Unsterblichkeit für jedermann

Von Richard Beiderbeck     www.koinae.de      Email: webmaster@koinae.de

 

 

Heute kann jeder sich und sein Leben mit einer handelsüblichen digitalen Videokamera filmen lassen. Er kann diesen Videofilm ins Internet hochladen. Was einmal immer Internet ist, hat die Tendenz dort ewig zu bleiben. Auch wenn man gleich danach den Film wieder löschen würde, so wäre der Film wahrscheinlich schon von jemand (oder von einer Maschine) kopiert und wo anders abgespeichert.

 

Das Internet vergisst nichts, sondern es saugt die Daten begierig auf, und je größer die Speicherkapazitäten der Computer werden, umso mehr wird alles und jedes gespeichert werden. Das Internet wird die reale Welt immer vollkommener abbilden und gleichzeitig immer mehr zu einer Welt werden, die in gewisser Weise die reale Welt an Bedeutung in den Schatten stellt. „Wenn du nicht im Internet bist, dann bist du überhaupt nicht“, könnte man zugespitzt sagen.

 

Das Internet wird ein immer vollkommeneres Abbild von Dir und mir enthalten, und zwar nicht nur nackte Daten und Zahlen, sondern auch Aussehen und Stimme, die Art, sich zu bewegen, zu sprechen und gar zu denken. Das Internet ist dabei, so etwas wie der liebe Gott zu werden. Deshalb ist es auch nur folgerichtig, daß ein junger Kanadier die „Church of Google“ gegründet hat und darin eine Anzahl von Beweisen aufzählt, daß Google Gott ist (z. B.: es weis alles, erfüllt Wünsche, ist den Menschen wohlgesonnen – letzteres kann man von Gott nicht zweifelsfrei behaupten).

 

Das Internet eröffnet also den Menschen die Möglichkeit zur passiven Unsterblichkeit. Unter passiver Unsterblichkeit verstehe ich die Unsterblichkeit des Abbildes, der Werke und der Erinnerung eines Menschen. Früher war diese Art der Unsterblichkeit nur einer kleinen Elite von Auserwählten vergönnt, z. B. den Mitgliedern der Academie Francaise.

 

Heute aber hat die Omnität auch dieses Feld des menschlichen Daseins erreicht. Unter Omnität nenne ich das Phänomen, daß Dinge, die früher nur einer privilegierten Minderheit zugänglich waren, heute Allgemeingut geworden sind. Früher waren gutes Essen, angenehme Wohnungen, die Möglichkeit, den ganzen Tag von Schauspielern und Sängern unterhalten zu werden, nur den Reichen und Mächtigen vorbehalten. Heute hat bei uns in Deutschland fast jeder einen Fernseher und ein Bad. Ich könnte das noch seitenlang ausführen, aber jeder kann selbst zahlreiche Beispiele finden: Autos, Fernreisen, Computer.

 

Jetzt hat mit dem Internet die Omnität einen neuen Schub bekommen. Jeder kann sein eigener Verleger sein und seine Werke im Internet veröffentlichen. Jeder kann Film- und Ton-Aufnahmen machen und damit quasi einen Rundfunk- oder Fernsehsender besitzen. Und jeder kann sein eigener Filmstar und Moderator sein. Und daß Google effizienter ist als mancher nationale Geheimdienst, ist auch kein Geheimnis mehr.

 

Heute hat also die Omnität die passive Unsterblichkeit erreicht. Wann wird sie die aktive Unsterblichkeit erreichen ?

 

Unter aktiver Unsterblichkeit verstehe ich das, was uns das Christentum seit 2000 Jahren anbietet: Wiederauferstehung im Fleische. Also Rekonstituierung des Körpers eines Verstorbenen in seiner schönsten und gesündesten Form, frei von irgendwelchen Wehwehchen und vom körperlichen Verfall, frei von irgendwelchen Mängeln, Schmerzen und Defekten. Das sind gigantische Versprechungen, aber ein ganz erheblicher Teil der Menschheit glaubt daran. Wenn man die Moslems dazu nimmt, die ja diesen christlichen Glauben übernommen haben, dann glaubt die überwiegende Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten an die Unsterblichkeit. Warum ? Weil sie es glauben wollen. Der Gedanke ist einfach zu schön und verführerisch.

 

Wer garantiert uns, daß wir (bei entsprechendem Wohlverhalten) für alle Ewigkeit in vollendeter Glückseligkeit im Paradies weilen werden? Die Kirche antwortet: „Jesus ist der Garant der Wahrheit“. Nun ist aber Jesus seit zweitausend Jahren tot. Deshalb müssen wir uns an seinen irdischen Stellvertreter halten, den Papst. Der ehemalige Kardinal Josef Ratzinger steht dafür ein, daß wir unsterblich sein können, wenn wir seiner Kirche beitreten und ihre Glaubenssätze und Vorschriften annehmen. Und weil der Papst der Garant für die ewige Glückseligkeit ist, drängen sich die Menschen danach, in die Nähe des heiligen Vaters zu gelangen, um ein Stück seiner magischen Ausstrahlung zu erhaschen, ihn gar zu berühren, denn er verströmt ewiges Glück. Was haben die Atheisten dem entgegenzusetzen?

 

Nun haben also der Papst und sein Gott Konkurrenz bekommen. Gewiß, die „Church of Google“ ist nur ein Scherz, eine Gedankenspielerei. Aber in jedem Scherz steckt auch Ernst.

 

Den Transhumanisten ist es ernst. Sie glauben, daß ein ewiges Leben mit den Mitteln der zukünftigen Hochtechnologie möglich sein wird. Wenn, so folgert man, der molekulare Aufbau eines Menschen (was weit mehr als ein genetischer Code ist), endlich entschlüsselt sein wird, dann wird es auch möglich sein, den Körper eines Menschen vollkommen zu reproduzieren. „…Und sei es nur als Ersatzteilager !“ wird vielleicht jemand hinzu fügen, der sich Gedanken über die Ethik des technischen Fortschritts macht.

 

Wie auch immer, dieser reproduzierte Körper wird nur eine leere Hülle sein, quasi eine leere Festplatte, auf der noch die Daten und Programme fehlen. Aber die wird man schon irgendwie hochladen ins Gehirn – so spekulieren die Transhumanisten.

 

Aber warum soll man diese Daten und Programm unbedingt in ein menschliches Gehirn hochladen, so sagt man sich. Man könnte doch das, was einen Menschen eigentlich ausmacht – seine Erinnerungen, seinen Charakter, seine Vorlieben, seine Art sich zu bewegen und zu denken – auch in einen Computer hochladen. Hollywood hat das natürlich schon längst gemacht – in dem Film Matrix.

 

Es gibt also zwei Wege zur technisch ermöglichten Unsterblichkeit: Entweder man schafft einen ewig jungen, sich immer wieder neu und unverbraucht reproduzierenden Körper und sorgt dann dafür, daß die Erinnerungen und die Persönlichkeit in dem Gehirn dieses Körpers auf alle Ewigkeit unverändert präsent bleiben, oder man lädt den geistig-seelischen Teil eines Menschen auf einen Computer. Dieser Computer könnte natürlich auch in einem humanoiden Roboter stecken.

 

Das ist zunächst alles nur Science Fiktion. Aber es hat doch auch schon heute philosophisches, politisches, religiöses und sogar juristisches Interesse. Man wird sich dann zum Beispiel fragen: Ist ein solcher Mensch, der seine Persönlichkeit in einen Computer hochgeladen hat, noch als lebendig zu betrachten, auch wenn seine irdischer Körper schon längst auf dem Friedhof liegt ? Für die Erben wird das eine essentielle Frage sein, denn sie können ihr Erbe erst in Empfang nehmen, wenn der Erblasser tot ist. Unsterblichkeit ist also aus Sicht der Erben eine Katastrophe.

 

Unsterblichkeit wäre auch für die ewiges Leben verheißenden Religionen eine Katastrophe - oder auch nicht. Man sollte nämlich nicht die Wandlungsfähigkeit und das Überlebenspotential von Religionen unterschätzen. Entgegen dem äußeren Anschein sind Religionen in einem ständigen Wandel begriffen.

 

Die Wunder der Technik haben fast sämtliche Wunder Jesus Christi in den Schatten gestellt bzw. erklärt. Das hindert die Gläubigen aber nicht daran, den Wundern Christi nach wie vor große Ehrfurcht entgegen zu bringen. Auch wenn die Technik die Möglichkeit eröffnet, die Unsterblichkeit zu erreichen, wird dies die Gläubigen nicht davon abhalten, die christliche Art der Unsterblichkeit zu bevorzugen, denn sie ist viel einfacher und billiger zu haben: man muß nur daran glauben.