Was ist eine Religion ?

Von Richard Beiderbeck, www.koinae.de    

 

 

Eine Religion ist ein System von Ideen, Wertvorstellungen, Vorschriften und Praktiken, in welchem folgende Elemente enthalten sind:

 

1.    Der Kult und die Kultobjekte

 

Kult ist die kritiklose Wertschätzung und Verehrung der Kultobjekte.

 

In der katholischen Religion haben wir z. B. folgende Kultobjekte: Gott, Jesus, den Heiligen Geist, Maria, die Heiligen, die Kirchenväter, die Päpste. Dinge, denen der Kult gilt, sind: die Bibel, die Reliquien, die heiligen Orte.

 

Im einzelnen können wir unterscheiden:

 

Die heiligen Personen (z. B. Jaweh, Gott, Allah, Jesus, Maria, Buddha, Mohammed, Krishna, Zeus, Laotse, Konfuzius usw., usw.)

Die heiligen Schriften (Bibel, Koran usw.) und die in ihnen enthaltenen Glaubensvorstellungen, und Welterklärungen (Mythen) sowie die religiösen Gesetze und Verhaltensvorschriften.

Die heiligen Orte (Jerusalem, Mekka, Rom usw.)

Die heiligen Objekte (Reliquien, Amulette, Talismane, geweihte Gegenstände)

Die Priester und Verteidiger des Glaubens

 

Bei den Kultobjekten hört die Toleranz auf. Wer Jaweh, Gott oder Allah herabsetzt oder gar verspottet, macht sich unter den Gläubigen unversöhnliche und gefährliche Feinde und gilt als „Ungläubiger“.

Wer die zentralen Kultobjekte kritisiert oder herabsetzt, wird getadelt, eingeschüchtert, manipuliert, bedroht, bestraft, verfolgt, getötet. Zweckmäßigerweise versuchen die religiösen Autoritäten zunächst mit milden, und dann immer schärferen Mitteln die Ungläubigen auf den rechten Weg zu bringen.

 

Der Kult eint die Gläubigen. Im Alltagsleben sind die Menschen fast stets verschiedener Meinung und streiten miteinander. Bei der Wertschätzung der Kultobjekte sind sich alle Gläubigen und alle Fans einig: das Kultobjekt ist rundherum positiv und wunderbar. So stiftet der Kult unter den Gläubigen Harmonie. Diese Harmonie wird durch das gemeinsame Feindbild (die Ungläubigen) gefördert.

 

Der Kult findet oft an besonderen Stätten, die als heilig gelten, statt. Man vollführt zeremonielle Handlungen und zeigt durch Worte, Musik, bildende Kunst, durch Gesten und Symbole, wie sehr man die Kultobjekte verehrt und ihnen zu Diensten ist.

 

Zum Kult gehört auch die Literatur, die das Kultobjekt in einem möglichst vorteilhaften Licht erscheinen lässt, also z. B. all die Heiligenlegenden über Jesus, Maria und die Heiligen. Legenden ranken sich auch um das Leben aller Religionsstifter. Zweck dieser Legenden ist es, die Göttlichkeit und wunderbaren Eigenschaften der Kultperson zu propagieren.

 

1.    Die Unterwerfung unter die Kultobjekte

 

Die heiligen Personen und Schriften genießen die höchste und unantastbare Autorität. Die Gläubigen müssen sich dieser Autorität unterwerfen. „Islam“ heißt z. B. „Ergebung in Gott“, das heißt im Klartext: „Unterwerfung unter Gott“.

 

Im religiösen Sinn bedeutet das Verb „glauben“ etwas ganz anderes als „nicht wissen“. Es bedeutet: „sich unterwerfen“. Es umschreibt verschämt einen Tatbestand, den man nicht so gern offen benennt. Was ist nun der beschämende Tatbestand, den das Wort „glauben“ umschreibt ? Es ist die selbstgewählte Rückkehr des Menschen in den Zustand der kindlichen Unmündigkeit.

 

„Ich glaube an Jesus Christus, unsern Herrn“ heißt also: „Ich unterwerfe mich der Autorität Jesu Christi und seiner Stellvertreter auf Erden“.

 

2.    Der Anspruch, immer Recht zu haben

 

Da Gott meistens nicht in persona auf Erden wandelt, springen seine Priester und Anhänger in diese Lücke und sagen den Gläubigen, was sie zu tun haben. Dabei beanspruchen sie Gottes Autorität. Jeder Widerspruch ist also von vornherein sinnlos. Die Gläubigen haben sich zwar Gott unterworfen, aber sie haben dafür das Privileg eingehandelt, gegenüber den Ungläubigen immer im Recht zu sein.

 

Auch Jesus Christus ist ein solcher Rechthaber. Immer wieder beginnt er seine Sätze mit: „Ich aber sage euch...“ Dabei beruft er sich auf die Autorität seines „Vaters im Himmel“. Um seine Autorität zu beweisen vollbringt er seine Wunder, in den Evangelien oft „Krafttaten“ genannt. Er will damit beweisen, dass Gottes Kraft in ihm wirkt. Wer könnte einem solchem Menschen widersprechen ? Um die Herrlichkeit Jesu noch zu erhöhen, werden seine Jünger als schwach, fehlerhaft und als begriffsstutzige Simpel dargestellt.

 

3.    Die Welterklärungsmythen

 

Die Mythen sind Geschichten, die z. B. erzählen, wie die Welt und die Menschen erschaffen wurden, warum die Dinge sind, wie sie sind (z. B. warum es Gut und Böse gibt) und wie des zukünftige Weltgeschehen sein wird.

 

Religiöse Mythen sind Literatur und Poesie. So wie in einem Roman die Dinge erfunden sind und dennoch allgemeine Wahrheiten ausdrücken können, so halten die Mythen nicht einer wissenschaftlichen Untersuchung stand, aber sie können Grundwahrheiten der menschlichen Existenz ausdrücken.

 

Die Welterklärungsmythen haben aber auch den praktischen Zweck, die Priester und religiösen Autoritäten nicht „dumm dastehen“ zu lassen, wenn die Menschen sie fragen: „Wie ist die Welt entstanden ?“ usw. Die Mythen und die ganze religiöse Literatur bilden einen großen Fundus an Pseudowissen, der verbirgt, dass die religiösen Autoritäten von vielen Dingen überhaupt keine Ahnung haben.

 

Das gilt natürlich auch für Jesus, Mohammed und Buddha. Sie verfügten nur über einen Bruchteil des Weltwissens, das wir heute besitzen.

 

4.    Der Weg zur Erlösung

 

Für die meisten Religionen ist der heutige Zustand der Welt und der Menschheit nicht akzeptabel. Die Mensch  muß erlöst werden. Besonders ausgeprägt ist das im Buddhismus. Sein zentrales Thema ist: „Wie kann der Mensch den Leiden entkommen und dem Rad der ewigen Wiedergeburten entgehen ?“

 

Der erste Schritt zur Erlösung ist natürlich, an die Religion und die Heilslehren zu glauben und die Vorschriften zu befolgen.

 

5.    Das Gebet

 

Wenn man die Macht und Überlegenheit des Kultobjektes anerkannt hat, ist es naheliegend, es um kleinere und größere „Gefälligkeiten“ zu bitten. Diese Gefälligkeiten können sein: Hilfe, die rechte Entscheidung zu treffen, Befreiung aus einer Notlage, günstige Beeinflussung des zukünftigen Schicksals, Rettung vor Krankheit und Tod.

 

Das Gebet ist ein einseitig geführter Dialog, der von der Hoffnung lebt, erhört zu werden.

 

6.    Das Opfer

 

Das erste und größte Opfer, das die Gläubigen bringen, ist die Unterwerfung unter den Kult, die Kultobjekte und die religiösen Autoritäten. Dies geschieht natürlich in der Hoffung auf reiche Belohnung und aus Angst vor Bestrafung, wenn man sich nicht unterwirft.

 

Daneben gibt es noch spezielle Opfer: Das sind über das von den religiösen Vorschriften geforderte hinausgehende Dienstleistungen, Taten sowie Sach- und Geldspenden, die man für die Kultobjekte und die religiösen Autoritäten (oder für mildtätige und soziale Zwecke) erbringt.

 

Je größer das Opfer, um so größer die Belohnung – so glauben die Gläubigen. Und so werden die fanatischsten von ihnen zu Selbstmordattentätern. Aber sie opfern nicht nur sich, sondern auch viele andere. Schon immer wollte der Mensch, dass nicht nur er selbst, sondern vor allem die anderen die Opfer bringen.

 

 

Nicht nur Religionen sind Religionen

 

Den Kult, die Unterwerfung, die Rechthaberei (im Buddhismus deutlich weniger), den Heilsweg, die Welterklärung und das Opfer: all das findet man nicht nur in Religionen, sondern auch im Bereich der Politik, des Sportes, der Kultur.

 

Der Nationalismus, der Sozialismus und der Nationalsozialismus haben viele religiöse Elemente.

 

Der Nationalismus fordert Opfer (vor allem im Krieg), hat seine Kultpersonen (die Gründer der Nation und herausragende Führer und Heroen), seine heiligen Orte (z. B. das Grab Napoleons im Invalidendom, das Pariser Pantheon oder die Londoner Westminster Abbey als Grabstätten der nationalen Geistesheroen und Künstler, der Heldenfriedhof in Washington-Arlington also Grabstätte der Helden und Führer der Nation) und seine heiligen Dinge (z. B. die US-Flagge).

 

Der Sozialismus hat seine Welterklärung, seine Propheten Marx und Engels, seinen Heilsweg und seine heiligen Stätten.

 

Der Nationalsozialismus hatte seinen Heilsbringer, sein auserwähltes Volk, seine heiligen Symbole, seine Märtyrer, seine Kultstätten und seine Mythen.

 

Selbst die Popkultur und der Sport haben ihre Kultpersonen und ihren Kult.

 

Es gibt unendlich viele Religionen und Ersatzreligionen. Deshalb werden die Bemühungen der Aufklärer, die Menschheit von der Sklaverei der Religionen zu befreien und an die Stelle der Religion die Vernunft zu setzen, immer zum Scheitern verurteilt sein. Der Mensch will und braucht die Religion, und die Herrschenden brauchen die Religion, um zu herrschen.

 

Ein Blick ins Internet belehrt, dass es eine wachsende Zahl von Privatreligionen und Propheten dieser Religionen gibt. Es ist  besser, es gibt viele verschiedene Religionen, (wenn man so will: Privatreligionen), als dass nur eine Religion toleriert wird. Und das ist gut so. Religion ist Privatsache und sollte es bleiben, und nicht mit Politik und Machtansprüchen vermischt werden.

 

Wie alles im Leben hat auch die Religion gute und schlechte Seiten. Positiv ist, dass die Religionen die Menschen zu guten Taten und zu sozialem Verhalten bewegen. Aber genauso gut ist auch das Gegenteil der Fall.

 

Die Religionen haben großartige Kunstwerke erschaffen. Aber genauso haben sie die Kunst stark bevormundet und in ihrer Entfaltung stark gehindert, weil die Künstler nur auf bestimmte Aufgaben eingeengt wurden und nur Mittel für sakrale „Zweckbauten“ zur Verfügung gestellt wurden.

 

Die Religionen haben große humanitäre Leistungen erbracht und viele edle und begabte Menschen dazu gebracht, gute Werke und erhabene Dinge zu schaffen. Aber sie haben nur den Rahmen gebildet. Das Bild haben die erwähnten Menschen geschaffen; unter anderen Umständen hätte sie das in einem anderen Rahmen ebenso getan, vielleicht sogar mehr und besser.

 

Trotz aller Kritik an der Religion gibt es bis jetzt noch keine brauchbare Alternative, denn weder Agnostizismus und Nihilismus noch Aberglauben sind besonders wünschenswert, wobei der letztere deutlich mehr Anhänger hat und wohl immer haben wird.