Gemeinde Stefan Georges angehört, zum ersten Mal Verse dieser Gruppe hörte, und das war entscheidend für meinen künftigen Weg als Schriftsteller, so weit er auch später von diesem Kreis weggeführt hat...Die flüchtige Berührung mit dieser neuen Kunst war für jeden Berufenen eine sofortige Reinigung von Naturlaismus und Stillosigkeit...Besonders die Werke des jungen Hofmannsthal, die unter dem Namen Loris in den ‚Blättern für die Kunst’ erschienen, versetzten mich in einen Taumel des Entzückens. Ich schlief die ganze Nacht nicht. Während ich mich der mitgeteilten Verse zu erinnern suchte, enststanden neue im selben Stil, und nun wusste ich, was jahrelang mein Dichten gehemmt hatte: die Furcht, in der alten abgegriffenen Sprache alltäglich zu sein. Selbst eine neue zu schaffen, wie George und Hofmannsthal, ... hatte ich nicht vermocht. Jetzt aber, wo sie mir geboten wurde, ergriff ich sie gewissermaßen in einer Nacht, und meine Zunge war gelöst.“

 

Oskar A.H. Schmitz findet seinen „Lifestyle“

 

Oskar A. H. Schmitz wurde einer der “Jungen Dichter” im George Kreis. Dazu gehörte auch das Outfit mit dem Halstuch im George-Stil und die elegante Kleidung. Man legte in allem Wert auf Stil und Ästhetik – beim Dichten und beim Leben. Wenn man so will, die Gruppe um George war also eine Lifestyle-Gruppe. Man verachtete das „barbarische Zeitalter“ voller „Geschrei“ und Zügellosigkeit“ und liebte die „berückenden Geheimsnisse des Klangs und der Rhythmen.“. Man liebte alles, was den Sinnen schmeichelte: „Blumen, Edelsteine, Tempel, zarte Düfte, flüsternde und rauschende Klänge.“ Hier kann man eine geistige Verwandschaft zu dem damals modern werdenden Jugendstil in der Bildenden Kunst (in München vor allem vertreten duch Franz Stuck) erkennen, wo alles ästhetisch, elegant, schön, sinnlich und geheimsnisvoll sein sollte. So wie George, Wolfskehl und Schuler das Heidentum wiederentdeckten, so tat das auch der Jugendstil, der die Hausfassaden mit Dämonen, Satyrn, Faune, Harpyien, Schlangen, Satanssköpfe, Tiergestalten, Nymphen, Blumengirlanden usw. verzierte. Schön kann man das an der Stuck-Villa, am Bayerischen Nationalmuseum oder am Künstlerhaus am Lenbachplatz oder an den Müchner Jugendstilhäusern, z. B. den Villen um den Prinzregentenplatz und in Schwabing sehen. Man griff auf Motive aus der Romanik, Gotik und Renaissance zurück, die ihrerseit ihre Wurzeln in der Antike hatten. Aber es war, ähnlich wie bei den Gedichten Georges und den kosmischen Festen im Hause Wolfskehl, nicht wirklich echt gemeint, sondern eine ästhetische Spielerei, eine Manier. So könnte man die Dichtung und den Lifestyle der Kosmiker als eine Form des Manierismus bezeichnet, der am Ende einer Epoche auftritt.

 

Oscar A. H. Schmitz hatte endlich gefunden, was so viele junge Menschen suchen: Eine Identität.

Schon Anfang 1896 erschienen in den „Blättern für die Kunst“ einige Gedichte von Oscar A.H. Schmitz.

Im gleichen Jahr bedankte sich Schmitz bei George durch das Essay „Stefan George als Führer der neudeutschen Romantik“, das in „Didaskalia“, dem „Unterhaltungblatt des Frankfurter Journals“ erschien.

Hemecker schreibt: „Zu Anfang des Jahres 1897 wurde Schmitz dann persönlich mit Stefan George bekannt. In Paris kam es zu der ersehnten ersten Begegnung“.

 

Oscar A. H. Schmitz über Stefan George

 

„Stefan George ... ist wundervoll. Er lebt meist allein und kommt nur bisweilen zum Besuch in die großen Städte. Er sprach von der Veränderung des Wohnsitzes und meinte, daß wir Deutsche uns doch draußen immer fremd fühlen müssten. Wir könnten viel lernen in Paris, aber wir brauchen die Landschaft, in der wir groß geworden sind. Ja, unsere Naturen haben nötig, einen heftigen Winter durchzumachen, und nur ausnahmsweise dürfen wir in den Süden flüchten.“

Tatsächlich floh George aber meist vor dem Münchner Winter in den Süden oder an den Rhein nach Bingen, wo er bei seiner Schwester wohnte.

Gegen Ende des Jahres 1898 verkehrte Schmitz in Berlin regelmäßig mit Stefan George. Schmitz schreibt:

„Ich lebte in dem Kreis der ‚Blätter für die Kunst’, war häufig mit Stefan George zusammen, den ich anfangs fast allabendlich im Cafe Klose traf.“ Dort hatte er „Gelegenheit, ihn, den man sich wie einen Priester, später als Caesar vorstellte, von der intimen Seite seines rheinischen Humors kennen zu lernen.“

 

Der Bruch zwischen George und Schmitz

 

Schon vor dem „großen Schwabinger Krach“ kam es zwischen Oscar A. H. Schmitz undStefan George und seinem engeren Kreis zum Bruch. Im Jahr 1900 war die Weltausstellung in Paris. Im November 1900 veröffentlichte Schmitz einen Bericht darüber in der „Wiener Rundschau“. In der Zeit danach war Karl Wolfskehl zu Gast in der Wohnung von Schmitz, der eine Soirée gab. Schmitz zeigte ihm den Zeitungsartikel. Darin äußerst sich Schmitz nicht in der gebotenen Überschwenglichkeit über einen von Melchior Lechter entworfensn Saal auf der Weltaustellung. Stefan George hielt den Saal für ein architektonisches Meisterwerk, während Schmitz ihn nur für ein ornamentales Werk hielt. Als Wolfskehl das las, rief er angstvoll: „Um Gottes Willen, da haben sie was Schönes angerstellt, das wird Stefan George nie verzeihen.“

Schmitz hatte es also gewagt, das, was der „Meister“ cool fand, für nur mittelmäßig anzusehen. Stefan George verbnot daraufhin Wolfskehl, mit Schmitz zu verkehren. Schmitz schreibt: „...freilich war mein Artikel nur der letzte Tropfen im Topf. Meine langsame Entfremdung von dem Ideenkreise der ‚Blätter für die Kunst’ hatte uns längst auseinander gebracht.“

Später lehnte Schmitz die Hälfte seiner jugendlichen Gedichte als „überflüssige, von George und Hofmannsthal abhängige Formspielereien“ ab. 1928 schreibt Schmitz anlässlich des 60. Geburtstages Georges: „Er hat mir nie verziehen, daß ich, wie übrigens die meisten seiner Jünger, eines Tages‚ vom Tempel auf die Gasse gegangen bin’, will sagen für Zeitschriften und Zeitungen ohne sakrale Weihe schrieb und mich mit vielerlei profanen Dingen befasste....Aber ich weiß, daß ich keine Zeile schreibe, die nicht bedingt ist durch das bei ihm entwickelte Formgefühl.“

 

Trägt der Erzählband „Haschisch“ autobiographische Züge ?

 

Das erste, zwischen 1897 und 1900 entstandene Prosawerk von Schmitz trägt den Titel „Haschisch“ und enthält folgende Erzählungen:

„Der Haschischklub“, „Die Geliebte des Teufels“, „Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts“, „Karneval“, „Die Sünde wider den Heiligen Geist“, „Die Botschaft“ und „Der Schmugglersteig“.

Im „Haschischclub“ trifft der Ich-Erzähler in Paris einen alternden Dandy, den Grafen Alta-Carrara, der ihn in den Stadtteil Baignolles in ein Atelier mitnimmt, in welchem auf Polstern Menschen herumliegen, die Haschisch nehmen. „Ich beschloß gleich meinen Nachbarn durch eine leichte Haschischdosis nur die Sinne zu verfeinern, die Hemmvorstellungen des oft ungerufen tätigen Intellekts zu beseitigen, kurz, ein gesteigertes Leben zu genießen.“

Als dann Musik gespielt wurd, spürt er, wie „diese Musik mich und die Gegenstände rings durchdrang, durchblutete, durchglomm. Es schien mir ganz selbstverständlich, wie nun alles aufglühte. Das war die eigentliche Frabe des Lebens. Vorher hatten die Dinge geschlafen...alles war farbiges Glas...Mit einem Blick übersah ich Zusammenhänge, die sonst das Ergebnis mühseliger Überlegung sind; die Worte funkelten in den verscheidenen Farben aller Sprachen...ich roch, sah, schmeckte jedes Wort, ich fühlte es wie Seide oder Marmor; ich sah nicht mehr bloß Flächen, sondern ganze Körper von allen Seiten zugleich...Ich war Herr meines Willens und konnte die Dinge wirklich oder gefärbt betrachten.“

 

Zu dieser Erzählung ist einiges zu bemerken. Eines der Motive von Schmitz Hasisch zu konsumieren war, einen Steinbruch aufzutun, um daraus Material für seine Dichtungen zu gewinnen. Das verrät der Name seines Begleiters, „Alta-Carrara“. In Alta-Carrara sind die Marmorsteinbrüche, aus welchem Michelangelo das Masterial für seine Skulpturen holte.

Die Reventlow schreibt in ihrem Tagebuch einmal, von Klages und den Kosmikern beeinflusst, sie fühle sich „erosdurchleutet“. So wie Schmitz im Haschischrausch erlebt, daß die Musik ihn durchdringt, so sahen die Kosmiker sich vom göttlichen Licht durchdrungen (der „Blutleuchte“) – oder strebten es zumindest an. Gemeint ist damit ein besonderer Bewusstseinszustand, das „kosmische Bewusstsein“, das es gestatten soll, das Wesen der Dinge und die tieferen Zusammenhänge zu erschauen. Das ist aber keineswegs so neu. Schon in Goethes Faust heißt es: „...dann schau ich Wirkungskraft und Samen, brauch nicht mehr in Worten kramen“.

Den Kosmikern ging es um die Ekstase, den Rausch, das Dionysische. Sie wollten diesen Zustand allerdings nicht durch den Genuß von Rauschgift, sondern dadurch erreichen, daß sie die „Lebensgluten“ in sich weckten und den „Geist als Widersacher der Seele“ überwanden. Daß vor allem Wolfskehl dabei auch gerne auf geistige Getränke zurückgriff, ist bekannt. Die Reventlow suchte diese Ekstase durch intensives Tanzen auf dem Faschung und den Liebenerausch.

 

In „Die Geliebte des Teufels“ beschreibt er seine ekstatischen Liebeserlebnisse mit einer englischen Aristokratin, die nicht will, daß er sie sieht. Sie ist deshalb verschleiert und der Sex findet im Dunklen statt. Sie will in ihm den Teufel sehen (besser: den Dionysos“) und er in ihr die ideale Frau, das Weibliche schlechthin. Man kann in der „Geliebten des Teufels“ durchaus Züge der Reventlow erkennen, der es bei ihren zahlreichen Erlebnissen mit den „Zinnsoldaten“ um die sexuelle Ekstase, aber nicht um den Menschen ging und die für ihre Partner das Weibliche schlechthin war. Bei diesen Begegnungen ging es der Reventlow einfach um die sexuelle Lust und das Ausleben der Triebe. Aber die Philisophie der Kosmiker gab diesen an sich banalen Dingen eine religiöse und weltanschauliche Dimension: es ging um den heiligen, „kosmogonischen Eros“. Sexualität war nach dieser Philosophie eine Vereinigung mit dem Göttlichen und die Erfahrung des Göttlichen.

 

In „Eine Nacht des Achtzehnten Jahrhunderts“ geht es um eine Orgie, die am Place des Vosges im Pariser Stadtteil Marais stattfindet. Dieser stille Platz ist der arkadengesäumte Innenhof eines Gebäudeblocks aus dem 18.ten Jahrhundert, der aus den aneinandergebauten Häusern des armen Adels und des reichen Bürgertums besteht. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. In der Mitte des Platzes ist ein Reiterstandbild von Ludwig XIII. Im Haus Nr. 21 lebte Kardninal Richelieu.

In der Erzählung von Schmitz findet in einem der Palais Jahre vor der französischen Revolution eine Orgie der besonderen Art statt, auf welcher die Revoltion vorwegnommen werden soll. Zu einem Fest des Adels sind Bauern aus der Auvergne eingeladen, die unter dem Einfluß des Alkohols ihre Hemmungen verlieren, über die adeligen Frauen herfallen und sie schließlich, angestachelt durch einen Kapuzinermönch, von der Galerie hinab in den Saal werfen. Im Text von Schmitz heißt es: „Eine kleine Gräfin rief: ‚Wer hat den Mut, mich hinabszuschleudern ? Meine Liebe dem, der es wagt ?’ Keiner der Kavaliere schien das für Ernst zu nehmen. Plötzlich erhoben sich aus dem Gewoge des Saales die Arme des Kapuziners. ‚Kommen Sie, kleine Marquise, Ihre Urahnin war meine erste Geliebte...’

Diese Orgie ist Ausdruck der Décadence; man hat alle Genüsse ausprobiert und findet sie langweilig. Da bleiben nur noch der Schmerz und das Leid als Steigerung der sinnlichen Erfahrung. Diese Novelle passt in die Fin-du-siècle-Stimmung um 1900.

 

In „Karneval“ macht der Erzähler Sex mit einer sterbenden Jungfrau aus verarmtenm Adel. In „Sünde wider den Heiligen Geist“ begeht eine Gruppe junger Männer unter der Führung eines zum Satanismus übergetreten Priesters einen Ritualmord an einer Jungfrau, die dazu gebracht wurde, nackt in einer Kirche zu tanzen und Gott zu lästern.

 

In „Die Botschaft“ geht es darum, daß sich eine alte und widerwärtige Hure in seine Wohnung einschleicht. Sie ist der Tod, und die Botschaft lautet: „Wenn du mit deinem Rauschgiftkonsum so weiter machts, wird das den Tod für dich bedeuten. Der Erzähler beginnt ein neues Leben.

 

Im „Schmugglersteig“ gelangt der Erzähler in eine Schatzhöhle, in der die „Schmuggler“ viele kostbare und seltsame Dinge aufgehäuft haben. Aber diese Dinge sind keine realen Dinge, sondern nur Erzählungen, Geschichten, Ideen und Träume. „Wer dahinein Ordnung brächte !“ ruft der Erzähler begeistert aus, „würde das Zeug zu der wundervollsten Dichtung finden...“

Das Geschäft der Schmuggler  besteht darin, daß sie das wahre Leben gegen die Welt der Träume vertauschen. Die Schmuggler sind die Dichter. Bei ihnen lernt der Erzähler das Schreiben und wird Journalist.

 

Oskar A. H. Schmitz und Alfred Kubin

 

Alfred Kubin brach sein Kunststudium in München ab und brachte in einem Schaffensrausch sein Frühwerk hervor, das eine Ausgeburt phantastischer Albträume zu sein scheint. Schmitz führte Kubin bei den Kosmikern ein. 1904 heiratete er die Witwe Hedwig Gründler, die Schwester von Oscar A.H. Schmitz, die zeitweise hochgradig rauschgiftsüchtig war. Kubin konnte in den folgenden langen Jahren die Qualen seiner Ehefrau erleben. Franz Kafka notierte 1911 in sein Tagebuch: „Kubins Eheleben ist schlecht. Seine Frau ist Morphinistin. P. ist überzeugt, daß es Kubin auch ist.“

Oskar A.H. Schmitz soll Kubin den Titel seines Romans „Die andere Seite“ vorgeschlagen haben. Kubin illustrierte 1909 die vierte Auflage von „Haschisch“ mit dreizehn Zeichnungen.

 

Oscar A.H. Schmitz muß schreiben, um Geld zu verdienen

 

Nach zwei schnell aufeinanderfolgenden Ehekatastrophen sah sich Schmitz genötigt, sein Brot durch das Schreiben von Essays, Feuilletons über „Gesellschaft, Mode, Frauen, Reisen, Lebenskunst, Kunst, Philosophie“ (so der Untertitel seines Sammelbandes „Brevier für Weltleute“) verdienen. Der große Schweizer Psychologe (oder war er eher ein großer Literat und Dichter ?) Carl Gustav Jung schrieb im Vorwort zu Schmitz’ posthum erschienenen „Märchen aus dem Unbewussten“: In einem dieser Märchen „erzählt er (Schmitz) der Nachwelt, wie es ihm ergangen und welche Wandlungen seine Seele durchlaufen hat, bis sie bereit war, ihr Werkzeug von sich zu legen und ihr Lebensexperiment zu beenden.“ Oscar A. H. Schmit starb am 17. Dez. 1931 im Alter von 58 Jahren.

 

Franz Hessel (geb. am 21.11.1880 in Stettin, gest. am 6. oder 4. Jan. 1941 in Sanary sur mer)

 

Quelle: Nachwort von Bernhard Echte zu dem von ihm herausgegebenen Buch mit Texten von Franz Hessel: „Ein Garten voll Weltgeschichte, Berliner und Pariser Skizzen“.

 

Er stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Kaufmanns- und Bankiersfamilie, die 1888 von Stettin nach Berlin zog. Hessel war christlich getauft und nahm am christlichen Religionsunterricht teil. Einige seiner Mitschüler waren aber der Ansicht, daß ein Jude nichts im christlichen Religionsunterricht zu suchen hätte und verprügelten ihn. Aber Hessel wurde auch Gegesntand einer andersartigen Attacke. Die alte Untermieterin der Hessels, eine große Frau mit knisterndem schwarzseidenem Kleid zog ihn in ihre Wohnung und bedrängte ihn mit ihren Zärtlichkeiten. Nach diesen Erfahrungen war Hessel froh, in den wild überwucherten Ausläufern des Berliner Tiergartens Kinderspiele und Kinderabenteuer erleben zu können. Später ging er mit seiner Angebeteten im Zoo spazieren und lief mit ihr auf einem zugefrorenenen Weiher Schlittschuh. Wenig später schwärmte er für eine Schauspielerin, stand am Künstlereingang und bat sie um ein Rendevouz. Mit seinen Freunden erkundete er die Vergnügnungsetablissements in der Friedrichstraße oder er besuchte die Karnevalsfeste der Kunstgewerbeschule.

Er machte sein Abitur am Joachimsthaler Gymnasium und begann an der Berliner Humboldt-Universität ein Studium. Um 1900 zog es ihn dann nach München-Schwabing, um das Leben kennenzulernen. Das begegnete ihm in Gestalt der Franziska zu Reventlow.

 

Fasching im Schwabingerbräu, München 1900

(ein Schilderung aus dem Schlüsselroman „Der Kramladen des Glücks“ von Franz Hessel)

 

Franz Hessel hat in seinem Schlüsselroman „Der Kramladen des Glücks“ seine erste Begegnung mit der Reventlow auf einem Faschingsfest im Schwabingerbräu an der Münchner Freiheit geschildert. Heute ist dort das Kaufhaus Karstadt Schwabing. Hier der Text:

 

Auf dem Faschingsfest im Schwabingerbräu

 

„Gustav (=Franz Hessel) selbst war – er wusste nichts Besseres – in einem geliehenen Pierrotkostüm (ein Pierrot ist ein Clown) gekommen.

So fand ihn die braunbezopfte Tila und lachte über seinen Aufzug und sein unglückliches Gesicht während er höflich ihren Renaissancebrokat bewunderte.

‚Ja’, sagte sie geschmeichelt, ‚so wie wir täglich herumlaufen heutzutage, sind wir verkleidet, maskiert. Aber zu den Festen ziehen wir unsere wahren Kleider an.’

Sie zog ihn durch die Menge zu dem Tisch, an dem der Mann mit der Pansflöte, in ein Fell gehüllt, saß und ihn begrüßte.  – Warum er den großen Bruder  nicht mitgebracht hätte ?’

‚Rudolf reist ab’, sagte Gustav, ‚er packt Koffer.’

‚Ja’, meinte der Pan, ‚und dann ist er auch unserer Feste überdrüssig. Er sammelt in die Scheunern. Wir aber belieben dem Rausch und dem Augenblick treu.’ Und er ließ sich von einem jungen Satyr mit spitz abstehenden Ohren den Becher füllen.

Gustav zog sich zurück und geriet in eine Tannenecke neben ein blondes Fräulein in Lumpen. Sie sahen sich beide an und mussten übereinander lachen.

‚Mein Gott’, sagte sie, ‚ich bin eben als Gänseliesel gekommen. Das ist vielleicht veraltet, aber immer noch das einfachste. Erst wollte ich mir ein Beardsleykostüm schneidern. Aber das ist nichts für mich. Da muß man sich so haben.’

Sie war, das merkte ich, aus Berlin und sehr vernünftig. Zu ihrem Kostüm gehörten nackte Beine, und die durfte man streicheln. Es war auch sehr nett, daß ihr Haar immer wieder aufging, es war schwer, kornblond, und man durfte helfen, es wieder zusammenzubinden.

Dabei unterhielt sie ihn von den verschiedenen Leuten, die vorbeikamen und ihr zunickten.

‚Du bist aber ganz neu hier, kleiner Pierrot,’ sagte sie, ‚du weißt ja rein gar nichts.’

Gustav wäre gern den ganzen Abend bei ihr geblieben. Aber ein Mönch in violetter Kutte holte sie fort, und er sah die beiden zu einem Tisch auf der Galerie gehen, wo ein rotmanteliger Dionysos Hof hielt, umgeben von dienender Mythologie.

 

Die Reventlow erscheint

 

Gustav stand auf und sah in die Wunderwelt. Da verließ eine Dame in Jünglingskleidung (die Reventlow alias Herr Dame) ihren Tänzer, einen schwer gepanzerten Ritter (Bogdan von Suchocki, der Geliebte der Revntlow), und kam garade auf ihn zu. Ihre schlanken Beine stacken in schwarzen Trikots und machten elastische Schritte. Das weiße Oberkleid war antikisch zugeschnitten. Nun traf ihn der Blick der weitoffenen Augen. Er fragte unwillkürlich: „Wer bist du ?“

Sie war schon fast an ihm vorbei, drehte sich um und sagte: ‚Das hat man mir gestern auseinandergesetzt. (nämlich Ludwig Klages, der sie für enorm und eine heidnische Madonna hielt). Irgend etwas sehr Entlegenes. Weißt du es denn nicht ?’

‚Ach, ich’, sagte Gustav, ‚ich weiß gar nichts.’

‚Das ist ja ganz tröstlich’, meinte sie belustigt. ‚Kannst du tanzen ?’

‚Ja, aber nur richtigen Walzer wie in der Tanzstunde. Die hiesigen Tänze habe ich noch nicht gehabt.’

‚Auch das ist tröstlich’, sagte sie, ‚komm, mein geliehener Pierrot.’

Sie tanzte mit ihm erst durch den Saal und dann hinaus in den halbdunkelen Gang. Gustav musste acht geben, daß sie beim Drehen nicht an die aufgestapelten Stühle und Tische stießen.

‚Wir tanzen Kehraus’, sagte sie, ‚der Karneval geht zu Ende.’

Er sah in ihre nachen Augen, die noch weiter und seltsamer erschienen in der Dämmerung des Vorsaals. Er fühlte den Atem und fast die Form ihrer Lippen.

‚Geht der Karneval schon zu Ende ?’, sagte er und wusste nicht recht, was sie meinte. ‚Ich glaube, er fängt eben erst an.’

Die Lippen vor ihm lächelten gleichmäßig einladend. Aber es war ein Lächeln ohne Ansehen der Person, als wäre die Lächelnde der Karneval selbst.

Wie es geschah, daß er sie küsste mitten im Tanz, wusste er selbst nachher nicht. Vielleicht hatte sie ihn zuerste geküßt.

‚Runder Bambino’, sagte sie, und hielt ein im Tanz. (Die Reventlow denkt an ihren zweieinhalbjährigen Sohn Rolf). Dann schaute sie um und meinte seufzend: ‚Ich muß wieder in den Saal.’

Dort tanzte der Gepanzerte mit der Tila und sah mit grimmiger Ruhe herüber zu Gustavs Dame. Und plötzlich stand er vor ihnen, verneigte sich zeremoniell und nahm die Dame weg.

Gustav war wieder allein und konnte zusehen. Die Tila kam heran und sagte: ‚Wissen Sie auch, mit wem sie vorhin getanzt haben ? Das ist die berühmte Broderson, Gerda von Broderson.’

‚Wovon ist sie denn berühmt ?’

‚Sie ist als junges Mädchen von Haus fortgelaufen, nur um der Freiheit willen. Sie hat ein schönes Kind, ein Töchterchen. Sie ist sehr erfahren und klug. Halten Sie sich an die, da können sie das Leben kennenlernen, sie kleiner Eckensteher.’

Aber Gustav ging nicht vom Fleck. Vor der berühmten Gerda hatte er eine unbestimmte Angst. Er höffte, das Gänseliesel würde wiederkommen. Aber das war verschwunden.

Mit einem Mal stand der Gepanzerte vor ihm, er sah aber nicht grimmig drein wie vorhin, sondern wohlwollend. Mit altertümlich umständiger Höflichkeit bot er ihm den Arm: ‚Herr Pierrot, ich soll sie zu Colombine führen.’

Da saß sie, umgeben von vielen Männern bei Kaffee und Zigarette.

‚Was ist das für eine Art, einer Dame erst die Kur (eigentlich cour, also Hof) zu machen und sich nicht mehr um sie zu kümmern ?’

‚Er ist ein ganz junger Fant’ (=enfant = Kind), erklärte der Gepanzerte mit etwas ausländischem Akzent (Suchocki war Pole).

Alle nannten ihn nun den jungen Fant und neckten ihn. Er hätte gern fortgewollt, aber so oft er aufstand, zog die schöne Gerda die Brauen hoch und sagte: ‚Hübsch da geblieben, junger Fant.’

Er sah über die Schulter in den Saal, wo gerade eine Menge Götter, Halbgötter, Renaissancemenschen, Salomes und Primaveren (nach einem Gemälde von Botticelli, „Il Primavera“, der Frühling) sich zu einem Kinderreigen die Hände reichten und den Boden mit Stampfen, die Wände mit Jauchzen erschütterten.

‚Es wird mir zu dionysisch’, sagte Gerda, und dann nahm sie den Gepanzerten, dessen slawischen sie in Stan abkürzte (in Wirklichkeit nannte die Reventlow ihren Bogdan Dan), und Gustav beiseite und verließ den Saal.

 

Nächtliches Gespräch im Cafe

 

Durch die Pappeln der Allee (gemeint sind die Pappeln der Leopoldstraße) schimmerte noch ein Licht. Ein Café war aufgeblieben wegen des Festes. (Vermutlich das Café Leopold). Dort bestellte man Beefsteak à la tartare und dazu Kaffee. Und die Broderson rauchte Zigaretten.

‚Ach früher hat man immer bis zum Morgen durchgetanzt’, sagte sie, ‚ heute habe ich schon um drei Uhr die Lust verloren. Künstlerfeste sind auch nichts Rechtes. Die Lebemänner der Redouten zupfen einem wenigstens nicht an der Seele herum wie hier die Lebenskünstler (gemeint ist Ludwig Klages, der Exfreund der Reventlow). Und die Frauen- ?’ sie sah Stan fragend an.

‚Die Frauen vom Künstlerfest ?’ sagte der, ‚schauen einem gleich ins Auge, als wollte sie sagen: Nimm mich hin. Und dann wird es nichts.’

Gerda lachte: ‚Sie werden den jungen Fant den Geschmack zu früh verderben. Was meinen sie zu dem Thema, Herr Pierrot ?’

Gustav zuckte die Schultern. ‚Es war doch sehr schön heut, und ich habe Sie beide kennengelernt.’

Er wurde rot. Stan klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und Gerda reichte ihm die Hand.

Dann begleiteten beide Herren die Dame die Pappelallee herauf in die Landstraße. Dort bog man in eine erst halb bebaute Seitenstraße ein, blieb vor einem einzelnen Haus stehen, das rings von freiem Feld umgeben war, und Gerda forderte Gustav auf, sie bald einmal zu besuchen.

Und dann nahm Stan ihn mit durch Feldweg und Dorfstraße in sein Haus.

 

Hessel übernachtet ihm Haus von Suchocki

 

Als Stan in seinem Atelier ein Licht ansteckte, glaubte sein Gast in einem Antiquitätenladen zu sein.

Auf dem großen Tisch standen bemalte und glatte Krüge und hohe Gläser. An der Wand waren Kostüme und Bilder und alte Teller mit Wappen. Ein rotbemaltes Fässchen hing von der Decke, ein Napoleonshut an einem Nagel. Ferner gab es da auf dem Boden eine ganze Fußzeugkollektion: albanischeb Schuhe, bulgarische Stiefel und einzelne Tanzschuhe aus verschlissener Seide.

Das seltsamste war ein Haufen bunter Frauenröcke und Unterröcke, die über dem Kopfende des Bettes hingen.

Stan drehte die Kerze. Da sah Gustav aus dem Dunkel eine große Holzgestalt auftauchen. Bei näherem Ansehen war es der Täufer St. Johannes. ‚Den muß ich alt anmalen bis übermorgen für meinen Händler’, seufzte Stan. Er warf Helm, Brustharnisch, Arm- und Beinschienen klirrend auf das Bett, dann ging er auf den Holzheiligen zu und schob ihn ärgerlich beiseite. Ein Boxball ward sichtbar, der von der Decke herunterhing. Dem versetzte Stan ein paar kräftige Stöße.

Als Gustav sich auch im Boxen versuchen wollte, sagte der andere: ‚Ach, lassen Sie das lieber. Der Ball staubt zu sehr’.

Er holte aus einem bayerischen Barockschrank, dessen Tür sich mühsam auftat, ein paar weiße Tassen von schönstem Nymphenburger Porzellan, steckte den Samovar an  - einen echt russischen-, der zwischen einem Glücksschwein und ein paar Reitstiefeln auf einer wurmzerfressenen Etagere stand, und kochte Tee. Er hatte über das Hemd einen Damenschlafrock angezogen und wirtschaftete umher wie ein alter Zauberer.

Als die Morgendämmerung das Atelierfenster bläulich färbte, wollte Gustav aufbrechen.

Aber der Gastfreund ließ ihn nicht fort. Er machte ihm ein Lager auf dem Bett zurecht und bettete sich selbst auf einen Haufen von Säcken, Tüchern und Mänteln.

Nach ein paar Stunden wachte Gustav auf und sah erstaunt in der seltsamen Raritätenkammer umher. Aus einem Teller blickte ihn durch das Dreieck der Trinität ein Gottesauge an.

Dann sah er drüben das schlafende Gesicht des neuen Freundes: Reichblondes Haar umrahmte den Kopf. Die Rundung der Stirn war von weiblicher Zartheit, aber um Nase und Mund gruben sich herbe Furchen. So erschien er kräftig und weich, jung und gealtert. – Die Frauen lieben ihn gewiß sehr, dachte Gustav und fiel wieder in Schlaf.

Nach einer Weile weckte ihn das Pochen der Tür. Stan stand leise auf, legte die Finger an den Mund, schlich auf Zehenspitzen an die Tür und sah durch ein Loch.

‚Ach, die Sibylle’, sagte er dann, ‚ich fürchtete schon, es wäre der Gerichtsvollzieher.’

Gustav war neugierig, was für eine Greisin oder Seherin eintreten würde. Es kam aber ein Kind, ein kleines Mädchen in einem Art Kimono mit bloßen Armen und kurzen Strümpfen.

Stan küsste ihre Wange und Hals und sie zauste in seinem Haar. Dann gab sie artig dem Gustav die Hand, setzte sich auf Stans Knie, holte wichtig Atem und brachte seinen Auftrag vor.

‚Die Mama sagt, wenn du kommst, sollst du die Hängematte mitbringen.’

‚Ich habe sie aber noch nicht geflickt.’

‚Aber du willst sie doch seit drei Wochen flicken.’

‚Ja, aber ich habe keine Zeit. Ich muß doch zehn Gläser fertig machen diese Woche.’

‚Das tust du doch nicht’, sagte die Sibylle naseweiß. Aber als sie sah, daß er böse Augen bekam, streichelte sie seine Wange und bat: ‚Guter Stan, flick die Hängematte für meine Mama. Sie freut sich doch so darauf.’....“

 

Franz Hessel über die Ludwigstraße

(immer noch in Der Kramladen des Glücks“)

 

Die Brüder gingen auf die Ludwigstraße, die groß und leer da lag. Rudolf betrachtete sie mit Abschiedsweh.

‚Ich liebe diesen öden Steindamm (=das Pflaster auf der Ludwigstraße, die noch nicht asphaliert und und mit Bürgersteig versehen war),’ sagte er.

‚Ebenso gut wie die Trambahnen und Wagen könnte eine Karawane über diese Steine ziehen, ihre Kamele an den beiden Brunnen tränken (heute auf dem Geschwister-Scholl/ Prof. Huber-Platz vor der Universität) und weiter wandern zum Tore hinaus auf die Landstraßen der Welt.

Trotz der fleißigen Architekturbeispiele links und rechts bleibt diese Straße wie ein leeres Blatt, auf den jeder schreiben kann, was er will, wenn ein Naturprediger in Sandalen vorüberkommt oder ein bärtiger Wanderchristus mit Stab und Kartoffelsack oder ein schwarzrotes Mädchen aus der Heilsarmee. Die Flagellanten könnten sich hier entlang geißeln, die Schiiten sich zerfleischen. Man kann aber ebenso gut Automobilwettfahrten auf dieser Straße veranstalten.’

‚Ja,’ meinte der Jüngere, ‚so könnte hier ja auch ein neuer Dionysos gezogen kommen mit Tigern und Mänaden.’ (Anspielung auf Karl Wolfskehl, der in Fasching als indischer Dionysos kostümiert war).

‚Ach, du warst gestern auf dem Fest der Pathetischen (gemeint: die Kosmischen). Das merkt man.’

 

Franz Hessel ist bei der Reventlow zum Tee eingeladen

 

„Täglich wollte Gustav die Broderson besuchen, aber er brachte es nicht fertig. Ein paar Mal kam er bis auf den Wiesenplatz vor ihrem Haus. Einmal sah er die kleine Sybille dort mit den Nachbarkindern spielen. Aber er hielt sich fern.

Was gehe ich den großen Liebesheroinen nach ? dachte er, ich sollte mich hübsch an die lieben Mädchen halten wie meine Altersgenossen...

Ein paar Tage später lud Gerda von Broderson ihn zum Tee ein. Eine alte Zugeherin öffnete die Tür und ging weg. Als er ins Zimmer trat, sah er mitten im Raum Gerda in einer braunen Kutte stehen (=einem Reformkleid), die Hände erhoben mit dem Schirm der großen Hängelampe, die sie gerade angezündet hatte. Die Ärmel ihres Gewandes waren herabgeglitten und hingen in breiten Falten. Die Arme wurden sichtbar: sie waren bei aller Schlankheit ein wenig voller als Gustav sie gedacht hatte.

Er blieb in der Tür stehen und sah sie bewundernd an. Ihm war feierlich zumute, als müsste er hinknien vor dieser Erscheinung.

Aber Gerda wich dieser Stimmung aus, stellte Teetassen auf den Tisch und plauderte.

-         Was er eigentlich in München treibe ?

-         - Er wäre studienhalber hier....

‚Haben Sie unter den Studenten Freunde ?’

‚Nein, kaum Kameraden.’

‚Und wie stehts mit Freundinnen ?’

‚....ich glaube,’ sagte er zuletzt, ‚ich bin sehr ungeschickt in Liebesdingen.’

‚Das kann ja recht lieb und rührend sein’, meinte Gerda.

-         Nein, rührend wollte er nicht sein. Aus Mitleid geliebt werden ? Nein –

Sie lächelte seltsam. ‚’Etwas Mitleid ist immer mit dabei.’

Er schwieg und sah zu Boden. Da trippelten draußen Kinderfüße.

Und Sibylle kam herein, heiß vom Laufen und von all dem, was sie zu erzählen hatte.

‚Genug, genug’, sagte die Mutter. ‚jetzt wird Abendbrei gegessen.’

‚Bleiben Sie bei uns’, sagte Gerda, ‚und essen sie mit uns Brei ?’

Und sie stellte drei tiefe Teller auf den Tisch.

Da saß er bei Mutter und Kind unter der Lampe...

Er fühlte sich irgendwie zugehörig zu Gerda und Sibylle und aß wie ein braves Kind seinen Teller leer...

(Gustav fragte:) ‚Werde ich Ihnen auch nicht zuviel ?’

-         Nein, er war ihr angenehm, er erinnerte an einen jüngeren Bruder, mit dem sie als Kind gespielt hatte auf dem Gut und im Haus.

 

Die Reventlow träumt von einem bürgerlichen Leben und vom Reisen

 

‚Ist das nicht seltsam’, sagte sie, ‚Noch heut, wenn ich ‚Haus’ träume, ist es immer dies alte Landhaus mit seinen vielen Zimmern, dunklen Gängen, hohen Fenstern (Gemeint ist das Schloß in Husum). – Damals, als ich fortlief, war ich froh. Freiheit war mein einziger Traum. Und obgleich ich mir mein Leben selbst zurechtgemacht habe und alles, was ich wollte, durchgesetzt, gibt es auch heute noch Stunden, wo ich am liebsten auf einem abgelegenen Landgute leben möchte als Mutter vieler vieler Kinder und einen Mann haben, der müde abends heimgeritten kommt von den Feldern oder der Fabrik. Und ihn dann fragen, was es Neues gibt...’

(Während ihrerer Liäson mit Suchocki und der Menage à trois mit Hessel suchte die Reventlow eine Art bürgerliche Familienexistenz).

Sie lächelte: ‚ Sie wundern sich, daß ich Ihnen nicht von freiem Dasein und Künstlerleben usw. rede. Ja, dazu kommen Sie zu spät. Vor zehn Jahren hätte ich vielleicht anders gesprochen.’

‚Aber hier in München,’ wandte er zögernd ein, ‚müsste man doch eigentlich so gut leben können. Es kommen doch lauter Menschen hier zusammen, die ihr Dasein nur der Pflege schöner Dinge gewidmet haben, fern von dem hastigen Geldbetrieb der Großstädte und der bürgerlichen Enge der kleinen. Ich sah soviel schöne lebendige Gesichter auf dem Fest neulich. Da muß doch ein wundervolles Menschentum - ’

‚Hören Sie auf’, rief sie. ‚sie machen mich traurig. Alles vertragen die Menschen, nur nicht die Freiheit. Die paar wirklich Lebenden haben hier, wo alles erlaubt ist, viel mehr Mühe als anderswo, um ihr bißchen Lieben und Erleben vor den andern geheim zu halten. Und diese andern tanzen nur so herum, so mit Blumen im Har, und meinen, Bacchanten und Mänaden zu sein, wenn sie ihre Locken oder Strähen zurückschütteln. Machen Sie das mal ein Paar Jahre mit und haben nicht die Möglichkeit abzureisen ! – Reisen: das ist doch das Beste. Von Hotel zu Hotel, immer nur Leute sehen, die wohlgekleidet sind, höflich, und einen nichts angehen, Abenteuer haben und Seelenruhe.’

‚Aber das alte Patrizierhaus ?’

‚Ja, sagte sie, ‚entweder – oder. Man müsste ganz zugehörig sein oder ganz abgelöst. An allem Hängen oder an nichts mehr.’

Er liebte sehr die Art, wie sie ihre Worte ein wenig in die Länge zog und dann rasch und ohne Nachdruck entließ. –

Er küsste die Hand, die schon eine Viertelstunde mit dem Teelöffel über seiner Tasse hing, während Gerda weiter redete und ins Dunkle sah.

Beim Weggehen begegnete er auf der Treppe dem Stan, der die Hängematte anbrachte. Der schien nicht sehr erbaut zu sein von der Begegnung und ging höflich grüßend an ihm vorbei.

Das machte den Jüngeren traurig. Er war ja kein Nebenbuhler. Er wollte ja nur mitlieben, mithelfen, Glück zu schaffen und schönes Dasein.

 

Gustav schreibt an seinen Bruder Rudolf

 

„Dieser Frau (der Reventlow) gegenüber komme ich mir überhaupt wie ein Kind vor. (Zu diesem Zeitpunkt war sie 34 Jahre alt und Hessel etwa 21). Aber sie mag am Ende nur ihrer Sibylle Mutter sein. Von Männern verlangt sie wohl eine gewisse Erwachsenheit. Es sind auch viele und darunter recht mannhafte um sie herum. Und es war vielleicht etwas überflüssig, daß ich mich hinzugesellte. Aber warum schickte sie mich nicht fort ? Warum machte sie mir die ersten Schritte so leicht ?

Ich weiß gar nicht, wie ich bei ihr angeschrieben bin. Manchmal hat sie Stunden lang mit mir oder eigentlich nur vor mir geredet und mich erst tief in der Nacht fortgehen lassen.

Und doch, wenn ich bei ihr sitze, hab’ ich oft Angst, daß ich ihr am Ende nur auf die Nerven falle. Sie spricht so häufig von ihrer Nervenqual an Menschen, daß man nie sicher weiß, ob man nicht auch zu den Quälern gehört.

Nun, -  um von Tatsachen zu reden – als ich ihr neulich wieder einmal über die Seelenlosigkeit meines möbilierten Zimmers vorklagte, sagte sie: Wissen Sie, ich gehe nächstens aufs Land und bleibe dort bis tief in den Herbst. Sie können, wenn es ihnen hier gefällt, so lange meine Wohnung haben.

Ja, darüber war ich sehr glücklich und habe, so oft ich daran dachte, allerlei Phantasie um dies an sich ganz harmlose Anebot gesponnen. Dann ließ sie mich sogar schon einziehen, während sie noch da war, zwei Tage vor ihrer Abreise, um mich noch selbst ein wenig zu installieren, wie sie sagte.

Auf diese zwei Tage hatte ich mich gefreut !

Aber sie wurden gar nicht glückhaft:

...die Broderson war zerstreut, wie abwesend; klagte über Kopf- und Zahnweh und über viel Besorgungen, die morgen gemacht werden müssten zur Abreise. Die Kleine wollte alle ihre Spielsachen mit aufs Land nehmen und verdroß die Mutter durch ihre beständigen Fragen. Und ich saß dabei und suchte leicht und heiter zu unterhalten, während mein Herz schwer war.

Als das Kind zu Bett war, ging die Broderson auf und ab in ihrem schönen gelben Hauskleid mit den weitoffenen Kuttenärmeln und klagte immer über allerlei Leute, die ich kaum kannte, die irgendwie ihr Leben bedrückten -  ‚Wenn ich nur erst allein und auf dem Land wäre,’ sage sie -. Ich weiß übrigens, daß sie dort nicht allein ist.

 

Die Beziehung zwischen Franz Hessel und der Reventlow

 

In dem Brief an seinen Bruder Rudolf schreibt Gustav:

„Du wirst nun einfach sagen: Du liebst diese Frau, und sie liebt dich nicht, liebt wahrscheinlich einen anderen. Also wozu falsche Hoffnungen ?

Aber so einfach ist es doch nicht. Ich weiß gar nicht, ob ich ihre Liebe möchte. Ich möchte teilhaben an ihrer Atmosphäre, an ihrem Wesen. – Liebe ? –

 

Hessel bringt die Reventlow zur Bahn

 

Als ich sie am Morgen zur Bahn brachte und sie im Fiaker neben mir saß im blauen Kleid, das oben überm weißen Unterkleid zusammengeflickt war, sah ich sie so ganz wirklich im Tageslicht, ein bißchen vorgebeut und die schönen lichtblonden Haare ein bißchen spärlich im Nacken, und manchmal die Augen zu mir hergewandt mit all der Fülle des nur ihr Eigenen im Blick, daran ich nie teilhaben werde, und um den Mund ein Freundschaftslächeln, das fragt: Nachdem ich nun dies und das und allerlei erfahren habe, was hast du mir neues mitzuteilen ?

-         Ach, sie läßt einen immer ganz ruhig in ihre Augen sehen, denn die zarten Augenhäute sind immer ganz undruchdringliche Mauern. Wer besaß sie je ?

 

Hessel kommt in Kontakt mit den Zionisten

 

Einer der Studienkameraden (Hessel besucht ein Kolleg über das bürgerliche Gesetzbuch) ist Zionist. Der erklärt ihm, daß es sich beim Zionismus nicht um konfessionelle Dinge handele, sondern um nationale. Er nimmt Hessel mit in das Café, in dem sich die Zionisten treffen. Dort fesselt ihn ein junges Mädchen von besonderer Schönheit. Sie heißt bei Hessel „Recha“ und ist wahrscheinlich identisch mit der „Jadwiga“ in „Herrn Dames Aufzeichnungen“.

„In kurzen Locken glitt ihr rötliches Haar auf milchweiße Schultern, die nackt aus dem dunklen Samtkleid strebten. Ihr heller Blick ging ihm kühl und zugleich aufreizend durch Hirnund Mark....

Die Männer um sie her redeten von Zion und der Heimkehr...Dann sprach man vom Kongress (der Erste Zionistische Kongress 1897 in Basel). Markus pries den berühmten Führer (Theodor Herzl) und wurde dabei schamrot vor Verehrung.

‚Er ist ein guter und edler Mann,’ sagte darauf die schöne Recha, ‚aber wir wissen nicht, ob er der ist, der kommen muß’...

Dann erzählte sie den ehrfürchtig Lauschenden von ihrem russischen Heimatdorf, beschrieb den Wettlauf der armen Händler des Morgends zur Brücke, wo die Bauern mit ihrem Vieh eintrafen; ihren qualvollen Wetteifer abzumakeln, zu überbieten...

Sie wurde gefragt, ob sie selber mitzukommen hoffe nach der Heimat (d.h. Palästina).

‚Ich noch nicht’, sagte Recha...

Diese Recha quälte ihn...Nun sollte er wieder zu einer Rasse gehören, am Ende Stellung nehmen zu aktuellen Fragen...

Sie sprach immer nur von Gott. Hatte ihn der nicht damals verlassen und war ins Grenzenlose zurückgewichen ?...

Er bekam ein unerwartetes Interesse am Hebräischen und bat Markus, ihn die Sprache zu lehren...

 

Hessel erlebt einen „flirty fishing“-Versuch Recha’s

 

Hessel geht die „endlos lange Straße, die zum Oberwiesenfeld führte“ (heute Olympiaelände), um Recha zu besuchen.

Sie sagt: „Du hast keine Schwester, nicht wahr ? ...Ich will deine Schester sein“ und küsst seine Stirn.

„Im Zimmer war beklemmend süße Luft wie von welken Narzissen...Gustav glaubte glücklich zu sein. Aber er konnte nicht ruhen in diesem Glück. Es trieb ihn fort.

Sie geleitete ihn fast feierlich zur Tür. ‚Wir wollen zueinander sein wie die Bäume, die beisammen stehen, wie die Halme auf dem Felde, die mit einander wehen ihm Winde,’ flüsterte sie an seiner Wange....

Eines Abends durfte er sie in einem Wagen zu sich abholen...Sie lagen dann Arm in Arm und Auge in Auge...sie küsste ihn und tat ihm weh. Er dachte: Weiß sie den gar nicht, was ich ihr, sie mir, was wir einander tun, daß sie immer nur von der anderen Welt redet, von der unsichtbaren, untastbaren Heimat ? Oder ist sie weiser oder reiner als ich ?“

Auf der Heimfahrt im Fiaker „umschlang sie ihn und schloß die Augen. Ihm war nicht gut um’s Herz: ihr Atem beklemmte ihn, ihr Kuß haftete, ihre Arme klammerten, ihr Leib klebte an seinem Leibe...Er schliech vergrämt heim...“

Am nächsten Tag stand er wieder vor ihrer Tür und fühlte „etwas wie eine Alernative: - Entweder gehe ich gleich wieder weg oder ich muß sie besitzen gleich jetzt. – ...Recha schmiegte sich schaudernd an den Freund und sagte: ‚Fühlst du nicht, wie meine Seele friert ?’

Da drückte er sie leise von sich fort, fasste ihre Hände, sah sie redlich an und sagte: ‚Recha, ich kann deine Seele nicht kennen, wenn ich dich nicht besessen habe.’

Sie ließ seine Hände los und schlich weinend in einen dunklen Winkel. Und wie sie da abseits hockte, wunderte er sich schon, daß er durchaus dies junge Weib da in der Ecke ‚besitzen’ wollte, wie er doch selbst gesagt hatte.“

 

Hessel verliert unter dem Einfluß der Kosmiker sein Interesse am Jurastudium

 

„Ich wohne immer noch spukhaft in dem verlassenen Lebenskreise einer fremden Frau...Statt brav mein Jus zu studieren, besuche ich neuerdings archäologische und philosophische Vorlesungen. Und dann habe ich einfach nur recht dilettantisches Interesse für orientalische Sprachen bekommen. Ich bin sogar ein paar Mal in das Kolleg der Ägyptologen gegangen.“ Hessel findet das alles viel interessanter als die Nationalökonomie.

„Es gibt auch gar keinen Beruf, der mich lockt. Es hat mich nicht gerufen !“

 

Die Reventlow kommt von ihrer Reise zurück

 

„Am nächsten Morgen wachte Gusttav von einem Kuß auf. Sibylle saß auf seinem Bett und lachte. Gerda stand an der Tür. Sie war gekommen, einen durchreisenden Vetter in München zu begrüßen.“

Hessel beichtet ihr, daß er für den Abend viele Gäste in ihre Wohnung eingeladen hat. Aber ihr macht das gar nichts aus, im Gegenteil. Am Nachmittag kommt Suchocki mit einer rothaarigen Engländerin, die entzückt ist, die Reventlow kennenzulernen. Nach und nach treffen Damen, Schauspieler, ein Leutnant, ein Bankier, zwei Sozialisten mit Plakaten und das Gänselieschen ein. Es wird ein vergnügter Abend. Um Mitternacht zieht die Gesellschaft weiter in Suchocki’s Atelier. Hessel bleibt zurück und passt auf das Kind der Reventlow auf.

Gegen morgen kommt die Revntlow zurück. „Er küsste ihr die Hände und als sie sich ihm entzogen, ihr Kleid. Er war selig vor lauter Unglück.“ Der betrunkene Hessel schläft unter den Händen der Reventlow ein.

 

Hessel besucht die Reventlow und Suchocki auf dem Herrensitz des Grafen Orlonski

 

„Da kam ein Brief von Gerda: - Warum er sie noch nicht besucht hätte in ihrem Sommerheim ? –

Das war ein ländlicher Herrensitz, den ein vornehmer Freund Stan und ihr überlassen hatte, halb Schloß, halb Bauernhof, nicht weit vom See. Es gab da für Gustav ein Turmzimmer, in das sie ihn in Gedanken längst einlogiert hatten. –Warum er nicht schon drin wäre ? –

Und da er...vor dem fremden Italien Angst hatte (dort wollte er eigentlich in der Ferienzeit hinfahren), ...fuhr er zu Gerda.“

 

Suchocki will nach Amerika auswandern

 

An der Bahnstation in Rosenheim erwartete ihn die Reventlow und Suchocki mit einem Bauernwägelchen. Auf den Herrensitz angekommen, erzählt ihm die Reventlow, daß Suchocki München verlassen will.

„Stan lächelte über Gustavs verwundertes Gesicht: „Ja, so ist es. Mein Freund Ewald will mich mitnehmen auf eine neue Farm in Südamerika, dicht am Urwald. Da brauche ich nicht mehr Gläser zu malen und mit Althändlern umzugehen. Da gibt es Cowboys, Trapper und wilde Pferde.’

‚Und er kann’, warf Gerda ein, ‚gleich sein Cowboykostüm zum Karneval mitnehmen.’

‚Und auch die Ritterrüstung’, rief Sibylle...

Man ging früh zu Bett. Gustav lag schlaflos in seinem Turmzimmer. Er musste über Stan und Gerda nachdenken. Es fiel ihm auf, daß sie ihn herbeirief gerade jetzt, wo der andere sie verließ. –

Nun haben sie vielleicht ihre Abschiedsnacht, diese beiden. Ich wache ein paar Meter von ihnen, wie der Wächter im Tagelied, der Stundenzähler ihrer Liebe, wie ich es bei Rudolf und Cornelie war, ja eigentlich schon beim Vetter Edgar und Marthe ! Wenn ich nur meine Rolle gut verstünde ! Wenn ich schön singen könnte, wie der Wächter. – Aber er wird fortgehen. Ich werde belieben. –

...Da kamen Schritte die Stiege herauf. Stan erschien.

‚Sind sie noch munter, Gustav ? wollen Sie mich begleiten ?’

‚Wohin ?’

‚Ich reise ab.’

Er stellte zwei Handtaschen auf den Boden.

‚Heute Nacht noch ?’

Ja, der Zug geht morgens um drei Uhr nach München. Wir gehen einen kürzeren Weg durch die Wälder. Es ist eine schöne Mondnacht. Haben Sie Lust ?’

‚So plötzlich verlassen Sie uns ?’

‚Ach, ich mag das lange Abschiednehmen nicht.’

Gustav stand auf, zog rasch seine Kleider an und nahm die eine Tasche.

 

Suchocki erzählt Hessel über sein vergangenes und zukünftiges Leben und schlägt ihm vor, mit nach Amerika zu gehen

 

Im Walde wurde Stan gesprächig: ‚Wie recht Sibylle hat ! Wozu Rüstungen, wenn es keine Ritter mehr gibt. In meiner Mutter Zimmer daheim hingen Bilder der Ahnen in Panzern, und als Kind wünschte ich mir immer, ein Ritter zu werden...

Im zweiten Wald sprach Stan von Amerika und seiner Zukunft. ‚In unseren Zeiten ist es das beste, ein Jäger und Reiter zu sein. Wissen Sie Gustav, entschließen Sie sich rasch: kommen sie mit. Sie sind doch frei. Lassen Sie die Jurisprudenz und die schönen Damen und Künstler und kommen Sie mit in den Urwald.’

‚Ich möchte schon,’ sagte Gustav, ‚aber ich habe kein Recht dazu.’

‚Was heißt das ?’

‚Das kann ich nicht erklären. Es ist so. Ich bin kein Reiter.’

‚Ich glaube, Sie wollen nicht weg von unseren schönen Damen’, meinte der andere.

‚Ach,’ sagte Gsutav, ‚die gehören den Reitern. Für mich bleibt die Jurisprudenz.’

Stan klopfte ihm ermunternd auf die Schultern; ‚Sie sind noch jung, und alles liegt vor ihnen. Wie kann man so trübselig sein, wenn man gesund ist und keine Geldsorgen hat.’

An der Bahn nahmen beide mit herzlichem Händedruck von einander Abschied, und Gustav ging in die Landstraße zurück und langsam in den dämmernden Tag.

 

Noch will Hessel Jurist und nicht schöngeistiger Schreiber und Privatier werden

 

Hessel und die Revntlow treffen eine junge Malerin, die sie aus Schwabing kennen.

„Dann sah sie (Gerda) Gustav an und sagte: ‚Ja, Sie sind eigentlich gar kein moderner junger Mann, guter Gustel. Oder wissen Sie auch schon, was Sie wollen ?’

Er sagte: ‚Ich werde wohl im Winter nach Berlin gehen und fürs Examen studieren.’

‚Ach warum bleiben Sie nicht bei uns ? Nicht wahr, Sibylle, der der Gustel soll bei uns bleiben ?’

Sibylle nickte wichtig: ’Wir wollen in einem Häuschen wohnen.’

‚Wie gern,’ dachte er, aber im Weiterdenken wurde ihm Angst. ‚Was wird dann aus mir werden ?’

fragte er Gerda. ‚ich gerate dann am Ende auch ins Schöngeistige, kaufe alte Dultmöbel (auf der Auer Dult, einem Flohmarkt im Münchner Stadtteil Au) und werde ein dreisigjähriger Rentier.’

‚Warum nicht ?’ fragte Gerda. ‚Was liegt denn an Berufen ? Ist es nicht genug, wenn man ein Mensch wird ?’

‚Nein,’ sagte Gustav, ‚es ist nicht genug, man muß ein Held sein – oder -’

‚Oder ?’

‚Oder seinen Doktor machen.’

 

Abschied von er Reventlow

 

Als Sibylle im Bett war, gingen die beiden auf die Straße zum See...Ei