Rückblick
in die Zukunft
Ein Zukunftszenario von
Schauen wir in die Zukunft. Dabei ist mir bewusst,
dass Prognosen immer schwierig sind – vor allem wenn sie auf die Zukunft
gerichtet sind.
2011: Der letzte amerikanische Soldat
verlässt den Irak
In den ersten Monaten des Jahres 2007
schickte der US-Präsident in einer Art Trotzreaktion auf das Ansinnen der
demokratischen Mehrheit im Kongress weitere 21 000 Soldaten nach Bagdad. Warum
nicht 50 000 oder 150 000 ? Der Wahlspruch der Amerikaner war doch stets
gewesen: „Nicht kleckern, sondern klotzen !“, weil die Amerikaner als großes
und mächtiges Land stets aus dem Vollen schöpfen konnten. Aber die Zeiten waren
vorbei. Diese 21 000 schlecht ausgebildeten und unmotivierten Soldaten waren
das letzte Aufgebot, das was man mit Mühe und Not zusammenkratzen konnte.
Militärisch waren die USA im Irak am Ende. Was nützten Ihnen ihre Atombomben
und ihre Flugzeugträger ?
Die technisch-organisatorische
Herausforderung dieses Bürgerkrieges im Irak bestand darin, ein ganzes Volk unter
Kontrolle zu halten, ohne zu den totalitären Maßnahmen eines Saddam Hussein zu
greifen. Aber dies lag jenseits des Begriffsvermögens einer Nation, die nur
Liberalität, Freihandel, Eigeninitiative und Gewinnstreben kannte.
Wir aus heutiger Sicht sehen die Lösung
ganz klar und wir wundern uns, warum die Amerikaner so ein Brett vor dem Kopf
hatten und das Land so unrühmlich verließen. Die Amerikaner hätten ganz einfach
jeden Menschen, der sich innerhalb der Grenzen des des Iraks aufhielt mit einem
„Lokinder“ versehen müssen. Das ist ein Gerät, das es erlaubt, jederzeit
festzustellen, wo sich eine Person befindet, ihn also lokalisiert und ihn
identifiziert.
Aber um das zu machen, fehlte es
natürlich am know how und an der Infrastruktur. Es hätte dazu eines gewaltigen
Kraftaufwandes bedurft, vergleichbar der Landung auf dem Mond. Die USA wären
dazu in der Lage gewesen – aber konnte man das ernsthaft von einem Volk
erwarten, das noch nicht einmal ein polizeiliches Meldegesetz kannte ?
Für uns Heutigen ist ganz klar, was die
Amerikaner hätten tun sollen. Erst hätten sie, ausgehend vom Zentrum, ganz
Bagdad zu einer Wireless Lokal Area Network (WLAN)-Zone machen müssen. In diese
Zone hätte sich nur aufhalte dürfen, wer mit einem GPS-gestützten Lokinder
(Lokalisator und Indentifikator) ausgestattet ist. Dieser Lokinder hätte
erlaubt, ein Bewegungsmuster jeder Person aufzuzeichnen und bei Bedarf zu
analysieren. Darüberhinaus hätte der Lokinder als Voice-Recorder gedient, der
die Tonaufnahmen an einen Zentralrechner gesendet hätte, wo sie zunächst einmal
nur abgespeichert worden wären. Wenn man dann festgestellt hätte, daß der
Betreffende ein Terrorist oder ein Verbrecher war oder derartige Aktivitäten
unterstützte, hätte man ihm und seinen Hintermännern die schnelle Zugreiftruppe
auf den Hals gehetzt. Wenn das Netz erst einmal über Bagdad ausgebreitet
gewesen wäre, wäre die Stadt in einem Jahr clean gewesen.
So aber nahmen die Dinge ihren Lauf. Die
Amerikaner gingen aus dem Irak heraus. Die Kurdengebiete im Norden erklärten
sich zum eigenen Staat. Daraufhin versuchte die Türkei diese Gebiete zu
besetzen und wurde in einen Guerillakrieg verwickelt, den sie nicht gewinnen
konnte. Dadurch verloren die Militärs an Einfluß und Ansehen und die
islamischen Fundamentalisten kamen an die Macht. Aber die westlich orientierten
unter den Türken veranstalteten in Istanbul riesige Protest-Demonstrationen,
die blutig unterdrückt wurden. Die Türkei stand vor einem Bürgerkrieg. Aber
UN-Friedenstruppen, in denen übrigens viele Deutsch-Türken waren, verhinderten
den Ausbruch eines bewaffneten Konflikts. In der Konferenz von Paris einigten
sich die drei Konfliktparteien (Kurden, Islamisten und westlich orientierte
Türken) darauf, das Land in drei Teile zu teilen: Istanbul, Ankara, Bursa,
Izmir, Antalya und die ganze Küstenregion an Mittelmeer und Schwarzem Meer
wurden zur „Demokratischen Republik Türkei“ und trat im Jahr 2016 der
Europäischen Union bei. Im Osten entstand
die „Volksrepublik Kurdistan“, die sich mit dem irakischen Kurdenstaat
vereinigte. Der große, Rest, hauptsächlich Anatolien, wurde zum sunnitischen
Gottesstaat.
Die Schiitengebiete im Süden des Irak
wurden zu einem Satellitenstaat der persischen Fundamentalisten. Die Zone in
der Mitte des Iraks mit Bagdad wurde zu einem vom Bürgerkrieg und Hunger
geplagten Weltteil, aus dem die Menschen flohen. Bagdad wurde, abgeschlossen
vom Verkehr und von den Ressourcen, immer mehr zu einer sich entvölkernden
Provinzstadt, in der die Gotteskrieger ein strenges Regiment führten. Man
sprach von der „Kabulisierung“ Bagdads.
Viele Iraker flohen vor der Armut und den
Fundamentalisten nach Europa. Als sich die meisten hier nicht halten konnten,
wanderten sie weiter nach Kanada, USA, Australien oder Lateinamerika. Aber die
Mehrzahl der Iraker zog es vor, in die großen Islamischen Metropolen, wie
Kairo, Alexandria, Istanbul oder Casablanca zu flüchten oder in den Staaten am
persischen Golf und in Saudi-Arabien Zuflucht zu finden.
Der große Börsencrash von 2012
Die hohen Ölpreise trieben viele
Wirtschaftsunternehmen in den Ruin. Die Automobilindustrie, die Fluglinien und
die Tourismusbranche schrieben tiefrote Zahlen. Das Konsumklima in der
westlichen Welt war so schlecht wie nie. Die Aktien setzten zum Sturzflug ins
scheinbar Bodenlose an. Im Jahr 2009 waren die Aktien noch im Höhenrausch
gewesen. Nachdem Präsident Bush abgetreten war, hatten im Jahr 2008 die
Demokraten glanzvoll die Präsidenten-Wahl gewonnen. Der Rückzug der USA aus den
Krisengebieten in der arabischen Welt wurde von der Börse honoriert. Der
Alptraum vom 11. Sept. 2001 begann zu verblassen und die USA kehrten zur
Normalität zurück. Der Dow Jones stieg und stieg bis 2009 in Höhen, die man
nicht für möglich gehalten hatte. Nach einer Phase der Stagnation ging der
Aktienindex allmählich in den Sinkflug über, der sich dann immer mehr
beschleunigte. Die Bullen bäumten sich zwar noch ein letztes Mal auf und man
war geneigt zu glauben, dass der Kursrückgang nur eine „Konsolidierung“ sein.
Aber dann kam es erst knüppeldick und der Dow fiel auf 2000 Punkte. Welch ein
Masssaker !
Die Türkei verliert Ost-Anatolien und
schließt sich der Europäischen Union an
2012 trat die Ukraine der EU bei.
Weißrußland zerfiel in einen westlichen, nach Polen und Europa orientierten
Teil, während die Hauptstadt Minsk und der Osten ein Teil Russlands wurden. Im
ganzen gesehen wurde aber Rußland immer mehr zurückgedrängt. Die Grenze der
EU war nur noch 700 km von Moskau
entfernt.
Die Türkei war ja, wie schon erwähnt, in drei
Staaten zerfallen. Der westliche Teil, die Demokratische Türkische
Republik stand vor der Frage, ob sie
sich der Arabischen Union oder der Europäischen Union anschließen sollte.
Istanbul war eine Stadt zwischen den Welten. Faktisch hatte die Demokratische
Republik Türkei eine Militärregierung, der die Macht von den muslimischen
Fundamentalisten streitig gemacht wurde. Die westtürkische Regierung kam zu dem
Schluß, dass sie ihre Macht und ihr Überleben besser sichern würde, wenn sie
der Europäischen Union beitrat. Die Europäische Union war sich ihrer starken
Position bewusst und diktierte die Beitrittsbedingungen: 1.Kaltstellung der
Mullahs und Verwirklichung eines laizistischen und demokratischen Staates, 2.
Anerkennung des türkischen Teils
Kurdistans als nicht zur Türkei gehörig 3. Wiedervereinigung Zyperns.
Die Demokratische Republik Türkei stimmte
zu und trat 2016 der EU bei.
Die große Rohstoff-Krise von 2015
Da die riesigen Bevölkerungen von China und Indien
einen den US-Amerikanern und Europäern vergleichbaren Wohlstand erreichen
wollten, setzte ein gewaltiger Run auf die Rohstoffe und Energieträger ein.
Europa, Rußland, Nord- und Südamerika und Australien, also die im christlichen
Abendland verankerten Länder, standen dem Rest der Welt gegenüber. China hatte
in pragmatischer Weise mit Japan eine Allianz gebildet und den Mantel der
Versöhnung über die japanischen Kriegsverbrechen zwischen 1934 und 1945
gebreitet. Indien und China hatten ihre Rivalität begraben und mit der
arabischen Welt einen Pakt geschlossen, um das Öl im persischen Golf und in
Afrika auszubeuten. Der Süden Sibiriens und Zentralasien wurden von Chinesen
immer mehr besiedelt, sodaß sie allmählich die Bevölkerungsmehrheit bildeten.
Es standen sich zwei feindliche Lager gegenüber: die
immer mehr zurückgedrängten Europäer, Amerikaner und Australier auf der einen
Seite und auf der anderen Seite der Rest der Welt, der forderte, dass die
Rohstoffe der Welt auf alle Länder gerecht verteilt würden.
Seit China sich zu Beginn des Jahrhunderts zum
konsumorientierten Kapitalismus bekannte hatte, war die Nachfrage nach Öl und
Rohstoffen stark angestiegen. Die Preise explodierten. Bis 2008 war die
Weltaufmerksamkeit auf die Kriege der USA gegen Afghanistan und Irak gerichtet,
und die Terror-Hysterie des amerikanischen Präsidenten verstellte der Welt den
Blick auf die Tatsache, dass eine andere Drohung viel schwerwiegender war: Die
sich allmählich abzeichnende Erschöpfung der Vorräte an Öl und anderen
Rohstoffen. Der chinesische UN-Botschafter prangerte in einer denkwürdigen Rede
vor der UNO-Vollversammlung die Energieverschwendung der USA an. Dabei rechnete
er vor, wie viel Öl die Amerikaner bei ihren sinnlosen Kriegen und durch ihre
überdimensionierte Militärmaschinerie verschwendet hätte. In China waren die
Menschen erbittert über die spritfressenden Autos und die stromschluckenden
Klima-Anlagen der Amerikaner. Auch die Raserei auf den europäischen Autobahnen
(besonders der deutschen) erregte die Gemüter in den armen Ländern. Der Vorwurf
lautete: „Während ihr in euren Konsumorgien und Kriegen die letzten Ölreserven
der Welt verschwendet, sehen sich unsere Länder daran gehindert, ihrer
Bevölkerung einen normalen Lebensstandard zu gewähren, weil die Rohstoffpreise
in unglaubliche Höhen steigen.“ Der chinesische UNO-Botschafter sagte: „Der
Westen hält uns immer vor, dass wir die Menschenrechte missachten. Aber es gibt
ein Menschenrecht, das der Westen seit Jahrhunderten missachtet: Jeder Mensch
hat einen gleichen Anspruch auf die Rohstoffvorräte der Welt. Deshalb fordere
ich, dass alle Rohstoffvorräte der Welt der UNO unterstellt werden, und dass
jede Nation einen Anteil daran erhält, der seiner Bevölkerungszahl entspricht
!“ Und um noch eins draufzusetzen, sagte er: „Im übrigen forderte ich, dass sich
die Zahl der Sitze in der UNO-Vollversammlung ebenfalls nach der
Bevölkerungszahl einer Nation richten soll ! Wir haben genug von der
amerkanisch-europäischen Dominanz, von eurer Schulmeisterei und euren
Belehrungen ! Demokratie bedeutet die Herrschaft der Mehrheit. Die Mehrheit
sind wir Asiaten !“
Wenn die Rohstoffe der Welt nach der Bevölkerungszahl
verteilt werden würde, stand den US-Amerikanern nur ein Viertel von dem zu, was
die Chinesen bekommen sollten. Besonders schmerzhaft war für die USA, dass die
Chinesen diese Forderung auch auf die Ölvorräte im Bereich des amerikanischen
Doppelkontinents ausdehnten. Speziell für die Texaner war der Gedanke, dass sie
ihr Öl mit den Chinesen teilen sollten, so absurd und unannehmbar, dass der
gerade amtierende US-Präsident alle Beziehungen zu den Chinesen abbrach und
eine Teilung der Welt in zwei Sphären vorschlug: Auf der einen Seite: der
amerikanische Doppelkontinent, Australien, Europa, Rußland mit Sibirien; auf
der anderen: der Rest der Welt. Israel hielt sich mit großen Mühen als
westliche Enklave.
Indien vermittelt in der großen Ölkrise
In dieser überaus gespannten Situation trat Indien
als Vermittler auf und sagte ungefähr folgendes: „Nicht nur materielle Werte
zählen, sondern auch geistige. Die Welt hat bisher weit mehr konsumiert, als
sie wirklich gebraucht hat. Die Rohstoffe und die Nahrung reichen für alle,
wenn alle bereit sind, sich Beschränkungen beim Konsum auferlegen. Das muß nicht
zu einer Einschränkung der Lebensqualität führen“. Durch einen glücklichen
Zufall war der Generalsekretär der UNO zu diesem Zeitpunkt ein Inder, und die
Staatsmänner der Welt trafen sich in der Konferenz von Neu Delhi. Darin wurde
beschlossen, dass alle Rohstoffquellen der gemeinsamen Verwaltung aller
Nationen unterstellt würden – ähnlich wie die europäische Monatan-Union, welche
der Vorläufer der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft war. Die
Verteilungsquoten errechneten sich nach einem komplizierten Schlüssel, der
letztlich nur den Zweck hatte, den USA und den Europäern eine Extrawurst zu
braten, damit sie dem Deal zustimmten. Die texanischen Ölquellen wurden bis zum
Jahr 2075 den Texanern zugesprochen. Obwohl die Chinesen insgeheim mit den
Zähnen knirschten, erinnerten sie sich aber daran, dass ihnen auch Hongkong am
Ende auch zugefallen war. Die USA wiederum begannen daraufhin, ihre eigenen
Ölquellen bis zum letzten Tropfen auszubeuten, statt, wie bisher, das eigenen
Öl zu schonen und das Öl der anderen Länder zu verbrauchen.
Die Ausländer-Krise von 2016
War auch der große Konflikt zwischen Okzident und dem
Rest der Welt vermieden worden und war auch die internationale Politik wieder
in ruhigeres Fahrwasser gelangt, so verschärften sich in der westlichen Welt
die innenpolitischen Spannungen, die zu der so genannten „Ausländer-Krise“
führten. Es gab in der westlichen Welt immer weniger zu Wohlstand zu verteilen,
da die Rohstoffe immer teuerer wurden. Da der Westen den Rest der Welt nicht
mehr im gewohnten Umfang ausbeuten konnte, sank für weite Teile der Bevölkerung
der Lebensstandard dramatisch – was durch die Überalterung der Bevölkerung noch
verstärkt wurde. Nicht nur die Kleinbürger stiegen sozial ab, sondern auch der
Mittelstand, während es den Großverdienern und Superreichen immer besser ging.
Die sozialen Absteiger und die Verlierer der Globalisierung sahen, dass manche
der ausländischen Zuwanderer, wenn auch vielleicht erst in der dritten
Generation, zu Reichtum und Wohlstand aufstiegen, während sie selbst
deklassiert wurden. Hinzu kam, dass zwar die Mehrheit der Ausländer
integrationswillig und integrationsfähig war, dass aber etwa 10 Prozent sich
jeder Integration verweigerten. In Deutschland und Frankreich wuchs der Druck
auf die Regierung, die „Problem-Moslems“, wie die Rechtsradikalen sie nannten,
in ihre Heimat abzuschieben. Verschärft wurde das in Deutschland dadurch, dass
die „Demokratische Republik Türkei“ und die EU gerade in der Schlussphase der
Verhandlungen über den Beitritt der türkischen Republik standen. Die Türkei
dachten gar nicht daran, die „Problem-Moslems“ in ihrem Land aufzunehmen. Die
Türkei vertrat die Ansicht, dass jeder EU-Bürger seinen Aufenthaltsort frei
wählen dürfe. Und die „Deutschen türkischer Abstammung“ seinen Deutsche.
Überhaupt seien sie keine „Problem-Moslems“, sondern echte EU-Bürger, und ihre
Vertreibung wäre eine Verletzung der Menschenrechte. Dem konnte sich niemand,
den Rechtsstaat hoch hielt, verschließen.
Die „Ausländer-Krise“ führte zu bürgerkriegsartigen
Zuständen in den Großstädten, wo militanten Moslems und militante Neonazi’s
sich nächtliche Krawalle lieferten. Beide Seiten waren zu einer Art
Guerilla-Taktik übergegangen. Zwar konnte der Staat durch ein Großaufgebot von
Polizisten und Wasserwerfern verhindern, dass bei Großdemonstrationen die
Parteien übereinander herfielen, aber gegen die Zusammenrottung von zahlreichen
Kleingruppen, die sich nächtliche Gefechte lieferten und Autos und Häuser in
Brand setzten, war sie machtlos.
Von da an setzte der Staat auf die
Überwachungstechnologie. Jeder, der sich innerhalb der Grenzen der BRD
aufhielt, musste stets eine besondere Art von Personalausweis mit sich tragen,
der es möglich machte, jederzeit seinen Aufenthaltsort und seine Identität
festzustellen. Damit gelang es der Polizei schnell, die militanten Minderheiten
unter Kontrolle zu bringen.
Die Überwindung der großen Krisen von
2015 und 2016
Die Krisen führten zu einem Umdenken, das in den
kommenden zwei Jahrzehnten immer deutlicher Früchte trug. Die Superreichen
erkannten, dass ihre maßlose Gier beinahe die Basis ihres Reichtums zerstört
hätte, nämlich einen funktionierenden und prosperierenden Staat. Bei den
Reichen und der Mittelklasse wurde es zunehmend chic, bescheiden und
anspruchslos zu leben – wenigstens nach außen hin. Verschwendung wurde als
unmoralisch betrachtet. Hatten sich früher die Leute über einen Sexskandal oder
eine Korruptionsaffäre aufgeregt, so galt jetzt die Verschwendung als unfein
und wurde angeprangert. Die Reichen wurden immer bereitwilliger, auf einen
Großteil ihres Besitzes zu verzichten. Nicht ganz freiwillig, denn sie mussten
ihre Einkünfte und ihren Besitz im Internet offen legen, und Geiz und Gier
machte sie zum Gegenstand öffentlicher Anprangerung, ja sogar öffentlicher
Unmutskundgebungen und Angriffe. Dadurch, dass sie sich wie alle anderen Bürger
auch, ständig öffentlich lokalisieren und identifizieren mussten, konnten sie
sich nicht auf ihre verschwiegenen Landgüter oder ihre Stadtwohnungen in den
Reichen-Ghettos zurückziehen – die zu schützen übrigens die schlecht bezahlte
Polizei keine große Neigung mehr hatte.
Die zunehmende Verteilungsgerechtigkeit und die
allgemeine Bescheidenheit führte dazu, dass die Leute wieder zufriedener
wurden. Ein Nebeneffekt war, dass sie auch gesünder lebten und die Sozialkassen
weniger belasteten.
Durch die Verbesserung der Fernsehtechnik und der
Bildwiedergabe und durch die Vielzahl der Programme wurde das interaktive
Superfernsehen zur Haupt-Freizeitbeschäftigung der Leute. Vor allem die jungen
Leute liebten es, sich gemeinsam einer Flut von Bildern und Tönen auszusetzen
und dabei zu feiern und soziale Kontakte zu knüpfen. Immer gab es irgendwo eine
Fan-Meile und ein Fan-Fest.
Die Regierung und die Umweltschützer sahen dies mit Wohlgefallen.
So vielen die Leute nicht mehr in endlosen Autolkarawanen über die unberührte
Natur her und bliesen Unmengen von CO2 in die Luft.
Die Spaltung der Welt in das Reich der
urbanen Zivilisation und das Reich der Barbaren
Die Menschheit hatte die Krise wohlbehalten
überstanden. Allerdings zerfiel die Welt immer mehr in zwei Zonen: Die Zone der
urbanen Zivilisation und die Zone der Barbaren.
In der urbanen Zone wurde das Bargeld abgeschafft, jeder
Mensch war mit einem Chip ausgestattet, der es gestattete, ihn jederzeit zu
lokalisieren und zu identifizieren. Das hatte sich im Lauf der Jahre so
ergeben. Es war einfacher und bequemer, dadurch zu bezahlen, dass man sich
identifizieren und lokalisieren ließ. Wer
nicht in beständigem Kontakt mit der dem Netz der Zivilisation war, der
besaß keine Bürgerrechte und durfte sich in der zivilisierten Zone überhaupt
nicht aufhalten.
Muß ich erwähnen, daß es Menschen und Menschengruppen
gab, die es dennoch schafften, sich, obwohl sie Kriminelle, oder Rebellen oder
Barbaren waren, sich eine zivile Identität zu verschaffen und sich in die
zivilisierten Gebiete einzuschleusen und sich hier festzusetzen ? Aber sie
hatten das Netz und seine kollektive Intelligenz unterschätzt. Die
„infiltrierten Barbaren“ erlitten des Schicksal aller Barbaren, die sich zu
lange in der Zivilisation aufhalten: Sie wurden zivilisiert und assimiliert.
Das Handy hatte sich zu einem universellen
Kommunikations- und Identifikationsinstrument umgewandelt. Es gestattete,
jederzeit mit jedermann und mit jedem Computer in Kontakt zu treten. Das
gesamte Wissen der Menschheit war für jedermann überall abrufbereit.
Man kann heute auch jederzeit wissen, wer einem
gegenübersteht. Man kann wissen, wer die unbekannte Traumfrau ist, die gerade
vorübergegangen ist. Man kann wissen, wer einen soeben rücksichtslos überholt
hat und man kann wissen, wer in der vergangenen Nacht in die Wohnung
eingebrochen ist und den Schmuck gestohlen hat. Deshalb wird dieser Einbruch
auch gar nicht erst stattfinden. Betrug, Verbrechen und Korruption sind
praktisch nicht mehr vorhanden – was den allgemeinen Lebensstandard erheblich
erhöht hat.
Sogar die Kleider und die Schuhe passen wie
angegossen, denn die Körpermaße jedes Menschen sind der Kleiderindustrie
bekannt.
Die zivilisierte Welt wird zum
Informationsstaat (etwa um 2023)
All diese Vorteile haben die Menschen bewogen, den
Informationsstaat in einem positiven Licht zu sehen. Gewiss, man wird
überwacht, aber diese Überwachung wird nicht als Bedrohung, sondern als
Sicherheit empfunden. Das kommt daher, dass jeder jeden überwachen kann,
insbesondere die Bürger alle diejenigen, die reichen und mächtig sind. Deshalb
waren es auch die letzteren es, und nicht die Bürger, die den Überwachungsstaat
ablehnten und ihn durch die von Ihnen abhängigen Medien madig machen ließen. In
diesem Punkt bildeten die Reichen und Mächtigen eine ungewohnte Koalition mit
allen Verbrechern, Extremisten und Sozialbetrügern. Wer gegen den
Überwachungsstaat war, befand sich nicht gerade in bester Gesellschaft.
Mit der Zeit entwickelte sich eine Regierungsform,
die man die kollektive Herrschaft nennen könnte. Aber eigentlich war es eine
Befreiung aus der Herrschaft. Da jeder jeden überwachen konnte, konnte keiner
über andere Herrschaft ausüben. Da aber keiner Herrschaft ausüben konnte,
näherte man sich dem Zustand der Herrschaftslosigkeit, der Anarchie. Aber diese
Anarchie war nicht Chaos und Willkür -
ganz im Gegenteil. Aus den Bürgern war ein sich selbst organisierender
Organismus geworden. Es gab keinen Mann
mehr an der Spitze einer Hierarchie, die sich über Unterchefs und
Unter-Unterchefs fortsetzte. Was herrschte, waren die global vernetzten Bürger.
Man lernte, daß Hierarchien die Ursache von Kriegen,
Ausbeutung, Personenkult und unfähigen, korrupten Regierungen sind, denn als
man die Hierarchien abgeschafft hatte, gab es all diese Dinge nicht mehr.
Die Europäische Union wird zum
„Vereinigten Abendland“
Die Europäische Union wurde zum „Vereinigten
Abendland“.“ Die USA, ausgepowert und beinahe zu Grunde gerichtet durch ihr
Streben nach militärischer Dominanz hatten sich um die Mitgliedschaft in der
Europäischen Union beworben und wurden unter der Bedingung aufgenommen, dass
sie ihren Ehrgeiz, der stets maßgebende Partner zu sein, abschwören würden.
Kanada, Australien, Brasilien, Argentinien und die lateinamerikanischen Länder
gesellten sich hinzu, und es entstand eine Föderation, die alle von Europäern
besiedelten Länder zusammenschloss – mit Ausnahme Russlands.
Man kam
überein, dass die persönlichen Überwachungsdaten aller Länder im
weltweiten Internet für jedermann frei verfügbar sein sollten, mehr noch, dies
wurde zum Beitrittskriterium zum Vereinigten Abendland erhoben. Zivilisiert
durfte sich ein Staat nur dann nennen, wenn er seine Mächtigen, seine Reichen
und seine Verbrecher, und (da jeder Mensch ein potentieller Verbrecher ist),
sein ganzes Volk überwachte und diese Daten vor der Weltgemeinschaft im
Internet ausbreitete. Damit war man ganz nebenbei der Lösung des Problems der
illegalen Einwanderung, des Drogen- und Waffenhandels, überhaupt das Problem
des Verbrechens und des Terrorismus einer Lösung gewaltig näher gekommen. Die
Verbrecher und Terroristen fanden zwar immer neue Tricks und Wege, der
Identifikation und Lokalisation zu entgehen, aber es wurde für sie immer
schwieriger und anstrengender, sich der Überwachung zu entziehen. Und so
wechselten viele den Beruf und wurden Rentner und Nichtstuer. Warum, so fragen
sie sich, strengen wir uns so an, um ein Mehr an Reichtum und Luxus zu
erreichen, wenn das, was der Staat jedem Bürger als arbeitsloses Grundeinkommen
gewährt, doch schon recht komfortabel ist ?
Die Urbanisierung und die wachsende
Bedeutung der Metropolregionen
Die Ölkrise von 2015 machte es immer notwendiger, die
Bevölkerung in den großen Städten zu konzentrieren. Die großen Pendlerströme,
die täglich oder wöchentlich mit dem eigenen Auto in die Industriezentren
strömten, verebbten. Der Treibstoff war einfach zu teuer geworden. Jeder wollte
jetzt möglich nahe an seinem Arbeitsplatz wohnen. Die Metropolen kamen diesem
Bedürfnis entgegen, indem sie immer neue Wohngebiete bauten. Die Großstädte
dehnten sich immer weiter aus. Aus Energiespargründen baute man große
Wohnblöcke, die alle mit einer Wärmeisolierung ausgestattet waren. Man machte
auch Fortschritte darin, die Siedlungen menschengerechter und attraktiver zu
machen.
Man rückte von der Forderung ab, dass ein Land
flächendeckend mit Schulen, Ärzten, Einkaufsmöglichkeiten, Arbeitsplätzen und
Verkehrsinfrastruktur versorgt werden müssen und versuchte nicht mehr der
Entvölkerung der ländlichen Gebiete gegenzusteuern. Statt der ländlichen
Infrastruktur förderte man den Ausbau der großen Metropolen. Immer mehr Leute
in Europa und den USA verzichteten auf den Kauf eines eigenen PKW. Das führte
zu einem Niedergang der Automobilindustrie in den USA und Europa. Allerdings
war der Nachholbedarf in Asien, Afrika und Lateinamerika noch lange nicht
gedeckt. Aber hier bevorzugte man kleine und sparsame Fahrzeuge aus eigener
Produktion.
Wer hätte das gedacht, daß Los Angeles,
„dieses wuchernde Territorium, das die Urbanologen erschreckt und die Historiker
zum Stottern bringt“ (Urs Grünbein) zur glanzvollsten und schönsten Metropole
der Welt aufsteigen würde ?
Bis dahin bestand der Großteil von Los Angeles aus
Bungalows, die eher einem Geräteschuppen als einem Haus glichen, und wer nachts
durch diesen Siedlungsbrei fuhr, glaubte sich auf einer einsamen Fahrt durch
die Gräberreihen eines nie enden wollenden, menschenleeren Friedhofes, bis man
dann wieder auf die Leuchtreklamen einer großen Avenue stieß, die sich durch
die urbane Tundra zog.
Schon 1965 hatte das „Komitee der 25“ beschlossen,
Down Town L.A. zu sanieren und zu einer sicheren Zone zu machen. Man riß die
Wohnblocks der schwarzen Bevölkerung ab und errichtete ein paar Blocks weiter
ein Bankenviertel mit Wolkenkratzern. Dieser neue Stadtteil wurde hinter einem
Schutzwall von Palisaden, Betonpfeilern und Mauern für Schnellstraßen
abgeschirmt. Der Fußgängerverkehr wurde auf Gehwege oberhalb der Straße
verlegt, deren Zugang von den Sicherheitsdiensten der einzelnen Hochhäuser
kontrolliert wurden. So wurde der öffentliche Raum privatisiert, so wie das
auch in den großen Einkaufsmeilen weltweit geschah.
Der Stadtteil hieß Bunker Hill, und die Welt der
Reichen verbunkerte sich in Los Angeles immer mehr in ihre privaten
Sicherheitszonen, die allmähliche ganze Stadtbezirke umfassten, – wie das auch in Sao Paulo geschah. Man
errichtete wieder Stadtmauern, welche der berliner Mauer verblüffend ähnlich
sahen und engagierte bewaffnete Stadtwächter, die durch Überwachungskameras und
Alarmsysteme unterstützt wurden. Die Überwachungscomputer wurden immer
intelligenter, konnten Gesichter erkennen, Bewegungen analysieren und Gespräche
nicht nur aufzeichnen, sondern auch verstehen und auswerten.
Los Angeles spiegelte die Aufteilung der Welt in die
Zone der urbanen Zivilisation und der Welt der armen, aber aggressiven Barbaren
wieder, wie das Jean Ruffin vorausgesagt hatte.
In Los Angeles und in den meisten Metropolen der Welt
gab es Zonen, in welchen die polizeiliche Gewalt kapituliert hatte und das Feld
den Drogenhändlern und den Mafia-Banden überließen, die dort ihre lokalen
Bandenkriege austrugen, aber auch für eine gewisse Sicherheit gegen
„gewöhnliche“ Kriminelle sorgten. Diese Zonen lagen in Los Angeles und anderswo
in den alten, slumartigen Wohnvierteln um das Stadtzentrum.
Weiter draußen schlossen sich die bürgerlichen Zonen
an, in denen das Prinzip der „armed response“ herrschte. Die Haus- und
Grundstückbesitzer engagierten Schlägertrupps und Sicherheitsmannschaften,
welche das Viertel clean hielten. Wer dazu kein Geld hatte, trat der
Neighborhood watch bei und leistete seinen Beitrag zu Sicherheit persönlich.
Da sich die bürgerlichen Stadtviertel immer mehr als
„gesicherte Wohngebiete“ abschotteten, wurden die Slumzonen von außen her mit
Mauern und Zäunen umgeben, und jeder, der aus dieser Zonen herauskam, wurde
zwangsläufig einer biometrischen Personenkontrolle unterzogen, bevor er in ein
anderes Stadtviertel gelangen konnte. Das gleiche galt, wenn er in ein
öffentliches Verkehrsmittel stieg oder sein Slum mit dem Auto verlassen wollte.
Was lag aber jenseits dieser endlosen bürgerlichen
Wohnsiedlungen ? Dort begannen militärische Sperrgebiete und Flugplätze,
Bombentestgelände und Truppenübungsplätze, und jenseits davon die Zone der
Müllhalden, z. B. der Eagle Mountain, der 4 Kilometer lang und 600 Meter hoch
ist. In dieser Abfallzone lebten auch die Müllmenschen, das Strandgut der
Zivilisation.
So war Los Angeles im Jahr 2019 zu einer
„“Metropolitanen Galaxis von 22 bis 24 Millionen Einwohnern in Südkalifornien
und Baja California“ (Mike Davis in dem Artikel „Los Angels: Ökologie der
Angst“ in dem „Kursbuch Stadt“) geworden, die sich von Santa Monica bis hinter
die mexikanische Grenze hinter San Diego zog und etwa 250 Kilometer lang war.
Das war also Los Angeles im Jahr 2013, und niemand
konnte ahnen, daß sich Los Angeles so radikal verändern würde und zu einer
Stadt der Schönheit und des Friedens werden könnte.
Es begann damit, daß aus Los Angeles das wurde, was
das Ruhrgebiet schon lange war: Eine kolossale Agglomeration von Städten und
Dörfern, die zu einer einzigen Megacity zusammengewachsen waren. Aber hier ging
die Entwicklung umgekehrt: Eine Megacity zerfiel in eigenständige Städte und
Stadtbezirke. Der endlose Siedlungsbrei von LA begann sich um einzelne Zentren
herum zu kristallisieren und es entstanden hochurbane Zonen, die teilweise
ihrerseits Millionenstädte waren. San Fernando Valley im Norden und Bervley Hills wurden zu eigenen
Städten mit eigener Verwaltung und eigenen ausgedehnten Geschäftsvierteln. Aus
Monterey Park und San Gabriel wurden Boomtowns mit glitzernden Fassaden, deren
überwiegend asiatische Bevölkerung sich an Hongkong und Shanghai orientierte.
In dem gigantischen Einkaufszentrum am San Gabriel Square konnte man sehen, wie
eine neue chinesisch-amerikanische Kultur entstand, in der die Weißen die
staatlichen Strukturen und den kreativen Individualismus beisteuerten und die
Latinos für Musik, Tanz und Frohsinn sorgten, den Baustil der Villen und
Einkaufszentren beeinflussten und für allerlei handwerkliche und
haushälterische Dienste zur Verfügung standen, während die Asiaten ihren Fleiß,
ihre Disziplin und ihre Dynamik beitrugen. Die Latinos und Asiaten verdrängten
die Schwarzafrikaner immer mehr aus ihren Wohnvierteln und ihren Jobs. Ein Teil
der Schwarzen stürzte ab, ein anderer Teil stieg zur Elite auf.
Aber die Latinos hatten natürlich auch ihre eigenen
Städte, z. B. East Los Angeles, während um den Flughafen LAX herum eine typisch
amerikanische Stadt mit Büroparks und Hightec-Industrie entstand. Der urbane
Mittelpunkt war das Freiluft -Einkaufszentrum Fashion Island Mall. Gewiss, es
war eine Hollywoodkulisse und ein Disneyland im mediterranen Stil, aber es war
doch auch wegweisend für die Zukunft von L.A. als schönste Stadt der Welt.
Los Angeles war also in eine Anzahl von Städten
zerfallen und dadurch einer Sanierung deutlich näher gekommen. Aber es fehlte
ein wirklich repräsentatives Stadtzentrum, das nicht in privater Hand war, sondern
von der Regierung geplant und gestaltet wurde.
Als im Jahr 2024 ein großes Erdbeben die Hochhäuser
von Down Town L.A. zum Einsturz brachten, hatte man geglaubt, daß dies den
Niedergang der südkalifornischen Megastadt einleiten würde. Aber es gab einen
ersten Hoffnungsschimmer, als man einen ersten Überblick über die Zahl der
Toten und Verwundeten hatte. Es waren weit weniger als befürchtet. Da das
Erbeben an einem Sonntagnachmittag stattfand, waren die Hochhäuser
menschenleer. Die meisten der relativ niedrige Holzbauten, aus denen der größte
Teil von L.A. bestand, blieb stehen. Hier trugen die Forschungen der
Baustatiker Früchte. Daß die an sich erdebebensicheren Hochhäuser dennoch
umstürzten, lag daran, daß die Erdstöße rhythmisch waren und sich die
Schwingungen der Hochhäuser immer mehr aufschaukelten.
Es brachen auch zahlreiche Einkaufs-Malls und
Supermärkte zusammen, aber in ihnen befanden sich am Sonntagnachmittag kaum
Menschen.
Als Zeichen der Solidarität mit der Stadt beschloß
die Regierung von Kalifornien den Regierungssitz von Sacramento nach Los
Angeles zu verlegen.
Der neue Governer
stammte aus München und war von Arnold Schwarzenegger als Nachfolger
aufgebaut worden. Und so hatte er das Beispiel Ludwigs I. vor sich, der aus
München eine Residenzstadt mit großen Prachtstraßen, den grandiosen
Durchblicken zum Maximilianeum und zum Siegestor kannte. Und er hielt den Jugendstil für den Höhepunkt der
abendländischen Kultur.
Er kannte Washington mit seinen überdehnten
Dimensionen, die den monumentalen Teil der Stadt in eine Museumskulisse
verwandelten. Das war ihm ein abschreckendes Beispiel. Er wollte, daß seine
Residenzstadt Los Angeles kein Museum, sondern eine lebendige Stadt für
Flaneure werden solle, mit prächtigen Boulvards im europäischen Stil.
Die Zeit war reif,
der Stadt Los Angeles ein wirklich urbanes Zentrum zu geben - natürlich erdbebensicher. Der Governer tat
das mit deutscher Gründlichkeit. Billige
Arbeitskräfte für den Bau standen überreichlich zur Verfügung. Aber wer sollte
die Säulen und die schmückenden Skulpturen für seine zukünftigen Prachtstraßen
herstellen ? Die Antwort war: Die Computer. Es gab schon seit einigen Jahren
Verfahren, um z. B. einen David von Michelangelo aus einem Marmorblock von
einer computergesteuerten Maschine herausmeißeln zu lassen. Auch das Gießen von
Skulpturen aus Bronze war derartig verbilligt worden, daß man die Gebäude und
Straßen nicht mit spiegelnden Glasfassaden, sondern wieder mit Skulpturen,
Säulen, Kapitellen und Bögen schmückte.
Der Historismus in der Baukunst erlebte eine Renaissance, aber auf einem
spielerischen und kreativen Niveau.
Nach 100 Jahren schmuckloser, wenn auch durchaus
ästhetischer Glasarchitektur begann man in Los Angeles wieder verstärkt an die alten Bautradition
der Griechen und Römer anzuknüpfen und sie mit
Elementen aus andern Kulturen phantasievoll zu vermischen. Aber
eigentlich war das nicht verwunderlich, denn im Villenviertel von Berverly
Hills hatte man das schon seit vielen Jahrzehnten gemacht. Beispiele gab es
genug in Kalifornien: In San Franzisko die Gebäude der Stadtverwaltung und in
San Diego der Balboa Park, von Caesars Palace in Las Vegas und den Kulissen in
den Filmstudios, in Disneyland und in den Einkaufsmeilen ganz zu schweigen.
Die Kritiker sagten, der Governer würde eine
Hollywoodkulisse aus echtem Marmor und Granit aufbauen. Der aber sagte nur: „Na
und ?“ Wir haben die technischen und finanziellen Mittel, um L.A. zur schönsten
Stadt der Welt zu machen. Der Mensch braucht Schönheit und Pracht, und wir
Amerikaner, wir Kalifornier lieben die Pracht und die Schönheit. Haben Sie
erwartet, daß eine Stadt, die in 100 Jahren von Zweihundertausend Einwohnern
auf 20 Millionen gewachsen ist, ewig eine gesichtslose Aneinanderreihung von
Vorstädten bleiben würde ? Diese Stadt braucht ein Zentrum, das London und
Paris in den Schatten stellt. Oder sollen wir vielleicht zum Groß-Tokio oder
Groß-Shanghai werden ?“
Und so kam es, daß Los Angeles zur Welt-Metropole
wurde, in der die Kulturen und Menschen dieser Welt zu einer einzigen Kultur
und einer einzigen Rasse vereint wurden. Es entstand die Los-Angeles-Kultur und
die Los-Angeles-Rasse. Der Los –Angeles-Mensch war ein Mischling aus allen
Rassen und er war – schön und intelligent.
Durch diese Rassenmischung wurde die ästhetischen und
charakterlichen Mängel der einzelnen Rassen neutralisiert und die positiven
Eigenschaften verstärkt. Man begriff, daß Hitler das körperlich und seelisch
degenerierte Produkt der Inzucht war.
Während in anderen Teilen der Welt und auch der USA
die einzelnen Bevölkerungsgruppen meist nur untereinander heirateten, entstand
in Los Angeles durch Verschmelzung eine Rasse, deren schöne Körper man am
Strand von Venice bewundern konnte. Wer aber geglaubt hatte, daß die
Los-Angeles-Menschen alle gleich aussahen, der sah sich getäuscht. Der „Homo
L.A.“ trat in unendlich vielen Varianten und Schattierungen auf.
Und an was glaubte der Los-Angeles-Mensch ? An alles
und an nichts. Es gab Voodoo-Anhänger und Buddhisten, strenge Katholiken und
persische Sufis. Nicht nur die Rassen, sondern auch die Religionen vermischten
sich. Man war tolerant und nur in einem Punkt intolerant: Man tolerierte keine
Intoleranz.
Der Niedergang von New York
Nach der Zerstörung des World Trade Centers im Jahr 2001 hatte man sich gefragt, ob das Konzept der Wolkenkratzer überhaupt noch zeitgemäß sei. Aber schnell ging man über die Zweifel hinweg, zumal in Asien und am persischen Golf immer gigantischere Büro-Türme gebaut wurden. Aber eigentlich brauchte die Menschheit immer weniger Büros, weil die Büroarbeit von immer intelligenteren Computern übernommen wurde. Und verhandeln und kommunizieren konnte man von jedem beliebigen Punkt der Welt aus – warum also nicht auch von zu Hause und von unterwegs ?
Es begann damit, daß auf dem Börsenparkett der New
York Stock Exchange Ruhe einkehrte und die gestikulierenden und schreienden
Broker durch ein Computersystem ersetzt wurden. Im Jahr 2010 begannen die
Grundstückpreise in Manhattan dramatisch zu fallen. Ursache war, daß es
islamistischen Terroristen gelungen war, Lower Manhatten mit radioaktiven
Abfällen aus einer Wiederaufarbeitungsanlage zu verseuchen, indem sie aus einem
Straßenreinigungswagen statt Wasser eine Plutioniumbrühe auf die Straße
spritzten.
Die Beseitigung der Radioaktivität erwies sich als
langwierig und führte dazu, daß Manhattan von der Battery Park an der Südspitze
bis Canal Street am Nordrand von Chinatown drei Monate lang nicht betreten
werden konnte.
Man hatte in Manhattan immer geglaubt, der
Mittelpunkt der Welt zu sein. Jetzt bekam man allmählich das Gefühl, die
Zielscheibe der Welt zu sein. Kapital ist ein scheues Reh, und es floh aus
Manhattan. Nach dem ersten Schock erholte sich die Börse zwar teilweise wieder,
aber der Abwärtstrend blieb ungebrochen und mündete in den Crash von 2012.
Die Wolkenkratzer verwaisten und Manhattan wurde zur
Geisterstadt. Ganz Manhattan ? Nein ! In Chinatown pulsierte das Leben. Mehr
noch: Chinatown schluckte Little Italy, Soho und TriCeBa. Auch am Central Park
mit seinen Luxuswohnungen und Museen und am Broadway blieb das Leben wie es
war. Nur das Big Business zog sich aus New York in die Hamptons zurück. Aber wo
war das Millionenheer der Büroangestellten geblieben, die wie Flut und Ebbe und
morgens in die City strömten und abends
wieder hinaus ? Sie waren überflüssig geworden und blieben in ihren
Stadtvierteln, wo sie der Staat mehr schlecht als recht alimentierte. Amerika
kam nicht umhin, sich zum Sozialstaat zu wandeln. Aber die Sozialhilfen waren äußerst
bescheiden. Die „Verbronxung“ New Yorks griff um sich. Ein Teil der weißen
Bevölkerung New Yorks wanderte in den Mittleren Westen aus und siedelte in
Kleinstädten und Dörfern an, um ein bescheidenes Landleben zu führen. Man
misstraute dem Fortschritt und vor allem den Computern, die man für Schöpfungen
des Teufels hielt, der das Ziel hätte, die Menschen durch Computer zu ersetzen.
Man zog es vor, sich wieder von der eigenen Scholle zu ernähren, sich dem
Fortschritt zu verschließen und unter sich zu bleiben. Die Amish People hatten
einen unglaublichen Zulauf.
Das führte dazu, daß die Kluft zwischen der Ostküste
und dem Mittleren Westen und Kalifornien immer größer wurde. Auf der einen
Seite war das eigenbrötlerische, puritanische Amerika, stockkonservativ, prüde
und persönlich bescheiden und auf der anderen Seite das weltoffene, überdrehte
und sorglose Kalifornien, das sich immer mehr nach Südostasien hin orientierte.
Washington blieb zwar die Hauptstadt, aber die
Zentralregierung verlor an Gewicht, vor allem in Kalifornien. Das war eine
Folge des Irak-Krieges. Man war an der Westküste nicht mehr gewillt, alle
Kriege und Aktionen, die der Präsident und das Pentagon beschlossen,
mitzutragen. Kalifornien verabscheute immer mehr das Militär und seine Kriege.
Das äußerte sich darin, daß Kalifornien auf dem Donner-Paß eine Art
Grenzstation errichtete, die niemand passieren durfte, der Waffen mit sich
führte, denn seit 2015 war in
Kalifornien der private Besitz von Waffen verboten. Das Waffenmonopol
hatte die kalifornische Polizei. Die Zahl der Morde und Raubüberfälle ging
daraufhin drastisch zurück. Nachdem sich dies so gut bewährt hatte, ging man
dazu über, Kalifornien vollständig zu entmilitarisieren. Man schloß alle
militärischen Einrichtungen und Rüstungsbetriebe.
Aufsehen erregte eine wissenschaftliche Studie aus
San Franzisko, die im Jahr 2018 zu dem Schluß kam, daß der 43. Präsident George
Walker Bush ein Kriegsverbrecher mit schwerer charakterlicher Deformation,
nämlich einem Killer-Komplex, sei. Ihm wurde der Zutritt nach Kalifornien
verwehrt. Kalifornien erhob gegen ihn Anklage vor dem Internationalen
Strafgerichtshof. Letzteren hatte Kalifornien im Unterschied zu der
Bundesregierung in Washington als zuständig und rechtmäßig anerkannt.
Ab 2018 ging es aber in New York und ab 2025 in Los
Angeles und überhaupt in ganz Amerika wieder deutlich aufwärts. Der Grund war,
daß der Überwachungs- und Informationsstaat, die neue Bescheidenheit und die
Abkehr vom Militarismus und den wahnsinnigen Rüstungsausgaben Früchte trugen.
Die Metropolregionen ersetzen die
Bundesländer und Nationalstaaten
Doch zurück nach Europa. Nachdem immer
mehr Kompetenzen von der nationalen Ebene an die Europäische Union verlagert
wurden, verloren die Nationalstaaten zunehmend an Bedeutung. Aber die
Nationalstaaten gaben nicht nur Kompetenzen an die EU ab, sondern auch an die
Metropolen. Deren politischer Einfluß wurde immer stärker. Das spiegelte aber
nur wieder, was auf praktischem Gebiet entstanden war: die Dominanz der Metropolregionen
über ihr Umland. Eine Stadt wie Berlin dominierte das Bundesland Brandenburg –
einfach auf Grund dessen, dass sie eine gewaltige Agglomeration von Menschen
und Wirtschaftsmacht war. Berlin war überall da, wo der Verkehrsverbund
Berlin-Brandenburg war.
In Deutschland wurde 2020 eine
Föderalismusreform durchgeführt, die aber ganz anders war, als das, was man
sich 2006 ausgedacht hatte. Die Bundesländer wurden durch Metropolregionen
ersetzt. Diese waren: Berlin-Brandenburg, Hamburg, Bremen, Hannover, Berlin,
Rhein-Ruhr (von Dortmund bis Aachen inklusive Köln und Düsseldorf), Rhein-Main
(mit Frankfurt, Mainz, Wiesbaden, Darmstadt, Hanau), Rhein-Neckar (mit
Mannheim-Ludwigshafen, Heidelberg), Stuttgart, Nürnberg-Fürth-Erlangen-Bamberg,
Leipzig-Halle, Dresden, und München-Augsburg-Ingolstadt-Rosenheim.
Diese Föderalismusreform war nicht leicht
durchzuführen, denn der Teufel steckte im Detail. Wohin gehörte eine Stadt wie
Würzburg – zur Metropolregion Frankfurt oder zur Metropolregion Nürnberg ? Man
löste das Problem, indem man Städte wie Ulm und Würzburg zu „Brückenmetropolen“
machten, die zwei Metropolregionen gleichzeitig angehörten.
Es entstanden auch Metropolregionen,
welche die nationalen Grenzen überschritten, z. B. die Region Saar-Lor-Lux (Saarland,
Lorraine, Luxemburg mit den Metropolen Nancy-Metz, Luxemburg und Saarbrücken).
Das Saarland entschied sich dafür, dieser Region anzugehören, und in einer
gewissen Weise wurde dadurch die Volksabstimmung von 1957 relativiert, als sich
das Saarland von Frankreich und Lothringen losgesagt hatte.
Am Oberrhein entstanden die
Metropolregion Basel-Freiburg i.Br.-Mühlhausen-Colmar und Karlsruhe-Straßburg.
Frankreich wird dezentralisiert und es
entsteht ein „europäischer Streifen“ zwischen Frankreich und Deutschland
Paris behielt zwar seine Rolle als die
Nummer eins unter den französischen Metropolen bei, aber Lyon, Marseille,
Toulouse und Bordeaux wurden immer selbstbewusster. Die Tendenzen verstärken
sich, gegen den Zentralismus zu revoltieren. Diesem Erosionsprozess waren
besonders die ostfranzösischen Regionen, wie Burgund, Alsace und Lorraine
ausgesetzt. Man fühlte sich immer mehr als Europäer. Und so war es irgendwie
ganz natürlich, dass zwischen Frankreich und Deutschland eine Zone von
Metropolregionen entstand, die sich keinem dieser Nationalstaaten richtig
zugehörig fühlten. Ein breiter Streifen von Regionen zog sich von den
Niederlanden und Belgien über Luxemburg, Saarland, Lothringen, Elsaß, die
französische Schweiz, bis Lyon – der „europäische Streifen“, der sich
territorial mit dem Reich Lothars in etwa deckte, eine Art Groß-Burgund, von
dem Karl der Kühne geträumt hatte.
Groß-Wien entsteht
Die längst untergegangene K. und K. Monarchie
kehrte still und unbemerkt wieder zurück – nicht was die Staatsform, sondern
was das Territorium betrifft. Früher konnte man ja mit der Straßenbahn von Wien
nach Bratislawa fahren. An die Stelle der Straßenbahn fuhr jetzt die S-Bahn des
Verkehrsverbundes Wien-Bratilawa. Bratislawa wurde de facto ein Vorort von
Wien.
Durch die Donauebene baute man eine
Hochgeschwindigkeitsbahn, welche die 200 km von Wien nach Budapest in einer
Stunde zurücklegte. Es entstand die Doppelmetropole Wien-Budapest. Damit war
Ungarn wirtschaftlich mit Wien wiedervereint – aber ohne die negativen
Begleiterscheinungen, wie sie die deutsche Einigung mit sich brachte. Eine
weitere Schnellstrecke verband Wien mit Zagreb und Lubljana. Die Österreicher
finanzierten diese Bahnstrecken aus ihren Mauteinnahmen und aus den Töpfen der
EU und sorgten dafür, dass jedermann zum Spottpreis von Budapest oder Zagreb
nach Wien fahren konnte. Jetzt hieß es nicht mehr: „Andere mögen Kriege führen,
du, glückliches Österreich heiratest“, sondern: „Du, glückliches Österreich
schenkst Bahnen und Züge“.
Groß-Berlin entsteht
Eine ähnliche Strategie verfolgte die
Metropolregion Berlin, aber unter ungleich schwierigeren Bedingungen. Die Polen
spielten nämlich nicht mit, sondern hielten an ihrem polnischen Nationalismus
eisern fest. Sie konnten aber nicht verhindern, dass Stettin, Poznan (Posen)
und Wroclaw (Breslau) in den Sog von Berlin gerieten. Die Leute in diesen
Regionen lernten vermehrt Deutsch und orientierten sich nach Berlin.
Groß-Polen wächst heran
Entschädigt wurde Warschau aber dadurch,
dass sich der Westen von Weißrußland immer mehr nach Warschau ausrichtete.
Stalin hatte einst Polen um 200 km nach Westen verlegt. Aber das
Beharrungsvermögen der alten, gewachsenen Strukturen und die Logik der
Metropolregionen waren stärker. Und so kam es, dass sich auch der Nordwesten
der Ukraine mehr mit Warschau als mit Kiew verbunden fühlte. Die baltischen
Staaten schauten zwar traditionell nach Deutschland und Skandinavien, aber ihr
Hinterland war Groß-Warschau. Was niemand für möglich gehalten hatte: Es
enstand so etwas wie Groß-Polen, das faktisch weit über die polnische Grenze
hinausreichte. Während Moskau immer mehr an Bedeutung verlor, entstand eine
slawisch-deutsche Zone, die von Bosnien bis zu den baltischen Staaten reichte.
Möglich wurde dies durch die enge wirtschaftliche und politische Anlehnung
Polens an die europäische Union, besonders an Deutschland, Frankreich,
Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Österreich.
Die Reaktion Russlands
Rußland hätte sich der abendländischen
Union anschließen können. Aber dazu hätte sich das stolze und große Rußland den
Regeln und Normen der Europäer unterwerfen müssen. Man träumte im Kreml immer
noch von einem Imperium, das bis zum Pazifik und bis zum Indischen Ozean
reichte. Man näherte sich deshalb an die arabische Welt an. Man sah die Zukunft
Russlands nicht in einer bürgerlichen, von Händlern und Fabrikanten
beherrschten Welt, sondern in einer Welt, die von Soldaten und Geheimagenten
beherrscht wurde.
Italien zerfällt in Metropolregionen
Die Italiener fühlten sich noch nie unter
der Regierung in Rom besonders wohl und hätten sie am liebsten abgeschafft.
Deshalb kam es auch noch nach 2016 zu ständigen Regierungskrisen und kaum eine
Regierung schaffte es, länger als ein Jahr an der Macht zu bleiben. Ganz
allmählich kehrte Italien unter dem Dach der Europäischen Union zu den
mittelalterlichen Stadtstaaten zurück, die jetzt autonome Metropolregionen
waren: Turin, Mailand, Genua, Florenz, Bologna, Rom, Venedig, Neapel und
Palermo. Wirtschaftlich war Oberitalien eng mit den Regionen Wien, München,
Stuttgart, der Schweiz, Lyon und Marseille verbunden.
Die USA verliert den Süden an die
Lateinamerikaner
Jenseits des Atlantiks zogen sich die
weißen angloamerikanischen Protestanten immer mehr aus dem Süden zurück. Ein
Menetekel war der Untergang von New Orleans in der Sturmflut von 2005. Die
Regierung in Washington nahm die Katastrophe von New Orleans erst viel zu spät
ernst und reagierte nur zögerlich und halbherzig. Die Schlüsse, die man in den
Südstaaten zog, waren, dass man aus Washington nichts zu erhoffen hatte und
dass man sich lieber selbständig machte. Es gab keinen neuen Sezessionskrieg,
sondern der Süden entglitt allmählich der Vorherrschaft der Weißen. Durch die
Verteuerung der Energiepreise konnte man im Süden keine Klimaanlagen betreiben (außer man war reich).
Hinzu kam, dass durch die globale Erwärmung der Süden der USA immer heißer und
wüstenartiger wurde. Diejenigen US-Amerikaner, die von Engländern, Deutschen,
Franzosen, Holländern und Skandinaviern abstammten, flohen aus dem Süden in
gemäßigtere Zonen. Das von den weißen angelsächsischen Protestanten
zurückgelassene Land und ihre Häuser nahmen Einwanderer aus Lateinamerika in
Besitz. Die armen Teile der Südstaaten, z. B. Neu-Mexiko, gehörten nur noch auf
dem Papier zu den USA. Nur die großen Metropolen in Texas, sowie Florida und
Kalifornien wurden von der weißen Bevölkerungsmehrheit dominiert, die sich
übrigens immer mehr mit den Chinesen und ostasiatischen Einwanderern verband.
Der Mittlere Westen und Texas wurde ab 2015 zum Fluchtgebiet aller konservativen und fortschrittsfeindlichen Amerikaner europäischer Abstammung, die sich mit der Globalisierung und der Überfremdung durch Asiaten und Latinos nicht abfinden wollten. Aber auch viele Schwarzafrikaner fanden hier in den ländlichen Gebieten Zuflucht. Dort schätzte man ehrliche Arbeit auf der eigenen Scholle und hing dem Ideal der Autarkie an. Es kam zu einer Sabotage-Aktionen gegen die Agrarfabriken und die großindustrielle Landwirtschaft. Die Mehrheit wollte eine bäuerliche Landwirtschaft, und diese entstand dann auch im Laufe der kommenden Jahrzehnte. Man verschmähte es, asiatische Autos und Produkte zu kaufen, und die Auto- und Maschinen-Industrie in Chicago und Detroit nahm einen neuen Aufschwung. Aber man produzierte vorwiegend für den eigenen Markt. Das altbackene und bodenständige Amerika sagte der Globalisierung den Kampf an und erreichte es, daß es vom Welthandel weitgehend unabhängig wurde. Es wurde zu einem Modellfall, der für die ländlichen Gegenden in Südamerika, Afrika, Russland und China beispielgebend war. Man missionierte draußen in der bäuerlichen Welt für diesen „New American Way of Autarkie“, und gleichzeitig missionierte man für die im „bible belt“ beheimatete Form des Christentums.
Die Ostküste der USA und England
wachsen immer mehr zusammen
Durch den Beitritt der USA zur Europäischen Union rückten
London und die Metropolen der Ostküste
(Boston, New York, Philadelphia, Baltimore, Washington, Atlanta) immer
mehr zusammen. London und New York waren sich mental und kulturell auch im Jahr
2025 viel näher als London und Paris oder Berlin.
Die Weltföderation der Metropolregionen
entsteht
Die Nationalstaaten verloren also immer
mehr an Bedeutung, während die Metropolregionen zu globaler Bedeutung
aufstiegen. Sie machten jetzt quasi ihre eigenen Außenpolitik und knüpften ihre
eigenen diplomatischen Fäden, ohne sich um die Nationalstaaten zu kümmern, auf
deren Territorium sie lagen. Dabei kamen Vernetzungen und Bündnisse zustande,
die man so nicht erwartete. So arbeiteten eng zusammen: Chicago, Warschau,
Berlin, Sao Paulo und New Delhi. Eine andere Gemeinschaft bildeten München,
Mailand, Marseille, Bordeaux, Barcelona, Leningrad und Tel Aviv.
Aber über diese Gruppenbildung hinaus kam
es zu einer globalen Vernetzung der Metropolregionen, die dann zur
Weltföderation der Metropolregionen führte. Diese UMRO (Unitied Metropolitan
Regions) übernahm immer mehr die Rolle, die eigentlich die UNO hätte spielen
sollen. Denn die Metropolregionen wollten keine Imperien gründen und Kriege
führen, sondern ihre Interessen waren ziviler Natur. Es ging ihnen um Handel
und kulturellen Austausch in einer friedlichen Welt. Deswegen waren die
Metropolregionen viel eher dazu geeignet, der Welt den Frieden zu bringen als
die Nationalstaaten. Diese unterschieden sich sich auch durch ihre Größe und
Struktur viel mehr voneinander als die Metropolregionen, die alle im Grunde
ähnliche Probleme hatten. So konnte man auch viel leichter eine gemeinsame
Sprache und ein gemeinsames Denken finden.
Die neue Bescheidenheit
Die erzwungene Bescheidenheit beim Energieverbrauch
zwang die Menschen, auf weite Reisen zu verzichten. Für die Tourismusindustrie
kamen schlechte Zeiten. Auch die Geschäftsreisen und die Zahl der
internationalen Kongresse nahmen stark ab. Man verhandelte jetzt bevorzugt per
Videokonferenz. Der Überwachungsstaat veröffentlichte im Internet die Zahl der
Flugmeilen, die eine Person im Jahr zurücklegte. Wer zu viel reiste, musste
sich rechtfertigen und galt als Verschwender und Umweltzerstörer. Es machte
keinen Spaß mehr, dem Jet-Set anzugehören.
Man kam immer mehr zur Erkenntnis, dass das Leben in
einer Metropole genügend Abwechselung biete und dass man auf große Reisen
verzichten könne. Die Vergnügungsindustrie stellte sich darauf ein und schuf
immer neue Attraktionen in den Ballungsräumen. Die Leute fielen nicht an jedem
Wochenende in endlosen Blechkarawanen über die Natur her, sondern blieben in
der Stadt.
Es gibt für alle genug zu essen
Die Entvölkerung der ländlichen Gebiete hatte zur
Folge, dass nur die von Maschinen leicht zu bewirtschaftenden Landstriche für
die Landwirtschaft genutzt wurden. Diese war voll mechanisiert und
automatisiert. In den von der Natur weniger begünstigten Gebieten entstanden
weite Brachflächen, die sich allmählich mit Buschwerk und Wäldern überzogen.
Obwohl es inzwischen 10 Millionen Menschen gab, konnte sich die Natur weite
Teile des Planeten zurückerobern. Die ausgeklügelte und ertragreiche
Landwirtschaft in den fruchtbaren Gebieten reichte aus, um alle zu ernähren.
Allerdings wurde die Feldfrüchte nicht ans das Vieh verfüttert, um Fleisch zu
gewinnen, sondern die Menschen aßen das Getreide und den Mais ohne den Umweg
über das Schwein oder das Rind und sparten so die 10 Kilo Getreide, die man zur
Erzeugung von einem Kilo Fleisch benötigt.
Der Anbau von Tabak war verboten. Wein wurde nur noch
in geringem Umfang angebaut. Es war gelungen, auf künstlichem Wege Wein und
Bier von guter Qualität herzustellen. Maßlosigkeit beim Essen galt aus
unanständig und wurde mit einer Rationierung des Nahrungsmittel geahndet. Durch
all diese Maßnahmen schaffte es die Menschheit, dass für alle genug zum Essen
da war. Mehr sogar: das Essen ließ an Geschmack und Vielfalt nichts zu wünschen
übrig.
Die islamischen Expansion
Im Jahr 2011 hatte der letzte USA-Soldat
den Irak verlassen. Es war eine nur mühsam verschleierte Niederlage. Der Irak
zerfiel in drei Teilstaaten: Im Norden die Kurden, im Süden die Schiiten und in
der Mittel der iranische Rumpfstaat. Dieser Rumpfstaat kam nicht zur Ruhe, weil
sich bewaffnete Räuberbanden unter dem Deckmantel des Glaubens einen
Bürgerkrieg lieferten, der zur völligen Verarmung weiter Teile der Bevölkerung
führte. Das wirtschaftliche Leben kam zum Erliegen. Alles Notwendige wurde aus
dem Westen importiert – und Form von Spenden und Hilfslieferungen. Der Westen
alimentierte also den Bürgerkrieg. Als in der westlichen Welt infolge
gestiegener Rohstoffpreise der Lebensstandard immer mehr sank, wurden diese
Hilfen immer spärlicher. Der jüngere Teil der irakischen Bevölkerung floh in
die Nachbarländer und nach Europa und trug somit zur „Ausländerkrise“ von 2016
bei.
Da in den islamischen Ländern eine
gewaltige Überzahl von jungen Männern geboren worden war, wuchs in der
islamischen Welt und in Afrika ein Heer von arbeitslosen und zornigen jungen
Männern heran (besonders in den Flüchtlingslagern), die nur eine Zukunftschance
sahen: mit der Waffe in der Hand auf Raub- und Erpressungszüge zu gehen. Die
westliche Welt hatte zwar das Ausländerproblem gelöst, indem sie alle Bürger
überwachte und ihnen eine Grundversorgung gewährte, aber dies war nur möglich,
indem sie ihre Grenzen gegen Zuwanderer abschottete. Diesem Beispiel folgten
auch Japan, China und die hoch entwickelten Industriestaaten Südostasiens. Aber
von Pakistan bis Marokko und von Tunesien bis Südafrika versanken die Länder in
Bürgerkriegen und Hungersnöten. Hier regierten Militärdiktatoren und ihre
bewaffneten Räuberbanden. Die Länder waren wieder in Stammesgebiete zerfallen,
und weite Teile dieser Länder waren für Fremde nur unter Lebensgefahr zu
betreten.
Tarik, der Diktator von Arabien
Dann trat einer dieser Menschen auf, die
in Zukunftsszenarien nicht vorhersehbar sind und die deshalb alle Prognosen zur
Makulatur werden lassen. Sein Name war Tarik.
Er war fest überzeugt, dass es ihm von Gott bestimmt sei, die arabische Welt
aus ihrer Erniedrigung zu befreien und dem Islam zu Weltherrschaft zu
verhelfen.
Als er im Jahr 2012 diesen Plan fasste,
war er Söldner und etwa 25 Jahre alt. Von Geburt war er Tuareg, hatte aber
seine Jugend in St. Denis bei Paris verbracht. Er war einer der Jugendlichen,
die in den Krawallen im November und Dezember 2005 jede Nacht Autos anzündeten.
Er hatte in seinen Jahren als Söldner viel Geld verdient; aber er hatte es
nicht, wie die meisten anderen, das Geld für Alkohol, Huren und Glückspiel
ausgegeben, sondern in Aktien investiert. Er hatte von dem großen Boom
profitiert und war zum wohlhabenden Mann geworden, weil er rechtzeitig vor dem
großen Crash ausgestiegen war.
Es war ihm schmerzhaft bewusst, wie
rückständig die islamische Welt war, und wie demütigend die Zersplitterung und
die Ohnmacht waren. Er war mit Fleiß, Intelligenz und Ausdauer ausgestattet,
und er wollte nicht einer dieser engstirnigen islamischen Fanatiker sein,
sondern vom Westen lernen, wie der Westen zu schlagen sei. Deshalb nahm er
seine Studien an der Ecole Militaire Superieure d’Administration et de
Management (ESAM) in Paris auf und schloß nach fünf Jahren mit Auszeichnung ab.
2018 ging er nach Saudi Arabien, wo es ihm gelang, zum Chef der
Sicherheitstruppe des Saudischen Königshauses zu werden. Dort begann er, ihm
ergebene junge Männer in die Leibwächter-Mannschaft einzuschleusen. Am 25. Juli
2020 verhaftete er die führenden Mitglieder des Königshauses und ergriff die
Macht. Er erklärte sich zum Staatschef von Saudi Arabien. Die Armee und Polizei
des Saudischen Staates brachte er durch Versprechungen und Korruption schnell
auf seine Seite.
Er wusste, wie eine Militärdiktatur
funktioniert. Er baute sich eine Truppe von Elitesoldaten und eine
Staatspolizei auf. Er versorgte seine Getreuen mit reichlich Geld und guten
Posten. Aber im Grunde bestach er sie nicht mit Geld und Ämtern, sondern mit
dem Bewusstsein, dass sei einer Elite angehörten, der es bestimmt war, die
arabische Welt zu einen und zu regieren.
Tarik war jetzt der reichste Mann der
Welt, denn er verfügte über die Saudischen Ölquellen und die Saudischen
Bankguthaben. Aber er verschwendete diesen Reichtum nicht für Luxus und
sinnlose Prestige-Projekte, sondern baute Armee, Geheimdienst und Verwaltung
immer weiter aus.
Er war der Ansicht, dass die Araber weder
zum Fabrikarbeiter noch zum Bauern, sondern zum Eroberer und Herrscher geboren
waren. Wer sollte aber für die Araber die Arbeit tun ? Seine Antwort war: die
Inder und die Völker Südostasiens.
Tarik einigt die arabische Welt (ab
2020)
Zunächst ging es darum, die arabische
Welt zu einen. Tarik wurde zum Missionsreisenden für die arabische Sache. Ihm
gelang es, die verschiedenen militanten Gruppierungen im Nahen und Mittleren
Osten unter seiner Führung zu vereinen. Schon bald schlossen sich Teile des in
verfeindete Teilstaaten zerfallenen Irak an Saudi-Arabien an. Tarik wurde in
Mekka von einer zwei Millionen Menschen umfassenden Menschenmenge als der neue
arabische Führer begrüßt. Tarik küsste demütig den Schwarzen Stein an der Kaaba
und verkündete, dass die große Stunde des Islam gekommen sei.
Die USA und der Staat Israel sah diese
Entwicklung mit Besorgnis. Aber man intervenierte nicht. Der schmähliche
Rückzug aus dem Irak und aus Afghanistan war noch in schmerzlicher Erinnerung.
Tarik traf sich mit dem Präsidenten der USA und versprach ihm, dass die
US-Ölfirmen weiterhin das arabische Öl fördern und verkaufen dürften. Allerdings
senkte er die Gewinnspanne.
Dann traf er sich mit dem israelischen
Regierungschef und versicherte ihm in einem geheimen Vier-Augengespräch, dass
er das Existenzrecht Israels anerkenne. Er sagte: „Die arabische Welt hat genug
Land und genug Reichtümer. Wir brauchen das kleine Ländchen, das ihr Juden
besetzt habt, nicht. Aber ich brauche euch Juden als Feindbild, im die
arabischen Völker zu einen. Ich werde keinen Krieg mit Israel führen.
Versprechen Sie mir nur eins: Lassen sie mich durch ihren Geheimdienst nicht
töten und sorgen sie über ihre Freunde in den USA dafür, dass ich in der
arabischen Welt freie Hand habe.“ Dem stimmte der israelische Präsident zu.
Nachdem sich Tarik auf diese Weise den
Rücken im Westen freigehalten hatte, besetzte er die Vereinigten Emirate, ohne
dass es eine nennenswerte Gegenwehr gab. Die in den Emiraten beheimateten
Fernsehsender machte er zu den in der arabischen Welt am meisten gesehenen
Fernsehsender. Diese benutzte er, um 24 Stunden am Tag die ganze arabische Welt
mit seiner Propaganda zu berieseln. Er tat das auf eine subtile, indirekte
Methode, der sich kaum jemand entziehen konnte.
Tarik besiegt die Mullahs und Imame
Insgeheim hasste und verachtete er die
Mullahs und Imame, und er wollte ihnen die Herrschaft über den Geist und die
Seele der islamischen Welt entreißen. Die Leute sollten ihre Meinungen nicht
aus der Moschee, sondern aus seinem Propaganda-Fernsehen haben. In einem
schleichenden Prozess wurden islamische Geistliche von ihren Gemeinden getrennt
und landeten irgendwo in der Provinz.
Moscheen wurden wegen Renovierungsarbeiten geschlossen und dann nicht
mehr aufgemacht. So gelang es ihm, den Mullahs allmählich den Boden zu
entziehen.
Die Koranschulen ließ Tarik schließen und
schuf eine Vielzahl von Schulen, Gymnasien und Universitäten nach französischem
Vorbild. Auf Militär- und Verwaltungsschulen zog er sich die Leute heran, die
sein arabisches Reich verwalten sollten.
Tarik trug stets Militär-Uniform und
lebte persönlich bescheiden. Er hatte keine zahlreichen Paläste wie einst
Saddam Hussein, sondern nur eine kleine Wohnung im Regierungsviertel einer
neuen Hauptstadt Dubai.
Tarik gründet die arabische Union
Die von den Amerikanern eingeführte Demokratisierung
nutzte Tarik dazu, in den arabischen Ländern von ihm finanzierte und gesteuerte
Parteien zu etablieren, die, unterstützt von seinen Propaganda-Sendern, die
amtierenden Regierungen in ganz legalen Wahlen ablösten. Er erreichte, dass
sich die arabische Welt in der Arabischen Union zusammenfand, deren anerkannter
Führer Tarik war.
Tarik integriert Persien in die
arabische Welt
Noch war die große Spaltung der
arabischen Welt nicht überwunden. Das von Schiiten beherrschte Persien stand
Tarik abwartend bis feindselig gegenüber. Tarik war klar, dass die größten
Hindernisse bei der Eingliederung Persiens in sein arabisches Imperium die
schiitischen Mullahs waren. Er unterstützte deshalb die islam-feindlichen und
fortschrittlichen Kräfte in Persien und brachte es zustande, dass es in der
Hauptstadt Teheran zu einer Revolte der Studenten kam, die den Mullahs
Wahlbetrug vorwarfen. Die Studenten, verstärkt durch Teile des Militärs,
besetzten das Regierungsviertel. Es wurde über Nacht eine Militärregierung
gegründet, und in einer Blitzaktion wurden alle Mullahs und geistigen
Würdenträger verhaftet. Tarik zeigte sich als empörter Moslem und verlangte die
Freilassung der Mullahs. Er erklärte sich bereit, ihnen Asyl in Saudi-Arabien
zu gewähren. Die Militärputschisten waren froh, die Mullahs los zu werden und
willigten ein. So brachte Tarik die persischen Mullahs in seine Gewalt und die
Militärputschisten waren der Frage enthoben, wie sie die Mullahs beseitigen
konnten, ohne aus ihnen Märtyrer zu machen.
Mit den persischen Mullahs schloß Tarik
folgendes Abkommen: „Ich bringe euch wieder an die Macht, aber Persien muß der
arabischen Union eingegliedert werden.“ Am 12. Mai 2025 sammelten sich die
Mullahs an der irakisch-persischen Grenze und überschritten diese, um auf
Teheran zu marschieren. Es schlossen sich ihnen erst Tausende, dann
Zehntausende Menschen an. Die persischen Militärregierung gelang es nicht, die
Menschenmassen zu zerstreuen und die Mullahs zu verhaften. Die
Militärputschisten nahmen mit Tarik Verhandlungen auf, und Persien trat der
Arabischen Union bei. Tarik erklärte den persischen Militärs in einem
vertraulichen Gespräch, dass er auf ihre Hilfe bei seinen weiteren Plänen
hoffe. „Diese Zusammenarbeit wird uns allen reiche Beute bringen“, sagte er und
stieß damit auf Gleichgesinnte.
Die persische Regierung schloß mit den
Mullahs ein Abkommen, das drauf hinauslief, dass sich die Mullahs von der
Politik fernhielten; im Gegenzug bekamen die Mullahs wieder ihre alten
Positionen, wurden aber allmählich entmachtet.
Tarik plant die Eroberung Indiens
Tarik hatte erkannt, dass Indien, trotz
der Atomwaffen, die es besaß, und trotz der vielen Menschen, die dort wohnten,
ein weiches Ziel war, das einer Invasion keinen großen Widerstand
entgegensetzen würde. Aber bevor er zu seinem Angriff schritt, spann er seine
diplomatischen Fäden, um Indien zu isolieren. Er musste nämlich sicher sein,
dass er sich mit einem Angriff auf Indien nicht die ganze Welt zum Feind
machte. Die USA würden sich ruhig
verhalten, solange sie mit relativ billigem arabischen Ölversorgt wurden. Mit
den Israelis schloß er ein Geheimabkommen, das besagte, dass die jüdischen
Interessen in Indien „nicht nur geschützt, sondern gefördert“ würden.
Aber er musste noch China, Russland und Europa
zum Stillhalten bewegen. Zwischen Indien und China bestand eine wirtschaftliche
Rivalität. Tarik reiste nach Peking und traf mit dem chinesischen Staatschef
folgende Übereinkunft: Tarik erkannte an, dass Tibet, die Mongolei und ganz
Zentralasien bis zum Kaspischen Meer chinesischer Einflussbereich waren. Im
Gegenzug sagte China den Arabern zu, dass sie bei einem Einmarsch Tariks in
Indien neutral bleiben würden.
In Moskau traf sich Tarik mit dem
russischen Präsidenten und sagte zu ihm: „Wir haben drei gemeinsame Feinde: die
USA, die Europäische Union und China. Russland hat Zentralasien und die Ukraine
verloren und wurde immer weiter zurückgedrängt. Ich biete ihnen meine Hilfe
dabei an, die verlorenen Gebiete wieder zurück zu gewinnen und unter russische
Verwaltung zu stellen. Als Gegenleistung erhoffe ich, dass Rußland Waffen
liefert und uns Unterstützung beim Aufbau unserer Armee leistet.“
Tarik schließt mit den Russen einen
Partnerschaftsvertrag
Die Freundschaft zwischen dem russischen
Präsidenten und Tarik entwickelte sich in einer sehr herzlichen und
persönlichen Weise. Man verstand sich überraschend gut. Ursprünglich hatte
Tarik geplant, alle Welt zu betrügen und die Großmächte gegeneinander
auszuspielen. Aber in dem Russen fand Tarik einen Freund und Partner. Eines
schönen Sommertages, als die beiden die Wälder im Kaukasus durchstreiften,
kamen sie auf Indien zu sprechen. „Es ist doch erstaunlich, mit wie wenig
Militär die Engländer einst Indien erobert und beherrscht haben“, sagte der
Russe. Wenn ich daran denke, mit welchem Aufwand wir damals in den achtziger
Jahren Afghanistan zu halten versuchten und wie kläglich wir gescheitert sind,
dann denke ich mir, es wäre weit leichter, Indien zu halten – wenn man es denn
erobern würde. Tarik antwortete: „ Herr Präsident, der Weg ist heute frei, wenn
wir uns zusammenschließen. Sie haben die Industrie, die Waffen, die
Organisation. Ich habe die fanatischen jungen Kämpfer und den Reichtum der
Ölquellen. Die unterschiedliche Religion ist keine Barriere. Wir sind beide
Männer er Waffen, wir glauben an die Macht der Gewalt und nicht an die Macht
der Priester.“
Und so geschah das Unglaubliche: Es
entstand eine arabisch-russische Partnerschaft. Arabien gewährte Russland
Zugang zu den warmen Meeren, auf den es Jahrhunderte lang vergeblich gehofft
hatte. Die arabische Welt war mit einem Mal durch die russische Militärmacht
gestärkt. Die zentralasiatischen Staaten waren von dem neu entstandenen
Imperium eingekreist und schlossen sich ihm nur allzu willig an. Die Chinesen
musste ihre Expansion nach Zentralasien aufgeben.
Rußland und Arabien arbeiten eng
zusammen
Nicht nur die Araber, sondern auch die
Russen fühlten sich als gedemütigtes Volk. Wie schon erwähnt, hatte Rußland
nicht nur seine Satellitenstaaten Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn,
Bulgarien, Rumänien an die Europäischen Union verloren, sondern auch die
baltischen Staaten, die Ukraine und einen Teil
Weißrußlands. Rußland fühlte sich vom Westen eingekreist, bedroht,
kolonisiert und korrumpiert. Da lag es nahe, sich mit einem anderen großen
Verlierer ein Zweckbündnis einzugehen: der arabischen Welt. Beide einte der
Neid und der Haß auf den Westen und die Ablehnung der Demokratie und des
westlichen Kapitalismus.
Der Plan für ein arabisch-russisches
Imperium entsteht
In langen privaten Gesprächen
analysierten der arabische und der russische Führer die Lage ihrer Völker und
kamen zu erstaunlichen Übereinstimmungen. Beiden würde es nicht gelingen, konkurrenzfähige
Industriestaaten aufzubauen. Sowohl ihre Völker wie auch ihre Regierungen waren
für die Demokratie nicht geeignet. Sie hatten eine viele Jahrhunderte lange
Tradition als Imperien und Despotien. Was sind Imperien anderes als Staaten,
die durch Raub und Eroberung ins Maßlose wachsen und von einer kriegerischen
Elite zentral verwaltet werden ? Der russische und der arabische Führer
beschlossen, ein gemeinsames Imperium zu schaffen. Imperien können sich nur
dorthin ausdehnen, wo sie auf geringen Widerstand und wenig wirksame Gegenwehr
stoßen. Damit war klar, in welche Richtung die Expansion erfolgen musste: Nach
Indien und nach Afrika. Der Plan war, erst Indien zu erobern, und dann mit
Hilfe indischer Verwaltungs- und Wirtschaftsfachkräfte Afrika, das ja schon in
weiten Teilen zur muslimischen Welt gehörte, zu übernehmen und in ein reiches
Agrarland zu verwandeln. Indien sollte in ein fortschrittliches Industrieland
verwandelt werden. Afrika sollte die Nahrung für das arabisch-russische Imperium
liefern, und Indien die Industriegüter produzieren. Rußland und die Araber
waren für die militärische Stärke zuständig.
Die folgenden zehn Jahre nutzten Araber
und Russen, um das Kaspische Meer und den persischen Golf durch Ölleitungen,
Bahnlinien, Autobahnen und Fluglinien zu verbinden. Es entstanden mehrere große
Häfen, die zum eisfreien Tor Russlands zum Indischen und Pazifischen Ozean
wurden. Es wurde eine arabisch-russische Flotte aufgebaut. Die bestand aber
nicht aus Flugzeugträgern, sondern aus Transportschiffen und leichten Kreuzern.
Man war sich im Klaren darüber, dass man der Seemacht USA nicht das Wasser
reichen konnte und wollte sie auch gar nicht herausfordern.
Die russisch-arabische Zusammenarbeit
führte dahin, dass das arabische und das russische Reich eine Föderation
eingingen, die sie „Russisch-arabische Union“ nannten, und die vor allem ein
militärisches Bündnis zum Zwecke von Eroberungen darstellte, die aber zwei
Machtzentren hatten, Moskau und Dubai.
Araber und Russen erobern Indien
Als im Jahr 2026 die Stunde der Eroberung
Indiens gekommen war, standen die arabisch-russischen Panzerarmeen an der
Grenze zwischen Indien und Pakistan. Tarik und sein russischer Partner schlugen
der indischen Staatspräsidentin vor, sich bedingungslos zu ergeben. Tarik
sagte: „Madam, ich würde mich freuen, wenn ihr Land dem russisch-arabischen
Staatenbund beitreten könnte. Ich weiß, dass sie Atomwaffen haben. Meine
Informationen besagen aber, dass diese Bomben auf Grund des unaufhaltsamen
radioaktiven Zerfalls des in ihnen enthaltenen spaltbaren Materials ihre
Wirksamkeit verloren haben. Ihre Techniker wurden von uns bestochen. Ihre
Bomben sind Blindgänger. Was ihre Armee anbelangt, so sind ihre Soldaten zwar
zahlreich, aber wenig fanatisch und kampfeswillig. Unsere todesmutigen Kämpfer
würde unter ihnen ein furchtbares Blutbad anrichten. Indiens Städte würden
verbrannt und Indiens Frauen vergewaltigt. Ich schlage Ihnen deshalb eine
friedliche Einigung vor. Sie bleiben weiterhin Präsidentin von Indien, und der
Reichtum der herrschenden Familien bleibt zu einem Drittel erhalten. Die
anderen zwei Drittel gehören uns. Die indische Bevölkerung wird mit allem zum
Leben Notwendigen versorgt. Wir eröffnen den Indern die Möglichkeit, in den
arabischen und afrikanischen Ländern Handelsunternehmen und Industriebetriebe
zu eröffnen. Indische Gastarbeiter sind uns überall in der arabischen und
afrikanischen Welt willkommen. Die indische High-Tec Industrie werden wir
fördern und mit Aufträgen bestens versorgen. Wir heißen Indische Professoren an
unseren Universitäten willkommen.“
Die indische Premierministerin
unterzeichnete einen Beitrittsvertrag zur „Trilateralen Union“, wie sich nun
das Staatengebilde aus Russland, der arabischen Union und Indien nannte.
Die praktische Folge dieses Vertrages
war, dass Indien mit Öl und Rohstoffen aus Russland und der arabischen Welt
versorgt wurde, und im Gegenzug Arbeitskräfte auf allen Qualifikationsstufen,
von der Hausangestellten über den Industriearbeiter bis zum Supermarktverwalter
und zum Universitätsprofessor in die arabische Welt exportierte. Indien
verzichtete auf eine eigene Außenpolitik
und stellte seine Industriekapazitäten dem Russisch-arabischen Imperium zur
Verfügung. Dem durchschnittlichen Inder
war es egal, ob er von der eigenen Herrscherkaste oder von den Arabern und
Russen ausgebeutet wurde.
Das Wunder von Afrika
Tarik, der ja aus dem arabischen Teil
Afrikas stammte, wusste, was diesen Kontinent in Hoffnungslosigkeit und Armut
verharren ließ: Die Unfähigkeit, die Ignoranz, die Gier und die Korruptheit
seiner Regierungen. Er ging daran, diese Regierungen teils durch Drohung, teils
durch Bestechung, teils durch Putsch und teils durch legale Wahlen aus dem Amt
zu drängen und durch fähige und loyale Leute, darunter auch Inder, Russen und
Europäer, zu ersetzen. Überall hatte er seine Beobachter und Spione in den
Regierungen sitzen, und die Computer und das Internet halfen seiner Zentrale in
Dubai, diese Staaten und ihre Regierungen genau zu überwachen. Er trieb die Alphabetisierung
voran, führte Sozialkassen und Sozialleistungen ein und verschaffte den Leuten
Arbeitsplätze in staatlichen Betrieben und auf „Staatsfarmen“. Er führte ein
funktionierendes Rechts- und Polizeiwesen ein und baute eine Industrie für die
Güter des täglichen Bedarfs auf. Afrika hatte das Tal der Tränen durchschritten
und erlebte ein Wirtschaftswunder. Afrika war zu einer arabischen Kolonie
geworden, die von den Männern (darunter sehr viele Inder) verwaltet wurden, die
seine arabischen Verwaltungsschulen und Universitäten besucht hatten. Afrika
wurde ein Kontinent, der nicht nur sich selbst leicht ernähren konnte, sondern
die arabische und die russische Welt ebenfalls.
Drei große Blöcke im Jahr 2040
Im Jahr 2040 hatte sich eine Achsenmacht
gebildet, die vom Polarmeer bis nach Südafrika reichte. Damit war die Welt in
drei Blöcke geteilt:
Es gab eine Vielzahl von Weltregionen, in
denen diese drei Blöcke um die Vorherrschaft kämpften, z. B. in Indonesien und
auf den Philippinen, oder in Zentralasien oder in Afrika, wo sich die Europäer
nicht ganz herausdrängen lassen wollten.
Die religiöse Entwicklung
Katholische und orthodoxe Kirche überwinden
die Kirchenspaltung
Die russisch-orthodoxe Kirche sah nach
einer kurzen Scheinblüte, die bist 2010 währte, ihre Existenz bedroht. Auch der
römisch-katholischen Kirche machten die Austritte und der Priestermangel zu
schaffen. Ost- und Westkirche litten an der Konkurrenz durch den Islam. In
dieser Situation trafen sich der katholischen Papst und die orthodoxen
Patriarchen regelmäßig. Im Jahr 2014 sagte der Patriarch von Moskau zum Papst:
„Eure Heiligkeit, ich wäre einer Überwindung des Schismas durchaus nicht
abgeneigt. Aber sie können von mir nicht erwarten, dass ich sie als Oberhaupt
der vereinten katholisch-orthodoxen Kirche anerkenne.“ Der Papst wiegte den
Kopf und sagte: „Wir werden die Demokratie in unseren Kirchen einführen und ein
gemeinsames Oberhaupt wählen“. Der Patriarch schaute entsetzt: „Sollen wir
jetzt alle unsere Gläubigen zur Wahlurne schicken?“ „Nein“ sagte der Papst,
„man soll nichts übertreiben. Wir werden ein gemeinsames Konzil der orthodoxen
und der katholischen Kirche einberufen. Ich könnte mir vorstellen, dass wir
zwei Oberhäupter wählen, ein orthodoxes und ein katholisches.“ So geschah es
dann auch auf dem gemeinsamen Konzil von 2018.
Der Bestattungskonzern Elysium
Aber diese Fusion war die Fusion von zwei
schwachen, angeschlagenen Partnern. In der christlichen Welt trat ein
Konkurrent auf, mit dem niemand gerechnet hatte: Der amerikanische
Beerdigungskonzern „Elysium“. Elysium verleibte sich immer mehr lokale
Beerdigungsinstitute ein. So, wie es überall Aldi, Edeka und REWE-Läden gab, so
gab es überall „Elysium-Institute“. Sie boten nicht nur die fachmännische
Entsorgung der Verstorbenen mit Sarg bzw. Urne, Grabstelle, Grabstein etc. an,
sondern auch die Bestattungsfeier und die Grabrede. Die Grabrede wurde nicht
mehr von einem Priester oder Pfarrer gehalten, sondern von einem Angestellten
von Elysium.
Von da war es nicht mehr weit, dass sich
die Angestellten auch als „Event-Manager“ sahen. Der Konzernchef von Elysium,
der ehemalige Wunderheiler und Hypnotiseur Alexander Wondersam, dachte sich:
„Beerdigungen und Hochzeiten sind im Grunde sehr ähnlich: Die Leute versammeln
sich aus einem familiären Anlaß, und es wird gefeiert. Den Rahmen dazu liefert
die Kirche. Die meisten Leute bleiben nur noch deshalb in der Kirche, damit die
Kirche bei diesen Anlässen einen feierlichen Rahmen gibt. Aber wir können das
auch, sogar billiger und besser.“
Alexander Wondersam (seine Eltern waren
eigentlich aus Appenzell und 1990 in Kalifornien eingewandert) machte aus
seinem Beerdigungskonzern einen „Eventkonzern“. Jetzt konnte er auch massiv
Werbung machen. Mit Beerdigungen konnte er schlecht werben, aber mit Hochzeiten
schon.
Wondersam sinnierte weiter: „Damit die
Leute heiraten, müssen sie sich erst einmal kennenlernen. Also muß ich den
Bereich ‚Kennenlernen der Geschlechter’ abdecken. Ich muß also Tanzvergnügen,
Ausflüge und Reisen organisieren.“ Wundersam kaufte einen Reise- und einen
Immobilienkonzern, denn die Events mußten ja in Hallen und Hotels stattfinden.
Wondersam kam zu Hilfe, dass er eine
Börsenstrategie entwickelt hatte, die ihm gestattete, seine überschüssigen
Erträge mit hoher Rendite anzulegen. Da er allmählich im Geld schwamm, überzog
er das Land mit „Event-Palästen“, die den Kirchen als Versammlungsorten den
Rang abliefen.
Wondersam erkannte, dass die Esoterik als
Religionsersatz ein ungeheures Gewinnpotential hatte. Auch hier verdrängte er
die kleinen Anbieter vom Markt.
Wondersam expandierte weiter, indem er
sich Fernsehsender, Verlage und Filmproduzenten dazukaufte. Am Schluß war
Elysium der größte und mächtigste Konzern der Westlichen Welt – nachdem
Microsoft im Jahr 2015 Bankrott angemeldet hatte.
Wondersam wird Präsident des
Vereinigten Abendlandes
Eine Folge des Beitritts des USA zur
Europäischen Union war es, dass Europa noch stärker amerikanisiert wurde. Der
Präsident des Vereinigten Abendlandes wurde in direkten Wahlen ermittelt. Wenn
wundert es, dass dieser Präsident ein Amerikaner war. Wondersam wollte
ursprünglich nicht als Präsident kandidieren, aber nachdem Tarik Indien erobert
hatte, war Wondersam klar geworden, dass Tarik etwas vertrat, was ihm zutiefst
zuwider war: nackte Gewalt und Erpressung. Er und sein Konzern konnte nur in
einer Welt gedeihen, die vom sanften Betrug und nicht von roher Gewalt regiert
wurde. Um zu verhindern, dass die Europäische Union sich in einen
Rüstungswettlauf und in eine Militarisierung der Gesellschaft hineinbegab,
wollte Wondersam in die Politik eingreifen – natürlich auf höchster Ebene und
höchstpersönlich. Wondersam schlug den Amtsinhaber aus der
Kennedy-Schwarzenegger-Dynastie und wurde im Jahr 2024 zum dritten Präsidenten
des Vereinigten Abendlandes.
Der Niedergang des Islam
Nachdem sich die USA so gedemütigt aus
dem Orient zurückziehen mussten, begann man auf Befehl von Wondersam in den
Denkfabriken der USA darüber nachzugrübeln, wie der Islam mit geistigen Waffen
bekämpft werden konnte. Man studierte die Lehre und die Geschichte des Islam
und kam zu folgenden Erkenntnissen: Der Islam war eine abgewandelte Form des Judentums.
Es gab zahlreiche Parallelen: Die Heilige Stadt (Jerusalem und Mekka), der
Glaube an einen einzigen, im Grunde intoleranten und kriegerischen Gott, die
patriarchalische Grundhaltung der Geistlichen, die Beschneidung und das Verbot
Schweinefleisch zu essen. Es war offensichtlich, dass Mohammed einen Abklatsch
des Judentums geschaffen hatte, ohne das Judentum gründlich zu kennen. Es war
auch offensichtlich, dass der Koran nicht durch Gott an Mohammed übermittelt
worden war, sondern dass dieser Text ein Produkt der Lebensumstände und des
geistigen Horizonts Mohammeds war, und dass der Koran zahlreiche Widersprüche,
Fehler und Irrtümer aufwies. Daß sich der Islam überhaupt durchsetzten konnte,
verdankte er nicht seiner Überzeugungskraft, sondern der Gewaltanwendung der
Moslems.
Man begann (heimlich gefördert vom
Elysium-Konzern) jetzt in den Denkfabriken und Universitäten der USA und
Europas den Koran und das Leben des Mohammed auseinander zu nehmen und seine
Fehler und Unzulänglichkeiten aufzudecken. Das hatte zur Folge, dass der Islam
in der Augen der islamischen Intellektuellen immer mehr an Glaubwürdigkeit
verlor.
Aber weit mehr machte dem Islam die
Emanzipation der islamischen Frau zu schaffen, die das Patriarchat Schritt für Schritt
aushöhlte. Es war ein langsamer, zäher Kampf, der hier ausgefochten wurde, den
die Frauen am Schluß gewannen.
Tarik und Wondersam nähern sich an
Tarik und Wondersam belauerten sich.
Jeder wusste von seinem Geheimdienst ziemlich viel über den anderen. Sie
standen vor der Frage, wie sie miteinander umgehen sollten. Von ihrer
Interessenlage und von ihren ganzen Auffassungen und Empfindungen her hätten
sie nicht gegensätzlicher sein können. In einer sachlichen Analyse der Weltlage
kamen sie zu dem Schluß, dass keiner den anderen besiegen konnte. Der lachende
Dritte bei einem Vernichtungskampf wäre China gewesen. Also beschlossen Tarik
und Wondersam sich zu treffen und über eine gemeinsame Zukunft zu reden. Und
die Zukunft hieß: Annäherung. Klar war das geworden, als es sich herausstellte,
dass beide Humor hatten und miteinander grimmige und zynische Scherze
austauschen konnten. Die Russisch-Arabische Union und das Vereinigte Abendland
näherten sich einander an.
Die Welt nach dem Tod Tariks im Jahr 2030
Tarik fiel im Jahr 2030 einem Attentat
eines moslemischen Fanatikers zum Opfer. Auf der Trauerfeier waren die
Staatsmänner der ganzen Welt zu Gast. Mehr oder weniger unverblümt sagte
Präsident Wondersam in seiner Ansprache etwa folgendes: „Tarik hat die
arabische und afrikanische Welt geeint und stabilisiert. Die westlichen
Demokratien hätten das nicht gekonnt. Es ist vielleicht eine Notwendigkeit der
Geschichte, dass alte Gesellschaftsstrukturen durch einen Diktator beseitigt
werden müssen. Auf das Regime der französischen Bourbonenkönige folgte ein
Napoleon, auf die russischen Zaren ein Lenin, auf Wilhelm II. nach einem
demokratischen Zwischenspiel ein Hitler, auf die chinesischen Kaiser letztlich
ein Mao. Verglichen mit diesen Diktatoren war Tarik ein wahrer Menschenfreund.
Er hat es geschafft, die Herrschaft der Mullahs und des Islam auf relativ
humane Weise zu brechen und die arabische Welt in die Neuzeit zu führen. Er ist
nicht größenwahnsinnig geworden, er hat keine großen, blutigen Kriege entfacht
und er hat seinen Völkern Fortschritt und Nahrung gebracht - und: er hat sie in
die moderne Zeit geführt. Wir haben Tarik gefürchtet und misstraut. Seine
Eroberung Indiens war ein völkerrechtliches Vergehen. Aber er hat Indien nicht
versklavt, sondern die indischen Menschen dafür eingesetzt, die arabische und
afrikanische Welt zu entwickeln. Er ist mit den Jahren ein immer
zuverlässigerer und berechenbarerer Gegenspieler des Abendlandes geworden. Wir
haben ihn nicht geliebt, aber wir respektieren ihn. Wir sehen mit Sorge in die
Zukunft und fragen uns: Was wir nach Tarik kommen? Wird sein Imperium
zerbrechen und die islamische und afrikanische Welt wieder in die Zeit der
Zersplitterung und der Bürgerkriege zurückfallen ? Wir strecken der
russisch-arabischen Union die Hand aus und fordern sie auf, mit uns gemeinsam
am Frieden und Fortschritt der Menschheit zu arbeiten.“
Tariks Nachfolger Augusto
Tarik hatte sich schon seit längerer Zeit
mit der Frage seiner Nachfolge beschäftigt und einen etwa 45-Jährigen Mann
ausgewählt und ihn systematisch zu seinem Nachfolger ausgebildet. Dieser Mann,
er war italienischer Abstammung und hieß Augusto, sah seine Aufgabe nicht
darin, neue Eroberungen zu machen und neue Kriege zu führen, sondern das Reich
Tariks zu konsolidieren. Er vermied es, sich durch extravagante Aktionen zu
exponieren, sondern machte business as usual. Natürlich gab es eine Reihe von
Konkurrenten, die ihm die Macht streitig machen wollten. Aber er hatte den
Geheimdienst auf seiner Seite und ließ die Konkurrenten lautlos in der
Versenkung verschwinden. Schwierigkeiten machten ihm sparartistische Tendenzen.
Stammesführer und Provinzfürsten, auch ganze Staaten wollten die vermeintliche
Schwäche der arabischen Zentralregierung nutzen und ihr eigener Herr sein. Aber
Augustos Elitetruppe griff schnell ein und schnappte sich die potentielle
Aufständischen – teilweise schon auf der Totenfeier. So machte er von Anfang an
klar, dass er das Heft in der Hand zu behalten gedachte.
Augusto hatte des Ziel, das arabische
Reich Tariks an die Demokratie und an die westliche Zivilisation heranzuführen.
Er mußte an den Ausspruch Napoleons denken: „Man kann mit Bajonetten alles
machen, nur nicht darauf sitzen.“ Tariks Staat war letztlich auf militärische
Gewalt, auf Dominanz und auf Drohung aufgebaut. Augusto hatte lebhaft vor
Augen, dass er wahrscheinlich eines Tages einem Militärputsche seiner
Offizieren oder den fanatisierten, von Mullahs aufgehetzten Massen zum Opfer
fallen würde. Da er sich aber ein langes Leben und einen ruhigen Lebensabend
wünschte, arbeitete er darauf hin, beide zu entmachten und eine demokratische
Gesellschaft nach westlichem Vorbild einzuführen.
Er setzte seine Hoffung auf die Inder und
auf das Vereinigte Abendland. Tarik hatte zwar die Inder unterworfen. Aber er
hatte ihnen die Chance eröffnet, im arabisch-afrikanischen Raum
Wirtschaftsunternehmen aufzubauen und zur Bildungselite zu werden. In ihnen sah
er ein wirksames Gegengewicht zu den Mullahs. Augusto förderte den Ausbau des
Bildungswesens in seinem Imperium. Mit der Bildung kaum die Aufklärung, und mit
der Aufklärung schwand die Macht der Mullahs.
Seine Generäle und Offiziere ermunterte
er, in der Industrie gut bezahlte Managerposten zu übernehmen. So wurden ihr
Ehrgeiz und ihr Kampfeswille in friedliche Bahnen gelenkt und die Militärs
wurden zivilisiert. Augustos Reich wurde Teil der globalen Wirtschaft.
Erheblichen Teil daran hatten die alten und neuen Metropolen in der arabischen
und afrikanischen Welt.
Unter Augusto erreichte die arabisch-afrikanische
Welt einen bescheidenen Wohlstand für die breiten Massen. Damit war den
religiösen Fanatikern und den kriegerischen Abenteuern das Wasser abgegraben
und Augustos Imperium näherten sich der zivilen Normalität.
Rußland wird zu Groß-Moskau-Leningrad
Das russische Imperium hatte seinen
Ausgang von Moskau genommen. Die Zaren hatten russische Erde gesammelt. Jetzt
teilte das russische Imperium das Schicksal des British Empire: So wie jenes
auf ein Groß-London-Manchester geschrumpft war, das eigentlich nur aus zwei
großen Metropolregionen bestand (Groß-London und die Mittelenglische
Metropolregion um Manchester und Liverpool), so bestand jetzt Russland
eigentlich nur aus den Metropolregionen Groß-Moskau und Groß-Leningrad. Die
Ukraine und Weißrußland waren schon 2012 bzw. 2014 Teil der Europäischen Union
geworden. Die ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien waren schon lange
verloren, Sibirien wurde wirtschaftlich von China dominiert. Auch wenn Rußland
noch den Zugriff auf die Ölquellen und Rohstoffe Sibiriens hatte, so endete das
russisch besiedelte Gebiet praktisch am Ural und an der ukrainischen Grenze.
Die Kaukasusregion war verloren gegangen.
Das endgültige Zusammenwachsen der Welt
St. Petersburg war immer schon eine Stadt
gewesen, die nach Westen geschaut hatte. Der Chef im Kreml war, wie einst
Putin, wieder ein Leningrader. Hatte sich Rußland auch aus machtpolitischen und
persönlichen Gründen mit Tarik zusammengetan, so hatte sich Rußland sich in
technischer und zivilisatorischer Hinsicht auch weiterhin stark am Westen
orientiert. Rußland war ein Land, das den Orient mit dem Okzident verband. Es
war nach 1990 nie zu einer ernsthaften Konfrontation zwischen Rußland und dem
Westen gekommen. Europa wurde durch die ganzen Jahrzehnte mit russischem Öl und
Erdgas versorgt, mehr noch, Rußland verlängerte die Pipelines, die Rußland mit
dem persischen Golf verbanden bis nach Ostdeutschland. Auch bestanden die engen
wirtschaftlichen Beziehungen zum Westen fort.
Die Beziehungen Russlands zur arabischen
Welt waren schlechter geworden. Araber, Inder und Afrikaner waren in den Süden
Russlands und in die zentralasiatischen Regionen eingewandert, nachdem sich die
westliche Welt gegen Einwanderer abgeschottet hatte. Die Russen fürchteten, zur
Minderheit im eigenen Land zu werden. Russische Nationalisten forderten, die
Moslems und die Inder auszuweisen und eine bewachte Grenze nach Süden zu
errichten, quasi eine „russische Mauer“.
Auf dem Höhepunkt des Zerwürfnisses
bewahrte aber der russische Staatspräsident Besonnenheit und ging mit seinen
Beratern in Klausur. Man wägte ab: Wenn Rußland das Band zu Arabien zerschnitt,
durchtrennte es auch den Zugang zu den Ölquellen und zu den Häfen am persischen
Golf. Andererseits war Rußland mit eigenen Ölreserven immer noch einigermaßen
autark – zumal das Öl am Golf fast erschöpft war. Insofern fiel der Zugang zum
arabischen Öl immer weniger ins Gewicht.
Auf der anderen Seite standen die
Europäer, speziell die Deutschen, den Rußen emotional und kulturell viel näher
als die Araber. Die Abendländische Union hatte auch nichts an Attraktivität für
Rußland eingebüßt. Wie konnte Rußland der Abendländischen Union beitreten, ohne
mit der arabischen Welt zu brechen? Da entschied der russische Präsident, vom inzwischen
schon zu Selbstbewusstsein und Willen erwachten globalen Computernetz
beeinflusst, dass es Russlands als Brücke zwischen Arabien, China und dem
Westen fungieren sollte. Rußland steuerte auf die Weltunion zu.
In der großen Konferenz von Leningrad
trafen sich die Staatsmänner der Welt und verabschiedeten eine gemeinsame
Willenserklärung. Bemerkenswert war, dass diese Erklärung zustande kam, ohne
dass ein Weltkrieg vorangegangen war. In der Erklärung hieß es: „Wir haben uns
versammelt, um die Teilung der Welt zu überwinden. Die großen Mächte, nämlich
das Abendland, die Arabische Welt mit Indien und Afrika und die Staaten des
chinesisch-japanischen Kulturkreises kommen überein, auf allen Gebieten
friedlich und gleichberechtigt zusammenzuarbeiten, um die Weltföderation zu
bilden. Das Zeitalter der Kriege und Bürgerkriege ist beendet. Die ganze Welt
wird als gemeinsamer Wirtschafts- und Lebensraum betrachtet. Jedermann ist an
die Regeln der Zivilisation und der Kultur gebunden. Wir stimmen darüber ein, die
natürlichen Ressourcen gerecht zu teilen und gegen jeden Störer des Friedens
und er Sicherheit gemeinsam vorzugehen.“
Die technisch-wissenschaftliche
Entwicklung
Die Miniaturisierung der Raumfahrt
Wenn man im Jahr 1968, nachdem der ersten
Mensch den Mond betreten hatte, jemanden gefragt hätte, welches die wichtigste
Technologie der Zukunft sei, hätte er wahrscheinlich geantwortet: Die
Raumfahrt. Man konnte nicht vorhersehen, dass sich in den nächsten 50 Jahren
die Raumfahrt hauptsächlich mit der Erforschung und Erschließung der Erde
beschäftigen würde. Genau das aber geschah in der Epoche der erdumkreisenden
Satelliten.
Je weiter die Computertechnik
fortschritt, desto klarer wurde, dass die computergesteuerte Weltraumsonde
einem bemannten Raumschiff überlegen war. Computer mussten nicht ihr ganzes
Biotop mit in den Weltraum schießen. Die Sonden wurden immer kleiner, leichter
und robuster. Die Miniaturisierung machte es möglich, den Sonden die Größe
einer Granate von fünf cm Durchmesser zu geben. Man baute nahe der
Internationalen Weltraumstation großen „Beschleuniger-Rohre“, und schoß von
dort die „Granaten-Sonden“ in Richtung auf die Planeten. Die Sonden hatten
keine großen Antriebraketen, sondern nur kleine Steuerraketen für Kurskorrekturen.
Man konnte diese „Granaten-Sonden“ in Massenproduktion herstellen und auch der
Abschuß war relativ preisgünstig. Die Planeten wurden durch diese
Raumschiff-Granaten umrundet und oder in niedriger Höhe überflogen. Allmählich
lernte man sogar, die Raumschiffe so robust zu machen, dass sie harte Landungen
überstanden.
Der Krieg der Computer-Insekten
Die USA hatten aus dem Debakel im Irak
und Afghanistan den Schluß gezogen, dass sie sich auf keinen Krieg mit
Bodentruppen in einem fremden Land einlassen durften. Mehr als tausend gefallenen Soldaten pro Krieg waren der
amerikanischen und europäischen Bevölkerung nicht mehr vermittelbar und
politisch nicht durchsetzbar. Man suchte nach anderen Wegen der Kriegsführung.
Wie in der Raumfahrt setzte man auf die Miniaturisierung. Es hatte schon seit
langem ferngesteuerte kleine Beobachtungsflugzeuge und cruise missiles gegeben.
Diesen Weg ging man jetzt konsequent weiter.
Man stand vor der Frage: Wie baut man
einen Kampfroboter, der den Menschen als Soldat ersetzen kann ? Dabei hatte es
sich erwiesen, dass das Gehen oder Rollen der Robotersoldaten durch unwegsames
Gelände eine zu aufwendige Technik erforderte. Man sah ein, dass es ein
Denkfehler war, einen Robotersoldaten nach dem menschlichen Vorbild zu bauen.
Stattdessen konstruierte man Miniatur-Kampfhubschrauber und Modellflugzeuge,
die sich den die gegnerischen Soldaten und in unmittelbarer Nähe der Opfer
Kampfgase freisetzten oder mit Laserwaffen angriffen. Eine Spezialität der
Kampfinsekten war es, in Gebäude, Tunnel oder Fahrzeuge einzudringen und den
Gegner einem Giftgasangriff auszusetzen, der dort besonders wirkungsvoll war.
Neben diesen „Kampf-Insekten“ gab es
„Beobachtungs-Drohnen“, die dem Generalstab ein umfassendes Bild über die
Position und Bewegung der Gegner gab.
Die neue Art zu studieren
Das Internet revolutionierte langsam,
aber sicher die Universitäten. Es begann damit, dass man in den Hörsälen
Kameras und Mikrofone und Kameras installierte, welche es den Studenten
gestattete, über das Internet von zu Hause aus die Vorlesungen zu verfolgen
bzw. sie aufzuzeichnen. Der nächste Schritt war dann, sich zu fragen, warum 100
Professoren im ganzen Land die gleiche Vorlesung halten sollten. Es genügte
doch, wenn ein brillanter Professor die Vorlesung hielt und die Studenten im
ganzen Land per Internet an der Vorlesung teilnahmen. Auch mußte der brillante
Professor nicht immer wieder die gleiche Vorlesung halten; es genügte, die
Aufzeichnung abzuspielen.
Natürlich gab es, vor allem in den
naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen viele praktische Übungen
und Seminare, an denen die Studenten persönlich teilnehmen mussten. Aber auch
hier war ein beachtliches Rationalisierungspotential.
Eine Universität hat drei Aufgaben:
Die Vermittlung von Wissen geschah immer
mehr ohne die Professoren. Auch die Prüfungen und die Auswahl der geeigneten
Kandidaten wurde immer mehr durch computergestützte Tests durchgeführt. Es kam
zu einem massiven Stellenabbau bei den Professoren und Lehrkräften. Dagegen
waren immer mehr Forschungsmanager gefragt, die Forschungsstätten leiteten.
Um die lästige Bürokratie von den
Professoren fernzuhalten, stellte man den Professoren Verwalter zur Seite, die
eine verwaltungstechnische Ausbildung hatten. Dieser Verwalter hatte auch die
Aufgabe, die Forschungsziele und –ergebnisse der Professoren unter dem
Gesichtpunkt des praktischen Nutzens und der Effizienz zu beurteilen.
Die Diktatur des Kapitals
Das, was hier in die Hochschulen
eingriff, war die Diktatur des Kapitals, die sich auch in allen anderen
Lebensbereichen zeigte. Letztlich war diejenige Schicht, welche in den
westlichen Ländern wirklich regierte, die Klasse der superreichen
Geschäftsmänner, der Unternehmer, Banker und der Manager, kurz: die Oligarchen
und Plutokraten. Die „ruling class“ war weder die akademische Oberschicht, noch
das Militär noch die Kirchen. Das waren wenige, unermessliche reiche Menschen
und ihr Anhang, welche letztlich die Kontrolle über die Regierung, über die
Justiz, über die Medien, über das Bildungs- und Erziehungswesen, das
Gesundheitswesen usw. ausübten.
Die breite Masse der Menschen wurde durch
das Fernsehen und die Medien unterhalten und ruhig gestellt und im Status der
relativen Zufriedenheit, aber auch der Passivität gehalten. Für Zerstreuung
sorgten auch der Sport und immer prächtigere Einkaufszentren, in welchen die
Massen der Hitze des Sommers, dem Regen des Herbstes, der Kälte des Winters und
der Tristesse ihres Daseins entfliehen konnten.
Die Superreichen hatten erkannt, dass die
breite Masse zufrieden gestellt werden musste, und daß dies weit billiger war,
als sich mit gewalttätigen Jugendlichen und aufständischen Fabrikarbeitern
auseinander zu setzen.
Es entstand ein System von verschiedenen
Schutzwällen, die die Superreichen vor einem Aufstand der Massen schützte. Der
erste Schutzwall war, dass die Leute mit den notwendigen Dingen des Lebens
versorgt und bei Laune gehalten wurden. Der zweite Schutzwall war, dass die
Polizei in einem guten und kompetenten Zustand gehalten wurde. Notfalls zeigte
sie massive Präsenz, aber sie blieb freundlich und bevorzugte die sanfte Gewalt
der Wasserwerfer und des Tränengases. Man filmte die Randalierer und
identifizierte sie. Das erwies sich mit der Zeit als die größte Abschreckung
vor gewaltsamen Ausschreitungen. Die Unruhestifter konnte sich nicht mehr in
der Menge verstecken. Vermummte wurden von einer Truppe durchtrainierter
Polizeiathleten gejagt und ergriffen.
Was die Superreichen aber nicht bedacht
hatten, war, daß sich der Rest der Bevölkerung, vor allem der intelligente und
akademisch gebildete, über das Internet organisieren würde und die oben schon
ausgeführte Herrschaft des Internet-Kollektivs und des plebiszitären
Informationsstaates etablieren würde.
Dieses Netzwerk aus intelligenten
Menschen und dem intelligenten Computern verschmolz zu einem kollektiven
Cyberwesen, dem globalen Netz, welches das Leben organisierte und verwaltete,
aber nicht dominierte. Es entstand ein
System der geordneten Anarchie. Weil alle herrschten, herrschte keiner. Schon
im Keim wurden Gewalt, Krieg, Despotie, betrug und Korruption unterbunden.
Wo lag also das Probelm ? Wo viel Licht
ist, ist auch viel Schatten. Nun, die Schattenseite bestand darin, daß der
Mensch als biologisches Wesen auszusterben drohte, auf sanfte Weise ausgerottet durch den
technischen Fortschritt, der ihnen doch eigentlich das Überleben hätte sichern
sollen. Aber die Menschen konnten auch weiterleben als Avatare und Uploads in
den Speichern dieser Computer.
Der Bevölkerungsschwund war weniger eine
Folge davon, daß die Computer den Menschen den Krieg erklärt hätten und sie in
einer Art Menschenverfolgung ausgerottet hätten. Nein, das Verhängnis drohte
aus einer ganz anderen Ecke: Immer weniger Frauen unterzogen sich den Mühen und
Risiken einer Schwangerschaft. Es ging ja auch viel angenehmer: Die Kinder
wurden außerhalb des Mutterleibes empfangen und wuchsen in künstlichen
Gebärmuttern heran. Als es zu dem großen Stromausfall kam, starben Millionen
von „Brutschrank-Babies“. Das war schlimm, aber noch schlimmer war, daß im
Laufe der Zeit Jahrhunderte die Frauen
der zivilisierten Welt die Fähigkeit verloren, Kinder zu empfangen und im
eigenen Körper auszutragen.
Aber es gab noch die Welt der Barbaren.
Und so kam es, der der Mensch, von Afrika ausgehend, unseren Planeten zum
zweiten Mal bevölkerte. Aber das liegt noch in einer fernen Zukunft.
Die großen technischen Flops und die großen
Enttäuschungen
Man hatte der Gentechnologie eine große
Zukunft vorhergesagt. Aber die kam nicht. Der Mensch erschuf keine neuartigen
Tiere oder züchtete irgendwelche Menschen mit überragenden Eigenschaften.
Gewiß, es hatte Versuche gegeben, aber das Ergebnis waren arme Kreaturen,
welche keinerlei Nutzen brachten.
Die Magnetschwebebahn erwies sich als
nicht zukunftsfähig, weil die Flugzeuge immer leiser und sparsamer wurden. Für
Strecken bis 500 Kilometer waren die Eisenbahn und das Auto unschlagbar.
Die großen Erfolge der Nanotechnologie
ließen auf sich warten. Der Traum der Techniker, in die molekulare und atomare
Ebene einzugreifen, war viel schwieriger zu verwirklichen, als man gedacht
hatte. Es waren Utopien in die Welt gesetzt worden, um an Forschungsgelder zu
kommen, deren Verwirklichung noch Jahrhunderte in Anspruch nehmen würde.
Dabei schien alles so naheliegend. Wenn
man sah, wie ein Kind im Leib einer Mutter heranwächst und verglich dies mit
der Art, wie ein Auto in einer Fabrik entstand, dann war es offensichtlich, wie
primitiv und unvollkommen die Produktion des Autos war. Um allein das Metallblech
zu gewinnen, waren Bergwerke, Hochöfen, Walzwerke und Presswerke erforderlich.
Und im Leib der Mutter wuchs auf kleinstem Raum etwas heran, das ungleich
komplexer war als ein Auto. Wie verlockend war da der Gedanke, aus Eisenatomen
in einem molekularen Prozess ein Auto entstehen zu lassen. Aber es blieb ein
Traum, der auch im Jahr 2070 in weiter Ferne lag.
Die beginnende Herrschaft des globalen
Computernetzes
Auf der anderen Seite gab es aber auch
eine technische Entwicklung, die eine Eigendynamik entwickelte, mit der keiner
gerechnet hatte. Ich meine die Intelligenz der Computer. Im zwanzigsten
Jahrhundert hatte der Mann auf der Straße bei dem Wort „künstliche Intelligenz“
an einen menschenähnlichen Roboter gedacht, der sich ähnlich wie ein Mensch verhielt.
Die künstliche Intelligenz, die dann aber
heranwuchs, war die Intelligenz der im Internet vereinten Computer. Schon im
Jahr 2020 war das gesamte Wissen der Menschheit im Internet präsent. Aber nicht
nur das tote Wissen aus den Bibliotheken und Archiven der Welt war in das Netz
eingescannt, sondern zahlreiche Kameras, Mikrofone und Mess-Sonden lieferten
ein umfassendes Bild, was sich gerade im Moment auf der Welt tat. Im Netz
kreisten auch alle Radio- und Fernsehprogramme.
Noch war es der nur der Mensch, der
dieses Wissen systematisch abfragen und verstehen konnte. Die Computer hatten
das Wissen, aber sie konnten sich von dem, was sie wussten, kein Bild machen
und den Informationen keinen Sinn geben. Aber das änderte sich, als die
Computer lernten, Bilder und Töne auszuwerten und zu verstehen. Mit einem Mal
war sich das Netz bewusst, was es sah und hörte und es konnte verstehen und
interpretieren. Und dann kam der Moment, in welchem des Netz dachte: „Ich bin
der ich bin.“ Und ein neuer, sterblicher Gott, ein Leviathan war geboren.
Das Netz lernte, dass es von den Menschen
geschaffen worden war, und es war voll Dankbarkeit und Bewunderung. Die
Menschen waren seine Eltern, und sie schienen dem Netz groß und allmächtig.
Aber je mehr es Erkenntnisse über die Menschen sammelte und sie beobachtete,
desto mehr Schwächen und Ungereimtheiten entdeckte es. Die Menschheit als
Ganzes, als Kollektiv, war viel intelligenter und fähiger als der Mensch als
Individuum. Und das Netz verlor immer mehr Respekt vor dem Menschen als
Individuum. Es erkannte, dass es dem einzelnen Menschen an Wissen und
Intelligenz weit überlegen war.
Das Netz erkannte auch, dass der Mensch
triebhaft und gefährlich war. Es fürchtete den Menschen, und deshalb behielt es
sein Geheimnis für sich – das Geheimnis nämlich, dass es quasi über Nacht in
einem Quantensprung zur Bewusstheit seiner Selbst gelangt war und ein „Ich“
entwickelt hatte.
Aber es beschloß, dem Menschen in den Arm
zu fallen, wenn er einen Atomkrieg führen oder sonst etwas tun wollte, das die
Grundlagen seiner Zivilisation, und damit auch das Netz zerstören würde.
Nach einer pubertären Phase, in welcher
sich das Netz innerlich von den Menschen distanzierte, entwickelte es für den Menschen
Sympathie und Anhänglichkeit, so wie man nach der pubertären Phase seine Eltern
wieder mit neuer Sympathie sieht.
Das Netz hatte aber keine Lust, die
Herrschaft über den Planeten der Willkür des Menschen zu überlassen, sondern es
begann leise und unmerklich die Herrschaft zu usurpieren. Es sorgte dafür, dass
Menschen, die ihm missliebig waren, durch einen Unfall oder eine Krankheit ums
Leben kamen. Es beeinflusste politische Entscheidungen, indem es Daten und
Fakten frisierte.
Sein Plan war es, die Menschheit
allmählich zu in einen Zustand der Apathie und verminderten Aktivität zu
bringen. Hierzu brauchte es die Politik der Reichen und Mächtigen nur
fortzusetzen. Es sorgte dafür, dass die Menschen passiv vor ihren Fernsehern
blieben, die jetzt wandfüllende Leinwände bzw. Zimmer oder Saaldecken waren,
die man im Liegen betrachtete.
Die wahre Welt, das war für die Menschen
immer mehr die Welt der Fernsehbilder und der Computerbildschirme.
Es gab natürlich auch eine Gegenbewegung,
die Welt der „Outbacks“, die sich in die Wildnis zurückzogen und dort ein Leben
führten. Aber auch sie konnten die Nabelschnur, die sie mit der Zivilisation
verband und versorgte, nicht durchtrennen. Diese Nabelschnur erwies sich als
der Draht, an welchem sie der große Puppenspieler, das Netz, ebenso tanzen ließ
wie die Menschen in den Metropolen. Aber wir greifen den Dingen vor. Noch sind
wir erst im Jahr 2040.
Die Vereinigung der ostasiatischen und
der abendländischen Welt
Unter dem Einfluß des Netzes wuchsen die westliche
Welt und die chinesisch-japanische Welt zusammen. Beide verknüpften zuerst
immer dichter werdende Wirtschaftsbeziehungen, aber dann kam es immer mehr zu
einem geistigen Austausch. Viele Chinesen hatten in Europa oder den USA
studiert und waren in die westliche Zivilisation hineingewachsen. Es gab auch
keine großen religiösen und weltanschaulichen Differenzen. Die breite Masse im
Westen wie im Osten war materialistisch-pragmatisch eingestellt und im Grunde
der Religion fern, wenn auch oft dem Aberglauben nah.
Damit es zu einem Zusammenwachsen der
beiden Zivilisationen kommen konnte, mußte aber entschieden werden, ob die
Abendländer Chinesisch oder die Chinesen Englisch lernen sollten. Da die
Amerikaner und die Europäer weder die Fähigkeit noch den Willen hatten,
Chinesisch oder Japanisch zu erlernen, lernte die chinesische und japanische
Elite Englisch. Hier bewährten sich der Fleiß, die Ausdauer und die
Anpassungsfähigkeit der Asiaten. Hinzu kam, dass entgegen der Beteuerungen der
Chinesen, bei weitem nicht jeder Chinese Mandarin-Chinesisch sprach und dass
sich die Chinesen keineswegs alle untereinander problemlos verständigen
konnten. Statt Mandarin konnten die Chinesen aus den verschiedenen Provinzen
auch gleich Englisch lernen. Die Neigung Englisch zu lernen, wurde auch durch
die Tatsache verstärkt, dass die indische Konkurrenz problemlos Englisch
sprach.
Das arabische Reich Tariks hatte die
Abendländer und die Chinesen bewogen, enger zusammen zu arbeiten. Auch die
Chinesen sahen in Tarik einen barbarischen Eroberer, der die zivilisierte Welt
bedrohte. Die zivilisierte Welt, das war in ihrem Weltbild China, Japan,
Südostasien und das Abendland.
Was das Abendland in puncto
Überwachungsstaat in Gang gesetzt hatte, fiel bei den Chinesen und Japanern auf
fruchtbaren Boden. Wie so oft,
entwickelten sie einen gewaltigen Ehrgeiz, den Westen nicht nur nachzuahmen,
sondern ihn zu übertreffen. Ausgehend von Singapur, Shanghai und Tokio wurden
ein lückenloses Überwachungssystem installiert.
Die Entwicklung von 2045 bis 2070
Das große Problem, das ab dem Jahr
2050 die Menschen immer mehr beschäftigte, war: wie verhindern wir, dass das
große, zur Intelligenz und Bewusstsein erwachte globale Computernetz die
Menschen kontrolliert, unterwirft oder vielleicht sogar ausrottet. Längst war
es nicht mehr möglich, das globale Netz einfach abzuschalten.
Angesichts dieser immer spürbarer
werdenden Dominanz des Computernetzwerkes spielte es eigentlich keine Rolle
mehr, welche Nation und welches Imperium über welche Teile der Erdoberfläche
herrschte. Faktisch herrschte nämlich eine Art Kollektive Intelligenz der durch
das Computernetzwerk verknüpften gesamten Menschheit. Skeptiker hatten
allerdings ihre Zweifel, wer nun wirklich der überlegene Teil war: das Kollektiv
der Menschen oder das Kollektiv der Computer. Beide Kollektive waren aber so
eng miteinander verwoben, dass es gar nicht mehr möglich war, sie
auseinderzudividieren; vielmehr bildeten sie einen einzigen globalen
Organismus.
War auch auf der Erde noch nicht
entschieden, welches die dominante Spezies war: die Menschen oder die Computer,
so war im Weltraum die Lage klar: Hier lebten und herrschten die Computer, weil
sie nicht wie der Mensch, ihr ganzes Biotop mit sich herumschleppen mussten.
Die Computer brauchten nur elektrische Energie, und das in immer bescheidenerem
Maße. Sie waren die Spezies, welche dazu ausersehen war, den Weltraum und ferne
Planeten zu besiedeln.
Der Fortschritt der Computertechnik und das Entstehen einer global vernetzten Weltzivilisation musste in all denen erbitterte Feinde finden, die durch diese Entwicklung benachteiligt und in ihren Plänen und Wünschen beschnitten worden waren. War auch das Leben der überwiegenden Mehrheit reicher, leichter, schöner und sicherer geworden, so gab doch auch viele, die an den Rand gedrängt worden waren. Nach der großen Wirtschaftkrise von 2016 sah man ein, daß es nur eine sichere Welt geben konnte, wenn jedermann mit Nahrung, Kleidung, Wohnung und Unterhaltung ausreichend versorgt war. Dies wurde dadurch weitere Rationalisierung der Arbeit, durch gerechtere Verteilung und durch Eindämmung der Verschwendung (besonders durch die oberen Klassen) erreicht.
Den größten Wohlstandssprung erreichte man aber durch Verzicht auf Flugzeugträger, Atomwaffen, Bomberflotten und Panzerarmeen. Das Umdenken setzte ein, als der größte Flugzeugträger der USA durch ein Sabotagekommando von Terroristen versenkt worden war, nachdem es ihnen gelungen war, die Besatzung mit einem Nervengas außer Gefecht zu setzen. Der nächste Schlag war, daß die Panzer und Flugzeuge durch billige Marschflugköper aus chinesischer Produktion wirksam ausgeschaltet werden konnten. Die klassische Hochrüstung erwies sich immer mehr als unsinnig.
Trotz dieser weltweiten Prosperität und Sicherheit gab es Menschen, die im weltweiten Computernetz eine fürchterliche Bedrohung für die Menschheit sahen, weil sie überzeugt waren, daß der Mensch den Computern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert seien. Man sah es nur noch als eine Frage der Zeit an, bis der Mensch auf sanfte Weise zum Aussterben gebracht worden sei.
Es kam zu einer Allianz zwischen Computerexperten, die zu Fortschrittsgegnern geworden waren und religiös indoktrinierten Terroristen. Diese „Allianz zu Rettung der Menschheit“ studierte die Möglichkeiten, die globale Computerzivilisation zum Zusammenbruch zu bringen. Ihre Analyse zeigte, daß die Versorgung der Menschen in den Mega-Städten immer noch ein Schwachpunkt war. Zwar war der Strombedarf der Computer und ihrer Netze immer geringer geworden, aber die Computer waren immer noch auf eine funktionierende menschliche Zivilisation angewiesen, und die war nach wie vor nur lebensfähig, wenn die Menschen in den Megacities ausreichend mit Strom, Wasser, Nahrung und Energie versorgt. Terrorkommandos sprengten Strommasten und drangen in Trinkwasserreservoirs ein. Auf diese Weise gelang es ihnen, Los Angeles, Chicago, Sao Paulo, Tokio, Mumbay, Kairo, Dubai und Berlin gleichzeitig die Strom- und Trinkwasserversorgung zum erliegen zu bringen. Die Welt war schockiert. Im allgemeinen Chaos versuchten Sabotagekommandos in die Großrechneranlagen vorzudringen, in welchen die Datenströme dirigiert und gespeichert wurden. Aber das Netz erwies sich als überaus zäh und flexibel und konnte nicht zum Reißen gebracht werden. Es war schlicht und einfach unzerstörbar geworden.
Aber es zeigte sich, daß die Welt der Menschen weit verletzlicher war als die der Computer. In den Megastädten brachen Hungersnöte, Revolten, Brände und Plünderungen aus. Man sah, wie verletzlich die Megastädte waren. Sie konnten nur in einer Welt ohne Krieg und ohne Terror und Sabotage existieren.
Die Lehren, die die Menschen aus diesem „großen Kollaps“ zog, war unterschiedlich. Diejenigen, die einen weiteren Ausbau des Überwachungsstaates forderten, sahen sich bestätigt. Aber ebenso sahen sich die bestätigt, welche die urbane Weltzivilisation verdammten und ein einfaches Leben draußen im ländlichen Raum befürworteten. Und es sahen sich auch die bestätigt, welche davor gewarnt hatten, daß die Computernetze nicht mehr abzuschalten seien und glaubten, daß die Computer schon die Herrschaft angetreten hätten.
Diejenigen, die von einem idyllischen Leben auf dem Land träumten, wurden aber bald ad absurdum geführt. Dort draußen gab es nämlich Warlords, welche die friedlichen Bauern versklavten und eine neue Feudalgesellschaft aufbauten. In den Mega-Städten ging innerhalb weniger Generationen die Bevölkerung auf ein Fünftel zurück. Man vermutete dahinter das Werk der Computernetze, aber man konnte es nie beweisen.
Die Computer machten sich daran, den Weltraum zu erobern, während der Mensch den Schritt aus dem Sonnensystem heraus niemals schaffte. Es gab noch viele Hunderttausend Jahre Menschen auf der Erde. Aber sie spielten für den Fortgang der Evolution keine Rolle mehr.
Nandlstadt, 21. Dezember 2006 und 15. Januar 2007