Unsterblichkeit für jedermann
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Heute kann jeder sich und
sein Leben mit einer handelsüblichen digitalen Videokamera filmen lassen. Er
kann diesen Videofilm ins Internet hochladen. Was
einmal immer Internet ist, hat die Tendenz dort ewig zu bleiben. Auch wenn man
gleich danach den Film wieder löschen würde, so wäre der Film wahrscheinlich
schon von jemand (oder von einer Maschine) kopiert und wo anders abgespeichert.
Das Internet vergisst
nichts, sondern es saugt die Daten begierig auf, und je größer die Speicherkapazitäten
der Computer werden, umso mehr wird alles und jedes gespeichert werden. Das
Internet wird die reale Welt immer vollkommener abbilden und gleichzeitig immer
mehr zu einer Welt werden, die in gewisser Weise die reale Welt an Bedeutung in
den Schatten stellt. „Wenn du nicht im Internet bist, dann bist du überhaupt
nicht“, könnte man zugespitzt sagen.
Das Internet wird ein
immer vollkommeneres Abbild von Dir und mir enthalten, und zwar nicht nur
nackte Daten und Zahlen, sondern auch Aussehen und Stimme, die Art, sich zu
bewegen, zu sprechen und gar zu denken. Das Internet ist dabei, so etwas wie
der liebe Gott zu werden. Deshalb ist es auch nur folgerichtig, daß ein junger Kanadier die „Church of Google“ gegründet
hat und darin eine Anzahl von Beweisen aufzählt, daß
Google Gott ist (z. B.: es weis alles, erfüllt Wünsche, ist den Menschen wohlgesonnen – letzteres kann man von Gott nicht
zweifelsfrei behaupten).
Das Internet eröffnet also
den Menschen die Möglichkeit zur passiven Unsterblichkeit. Unter passiver
Unsterblichkeit verstehe ich die Unsterblichkeit des Abbildes, der Werke und
der Erinnerung eines Menschen. Früher war diese Art der Unsterblichkeit nur
einer kleinen Elite von Auserwählten vergönnt, z. B. den Mitgliedern der Academie Francaise.
Heute aber hat die Omnität auch dieses Feld des menschlichen Daseins erreicht.
Unter Omnität nenne ich das Phänomen, daß Dinge, die früher nur einer privilegierten Minderheit
zugänglich waren, heute Allgemeingut geworden sind. Früher waren gutes Essen,
angenehme Wohnungen, die Möglichkeit, den ganzen Tag von Schauspielern und
Sängern unterhalten zu werden, nur den Reichen und Mächtigen vorbehalten. Heute
hat bei uns in Deutschland fast jeder einen Fernseher und ein Bad. Ich könnte
das noch seitenlang ausführen, aber jeder kann selbst zahlreiche Beispiele finden:
Autos, Fernreisen, Computer.
Jetzt hat mit dem Internet
die Omnität einen neuen Schub bekommen. Jeder kann
sein eigener Verleger sein und seine Werke im Internet veröffentlichen. Jeder
kann Film- und Ton-Aufnahmen machen und damit quasi einen Rundfunk- oder
Fernsehsender besitzen. Und jeder kann sein eigener Filmstar und Moderator
sein. Und daß Google effizienter ist als mancher
nationale Geheimdienst, ist auch kein Geheimnis mehr.
Heute hat also die Omnität die passive Unsterblichkeit erreicht. Wann wird sie
die aktive Unsterblichkeit erreichen ?
Unter aktiver
Unsterblichkeit verstehe ich das, was uns das Christentum seit 2000 Jahren
anbietet: Wiederauferstehung im Fleische. Also Rekonstituierung
des Körpers eines Verstorbenen in seiner schönsten und gesündesten Form, frei
von irgendwelchen Wehwehchen und vom körperlichen Verfall, frei von
irgendwelchen Mängeln, Schmerzen und Defekten. Das sind gigantische
Versprechungen, aber ein ganz erheblicher Teil der Menschheit glaubt daran. Wenn
man die Moslems dazu nimmt, die ja diesen christlichen Glauben übernommen
haben, dann glaubt die überwiegende Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten
an die Unsterblichkeit. Warum ? Weil sie es glauben wollen. Der Gedanke ist
einfach zu schön und verführerisch.
Wer garantiert uns, daß wir (bei entsprechendem Wohlverhalten) für alle
Ewigkeit in vollendeter Glückseligkeit im Paradies weilen werden? Die Kirche
antwortet: „Jesus ist der Garant der Wahrheit“. Nun ist aber Jesus seit
zweitausend Jahren tot. Deshalb müssen wir uns an seinen irdischen
Stellvertreter halten, den Papst. Der ehemalige Kardinal Josef Ratzinger steht dafür
ein, daß wir unsterblich sein können, wenn wir seiner
Kirche beitreten und ihre Glaubenssätze und Vorschriften annehmen. Und weil der
Papst der Garant für die ewige Glückseligkeit ist, drängen sich die Menschen
danach, in die Nähe des heiligen Vaters zu gelangen, um ein Stück seiner
magischen Ausstrahlung zu erhaschen, ihn gar zu berühren, denn er verströmt ewiges
Glück. Was haben die Atheisten dem entgegenzusetzen?
Nun haben also der Papst
und sein Gott Konkurrenz bekommen. Gewiß, die „Church
of Google“ ist nur ein Scherz, eine Gedankenspielerei. Aber in jedem Scherz
steckt auch Ernst.
Den Transhumanisten
ist es ernst. Sie glauben, daß ein ewiges Leben mit
den Mitteln der zukünftigen Hochtechnologie möglich sein wird. Wenn, so folgert
man, der molekulare Aufbau eines Menschen (was weit mehr als ein genetischer
Code ist), endlich entschlüsselt sein wird, dann wird es auch möglich sein, den
Körper eines Menschen vollkommen zu reproduzieren. „…Und sei es nur als Ersatzteilager !“
wird vielleicht jemand hinzu fügen, der sich Gedanken über die Ethik des technischen
Fortschritts macht.
Wie auch immer, dieser reproduzierte
Körper wird nur eine leere Hülle sein, quasi eine leere Festplatte, auf der
noch die Daten und Programme fehlen. Aber die wird man schon irgendwie hochladen ins Gehirn – so spekulieren die Transhumanisten.
Aber warum soll man diese
Daten und Programm unbedingt in ein menschliches Gehirn hochladen,
so sagt man sich. Man könnte doch das, was einen Menschen eigentlich ausmacht –
seine Erinnerungen, seinen Charakter, seine Vorlieben, seine Art sich zu bewegen
und zu denken – auch in einen Computer hochladen. Hollywood
hat das natürlich schon längst gemacht – in dem Film Matrix.
Es gibt also zwei Wege zur
technisch ermöglichten Unsterblichkeit: Entweder man schafft einen ewig jungen,
sich immer wieder neu und unverbraucht reproduzierenden Körper und sorgt dann
dafür, daß die Erinnerungen und die Persönlichkeit in
dem Gehirn dieses Körpers auf alle Ewigkeit unverändert präsent bleiben, oder man
lädt den geistig-seelischen Teil eines Menschen auf einen Computer. Dieser
Computer könnte natürlich auch in einem humanoiden
Roboter stecken.
Das ist zunächst alles nur
Science Fiktion. Aber es hat doch auch schon heute philosophisches, politisches,
religiöses und sogar juristisches Interesse. Man wird sich dann zum Beispiel
fragen: Ist ein solcher Mensch, der seine Persönlichkeit in einen Computer
hochgeladen hat, noch als lebendig zu betrachten, auch wenn seine irdischer
Körper schon längst auf dem Friedhof liegt ? Für die
Erben wird das eine essentielle Frage sein, denn sie können ihr Erbe erst in
Empfang nehmen, wenn der Erblasser tot ist. Unsterblichkeit ist also aus Sicht
der Erben eine Katastrophe.
Unsterblichkeit wäre auch
für die ewiges Leben verheißenden Religionen eine Katastrophe - oder auch
nicht. Man sollte nämlich nicht die Wandlungsfähigkeit und das
Überlebenspotential von Religionen unterschätzen. Entgegen dem äußeren Anschein
sind Religionen in einem ständigen Wandel begriffen.
Die Wunder der Technik
haben fast sämtliche Wunder Jesus Christi in den Schatten gestellt bzw.
erklärt. Das hindert die Gläubigen aber nicht daran, den
Wundern Christi nach wie vor große Ehrfurcht entgegen zu bringen. Auch wenn die
Technik die Möglichkeit eröffnet, die Unsterblichkeit zu erreichen, wird dies
die Gläubigen nicht davon abhalten, die christliche Art der Unsterblichkeit zu
bevorzugen, denn sie ist viel einfacher und billiger zu haben: man muß nur daran glauben.