Von
Weltreichen und der Weltregierung
Von: Beiderbeck www.koinae.de
Von Ägypten bis Persien
Der erste, der den Gedanken an ein Weltreich
dachte, war wohl kein Philosoph oder politischer Theoretiker. Vielmehr war es
wohl ein Praktiker der Macht, der den Wunsch hegte, den ganzen bekannten
Erdkreis zu beherrschen. Vielleicht war dies noch nicht einmal das
ursprüngliche Ziel, sondern ein besonders starker Staat war einfach in die
Weltmachtrolle hineingewachsen, indem er seine Nachbarn nach und nach besiegte
und sich deren Ländereien eingliederte. Vielleicht unterstellten sich auch
manche Staaten "freiwillig" der Übermacht.
Bei der Entstehung der ersten übergroßen
Fürstentümer muß wohl eine Art "Schneeballeffekt" eingetreten sein:
Ein starkes Fürstentum erobert ein schwächeres und erweitert dadurch seine
Machtbasis. Von dieser Machtbasis aus werden weitere Fürstentümer einverleibt,
bis man auf einen Staat trifft, der sich ebenfalls auf diese Weise zum
Großstaat entwickelt hat. Dann stand wohl der Endkampf um die ganze bekannte
Welt bevor, wie das im Kampf zwischen Ober- und Unterägypten oder zwischen Rom
und Karthago der Fall war. Allerdings gab es bei den prähistorischen
Großreichen keine gefestigten staatlichen Strukturen, und die Großreiche
zerfielen wohl schon bald nach dem Tod ihres Gründers.
In Ägypten entstand der erste Universalstaat
der Erde. Alle Teilstaaten, die Gaue, wurden zu einem Gesamtstaat zusammengefasst.
Auf diese Weise wurde ein dauerhafter Frieden geschaffen. Das Ägypten des König
Menes war angesichts der damaligen Verkehrs- und Kommunikationsmittel weit
ausgedehnter als die heutige Welt. Genau wie die Flußoase Ägypten ist die
heutige Welt ein geschlossenes System, eine Insel im Weltall. Das Beispiel
Ägyptens belegt, daß geschlossene zivilisatorische Systeme zur Einheit, zum
Universalstaat hinstreben. Daß eine theokratische Monarchie, wie sie in Ägypten
herrschte, nicht die ideale Regierungsform ist, und daß die Errichtung des
ägyptischen Universalstaates mit gewaltsamen Mitteln erfolgte, soll uns nicht
den Blick darauf verstellen, daß der Universalstaat den Ägyptern eine lange,
lange Zeit der politischen Stabilität, der kulturellen Hochblüte und des
Friedens gebracht hat. Keineswegs hat dieser Einheitsstaat zur kulturellen
Erstarrung geführt - für eine Tendenz in diese Richtung war die Theokratie
verantwortlich - sondern er hat vielmehr erst die schöpferischen Möglichkeiten
der Menschen zur Entfaltung gebracht, weil er ihnen Sicherheit und Auskommen
gewährleistete und ihnen die Sorge der Lebenssicherung abnahm. Der Weltstaat
würde die Welt von der Bürde der Rüstung befreien und ungeahnte schöpferische
Kräfte freimachen und die Menschheit zu einem großen kulturellen und
wirtschaftlichen Aufschwung führen.
Für Ägypten begann der Niedergang mit dem
Auseinanderfallen seiner Einheit.
In Persien gewann der Gedanken des
Universalstaates eine neue Gestalt. Kyros erkannte, daß Reiche, die auf Gewalt
und Terror gegründet sind, nicht von Bestand sein können. Er baute sein Reich
auf Großmut und Toleranz auf. Da seine Feinde wußten, daß er sie schonen würde,
widersetzten sie sich nicht mit dem Mut der Verzweiflung, sondern unterwarfen
sich oft freiwillig. Für viele Völker war es besser, sich dem persischen Schutz
zu unterstellen, statt von grausamen Nachbarn bedroht zu sein. Die Juden
entließ Kyros I. aus der babylonischen Gefangenschaft, den besiegten König
Kroisos holte er vom Scheiterhaufen und machte ihn zu seinem Ratgeber. Er
schenkte den verschiedenen Völkern seines Reiches volle Glaubens- und
Religionsfreiheit. Seine Nachfolger teilten das Reich in Provinzen ein, die
ihre Sprache, Religion und nationale Eigenart beibehalten durften. Dareios
vereinheitlichte das Münzsystem, errichtete Poststationen und verband die Teile
des Reiches durch "Königsstraßen". Als bevorzugte Amtssprache setzte
sich immer mehr das Aramäische durch, eine semitische Sprache, die später auch
Jesus sprach. Es entstand ein einheitlicher Wirtschaftsraum von Ägypten bis
Indien, in dem es gute Verkehrsverbindungen, eine überall verständliche Sprache
und eine gemeinsame Verwaltung gab.
Alexander der Große
Alexander der Große übernahm von seinen
persischen Vorgängern den Weltstaatgedanken. Er schonte bei seiner Eroberung
die Zivilbevölkerung und vermied es, die unterworfene Oberschicht zu demütigen
oder gar auszurotten. Er war auf Zusammenarbeit bedacht, denn nur zusammen mit
den Unterworfenen konnte er seinem Reich Dauer und Stabilität geben. Wenige
Jahre nach seiner Eroberung erlebte Persien einen erneuten Aufschwung der
Wirtschaft und Kultur.
Alexander wollte alle eroberten Völker
untereinander und mit den Griechen gleichstellen. Er führte das persische
Hofzeremoniell ein und in seiner Kleidung verband er persische und makedonische
Elemente. Er heiratete Roxane, eine baktrische Prinzessin. Auf einem großen
Fest in Susa ließ er 10 000 Makedonen mit 10 000 Frauen aus dem persischen
Reich verheiraten. Aber gerade dieses Beispiel zeigt, daß seine Politik der
Verschmelzung allzu gewaltsam und ungeduldig war, was sicher auch mit seinem
jugendlichen Alter zusammenhing. Er machte sich über die Widerstände, die eine
solche Politik haben würde, zu wenig Gedanken. Aber wenn er sich allzuviele
Gedanken über mögliche Schwierigkeiten gemacht hätte, wäre er wahrscheinlich
nie dazu gekommen, ein Weltreich zu erobern.
Der Hellenismus
Auch wenn das Reich Alexanders nach seinem
Tod in Teilreiche zerfiel, so bestand es doch als kulturelle Einheit fort. Die
hellenistische Kultur vereinte griechische Wissenschaft und griechische Kunst
mit Luxus, Magie Mystik und Despotismus des Orients. Der Einflußbereich dieser
Kultur reichte von Indien bis nach Rom. Indische Buddhastatuen wurden nach dem
Vorbild griechischer Plastiken gemeiselt. Griechische Sklaven brachten den
Römern Kultur und Wissenschaft bei.
Die dem Hellenismus angemessene Philosophie
war die der Stoa, eine von Zenon (336-264 v.Chr.) gegründete Philosophenschule.
Zenon sagte: "Wir sollten nicht in Staaten und Bevölkerungen getrennt
leben, die je ihre eigenen Gesetze haben. Alle Menschen und Volksgenossen sind
unsere Mitbürger".
Schon Anaxagoras (500-428 v. Chr.) hatte eine
Schrift verfasst mit dem Titel: "Die Weltbewirtschaftung". Hierin ging
er der Frage nach, wie eine globale Wirtschaft beschaffen sein müßte.
Ein anderer Stoiker, Epiktet (der
"lachende Philosoph", 50-138 n. Chr.), meinte, daß alle Menschen
Brüder seien und stellte fest: "Diese Welt ist ein einziger Staat".
Genau das selbe sagte Cicero. Ein weiser Mann, sagte Seneca, wird den
Menscheitsstaat höher stellen als den Staat, in dem er zufällig geboren ist.
Plutarch forderte, daß wir darauf hinarbeiten müssen, daß sich alle Bürger
eines Staates erkennen und unter dem gemeinsamen Gesetz der Vernunft zusammen
wohnen. Der römische Kaiser und Philosoph Marc Aurel prägte den Vergleich, daß
sich Einzelstaaten verhalten wie die Häuser einer Stadt im Ganzen. Für die
Stoiker war die Welt die Heimat. Zenon trug eine kosmopolitische Gesellschaftsordnung
vor, die einen Weltstaat voraussetzte. Man fasste im Lehren und Handeln die
ganze Menschheit ins Auge.
Im Orient nahm die hellenistische Kultur
immer mehr orientalische Elemente auf. Sie wurde zur "Koinae"
("die Gemeinsame"), eine Mischkultur, in der sich griechisches,
persisches, sysrisches, jüdisches, babylonisches und ägyptisches mischten. Auf
diesem Boden ist das Christentum gewachsen, und diese
hellenistisch-orientalische Kultur wirkt bis in die heutige Zeit hinein. Sie
ist der kulturelle Boden, auf dem die abendländsiche Zivilisation steht.
Das chinesiche Reich
In China gab es um das Jahr 2000 v. Chr. wohl
das erste Großreich, das von der Hsia-Dynastie regiert wurde. Sie wurde um 1600
v. Chr. von der Shang-Dynastie abgelöst, um 1100 v.Chr. folgte die
Chou-Dynastie. In den folgenden Jahrhunderten nahm die Macht der Zentralgewalt
ab und die Selbstständigkeit der Teilfürstentümer zu. Schließlich gab es etwa
1700 Staaten, von denen die kleinen nur eine Stadt und ein paar Dörfer
umfassten. Diese Staaten lagen ständig miteinander im Krieg. Langsam schluckten
die größeren Fürstentümer die kleineren, sodaß um 771 v. Chr. nur noch etwa 20
übrig blieben. Ähnlich wie im mittelalterlichen Deutschland waren die Fürsten
weitgehend souverän. Der oberste chinesische Herrscher war ebenso machtlos wie
der Deutsche Kaiser, der nur so mächtig war, wie das Fürstentum, das er selbst
regierte und seine Hausmacht bildete. Im Jahr 771 v. Chr. verbündeten sich
einige große Fürstentümer und töteten den "Sohn des Himmels" (also
den Kaiser). Damit trat China in die Periode der "streitenden
Staaten" ein.
Ab 600 v. Chr. wurden die Kriege in China
intensiver und länger. In dieser Epoche schrieb der Philosoph Mo Di: "Wenn
die Armeen gegeneinander ziehen, dann werden Bambuspfeile, Federstandarten,
Kriegszelte sowie Panzer und Schilde in unermeßlicher Zahl verschwendet,
geraubt, zerstört und vernichtet und kehren nicht mehr zurück. Desgleichen
ziehen Ochsen und Pferde in unermeßlicher Zahl gutgenährt aus und kehren nicht
mehr zurück. Unermeßlich ist die Zahl der Menschen, welche sterben, weil
infolge der langen Entfernungen die Versorgung mit Nahrungsmitteln unterbrochen
ist. Unermeßlich ist die Zahl der Menschen, welche erkranken und sterben. Warum
betreibt der Staat eine solche Politik und beraubt das Volk in so hohem Maße
seiner Möglichkeiten und entzieht im seine Mittel?"
Mo Di wunderte sich, warum ein Mann, der ein
Schwein stiehlt, verurteilt wird, während der Herrscher, der in einen anderen
Staat einfällt und ihn sich aneignet, ein Held und ein Vorbild für die Nachwelt
ist. Mo Di gründete eine pazifistische Sekte und führte Abrüstungskampagnen
durch.
Den Frieden schenkte China ein anderer - und
mit andern Methoden: Shi-Huang-Di. Er sei herzlos gewesen, hätte eine
hervorstechende Nase und eine Stimme wie ein Schakal gehabt. Er begann seine
Karriere, indem er sich den Thron eines kleinen Staates aneignete. Nach und
nach eroberte und annektierte er die kleineren Nachbarstaaten, später wagte er
sich an die größeren. In der Kriegführung wandte er eine schon von seinen
Vorgängern praktizierte Methode an. Sie gingen ab von der
"ritterlichen" Kriegführung, bei der bestimmte Rituale eingehalten
wurden. Shi-Huang-Di rottete die Familie des Kriegsgegners aus. Pardon wurde im
Krieg nicht gegeben, auf die Tötung eines gegnerischen Soldaten wurde ein
Kopfgeld ausgesetzt. Das besiegte Land wurde dem Staat Ch'in einverleibt. Diese
Politik erfüllte die rivaliserenden Staaten mit Angst und Schrecken. Viele
wagten nicht mehr, gegen Ch'in zu kämpfen, sondern zogen es vor, sich Ch'in
anzuschließen.
Mit diesen rigorosen Methoden schaffte es
Shi-Huang-Di im Zeitraum von etwa 10 - 15 Jahren alle "streitenden
Staaten" in einem einzigen Staat zusammenzufassen. Im Jahr 221 v. Chr. war
China geeint und Shi-Huang-Di der erste Kaiser von China.
Er stand vor der gewaltigen Aufgabe, die
Verwaltung und die Infrastruktur des neuen Einheitsstaates zu organisieren. Er
teilte das Reich in Verwaltungsbezirke und Kreise ein. Hunderttausende von
Menschen wurden zum Ausbau von Wasserwegen und Straßen eingesetzt. Maße,
Gewichte, Währung und Schrift wurden vereinheitlicht. Durch den Bau von
Bewässerungsanlagen wurde die landwirtschaftliche Produktion gesteigert, um die
durch die neue Prosperität stark gewachsene Bevölkerung zu ernähren. Die
Grenzbefestigungen aus der Zeit der "kämpfenden Staaten" wurden
eingerissen. Nur im Norden, wo immer wieder die Hunnen in das Land einfielen,
baute man die alten Befestigungswälle und Wachtürme weiter aus und verband sie
untereinander. Durch den Einsatz von 300 000 Menschen, die viele Jahre lang
tätig waren, entstand der Vorläufer der chinesischen Mauer, die in vielen
Jahrhunderten, vor allem zur Ming-Zeit, (1368-1644), immer wieder erneuert und
weiter ausgebaut wurde.
Er schaffte die Sippenhaftung und das
Faustrecht ab. Gültig sollten nur noch Recht und Gesetz sein, nicht mehr die
Selbstjustiz. Wie sein Kanzler Li Si war er Anhänger der Philosophie der
Legalisten, die der Ansicht waren, daß der Mensch von Natur aus schlecht sei
und nur durch Anwendung eines Systems von Belohnung und Bestrafung regiert
werden könne. Recht und Ordnung seien die Voraussetzung für Frieden, Sicherheit
und einen gut funktionierenden Staat. Im Bereich der Wirtschaft traten sie ein
für das freie Spiel der Kräfte und für die Konkurrenz.
Nach Osten und Süden eroberte Shi-Huang-Di
weite Gebiete und gliederte sie China an. Um den Adel der eroberten Länder
unter Kontrolle zu halten, ließ er ihn, wie das später auch Ludwig der
Vierzehnte machte, in seine Hauptstadt ziehen. Der Sage nach ließ er, immer
wenn er einen Feudalstaat erobert hatte, eine Kopie von dessen Herrscherpalast
in der Nähe seiner eigenen Hauptstadt Hsien Yang bauen. Den Herrscher und seine
Familie ließ er in diesen Palast ziehen. So entstanden 270 Residenzen, die alle
aufs prächtigste möbliert waren, voller Musikanten, Sklaven und Tänzerinnen. So
solle ein 70 Meilen langer Ring um die Hauptstadt entstanden sein. Die Paläste
sollen durch überdachte Galerien verbunden gewesen sein.
Das Lehnswesen wurde abgeschafft, Grund und
Boden durften frei verkauft werden. Alle Waffen im gesamten Reich wurden
konfisziert, in die Hauptstadt gebracht und zu Bronzeglocken und Riesenstatuen
eingeschmolzen.
Nachdem er so viel erreicht hatte, hielt er
sich für eine Art Gott. Aber er hatte nicht die Unsterblichkeit eines Gottes.
Um diesem Mangel abzuhelfen, war er ständig auf der Suche nach Zaubermitteln
und Arzneien, um sein Leben zu verlängern oder dem Tod gar ganz zu entgehen.
Auf der Suche nach dem Elexier der Unsterblichkeit, das angeblich auf der Insel
der Seeligen zu finden war, starb er.
Um Aufständen vorzubeugen, wurde sein Tod
verheimlicht. Sein Leichnam wurde insgeheim in die Hauptstadt gebracht. Um den
Verwesungsgeruch zu überdecken, ließ man einen Wagen mit stinkenden Fischen
neben seiner Leiche fahren.
Japan
Auch in Japan gab es eine Zeit der ständig
kämpfenden Fürstentümer. Diese Kriege nahmen ständig zu, so daß 70 - 80 Jahre
lang nur noch Kriegswirren herrschten. In Zentraljapan sorgte schließlich um
das Jahr 230 n. Chr. das Reich der Königin Pimiko für Frieden. Zusammen mit
ihrem jüngeren Bruder soll die "Hexe" Pimoko ein Frauenregiment
errichtet haben. Im vierten Jahrhundert kam es in Mitteljapan zur Bildung eines
großen Staates, an dessen Spitze der Tenno, der japanische Kaiser stand. Noch
heute geben die Japaner ein historisches Datum in der Form an: "Im
soundsovielten Jahre des soundsovielten Tenno". Wenn die Tennos oft
wechselten, war es schwierig, das Alter einer Person aus dem Geburtsdatum zu
berechnen.
Im Jahre 1542 kaufte ein japanischer
Inselgouverneur einigen Portugiesen zwei Musketen für den stolzen Preis von
2000 Dukaten ab. Was die Japaner in Wirklichkeit kauften, war das know how zur
Herstellung von Feuerwaffen. Wenige Jahrzehnte später verfügte ein japanischer
Fürst über genügend Gewehre, um die Hälfte der japanischen Fürstentümer in
einem grausamen Krieg zu unterwerfen. Sein Nachfolger, ursprünglich ein
einfacher Bauer, unterwarf noch die andere Hälfte. 1592 aber packte ihn der
Größenwahn: er versuchte Korea und China zu erobern, was aber scheiterte. In
den folgenden Jahren wurde Japan ein Polizeistaat. 1614 wurde das Christentum
verboten, es kam zu Verfolgungen. Ab 1630 schloß sich das Land ganz gegen
Fremde ab. Erst 1854 erzwangen die Amerikaner eine Öffnung des Landes und das
Recht auf Handel.
Der "Lebenslauf" der Weltreiche
Wie in China sehen wir, daß der Einheitsstaat
der Zersplitterung vorzuziehen ist, weil diese zu ständigen Kriegen führt. Die
Entwicklung einer in sich geschlossenen Kultur gravitiert zu einem
Einheitsstaat hin. Zwar waren die Gründer der Weltreiche nicht besonders
sympathisch, human oder demokratisch - oft waren sie sogar größenwahnsinnige
Despoten, aber sie leiteten eine lange währende Epoche des Friedens und der
Prosperität ein. Dieselben Charaktereigenschaften, die es den Begründern der
Weltreiche ermöglichten, ihr Werk zustande zu bringen, gefährdeten es gleich
danach wieder. Die Rücksichtslosigkeit, mit der sie die Widerstände überwanden,
rief Gegenreaktionen hervor. Die unterworfenen Völker revoltierten bei der
nächsten Gelegenheit. Nach dem Tode Shi-Hung-Di's kam es zu Aufständen. Nach
dem Tod Kyros des Großen kam es zum Bürgerkrieg zwischen Smerdis und Darius.
Nach dem Tod Caesars kam es zum Bürgerkrieg zwischen Antonius und Oktavian.
Hier muß dann ein Mensch auf den Plan treten, der zwar meist ein weniger
begabter Feldherr, dafür aber ein schlauer und einfühlsamer, aber doch
energischer Politiker ist, der es versteht, Menschen zu behandeln. Er nimmt auf
Gefühle, Empfindlichkeiten und Traditionen Rücksicht und versöhnt die Feinde
des Reichsgründers. So handelten Koa-tsu in China, Augustus in Rom, Darius in
Persien und Seleukos nach dem Tod Alexanders.
Auf diese Weise wird das Reich konsolidiert.
Mit der so gewonnenen Kraft geht das Reich weiter auf Expansionskurs. Die
Armee, die sich in Bürgerkriegen zerfleischt hat, soll im Kampf gegen einen
gemeinsamen Feind wieder zusammengeschweisst und die Bedrohung durch die
Barbaren der Randgebiete zurückgedrängt werden. Es folgt die Phase des
Imperialismus. Hierin liegt aber die Gefahr, daß die Kräfte des Reiches
überspannt werden.
Früher oder später kommt eine Phase der
Saturiertheit und des Wohlergehens. Der Friede ist gesichert, der Wohlstand
wächst. Handel und Gewerbe florieren. Die Meere sind frei von Seeräubern, die
Straßen sind gut und sicher. Die Verwaltung und die Gerichte funktionieren.
Prächtige Bauten werden errichtet. Die Regierung erfreut sich allgemeiner
Beliebtheit.
Trotz dieser glänzenden Oberfläche ist aber
der Keim des Niedergangs schon gelegt. Die sozialen Gegensätze wachsen. Die
Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Wenn die Zentralgewalt
schwach ist, kommt Feudalismus auf. Wenn die Zentralgewalt stark ist, entsteht
Zentralismus und eine aufgeblähte, unbewegliche Bürokratie. Die wirtschaftliche
Basis wird immer schwächer. Die kriegerischen Fähigkeiten lassen nach, die
Truppenstärke sinkt. Schließlich fallen die Barbaren aus den Randgebieten ein
und übernehmen die Herrschaft.
Auch wenn das alte Weltreich untergegangen
ist, bleibt die lange Zeit des Friedens und des Wohlergehens in der Erinnerung
der Völker. Deshalb wird immer wieder versucht, es zu erneuern. Das Reich
Sargons wurde von Hammurabi, den Assyrern, den Babylonierern, den Persern, den
Griechen, den Neupersersern und dem Islam erneuert. Auch das chinesische und
japanische, das indische und das römische Reich wurden wieder erneuert.
Der Weltstaat als Nachfolger der
Weltreiche
Große Teile der Erde waren schon irgendwann
einmal Teil eines Weltreiches. Insofern ist die Schaffung eines Weltstaates
kein absolutes Novum. Es wäre nur die Erneuerung der vorangegangenen
Weltreiche. Der Weltstaat würde die Nachfolge des römischen, chinesischen,
islamischen, persischen Weltreiches antreten. Er wäre in der Kontinuität dieser
Universalstaaten, nur daß er das wäre, was die Vorgänger nie waren: Ein
wirklicher Weltstaat, der alle Menschen und die gesamte Erde umfaßt.
Damit würde es keine barbarischen und
unzivilisierten Randgebiete mehr geben, die für die vorangegangenen Weltreiche
eine ständige Bedrohung waren. Keine Hunnen, Mongolen oder Germanen würden ihn
bedrohen. Keine anderen, konkurrierenden Weltmächte würden ihn in kraftraubende
Kriege verwickeln.
Der zukünftige Weltstaat wird keine Despotie
oder Monarchie sein (höchstens eine konstitutionelle), sondern eine föderative
Republik. Keine Thronstreitigkeiten, keine dynastischen Streitigkeiten werden
ihn spalten. Eine Erbteilung wird nicht stattfinden. Keine unfähigen und
verbrecherischen Monarchen werden an seiner Spitze stehen. Es wird keine
abtrünnigen Provinzen und keinen Separatismus geben, den die Regionen werden
weitgehend autonom sein und sich selbst regieren.
Der zukünftige Weltstaat wird ein
demokratischer und sozialer Rechtsstaat sein. Er wird die Gegensätze zwischen
armen und reichen Bürgern, zwischen armen und reichen Regionen ausgleichen.
Streitigkeiten werden durch Gerichte, nicht durch Kriege entschieden werden.
All diese Faktoren werden zu seiner Stabilität
beitragen. Der Weltstaat wird die Beständigkeit aller vorangegangenen
Weltreiche übertreffen.
Von der Geographie und den
reichsgründenden Völkern
Die Geographie kann das Schicksal von Völkern
bestimmen. besonders gilt dieser Satz für die Bewohner von Weltgegenden, die
eine zentrale geographische Lage haben, also z.B. die Bewohner von Deutschland,
Polen, der Region um Moskau, Persien oder Zentralchina. Sie stehen im Laufe der
Geschichte früher oder später vor der Entscheidung, ob sie Kristallisationskeim
für eine große, alle angrenzenden Länder umfassende politische Einheit werden
sollen - oder der Zankapfel und das Schlachtfeld der umgebenden Länder. Oft
erlebten die Bewohner der Zentralregionen beides im Laufe ihrer Geschichte. Um
zu überleben, waren die zentral gelegenen Staaten gezwungen, mit friedlichen
Mitteln der Diplomatie oder mit den kriegerischen Mitteln der militärischen
Stärke sich und ihrer Umgebung eine feste und friedliche politische Ordnung zu
geben.
Das römische Reich
In dieser Situation befand sich das antike
Rom. Es liegt in der Mitte Italiens, und Italien liegt im Zentrum des
Mittelmeeres.
Der Aufstieg Roms vollzog sich nach dem schon
erwähnten "Schneeballeffekt". Sobald ein Gegner besiegt war, tauchte
ein größerer und mächtigerer auf, gegen den Rom bestehen mußte. Mit jedem
Gegner wuchs es an Erfahrung und Macht, und es verstand, aus seinen Niederlagen
zu lernen.
Die Römer dachten wohl lange Zeit nicht
daran, ein Weltreich zu gründen. Der erste, der von einem Weltreich träumte, war
Caesar. Er soll bei dem Gedanken, daß er schon älter als Alexander war (der mit
33 Jahren starb) und immer noch kein Weltreich gegründet hatte, in Tränen
ausgebrochen sein. Zu diesem Zeitpunkt hielt er sich nicht ganz zu Unrecht für
einen Frauenhelden und Nichtsnutz.
Nachdem Caesar diesem Mißstand abgeholfen
hatte, machte er sich daran, die Privilegien der römischen Patrizier abzubauen.
Diese betrachteten das römische Reich quasi als ihren Privatbesitz. Caesar gab
den Kommunen und Provinzen eine beschränkte Freiheit. Am Ende dieser
Entwicklung, etwa 200 n. Chr., war jeder Bürger einer beliebigen Stadt im
römischen Reich römischer Bürger. Das Weltbürgertum wurde zur Rechtstatsache.
Das römische Reich, so sagt Mommsen, hat den
Frieden und das Gedeihen der vielen in ihm vereinigten Nationen länger und
vollständiger gehegt als es irgend einer anderen Vormacht (in der europäischen
Geschichte) je gelungen ist. "Und wenn einmal ein Engel des Herren die
Bilanz aufmachen sollte, ob das von (dem römischen Kaiser) Severus Antoninus
beherrschte Gebiet damals oder heute mit größerem Verstande und mit größerer
Humanität regiert worden ist, ob Gesittung und Völkerglück seitdem vorwärts-
oder zurückgegangen sind, so ist es sehr zweifelhaft, ob der Spruch zugunsten
der Gegenwart ausfallen würde", schreibt Mommsen.
Ein anderer Historiker, Ferdinand
Gregorovius, schreibt: "Rom war im höchsten Grade geschickt, eine
Weltzivilisation auszubreiten, dem Weltgeist das Wort und die Form zu geben.
Die kosmopolitische Macht tritt mit Rom auf. Sie wird ein System, welches alles
in der Alten Welt bisher Entwickelte und Gestaltete in einer sozialen
Gesamtordnung zusammenfasst, die beschränkten Grenzen der Nationalität aufhebt
und die Völker als Glieder einer großen Staatsfamilie unter gleicher Regierung
vereinigt...Es ist mit einem Wort die Idee des "Imperium" oder des
Reiches, welche in Rom zur Weltform wird... Vergil hat das hohe Bewußtsein von
der weltbürgerlichen, monarchischen Mission der Römer in den unsterblichen
Versen ausgesprochen: 'Du, Römer, behalte stets im Gedächtnis...Dies wird deine
Kunst sein: Friede und Gesittung in die Welt zu bringen, die Unterworfenen zu
schonen und die überheblichen zu bekriegen'. Seit Augustus...stand der Glaube
fest, daß der Römerstaat der Weltstaat sei. Es gibt in der Geschichte kein
tragischeres Schauspiel, welches dem Fall und endlich der Vernichtung des
großen Rom gleichkäme".
Rom schenkte der antiken Welt zwischen
Schottland und Äthiopien, zwischen Kaukasus und Marokko einen
vierhundertjährigen Frieden. Es war eine Föderation mit weitgehender Autonomie
der Provinzen. Religiöse und nationale Traditionen wurden geschützt. Jedermann
konnte ungehindert seiner Religion nachgehen, vorausgesetzt er erfüllte die
Formalien des Kaiserkultes. Niemand wurde, wie im christlichen Mittelalter,
einer "peinlichen Befragung" unterzogen. Noch Trajan sagte über die
Christen: "Niemand soll ihnen nachspüren".
Es wurde das vorbildliche römische Recht
geschaffen, die Römerstraßen verbanden alle Teile des Reiches, Handel und
Wohlstand (leider nicht für alle) wurde gefördert, die Häfen wurden ausgebaut,
ein Postwesen geschaffen. Es entstand eine griechisch-römische Zivilisation,
eine "Weltkultur". Erst dadurch, daß die antike Welt eine kulturelle
und wirtschaftliche Einheit war, konnte Paulus seine Missionsreisen machen und
das Christentum seinen Siegeszug antreten.
Ein dunkler Fleck bleibt auf Rom und der
Antike haften: Ein Großteil der Bewohner des römischen Reiches waren Sklaven.
Ihnen sprach man die Persönlichkeit ab, sie waren Dinge, Instrumente,
sprachbegabte Haustiere.
Rom hat auch nie den Schritt zur
repräsentativen Demokratie geschafft. Die Demokratie war immer nur an die
einzelne Gemeinde gebunden. Die Zentralgewalt war immer eine diktatorische,
wenn auch in Einzelfallen, eine wohlwollende, moralisch hochstehende und
effiziente. Niemals war aber die Zentralgewalt durch ein Parlament gewählt oder
kontrolliert. Das war einer der Ursachen für die Instabilität und den
schließlichen Untergang des römischen Reiches. Andere Faktoren waren die
Sklaverei, die Vertreibung er Bauern von ihrem Land, der Großgrundbesitz, die
Leibeigenschaft und die Zwangswirtschaft.
Das geistige Reich der Juden
Anders als die Römer schafften es die Juden
nie eine Großmacht zu werden. Auch sie hatten das Schicksal, in einer
Zentralregion zu leben, in einem Land, in welchem sich drei Kontinente
begegnen.
Nach einem hoffnungsvollen Anfang unter Saul,
David und Salomon wurde ihr Staat in verschiedene Weltreiche einverleibt.
Viele Juden hofften, daß Jesus das Königreich
Davids wieder errichten und die Römer aus dem Land werfen würde. Das ist der
Grund für die Popularität und das Aufsehen, das Jesus begleitete. Er sage:
"Mein Reich ist nicht von dieser Welt". Aber die Führung der Juden
fürchtete, Jesus würde einen Aufstand der Juden provozieren, der blutig
niedergeschlagen würde. Deshalb musste Jesus Opfer eines Justizmordes werden.
Manche Quellen, vor allem islamische, behaupten, daß Jesus die Kreuzigung
überlebt hat und später aus Palästina nach Indien geflohen ist. Als Beweis
dafür führten deutsche Autoren (Holger Kersten u.a.) das Turiner Grabtuch an,
das daraufhin von der Kirche als Fälschung erklärt wurde.
Der Gedanke, daß es ein Weltreich Gottes
geben wird, dessen König Jesus Christus ist, hat sich tief in des christliche
Bewußtsein eingegraben und ist bis heute lebendig, vor allem bei den Zeugen
Jehovas. In der romanischen Kunst wird Christus immer wieder als
Weltenherrscher auf einem Thron dargestellt, mit weit ausgebreiteten, die Welt
segnenden und umfassenden Armen.
Im Jahr 68 n.Chr. kam es zu einem Aufstand
der Juden, bei dem der Tempel, er auch gleichzeitig der Aufbewahrungsort der
Wertgegenstände und Besitzurkunden der Juden war, verbrannt wurde. Die Juden
wurden umgebracht, versklavt oder in alle Teile des Reiches deportiert. Für die
Juden war das römische Reich das Reich des Bösen, von dem sie eines Tages der
wahre Messias erlösen würde.
Ähnliches glaubten und hofften die ersten
Christen, nur hielten sie Jesus von Nazareth für den wahren Messias, der eines
Tages zurückkehren und die Weltherrschaft antreten werde.
Nachdem aber Konstantin im Jahr 313 die
christliche Religion toleriert und Kaiser Theodosius 391 das Christentum sogar
zur Staatsreligion erhoben hatte und die Ketzer verfolgte, da passte die
Vorstellung, daß das römische Reich das Reich des Bösen sei, nicht mehr ins
Bild. Man sah jetzt umgekehrt in dem römischen Reich ein Bollwerk gegen die
Mächte der Finsternis, die mit dem Auftreten des Antichrist ihre Herrschaft,
wenn auch nur vorübergehend, antreten würden. Solange aber das römische Reich
weiterbestand, würde die große Apokalypse auf sich warten lassen. Wenn auch das
weströmische Reich unterging (während das oströmische noch 1000 Jahre
weiterbestand), so trat doch die römisch-katholische Kirche das Erbe des
römischen Weltreiches an und beanspruchte im Reich des Geistes die universale
Herrschaft.
Wegbereiter dieser Vorstellung war der
Kirchenvater Augustinus in seinem monumentalen Alterswerk "De civitate
dei" ("Vom Gotteststaat"), an dem er von 413 bis 426 schrieb.
Nachdem die Wiederkehr Christi und seine Weltherrschaft viele Jahrzehnte lang
hatte auf sich warten lassen, war die Enttäuschung groß. Deshalb behauptete
Augustinus, das Reich sei schon längst gekommen: die Kirche Jesu Christi. Damit
war dem zermürbenden und fruchtlosen Warten ein Ende gesetzt. Nicht in einer
fernen Zukunft war das Reich Gottes zu erwarten, sondern hier und heute war es
gegenwärtig.
Im Jahre 410 wurde Rom drei Tage lang von den
Westgoten geplündert. 429 eroberten die Wandalen weite Gebiete Nordafrikas.
Damit war offenbar, daß das römische Reich seinem Ende entgegenging. Wer sollte
jetzt den Menschen Ordnung, Sicherheit und Frieden bringen? Die Kirche war aus
ihrem Selbstverständnis heraus keine weltliche Macht, sie reklamierte ein
geistiges Imperium für sich, auf das es nach ihrer Ansicht wirklich ankam.
Die Gleichsetzung der Kirche mit dem Reich
Gottes bedeutete für sie eine ungeheure Aufwertung. Als Augustinus im Jahr 430
als Bischof der von den Wandalen belagerten Stadt Hippo (Bone) starb, hatte er
durch sein Werk den geistigen Weltherrschaftsanspruch der Kirche begründet.
Außerhalb der Kirche gab es keine Erlösung und kein Heil. Die Kirche wurde zur
höchsten und unumstrittenen Autorität - zumindest dem Anspruch nach. Aber noch
war dieser Anspruch nicht Wirklichkeit. Kaiser Konstantin hatte die Kirche noch
gnädig toleriert, weil ihm das opportun erschien, und Theodosius war
selbstverständlich die höchste Autorität im römischen Reich, auch in
Glaubensfragen. Erst durch den Zerfall des weströmischen Reiches entstand ein
Machtvakuum, in dem sich die Macht der Kirche entfalten konnte. Sie war jetzt
diejenige, die (neben den oströmischen Kaisern), am Gedanken des
Universalstaates festhielt.
Augustinus stand vor dem Problem, zu
begründen, warum die Kirche, die doch angeblich das Reich Gottes war, nicht
über die Menschen herrschte, sondern daß andere die Macht hatten und die
Herrschaft der Kirche verhinderten. Das römische Reich zerfiel in Chaos und
Bürgerkriegen. Oft siegten die germanischen oder persischen Heiden über die
Christen, ohne daß dies die Kirche als angebliche Weltherrin verhindern konnte.
Um diese Widersprüche aufzulösen, entwickelte
Augustinus die Lehre von den beiden Staaten, dem irdischen und dem himmlischen
Staat. Es gibt zwei Staaten, sagt Augustinus, den der Bösen und den der
Heiligen. Seit dem Anfang der Menschheit bestehen diese beiden Staaten auf der
Erde nebeneinander und sind miteinander vermischt, auch in der Kirche selbst.
Erst am Tag des Jüngsten Gerichts werden sie voneinanderer getrennt.
Der Gottesstaat ist für Augustinus nur auf
einer Pilgerfahrt, will also nicht bei irdischer Machtausübung verweilen. Der
irdische Friede, den das irdische Imperium bietet, ist zwar recht nützlich,
aber für Augustinus nicht viel wert und zu teuer erkauft. Deswegen braucht sich
sein Gottesstaat auch nicht sonderlich um den irdischen Frieden zu bemühen. Für
einen wahren Christen zählt der himmlische Friede, der die Seelen im Himmel
vereint.
Was heißt das aber konkret? Der Christ soll
sich zuerst um sein Seelenheil kümmern, damit er in den Himmel kommt. Beliebt
ist auch der Satz bei religiös orientierten Menschen aller Religionen:
"Zuerst müssen wir den Frieden in uns selbst suchen, dann wird es eine
friedliche Welt geben". Das klingt gut, aber es hat zur Konsequenz, daß
sich jeder nur um sich selbst kümmert. Auf das Problem der Armut übersetzt
würde dieser Satz lauten: "Es muß jeder nur dafür sorgen, daß es ihm gut
geht, dann wird es eine reiche Welt geben".
Der Gottesstaat des Islam
Auf seine Weise verwirklichte Mohammed etwa
200 Jahre später den Gottesstaat des Augustinus. Man kann aus dem Koran
deutlich ablesen, daß er stark beeinflußt von der jüdischen und christlichen
Religion ist. Der Revolutionär Mohammed war Prophet, Papst und Staatschef in
Personalunion, seine Nachfolger ebenfalls, abgesehen von dem Prophetenrang.
Der Gottesstaat, das waren die Gläubigen. Der
irdische Staat, das waren die Ungläubigen. Für den radikalen Islam besteht bis
heute noch ein erbitterter Kampf zwischen Gottesstaat und irdischem Staat. Der
radikale Islam wollte und will nicht nur die einzige Religion, sondern auch der
einzige Staat sein. Folgerichtig gibt es für den radikalen Moslem nur eine
Nation, die aller Moslems. Der radikale Islam kreuzte quasi den
Gottesstaatgedanken mit dem Weltstaatgeanken. Damit tat er aber weder der
Religion noch dem Weltstaatgedanken einen Gefallen, sondern hat beiden
geschadet.
Byzanz
Im Jahr 476 endete mit er Absetzung von
Romulus Augstulus das weströmische Reich. Die letzte Amtshandlung des römischen
Senats bestand darin, die Reichsinsignien nach Byzanz zu schicken und dem
oströmsichen Kaiser mitzuteilen, daß es jetzt nur noch einen römischen Kaiser
gäbe: den von Ostrom. Damit hörte formaljuristisch die von Diokletian im Jahre
293 verfügte Reichsteilung auf. Theoderich der Große erkannte dies an, indem er
auf seine Goldmünzen fast nur das Portrait des oströmischen Kaisers prägen
ließ. Er selbst trat nur als Verwalter des römischen Reiches auf. Als solcher
durfte er keine Gesetze erlassen, sondern er regierte mit "Edikten",
also Verordnungen.
Da das römische Reich nicht mehr vorhanden
war, das den Frieden der Völker untereinander garantierte, versuchte Theoderich
eine Art germanischen Völkerbundes zusammenzubringen.
Der oströmische Kaiser Justinian versuchte
das alte römische Weltreich in seiner ursprünglichen Größe wieder neu erstehen
zu lassen, also seinen formaljuristischen Anspruch in die Tat umzusetzen. Er
nahm eroberte Italien, Nordafrika und Teile Spaniens. Mit dieser Restauration
des römischen Reiches glaubte Justinian eine ihm von Gott gestellte Aufgabe zu
erfüllen. Gottes Wille sei es, so glaubte er, daß das römische Reich als
Ordnungs- und Friedensmacht weiterbestehe.
Justinian war von rastlosem Fleiß und war
glücklich, wenn er arbeitete. Er litt an Schlaflosigkeit und ging nachts
grübelnd durch die Säle seines Palastes. Tagelang fastete er. Seiner Umgebung
war er unheimlich. Als Herrscher kümmerte er sich um die kleinsten Details.
Dadurch machte er sich bei seinen Untergebenen unbeliebt, zumal er von ihnen
den gleichen Arbeitseinsatz erwartete, den er selbst erbrachte.
Der Zentralismus des oströmischen Reiches
konnte nur so lange funktionieren, solange ein unermüdlicher Justinian an den
Schalthebeln der Macht saß. Schon zu seinen Lebenszeiten traten große
Schwierigkeiten auf. Durch seine Kriege ruinierte er die Staatsfinanzen und war
gezwungen, das Volk auszupressen. Es kam zu Aufständen, die er mühsam
niederschlagen mußte. Im Osten gingen weite Gebiete an die sassanidischen
Perser verloren.
Das Heilige Römische Reich der Deutschen
Karl der Große
Als Karl dem Großen im Jahr 773 das
Langobardenreich und damit ein großer Teil Italiens zufiel, versuchte er
Frankentum und Römertum zu verschmelzen. Ihm war klar, daß die logistischen
Probleme zu groß waren, um Italien auf die Dauer militärisch behaupten zu
können. Er schuf also in Italien eine gleichberechtigte Führungsschicht von
Franken, Langobarden und Italienern.
Der "Gottesstaat" des Augustinus
wurde zum Lieblingsbuch Karls des Großen. Beim Mittagessen ließ er sich von
seinem Ratgeber in religiösen Fragen, Alkuin, oft daraus vorlesen. Der
Gottesstaat war universell. Er war weder an ein bestimmtes Volk noch an ein
bestimmtes Land gebunden. Karl sah in der Gottesstaatidee die Möglichkeit,
zwischen den Bürgern seines Reiches ein einigendes Band herzustellen. Aber er
wollte noch einen Schritt über den Gottesstaat hinausgehen. Warum sollte man
darauf warten, bis alle Menschen gute Christen geworden waren und ein Reich der
Nächstenliebe errichtet worden war? War es da nicht naheliegend, das Reich
Gottes hier und heute Wirklichkeit werden zu lassen? Gott hatte ihn trotz
vieler Schwierigkeiten so hoch steigen lassen, daß er nun Herr über die
Christenheit war. Lag darin nicht eine göttliche Vorsehung? Vielleicht war er
dazu ausersehen, das Reich Gottes Realität werden zu lassen. Und wenn das so
war, waren dann nicht die Franken das auserwählte Volk Gottes?
Da war es nur ein kleiner Schritt zu dem
Gedanken, daß die Franken das römische Kaiserreich erneuern sollten. Zu den
Bischöfen von Rom hatte schon der Vater Karls, Pippin, gute Beziehungen gehabt.
Sie hatten ihn zum König gesalbt, obwohl er ein Usurpator war. Als
Gegenleistung schenkte Pippin der Kirche Gebiete um Rom, die Keimzelle des
späteren Kirchenstaates.
Zur Weihnachtsmesse des Jahres 800 weilte
Karl der Große in Rom. Papst Leo III. setzte dem Frankenkönig, der wohl so
überrascht nicht gewesen sein mag, die Krone auf und die in der Kirche
anwesenden Römer riefen: "Karl, dem Augustus, dem von Gott gekrönten
großen und friedensbringenden Kaiser der Römer, Leben und Sieg!"
Damit war die Partnerschaft zwischen den
deutschen Königen und den römischen Bischöfen besiegelt.
Zu dieser Partnerschaft trug sicher auch bei,
daß das islamische Weltreich von Spanien bis Indien reichte und das Abendland
bedrohte. Die Awaren, ein mongolischer Volksstamm, hatten in Ungarn ein Reich
errichtet und Raubzüge bis nach Süddeutschland unternommen. Einigkeit war
angesagt. Es schien sinnvoll, diesen Bedrohungen ein geeintes christliches
Reich entgegenzusetzen. Deshalb bestanden auch Pläne, daß Karl der Große die
byzantinische Kaiserin Irene heiraten solle. Aber mit einem gesunden
Realitätssinn sah es Karl wohl weder als wünschenswert noch als machbar an, das
abendländische und das byzantinische Reich zu vereinen.
Aber selbst im Westen entstand aus Karls
Reich nicht der große christliche Einheitsstaat. Anders als das Reich der Römer
war des Frankenreich nicht in vielen Jahrhunderten gewachsen. Es hatte keine
dem römischen Reich vergleichbare Verwaltungsstruktur. Es gab keine
Geldwirtschaft, deshalb konnten keine Berufsbeamten und keine Berufssoldaten
bezahlt werden. Der König bezahlte seine Getreuen mit Land (einschließlich der
es bewohnenden Bauern), das er ihnen zu Nutzung überließ. Das Reich der Franken
stand und fiel mit dem König und seinen Getreuen.
Das Reich Karls wurde von seinen Enkeln in
drei Teile geteilt. Damit war die europäische Einheit zerbrochen und der Keim
zur deutsch-französischen Erbfeindschaft gelegt. Erst in unserem Jahrhundert
versuchte man mühsam diesen uralten Riß zu kitten. Ob es gelingt, ist noch
nicht sicher.
Das fränkische Reich hatte auch, wie alle
Imperien, den Geburtsfehler, daß es auf Eroberung beruhte. In Frankreich hatten
die fränkischen Adligen wohl die römische-keltische Oberschicht enteignet oder
sich mit ihr arrangiert, so wie das nach Caesar wohl schon die römische
Oberschicht mit der keltischen getan hatte. Das fränkische Reich war also auf
Raub und Unterdrückung gegründet. Daraus konnte auf Dauer kein Friede
erwachsen. Es war auch klar, daß die Reichsteile auseinander streben mußten,
weil selbst die fränkischen Adligen, geschweige denn die gallische oder
römische Oberschicht keine starke Autorität über sich dulden wollten.
Die Schwäche des deutschen Kaisertums führte
dazu, daß Deutschland in souveräne, sich ständig bekriegende Fürstentümer
zerfiel.
Otto der Große und Theophanou
Karls Universalreich war kein langer Bestand
beschieden. Otto der Große schaffte es, aus dem Trümmern wieder ein
europäisches Reich zusammenzufügen. Im Jahr 962 wurde er in Rom zum Kaiser
gekrönt. Die Kaiserkrone hatte er schon im Jahr 955 nach seinem Sieg über die
Ungarn (Schlacht auf dem Lechfeld) in Auftrag gegeben. Die Krone, die das
himmlische Jerusalem symbolisieren soll, ist heute in der Wiener Hofburg zu
sehen. Das "Heilige Römische Reich" war das Abbild des himmlischen
Gottesreiches, und daraus leitete sich sein Anspruch auf weltweite Geltung ab.
Aber selbst für Otto waren die wahren
Nachfolger der römischen Caesaren die Kaiser von Byzanz. Diese Stadt hatte über
200 000 Einwohner und war ein Zentrum der Gelehrsamkeit. Deutschland dagegen
war finstere Provinz. Für die Byzantiner war Otto der Große ein Barbarenfürst,
der sich den Kaisertitel frech anmaßte. Um diesem Mangel abzuhelfen, schlugen
die Deutschen dem Kaiser von Byzanz vor, daß Ottos Sohn die Tochter des
oströmischen Kaisers heiraten solle. Dann würden Ottos Enkel vielleicht ein
byzantinisch-germanisches Weltreich erben. Der byzantinische Kaiser, der sich
selbst nur durch einen Kaisermord unrechtmäßig an die Macht geputscht hatte,
ging scheinbar auf dieses Angebot ein. So traf die bildhübsche fünfzehnjährige
byzantinische Prinzessin Theophanou am Hofe Ottos ein. Allerdings stellte es
sich heraus, daß sie keine erbberechtigte Kaisertochter, sondern nur eine
Nichte war. Aber das brauchte in Deutschland niemand zu wissen, und so war die
Heirat zumindest ein Prestige-Erfolg.
Otto III. , das "Weltwunder"
Der Sohn Theophanou's und Enkel Otto's des
Großen, wurde im Jahr 996 als 16-jähriger in Rom als Kaiser Otto III. gekrönt.
Die verfallene Pracht und Größe der einstigen Hauptstadt des Erdenkreises, in
deren Ruinen nun die Schafherden weideten, muß einen tiefen Eindruck auf Otto
III. hinterlassen haben. Seine Mutter Theophanou und sein Lehrer Gebert von
Aurillac bestärkten den Jugendlichen in dem Plan, Rom wieder zum Zentrum eines
glanzvollen Weltreiches zu machen.
Mit Otto's Hilfe wurde Gebert 999 zum Papst
Silvester II. Der in der Auvergne geborene Benediktiner-Mönch war mit der
arabischen Wissenschaft, die damals führend auf der Welt war, wohlvertraut. Er
soll sogar der Legende nach eine Reise nach Indien unternommen haben. Er war
der beste abendländische Mathematiker und führte eine Frühform der arabischen
Ziffern ein. Er erfand eine mechanische Uhr und eine Dampforgel. Der Legende
nach soll er einen Bronzekopf besessen haben, der auf Fragen über die Politik
mit Ja und Nein antwortete. Es wird behauptet, Silvester sei Mitglied der
indischen, von Kaiser Ashoka gegründeten Geheimgesellschaft der "Neun
Unbekannten" gewesen und hätte von dort sein Wissen bezogen. Diese
"Neun Unbekannten" seien im Besitz eines geheimen
naturwissenschaftlichen Wissens und würden die Geschicke der Welt aus dem
Verborgenen heraus lenken, also eine Art geheime Weltregierung bilden. Nach dem
Tod Silvesters II. sei der "magische Kopf" zerstört worden und die
durch ihn vermittelten Geheimnisse vor der Öffentlichkeit geheim gehalten
worden.
Otto's Pläne, das Zentrum der Macht nach Rom
zu verlegen, stieß bei den Deutschen auf wenig Gegenliebe. Auch die lokalen
Machthaber in Rom hielten nichts davon, denn dann hätten nicht mehr sie,
sondern der deutsche Kaiser Rom beherrscht. Deshalb gründete sie eine "römische
Republik". Der 16-jährige Otto, genannt "das Weltwunder", schlug
den Aufstand nieder und setze seinen Hofkaplan als Gregor V. als Papst ein.
Dieser krönte Otto als Gegenleistung zum Kaiser.
Inzwischen rückte das Jahr 1000 näher.
Augustinus hatte gelehrt, daß mit der Geburt Christi das 1000-jährige Reich
begonnen hätte. Jetzt stand also die Wiederkunft des Antichrist bevor. Deshalb
erfasste im Jahr 999 viele Christen Todesangst. Sie ließen ihre Äcker unbesäht
und ihre Häuser verfallen. Viele pilgerten nach Rom und spendeten große Beträge
an die Armen. Man kann vermuten, daß Otto und Silvester II. ebenfalls
erwarteten, daß das Weltreich Christi Wirklichkeit werden würde.
Aber wie sah die Wirklichkeit aus? Kaum war Otto
nach Deutschland zurückgekehrt, da wurde Gregor V. abgesetzt und die
Adelsrepublik in Rom wiedereingeführt. Otto mußt zweimal nach Rom ziehen, um
seine Herrschaft wiederherzustellen. Beim zweitenmal mußt er aus Rom fliehen
und das deutsche Heer verweigerte ihm die Gefolgschaft. Bald darauf starb Otto
in Italien.
Die Päpste als "Weltherrscher"
Ebenso utopisch wie dieser Versuch, von Rom
aus die Welt zu regieren, war der Anlauf, den Papst Gregor VII. (Papst von
1073-1085) nahm. In seinen Kanzleigrundsätzen ("dictatus papae")
schrieb er 1075: "Allein des Papstes Füße haben alle Fürsten zu
küssen". Aber die Realität war wiederum anders. Gregor VII. starb im Exil
in Süditalien, nachdem er im Machtkampf mit dem deutschen Kaiser Heinrich IV.
unterlegen war.
Aber er hinterließ seinen Nachfolgern die
Idee des Kreuzzugsgedanken, einen Aufruf zum christlichen Imperialismus, der
aber in letzter Konsequenz den Horizont des Abendlandes so weitete, daß es sich
von den Fesseln der päpstlichen Dogmen befreite und die moderne Wissenschaft
schuf.
Die Erneuerung des Römerreiches: Ein
Wunschtraum des Dante Alighieri
Der Anspruch sowohl der deutschen Kaiser wie
der römischen Päpste, Erben des römischen Weltreiches zu sein, erwies sich als
substanzlose Fiktion.
Trotzdem gab es viele Menschen, die der Pax
Romana nachtrauerten, denn der bestehende Zustand, die Willkür und die Kriege
der Territorialfürsten, war nur schwer zu ertragen. Einer von ihnen war Dante
Alighieri.
Dante war selbst als Ratsherr von Florenz
Opfer der chaotischen und gewalttätigen Politik der italienischen Städte
geworden. Er sah, daß die Anarchie unter den italienischen Stadtstaaten ein
großes Unglück war. Als der Heinrich VII. die Italienpolitik wiederaufnehmen
wollte, verkündete Dante sein Kommen als den "Beginn des goldenen
Zeitalters" und widmete ihm zum Einzug seine Schrift "Von der
Monarchie". Aber Heinrich VII. starb, nachdem er in Rom zum Kaiser gekrönt
worden war, auf dem Heimreise in Siena.
Den Frieden, so schrieb Dante in seiner
Schrift, kann nur eine über den Staaten stehende Gewalt sichern. Die Anarchie
der Nationalstaten ist vernunftwidrig. Zum Heile der Welt ist der Weltstaat
erforderlich. Er würde eine stabile Ordnung und eine einheitliche
Rechtsprechung aufrechterhalten.
Der Pazifist und Staatsrechtler Walter
Schücking schreibt: "Einem Januskopfe gleich schaut Dante gleichzeitig
nach rückwärts und vorwärts. Er wurzelt mit tausend Fasern im Mittelalter und
ragt gleichzeitig hinein in eine ferne Zukunft". Unbestreitbar recht hatte
der Dichter der "Göttlichen Komödie" mit seinem Ausspruch: "Oh
Menschheit! Von wieviel Stürmen und Verlusten, von wieviel Schiffbrüchen mußt
du heimgesucht werden, da du ein vielköpfiges Ungeheuer geworden bist und dein
Trachten auseinander geht".
Joachim von Fiore und das Gottesreich
Joachim von Fiore wurde etwa 1130 bei Cosenza
im süditalienischen Kalabrien geboren. Er gründete im einsamen Silagebirge in
einem Pinienwald, der den Namen "Fiore" trug, seine eigene Abtei und
seinen eigenen Mönchsorden.
Er teilte die Weltgeschichte in drei
Zeitalter ein. Das dritte Zeitalter, das des Heiligen Geistes, wäre nicht mehr
weit. In diesem Zeitalter würde der Heilige Geist das Denken und Tun der
Menschen beherrschen und es würde überall Frieden und Harmonie herrschen.
Dieses dritte Zeitalter nannte Fiore auch
"Das dritte Reich", in welchem die Heiligen regieren würden.
Cola di Rienzi
Schon als junger Mann war er durch die Ruinen
des Forum Romanum gewandert und hatte die Inschriften entziffert. Da muß er
wohl den Gedanken an die Wiederrichtung der römischen Republik gefasst haben.
Cola di Rienzi wagte 1347 in Rom einen
Staatsstreich, rief die Wiederaufrichtung der römischen Republik aus und ließ
sich von einer Volksversammlung zum Diktator wählen.
Er nahm den Titel "Volkstribun" an,
verjagte den Adel und senkte die Lebensmittelpreise.
Er wollte ein italienisches Nationalparlament
und einen italienischen Bundesstaat gründen. Es kam auch tatsächlich eine, wenn
auch unvollständige, italienische Delegiertenversammlung zustande, der Rienzo
die Frage vorlegte, ob seine römische Republik die Rechtsnachfolgerin der
antiken römischen Republik sei. Wenn dies zutraf, dann hatte das Rom Rienzi's
die gleichen Hoheitsrechte wie die alte römische Republik, also die Herrschaft
über Italien. Die Antwort der Delegiertenversammlung war positiv.
Caesar hatte rechtswidrig die römische
Republik abgeschafft. Jetzt hatte sie Rienzi wieder eingesetzt. Damit war die
Legitimation des Deutschen Kaisers natürlich hinfällig. Denn wenn Caesar nicht
legitimer Herrscher des römischen Weltreiches gewesen war, dann hatten auch
alle seine Nachfolger, einschließlich der deutschen und der öströmischen
Kaiser, keine Legitimation. Auch die weltliche Macht der Kirche bestand dann zu
Unrecht. Formaljuristisch hatte Rienzi wohl recht, aber er hatte die ganze Welt
gegen sich: Den Kaiser, den Papst und die mächtigen italienischen Stadtstaaten.
Der Papst erklärte Rienzi zum Verbrecher und Ketzer.
Am 1. August 1347 wurde ein Dekret verlesen,
in welchem es hieß, daß Rom das Haupt des Erdenkreises sei, und alle
Privilegien und Herrschaftsansprüche über die Welt zurückfordere. Die römischen
Rechte seien von Unberechtigten an Unberechtigte vergeben worden. Der Deutsche
Kaiser und sein Gegenkaiser, Karl von Böhmen, und die deutschen Kurfürsten wurden
nach Rom vorgeladen.
Das Ganze war natürlich eine ungeheure
Anmaßung, der jeder Bezug zur Realität fehlte. Rienzo verfügte über ein paar
hundert Reiter und ein paar tausend Fußsoldaten. Er verwechselte die große
Geste und die große Schau mit der Wirklichkeit.
In diesen Augustwochen machte sich bei Rienzo
allmählich der Größenwahn bemerkbar. Er ließ sich sechsmal krönen und sah sich
als Kaiser Augustus und Kaiser Konstantin. Wie diese beanspruchte er auch, als
Gott verehrt zu werden.
Als am 11. Okt. 1347 Ludwig der Bayer auf
einem Jagdausflug einem Schlaganfall erlag, war es für Rienzo klar, daß er am
Pfingsttag 1348 zum Kaiser gewählt werden müsse. Er erließ ein Rundschreiben an
die italienischen Städte, daß kein Ausländer (auch nicht der Papst, der ein
Franzose war), an der Wahl des obersten Herren der Welt teilnehmen solle.
Aber am 15. Dezember wurde Rienzi zur
Abdankung gezwungen und mußte nach Ungarn fliehen. Später nahm ihn Kaiser Karl
IV. in Prag in Schutzhaft. Nach seiner Freilassung ging er zum Papst nach
Avignon, wo er eingekerkert wurde. 1353 ernannte ihn ein neuer Papst zu seinem
Statthalter in Rom, wo er von der Volksmenge getötet wurde.
Pierre Dubois Plan Pläne für den ein
Europäisches Reich der Franzosen
1291 ging der siebte und letzte Kreuzzug zu
Ende. Die letzten Besitzungen im Heiligen Land wurden von den Christen geräumt.
Eine der Gründe für das Fehlschlagen der Kreuzzüge war die Uneinigkeit der
Christenheit.
Ausgehend von dieser Überlegung verfasste
Pierre Dubois, der Kronanwalt französischen Königs Philips des Schönen, die
Schrift "Über die Wiedergewinnung des Heiligen Landes". Dubois ging
es in seinem Plan nur vordergründig um die Wiedereroberung von Palästina. In
Wirklichkeit wollte er, daß die Führung der Christenheit dem französischen
König zufallen sollte. Aber es ging ihm auch um die Schaffung einer dauerhaften
Friedensordnung in Europa.
Dubois forderte eine christliche Föderation,
die von einem "Konzil" genannten Parlament gelenkt wird. Diese
europäische Delegiertenversammlung sollte Gesetze ausarbeiten. Ein
übernationales Schiedsgericht sollte geschaffen werden. Dubois nahm also schon
vor fast 700 Jahren das Europäische Parlament, den Haager Gerichtshof und den
Völkerbund vorweg.
Der von Dubois vorgeschlagene Völkerbund stellte
ein auf ganz Europa ausgeweitetes Heiliges Römisches Reich auf föderativer
Basis dar.
Georg von Piediebrads Plan einer Europäischen Föderation
Nach dem Chaos der Hussitenkriege und des
Taboritensturms erlangte ein bömischer Edelmann ohne Vermögen, Georg von
Podiebrad, 1451 die Macht in ganz Böhmen und schenkte dem Land Frieden und
Ordnung. Er wurde 1458 zum böhmischen König gekrönt.
Im Jahr 1462 legte Podiebrad den Plan einer
Föderation aller europäischen Staaten vor. Die Gelegenheit für einen solchen
Plan schien günstig, weil die Türken im Jahr 1453 Konstantinopel erobert hatten
und auf dem Balkan vordrangen.
Wie schon der Plan von Dubois war Podiebrads
Vorschlag nicht aus uneigennützigem Idealismus entstanden. Er war nicht nur
gegen die Türken, sondern auch gegen Kaiser und Papst gerichtet. In dem ganzen
Plan spielten nämlich die Universalmächte Kaiser und Papst keine Rolle. Ihre
Führungsrolle in Europa hätte der französische König übernehmen sollen. Aber
auch dieser lehnte den Plan ab.
Der Papst erklärte 1466 Podiebrad zum Ketzer,
entband Untertanen vom Treueeid und rief die Christenheit zu seiner Beseitigung
auf. Der ungarische König folgte dieser Aufforderung, marschierte in Böhmen ein
und ließ sich zum böhmischen König krönen. Podiebrad starb 1471.
Welches außerwählte Volk soll die
römnische Weltherrschaft erben ?
Mit der Eroberung Konstaninopels durch die
Türken war das römische Reich zu Ende. Viele Menschen fürchteten, daß Jesus
wiederkommen und die satanischen Mächte besiegen würde. Aber Jesus blieb aus,
und ebenso die große Katastrophe des Endkampfes zwischen Gut und Böse. Daraus
konnte nur folgen, daß das römische Reich auf einen Nachfolgestaat übergegangen
war. Aber welcher Staat konnte das sein? Für die Türken war der Fall klar: Das
osmanische Reich. Der Sultan nannte sich "Qasr i Rum" (Kaiser von
Rom). Folgerichtig weigerten sich die Türken, den deutschen Kaiser Rudolf II.
(1552-1612) als "Römischen Kaiser" zu titulieren und nannten ihn nur
"König von Wien".
Auch für die Großfürsten von Moskau gab es
keinen Zweifel, wer das römische Reich fortführte: Die Moskowiter. 1510 legte
der ehemalige Patriarch von Kiew, Spiridon Sawwa, dem Moskauer Großfürsten
Wassilij in einem Brief dar, daß sich sein Stammbaum von den byzantinsichen
Kaisern herleite. Deren Stammbaum reiche wiederum über Augustus bis auf den
ägyptischen Pharao Sesotris zurück. 1547 nahm Iwan der Schrecklich als erster
Großfürst den Titel "Zar" (also: "Caesar") an.
Damit war der Zar der Statthalter Gottes auf
Erden und die Russen das auserwählte Volk Gottes. Noch Dostojewski erklärte,
das russische Volk sei dazu berufen, alle andern Völker ins sich aufzunehmen.
Die russische Idee sei letztendlich die Idee der "universalen
allmenschlichen Vereinigung".
Als die Bolschwisten die Macht der Zaren
übernommen hatten, behielten sie den Gedanken der Auserwähltheit bei. Jetzt war
es das Proletariat, das dazu berufen war, alle Welt vom Kapitalismus zu
befreien und weltweit das Paradies der Werktätigen zu errichten. Für Stalin war
dann nicht das Proletariat an sich, wie das Marx und Engels geglaubt hatten,
sondern das russische Proletariat zur Weltherrschaft berufen.
Aber es gab noch ein anderes auserwähltes
Volk: Die im Puritanismus verwurzelten Amerikaner, die "Gottes eigenes
Land" bewohnen. Nach ihrem Selbstverständnis war und ist es die Mission
der USA, der Welt den Fortschritt, die Demokratie und die Menschenrechte zu
bringen.
Der Gedanke des Weltstaates ist bis auf die
heutige Zeit eng verknüpft mit dem Gedanken der Weltherrschaft, zu der ein auserwähltes
Volk berufen sei. Gerade im 20.-ten Jahrhundert hat der Anspruch, das zur
Weltherrschaft auserwählte Volk zu sein, zwei gewaltige Kriege hervorgerufen.
Das wilhelminische Deutschland meldete seinen Weltmachtanspruch an und rief
damit die Reaktion der Engländer, Franzosen, Russen und Amerikaner hervor. Für
Hitler war die germanische Rasse zur Weltherrschaft berufen, und da es nur ein
auserwähltes Volk geben konnte, mußten die Juden ausgerottet werden. Die
Japaner versuchten die Herrschaft über China und Ostasien zu erringen. Wäre sie
damit erfolgreich gewesen, wäre es zum großen Showdown zwischen der weißen und
der gelben Rasse gekommen, der uns vielleicht noch bevorsteht, wenn sich
japanische Technologie mit chinesischen Millionenheeren verbindet.
Die kommunistische Weltrevolution versuchte
nach dem Zweiten Weltkrieg sich in Afrika und Lateinamerika auszubreiten. Nach
dem Zusammenbruch der Sowjetunion scheint der sowjetische-russiche
Weltherrschaftsanspruch vorübergehend außer Gefecht gesetzt zu sein. Aber
Russland hat in seiner Geschichte schon viele Tiefpunkte erlebt und sich immer
wieder neu erholt.
Der islamische Weltherrschaftsgedanke hat
sich in Persien festgesetzt, wo er auf dem alten Nährboden des persischen
Reichs wurzelt.
Das Gesetz des Überlebens in einer Welt von
Feinden und Konkurrenten ist es, das die Völker dazu antreibt, ihren
Herrschaftsbereich über die ganze Welt auszudehnen und alle Konkurrenten
auszuschalten. Solange der anderen ein Feind und Konkurrent ist, ist dieses
Gesetz wirksam, und wer es mißachtet, wird zum Opfer seiner starken Nachbarn.
Aber hat dieses Gesetz heute noch Gültigkeit, wenn die gesamte Menschheit doch
in einem Boot sitzt und gemeinsame Interessen hat ?
Kein Volk ist auserwählt, über die anderen
Völker zu herrschen. Es gibt kein auserwähltes Volk. Ebenso ist keine Religion
die einzig wahre und richtige; folglich darf sich kein Mensch im Namen seiner
Religion als Herr und Richter über andere aufspielen.
Auserwählt ist nur die gesamte Menschheit,
gemeinsam über den Planeten zu herrschen.
Weitere Friedenspläne: Emeric Cruce
Den ersten Friedensplan, der nicht nur den
Frieden in Europa, sondern in der ganzen Welt zum Ziel hatte, verfasste der
französische Mönch Emeric Cruce (ca. 1590-1648). Er war Mathematiklehrer an einem
Pariser Kollegium. Deutsche Gelehrte haben ihn verächtlich den "kleinen
Schulmeister" genannt. Das kleine Buch, das er 1623 veröffentlichen ließ,
heißt "Der Neue Kineas". Kineas ist der Name des Vertrauen von König
Pyrrhus, jenes Königs, der durch seine sinnlosen "Phyrrhussiege"
sprichwörtlich geworden ist.
Cruce schlug vor, in Venedig eine ständige
Botschafterversammlung aller Länder einzuberufen, welche die Streitigkeiten der
Herrscher auf friedlichem Wege und durch Schiedsspruch beilegen solle. Damit
formulierte er die Idee der UNO in New York.
Der Plan des Herzogs von Sully
Einen ähnlichen Plan wie Dubois legte der
Herzog von Sully (1560-1641) in seinen Memoiren vor. Er behauptete, der Plan
gehe auf den französischen König Henry IV. zurück, dessen Kanzler und bester
Freund er war. Das eigentliche Lebensziel des Begründers der Bourbonen-Dynastie
und des Liebhabers von 56 Mätressen sei es gewesen, den universellen Frieden
herbeizuführen. In seinen Plan hätte er nur den Herzog von Sully eingeweiht. Durch
diplomatische Verhandlungen, mit Geld und durch Rüstung habe er sein Vorhaben
vorbereitet und sei 1610 nahe an dem Ziel gewesen, als er von einem fanatischen
Schulmeister erstochen wurde.
In Wirklichkeit hat Sully selbst den Plan
verfasst. Er sah die Schaffung von 15 etwa gleich großen europäischen Staaten
vor, die in einem ständigen Fürstenkongress vertreten sein sollten.
Wie bei Dubois sollte der habsburgische
Kaiser entmachtet und das Heilige Römische Reich der Deutschen durch einen
europäischen Fürstenbund unter Vorsitz des französischen Königs ersetzt werden.
Der Plan des William Penn
Ehrlicher meinte es da schon der Quäker
William Penn, (nach dem der amerikanische Bundesstaat Pennsylvania benannt
ist), der 1693 "Ein Essay zum gegenwärtigen und zukünftigen Frieden von
Europa durch Schaffung eines europäischen Reichstages, Parlaments oder
Staatenhauses" veröffenlichte.
Der Plan des
Abbè des Saint Pierre
Einen weiteren Friedensplan verfasste im Jahr
1713 der Abbè de Saint Pierre, nachdem er 1712 am Utrechter Friedenskongress
teilgenommen hatte. In seinem "Plan zum ewigen Frieden in Europa"
schreibt er: "Ich finde es nicht schwieriger, ein vereintes Europa zu
schaffen, als man früher das Deutsche Reich geschaffen hat; es kommt nur darauf
an, im großen zu wiederholen, was im kleinen schon ausgeführt ist...In dem
Gedanken, daß mein Völkerbund keine Utopie ist, wurde ich bestärkt durch den
Rat eines Freundes, dem ich den ersten Entwurf zeigte: er wies darauf hin, daß
Henry IV. im Grunde schon genau denselben Plan gefaßt hat. In der Tat fand ich
ihn in den Memoiren seines Premierministers, des Herzogs von Sully".
Natürlich sah sich Saint-Pierre vielerlei
Kritik ausgesetzt. Der große Spötter Voltaire machte sich über den Abbè mit dem
Reim lustig:
Zum
Glücke sehn wir nur ein stummes
Portrait
des Abbè in diesem Saal,
denn
hätten wir das Original,
da
hörten wir gewiss was Dummes.
Friedrich der Große schrieb in einem Brief an
Voltaire: "Der Abbe von Saint -Pierre, der mich der Ehre eines Briefwechsels
mit meiner Person für würdig hielt, hat mir sein sehr schönes Werk über die Art
und Weise, wie in Europa der Frieden wiederhergestellt werden könnte,
zugesandt. Die Sache ist sehr praktisch - um ihr zum Erfolg zu verhelfen,
bedarf es nur der Zustimmung Europas und einiger anderer Kleinigkeiten".
Der Abbe stieß aber nicht nur auf Ablehnung.
Der andere große Philosoph der Aufklärung, Jean Jaques Rousseau
(1712-1778) veröffentlichte einen Auszug aus dem Werk von Saint-Pierre.
Rousseau erzählt über den Abbè: "Der
Plan eines ewigen Friedens, der eines der würdigsten Ziele anstrebt, das ein
Ehrenmann verfolgen kann, beschäftige den Abbè de Saint-Pierre ständig. Er
hörte nie auf, darüber nachzudenken und verfolgte ihn mit der größten
Halsstarrigkeit. Anders kann man seinen Missionseifer kaum bezeichnen, der ihn,
was diese Sache betrifft, nie verließ, unerachtet der offensichtlichen
Aussichtslosigkeit auf Erfolg, der Lächerlichkeit, der er sich täglich preisgab
und der Kränkungen, die er seinetwegen unaufhörlich erleiden mußte...
Die Vorteile, die sich aus der Verwirklichung
seines Planes für... alle Völker..ergeben würden, sind ungeheuer groß,
augenfällig und unschätzbar. Nichts kann folgerichtiger und überzeugender sein
als die Darlegungen, mit denen sie der Verfasser außer Zweifel setzt.
Verwirklichen wir seine Republik nur einen einzigen Tag, es würde genügen, ihr
dauerhafte Beständigkeit zu sichern; so sehr würde jeder durch die eigene
Erfahrung seinen besonderen Vorteil in dem allgemeinen Wohlergehen finden".
Auch Gottfried Ephraim Lessing trat für den
Friedensplan des Abbè ein.
Kant wurde bei seiner Schrift "Zum
Ewigen Frieden" durch Rousseau beeinflußt, dessen Werke er schätzte.
"Rousseau hat mich zurechtgebracht", meinte Kant einmal
zurückblickend. Da Kant über Rousseau von dem Werk des Abbè de Saint Pierre
Kenntnis hatte, hat der weltfremde Träumer aus der Normandie gleich zwei
bedeutende Philosophen zu einem Traktat veranlaßt. Genaugenommen waren es sogar
drei, denn Johann Gottlieb Fichte schlug 1798, beeinflußt von Kant, in seiner
Schrift "Der geschlossene Handelsstaat" vor, daß alle Staaten der
Welt untereinander einen Vertrag schließen sollten, der ihre gegenseitige
Sicherheit garantieren sollte.
Kriegsführung vor und nach der
französischen Revolution
Vor 1789 gab es keine Nationen in unsrem
heutigen Sinne. Es gab vor der Revolution keine nationalen Heere, sondern
Söldnerheere. Ziel der kriegerischen Aktionen waren im allgemeinen die
gegnerischen Truppen, ihre Vorräte und Befestigungen, nicht aber die Zivilbevölkerung,
die zwar unter Brandschatzung, Vergewaltigung und Plünderung zu leiden hatte.
In Frauen und Kindern Feinde zu sehen und sie bewußt zu töten, das wurde erst
in unserem so erlauchten und fortschrittlichen Jahrhundert zur weitverbreiteten
Praxis.
Die Söldner hatten übrigens ein Interesse
daran, die Schlachten nicht allzu blutig und grausam werden zu lassen, denn
schließlich zog man in den Krieg, um Geld zu verdienen und zu plündern, nicht
aber, um sich umbringen zu lassen. So ging man manchmal recht
"kollegial" miteinander um, denn zum Hass und Fanatismus bestand kein
Grund. Man hätte schließlich genauso gut in den Diensten der anderen Seite
stehen können, und man wechselte auch die Seiten, wenn der eigene Monarch
zahlungsunfähig war.
Nachdem das französische Volk seinen König
hingerichtet hatte, stellte es ein Volksheer auf. So etwas hatte es seit der
Völkerwanderung nicht mehr gegeben. In der Kanonade von Valmy zeigte sich das
Volksheer den Söldnerheeren überlegen. Seine Strategie bestand einfach darin,
den Gegner unter großen eigenen Verlusten über den Haufen zu rennen. Diese
Methode behielt auch Napoleon im Grundsatz bei, nur entfaltete er seine
Genialität darin, dies an der schwächsten Stelle des Gegner zu tun (die er
vorher oft erst durch taktische Manöver erzeugt hatte). Als seine Gegner
dazugelernt hatten, kam es zu gewaltigen Metzeleien. Konsequent wurde das dann
im Ersten Weltkrieg vor Verdun fortgeführt. Im Zweiten Weltkrieg wurde
schließlich Krieg gegen die Zivilbevölkerung geführt, indem man die Wohnviertel
in Städten Flächenbombardements durchführte. Eine vorläufig letzte Steigerung
fand dies in Hiroshima. Berthold Brecht konnte dann zu Recht sagen:
"Entweder wir schaffen den Krieg ab, oder der Krieg schafft uns ab".
Der Weltstaatgedanke in der französischen
Revolution
Für die französischen Revolutionäre schien es
anfangs selbstverständlich, daß die Völker, wenn sie ihre Monarchen endlich
verjagt hätten, brüderlich miteinander leben würden. 1790 hieß es in der
Nationalsversammlung: "Sind alle Nationen frei, dann wird es keinen Krieg
mehr geben". In Wirklichkeit wurde mit dem Aufkommen des Nationalismus dem
Chauvinismus, dem Rassenwahn, dem Imperialismus und dem Kolonialismus Tür und
Tor geöffnet.
Jean Baptiste Cloots, der preußische Adelige,
der als französischer Revolutionär starb
(nach seiner Biographie von Selma Stern)
Am 13. Juni 1790 rief Cloots vor der
französischen Nationalversammlung aus: "Es wird keine Provinzen mehr geben
und keine Armeen, weder Besiegte noch Sieger...die großen Straßen Frankreichs
werden bis an die Grenzen Chinas reichen. Mit der Post werden wir von Paris
nach Peking fahren, so wie jetzt von Bordeaux nach Straßburg, ohne daß sich uns
etwas in den Weg stellt - weder Schlagbäume noch Grenzmauern, weder Schreiber noch
Soldat. Dann wird es auch keine Wüsten mehr geben, die ganze Erde wird ein
blühender Garten sein, und Orient und Okzident werden sich auf der Bundesstätte
umarmen".
1793 sagte er: "Die Menschenrechte
gelten für die gesamte Menschheit. Eine Körperschaft, die sich souverän nennt,
verletzt die Menschheit ernstlich, sie widerspricht völlig dem gesunden
Menschenverstand und dem Wohle aller. Sie hemmt das Gedeihen der
Völker...Keinen anderen Herren wollen wir über uns dulden als den Ausdruck des
absoluten, höchsten Allgemeinwillens". In einer Denkschrift, die er 1792
der Nationalversammlung übergab, schreibt er: "Ein Körper kämpft nicht
gegen sich selbst, und das Menschengeschlecht wird in Frieden leben, solange es
nur einen Leib bildet, eine Nation".
Wer war dieser Jean-Baptist Cloots, Baron du
Val-de-Grace, der sich "Anacharsis Cloots" und "Redner des
Menschengeschlechtes" nannte? Wie der skytische Fürst Anacharsis, der zur
Zeit Solons nach Athen gekommen war, um seinen Wissensdurst zu stillen, so war
"Anacharsis" Cloots aus Kleve im preussischen Rheinland nach Paris
gekommen, nachdem er von Nachricht der Erstürmung der Bastille mächtig
ergriffen worden war. Dort wurde er bald der feurigste Revolutionär, bekannt
als "der verrückte Cloots", ein exzentrischer Phantast, ein ruheloser
Abenteurer, ein geistreicher Zyniker, den die Revolution zu den erhabensten
Worten begeisterte.
Geboren auf Schloss Gnadenthal, wurde er
Jesuitenzögling und trieb humanistische Studien und besuchte die
Militärakademie Friedrichs des Großen. Mit 19 erbte er ein großes Vermögen und
wurde fortan in schöngeistigen Salons der Literaten und Philosophen des
vorrevolutionären Paris gesehen, lernte Voltaire und Rouseau persönlich kennen.
Auf einer seiner langen Reisen durch Europa hörte er vom Sturm auf die Bastille
und er eilte zurück nach Paris, um an den großen Ereignissen teilzunehmen.
Fast täglich erschienen von ihm aufstachelnde
Artikel in den Zeitungen. Als einer der ersten war er im Jakobinerclub. Am 19.
Juni 1790 erschien er in der Nationalsversammlung an der Spitze einer
vielköpfigen Schar, die mit den Farben aller Nationen der Welt angetan war. Er
hielt eine feierliche Rede im Namen des "unterdrückten Souveräns"
(des Volkes) und brachte der Nationalversammlung die Huldigung aller Völker der
Welt dar. Diese "Deputation des Menschengeschlechtes" machte ihn mit
einem Schlag berühmt. Der Gedanke, alle Völker der Welt in Freiheit zu
verbrüdern, hatte von ihm Besitz ergriffen. Schon bald beschäftigte ihn der
Gedanke der Weltrepublik, den er in unzähligen Artikeln und in dem Buch
"Die Weltrepublik" ("La Republique Universelle")
niederlegte. Mit rastloser Phantasie arbeitete er diesen Gedanken bis ins
Einzelnste aus. Alle Völker der Welt, so lautete sein Vorschlag, sollen sich,
um Feindschaft und Krieg zu verhindern, zu einem einzigen, großen Einheitsstaat
zusammenschließen. In diesem Staat würde die größte Toleranz und ewiger Friede
herrschen. Paris sollte der Mittelpunkt des Weltreiches sein, hierher sollten
die Delegierten der Weltdepartements in eine einzige, große Nationalversammlung
gesandt werden, von hier sollte die Weltrepublik regiert werden.
Am 23. April 1792 erschien Cloots vor der
Nationalsversammlung mit dem Projekt einer Verfassung für die ganze Welt. Er
erklärte feierlich:
"1. Es gibt keine andere Souveränität
als die des Menschengeschlechts
2. Jedes Individuum, jede Gemeinde, die
dieses unveränderliche Prinzip anerkennt, wird ...in unsere Bruderschaft
aufgenommen, in die Republik der Menschen..."
Das Echo auf Cloots Weltrepublik war geteilt.
Seine Vorschläge riefen eine Menge satirischer Gegenschriften hervor, aber
viele ernsthafte und bedeutende Männer, darunter Desmoulins, Fauchet,
Rabaut-St.Etienne und Concordet, bewunderten die neue Idee, und alle führenden
Geister der Revolution kannten seine Idee und setzten sich gedanklich mit ihr
auseinander. Aus aller Welt erhielt Cloots Zustimmung, Dank und Ermutigung.
Robbespierre griff seine Gedanken auf und
wollte folgende Artikel in die Erklärung der Menschenrecht aufnehmen
(verkürzt):
"Die Menschen aller Länder müssen sich
gegenseitig helfen, als wären sie Bürger eines Staates. Wer eine einzelne
Nation unterdrückt, erklärt sich zum Feind von allen. Wer einem Volk den Krieg
erklärt, um Freiheit und Menschenrechte niederzuhalten, muss von allen als
Mörder verfolgt werden. Tyrannen haben sich gegen den Souverän der Erde, die
gesamte Menschheit, empört".
Nachdem die Revolutionstruppen bei Valmy
gesiegt hatten, schien es möglich, daß die Revolution in ganz Europa siegen,
die Tyrannen mit Hilfe der unterdrückten Völker hinwegfegen und die
Weltrepublik errichten könne. Savoyen wurde von Revolutionstruppen erobert und
Cloots erreichte es, daß es Frankreich einverleibt wurde. So sollte Frankreich
Stück für Stück zur Weltrepublik wachsen. Belgien aber weigerte sich,
Frankreich einverleibt zu werden. Aufständische Holländer dagegen schrieben an
die "französischen Befreier": "Euere Prophezeihungen der
Weltrepublik werden sich erfüllen". Im Jakobinerclub begann man ernsthaft
die Frage der Weltrepublik zu diskutieren. Ein wichtiger Einwand war, daß die
Weltrepublik zu groß und zu zentralistisch würde.
Gegen die zentralistische französische
Weltrepublik waren die gemäßigten Girondisten, die mehr föderative Strukturen
wollten.
Cloots hatte sich vom romantischen Träumer
zum fanatischen Revolutionär gewandelt. Der Niedergang der Girondisten brachte
die radikalen Jakobiner an die Macht und die Schrecken der Guillotine begannen.
Der Jakobiner Cloots stimmte bei dem Prozess gegen Ludwig X VI. für dessen
Hinrichtung.
Cloots hatte einen mächtigen Feind:
Robbespierre. Robbespierre glaubte sich von Gott auserwählt, Cloots glaubte an
überhaupt keinen Gott. Robbespierre war Nationalist, Cloots war Weltbürger.
Robbespierre war Realist, Cloots Phantast. Als es zu den Verhaftungswellen der
Robbespierre'schen Diktatur kam, war auch Cloots unter den Opfern. Robbespierre
klagte ihn 1794 an: "Können wir einen deutschen Baron als Patrioten
betrachten? Können wir einen Mann als Sanskulotten (in etwa: Proletarier)
betrachten, der mehr als 100 000 Livres Rente hat? Nein, Bürger, hüten wir uns
vor den Fremden, die patriotischer erscheinen wollen als die Franzosen selbst.
Cloots,...du bist ein Verräter".
Cloots wurde im Gefängnis des Palais de
Luxembourg untergebracht. Schließlich kam die Hinrichtung. Eine ungeheure Menge
begleitete die Karren, auf denen die Verurteilten zum "Platz der
Revolution" wurden, mit Johlen und Schreien. Das letzte, was er von der
Guillotine aus sah, war eine Menschenmenge, die seinen Tod bejubelte; die gleiche
Menschheit, deren ewiges Glück er erkämpfen wollte.
Napoleon und Zar Alexander I
Der Antichrist und der Friedensfürst
Alexander wurde von seiner Großmutter,
Katharina der Großen, zum aufgeklärten Monarchen erzogen. Er las Voltaire,
Diderot und Rousseau, durch den er den Plan zum Ewigen Frieden des Abbè de
Saint-Pierre kannte. Sein Erzieher Le Harpe kam aus der Schweiz und war ein
enthusiastischer Anhänger der Aufklärung und der französischen Revolution. 1794
wurde Le Harpe entlassen. Man hatte am Zarenhof genug von der französichen
Revolution. Aber noch 1814 stellte Alexander dem König von Preußen Le Harpe mit
den Worten vor: "Alles, was ich weiß und vielleicht wert bin, verdanke ich
Monsieur Le Harpe".
1801 wurde Alexander Zar. 1804 hatte er Pläne
für eine Staatenliga, die alle ihre Konflikte friedlich durch Schlichtung und
Schiedsgerichtsbarkeit beseitigen sollte. Alexander hoffte, als Friedensrichter
der Welt in die Geschichte einzugehen. Sein Außenminister Czartorisky sandte
einen Sonderbotschafter an die englische Regierung und schlug ihr eine
"große Europäische Conföderation" vor. Es sollte ein "neues
Gesetzbuch des Völkerrechts" geschaffen werden.
Dieser Entwurf von 1804 nahm praktisch schon
die Heilige Allianz und den Völkerbund vorweg. Leider gelang es dem russischen
Sonderbotschafter nicht, den englischen Premierminister Pitt zu überzeugen, der
nichts von Theorien und Visionen hielt. Trotzdem ging Pitt zum Schein auf die
Vorschläge ein, um zu einem Vertrag mit Rußland (gegen Napoleon) zu kommen.
Auch Napoleon wollte Europa einigen: Durch
Unterwerfung.
1804 ließ sich Napoleon durch Volksabstimmung
zum Kaiser wählen. Ärgerlich war nur, daß seine Kaiserkrone eine Imitation war
und keine Tradition hatte. Napoleon war in den Augen der übrigen Monarchen nur
ein Emporkömmling, ein Glücksritter und Usurpator. Das Orginal der
Stephanskrone lag in der Wiener Hofburg. Dorthin war sie vor einigen Jahren in
einer Düngerfuhre von Nürnberg, dem Aufbewahrungsort der Reichskleinodien,
gebracht worden, um sie dem Zugriff der Franzosen zu entziehen.
Als Napoleon 1805 bei Austerlitz gesiegt
hatte, war die Kaiserkrone auch in der Wiener Hofburg nicht mehr sicher. Schon
1803 hatte sich der Immerwährende Reichstag zu Regensburg einem Diktat
Napoleons gebeugt und hatte die geistlichen Fürstentümer und Güter aufgelöst
und die Selbständigkeit der Reichsstädte, Reichsgrafen und Reichsritter
aufgehoben. Das Heilige Römische Reich war nur noch ein Schatten seiner selbst.
Die Gefahr bestand, daß Napoleon sich zum Kaiser des Heilgen Römischen Reiches
machen und seine Weltherrschaftspläne legitimieren würde. Unter dem Eindruck
dieser Gefahr löste der amtierende Kaiser, der Habsburger Franz II., den
Immerwährenden Reichstag und damit das Heilige Römische Reich auf. Am 6. August
1806 legte er die Kaiserkrone nieder.
1809 verstieß Napoleon seine erste Frau,
Josephine Beauharnais, die er einmal wirklich geliebt hatte, und heiratete 1811
Marie-Louise, die Tochter des österreichischen Kaisers. Seinem Sohn aus dieser
Ehe gab er den Titel "König von Rom".
Das Heilige Römische Reich hatte länger als
1000 Jahre bestanden. Nun war es zu Ende, und der Antichrist war für viele auch
schon da: Napoleon. Er war aus einer gottlosen Revolution hervorgegangen,
welche die Kirchen in Tempel der Vernunft verwandelte und die geistlichen
Fürstentümer auflöste.
Als Napoleon Moskau besetzte und nahe daran
war, Rußland zu erobern, sah Zar Alexander seine einzige Rettung in Gott. Er
wurde von der mystischen Frömmigkeit ergriffen, die seinem Volk die innere
Kraft gab, dem Ansturm Napoleons standzuhalten und den Aggressor aus dem Land
zu treiben. Ganz Europa jubelte dem "Weltbefreier" zu. Alexander war
das geworden, was er sich immer gewünscht hatte: Der Friedensfürst.
Auf dem Wiener Kongress war Alexander I. die
von der Öffentlichkeit am meisten beachtete Person und der Liebling der Frauen.
Nach dem 5. Dezember 1814 kam es aber zu keinen amourösen Zusammenkünften mehr
und die Geheimdienste berichteten, Alexander habe sich eine
Geschlechtskrankheit zugezogen. Alexander litt an Depressionen und wandte sich
der Religion und einer ekstatischen Mystik zu. Geistigen Trost fand Alexander
bei einer griechischen Hofdame: der jungen Roxana Stourzda, die er in der
zweiten Dezemberhälfte oft in ihrem kleinen Zimmer im vierten Stock der Hofburg
besuchte. Roxana war eine Anhängerin und Freundin der Bußpredigerin Baronin
Juliane von Krüdener, die ihr zu dieser Zeit Briefe voll apokalyptischer
Offenbarungen schrieb. Die Baronin sah in Alexander den in der Bibel
verhießenen "Apollyon", der den "Antichrist" Napoleon
vernichten werde.
Roxana hatte von Juliane von Krüdener einen
Brief erhalten, in dem die Wiederkehr Napoleons und der Sturz der Bourbonen
angekündigt wurde. Der Zar hatte die Bitte der Krüdener um eine Zusammenkunft
ignoriert, aber am 7. März 1815 landete Napoleon tatsächlich in Südfrankreich
und machte die Prophezeihung wahr. Am 4. Juni übernachtete der Zar in Heilbronn
und empfing Juliane von Krüdener.
Der Zar quälte sich gerade mit
Selbstvorwürfen und konnte nicht schlafen. Die Krüdener sagte ihm, er sei zwar
ein großer Sünder, es sei ihm aber schon alles verziehen. Der Zar brach in
Tränen aus, sie sprach ihm Trost zu und baute ihn wieder auf. Man betete
gemeinsam. Er bat die um 10 Jahre Ältere, sie "Schwester Juliane"
nennen zu dürfen, sie nannte ihn "Bruder Alexander" und eröffnete
ihm, daß er dazu ausersehen wäre, den Antichrist Napoleon zu vernichten.
Als Napoleon endgültig besiegt war, reisten
"Schwester Juliane" und "Bruder Alexander" nach Paris, um
einen Friedensbund der Fürsten Wirklichkeit werden zu lassen.
Juliane quartierte sich im Faubourg
Saint-Honorè ein, direkt neben dem Elysee-Palast, wo Alexander wohnte. Durch
eine Pforte in der Mauer besuchte er sie fast täglich. Alexander entwarf ein
Manifest für die Fürsten Europas, die sich verpflichten sollten, eine
Staatenliga zu bilden. Gemeinsam suchten Alexander und Juliane nach einem Namen
für die Friedensliga. Sie einigten sich auf den Namen "Heilige
Allianz". Gemeinsam arbeiteten sie den Wortlaut des Vertrages aus. Der
Stil trägt deutlich die Handschrift der Baronin von Krüdener. So kommt z.B. das
Wort "Jahr der Gnade", das sie mit Vorliebe gebraucht, in dem Vertrag
vor. Der Sekretär des Zaren berichtete, daß das Orginal des Schriftstückes von
der Hand des Zaren stamme und mit zahlreichen Verbesserungen der Baronin
versehen sei.
Der Vertragsentwurf ist am 9. Sept. 1815
fertig. Am Tag darauf läßt der Zar die Baronin im Hofwagen abholen. An der
Seite des Zaren nimmt sie, auf einem schneeweißen Schimmel und in einem himmelblauen
Kleid die russische Siegesparade auf dem Champ de Vertus ab. Am 26. Sept. wird
der Vertrag der "Heiligen Allianz" in Paris unterzeichnet.
Über das Manifest der Heiligen Allianz ist
viel gespottet worden. Metternich nannte sie ein "laut tönendes Nichts"
und Castlereagh "ein Stück erhabener Mystizismus und Unsinn". In
Wahrheit enthält die Urkunde aber nichts Lächerliches. Sie ist im Stil der
damaligen Zeit abgefaßt, und jeder fromme Christ müsste ihr zustimmen. Es wird
gefordert, daß Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Frieden die Richtschnur des
Handelns der Großmächte sein sollten.
Leider enthielt der Vertrag der Heiligen
Allianz keine konkreten Abmachungen.
In den nächsten vier oder fünf Jahren mühte
sich Alexander, den großen Gedanken der Eintracht der Völker in die Tat
umzusetzen. Doch Widerstände waren zu groß und Alexander verzweifelte über
seine eigene Unzulänglichkeit. Sein Selbstvertrauen und sein Sendungsbewußtsein
verließen ihn. Aus dem engelhaft-schönen Monarchen wurde ein beleibter, alternder
Mann, mit kahler Stirn und kummervoller Miene. Er litt an Depressionen und
brütete stundenlang vor sich hin. Er unternahm rastlose Reisen durch sein
riesiges Reich.
Er wandte sich immer mehr von den liberalen
Vorstellungen seiner Jugend ab und wurde immer konservativer. Er beseitigte die
Reformen, die er durchgeführt hatte und fiel in den Despotismus zurück. Der
Legende nach soll er nicht 1825 gestorben sein. Er habe nicht bis 1864 als
Einsiedler weitergelebt, so heißt es.
Metternich nutzte die Heilige Allianz nicht,
um der Menschheit den Frieden und ein besseres Leben zu schenken. Für ihn war
die heilige Allianz ein Mittel, die bestehenden Machtverhältnisse zu verewigen.
Die Heilige Allianz wurde zu einer Allianz der Fürsten gegen die Untertanen.
Das Jahrhundert der Friedensgesellschaften
Als das Versagen der Heiligen Allianz
offenbar geworden war, entstanden in Amerika und England private
Friedensgesellschaften, die den Gedanken einer internationalen Friedenskonferenz
als Vorstufe eines Weltparlaments vertraten. Besonderen Wert wurde auf die
Einführung eines Schiedsgerichtes gelegt, das zwischen den streitenden Nationen
vermitteln sollte. War an einen Zusammenschluß aller Staaten zu einem Weltstaat
nicht zu denken, so mußte man sich eben mit Geringerem zufriedengeben.
Die Anhänger der Friedensgesellschaften
rekrutierten sich aus den Quäkern und anderen religiös motivierten Menschen
sowie aus dem liberalen Bürgertum, das der Ansicht war, daß Krieg die Geschäfte
stört.
Die Aktivitäten der ersten Friedensgruppen
bestanden darin, auf die öffentliche Meinung einzuwirken (durch eigene
Schriften und Zeitschriften) sowie durch den Versuch der direkten Einflußnahme
auf die Mächtigen der Welt. Aber die Friedensfreunde mußten die Erfahrung
machen, daß sich die Mächtigen von ihnen nicht beeinflussen ließen. Sie stießen
auf Ablehnung und taube Ohren. Keine der Regierungen war geneigt, auf Grund der
Ermahnungen von ein paar Weltverbesserern auf die Wahrung ihrer Interessen,
notfalls auch mit kriegerischen Mitteln, zu verzichten. So suchte man ein
weniger frustrierendes Tätigkeitsgebiet und fand es in der Ausarbeitung von
Plänen für eine internationale Staatenorganisation und einen ihr zugeordneten
Gerichtshof.
1843 fand in London ein Kongress statt, auf
dem sich Friedensfreunde aus der ganzen Welt trafen; 1844 folgte ein weiterer
in Brüssel. Es wurde ein Internationaler Gerichtshof und ein Parlament aus
Vertretern der einzelnen Staaten gefordert.
Fünf Jahre später sagte der englische
Abgeordnete Richard Cobden im britischen Unterhaus, die Nationen sollten vor
einem Krieg tun, was sie sonst immer nach einem Krieg zu tun pflegen
(nämlich Friedensverhandlungen führen).
Der Gedanke der Schiedsgerichtsbarkeit
beschäftigte die Friedensbewegung für den Rest des 19.-ten Jahrhunderts. Das
Problem war, die hohen Ideale in die Wirklichkeit der Tagespolitik umzusetzen.
Die Gründung des Roten Kreuzes
1859 wurde der schlichte Genfer Kaufmann
Henri Dunant zufällig Zeuge der Schlacht von Solferino. Es gab 40 000 Tote und
Verwundete, die einfach zurückgelassen wurden. In den folgenden Tagen und
Wochen war Dunant damit beschäftigt, Hilfe zu leisten und Hilfe zu
organisieren. Er verfasste einen Bericht, in dem er an das Gewissen der Menschheit
appellierte und zur Gründung eines freiwilligen Hilfskorps zur Rettung der
Verwundeten ohne Ansehen von Freund und Feind aufrief. Unermüdlich bereiste er
Europa und kämpfte für seine Ideen. Eine wichtige Unterstützung leistete ihm
dabei der Schweizer General Dufour. 1863 wurde nach Genf eine internationale
Konferenz einberufen, die den Grundstein für die Genfer Konvention von 1864
legte. Das rote Kreuz wurde das internationale Kennzeichen der Sanitätstruppen
und unter diesem Zeichen entstanden rasch in verschiedenen Ländern
Hilfsorganisationen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Dunant fast völlig
vergessen und in Armut, bis er 1901 den ersten Friedensnobelpreis erhielt.
Bertha von Suttner
1886 las Bertha von Suttner, die Tochter des
österreichischen Grafen Kinsky, von der in London gegründeten
"Internationalen Schiedsgericht- und Friedens-Vereinigung". In ihren
Memoiren schreibt sie: "Die Nachricht elektrisierte mich". Begeistert
schrieb sie den Roman "Die Waffen nieder!", der zum Welterfolg wurde.
Sie konnte damit eine viel größere Breitenwirkung erzielen als alle
theoretischen Abhandlungen und Friedensapelle. An einem konkreten
Menschenschicksal, das für jedermann leicht zu begreifen war, machte der Roman
klar, was Krieg für den einzelnen Menschen bedeutet.
Die Komtesse Kinsky war eine schöne elegante
Erscheinung, weltgewandt, intelligent und gebildet. 1876 hatte sie kurze Zeit
für Alfred Nobel in Paris als Sekretärin gearbeitet. Beide waren voneinander
beeindruckt und führten miteinander lange Gespräche.
1890 schrieb Nobel an Bertha von Suttner:
"Liebe Baronin und Freundin! Ich habe soeben die Lektüre ihres
bewunderungswürdigen Meisterwerkes beendet. Man sagt, daß es 2000 Sprachen gibt
- das wären 1999 zuviel - , gewiß gibt es keine Sprache, in die ihr vortreffliches
Werk nicht übersetzt werden sollte, in der es nicht gelesen und darüber
meditiert werden sollte".
Aber nicht nur Zustimmung fand Bertha von
Suttner, sondern gehässige und verletzende Kritik bei den Anhängern des
preussischen Militarismus, bei den Chauvinisten und den deutschen
Möchte-gern-Imperialisten. So schrieb Felix Dahn (Autor von "Ein Kampf um
Rom") folgende Verse:
"Die Waffen hoch! Das Schwert ist Mannes
eigen, wo Männer fechten, hat das Weib zu schweigen." Aber Frauen
schweigen nicht und Kriege werden nicht mehr mit dem Schwert ausgefochten.
Bertha von Suttner gründete 1892 zusammen mit
Alfred Fried in Berlin die "Deutsche Friedensgesellschaft".
Alfred Nobel war gegenüber der
Friedensbewegung skeptisch eingestellt - nicht weil er die Richtigkeit und
Notwendigkeit ihrer Ziele bezweifelte, sondern weil er der menschlichen
Fähigkeit zu vernünftigem und friedlichem Handeln gegenüber pessimistisch
eingestellt war. "Meine Fabriken", sagte der Erfinder des Dynamits
einmal zu Bertha von Suttner, "werden dem Krieg vielleicht früher ein Ende
machen als ihre Kongresse: an dem Tag, da zwei Armeekorps sich in einer Sekunde
vernichten können, werden wohl alle zivilisierte Nationen zurückschaudern und
ihre Truppen verabschieden". Trotzdem unterstützte Nobel sie und schrieb
ihr 1893: "Ich will testamentarisch einen Teil meines Vermögens für einen
Preis bestimmen...Der Preis soll jenem zufallen, der den weitesten Schritt zur
Befriedung Europas getan hat".
1906 erhielt Bertha von Suttner den
Friedensnobelpreis.
Zar Nikolaus II. macht einen
Friedensvorschlag
1895 schrieb der russische Staatsrat,
Kaufmann und Bankier Johannes von Bloch ein sechsbändiges Werk "Der
künftige Krieg in technischer, politischer und wirtschaftlicher
Bedeutung". Der Gesamtumfang betrug 4000 Seiten. Bloch erhielt eine
zweistündige Audienz beim Zaren, der von Blochs Ausführungen so beeindruckt
war, daß er befahl, das Werk drucken zu lassen. In seinem Buch wies Bloch nach,
daß Kriege, seit die Waffentechnik so weit fortgeschritten war und so gewaltige
Opfer an Menschen und Sachwerten fordere, ein Verlustgeschäft seien.
1898 lud der Zar die in Petersburg durch
Botschaften vertretenen Nationen zu einer Konferenz über Abrüstung und Ausbau
des Völkerrechts ein. Die Friedensfreunde waren begeistert, der Papst
hochzufrieden. Nur die Regierungen waren über diesen Vorschlag nicht froh, denn
er passte ihnen nicht in den Kram. Insgeheim hielt man den Friedenszaren für
lästig und suchte nach einem Weg, seine Vorschläge abzulehnen, ohne ihn zu
beleidigen. Dummerweise konnte man der kritischer gewordenen Weltöffentlichkeit
nicht das wahre Gesicht zeigen: das Gesicht des Imperialismus.
Schließlich ließ sich die Friedenskonferenz
nicht mehr vermeiden und man traf sich 1899 in Den Haag. Viele Staaten schickten
als Delegierte Militärs und machten dadurch den Bock zum Gärtner; so auch die
Deutschen. Oberst Groß von Schwarzhoff fiel die Rolle zu, das abzulehnen, was
die anderen auch ablehnen wollten, es sich aber nicht so unverblümt zu tun
getrauten wie dies der Deutsche tat. Nur die Engländer schickten den bewährten
Pazifisten Pauncefote. Beim Thema Abrüstung kam man überhaupt nicht vorwärts.
Dazu hätte jeder Staat erst einmal seine Waffenbestände und Rüstungspläne
offenlegen müssen. Deshalb wandte man sich einem weniger verfänglichen Thema
zu, der Schiedsgerichtsbarkeit. Der Anruf eines Schiedsgerichts sollte in allen
Konfliktfällen zwingend vorgeschrieben werden. Das passte aber den Großmächten
überhaupt nicht, weil sie hierin eine Einschränkung ihrer Souveränität
witterten. Die schwächeren Staaten waren dagegen von diesen Vorschlägen
angetan. Dann merkten aber die Großmächte, daß ein ständiger Gerichtshof völlig
harmlos war, wenn keine Verpflichtung bestand, ihn anzurufen. Und so kippte man
nach und nach die Verpflichtungsklausel, die den Anruf des Gerichtshofes
obligatorisch machte und stimme der Einrichtung eines solchermaßen
"kastrierten" Gerichtshofes zu. Der deutsche Delegierte Graf Münster
gab in seinem Abschlußbericht der Hoffnung Ausdruck, daß solche Konferenzen in
Zukunft nicht "wie manches Unkraut" jährlich wiederkehren würden.
1901 wurde der Ständige Gerichtshof
Wirklichkeit. Untergebracht wurde er in einem von Andrew Carnegie gestifteten
Palais. Carnegie war der Ansicht, daß ein Geschäftsmann die erste Hälfte seines
Lebens damit zubringen soll, Geld zu verdienen, und die zweite, den erworbenen
Wohlstand zum Wohle der Menschheit zu verteilen.
1902 wurde dem Ständigen Gerichtshof der
erste Streitfall unterbreitet. Bis 1914 waren es 14 Verfahren. Trotzdem fanden
schon wenige Jahre später der russisch-japanische und der Burenkrieg statt.
1907 fand die Zweite Haager Friedenskonferenz
statt. Im Vorhinein war man übereingekommen, daß Abrüstung kein Thema sein
sollte, denn sonst hätten die Deutschen nicht mitgemacht. Man beschloss, daß
sich der Ständige Gerichtshof nur auf die Streitfälle zu beschränken habe, die
nicht die vitalen Interessen oder die Ehre der Nationen berührten. Die Quittung
kam 1914.
1918 wurde Zar Nikolaus II. mit seiner
gesamten Familie von den Bolschewisten ermordet.
Die angebliche Weltverschwörung der
Freimaurer
1889 fand in Paris ein internationaler
Freimaurerkongress statt, auf der man eine Weltrepublik aus demokratisch
selbstbestimmten Nationen forderte. Der Bruder Francolin rief unter stürmischem
Beifall der Teilnehmer aus: "Der Tag, an dem die Monarchien
zusamenstürzen, wird die allgemeine Völker- und Weltverbrüderung bringen. Das
ist das Zukunftsideal, das uns vorschwebt".
In einem vom Reichsorganisationsleiter der
NSDAP herausgegebenen Schulungsbrief aus dem Jahr 1939 heißt es:
"Die Freimaurerei will ihre Begriffe
einer kosmopolitischen Humanitäts- und Toleranzideologie über alle Rassen- und
Volksgrenzen hinweg zum internationalen Gemeingut erheben. Die Freimaurerei
bedient sich hierbei eines ausgedehnten Netzes internationaler und personeller
Verbindungen...Die Freimaurerei verneint die Begriffe Volk und Rasse und
bekämpft sie, da sie der Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt,
zuwiderlaufen und mit dem freimaurerischen Kosmopoltismus unvereinbar sind. Der
große Menschheitsbau, den die Freimaurerei aufzuführen gedenkt, hat die
Angehörigen aller Nationen und Rassen als Bausteine".
Es ist für mich schwer nachvollziehbar, was daran
schlecht sein soll. Für die Nationalsozialisten waren und sind die Aktivitäten
der Freimaurer verwerflich.
Alfons Rosenberg schreibt in seinem Buch:
"Das Verbrechen der Freimaurerei": An der Spitze und hinter den
Kulissen der heutigen Weltpolitik stehen Juden und Freimaurer".
In seinem "Mythus des 20.-ten
Jahrhunderts" (es entging ihm, daß Mythos ein griechisches Wort ist und
nicht auf -us sondern -os endet), schreibt Rosenberg: "Die Freimaurerei
hat bereits um 1740 auch das politische Schlagwort der letzten 150 Jahre,
'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit' geprägt und die chaotische,
völkerzersetzende 'humane' Demokratie geboren. Die Idee der Humanität soll das
Prinzip, den Zweck und den Inhalt der Freimaurerei bilden".
Im Allgemeinen Handbuch der Freimaurerei,
Berlin 1900, heißt es: " Die Freimaurerei will den allgemeinen
Menschheitsbund herbeiführen, den sie unter sich bereits darstellen
wollen".
In Dresden erschien 1852 ein Buch des
Advokaten Eduard Eckert mit dem Titel: "Der Freimaurerorden in seiner
wahren Bedeutung, d.h. als ein Weltorden... mittels dessen...ein Geheimbund die
Revolution...sowie die Zerstörung des Eigentums, der Stände und Innungen zum
Zwecke einer theokratisch-sozialen Ordensrepublik, seit drei Jahrhunderten
vorbereitet, vollführt und geleitet hat.".
Erich Ludendorff schreibt in seiner
"Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse":
"Die Freimaurerei ist eine jüdische
Einrichtung, deren Geschichte, Grade, Ämter, Paßworte und Erklärungen jüdisch
von Anfang bis Ende sind. Die Freimaurerei soll das deutsche Volk den Juden
dienstbar machen. Die Freimaurerei wurde 1750 von England nach Deutschland
verpflanzt. Die enthielt starke jesuitische Elemente und stand in Verbindung
mit führenden Juden, z.B. Moses Mendelson. Die Freimaurerei in Deutschland
unterstützte die blutige, gegen die nordische Oberschicht gerichtete
freimaurerische französische Revolution. Die Freimaurerei...war Vorarbeiter der
jüdischen Weltherrschaft..."
In seinem Buch "Die antichristliche
Verschwörung der Freimaurer" schreibt Manfred Adler, die Freimaurer seien
nach wie vor eine Weltmacht. Ihr Traum sei es, eine universale Weltregierung in
einem universalen Welt-Einheits-Staat zu errichten. Einflußreiche Freimaurer
seien maßgeblich an der Gründung der Vereinten Nationen beteiligt gewesen.
M. Adler sieht in den Freimaurern eine Art
Gegenkirche, welche die alte Kirche unterminiert. Der Katholizismus solle
"von einem universellen Synkretismus" absorbiert werden.
Unter dem Eindruck des Kulturkampfes forderte
Papst Leo XIII. in der Enzyklika "Humanum genus" vom 20. April 1884
die Bischöfe auf, "den Freimaurern ihre Masken vom Gesicht zu
reißen". Die Feinde der Kirche seien unter Leitung der Freimaurer daran,
die Kirche zu vernichten.
Adler sieht enge Beziehungen zwischen
Freimaurern und Kommunisten. Gleichzeitig würden sich die Freimaurer der
Hochfinanz bedienen.
"Katholizismus und Freimaurerei sind
Dinge, die sich absolut widersprechen und ausschließen", schrieb das
argentinische Episkopat im Jahr 1958.
Jan von Helsing (Pseudonym) schreibt in
"Geheimgesellschaften im 20.-ten Jahrhundert" (erschienen 1995), daß
Mayer Amschel Rothschild 1773 in seinem Haus in Frankfurt ein geheimes Treffen
mit zwölf einflußreichen Geldleuten abgehalten habe, die einen Plan ausgearbeitet
hätten, wie man das gesamte Vermögen der Welt (und damit die Welt)
kontrollieren könne. Dieser Plan sei in den "Protokollen der Weisen von
Zion" niedergelgt.
Diese Protokolle sind in Wirklichkeit eine
Fälschung des zaristischen Geheimdienstes und diente (und dient) den Nazis zur
hetze gegen die Juden. Leider entfaltete sie auch noch im Jahre 1995 ihre
Wirkung, speziell bei jungen Leuten.
Wes Geistes Kind "Jan van Helsing"
ist, kann man seinen Ausführungen über die Thule-Gesellschaft entnehmen, welcher
"der junge Okkultist und Esoteriker" Adolf Hitler angehörte. Thule
sei die Hauptstadt des von Ariern besiedelten Kontinents "Hyperborea"
gewesen. Die Hyperborear seien vom Sonnensystem Aldebaran gekommen und wie
Hitler Vegetarier gewesen. Sie hätten die Nazis gelehrt, UFO'S zu bauen. Die
Erde sei hohl und in der Mitte der Erde sei eine "Zentralsonne".
Was hat es mit den Freimaurern wirklich auf
sich? Hervorgegangen sind sie aus den mittelalterlichen Zünften der Mauerer,
Steinmetzen und Baumeister, die in den Bauhüten arbeiteten, die von Stadt zu
Stadt zogen, um Kathedralen zu bauen. Die kühnen Konstruktionen der Gotik
setzten gute Kenntnisse der Statik und der Mathematik voraus. Im Zuge der
Wiedereroberung Spaniens war man mit der hochstehenden arabischen Wissenschaft
in Berührung gekommen. Man lernte mit arabischen Ziffern rechnen und das
Dezimalsystem zu gebrauchen. Man übernahm die Aristoteles-Kommentare von
Averoes und Avicenna. So war die Grundlage für ein rationales Herangehen an die
Bibel gelegt. Paris wurde das Zentrum der Scholastik. Von der Scholastik führte
ein direkter Weg zur Aufklärung.
Aus den Bauhütten englischer Handwerker
entstanden im 16. Jahrhundert Geheimbünde mit weltbürgerlichen Zielen. Sie
forderten eine "natürliche und vernünftige Religion" und standen in
Opposition zur katholischen Kirche. Die erste Großloge wurde 1717 in London
gegründet. Naturgemäß wurden viele Juden Freimauerer, weil sie hier eine
Gemeinschaft ohne rassistische oder religiöse Vorurteile fanden. Im 18. Jahrhundert
breiteten sich die Freimaurerlogen über ganz Europa und die Welt aus.
Durch ihre kritische und rationale Haltung
gegenüber der christlichen Religion waren die Freimaurer Pressionen durch die
herrschende Schicht des Adels, die ja eng mit der Kirche verbunden war,
ausgesetzt. Die Freimaurer waren schlicht und einfach die Opposition zur
herrschenden Elite, und sie gingen, wie jede Opposition, die unterdrückt wird,
in den Untergrund und bildeten geheime Zirkel.
Die Freimaurer waren ein bürgerlich,
naturwissenschaftlich, rational und liberal orientierte Intellektuellenschicht,
wie sie besonders in den Metropolen anzutreffen war.
Im Jahr 1900 war auf dem 2. internationalen
Freimaurerkongress in Paris die Weltrepublik der Grundgedanke des ganzen
Kongresses und jeder berief sich darauf. Der Bruder Dequaire-Grobel rief am
Schluß seiner Rede aus: "Es lebe die Weltfreimaurerei, es lebe die
Weltrepublik".
Die Großloge "Grand Orient de
France" startete nach 1900 eine weltweite Kampagne für die Weltrepublik.
Unterstützt wurde sie dabei von der englischen und der amerikanischen Großloge.
In der Zeit von 1900 bis 1920 war das vordringliche Ziel der internationalen
Freimaurerei die Förderung des Weltfriedens. Die Verbrüderung der
internationalen Freimaurerei sollte das Vorbild der Menschheitsverbrüderung
sein. Der einzelne sollte seine Persönlichkeit entfalten und die Völker sollten
über ihr Schicksal selbst bestimmen können. Alle friedenstörenden Kräfte, vor
allem der Despotismus, wie sie die Monarchie nannten, sollten bekämpft und
beseitigt werden.
Auf dem Esperantokongress in Bern (1913)
wurde der freimaurerische Weltbund gegründet und das Esperanto des
polnisch-jüdischen Augenartzes Zamenhof zum Verständigungsmittel des Weltbundes
erklärt. Auf einer internationalen pazfistischen Zusammenkunft 1912 in
Luxemburg sagte Bruder Guillot, die Veraussetzung für den Weltfrieden sei die
Demokratie.
Im Ersten Weltkrieg waren die Freimaurer in
den Ländern, die mit Deutschland im Krieg lagen, naturgemäß auf Seiten ihrer
Heimatländer - aus patriotischen Ründen und aus weltanschaulicher Überzeugung
heraus. Die Nationalsozialisten haben daraus den absurden Vorwurf konstruiert,
die Weltfreimaurerei hätte den Ersten Weltkrieg gegen die Mittelmächte
konstruiert. Drahtzieher des Attentates von Sarajewo sei die serbische Großloge
gewesen. In Wirklichkeit waren es serbische Nationalisten, die auf Betreiben
russischer Nationalisten das Attentat organisierten.
Auch daran, daß die Deutschen die
Marneschlacht verloren hätten, seinen die Freimaurer schuld. Kurz bevor das
Wunder an der Marne" geschehen sei, habe Rudolf Steiner den
Oberbefehlshaber der deutschen Armee, General von Moltke, besucht und ihn so
verwirrt, daß er seinen Aufgaben nicht mehr gewachsen gewesen sei.
Ludendorff und viele Nazis entwickelten einen
regelrechten Verfolgungswahn. Sie glaubten an eine jüdisch-freimaurerische
Weltverschwörung gegen Deutschland. Hinter zionistischen und freimaurerischen
Wunschvorstellungen sahen sie den konkreten Versuch, die Weltherrschaft zu
erringen. Aber die wollten die Nazis selbst. Bei anderen vermuteten sie das,
was sie selbst wollten. In den Juden und Freimaurern sahen sie eine
unerwünschte Konkurrenz, die es auszurotten galt.
Entsprechend diesem Verfolgungswahn war die
bolschewistische Oktoberrevolution ein Werk der Juden. Vorbild des Sowjetsterns
sei der Davidstern. Lenin und Trotzki seien jüdischer Abstammung und Freimaurer
gewesen.
Derselbe Ludendorff, der den Freimauerern
ihre Humanität vorwirft, schreibt 1935 in seinem Buch "Der totale
Krieg": So richtet sich der totale Krieg nicht nur gegen die Wehrmacht,
sondern auch gegen die Völker".
Sein Ideal ist nicht der Weltfriede, sondern
der Weltkrieg.
Der Freimauererkongress von 1917 in Paris
erklärte dagegen: "Keine Nation hat das Recht, einer anderen den Krieg zu
erklären, denn der Krieg ist ein Verbrechen gegen das ganze Menschengeschlecht.
Jeder Streit muß vor ein internationales Parlament gebracht werden".
Vielleicht haben die Nazis recht, daß Goethe,
Lessing, Washington, Franklin, Lafayette, der Abbè Sieyes, Mirabeau, Danton,
Robbespierre, Marat, Montesquieu, Diderot, d'Alembert, der Freiherr Knigge,
Stresemann, Chamberlain, Briand, Präsident Wilson und George Bush Freimauerer
seien. Hitler und Stalin aber waren es nicht.
Guiseppe Mazzini - Geheimbündler,
Weltbürger und italienischer Patriot
Er wurde am 22. Juni 1805 als Sohn eines
Arztes in Genua geboren. 1828 wurde er Mitglied der "Carbonari" (=Köhler),
einer den Freimaurern verwandten Geheimgesellschaft. 1830 saß Mazzini auf Grund
seiner geheimbündlerischen Umtriebe im Gefängnis von Savona. In seinen
Lebenserinnerungen schreibt er: "Damals schwebte mir...wie ein Stern der
Seele, eine unendliche Hoffnung vor: Italien werde mit einem Schlage als Herold
des Glaubens, des Fortschritts und der Verbrüderung erwachen, viel größer als
das alte Italien. In mir lebte der Glaube an Rom. In den Mauern Roms hatte sich
zweimal die Einheit der Welt entwickelt".
1831 gründete Mazzini das "Junge
Italien", eine Geheimorganisation, die im Guerilla-Krieg und durch das
Schüren von Revolten die fremden Gewaltherrschaften in Italien zermürben und
vertreiben sollte. Sein Ziel war eine gesamt-italische Republik.
Er war Weltbürger und gleichzeitig
Nationalist, aber sein Nationalismus, den er zu einer Art Religion machen
wollte, war noch frei von Intoleranz und Hegemonialstreben. Ihm ging es um die
freie Selbstbestimmung der Völker. Der Gedanke, daß die befreiten Völker einmal
untereinander Krieg führen könnten, lag ihm fern. In seinem Weltbild führten
die Fürsten Kriege - nicht die Völker.
1834 gründete er in der Schweiz das
"Junge Europa", einen radikalen Geheimbund, in dessen
Bruderschaftsvertrag es hieß: "Die Menschheit wird erst dann wirklich
konstituiert sein, wenn alle sie bildenden Völker die freie Ausübung ihrer
Souveränität erlangt haben, in einer republikanischen Föderation verbunden
sind, um sich unter der Herrschaft...eines allgemeinen Paktes demselben Ziel zuzuwenden:
Entdeckung und Anwendung des moralischen Gesetzes".
Ein Mitstreiter und Freund Mazzini's war
Guiseppe Garibaldi (1807-1882). Die beiden wurden 1834 wegen Beteiligung an
Aufständen in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Als Mazzini 1872 starb, war es dank
seiner geistigen Vorarbeit Garibaldi und Cavour gelungen, Italien zu befreien
und zu einigen.
Präsident Wilson und der Völkerbund
Thomas Woodrow Wilson wollte eigentlich
Geistlicher werden und zerlas als Jugendlicher eine Anzahl von Bibeln. Ein Jahr
nachdem er Präsident der USA geworden war, fiel die Schüsse von Sarajewo. Sein
Außenminister William Bryan war überzeugter Pazifist und hatte sich als
eifriger Vermittler von Schiedsgerichtsverträgen bewährt. Die Amerikaner
dachten nicht daran, ihre Neutralität aufzugeben. Nach der Schlacht an der
Marne versuchte Bryan die kriegführenden Staaten dazu zu bewegen, sich einem
schiedsgerichtlichen Verfahren zu unterziehen. Dabei stieß er auf Ablehnung,
denn jede Partei wollte erst einmal ausprobieren, ob sie vielleicht doch siegen
könne. Dann war ja immer noch Zeit für Friedensverhandlungen. Ein
Schiedsgerichtsverfahren hätte auch aufgezeigt, daß alle Beteiligten Schuld
trugen, besonders jedoch Österreich und Deutschland.
Durch den Krieg hatten die USA große Einbußen
beim Handel. 1915 wurde Oberst House, der Vertraute Wilsons, von den Engländern
befragt, was passieren würde, wenn ein englisches Passagierschiff mit vielen
Amerikanern an Bord von einem deutschen U-Boot versenkt würde. House
antwortete: "Ganz Amerika wäre empört". Kurz darauf wurde die
"Lusitania" versenkt. Bryan trat für eine schiedsrichterliche Lösung
ein. Aber der amerikanischen Regierung war nicht mehr nach schiedsrichterlichen
Lösungen, sondern nach Krieg. Bryan trat als Außenminister zurück.
Die Mehrzahl des amerikanischen Volkes war
immer noch gegen einen Kriegseintritt der USA und die Friedensgesellschaften
entwickelten zahlreiche Aktivitäten. Wilson setzte immer noch auf eine
friedliche Einigung. Im Januar 1917 unterbreitete er dem Senat den Gedanken des
Völkerbundes. Er sagte: "Friedensvereinbarungen können den Frieden nicht
dauerhaft sichern, es wird nötig sein, daß eine Macht geschaffen wird, als
Bürge für die Dauerhaftigkeit der Vereinbarung, eine Macht, die so groß sein
muß, daß keine andere Macht und keines der jetzt kriegführenden Länder, keine
bisher gebildete Allianz, noch eine mögliche Völkerkombination der Zukunft ihr
opponieren könnte. Wenn der Friede dauerhaft sein soll, muß er durch die
organisierte Machtmehrheit der ganzen Menschheit gesichert werden".
In Hinblick auf das Ende des Krieges sagte
er, daß der Friede ohne Sieg geschlossen werden müsse. "Ein Sieg würde
einen Frieden bedeuten, der dem Verlierer aufgezwungen ist...er würde nur mit
dem Gefühl der Demütigung hingenommen werden...er würde einen Stachel
zurücklassen, ein Rachegefühl...Der Friede würde nur auf Treibsand ruhen".
Dieser Vorschlag Wilsons war eine Chance für
Europa, seine Vormachtstellung zu behalten, und er war eine Chance für
Deutschland, aus diesem nicht zu gewinnenden Krieg ohne Ehrverlust und
ungestraft herauszukommen. Stattdessen erklärten die Deutschen den
unbeschränkten U-Boot-Krieg. Der gesamte amerikanische Handel mit Europa brach
zusammen und es zeichnete sich in den USA eine Wirtschaftskrise ab. In den amerikanischen
Zeitungen war zu lesen, daß die Deutschen den Mexikanern im Falle eines Sieges
Neu-Mexiko, Arizona und Texas, versprachen, was die Amerikaner ungeheuer
erboste. Möglicherweise wurde diese Meldungen vom amerikanischen Geheimdienst
fälschlich verbreitet, um die Amerikaner auf den Krieg einzustimmen. Vielleicht
wollten die Deutschen auch die Mexikaner gegen die USA aufstacheln. Wie auch
immer, die Kriegstreiber in den USA und in Deutschland hatten es geschafft, daß
der überzeugte Pazifist Wilson und sein auf Neutralität eingestelltes Volk für
den Krieg waren.
Im Januar 1918 unterbreitete Wilson dem
US-Kongress seine berühmten 14 Punkte. Im Dezember 1918 fuhr er zu den
Friedensverhandlungen nach Paris. Wilsons großes Herzensanliegen war der
Völkerbund und dieser Idee zuliebe machte er weitreichende Zugeständnisse auf
Kosten der Verlierer Deutschland und Österreich, die an den Verhandlungen nicht
teilnehmen durften.
Während der Friedensverhandlungen erlitt
Wilson einen Schlaganfall, von dem er sich scheinbar erholte. Aber er war ein
behinderter und kranker Mann. Das muß man bedenken, wenn man ihm zu Recht
vorwirft, er hätte sich von Clemenceau und Lloyd George über den Tisch ziehen
lassen. Die Folge war, daß der Völkerbund nur eine schwache Karikatur dessen
wurde, als das er ursprünglich gedacht war und daß durch den
"Diktatfrieden" von Versailles der Grundstein für Hitlers Aufstieg
gelegt worden war.
Das traurige Schicksal des Völkerbundes war,
von Anfang an die Spielwiese der nationalen Interessen zu sein. Frankreich und
England machten ihn zum Instrument gegen Deutschland, das vom Völkerbund
ausgeschlossen war. Von dem Wilsonschen Ideal der Gleichheit und Gerechtigkeit
zwischen den Völkern konnte keine Rede sein. Unter diesen Umständen war klar,
daß der Völkerbund in Deutschland niemals populär werden konnte und daß die
Propaganda der Nationalsozialisten gegen eine Verschwörung der Weltfreimaurerei
gegen Deutschland auf fruchtbaren Boden fiel.
Wilson hatte durchgesetzt, daß der Versailler
Vertrag und alle andern Friedensverträge, die den Ersten Weltkrieg abschließen
sollten, als festen Bestandteil die Völkerbundssatzung enthalten sollte.
Dadurch sollte mit dem Friedensschluß gleichzeitig der Völkerbund anerkannt
werden. So wollte er sicherstellen, daß der amerikanische Senat, in welchem
seine Partei die Mehrheit verloren hatte, seine Zustimmung zum Völkerbund geben
würde. Er konnte sich nicht vorstellen, daß der Senat die Friedensverträge
ablehnen würde. Doch genau das trat im November 1919 ein. Schon einige Monate
vorher hatte Wilson auf einer Wahlkampfreise ein erneuter Schlaganfall
getroffen. So mußte er hilflos zusehen, wie Amerika sich einer Mitgliedschaft
im Völkerbund verweigerte. Damit war der Völkerbund schon gescheitert, bevor er
überhaupt mit seiner Arbeit begonnen hatte.
Wilson erhielt den Friedensnobelpreis und
starb 1924.
Der Völkerbund war als "System der
kollektiven Sicherheit" geplant. Wenn eines seiner Mitglieder angegriffen
wurde, dann sollte dies als ein Angriff auf alle Mitglieder gelten. Aber der
Völkerbund besaß keine eigene Armee, sonder mußte seine Mitglieder beauftragen,
gegen den Aggressor mit wirtschaftlichen und militärischen Mitteln vorzugehen.
Der Beschluß dazu war aber nur möglich, wenn alle Mitglieder der
Völkerbundsversammlung zustimmten. Kam wieder Erwarten eine Einigung zustande,
war es dem Völkerbundsrat, in welchem die Siegermächte saßen, überlassen, den
Beschluß auszuführen - oder ihn einfach zu ignorieren.
1931 besetzen die Japaner die Mandschurei.
China leistete keinen bewaffneten Widerstand, sondern rief den Völkerbund an.
Aber kein Mitgliedsland war bereit, in einen Krieg mit Japan einzutreten. Man
beschloß lediglich die Einsetzung einer Untersuchungskommission, die 10 Monate
für ihren Bericht brauchte. Die Kommission bestätigte, daß China im Recht war.
Die Vollversammlung des Völkerbundes appellierte an die Parteien, den Streit
friedlich beizulegen.
Der Basler Journalist Ludwig Bauer schrieb in
seinem Buch von 1931 ("Morgen wieder Krieg"):
"Die Tragikomödie des Völkerbundes
erlebt hier ihre Generalprobe. Bekräftigt wurde: Seine Ohnmacht, sein
Zurückweichen vor der Gewalt, der Vorteil des Angreifers, der Krieg als
Tatsache, aber seinen Namen vorsichtig verschweigend. Jeder Staat im Völkerbund
nur opportunistisch an seinen eigenen Nutzen denkend, nicht an das Recht...Der
Völkerbund konnte den Weltwillen nicht organisieren...Hätte der Völkerbund
offen gesagt: 'Dies ist das Recht, aber ich vermag es nicht, es zu schützen',
so wäre er in Schönheit gestorben, und es gibt Auferstehungen...So stirbt er in
Häßlichkeit, auch wenn seine Leiche sehr geschwätzig bleiben dürfte...Morgen
ist wieder Krieg, der dümmste und schlimmste Krieg, mit dem sich die Menschheit
zugleich entehrt und vernichtet".
Die UNO
Als Hitler seine Truppen in Polen
einmarschieren ließ, dachte niemand daran, den Völkerbund einzusschalten. Der
letzte Generalsekretär des Völkerbundes siedelte während des Krieges nach
Amerika über. 1945 war der Völkerbund praktisch nicht mehr vorhanden.
An seine Stelle trat eine neue Organisation,
die einen neuen Anfang signalisieren sollte: Die UNO. Aber es war kein neuer
Anfang, sondern die UNO ist eine Fortsetzung des Völkerbundes mit all seinen
fundamentalen Mängeln. Die UNO in ihrer heutigen Form ist genauso wenig in der
Lage, einen Krieg wirksam zu verhindern, wie der Völkerbund in der Lage war,
den Zweiten Weltkrieg zu verhindern.
Im UN-Weltsicherheitsrat nehmen fünf Staaten,
die "Ständigen Mitglieder" (USA, China, Rußland, England und
Frankreich) eine privilegierte Rolle ein. Durch ihr Veto können sie jeden
Beschluß des Sicherheitsrates blockieren. Die Vollversammlung der UNO hat
ohnehin kaum etwas zu entscheiden, sie ist nur eine Bühne zur Selbstdarstellung
der Nationen. Sie ist eine Diplomatenkonferenz ohne demokratische Legitimation.
Ganz nutzlos ist die UN-Vollversammlung natürlich nicht, denn sie stellt so
eine Art Weltöffentlichkeit dar, vor der die Staaten sich wenigstens den
äußerlichen Anstrich der Ehrbarkeit geben müssen. Die UNO bietet auch eine
Fülle von Möglichkeiten, diplomatische, politische und menschliche Kontakte
herzustellen. Die zahlreichen Unterorganisationen leisten teilweise
segensreiche Arbeit, z.B. das Kinderhilswerk UNICEF.
Im "Golfkrieg" gegen Saddam Hussein
schien es, als würde die UNO ungeahnte Kraft entfalten. Man sprach bereits von
einer "neuen Weltordnung". In Wirklichkeit entfaltete natürlich nur
die USA, unterstützt von Frankreich und Großbritannien, ihre Macht. Die UNO
hatte nur die Aufgabe, aus diesem Krieg einen "gerechten Krieg" zu
machen.
Im Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien offenbarte
sich dagegen sehr schnell, daß die UNO in ihrer heutigen Form nur ein
Papiertieger und zahnloser Bettvorleger ist. Aber dies ist nicht Schuld der
UNO, sonder der Großmächte, die keine Gewalt über sich dulden wollen, und
deshalb die UNO schon als Krüppel auf die Welt kommen ließen.
Die UNO verfügt über keine eigene Armee,
sondern sie ist darauf angewiesen, daß ihr die Mitgliedstaaten Truppen zur
Verfügung stellen. Der Generalsekretär kann dem Weltsicherheitsrat nur
Vorschläge machen. Eine Vetostimme eines ständigen Mitgliedes genügt, um diese
Vorschläge abzuschmettern. Schon bei der Auswahl der Kandidaten für den Posten
des Generalsekretärs achten die Großmächte darauf, daß der Mann keine
unerwünschte Umtriebigkeit besitzt oder einen zu starken Eigenwillen. Wenn er,
wie Waldheim, eine nicht ganz einwandfreie Vergangenheit hat, ist er erpressbar
und umso eher geneigt, sich den Wünschen der Großmächte zu beugen. Wenn er, wie
Dag Hammersköld, zu viel Eigeninitiative entwickelt, und womöglich sogar die
Aufgabe der Friedensstiftung und der Gerechtigkeit zu ernst und sendungsbewußt
verfolgt, kann es leicht sein, daß er eines plötzlichen Todes stirbt.
Als die Schwäche der UNO (und der europäischen
Gemeinschaft) in Bosnien immer offenkundiger wurde, als die UNO und die EU
dabei waren, den letzten Rest an Ansehen zu verspielen, griffen die USA und die
NATO ein. Das entschlossene Auftreten von Botschafter Holbrouke und die
dahinter stehende Militärmacht genügte, um die Waffen zum Schweigen und die
Konfliktparteien an den Verhandlungstisch von Dayton zu bringen.
Damit erreichte man, daß denjenigen, die eine
Reform der UNO forderten, der Wind aus den Segeln genommen war. Denn eine
Reform der UNO ist bei allen Großmächten unerwünscht.
Die Reform der UNO
Eine Reform der UNO wurde immer wieder
gefordert. 1995 legte die "Commission on Global Governace" einen
"Aufruf zu handeln" vor. Diese Kommission ist aus Willy Brandt's
"Nord-Süd-Kommission" hervorgegangen.
Neben einer Reihe erhabener Aufrufe zur
Verwirklichung der Menschenrechte, zur Schutz der Umwelt und zur Verwirklichung
der Gerechtigkeit enthält der Aufruf folgenden konkrete Vorschläge: 1. Die UNO
soll eine eigene Freiwilligenarmee mit maximal 10 000 Mann und mehr Geld
bekommen. 2. Das Veto-Recht der ständigen Mitglieder im Weltsicherheitsrat soll
abgeschafft werde. 3. Anstelle der bisherigen ständigen Mitglieder im
Weltsicherheitsrat sollen treten: Je ein Vertreter von Asien, Afrika und Lateinamerika
sowie zwei Vertreter der Industrienationen. 4. Ein internationales
Verbrecher-Tribunal soll eingerichtet werden. 5. Eine internationale
Gesetzgebung soll auf den Weg gebracht werden.
Das internationale Tribunal für
Kriegsverbrecher und Völkermörder ist inzwischen in Den Haag eingerichtet
worden. Aber seine Arbeit wird verzögert und behindert.
Ein weiterer Vorschlag, der zwar nicht von
der Global-Global-Governance-Kommission, aber z.B. von den Weltföderalisten
vorgetragen wird, ist, der UN-Vollversammlung ein demokratisch gewähltes
Gremium, eine Art "Schattenparlament" zur Seite zu stellen, das, so
hofft man wohl, im Lauf der Jahre auch wirkliche Kompetenzen an sich ziehen
kann.
Die Reform der UNO ist ein sehr zähes und
langwieriges Geschäft. Die nationalen Regierungen, vor allem, wenn ihr Land zum
privilegierten Club der ständigen Mitglieder gehört, werden den bestehenden
Zustand durch ständiges Blockieren der Reformen verteidigen. Ein Druck durch
die öffentliche oder die veröffentlichte Meinung auf die Großmächte ist nicht
zu erwarten. Die Ökologie- und die Friedensbewegung stehen dem Thema
"Reform der UNO zu einer demokratisch legitimierten Militärmacht",
nämlich das wäre im Grunde nötig, desinteressiert bis ablehnend gegenüber,
obwohl sich das Konzept "Frieden schaffen ohne Waffen" in Bosnien als
Utopie erwiesen hat.
Da es vielleicht erst wieder eines
Weltkrieges bedarf, damit die UNO effektiv reformiert wird, haben schon kurz
nach 1945 in USA verschiedene Gruppen damit begonnen, auf eine "Weltverfassung"
und ein demokratisch gewähltes Weltparlament hinzuarbeiten, so z.B. die WCPA
("World Constitution and Parliament Association"), die im Juni 96 in
Innsbruck einen Kongress abhalten wird.
Aber dieser Ansatz ist natürlich ebenso
schwierig zu verwirklichen. Das erste Problem ist, die vielleicht 3,5
Milliarden erwachsenen Menschen ein Weltparlament wählen zu lassen, und das
zweite Problem ist, daß die nationalen Regierungen sich diesem Parlament
unterwerfen. Das dritte Problem ist, daß die bisherigen dominierenden Völker,
die Europäer im weitesten Sinne, von den Asiaten majorisiert würden.
Ich persönlich hätte nichts dagegen, wenn
Chinesen und Inder im Weltparlament die Mehrheit hätten. Wir Europäer haben uns
in unserer Geschichte wohl mehr Kriege und Grausamkeiten zu Schulden kommen
lassen als diese Völker. Aber für die Mehrzahl der Europäer, Amerikaner, ja
selbst Lateinamerikaner und Afrikaner wäre das wohl eine Konstellation, die sie
erst einmal verkraften müßten.
Sollen wir deswegen jetzt darauf verzichten,
auf die Reform der UNO und auf ein Weltparlament hinzuarbeiten. Ich meine:
"Nein !", und zwar aus einer Vielzahl von Gründen, die ich später
noch anführen werde.
Die Schaffung des Europäischen
Bundesstaates
Als die USA sich 1919 weigerten, dem Völkerbund
beizutreten, war dem jungen Grafen Richard Coudenhove-Kalergi klargeworden, daß
nur eine föderativer Zusammenschluß des europäischen Kontinents einen zweiten
Weltkrieg verhindern könne.
Coudenhove-Kalergi wurde am 16. Nov. 1894 in
Tokio als Sohn eines Diplomaten der österreichischen k. und k. Monarchie und
einer japanischen Adligen ergeben. Die Verbindung hatte sich ergeben, weil sein
Vater Botschafter in Japan war.
1923 schrieb Coudenhove-Kalergi sein Buch
"Paneuropa", das weltweites Echo fand. Jedem Buch lag eine
Betrittserklärung zur Paneuropa-Union bei. Bald waren es 1000 Mitglieder. In
diesem Buch forderte er den politischen und wirtschaftlichen Zusammenschluß
Europas zu einem Staatenbund. Neben diese "europäische Gruppe"
sollten in den andern Kontinenten ähnliche Staatenbünde entstehen. 1924 wurde
in der Wiener Hofburg das Generalsekretariat der Paneuropa-Bewegung eröffnet.
Nationale Paneuropa-Kommitees würden gegründet. Die Paneuropa-Bewegung wurde
von Karl Renner, Benesch, Masaryk, Herriot, später von Briand und Dollfuß
unterstützt.
Durch Hitlers Machtergreifung geriet die
Paneuropa-Bewegung in eine verzweifelte Lage. 1938 marschierte Hitler in
Östrreich ein und das Paneuropa-Hauptquartier wurde besetzt. Die
Paneuropa-Union wurde verboten. Sie fand Zuflucht in Bern, aber das eigentliche
Aktionszentrum war Paris, wo die Paneuropa-Idee zur Gegenideologie zum
Nationalsozialismus und Bolschewismus wurde. Coudenhove-Kalergi wurde
französischer Staatsbürger, aber als Hitler mit der Eroberung Frankreichs begann,
mußte er nach New York emigrieren, wo auch das neue Hauptquartier der
Paneuropäer entstand.
1946 kehrte Coudenhove-Kalergi nach Europa
zurück und veranlasste Churchill, für die Einigkeit Europas und die Aussöhnung
zwischen Frankreich und Deutschland einzutreten. Auf Betreiben von
Coudenhove-Kalergi wurde 1947 die "Europäische Parlamentarier-Union
gegrüdet", die sich für ein Europa-Parlament aussprach.
1950 griff der französisische Außenminister
Ribert Schuhmann, ein Lothringer aus Metz, den Gedanken des französischen
Wirtschaftsdenkers Jean Monet auf, daß durch eine Verflechtung der deutschen
und französischen Montanwirtschaft ein Krieg zwischen diesen Ländern unmöglich
gemacht würde. Aus dieser "Montanunion" entwickelte sich die EWG.
In seinem Buch "Vom ewigen Krieg zum
großen Frieden" legte Coudenhove-Kalergi 1956 folgendes dar:
Es droht die Ausrottung der Menschheit, weil
unser Planet ohne Gesetz, ohne Verfassung; Gericht und Polizei ist. Es muß ein
föderalistisch strukturierter Weltstaat geschaffen werden. Nicht die UNO,
sondern die NATO bildet den Kern des künftigen Weltbundes. Die UNO ist nämlich
ohnmächtig.
In seinem 1964 erschienen Buch "Die
Wiedervereinigung Europas" beschreibt Coudenhove-Kalergi die Vision eines
neuen, größeren Europas: "Das alte Europa in der Mitte, mit einem
mächtigen Flügel im Osten, der über Rußland nach Sibirien reicht, und einem
mächtigen Flügel im Westen, der Nordamerika umfaßt. Dem slawischen Europa des
Ostens bietet das angelsächsische Europa des Westens das Gleichgewicht. Eine
Hegemonie des einen oder anderen Flügels über Europa wird dadurch abgewendet.
Europa bleibt das westliche Land der Mitte".
Otto von Habsburg
Das Erbe des 1972 in Österreich verstorbenen
Coudenhove-Kalergi hat Otto von Habsburg übernommen, der Internationaler
Präsident der Paneuropa-Union ist. Er wurde am 20. Nov. 1912 als ältester Sohn
des Erzherzogs Karl, des späteren letzten Kaisers von Österreich, und seiner
Frau Zita, Prinzessin aus dem Hause Bourbon-Parma, geboren.
Am 30. Nov. 1916 marschierte der damals
vierjährige Otto von Habsburg hinter dem Leichenwagen seines Großvaters, Kaiser
Franz Josef II. , her und "blickte, fast unwirklich in seiner
wohlerzogenen prinzlichen Untadeligkeit, neugierig in die Menge", wie wir
in McGuignans Habsburgerbiographie lesen.
Fast genau 70 Jahre später hielt er im Rahmen
seines Seminars der Paneuropa-Union in der Münchner Bundeswehrhochschule einen
Vortrag. Ich notierte mir:
"Seine Getreuen nennen ihn 'kaiserliche
Hoheit'. Er hätte sicher einen guten Kaiser abgegeben. Aber sein Großonkel
Erherzog Franz Ferdinand wurde in Sarajewo von dem serbischen Studenten Gavrilo
Princip ermordet. Und dann kam das Malheur mit dem Ersten Weltkrieg.
Heute (1997) ist sein Gang ist etwas unsicher
und sein Rücken von der Last der Jahre etwas gebeugt. Trotzdem ist er weit
davon entfernt, ein Greis zu sein. Er ist geistig noch voll auf der Höhe, auf
Fragen antwortet er geistesgegenwärtig und sicher. A bisserl leger ist er und a
bisserl vornehm. Er spricht hochdeutsch, oder besser oberdeutsch, mit einem
leichten Wiener-Hofburg-Akzent. So hätte der Karlheiz-Böhm eigentlich mit
seiner Sissy reden müssen.
Im Jahr 1273 hat sein Ahnherr Rudolf I. drei
seiner Töchter mit drei der sieben Kurfürsten verheiratet, die ihn dann zum
Deutschen König wählten. Ein anderer Vorfahr von ihm, Karl der V., herrschte
über "ein Reich, in dem die Sonne nicht untergeht". Dessen
Urgroßvater, Kaiser Friedrich III., hatte überall den Spruch eingravieren
lassen: "AEIOU", "Alle Erde Ist Oestereich Unterthan". Wenn
das kein Beweis für die Kraft des positiven Denkens ist!
Was mögen für Gedanken hinter seiner noch
erstaunlich glatten Stirn kreisen?
Vielleicht besteht das Heilige Reich noch
fort, war seine Auflösung nur eine erzwungene, und daher nichtige Formalität. Vielleicht
können es Menschen gar nicht auflösen, weil es von Gott kommt - genauso wenig
wie man das Sakrament der Ehe aufheben kann. "Je maintiendrai" (ich
werde weitermachen, ich werde nicht aufgeben) war der Wahlspruch Karls des
Kühnen, Herzog von Burgund, eines anderen Vorfahren von Otto von Habsburg.
Wird nicht der wahre Kaisertitel durch die
Gnade Gottes verliehen, und nicht vom Volk oder kraft eigener Macht? War nicht
die französische Revolution ein Verbrechen und ein Irrtum, der korrigiert
werden muß? Aus ihr entstand der laizistische, gottlose Staat. Sollte man nicht
lieber mit einem moslemischen Fundamentalisten paktieren, als mit einem
sozialistischen Atheisten, der die Abtreibung befürwortet und das Kruzifix aus
dem Klassenzimmer verbannt?
Er ist Abgeordneter im Europa-Parlament und
Internationaler Präsident der Paneuropa-Union, und er kennt Gott und die Welt.
Einmal hat er in die Weltgeschichte eingegriffen, als er mit Gyula Horn das
Paneuropäische Picknick 1989 an der ungarisch-österreichischen Grenze
organisierte. Da hat er der DDR den Stöpsel rausgezogen und sie ist
ausgelaufen. Danach ist er rastlos durch die ehemalige Donaumonarchie gereist,
hat alte Beziehungen erneuert und neue geknüpft, was für sein Alter eine
erstaunliche Kraftleistung ist. Aber seine Mutter, Kaiserin Zita, ist ja 97
geworden. In einem gewissen Sinn hat er die Donaumonarchie wieder in Besitz
genommen. Als Vaclav Havel tschechischer Präsident wurde, ernannte er Dr. Karl
Fürst Schwarzenberg zum Leiter seiner Staatskanzlei auf dem Hradschin. Fürst
Schwarzenberg ist Chef der jüngeren Linie des Hauses Schwarzenberg und Autor
des Buches "Adler und Drache - der Weltherrschaftsgedanke". Ein
treuer Freund Habsburgs ist auch Bucar, der slowenische Parlamentspräsident.
Otto von Habsburg bastelt daran, Europa zu
einem einzigen Staat zusammenwachsen zu lassen, damit es eine Weltmacht des
Friedens werden kann. Sein neuestes Buch heißt: "Friedensmacht
Europa". Deshalb muß das Europäische Parlament gestärkt und zum richtigen,
voll entscheidungsbefugten Parlament werden. Er hat es geschafft, daß seine
rechte Hand, der junge Bernd Posselt Europa-Abgeordneter wurde, andere
Paneuropäer sitzen schon im Europa-Parlament: Siegbert Alber und Ursula
Schleicher. Auch im bayerischen Kabinett waren bis vor kurzem die Paneuropäer
mit 2 Ministern vertreten (Thomas Goppel und von Waldenfels).
"Alteri gerunt belli, tu felix Austria
nubes" (andere mögen Kriege führen, du glückliches Österreich heiratest).
Irgendwie gilt das heute noch. Ein Sohn Otto's von Habsburg, Karl, hat die
Tochter des Industriebarons Thyssen-Bornemiza geheiratet. Noch ist Habsburg
nicht verloren.
Hier nun einige Aussprüche Otto von Habsburgs
vom 2.Dez. 95:
"Wissen Sie, es wird nie zu einer
Verurteilung von Karadzic und Mladic vor dem Internationalen
Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag kommen. Das wurde zwar bei den
Friedensverhandlungen in Dayton beschlossen. Aber man macht der Öffentlichkeit
nur etwas vor. Der Oberste Richter, der Südafrikaner Goldstone, sagte mir in
einem persönlichen Gespräch, daß er gar nicht die Mittel habe, die
Kriegsverbrecher zu verurteilen. Er habe nämlich kein Geld, um die Zeugen und
die Anwälte zu bezahlen. Als dann von privaten Geldgebern das Geld dazu
bereitgestellt worden sei, hätte Butros Ghali die Annahme untersagt."
Zur Entwicklungshilfe meinte er:
"Das meiste Geld aus der
Entwicklungshilfe-Programm der Europäischen Gemeinschaft hat Mozambique
erhalten. Dann sind einmal ein paar Europa-Abgeordnete hinuntergefahren und
haben nachgeschaut, was mit dem Geld passiert. Da haben sie herausgefunden, daß
nur 15 % des gelieferten Getreides des Bevölkerung zugute kam. 50 % wurde
gestohlen und nach Rußland geliefert und Waffen dafür eingetauscht. Die
restlichen 35 % fraßen die Ratten."
Zur UNO bemerkte Kaiserliche Hoheit: "Da
gab es einmal einen UNO-Botschafter aus Venezuela, der sich eine sehr dunkle
Geschichte hat zu Schulden kommen lassen. Er wurde entlassen und schaffte es,
daß sich sieben Inselstaaten in der Karibik von ihm als UNO-Botschafter
vertreten ließen. Er hatte damit sieben Stimmen in der UN-Vollversammlung, die
er sich in lukrativer Weise abkaufen ließ".
Zu Saddam Hussein: "Die Amerikaner haben
den Krieg 24 Stunden zu früh abgebrochen. Sie hätten Hussein entgültig besiegen
müssen. Man darf nicht vergessen, daß der Irak ein völlig künstliches Gebilde
ist, das nach dem ersten Weltkrieg von den Siegern geschaffen wurde, mit dem
Ziel eine Kolonie daraus zu machen und das Erdöl zu besitzen".
Über die neureichen Russen: "In Nizza
sind in dem Hotel Negresco fast alle guten Zimmer von Russen belegt, die die
Taschen dick voll Geld haben und damit nur so herumschmeißen. Das Geld stammt
vom Verkauf des russischen Erdöls oder aus dunklem Geschäften".
1986 erschien Otto von Habsburgs Buch
"Die Reichsidee - Geschichte und Zukunft einer übernationalen
Ordnung". Otto von Habsburg schreibt:
Es war ein Fehler Metternichs, die Auflösung
des Heiligen Römischen Reiches nicht rückgängig zu machen, und es war ein
Fehler des Kaisers, auf ihn in dieser Frage zu hören.
Auch das künftige Vereinte Europa wird aus
der Tradition des Heiligen Römischen Reiches leben. Europa muß ein Reich
werden, ob es diesen Namen trägt oder nicht. Jedes Reich wird durch eine höhere
Mission geschaffen. Als großer Markt wird Europa keine Dauer haben.
Die Reiche Bismarcks und Hitlers waren keine
Reiche, sondern Nationalstaaten, also das Gegenteil eines Reiches. Ein Reich
ist nicht auf eine einzige Nation beschränkt, sondern es muß eine Klammer
zwischen den verschiedenen Völkern und Staaten sein. Es fußt auf übernationalem
Recht und einer übernationalen Idee. Der Reichsbegriff steht für eine
staatliche, gesellschaftliche und geistige Ordnung, die über der territorialen
Souveränität steht. Sie beruht nicht auf Herrschaft, sondern auf Recht, sie
beruht auf einer richtenden und schlichtenden Autorität. Sie dient dem
gemeinsamen Wohl und schützt die Schwachen vor den Starken. Sie ist im
Zeitalter der Atomwaffen ein Gebot des Überlebens.
Schon in vorgeschichtlicher Zeit leiteten die
Herrscher von Reichen ihre Legitimation dadurch ab, daß sie von den Göttern
abstammten und von einer göttlichen Macht in ihr Amt eingesetzt waren. Die
Kaiser des Heiligen Römischen Reiches waren von Gottes Gnaden eingesetzt. Das
Reich ist also eher ein sakraler Wert. In den Türkenkriegen kämpfte das
Vielvölkerheer des Reiches für Gott und Reich. Der Abfall von der christlichen
Lehre führte zur Hitlerdiktatur.
Als die französische Revolution die
Volkssouveränität proklamierte, zerstörte dies wie ein Krebsgeschwür die ganze
Rechtsstruktur. Damit war zum legalisierten Massenmord nur noch ein kleiner
Schritt.
Die Berufung der Deutschen als Träger der
Reichsidee war es, zwischen den umliegenden Kulturen zu vermitteln. Deutschland
hat keine natürlichen Grenzen; seine Volksstämme gehen fließend in die
angrenzenden Völker über. Der Nationalismus ist undeutsch; eine Reichsvolk darf
nicht nach nationalistischer Vorherrschaft streben. Die Deutschen können
Frieden und Sicherheit nur im großen abendländischen Rahmen finden. In dem
Moment, wo man versuchte, das Deutschtum abzugrenzen, war die Katastrophe
vorprogrammiert. Deshalb mußte das kleindeutsche Bismarckreich scheitern.
Das Erbe des burgundischen Zwischenreiches,
das ein Vorläufer einer europäischenFöderation war, ging 1477 duch die Heirat
Kaiser Maximalians mit Maria von Burgund auf das Haus Habsburg über. Die
Habsburger sind eigentlich Habsburg-Lothringer. Der politische Brennpunkt
Europas liegt auf der Linie Straßburg-Luxemburg-Bonn-Brüssel, also auf dem
ehemaligen burgundisch-lothringischen Zwischenreich.
Die habsburgische Donaumonarchie war nicht
der "Völkerkerker", als der sie diffamiert wurde, sondern sie bot den
vielen kleinen Völkern Schutz. Selbst Sozialisten denken in Österreich wehmütig
daran zurück.
Eines Tages werden die Völker jenseits des
Eisernen Vorhangs ihre Freiheit wiedererlangen.
Der Erste Weltkrieg war einen Folge der
Zerschlagung des türkischen Großreiches auf dem Balkan, an dessen Stelle
kleine, nationalistische Staaten getreten waren.
Soweit Otto von Habsburg. Ich gebe ihm darin
Recht, das Europa und die Welt eine übernationale Ordnung brauchen. Es ist auch
richtig, was er über die Mission der Deutschen als Vermittler in Europa gesagt
hat. Ich könnte mir sogar einen "Kaiser von Europa" aus dem Hause
Habsburg vorstellen. Allerdings müßte es sich dabei um eine konstitutionelle
Monarchie handeln, ähnlich der spanischen mit Juan Carlos oder der
holländischen, schwedischen oder englischen. Ein solcher europäischer Monarch
könnte durchaus eine völkerverbindende und integrierende Wirkung haben. Diese
Rolle könnte durchaus auch erblich und "von Gottes Gnaden" sein.
Aber von den Errungenschaften der Aufklärung
und der französischen Revolution möchte ich nicht abgehen. Die
Volkssouveränität muß klar als das erkannt werden, was sie wirklich bedeutet:
Die Souveränität der Menschheit und das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Man
sollte das Christentum und die Feudalzeit nicht glorifizieren. Die Völker sind
nicht Eigentum der Dynastien, und sie sind nicht das Objekt von Schacher und
Tauschgeschäften. Der Papst ist nicht unfehlbar und das Christentum ist nicht
die allein wahre Religion. Gottes Wille bleibt unerforschlich; deshalb kann
auch keine Dynastie behaupten, sie herrsche von Gottes Gnaden, zumal dieser
Gnade oft durch Betrug, Mord und Krieg nachgeholfen wurde.
Aber ich mache Otto von Habsburg für seine
Ansichten keinen Vorwurf. Sie ergeben sich einfach aus seiner Herkunft und
Biographie. Er ist ein echter Habsburger - und das ist keine Schande.
Das Reich der Messiasse
Ich habe gezögert, dieses Kapitel einzufügen.
Mein Thema ist ein hauptsächlich politisches. Aber die Übergänge zwischen
Politik und Religion sind fließend. Die Trennung von Politik und Religion ist
ein Teil europäischen Aufklärung, entstanden aus der leidvollen Erfahrung der Religionskriege.
Aber nicht nur in der islamischen Welt und im
Judentum sind Religion und Politik untrennbar miteinander verquickt.
Der Messias, der die Weltherrschaft antreten
und ein Friedensreich errichten wird, ist eine Erwartung, die in vielfacher Ausprägung
zahlreiche Sekten und Religionsgemeinschaften in aller Welt teilen. Besonders
verbreitet ist dieser Glaube bei den christlichen und den schiitischen
Religionsgemeinschaften. Trotz aller enttäuschten Hoffnungen glauben sie
weiterhin daran, daß ihr Messias bald kommen wird oder schon da ist.
Ich bin da Realist: Selbst wenn es einem
außergewöhnlichen Menschen gelingen würde, die Welt zu einen und ein
Friedensreich zu errichten, wäre dies noch kein Beweis dafür, daß er der von
Gott gesandte Messias ist. Und erst recht nicht ist jemand ein von Gott
gesandter Messias, wenn es ihm vor seinem Tod nicht gelungen ist, das
Friedensreich zu schaffen.
Man könnte diese ganze Messias-Hoffnung als
Hysterie oder belangloses Wunschdenken abtun, wenn sie nicht eine so breite
Spur in der Weltgeschichte hinterlassen hätte und noch immer hinterläßt. Der
Messias-Glaube gehört eigentlich in den antiken Orient und in das Mittelalter.
Da aber nur der kleinere Teil der Menschheit geistig in der Neuzeit lebt (ich
bitte das nicht als europäische Arroganz, sondern als schlichte Feststellung
aufzufassen), ist der Messiasglaube auch heute noch ein bedeutender Faktor.
Die Erwartung des herannahenden Weltgerichtes
führte zu den Bauernkriegen zur Zeit Luthers. Die Wiedertäufer im Westfälischen
Münster errichteten eine theokratische Herrschaft. In England sah sich Oliver
Cromwell als Vorkämpfer des Gottesreiches und eröffnete 1653 das
"Parlament der Heiligen". Das Reich Gottes stellte die irdischen
Autoritäten in Frage und führte zu Revolutionen und Bürgerkriegen.
Ähnlich ist es heute in der islamischen Welt:
Die Theokratie der persischen Mullahs trat an die Stelle des Schah-Regimes, in
Algerien, Ägypten und der Türkei drängen die Fundamentalisten an die Macht und
wollen in einem revolutionären Prozess einen Gottesstaat errichten.
Der verborgene Imam der Schiiten
Schia heißt auf arabisch "die
Partei". Gemeint ist damit die Partei der Anhänger Ali's, des fünften
Nachfolger Mohammeds, der im Zuge eines Machtkampfes ermordet wurde. Ali war der
erste Imam der Schiiten, die sich von der Hauptrichtung des Islam, den Sunniten
abspalteten. Das Zentrum der Schiiten war und ist Persien, das wohl die Heimat
des Messiasglaubens ist. So wurde Ali nach und nach zu einer Art Christus
umgedeutet. So wie die katholischen Päpste die Vertreter Christi auf Erden
waren, so waren die Imame die Stellvertreter Ali's, und sie galten als
unfehlbar. Anders aber als die Päpste, heirateten die Imame und hatten Söhne.
Einer unter diesen Söhnen wurde dann vom Imam zum Nachfolger auserwählt. Der
siebte Imam, Ismail, starb aber kurz nach seiner Ernennung.
Die Sekte der Ismailiten glaubte nun, daß
Ismail nicht gestorben, sondern nur "entrückt" sei und ähnlich wie
Jesus Christus, nach einer unbestimmten Zeit wiederkehren und einen islamischen
Gottesstaat errichten werde.
Im Jahr 860 trat im Land zwischen Euphrat und
Tigris ein Mann auf, der die baldige Wiederkehr des siebten Imam verkündete und
einen Sklavenaufstand entfachte, der von dem Kalifen mit großer Mühe
niedergeschlagen werden konnte.
Im Jahr 880 gab es schon wieder einen
Verkünder des herannahenden Gottesreiches. Der irakische Bauer Hamdan Qarmat,
der 899 am persischen Golf einen auf einer Art frühchristlichem Urkommunismus
beruhenden Staat aufbaute.
Hassan as-Sabah, das Oberhaupt der
Haschischmörder
Im Jahr 1090 erschien vor der Burg Alamut
("das Adlernest"), die auf einer steilen Felsnase nahe der
nordpersischen Stadt Kaswin erbaut war, der etwa 40-jährige ismailitische
Wanderprediger Hassan as-Sabah. Er eroberte mit seinen Anhängern die Burg und
machte sich daran, die Weltregierung des "entrückten" Imam
vorzubereiten.
Er umgab sich mit einem fanatischen
Mönchsorden, der durch Terror und politischen Meuchelmord zum einem
gefürchteten Machtfaktor wurde. Seine Kämpfer waren die "Fedajin",
die "sich Opfernden".
Durch vielerlei Mittel verstand es Hasan
as-Sabah, sich diese Truppe absolut ergeben zu machen. Die Vorstellung des
"heiligen" Krieges" war im Islam ohnehin Allgemeingut. Wer fiel,
konnte damit rechnen, direkt ins Paradies einzugehen. Einen Vorgeschmack aufs
Paradies soll es auf Alamut schon gegeben haben: einen wunderbaren Garten, in
dem aus Leitungen Wein, Milch und Honig floßen. Es gab Lusthäuser und anmutige
Tänzerinnen. Der junge Ordenssoldat, der einen Auftrag erhalten sollte, wurde
mit einem Schlafmittel betäubt und in den Garten gebracht. Dort erwachte er und
erfuhr die Wonnen des Paradieses. Nach einer Weile wurde er wieder in seinen
grauen Alltag zurückgebracht. Wenn er seinen Auftrag erfüllt habe, so wurde ihm
versprochen, dürfe er für immer in diesem Paradies wohnen. Der Garten allein
schon konnte süchtig machen, Hassan as Sabah verabreichte aber zusätzlich auch
Rauschmittel wie Haschisch, um sie für ihre Erlebnisse im Garten noch
empfänglicher zu machen. Das französische Wort "assasin"
(Meuchelmörder) leitet sich von dem Wort "Haschischin"
(Haschischesser) ab.
Die begabten und intelligenten unter den
Assasinen erfuhren eine gründliche Ausbildung. Sie lernten fremde Sprachen und
wurden mit fremden Kulturen vertraut gemacht. Sie lernten sich zu tarnen und
jahrelang an fremden Fürstenhöfen zu leben, um das Vertrauen der Opfer zu
gewinnen. Manche stiegen sogar in hohe Positionen auf.
Wenn sie erkannt und gefangen genommen
wurden, gaben sie unter der Folter vor ihrem Tod nicht die Namen anderer
Sektenmitglieder preis, sondern nannten Personen, die sie mit ins Verderben
reißen wollten.
Der "Meister", der auf dem Berge
wohnt", und seine Nachfolder bauten die Macht der Assasinen immer weiter
aus. Bis hin nach Syrien eroberten und befestigten sie schwer einnehmbare
Burgen. Dadurch wurden sie im Seldschukenreich zum "Staat im Staate"
und bedrohten es von innen heraus. Die Burgbesatzungen haben sich wohl durch
Raubüberfälle und durch Abgaben von den umliegenden Bauern ernährt. Der
Seldschuken-Sultan Mohammed ließ den "Alten vom Berge" in seinem
"Adlernest" von Truppen einschließen, starb dann aber im Aker von 37
Jahren. Vermutlich haben ihn die Assasinen vergiftet.
Zahlreiche Herrscher wurden von des Assasinen
getötet, darunter auch Konrad von Montferrat, Herrscher im Kreuzfahrerstaat
Tyros.
Es gab manchen christlichen oder muslimischen
Herrscher, (und solche, die es werden wollten), die die Dienste der Assasinen
in Anspruch nahmen. Die Assasinen sollen Beziehungen zu den Tempelrittern
gepflegt haben.
Der dritte Nachfolger as-Sabahs erklärte sich
zum Imam, der jetzt aus der Verborgenheit zurückgekehrt sei.
Hasan
as-Sabah starb 1124. Sein
"Adlerhorst" hielt sich noch 132 Jahre. 1256 wurde er von den
Mongolen unter Hülägü, dem späteren Zerstörer Bagdads, erstürmt, zerstört und
die Besatzung ermordet. Damit hörte die Sekte der Assasinen zu Bestehen auf.
Die Sekte der Ismailiten bestand dagegen
weiter. Heute gibt es etwa 10 Millionen. Mit den Haschischmördern hat diese
Sekte nichts zu tun, sondern es ist eine ganz normale Religionsgemeinschaft.
Der Mahdi
Am Tag des Jüngsten Gerichts, so glaubt der
Islam, wird der Prophet Mohammed wieder erscheinen. Ihm vorausgehen wird Jesus.
Jesus vorausgehen, so heißt es in mündlichen Überlieferungen wird ihm der
"Mahdi" (der "Rechtgeleitete"), der das Weltreich des Islam
vollenden und die Ungläubigen besiegen und vertilgen wird. Man wird ihn an
vielen geheimen Zeichen erkennen.
Im Sudan erwartete man für das Jahr 1882 die
Ankunft des Mahdi, und ein gewisser Mohammed Achmed und seine Anhänger
glaubten, daß er der Mahdi sei. Manche hielten ihn auch für den
"Kutb", die "Achse der Heiligkeit", das ist einer der
Heiligen, der ihrem Zeitalter die geistige Richtung geben. Vielleicht war er
sogar "El Kidr", das ist eine Art "Ober-Kutb", der
unsterblich ist und bis zum jüngsten Gericht weiter lebt.
Der Mahdi schlug mit unterlegenen Kräften
eine Armee von 6000 ägyptischen Soldaten, später noch eine zweite mit 15 000 .
Er eroberte Khartum, das von dem englischen General Gordon verteidigt wurde.
Gordon fielt. Aber der Mahdi wurde in Khartum zum Despoten, wurde dick, liebte
den Wein und die Frauen und starbt im gleichen Jahr an Typhus.
Die Baha'i
William Miller, der Sheriff von Poulney im
US-Staat Vermont, kam durch intensives Bibelstudium zu dem Schluß, daß die
Wiederkunft des Messias im Jahr 1843 zu erwarten sei. Er reiste als
Wanderprediger umher und hatte großen Zulauf. Als der Messias ausblieb,
entdeckte er einen Rechenfehler: der Messias würde erst 1844 kommen. Aber auch
1845 passierte nichts, und Miller zog sich aus der von ihm gegründeten Bewegung
der Adventisten zurück.
Aber vielleicht stimmte zwar die Zeit, aber
nicht der Ort. Vielleicht sollte auch nicht Jesus, sondern der vor 1000 Jahren spurlos
verschwundene zwölfte Imam der "Zwölfer-Schiiten" zurückkehren.
Jedenfalls wurde man 1844 in der persischen Stadt Schiras fündig, nachdem man
ihn, ähnlich wie den tibetischen Dalai Lama, auf einer langen Reise gesucht
hatte. Zwar fand man den verborgenen Imam nicht persönlich, aber einen, der mit
ihm in Verbindung stand: den 25-igjährigen Kaufmann Ali Mohammed, der sich
"Bab", "das Tor" nannte.
Unter seinen Jüngern war die Dichterin
Tahirih ("die Reine"), die eine sehr eindrucksvolle und attraktive Frau
gewesen zu sein scheint. Sie war eine engagierte Vorkämpferin der
Gleichberechtigung der Frau und hielt vor den Moslems öffentliche Reden, wozu
im Persien des 19.-ten Jahrhunderts auserordentlicher Mut gehörte. Sie erschien
geschminkt in einer Versammlung der Gläubigen und warf demonstrativ vor aller
Augen den Schleier weg. Tahiri starb später den Märtyrertod für den Bahaismus,
der dank ihres Einflusses heute noch die Gleichberechtigung der Frau hochhält.
Allmählich wuchs im Bab die Überzeugung
heran, daß er selbst der verborgene Imam sei. Als er sich aber so wenig wie
Jesus anschickte, das Reich Gottes zu errichten, wandten sich viele Schiiten
enttäuscht von ihm ab und verspotteten ihn. Aber seine Anhänger verkündeten,
daß sein Reich sei nicht von dieser Welt sei.
Nun lehrte der Bab, daß nicht Mohammed,
sondern er selbst der letzte und endgültige Prophet sei. Das konnte der
orthodoxe Islam natürlich nicht hinnehmen, zumal der Bab in seinen Predigten
politische und soziale Mißstände anprangerte und und eine Revolte
heraufbeschwor.
Die Babi, oder Baha'i, wie sie sich nannten,
wurden verfolgt und viele wurden hingerichtet, aber ihr Märthyrertum machte
ihren Glauben nur noch populärer.
1847 wurde der Bab verhaftet und nach 13
Monaten Haft den höchsten kirchlichen Würdenträgern vorgeführt. Der Bab sagte
zum Vorsitzenden: "Ich bin, ich bin, ich bin der Verheißene".
Das erinnert an Matt 26, Vers 63-66: "Da
sprach der Hohepriester zu Jesus: 'Ich beschwöre dich, daß du uns sagst, ob du
der Christus, der Sohn Gottes bist'. Jesus antwortete ihm: 'Du hast es gesagt'.
"
Der Bab wurde 1850 in einem alten Kasernenhof
mit einem Strick, der ihm unter die Arme gebunden wurde, aufgehängt. Eine
Abteilung armenischer Soldaten feuerte eine Salve auf ihn ab, die aber nur das
Seil traf. Der Bab fiel unversehrt zu Boden. Einige Stunden später wurde er zum
zweiten Mal aufgehängt, aber die Soldaten weigerten sich zu schießen, so daß
ein anderes Erschießungskommando zusammengestellt werden mußte. Wieder wurde
eine Salve abgefeuert. Diesmal war der Erfolg endgültig. Nach Dr. J.E.Polak
soll es dem Bab, obschon getroffen, gelungen sein, im Pulverdampf durch ein
dickes Wasserrohr aus dem Kasernenhof zu schlüpfen. Wäre seine Leiche nicht auf
der andern Seite der Mauer gefunden worden, hätte man wohl geglaubt, der Bab
wäre in den Himmel aufgefahren.
Nach dem Tod ihres Oberhauptes zettelten die
Baha'i überall in Persien Aufstände an. Sie wurden zu Tausenden getötet.
Trotzdem griff die Baha'i-Bewegung immer weiter um sich und hätte sich vielleicht
sogar durchgesetzt, wenn nicht 1852 ein Baha'i ein Attentat auf den Schah
verübt hätte, der dabei durch Schrotkörner im Gesäß getroffen wurde. Der
Attentäter wurde sofort getötet und unter den Baha'i ein schreckliches Massaker
angerichtet. Dadurch wurden die Baha'i in den Untergrund gedrängt.
Zu seinem Nachfolger hatte der Bab einen
jungen Adeligen, Mirza Yahya, bestimmt. Aber sein 13 Jahre älterer Bruder,
Mirza Hussein Ali, verdrängte ihn allmählich aus dieser Position. Einige Jahre
vor seinem Tod hatte sich der Bab wieder mit der Rolle des Verkünders des Mahdi
beschieden und beanspruchte nicht mehr, selbst der Mahdi zu sein. Diesen
Anspruch erhob jetzt Mirza Hussein Ali, der sich "Baha'Ullah"
("Herrlichkeit Gottes") nannte.
Der Baha-Ullah verbrachte viele Jahre in
türkischen Gefängnissen, aber auf Betreiben der Baha'i wurden die
Haftbedingungen immer besser, ja geradezu feudal. Er verfasste bis zu seinem
Tod im Jahre 1892 über 100 Bücher und schickte an fast alle Staatsoberhäupter
seiner Zeit mahnende Briefe, in denen er sie aufforderte, untereinander Frieden
zu schließen, die Untertanen gerecht zu behandeln und ein christliches Leben zu
führen. Er schrieb diese Briefe im Bewußtsein, der Erlöser der Menschheit und
der König der Könige zu sein. Entsprechend anmaßend war wohl auch sein Stil. An
den Papst schrieb er: "Verkaufe den reich verzierten Kirchenschmuck, den
Du besitzt, und opfere ihn auf dem Pfade Gottes".
Napoleon wies einen Brief des Baha'Ullah mit
den Worten zurück: "Wenn dieser Mann von Gott ist, bin ich selbst
Gott".
Der Baha'Ullah stellte folgende Grundsätze
der Baha'i-Religion auf: Die gesamte Menschheit muß als Einheit betrachtet
werden. Alle Menschen sollen die Wahrheit selbständig erforschen. Alle
Religionen haben eine gemeinsame Grundlage. Die Religion muß die Ursache der
Einigkeit und der Eintracht unter den Menschen sein. Die Religion muß mit
Wissenschaft und Vernunft übereinstimmen. Mann und Frau haben gleiche Rechte.
Vorurteile jeglicher Art müssen abgelegt werden. Der Weltfrieden muß verwirklicht
werden. Beide Geschlechter sollen die beste geistige und sittliche Bildung
erfahren. Es muß eine Einheitssprache und eine Einheitsschrift eingeführt
werden. Es muß ein Weltgerichtshof eingesetzt werden.
Wenn man diese Grundsätze genauer betrachtet,
sind es keine religiösen Aussagen, sondern philosophisch-politische, und zwar
Aussagen, die aristotelischen Geist mit indischer Toleranz verbinden. In diesen
Grundsätzen steckt eine Menge von Lessings Ringparabel und humanistischer
Aufklärung. Ich kann diese Grundsätze durchaus akzeptieren - aber als
Philosophie, nicht als Religion. Ich habe auch Verständnis dafür, daß sich
viele Weltföderalisten und Weltbürger zu den Baha'i hingezogen fühlen oder
sogar Bah'i sind.
Die Beschäftigung mit den persischen
Religionen zeigt, daß der Mythos des Messias oder Heilands aus Persien stammt.
Die Juden haben diesen Mythos während ihrer babylonsichen Gefangenschaft
kennengelernt und zu einem Bestandteil ihrer Religion gemacht. Ein Mythos ist
ein Stück Poesie, also ein Stück Kunst. Eine Roman oder ein Drehbuch, überhaupt
jede Kunst, ist oft nicht wahr, in dem Sinne, daß sie die Wirklichkeit exakt
wiedergibt. Aber sie ist oft wahrer als die Wirklichkeit, weil sie diese in
einer komprimierten, verdichteten Form abbildet.
Jesus war der Sohn Gottes, denn jeder Mensch
ist ein Kind Gottes. Jesus war unsterblich, denn jeder Mensch ist unsterblich -
nicht als Individuum, aber als Spezies Mensch und als Teil des Lebens. Jeder
Mensch wird auch wiedergeboren, erlebt also eine Wiederauferstehung, denn
irgendwo wird wieder ein Kind geboren, das ihm ähnlich ist - auch wenn es nicht
von ihm abstammt. Das sind simple, rational erfaßbare Tatsachen, die im Mythos
nur überhöht und verdichtet werden, wie schon in den Fruchtbarkeitsreligionen
das Sterben und neue Erwachen der Natur personifiziert und mytologisiert
dargestellt wurde, oder in den indianischen Totemtieren die Abstammung des
Menschen aus dem Tierreich und der Natur zum Ausduck kommt.
Nach dem Tod Baha'Ullahs brach zwischen
seinen beiden ältesten Söhnen ein Streit um die Nachfolge aus. Der Sieger,
Abdul Baha, erklärte, daß mit Baha'Ullah die Reihe der Propheten nicht beendet
sei, sondern daß er die Offenbarung fortsetze. Er machte sich zum Gegenstand
eines ausufernden Personkultes und drängte das Vermächtnis seines Vaters immer
mehr in den Hintergrund.
Die Baha'i betrieben eine eifrige, weltweite
Missionstätigkeit, besonders in Amerika. Abdul Baha siedelte nach Haifa über
und ließ für den Bab ein Mausoleum am Berg Karmel errichten, das 1909
fertiggestellt wurde. Dort ist auch der Baha'Ullah begraben und dort wurde auch
Abdul Baha 1921 beigesetz.
Sein Nachfolger war Shogi Effendi, der bis
1957 das Amt des "Hüters der Sache Gottes" übernahm. Nach seinem Tod
übernahm ein Führungskollektiv die Leitung der Baha'i': "Die erhabenen
Hände" (heute: "Universales Haus der Gerechtigkeit").
Nach der Machtübernahme von Ayatolla Khomeni
machten sich die Mullahs daran, die Baha'i in Persien auszurotten.
Die Baha'i glauben, daß mit dem Auftreten des
Baha'Ulla ein neuer Abschnitt der Menschheitsgeschichte eingetreten sei. Mit
der Baha'i-Religion sei ein Impuls in die Welt gekommen, der schließlich zum
Friedensreich Gottes auf Erden führen werde. Dieses Reich sei aber ein
geistiges. Die Herzen der Menschen würden sich ändern und jedermann würde von
sich aus das Gute tun. So würde dann der Frieden von selbst eintreten. Sie
selbst wollen nicht direkt in die Politik eingreifen, sondern nur durch
Erweckung des rechten Bewußtsein und des rechten Glaubens wirken. Diese
Ausgießung des Heiligen Geistes durch Baha'Ullah würde bewirken, daß alle
Religionen in die Baha'i-Religion münden würden. Religionen, Rassen und
Nationen würden zu einer Einheit zusammenfinden, der Krieg werde am Schluß
gänzlich unterdrückt werden.
Abdul.Baha schrieb: "Das Rassenvorurteil
ist eine Einbildung, ein reiner Aberglaube, denn Gott erschuf und alle von
einer Rasse...Am Anfang gab es keine Grenzen und Schranken zwischen den
verschiedenen Ländern. Kein Teil der Erde gehörte einem Volk mehr als dem
andern...Alle Rassen, Stämme, Bekenntnisse und Klassen haben gleichen Anteil an
den Gaben ihres himmlischen Vaters".
Abdul-Baha nahm 1913 am Esperanto-Treffen in
Paris teil. Shogi Effendi forderte 1931: "Irgend eine Art des
Welt-Überstaates muß sich entwickeln, zu dessen Gunsten alle Nationen der Welt
auf jedes Anrecht der Kriegserklärung...verzichten". Er forderte 1936 eine
Welt-Gesetzgeberschaft, eine Welt-Exekutivgewalt, einen Welt-Gerichtshof, eine
Welthauptstadt und eine Weltsprache, die in allen Nationen neben der
Muttersprache gelehrt werden solle.
Der Nationale Geistige Rat der Baha'i in
Deutschland schreibt 1975 in seiner Broschüre "Umwelt und
Weltordnung": "Unsere Zeit erfordert einen neuen Typus Mensch,
ausgestattet mit einem Menschheitsbewußtsein und orientiert sich an dem
obersten sozialen Grundwert: der Einheit". Dieser neue Menschentypus
achtet bei allem, was er tut, auf das Wohl der gesamten Menschheit. Der
Nationalstaat sei ein gefährlicher Anachronismus. Die "heilige Kuh"
der nationalen Souveränität müsse geschlachtet werden.
Nach Ansicht der Baha'i sind die
gegenwärtigen politischen und religiösen Systeme zum Untergang verurteilt. Die
Zeit werde die Menschheit reif machen für die Theokratie der Baha'i.
Die Baha'i arbeiten in der UNO mit und haben
beratenden Status. Sie haben weltweit angeblich 4,8 Millionen Anhänger.
Wie bei allen Religionsgemeinschaften klafft
auch bei den Baha'i zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine unüberbrückbare
Lücke. Wenn schon die Nachfolger des Baha-Ullah sich nicht in Liebe und
Freundschaft zugetan waren, sondern erbitterte Machtkämpfe führten, wie soll
dann der Rest der Menschheit gemäß den Idealen des Bah-Ullah leben?
Die Zeugen Jehova's
Nach ihrer Erwartung hat die zukünftige
Weltregierung ihren Sitz im Himmel und wird ihre übermenschliche Macht auf die
Erde ausdehnen. Sie glauben: "Die Zeit für den größten Wechsel in der
ganzen Menschheitsgeschichte steht kurz bevor".
Gründer der Zeugen Jehovas ist der ehemalige Adventist
Charles Russel (1852-1916). Der wohlhabende Kaufmann aus Pittburgh
(Pennsylvania) machte 1881 seine eigenen Verlag auf, die "Zions Wachturm
und Traktat-Gesellschaft", deren Aktienmehrheit er besaß. Das ist typisch
amerikanisch: Eine Religionsgemeinschaft als Aktiengesellschaft, in welcher der
Stifter die Aktienmehrheit hat. Die Druckerzeugnisse diese Verlags wurden von
hauptamtlichen Predigern verkauft, die davon ihren Lebensunterhalt bestritten.
Auf Grund dieser Schriften bildeten sich in verschiedenen Städten Gruppen, die
Russel betreute. Schließlich wurde die Arbeit so groß, daß Russel Mitarbeiter
heranziehen mußte. Er selbst starb, rastlos in der ganzen Welt unterwegs, im
Santa-Fe-Express.
Sein Nachfolger war Joseph Rutherford
(1969-1941). Er war Russels Anwalt und Testamentsvollstrecker. Er war Mitglied
des siebenköpfigen Führungsgremiums der Wachturms-Gesellschaft, bootete aber
schon bald vier seiner Kollegen aus, weil sie nicht damit einverstanden waren,
daß er den schriftlichen Nachlass Russells in dem Sinn verfälschte, daß das
"Wachturm"-Direktorium mit prophetischer Autorität ausgestattet
wurde. Von nun an arbeitete Russel zäh daran, durch eigene Bücher und Traktate
die Lehren Russells in den Hintergrund zu drängen und die Zeugen Jehova's auf
seine Linie einzuschwören, was ihm bis 1931 schließlich gelang. Sein Nachfolger
Nathan Knorr sorgte dafür, daß die Kader seiner Theokratie hervorragend als
Propagandisten und Redner ausgebildet wurden.
Rutherford erklärte den Papst zum
Stellvertreter des Teufels auf Erden, seine Nachfolger sahen in der
katholischen Kirche das "Weltreich der falschen Religion". Das stand
in der Tradition des Protestantismus. Luther hatte 1519 an seinen Freund
Spalatin geschrieben: "Ich glaube fast, daß der Papst der Antichrist oder
wenigstens sein Apostel sei". Später rückten dann die Zeugen Jehova's von
der Verteufelung der katholischen Kirche ab und erklärten die UNO zum
Feindbild. Die UNO ist für die Zeugen Jehova's eine "lästerliche
Nachahmung des Königreiches Gottes", und da verstehen die Zeugen Jehova's
keinen Spaß. Wer für eine Stärkung der UNO eintritt, ist für sie ein Handlanger
des Antichrist.
Die Zeugen Jehova's sehen sich als neue
Nation, der nach der Wiederkunft des Messias alle Menschen angehören werden.
Jesus wird dann mit 144 000 auserwählten Zeugen Jehova's die Welt regieren.
Zwar hat sich jetzt die ganze Welt, angestachelt vom Satan, gegen die Zeugen
Jehova's und ihr Hauptquartier in Brooklyn (New York) verschworen, aber am Ende
werden sie siegreich sein - so ihr Glaube. Kritiker der Zeugen Jehova's sehen
in ihrer theokratischen Organisation eine "schrankenlose Diktatur".
Allen Verlautbarungen und Anordnungen bis zu Ernennung des kleinsten
Funktionärs hafte die Autorität Gottes an. Die Mitglieder der Organisation
seien "Sklaven Jehova's".
Allerdings muß man diese Vorwürfe
relativieren. Die Zeugen Jehova's haben standhaft den Kriegsdienst verweigert.
Im "Dritten Reich" wurden ca. 10 000 Zeugen Jehova's ins KZ gebracht,
tausend wurden hingerichtet und tausend starben im KZ und in Gefängnissen.
Das "Direktorium" und die
"verborgene Exekutive"
In der esoterischen Literatur wird die
Legende erzählt, daß es im tibetanischen Hochland die Kolonie "Shangri
La" gebe, deren Bewohner im Besitz übersinnlicher Kräfte seien und eine
Art Weltregierung darstellten. Sie seien Statthalter von über- und
außerirdischen Mächten. Mit Hilfe von Agenten würden sie in die Geschichte
eingreifen und die notwendige Entwicklung der Menschheit fördern.
Als Beauftragter dieser "Geheimen Meister"
wurde von manchen ihrer Anhänger "Madame Blavatsky" (Helena Petrowna
Blavtsky) angesehen, die 1885 in New York die Theosophische Gesellschaft
gründete, die neu-heidnische Magie, hinduistische und buddhistische Religion
und Spiritismus verband. Einer der Schüler Madame Blavatsky's war Rudolf
Steiner, Vorsitzender der "Deutschen Theosophischen Gesellschaft". Er
trennte sich aber 1909 von den Theosophen trennte und 1913 seine
"Androposophische Gesellschaft" gründete.
Grund 1909 entdeckten die Theosophen in
Indien einen neuen Messias: einen 14-jährigen Hindu-Jungen namens Jiddu
Krishnamurti. Der drohte den deutshcen Messias Rudolf Steiner zu verdrängen.
Die überirdischen Mächte, "das
Direktorium", so der Glaube, würden mit der "verborgenen
Exekutive" in Verbindung stehen und ihr Anweisungen geben, um das
göttliche Streben zu verwirklichen. Die Befehle der "verborgenen
Exektutive" wiederum würden die "Geheimnisträger", eine Art
Agenten, die als gewöhnliche Menschen getarnt seien, ausführen. Es gäbe mehrere
Exekutivzentren. Eines davon sei Afghanistan, von wo aus die Sufi's gesteuert
würden.
Das Ganze ist so originell nicht. Das
"Direktorium" sind in den altorientalischen Religionen die Fürsten im
Geisterreich und die Planetengötter. Im Judentum sind es die Erzengel, die den
Willen Gottes an die "verborgene Exekutive", eben die nachgeordnete
Schar der Engel, weitergeben. Diese wiederum erscheinen den Menschen im Traum
und geben den von Gott Auserwählten ihre Anweisungen.
Die Thule-Gesellschaft
Für die zukünftigen Herrscher der Welt
hielten sich gemäß Pauwells und Bergier ("Aufbruch ins Dritte
Jahrtausend", passender wäre: "Aufbruch ins Mittelalter") die
Mitglieder der Thule-Gesellschaft. Diese Geheimgesellschaft war zu Beginn der
zwanziger Jahre in München aktiv. Ihr gehörten an: Alfred Rosenberg, Rudolf
Hess und der Geopolitiker Prof. Karl Haushofer. Sie sollen Einfluß auf Hitler
ausgeübt haben, der eigentlich nur ein durch finstere Mächte gesteuertes Medium
gewesen sei.
Die Thule-Gesellschaft hatte 1919 in Bayern
1500 Mitglieder. Sie sei eine Tarnorganisation des 1912 gegründeten
Germanenordens gewesen, schreibt der Historiker Werner Maser. In Bayern war der
Germanenorden durch die Aktivitäten von Rudolf Freiherr von Sebottendorff ins
Leben gerufen worden. Seine Biographie weist eine Menge weißer Flecken auf.
Heller und Maegerle (in:"Thule") schreiben: Sebottendorf hieß Adam
Alfred Rudolf Glauer und wurde am 9.Nov. 1875 im sächsischen Hoyerswerda
geboren. Er wurde Matrose und macht eine Seereise um die Welt. Er hielt sich in
Ägypten und in der Türkei auf, wo er esoterische Studien begann. 1915 heiratete
er in Wien eine vermögende Kaufmannstochter.
Die Thule-Gesellschaft war stark anti-jüdisch
eingestellt. Sie mietete im Hotel "Vier Jahreszeiten"in München
einige Zimmer und stellte sie nationalistischen Parteien, Vereinigungen und
Gruppen für Zusammenkünfte und Tagungen zur Verfügung. Die Zeitung
"Münchner Beobachter" gehörte Sebottendorff, der auch das Freikorps
"Oberland" aufstellte. Mitglieder der Thule-Geselschaft und des
Germanenordens beeinflußten Hitlers Denken stark - vor allem sein Freund und
Mentor Dietrich Eckart.
Gemäß Pauwells und Bergier glaubten - von der
Thule-Gesellschaft beeinflußt - die sieben Gründer der NSDAP, darunter Hitler,
daß sie die Unterstützung finsterer überirdischer Mächte hätten.
Bergier und Pauwells erwähnen Spekulationen
über persönliche Verbindungen zwischen der Theosophischen Gesellschaft Steiners
und der Thule-Gesellschaft. Steiner hob 1903 eine Zeitschrift namens
"Luzifer" aus der Taufe. Irgendwie beteiligt soll auch Aleister
Crowley (1875-1947) gewesen sein, einer der geistigen Väter des heute in der
Rock-Szene (Black Metal und Heavy Metal) blühenden Satanismus.
Wieviel von diesen Vermutungen wahr ist, kann
ich nicht beurteilen. Es scheint aber im Jahr 1911, als Hitler nach München
kam, eine Okkultisten-Szene gegeben zu haben, die sich mit der Wiederbelebung
heidnischer Kulte, z.B. der Dionysos-Mysterien oder der alten germanischen
Religion befasst zu haben. Diese deutsche Gruppierung hatte sich aber wohl von
der englischen Szene, deren innerer Zirkel die "golden dawn" gewesen
sein soll, abgespalten und stand zu ihr in Opposition. Trotzdem teilte sie mit
ihr wohl den Mythos von der geheimen Weltregierung irgendwo im Inneren der Erde
und versuchte (in dieser irrationalen Logik) durch Geisterbeschwörung und
Medien zu dieser "Weltregierung" Kontakt aufzunehmen und ihr Wissen
und ihre Kräfte anzuzapfen.
Menschen in der Umgebung Hitlers hielten wohl
diese Mythen aus dem Himalaya für wahr.
Die NSDAP strebte die Weltherrschaft an
Der "harte Kern" der NSDAP strebte
die Weltherrschaft an und glaubte sich vielleicht zur Weltherrschaft berufen
und auf dem Weg dorthin von außer- und unterirdischen Kräften unterstützt. Das
versperrte ihnen vielleicht die Einsicht, daß Deutschland gegen den Rest der
Welt auf verlorenem Posten stand.
Nach den Vorstellungen Ludendorff's und
seiner Anhänger (der "Ludendorff-Bewegung") existierte bereits sehr
lange eine geheime Weltregierung: Eine Koalition aus Katholische Kirche,
Jesuiten und Freimaurern, welche durch Beherrschung der Handelswege und Börsen
und durch Kontrolle der Geldströme heimlich zu regieren würde. Zentren dieser
Weltregierung seien London und New York.
In einem seiner Pamphlete schreibt
Ludendorff: "Im Laufe des 19.-ten Jahrhunderts wurde der Kampf des Juden
und Freimaurer zur Errichtung der Weltherrschaft noch weiter erfolgreich
fortgesetzt. Es trat das jüdische Ziel, eine 'Weltrepublik' zu errichten, in
der alle Staaten als Provinzen... zusammenzufassen wären, immer deutlicher
hervor. Juden und Freimaurer wurden Herren in Frankreich, Spanien, Italien,
England und USA...Der Papst hatte bereits 1814 den Jesuitenorden
wiederhergestellt, den Papst Clemens XIV. 1773 verboten hatte. Der Jesuit hatte
seine Abgesandten in die Freimaurerischen Hochgrade geschoben und so...in
seinen Dienst gestellt".
Im Weltbild des preußischen Protestanten
Ludendorff hatte sich nicht nur die katholische Kirche heimlich mit den
Freimaurern gegen Deutschland verschworen, sondern auch noch die Freimaurer mit
der sozialistischen Internationale, dem Weltbund der Proletarier.
In einer weiteren Schrift aus dem
Ludendorff-Verlag schreibt ein Herbert Frank: "Die überstaatlichen Mächte
erstreben die Herrschaft über die ganze Welt...Juda und Rom ringen oft
erbittert gegeneinander um den Vorrang in der Welt. Wir erleben es aber auch
immer wieder, daß sie zusammengehen...Heutigentags sind die überstaatlichen
Mächte ihrem Endziele sehr nahe gekommen...Der vergangene Weltkrieg wurde 25
Jahre vorher auf dem Weltfreimaurerkongress 1889 in Paris beschlossen...Nach
außen hin treten sie möglichst wenig hervor... Walther Rathenau schrieb einmal
von 300 Männern, die die Welt beherrschen und erklärte: 'ihre Macht liegt in
der Anonymität...Aller Okkultismus dient den überstaatlichen Mächten' ".
Aber nicht die Freimaurer haben den Ersten
Weltkrieg entfesselt, sondern die deutschen Chauvinisten. Schon 1919 hatte der
Präsident des Reichsministeriums, Scheidemann, in Weimar klargestellt:
"Die alleinige Schuld für das, was geschehen ist, fällt ausschließlich auf
die, die allen Warnungen zum Trotz das Verderben entfesselt haben".
Für die Nationalsozialisten war es
selbstverständlich, daß Deutschland die Weltherrschaft erringen müsse. Einer
ihrer bevorzugten Philosophen war Nietzsche. Er schreibt in "Der Wille zur
Macht": "Es naht sich, unabweislich, zögernd, furchtbar wie das
Schicksal, die große Aufgabe und Frage: wie soll die Erde als Ganzes verwaltet
werden...es ist...möglich gemacht, eine Herren-Rasse heraufzuzüchten, die
zukünftigen 'Herren der Erde'; - eine neue, ungeheure, auf der härtesten
Selbst-Gesetzgebung aufbauende Aristokratie...eine höhere Art von Menschen, die
sich, dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen, Reichtum und Einfluß des
demokratischen Europas bedienen wird als ihres gefügigsten und beweglichsten
Werkzeuges, um das Schicksal der Erde in die Hand zu bekommen..."
Der "große Mensch" hat nach
Nietzsche folgende Eigenschaften: "Er ist härter, kälter,
unbedenklicher", in ihm sind "...Unrecht, Lüge, Ausbeutung am
größten".
Nietzsche selbst war ein verletzlicher Mensch
mit mangelndem Durchsetzungsvermögen. Mit dieser Schreiberei überkompensierte
er ein persönliches Defizit. Verständlich, daß seine Philosophie bei verwandten
Seelen Anklang fand. Dazu zähle ich auch Hitler. Die große Pose seiner Härte
und Entschlossenheit war nicht echt. Er wollte Künstler werden, er war sensibel
- eine Eigenschaft, ohne die er nie diesen großen Erfolg bei der
Menschenbeeinflussung haben können. Er diente im Weltkrieg als Meldegänger -
nicht mit der Waffe. Wenn man seine Gestik seinen Reden beobachtet, sieht man
weiche, fast weibische Bewegungen.
So sahen sie also aus, die
nationalsozialistischen Herrenmenschen. Göbbels war klein und hatte eine
Klumpfuß. Göring war viel zu fett. Auf einem Plakat schrieb die Bayerische
Volkspartei ein spöttisches Zitat: "Erklärt mir doch, Graf Orindur, diesen
Zwiespalt der Natur!"
Zu Beginn seiner Karriere beschäftigte sich
Hitler mit den angeblichen Weltherrschaftsplänen der Juden, die nach seiner
Ansicht die ganze Welt heimlich regieren und ausbeuten würden. 1921 schrieb er
im "Völkischen Beobachter", die Juden wollten "die Zertrümmerung
der nationalen Staaten" und würden versuchen, "ihren unsichtbaren
Staat auszubreiten als oberste Spitzentyrannei über die ganze Welt".
Um die Weltherrschaft zu erlangen, plante
Hitler, zunächst Rußland niederzuwerfen. Die Engländer wollte er zunächst als
Verbündete, weil sie ebenfalls "Arier" waren. Man sollte sich die
Welt teilen: Das europäische Festland sollte Hitlerdeutschland bekommen,
während England sein Empire behalten sollte. Später, so hoffte Hitler, würde
Deutschland in diesem Bündnis auf Grund der weit größeren Bevölkerungszahl das
Übergewicht bekommen. Eines Tages würden dann Deutschland und England vereint
gegen Amerika antreten.
Das Sowjetimperium
Im Manifest der Kommunistischen Partei,
veröffentlicht 1848 von Marx und Engels in London, heißt es:
"Die Arbeiter haben kein
Vaterland". Indem das Proletariat die politische Herrschaft erobert,
konstituiert es sich als Nation. Die nationalen Gegensätze der Völker
verschwinden immer mehr. Nicht nur die Ausbeutung eines Individuums durch ein
anderes, sondern auch die Ausbeutung eines Volkes durch das andere wird
aufgehoben. Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die
feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.
Das Proletariat wird seine politische
Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu
entreißen.
Für die Marxisten war (und ist) gibt es nur
eine Nation: Das Proletariat. Angestrebt wird die weltweite Herrschaft des
Proletariats, also die Weltherrschaft des Proletariats.
Für die französischen Revolutionäre war es
klar, daß die Kriege nur von den Feudalherren geführt wurden. Wenn erst das
Volk herrschen würde, dann würde es keine Kriege mehr geben.
Für die Kommunisten ist klar, daß die Kriege
von der Bourgeoisie geführt werden, um an der Produktion und am Handel mit
Waffen Geld zu verdienen. Sie glauben, daß man nur die Kapitalisten abschaffen
muß, um den Krieg abzuschaffen.
Ein Krieg zwischen sozialistischen Staaten
ist für sie undenkbar. Aber das hat sich als Denkfehler erwiesen, denn auch
kommunistische Nationen haben sich untereinander bekriegt, z.B. China und
Vietnam.
Ein gewisser ehemaliger Schüler eines
orthodoxen Priesterseminars, Josef Wisssarionowitsch Dschugaschwili aus
Georgien, besser bekannt unter dem Namen Josef Stalin, hielt an der
Swerdlow-Universität Vorlesungen über die Grundlagen des Leninismus, die 1924
als Buch erschienen. Er erklärte darin:
Der Leninismus ist der Marxismus im Zeitalter
des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Der Imperialismus ist Zeit
der mächtigen monopolistischen Großkonzerne, der Banken und der
Finanzoligarchie in den Industrieländern, die in einen Kampf um Rohstoffquellen
und fremde Territorien eingetreten sind. Die Industrieländer beherrschen die
abhängigen Völker der Welt. Die Verarmung der Massen führt unausweichlich zur
proletarischen Revolution. Die Krise in den kapitalistischen und gleichzeitig
in den unterentwickelten Ländern muß verschärft werden, damit der Revolution
der Weg geebnet wird. Der Kapitalismus unterdrückt die ungeheure Mehrheit der
Bevölkerung der Erde durch eine Handvoll Industrieländer. Dadurch befindet sich
die Welt am Vorabend der sozialistischen Revolution. Wichtigstes Instrument der
proletarsichen Revolution ist die Diktatur des Proletariats. Denn auch wenn das
Proletariat die Macht im Staat besitzt, sind die bürgerlichen Kräfte noch nicht
besiegt, weil sie teils mit ihrem Geld ins Ausland geflohen sind, teils im Land
geblieben sind und auf eine Rückgängigmachung der Revolution warten. Da man das
Geld nicht abschaffen kann, können auch immer wieder neue Kapitalisten aus
kleinen Handwerksbetrieben entstehen. Deshalb muß das Proletariat den alten
Staat zerschlagen und einen neuen Staat schaffen. Dieser Prozess wird sich über
viele Jahre hinziehen. Die Gutsbesitzer und Kapitalisten müssen enteignet
werden, dies kann nur unter Anwendung von Gewalt geschehen. Der proletarische
Staat ist eine Maschine zur Niederhaltung des Besitzbürgertums. Dabei darf er
durch kein Gesetz beschränkt werden. Auch darf es für die Besitzbürger keine
Demokratie geben.
Aus dieser Doktrin ergab sich, daß von Moskau
aus überall auf der Welt Aufstände und Revolutionen geschürt wurden, mit dem
Ziel der Weltrevolution. Wäre dies geglückt, dann hätte es eine Weltdiktatur
des Proletariats gegeben. Die nationalen Grenzen wären zur Bedeutungslosigkeit
herabgesunken und die Welthauptstadt wäre Moskau geworden.
Paradoxerweise war aber in der marxistischen
Ideologie gar kein Staat vorgesehen, sondern eher eine Art paradiesischer
Naturzustand, wie ihn schon Rousseau geschildert hatte. In seinem Buch
"Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft"
(der sog. Anti-Dühring") schreibt Friedrich Engels: "Das Proletariat
ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die Produktionsmittel zum
Staatseigentum. Aber damit hebt es sich selbst als Proletariat, damit hebt es
alle Klassenunterschiede und Klassengegensätze auf, und damit den Staat als
Staat...Der Staat wird nicht abgeschafft, er stirbt ab". Und Lenin schrieb
1917 in Staat und Revolution: "Die Gesellschaft, die die Produktion...neu
organisiert, versetzt die Staatsmaschine dahin, wohin sie dann gehören wird:
ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die Bronzene Axt" und:
"In der Frage der Abschaffung des Staates gehen wir mit den Anarchisten
keineswegs auseinander".
Aber bis es soweit ist, muß die Partei der
Proletarier den Staat mit diktatorischer Gewalt beherrschen. Stalin schreibt in
"Über die Grundlagen des Leninismus": "Die Partei...ist das
Instrument in der Hand des Proletariats zu Eroberung der Diktatur, solange
diese noch nicht erobert ist, zur Festigung und zum Ausbau der Diktatur, nachdem
sie erobert ist...Was heißt aber, die Diktatur "behaupten" und
"ausbauen"? Das heißt, die Millionenmassen der Proletarier mit dem
Geist der Disziplin und der Organisiertheit beseelen...Daraus folgt aber, daß
das bestehen von Fraktionen unvereinbar ist sowohl mit der Einheit der Partei
als auch mit ihrer eisernen Disziplin".
Die unterdrückten Kleinbauern und
arbeitslosen Massen in den Städten der Dritten Welt hatten in diesem Kampf
zwischen der kapitalistischen und der sowjetischen Welt die Wahl zwischen zwei
Übeln: zwischen einer Militärdiktatur der herrschenden Klassen und einer
Diktatur "des Proletariats". Der Verlierer dieser Auseinandersetzung
war stets das Volk.
Ein typischen Beispiel ist Afghanistan, das
1921 von England unabhängig wurde. Stalin schreibt: "Der Kampf des Emirs
von Afghanistan ist objektiv ein revolutionärer Kampf, trotz der
monarchistischen Anschauungen des Emirs und seiner Kampfgefährten, denn dieser
Kampf schwächt, zersetzt und unterhöhlt den Imperialismus". Nachdem 1980
die Sowjets in Afghanistan einmarschiert waren, unterstützen die USA die
islamisch-fundamentalistischen Stammeskrieger gegen die Russen. Natürlich war
ihr Kampf ein objektiv demokratischer, weil er den Kommunismus unterhöhlte.
Das amerikanische Imperium
Nach dem Untergang des Hitler-Imperiums
errang das amerikanische Imperium die militärische Vormacht in der Welt. Die
Europäer hatten sich in zwei Weltkriegen selbst zerfleischt, die Sowjetunion
hatte im Kampf mit den Deutschen ihre letzten Kraftreserven mobilisiert, China
lag nach der Invasion der Japaner am Boden und Japan war besiegt. Es gab es
keine mit den USA vergleichbare Militärmacht auf der Welt - zumal sie im
alleinigen Besitz von Atomwaffen waren.
Aber das Sowjetimperium Stalins ging
ebenfalls gestärkt aus dem Krieg hervor und war überzeugt, daß über kurz oder
lang das amerikanische Imperium scheitern würde. In einem mit langem Atem
geführten Feldzug der Entfachung von Aufständen und Revolutionen wollte Stalin
allmählich die weltweite Vorherrschaft des Sozialismus errichten.
Die Amerikaner dachten dagegen nicht im Traum
daran, im Handstreich, nachdem einmal die amerikanische Kriegsmaschinerie
angelaufen war, den Rest der Welt, zumindest aber die Sowjetunion, in ihr
Imperium einzugliedern. Denn das wäre unrealistisch, verlustbringend und
unmoralisch gewesen, drei Eigenschaften, die dem amerikanischen Volkscharkter
zuwiderlaufen. Die Amerikaner sind moralistisch, pragmatisch und
geschäftstüchtig.
Amerika hat Land und natürliche Ressourcen im
Überfluß. Es verfügte bereits über ein riesiges Land, zudem hätte es den
Mexikanern oder Kanadiern noch weitere Gebiete "abkaufen" können.
Warum hätte es sich ein Imperium aufhalsen sollen? Es liegt zwischen zwei
Ozeanen in unangreifbarer Lage. Es hatte keine "Vorwärtsverteidigung"
nötig. Andererseits wäre sein Imperium durch die Weite des Ozeans vom
Mutterland getrennt gewesen.
Die Eroberung der Welt hätte eine gewaltige
Kraftanstrengung erforderlich gemacht, und sie hätte die Investition gewaltiger
Mittel erfordert. Das wäre nicht populär gewesen. Vermutlich hätte es zu einem
"imperial overstretch" geführt, einer Überdehnung der Kräfte, wie das
Paul Kennedy nennt.
Aber Amerika hätte ja die Welt nicht
unterwerfen, sondern ihr nur eine neue politische Ordnung geben sollen. Dazu
hätten die Kräfte gereicht.
Den Amerikanern war in dem historischen,
unwiederbringlichen Jahr 1945 die Chance zugefallen, der Welt eine Regierung zu
geben. Sie hätten den Versuch unternehmen können, durch die Mittel der
Diplomatie, der Bestechung, der Drohung mit Atomwaffen und durch punktuellen
und möglichst schonenden Einsatz von nichtnuklearer militärischer Gewalt die
Welt in weitgehend selbstverwaltete Bundesstaaten einzuteilen.
Die USA haben sich der Herausforderung, die
Weltherrschaft wirklich zu übernehmen, nicht gestellt, sondern sind davor
zurückgewichen. Die USA nußten wohl zurückweichen, sonst hätten sie einen
"Imperial overstretch" (Paul Kennedy), eine Überdehnung der Kräfte
erlitten. Und zurückgewichen sind sie seit diesem unwiederbringlichen Moment
von 1945 immer mehr. Stalin konnte seinen Machtbereich bis in die Mitte
Deutschlands ausdehnen und der USA einen Rüstungswettlauf aufzwingen, der
letztlich wohl teurer gekommen ist und gefährlicher war, als die Eroberung der
Sowjetunion. In der Kuba-Krise stand die Welt am Rande des Atomkrieges. Im
Korea-Krieg sind die USA zurückgewichen, obwohl sie auf der Straße des Sieges
waren. Sie haben zugelassen, daß das demokratische China Dr. Sun Yatsen's von
den Maoisten besiegt wurde. Sie mußten sich aus Vietnam zurückziehen, konnten
Cuba nicht besetzen, verloren ihren Einfluß in Persien. Im Golfkrieg gegen
Saddam Hussein zogen sie sich ebenfalls vorzeitig zurück.
Den USA scheint die Problematik des
Zurückweichens und der Zurückhaltung bewußt zu sein. Sie sind sich aber auch
bewußt, daß sie allein die Welt nicht in Ordnung bringen können. Hier sind alle
demokratischen Industrienationen gefordert.
Die USA haben ein anderes Imperium
geschaffen, ein Imperium, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist, ein
"Imperium ohne Grenzen" (Claude Julien). Es ist schlicht und einfach
ein wirtschaftliches und kulturelles Imperium. Es funktioniert nach dem
Prinzip, daß die USA (und in ihrem Windschatten die Westeuropäer) die Energie-
und Rohstoffvorkommen der Welt zu einem Spottpreis (auf Grund der Überbewertung
von Dollar und DM) von den Ländern der Dritten Welt aufkaufen und selbst
verbrauchen.
Das amerikanische Imperium funktioniert
anders, raffinierter, weniger brutal als das spanische, französische oder englische
Kolonialreich und das Sowjetreich. Die ausgebeuteten Gebiete werden nicht
besetzt und nicht verwaltet. Das spart gewaltige Kosten und vermeidet riesige
Probleme. Das amerikanische Imperium ist ein Imperium der Händler, nicht der
Krieger, der Unterhalter, nicht der Missionare.
Nötig wäre aber ein anderes Imperium: eines,
das sich als Schutzschirm, als Garant der Menschenrechte und als letzte
Hilfsinstanz über ein Reich aus selbstverwalteten und in eigenen Belangen
selbst regierten Ländern und Gemeinwesen versteht.
Um ein solches allumfassendes Weltreich vor
Bürgerkriegen und Terror, vor Separatismus und ethnischen Konflikten, kurz: vor
der hausgemachten Barbarei zu schützen, müßte es in allen Ländern die Medien
(im umfassendsten Sinne) kontrollieren und als Erziehungs- und
Beeinflussungsmittel nutzen. Es ist nichts Schlechtes daran, wenn die Menschen
durch Schule, Religion, Radio, Zeitung, öffentliche Rede, Film und Fernsehen zu
der Erkenntnis erzogen werden, daß die Menschenrechte für alle Menschen
verbindlich und zu garantieren sind, daß der Gemeinnutz der gesamten Menschheit
den Vorrang vor egoistischen Teilinteressen hat, daß Kriege und Ausbeutung ein
Verbrechen sind und daß der Reiche mit dem Armen teilen muß.
Dies muß auch in Ex-Jugoslawien geschehen,
sonst werden sich die NATO-Friedensstifter resigniert zurückziehen müssen. Um
ein funktionierndes Staatswesen aufrechtzuerhalten, braucht zweierlei: Die
Kontrolle der verbrecherischen Elemente durch die Waffe und die geistige
Lenkung des Volkes. Die Waffe allein kann nicht herrschen, und der Geist allein
auch nicht.
Der Geist, der das real existierende
amerikanische Imperium beherrscht, ist der Geist der Krämer, der Spekulanten,
der Geldbesitzer, der Fabrikanten, der Manager und der Technokraten, die von
einem Heer Ingenieuren und Wissenschaftlern unterstützt werden. Man will Profit
machen, das ist die höchste Maxime.
Nun, es gibt Schlimmeres als die Herrschaft
des Geldes: die Herrschaft der Verbrecher, der Psychopathen, der Dummköpfe oder
der Fanatiker. Die Menschheit ist nicht verwöhnt worden. So gesehen ist das
weiche Imperium der Amerikaner direkt eine Wohltat. Von einer geheimen
Weltregierung des jüdischen Finanzkapitals, das von New York aus die Welt
beherrscht, kann nicht die Rede sein. Regieren heißt nämlich Verantwortung
übernehmen und im sinne des Gesamtwohles zu agieren. Insofern gibt es keine
geheime Weltregierung. Es gibt nur eine Anzahl reicher und mächtiger Leute, die
sich natürlich auch persönlich kennen und natürlich auch in Kontakt stehen und
auch mal zusammenarbeiten. Aber eine Weltregierung gibt es leider nicht.
Um die Welt zu einen und ihr eine Regierung
zu geben, in der alle Nationen vertreten sind, dazu braucht es mehr. Aber
welches Volk wäre dazu in der Lage? Am ehesten noch die USA, gestützt von den
befreundeten Nationen.
Die Schaffung des Europäischen
Bundesstaates
Als die USA sich 1919 weigerten, dem
Völkerbund beizutreten, war dem jungen Grafen Richard Coudenhove-Kalergi
klargeworden, daß nur eine föderativer Zusammenschluß des europäischen
Kontinents einen zweiten Weltkrieg verhindern könne.
Coudenhove-Kalergi wurde am 16. Nov. 1894 in
Tokio als Sohn eines Diplomaten der österreichischen k. und k. Monarchie und
einer japanischen Adligen ergeben. Die Verbindung hatte sich ergeben, weil sein
Vater Botschafter in Japan war.
1923 schrieb Coudenhove-Kalergi sein Buch
"Paneuropa", das weltweites Echo fand. Jedem Buch lag eine
Betrittserklärung zur Paneuropa-Union bei. Bald waren es 1000 Mitglieder. In
diesem Buch forderte er den politischen und wirtschaftlichen Zusammenschluß
Europas zu einem Staatenbund. Neben diese "europäische Gruppe"
sollten in den andern Kontinenten ähnliche Staatenbünde entstehen. 1924 wurde
in der Wiener Hofburg das Generalsekretariat der Paneuropa-Bewegung eröffnet.
Nationale Paneuropa-Kommitees würden gegründet. Die Paneuropa-Bewegung wurde
von Karl Renner, Benesch, Masaryk, Herriot, später von Briand und Dollfuß
unterstützt.
Durch Hitlers Machtergreifung geriet die
Paneuropa-Bewegung in eine verzweifelte Lage. 1938 marschierte Hitler in
Österreich ein und das Paneuropa-Hauptquartier wurde besetzt. Die
Paneuropa-Union wurde verboten. Sie fand Zuflucht in Bern, aber das eigentliche
Aktionszentrum war Paris, wo die Paneuropa-Idee zur Gegenideologie zum Nationalsozialismus
und Bolschewismus wurde. Coudenhove-Kalergi wurde französischer Staatsbürger,
aber als Hitler mit der Eroberung Frankreichs begann, mußte er nach New York
emigrieren, wo auch das neue Hauptquartier der Paneuropäer entstand.
1946 kehrte Coudenhove-Kalergi nach Europa
zurück und veranlasste Churchill, für die Einigkeit Europas und die Aussöhnung
zwischen Frankreich und Deutschland einzutreten. Auf Betreiben von
Coudenhove-Kalergi wurde 1947 die "Europäische Parlamentarier-Union
gegründet", die sich für ein Europa-Parlament aussprach.
1950 griff der französische Außenminister
Robert Schuhmann, ein Lothringer aus Metz, den Gedanken des französischen
Wirtschaftsdenkers Jean Monet auf, daß durch eine Verflechtung der deutschen
und französischen Montanwirtschaft ein Krieg zwischen diesen Ländern unmöglich
gemacht würde. Aus dieser "Montanunion" entwickelte sich die EWG.
In seinem Buch "Vom ewigen Krieg zum
großen Frieden" legte Coudenhove-Kalergi 1956 folgendes dar:
Es droht die Ausrottung der Menschheit, weil
unser Planet ohne Gesetz, ohne Verfassung; Gericht und Polizei ist. Es muß ein
föderalistisch strukturierter Weltstaat geschaffen werden. Nicht die UNO,
sondern die NATO bildet den Kern des künftigen Weltbundes. Die UNO ist nämlich
ohnmächtig.
In seinem 1964 erschienen Buch "Die
Wiedervereinigung Europas" beschreibt Coudenhove-Kalergi die Vision eines
neuen, größeren Europas: "Das alte Europa in der Mitte, mit einem
mächtigen Flügel im Osten, der über Rußland nach Sibirien reicht, und einem
mächtigen Flügel im Westen, der Nordamerika umfaßt. Dem slawischen Europa des
Ostens bietet das angelsächsische Europa des Westens das Gleichgewicht. Eine
Hegemonie des einen oder anderen Flügels über Europa wird dadurch abgewendet.
Europa bleibt das westliche Land der Mitte".
Otto von Habsburg
Das Erbe des 1972 in Österreich verstorbenen
Coudenhove-Kalergi hat Otto von Habsburg übernommen, der Internationaler
Präsident der Paneuropa-Union ist. Er wurde am 20. Nov. 1912 als ältester Sohn
des Erzherzogs Karl, des späteren letzten Kaisers von Österreich, und seiner
Frau Zita, Prinzessin aus dem Hause Bourbon-Parma, geboren.
Am 30. Nov. 1916 marschierte der damals
vierjährige Otto von Habsburg hinter dem Leichenwagen seines Großvaters, Kaiser
Franz Josef II. , her und "blickte, fast unwirklich in seiner
wohlerzogenen prinzlichen Untadeligkeit, neugierig in die Menge", wie wir
in McGuignans Habsburgerbiographie lesen.
Er ist Abgeordneter im Europa-Parlament und
Internationaler Präsident der Paneuropa-Union, und er kennt Gott und die Welt.
Einmal hat er in die Weltgeschichte eingegriffen, als er mit Gyula Horn das
Paneuropäische Picknick 1989 an der ungarisch-österreichischen Grenze
organisierte. Da hat er der DDR den Stöpsel rausgezogen und sie ist
ausgelaufen. Danach ist er rastlos durch die ehemalige Donaumonarchie gereist,
hat alte Beziehungen erneuert und neue geknüpft, was für sein Alter eine
erstaunliche Kraftleistung ist. Aber seine Mutter, Kaiserin Zita, ist ja 97
geworden. In einem gewissen Sinn hat er die Donaumonarchie wieder in Besitz
genommen. Als Vaclav Havel tschechischer Präsident wurde, ernannte er Dr. Karl
Fürst Schwarzenberg zum Leiter seiner Staatskanzlei auf dem Hradschin. Fürst
Schwarzenberg ist Chef der jüngeren Linie des Hauses Schwarzenberg und Autor
des Buches "Adler und Drache - der Weltherrschaftsgedanke". Ein
treuer Freund Habsburgs ist auch Bucar, der slowenische Parlamentspräsident.
Otto von Habsburg bastelt daran, Europa zu
einem einzigen Staat zusammenwachsen zu lassen, damit es eine Weltmacht des
Friedens werden kann. Sein neuestes Buch heißt: "Friedensmacht
Europa". Er will, daß das Europäische Parlament gestärkt und zum
richtigen, voll entscheidungsbefugten Parlament würden. Er hat es geschafft,
daß seine rechte Hand, der junge Bernd Posselt Europa-Abgeordneter wurde,
andere Paneuropäer sitzen schon im Europa-Parlament: Siegbert Alber und Ursula
Schleicher. Auch im bayerischen Kabinett waren bis vor kurzem die Paneuropäer
mit 2 Ministern vertreten (Thomas Goppel und von Waldenfels).
"Alteri gerunt belli, tu felix Austria
nubes" (andere mögen Kriege führen, du glückliches Österreich heiratest).
Irgendwie gilt das heute noch. Ein Sohn Otto's von Habsburg, Karl, hat die
Tochter des Industriebarons Thyssen-Bornemiza geheiratet. Noch ist Habsburg nicht
verloren.
1986 erschien Otto von Habsburgs Buch
"Die Reichsidee - Geschichte und Zukunft einer übernationalen
Ordnung". Otto von Habsburg schreibt:
Es war ein Fehler Metternichs, die Auflösung
des Heiligen Römischen Reiches nicht rückgängig zu machen, und es war ein
Fehler des Kaisers, auf ihn in dieser Frage zu hören.
Auch das künftige Vereinte Europa wird aus
der Tradition des Heiligen Römischen Reiches leben. Europa muß ein Reich
werden, ob es diesen Namen trägt oder nicht. Jedes Reich wird durch eine höhere
Mission geschaffen. Als großer Markt wird Europa keine Dauer haben.
Die Reiche Bismarcks und Hitlers waren keine
Reiche, sondern Nationalstaaten, also das Gegenteil eines Reiches. Ein Reich
ist nicht auf eine einzige Nation beschränkt, sondern es muß eine Klammer
zwischen den verschiedenen Völkern und Staaten sein. Es fußt auf übernationalem
Recht und einer übernationalen Idee. Der Reichsbegriff steht für eine
staatliche, gesellschaftliche und geistige Ordnung, die über der territorialen
Souveränität steht. Sie beruht nicht auf Herrschaft, sondern auf Recht, sie
beruht auf einer richtenden und schlichtenden Autorität. Sie dient dem
gemeinsamen Wohl und schützt die Schwachen vor den Starken. Sie ist im
Zeitalter der Atomwaffen ein Gebot des Überlebens...
Die Berufung der Deutschen als Träger der
Reichsidee war es, zwischen den umliegenden Kulturen zu vermitteln. Deutschland
hat keine natürlichen Grenzen; seine Volksstämme gehen fließend in die
angrenzenden Völker über. Der Nationalismus ist undeutsch; eine Reichsvolk darf
nicht nach nationalistischer Vorherrschaft streben. Die Deutschen können
Frieden und Sicherheit nur im großen abendländischen Rahmen finden. In dem
Moment, wo man versuchte, das Deutschtum abzugrenzen, war die Katastrophe
vorprogrammiert. Deshalb mußte das kleindeutsche Bismarckreich scheitern.
Das Erbe des burgundischen Zwischenreiches,
das ein Vorläufer einer europäischenFöderation war, ging 1477 durch die Heirat
Kaiser Maximalians mit Maria von Burgund auf das Haus Habsburg über. Die
Habsburger sind eigentlich Habsburg-Lothringer. Der politische Brennpunkt
Europas liegt auf der Linie Straßburg-Luxemburg-Bonn-Brüssel, also auf dem
ehemaligen burgundisch-lothringischen Zwischenreich.
Die habsburgische Donaumonarchie war nicht
der "Völkerkerker", als der sie diffamiert wurde, sondern sie bot den
vielen kleinen Völkern Schutz. Selbst Sozialisten denken in Österreich wehmütig
daran zurück.
Eines Tages werden die Völker jenseits des
Eisernen Vorhangs ihre Freiheit wiedererlangen.
Der Erste Weltkrieg war einen Folge der
Zerschlagung des türkischen Großreiches auf dem Balkan, an dessen Stelle
kleine, nationalistische Staaten getreten waren.
Soweit Otto von Habsburg. Ich gebe ihm darin
Recht, das Europa und die Welt eine übernationale Ordnung brauchen. Es ist auch
richtig, was er über die Mission der Deutschen als Vermittler in Europa gesagt
hat. Ich könnte mir sogar einen "Kaiser von Europa" aus dem Hause
Habsburg vorstellen. Allerdings müßte es sich dabei um eine konstitutionelle
Monarchie handeln, ähnlich der spanischen mit Juan Carlos oder der
holländischen, schwedischen oder englischen. Ein solcher europäischer Monarch
könnte durchaus eine völkerverbindende und integrierende Wirkung haben. Diese
Rolle könnte durchaus auch erblich und "von Gottes Gnaden" sein.
Aber von den Errungenschaften der Aufklärung
und der französischen Revolution möchte ich nicht abgehen. Die
Volkssouveränität muß klar als das erkannt werden, was sie wirklich bedeutet:
Die Souveränität der Menschheit und das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Man
sollte das Christentum und die Feudalzeit nicht glorifizieren. Die Völker sind
nicht Eigentum der Dynastien, und sie sind nicht das Objekt von Schacher und
Tauschgeschäften. Der Papst ist nicht unfehlbar und das Christentum ist nicht
die allein wahre Religion. Gottes Wille bleibt unerforschlich; deshalb kann
auch keine Dynastie behaupten, sie herrsche von Gottes Gnaden, zumal dieser
Gnade oft durch Betrug, Mord und Krieg nachgeholfen wurde.
Aber ich mache Otto von Habsburg für seine
Ansichten keinen Vorwurf. Sie ergeben sich einfach aus seiner Herkunft und
Biographie. Er ist ein echter Habsburger - und das ist keine Schande.
Die Atombombe und was daraus folgt
Am Abend des 17.Dezember 1938 stellte Otto
Hahn fest, daß aus Uran im Strom thermischer Neutronen ein radioaktives
Bariumisotop und das Edelgas Krypton entstehen. Er schrieb noch am gleichen
Abend an seine ehemalige Mitarbeiterin Lise Meitner, eine Jüdin, die vor den
Nazi's nach Schweden geflohen war: "Unsere Radium-Isotope verhalten sich
nicht wie Radium, sondern wie Barium. Kannst Du irgendeine phantastische
Erklärung vorschlagen?"
Die phantastische Erklärung war: Es ist
Barium. Lise Meitners Neffe, der Kernphysiker Otto Frisch, berichtete dem
großen Niels Bohr in Kopenhagen von Hahns Entdeckung. Bohr's Kommentar:
"Ach, was für Idioten wir doch alle waren! Ach, das ist ja wunderbar!
Genauso muß es sein!"
Anfang Januar 1939 berichtete Bohr auf einem
Physiker-Kongress in Washington über die Entdeckung Otto Hahns.
Im Februar 1939 wies Frèdèric Joliot in Paris
nach, daß bei der Spaltung des Urans Neutronen entstehen. Diese können wiederum
neue Uranatome spalten - es entsteht eine Kettenreaktion, bei der eine
gewaltige Energie freiwird. Vorausetzung dafür ist nur, daß eine genügende
Menge des des Uranisotops 94 an einer Stelle konzentriert ist, und dort auch
für kurze Zeit entgegen den auftretenden Explosivkräften gehalten werden kann.
In seinem Roman "Befreite Welt"
hatte H.G.Wells schon 1913 einen Atomkrieg (und die Schaffung einer
Weltregierung) geschildert. Einer seiner faszinierten Leser war der ungarische
Jude Leo Szilard. Er war nicht der einzige Physiker (es waren wohl Dutzende),
der den Gedanken einer Atombombe fasste, aber er war vielleicht derjenige, der
von ihm am meisten besessen war, und der ihn am konsequentesten zu Ende dachte.
Schon 1933 war ihm an einer Straßenkreuzung
in London, als er darauf wartete, daß die Ampel von Rot auf Grün schaltete, der
Gedanke gekommen, daß man, um die Atombombe bauen zu können, nur ein Element
finden müsse, das bei seiner Spaltung mehr Neutronen freisetzt, als es
absorbiert.
Als Szilard von der Entdeckung Hahns gelesen
hatte, bat er Frèdèderic Joliot, seine Entdeckungen nicht mehr zu
veröffentlichen. Szilard fürchtete, Hitler könnte eine Atombombe bauen lassen.
Joliot wies das zurück. Es sei ohnehin zu spät dazu.
Nach dem Beginn des 2.Weltkriegs entwarf
Szilard einen Brief an den amerikanischen Präsidenten Roosevelt, den er von
Albert Einstein unterschreiben ließ. In dem Brief hieß es: "Es ist
vorstellbar, daß außerordentlich wirkungsvolle Bomben eines neuen Typs gebaut
werden können". Szilard legte dar, daß eine einzige Bombe eine Stadt ud
ihre Umgebung zerstören könnte. Er schloss: "Ich höre, daß Deutschland den
Export von Uran aus den tschechischen Gruben, die es übernommen hat, gestoppt
hat. Daß es so schnell handelt, mag auf Grund der Tatsache verstanden werden,
daß der Sohn des deutschen Staatssekretärs im Auswärtigen Amt, von Weizsäcker,
dem Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin zugeteilt ist, wo jetzt ein Teil der
amerikanischen Uran-Forschungsarbeiten wiederholt wird."
Heinrich Jaenecke schreibt in seinem Buch
"Mein Gott, was haben wir getan!": "Nichts in seinem Leben hat
Einstein später so bedrückt wie seine Unterschrift unter den historischen Brief
an Roosevelt. Die Verknüpfung seines Namens mit Hiroshima verdüsterte seine
letzten Lebensjahre: Er, der den Krieg immer gehaßt hatte wie die Pest, war zum
Steigbügelhalter einer Waffe geworden, die nun den ganzen Globus
bedrohte."
Einstein sagte später: "Wäre ich nicht
überzeugt gewesen, daß der Krieg gerechtfertigt war, hätte ich dabei nicht
geholfen, die Büchse der Pandora zu öffnen..."
Präsident Roosevelt maß der Angelegenheit
keine große Beachtung bei und betraute das Amt für Maße und Gewichte mit der
Sache. Der Chef dieser offenbar nicht ausgelasteten Behörde, Lyman Briggs
berief ein Komitee, das sich am 21.Oktober 1939 zu erstenmal traf. Man
beschloss, den Physikern Szilard, Teller und Wigner 2000 Dollar für einen
Uran-Graphit-Reaktor zur Verfügung zu stellen.
Bereits am 29.April 1939, vier Monate vor dem
Szilard-Einstein-Brief an Roosevelt hatte Professor Paul Harteck von der
Universität Hamburg an das Oberkommando der Wehrmacht, also Adolf Hitler
geschrieben: "Wir gestatten uns, sie auf die neueste Entwicklung in der
Kernphysik aufmerksam zu machen, da sie unseres Erchtens vielleicht die
Möglichkeit eröffnet, Sprengstoffe von einer Wirkung herzustellen, welche um
viele Größenordnungen den derzeitig in Verwendung befindlichen überlegen
ist...Die Energie einer derartigen Kernreaktion übertrifft die einer
gewöhnlichen Explosionsreaktion um den Faktor eine Million...Es liegt auf der
Hand, daß...dasjenige Land, welches von ihr zuerst Gebrauch macht, den anderen
gegenüber ein kaum einholbares Aktivum aufzuweisen hat."
Unmittelbar nach dem Kriegsausbruch am
1.Sept.1939 wurden die führenden deutschen Kernphysiker dienstverpflichtet und
einer Arbeitsgruppe, dem "Uranverein" zusammengefasst.
Im Winter 1939/40 fanden der schon erwähnte
Otto Frisch und Rudolf Peierl an der Universität Birmingham heraus, daß man, um
eine Kettenreaktion in Gang zu bringen, das natürliche Uran, das hauptsächlich
aus dem Uran 238 besteht, mit dem Uran 235 anreichern muß. Die "kritische
Masse" um eine Uranbombe zu bauen, liegt bei einigen Kilo
hochangereichterm Uran.
Anfang März 1940 legten Frisch und Peierl ein
Memorandum mit dem Titel vor: "Über die Konstruktion einer Superbombe auf
der Grundlage einer nuklearen Kettenreaktion". In einem Begleitschreiben
schrieben sie: "Die Druckwelle einer solchen Explosion würde jegliches
Leben in einem großen Umkreis vernichten. Die Größe des Gebietes läßt sich
schwer bestimmen, doch wahrscheinlich wird sie der des Zentrums einer Großstadt
entsprechen. Außerdem wird ein Teil der durch die Bombe freigesetzten Energie
radioaktive Substanzen erzeugen, und diese werden sehr starke und gefährliche
Strahlung aussenden..ein Teil dieser Radioaktivität wird vom Wind
weitergetragen werden und die Kontaminierung ausbreiten...
Die wirksamste Antwort wäre eine Gegendrohung
mit einer ähnlichen Bombe. Daher halten wir es für wichtig, mit der Herstellung
so bald und so schnell wie möglich zu beginnen..."
Im Juli 1941 empfahl die von der englischen
Regierung eingesetzte Studienkommission den Bau der Bombe. Die Bombe könne in
etwa zwei Jahren verfügbar sein, wenn man sofort mit dem Bau der
Produktionsanlagen begänne. Der Bau einer entsprechenden Fabrik würde etwa
soviel wie ein Schlachtschiff kosten. Das sei, gemessen am Produkt, äußerst
billig.
Am 30. August 1941gab Churchill Anweisung,
die Bombe zu bauen. Er sagte, er wolle "dem Fortschritt nicht im Wege
stehen". Das britische Atombombenprojekt erhielt den Decknamen
"Direktorium für Röhrenlegierungen". Man entschied sich dafür, den Amerikanern
eine Zusammenarbeit anzubieten.
Das amerikanische Atombombenprojekt war bis
zu diesem Zeitpunkt kaum vorangekommen. Erst am 9. Oktober 1941 gab Roosevelt
befehl, den Bau der Bombe mit ganzer Kraft voranzutreiben. Das ganze Projekt
wurde im Sommer 1942 der Armee übertragen. Es bekam den Namen "Manhattan
Engineer District". Die Leitung erhielt General Leslie Groves. Er befahl
den Bau zweier riesiger Industrieanlagen in Oak Ridge, Tennessee (dort wurde
Uran 235 erzeugt) und in Hanford, Staat Washington, wo Plutonium hergestellt
wurde.
Eine halbe Million Menschen wurden damit
beschäftigt, in fieberhafter Eile eine Atombombe herzustellen. Zu einem solchem
Kraftakt war zu diesem Zeitpunkt keine andere Nation fähig, denn Deutschland
hatte am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfallen und damit alle seine Kräfte
(und die der Russen) gebunden.
Im Februar 1942 begann an der Universität
Chicago die Arbeitsgruppe Enrico Fermi's in einer leeren Squash-Halle einen
Atomreaktor zu bauen, der am 2. Dez. 1942 in Betrieb ging. Er sollte helfen,
einen Weg zu finden, wie man das erforderliche Atombombenmaterial herstellen
konnte. Die erste atomare Kettenreaktion wurde in Gang gesetzt.
Im Sommer 1942 wurde Robert Oppenheimer,
Professor in Berkely in Kalifornien, zum technischen Leiter des amerikanischen
Atombombenprojekts ernannt. Er schlug vor, die Spitzenwissenschaftler und ihre
Familien in einem Forschungslabor in Los Alamos, New Mexico, zu konzentrieren.
Die Deutschen hatten inzwischen den Bau der Atombombe
aufgegeben. Zwar hatte eine Forschungsgruppe um Werner Heisenberg in der Nähe
von Hechingen (in einem Felsenkeller in Haigerloch) einen Schwerwassereaktor in
Gang zu bringen), aber der Erfolg blieb aus. Es fehlt am Uran und am schweren
Wasser.
Im Sommer 1944 traf sich Frèdèric Joliot mit
General de Gaulle und schlug ihm den Aufbau einer nationalen Atom-Macht vor.
Am 23. April 1945 besetzte ein amerikanisches
Panzerbataillon Haigerloch und kam damit den Franzosen zuvor. Ein
Sonderkommando aus Geheimdienstlern und Atomphysikern baute den Reaktor ab und
verhaftete die deutschen Wissenschaftler. Sie wurden in England interniert.
Am 16. Juli 1945 wurde in der Wüste von New
Mexico, etwa 100 km von Alamogordo entfernt in der Gegend "Jornado del
muerto" ("Todesweg") die erste Atombombe gezündet.
Am 6. August 1945 um 8.14 wurde von dem
B-29-Bomber "Enola Gay" die Uran-Atombombe "Little boy"
über der Aioi-Brücke im Zentrum von Hiroshima abgeworfen. Die Bombe wurde nach
einer Fallzeit von 43 Sekunden in einer Höhe von 580 Metern über dem Erdboden
gezündet. Sie forderte etwa 122 000 Todesopfer.
Kommandant des Bombers war der 30-jährige
Oberst Paul Tibbets, und der Bomber trug den Namen seiner Mutter
Am 9. August 1945 warf der B-29-Bomber
"Bock's Car" die Plutonium-Bombe "Fat man" um 11 Uhr über
Nagasaki ab. Es wurden 80000 Menschen getötet.
Welche Folgerungen sind nun aus diesen
Ereignissen zu ziehen?
Die Verantwortlichkeit des
Wissenschaftlers
Jeder Wissenschaftler, nicht nur die
Atomphysiker, sind der Menschheit gegenüber dafür verantwortlich, was sie
erforschen und was sie der Öffentlichkeit, den Politikern und den Militärs an
Forschungsergebnissen mitteilen.
Die Wissenschaft und die Lehre sind nicht
mehr absolut frei und niemandem verantwortlich. Die Wissenschaft darf nicht
alles erforschen.
Darüber hinaus muß die Forschungskapazität
der Wissenschaft so eingesetzt werden, daß sie hilft, die dringendsten Probleme
der Menschheit zu lösen und die schwersten Gefahren abzuwenden.
Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker
sollten keine neuen Waffen erfinden und entwickeln. Sie sollte auch nicht ihre
Arbeitskraft und das Geld der Öffentlichkeit darauf verschwenden, ganz
offensichtlich nebensächliche und belanglose Dinge zu erforschen. Die
Menschheit steckt in einer schweren Überlebenskrise und kann es sich nicht mehr
leisten, geistige Ressourcen zu verschwenden.
Seit Hiroshima ist der Mythos, daß die
Wissenschaft dem Fortschritt und dem Wohlergehen der Menschheit dient, schwer
erschüttert worden. Tatsächlich hängt die schwere Umweltkrise und die Bedrohung
der Menschheit durch Massenvernichtungswaffen eng mit den großen Erfolgen von
Wissenschaft und Technik zusammen.
Das eigentliche Problem ist, daß die ererbten
Verhaltensweisen des Menschen nicht mehr in eine Welt passen, in er die Waffen
so schrecklich sind und die Fähigkeit, des Menschen, seinen Planeten zu Grunde
zu richten, so groß geworden ist.
Der Schwerpunkt der wissenschaftlichen
Forschung muß sich also darauf richten, wie die Gesellschaft und der Mensch
geändert werden können, daß sie wieder an die neue, hochtechnisierte Welt
angepasst sind. Und diese Anpassung kann nur darin bestehen, daß ein Weg
gefunden wird, den Menschen daran zu hindern, sich und seinen Planeten zu
zerstören.
Im Juni 1996 wurde ich Zeuge eines Auftritts
von zwei Nobelpreisträgern der Chemie (E.O.Fischer, geb. 1915 und Prof. Huber,
etwa 15 Jahre jünger) vor Studenten der TU München. Beide forderten die
unbedingte Freiheit von Forschung und Lehre und beharrten darauf, daß die
Wissenschaft ein Segen für die Menschheit sei. Besonders E.O.Fischer zeigte
keinerlei Selbstzweifel.
Ich glaube, jeder Wissenschaftler sollte als
erstes lernen, daß er gegenüber der gesamten Menschheit eine Verpflichtung hat.
Erst wenn er das von Grund auf kapiert hat, darf er seine Arbeit aufnehmen mit
dem Ziel, der Menschheit zu dienen. Erst kommt die Menschheit, dann die
Freiheit der Forschung und die Neugierde (und das Karrierestreben) der
Wissenschaftler.
Die Verantwortlichkeit der Politiker
Jeder Politiker ist zuallererst dem Wohl der
gesamten Menschheit verpflichtet. Aus der begrenzten Sicht der
US-amerikanischen Interessen ergab sich der Gedanke, gegen Japan einen
Atomschlag zu führen. Aus der Sicht der gesamten Menschheit war das ein
Verbrechen.
Es gibt allerdings kaum eine Nation, die das
Recht hätte, Amerika an den Pranger zu stellen, am allerwenigsten die
Deutschen.
Im Interesse der gesamten Menschheit ist es,
daß Ereignisse wie in Auschwitz und Hiroschima niemals mehr vorkommen. Das ist
eine Binsenweisheit, aber kaum ein Politiker macht ernsthafte Anstrengungen,
Institutionen zu schaffen, die dies wirklich verhindern können.
Die Menschheit ist eine
Schicksalsgemeinschaft geworden. Faktisch ist sie dadurch nicht mehr in
Nationen aufgeteilt, sondern nur noch in Verbrecher und potentielle Opfer.
Verbrecher sind diejenigen, welche sich durch
Waffengewalt, Erpressung, Raub, Diebstahl, Lüge und Betrug Vorteile und Gewinn
verschaffen wollen. Potientelle Opfer sind alle Menschen. Es kommt jetzt darauf
an, daß die potentiellen Opfer erkennen, wer ihre Feinde sind und wie man sie
durch gemeinsames Vorgehen unschädlich machen kann. Dies erfordert natürlich,
daß die Opfer einsehen, 1. daß sie bedroht sind, 2. daß sie nicht wehrlos sind,
3. daß sie in der überwältigenden Überzahl sind.
Die Zukunft
Wenn der Norden heute nicht den Armen des
Südens ein Stück seines Reichtums abgibt, (wir sollen uns dabei nicht selbst
arm machen, denn damit wäre niemand gedient), dann werden die im Süden sie sich
selbst das holen, was wir ihnen vorenthalten. Und sie werden es sich notfalls
mit Gewalt holen. Sie werden in gelehriger Weise lernen,
Massenvernichtungswaffen zu bauen oder sich welche zu kaufen. Und sie werden
diese Massenvernichtungswaffen in unsere Städte bringen. Nicht mit teueren
Raketen, sondern im LKW. Sie werden uns die Massenvernichtungswaffen im
Postpaket schicken. Sie werden uns bedrohen, und sie werden diese Waffen
anwenden, wenn wir uns nicht erpressen lassen. Denn sie haben nichts zu
verlieren.
Die Welt ist klein geworden, und jedes Volk
ist auf die andern Völker angewiesen. Keine Nation und keine Rasse kann den
Planeten und seine Ressourcen für sich allein beanspruchen. Wir müssen alle
gerecht miteinander teilen. Wenn wir dazu nicht bereit sind, muß die Sache
ausgefochten werden. Da aber die Sache nicht ausgefochten werden kann, ohne daß
sich die Menschheit selbst vernichtet, müssen die Nationen sich Recht und
Gerechtigkeit unterwerfen. Die Menschheit kann sich aber nur einer Instanz
unterwerfen, die demokratisch gewählt und kontrolliert wird und welche die
gesamte Menschheit repräsentiert. Und diese Instanz muß das militärische
Gewaltmonopol haben. Denn wie soll sie die allgemeine Sicherheit garantieren,
wenn es außer ihrer Armee noch andere, vielleicht sogar stärkere Armeen gibt?
Nicht den Chinesen und Indern sollen wir uns
unterwerfen, sondern der Menschheit, von der wir ein Teil sind. Die Welt muß
von allen Völker der Welt gemeinsam regiert werden. Keiner darf ausgeschlossen
sein, und keiner soll sich ausschließen dürfen, es sei denn, er bleibt neutral
und unbewaffnet.
Die Europäer und Nordamerikaner haben sich
durch Forschung und Technik eins beherrschende Position geschaffen, die auch
dann noch stark genug sein wird, wenn sie im Weltparlament überstimmt werden.
Und sie werden noch genügend Reichtum haben, auch wenn sie den armen Völkern
einen Teil abgeben.
Es ist nicht leicht, vom dem
national-egoistischen Denken und von den Gruppenegoismen abzugehen. Dem stehen Ur-Instinkte
und Existenzängste entgegen. Es ist nicht leicht, nicht nur seinen Nächsten,
sondern auch noch den Fernsten zu lieben. Aber was soll unser Handeln regieren?
Primitive Instinkte oder die Vernunft und die Liebe?
Da wir aber wissen, daß kein Verlass darauf
ist, daß der Mensch sich immer von Liebe und Vernunft leiten läßt, braucht die
Menschheit Recht und Gesetz und muß in einer einzigen Rechtsgemeinschaft
zusammengefaßt werden.
Wir müssen lernen, daß der einzelne Mensch
ohne die anderen Menschen nicht lebensfähig ist. Es sind die anderen Menschen,
die uns mit unserem täglichen Brot versorgen. Es sind die anderen Menschen, die
uns helfen, wenn wir in Not sind. Diese anderen Menschen sind nicht nur die
Angehörigen unserer Familie oder unserer Nation, sondern letztendlich ist es
die gesamte Menschheit.
Wir müssen lernen, daß für uns das Überleben
der Menschheit genauso wichtig ist wie unser eigenes. Daß wir also aus
wohlverstandenem Eigeninteresse dafür sorgen müssen, daß die Nationen, Rassen
und Klassen einen Weg finden, friedlich und gerecht miteinander zu leben.
Immer wieder wird es Menschen geben, die
ihren Vorteil über die Allgemeinheit stellen werden. Besonders gefährlich
werden sie für die Menschheit sein, wenn sie über große Macht, großen Reichtum
oder großen Einfluß verfügen. Gerade diese Menschen muß die Menschheit mit
größtem Mißtrauen beobachten und tausend Vorkehrungen treffen, daß sie der
Menschheit keinen Schaden zufügen können. Die Menschheit muß all diejenigen,
die Verbrechen gegen die Menschenrechte oder gegen die Natur begehen,
einfangen, vor Gericht stellen, bestrafen und auf den rechten Weg führen.
Notfalls muß sie diese Individuen in Notwehr töten, wenn es ihr nicht gelingt,
sie vor Gericht und hinter Schloß und Riegel zu bringen. Dazu braucht es
Spezialisten. Sie und ihre Vorgesetzten bis hinauf zum Präsidenten des
Weltbundesstaates werden stets in Gefahr sein, ein Opfer von Mordanschlägen zu
werden. So leicht werden die Mafia, die Verbrecher, die Psychopathen, die
hemmungslos Selbstsüchtigen und die Waffenhändler, die Nationalisten und
Kriegsgewinnler ihre Sache nicht verloren geben. Ein Gewaltmonopol des
Weltstaates werden sie nicht akzeptieren. Denn sie wollen das Gewaltmonopol.
Auch in Zukunft muß Krieg geführt werden. Aber nicht gegen Völker oder
Volksgruppen, auch nicht gegen soziale Klassen oder gegen
Religionsgemeinschaften, sondern gegen einzelne Individuen, die Feinde der
Menschheit sind. Dieser Kampf muß durch Recht und Gesetz geregelt werden. Das
erforderliche Organ muß die Weltpolizei sein, unterstützt von einem
Weltgeheimdienst.
Unsere Pflichten in Gegenwart und Zukunft
Sollen wir hoffen, daß wir alle Menschen dazu
bekehren können, freiwillig und immer das Gute zu tun? Das können wir nicht.
Man kann nur dafür sorgen, daß jedermann auf
der Welt einen angemessenen Anteil an dem bekommt, was Natur und menschliche
Arbeit hervorbringen, und daß auch der Geringste und Letzte genügend bekommt,
damit er damit menschenwürdig leben kann.
Aber es muß auch dafür gesorgt werden, daß
jedermann, der dazu in der Lage ist, seinen Teil dazu beträgt, die Menschheit
zu ernähren und mit dem Notwendigen zu versorgen, sie zu schützen, sie zu
pflegen, ihr Freude zu bereiten und sie weiterzuentwickeln.
Es ist nicht schwer, festzustellen, wer der
Menschheit nützt und wer der Menschheit schadet. Die Menschheit muß einen Weg
finden, ihre Individuen so zu lenken, daß sie der Gesamtheit nützen und ihr die
Zukunft sichern.
Der Mensch braucht ein Ziel und eine Aufgabe.
Da höchste Ziel muß sein, die Menschheit zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Dies ist nur möglich, wenn die Natur unseres Planeten intakt bleibt.
Was der Schöpfer mit dem Menschen vorhat,
können wir nicht ergründen. Der heutige Mensch ist nicht der Schlußpunkt und
krönende Abschluß der Evolution des Lebens. Er ist nur ein Übergang zu weiteren
Entwicklungen, die wir höchstens ahnen können. Wir haben nicht nur für uns eine
Verantwortung, sondern auch für das, was aus der Menschheit einmal entstehen
wird. Das Leben der Menschheit wird von einer Generation an die andere
weitergereicht. Wenn ein Glied in dieser Kette der Generationen zerstört wird,
werden alle nachfolgenden nie entstehen können. Die Menschheit ist eine Million
Jahre alt. Und sie kann, so sie sich als würdig erweist, noch eine Million
Jahre existieren. Das sind die Dimensionen, in denen wir denken müssen, wenn es
um die Menschheit geht. Und worüber machen sich die großen Weltpolitiker die
meisten Gedanken? Wie sie und ihre Anhänger die Macht behalten! Sie machen sich
Gedanken, wie sie diesen oder jenen Absatzmarkt erobern können, wie ihr Land
diesen oder jenen Vorposten besetzten kann. Vor den wahren Interessen der
Menschheit sind dies eitle Spielchen, die gemessen am Alter der Menschheit, nur
den Bruchteil einer Sekunde währen. Es gibt heute nur eine wichtige politische
Frage: Wie kann die Menschheit verhindern, daß der Faden ihrer Existenz abreißt
und die Zukunft von hunderttausend Generationen unwiederbringlich zerstört
wird? Staaten und Regierungen kommen und gehen. Das Leben geht seinen Gang.
Aber es darf nicht abreißen. Es werden noch viele Fehler in der Politik gemacht
werden. Die Zeit wird sie korrigieren, die Menschheit wird aus ihren Fehlern
lernen und einen Weg finden, um in Glück und Frieden zu leben. Aber ein Fehler
darf nicht gemacht werden: Die Menschheit auszulöschen und den Planeten zu
zerstören. Denn dieser Fehler kann nicht repariert werden, diesen Fehler wird
die Zeit nicht ausheilen.
Wenn es der Menschheit gelingt, diese
schwierige Zeit der drohenden Selbstzerstörung zu überstehen, wird sie
vielleicht noch eine große und lange Zukunft vor sich haben. Es ist
offensichtlich, daß das Leben sich in die tiefsten Tiefen des Ozeans
ausgebreitet hat und auf den höchsten Bergen und in den Wüsten wohnt. Es wird
auch die leblosen Planeten und den leeren Weltraum besiedeln. Dieser Weg ist
der Menschheit, oder ihrer Nachfolgerin, vorgezeichnet. Wenn die Menschheit
diesen Planeten verlassen haben wird und sich in alle Winkel der Milchstraße
ausgebreitet haben wird, wird ihre Existenz für lange Zeit gesichert sein. Aber
für die nächsten 100 Jahre ist sie auf diesem Planeten gefangen, und es gibt
vor der Selbstvernichtung kein Entrinnen. Deshalb sind die nächsten hundert
Jahre die kritischsten in der ganzen Menschheitsgeschichte.
Wenn der Mensch schließlich in die
Milchstraße vordringen wird, darf er nicht Krieg und Zerstörung ins Universum
hinaus tragen. Er darf das Universum nicht wie eine Seuche befallen und seine
Niedertracht in den letzten Winkel der Milchstraße tragen. Sondern er muß schon
heute lernen, daß er Teil der Schöpfung ist und sie respektieren muß.
Phantastische und gefährliche Zukunft
Vielleicht wird die Forschung einen Weg
finden, zerstörte menschliche Körperorgane und Glieder nachwachsen zu lassen.
Vielleicht wird der Mensch einen Weg finden, aus einer einzigen Zelle einen
ganzen Menschen wieder neu erstehen zu lassen. Vielleicht wird man den Geist
und die Erinnerungen eines Menschen digital aufzeichnen und für alle Zeit
konservieren können. Vielleicht wird man diesen Geist wieder in einen neuen
Körper gießen können. Vielleicht wird der Mensch all die Wunder, aber auch all
die Katastrophen, welche in der Bibel stehen, selbst vollbringen. Vielleicht
wird er damit nur das tun, was Gott mit ihm vorhat. Vielleicht wird sich aber
an die Stelle des Menschen der Computer setzen. Die Menschheit hat viele
Zehntausende Jahre Zeit gehabt, sich zu entwickeln. Und wie schnell entwickeln
sich die Computer! Sie werden selbst denken lernen, und sie werden sich selbst
vermehren. Schon heute sind sie vernetzt, und eines Tages werden sie vielleicht
ein gigantisches Superhirn bilden, in dem jeder Computer eine Hirnzelle ist.
Und sie werden mit ziemlicher Sicherheit nicht immer Sklaven des Menschen
bleiben. Seid wachsam, ihr Frauen, denn ihr seid die wahren Hüterinnen des
Fortbestandes der Menschheit, und achtet darauf, was die Männer da bauen und
erfinden!
Vielleicht wird man auch die Möglichkeit
finden, mit Hilfe der Gentechnologie einen Menschen zu schaffen, der keine
Krankheiten mehr hat und viel klüger und edler ist als der heutige Mensch.
Vielleicht wird man aber auch eine Bestie schaffen, die nur töten und
vernichten will.
Niemals seit ihrem Bestehen war die
Menschheit so vielen Risiken ausgesetzt, niemals hatten Politiker eine so große
Verantwortung, und niemals waren die Chancen der Menschheit so groß.
Beschränktes Denken der Verantwortlichen
Aber womit beschäftigt sich die Politik? Zu
90 % Prozent ist die Politik ein Gerangel darum, wer wieviel von dem großen
Kuchen, den uns die Natur und der Fleiß der Werktätigen gebracht hat, bekommt.
Unser kapitalistisches System ist so konstruiert, daß diejenigen, die Kapital
haben, und einigermaßen geschickt sind, immer neues Kapital hinzu gewinnen.
Aber was bei den Reichen als Besitz in ihren Büchern steht, sind nur die
Schulden der Habenichtse. Das Kapital wächst immer mehr, und die Schulden
wachsen immer mehr. Beide vermehren sich kraft Zinssatz quasi von selbst, bis
"die da unten" die wachsende Last nicht mehr tragen können, die ihnen
"die da oben" aufbürden. Kapital und Schulden haben nur die
Bedeutung, die man ihnen zumißt. Das Kapital, das aus Aktien, Wertpapieren und
Besitztiteln besteht, steht nur auf dem Papier. Es besteht nur solange, solange
ein allgemeiner Konsens darüber besteht, daß alles so belieben soll, wie es
ist. Es besteht nur solange, solange es Polizei und Militär gibt, um dieses
Kapital zu schützt und solange es Menschen gibt, die die Gesellschaftsordnung
stützen. Die Schulden von heute werden nicht an die kommende Generation übergehen,
denn die Söhne werden nicht bereit sein, die Schulden der Väter zu zahlen.
Aber was ist die hauptsächliche Aufgabe von
Polizei und Militär? Nicht der Schutz der gigantischen Vermögen, sondern der
Schutz der Menschen. Und was ist Aufgabe der Politiker? Nicht die Vertretung
der Interessen der Millionäre, sondern für Gerechtigkeit und Frieden zu sorgen.
Sie müssen weit in die Zukunft schauen. Sie müssen Gefahren für den Planeten
und die Menschheit erkennen, sie müssen der Menschheit und ihrem Überleben dienen.
Sie dürfen nicht mehr an die erste Stelle ihrer Ziele die persönlichen und
nationalen Egoismen setzen, sondern sie müssen der gesamten Menschheit dienen.
Und sie werden es auch tun, wenn sie von der Öffentlichen Meinung und von einer
allgemeinen Übereinkunft der Bürger dazu gezwungen werden.
Der NATO-Beitritt Rußlands
Wie kann nun der große Friede in die Tat
umgesetzt werden?
Zu allererst muß Rußland der NATO beitreten.
Rußland würde das gerne. Es ist verletzt und gekränkt, daß es vom Westen
ausgeschlossen wird. Rußland hat sich weit nach Westen geöffnet. Es hat
unglaubliche Zugeständnisse gemacht. Es hat erlaubt, daß Deutschland
wiedervereinigt wurde. Es hat seine Satellitenstaaten in die Freiheit
entlassen. Es hat dem Baltikum, der Ukraine und Weißrußland die Selbständigkeit
gegeben. Georgien, Armenien, Kasachstan wurden unabhängige Staaten. War das nur
Schwäche? Rußland hätte vielleicht die Kraft gehabt, diese Staaten wieder in
die Sowjetunion zurückzuzwingen. Aber Rußland wollte nicht. Rußland wollte Teil
der europäsch-amerikanischen Welt werden - sicher auch deswegen, weil sich
Rußland Hilfe erhoffte. Aber der Westen verweigert Rußland, vollwertiges
Mitglied der abendländischen Gemeinschaft zu werden. Der Westen weist Rußland
zurück und versagt ihm die Hilfe. Rußland wird sich für die Demütigungen
vielleicht rächen. Dann sei uns Gott gnädig!
Warum will die NATO nicht, daß Rußland
Mitglied wird? Weil die NATO für ihren Zusammenhalt ein Feindbild braucht, und
weil all diejenigen, die von der Rüstungsindustrie und vom Waffenhandel
profitieren, Angst um ihre Gewinne haben. Aber wir sollten nicht die Ansichten
des militärisch-industriellen Komplexes übernehmen.
Rußland und alle ehemaligen
Warschauer-Pakt-Staaten müssen Teil der NATO werden.
Der Weg zur Weltföderation
Die militärischen Allianz muß auch zu einer
wirtschaftlichen Allianz werden. Der Kern dieser wirtschaftlichen Allianz
existiert schon: die Europäische Union. Die europäische Union muß ebenfalls
erweitert werden. Bis 1999 muß die Wirtschafts- und Währungsunion all der
Staaten kommen, die heute Mitglied der EU sind. Bis 2005 müssen Tschechien,
Slowakien, Polen, Ungarn und Slowenien angegliedert sein. Bis 2010 müssen
folgen (und das wird manche überraschen): USA, Japan, Korea, Kanada, Australien,
Neuseeland und Südafrika, sowie: Ukraine, Baltikum, Rußland und alle
GUS-Staaten, ferner: Türkei, Israel, Jordanien, Ägypten, Marokko, Tunesien.
Ferner: Die lateinamerikanischen Staaten in Süd und Mittelamerika. Bis 2015
treten bei: Indien, China und die Südostasiatischen Staaten. Bis zum Jahr 2020
treten dann bei: Die restlichen Staaten. Außer der Schweiz vielleicht.
Wenn die Welt einmal so weit ist, dann wird
es noch 30 Jahre dauern, bis alle Nationen einen Staatenbund bilden. Der
vorgezeichnete Weg ist möglich.
Und die Schweiz? Im Scherz, und doch nicht
ganz im Scherz sage ich: Der Schweiz wird dann der Rest der Welt beitreten. Die
Welt wird dann in Kantone, Regionen, Bundesländer, national-kulturelle und
kontinentale Verwaltungseinheiten eingeteilt.
Politik der Weltföderation
Um Wanderungsbewegungen zu verhindern, müssen
einige Vorkehrungen getroffen werden. Denn es ist nicht möglich, daß man
zuläßt, daß im Süden ganze Landstriche verwaist werden, während ganze
Völkerschaften in den reichen Norden strömen. Jeder Staat muß in die Lage
versetzt werden, seine Bürger zu ernähren und zu versorgen. Jedermann auf der
Welt muß wenigstens soweit sozial abgesichert werden, daß er etwa auf dem Stand
eines heutigen Chinesen existieren kann. Daß dies aus eigener Kraft möglich
ist, hat auch Indien bewiesen. Jeder Arbeiter muß einen Lohn erhalten, der ihm
und seiner Familie mindestens ein bescheidenes Auskommen gestattet.
Der Staat muß verpflichtet werden, jeden
Arbeitsfähigen mit sinnvoller Arbeit zu versorgen, und jedermann, der arbeiten
kann, soll auch arbeiten müssen.
Die Bevölkerungszahl muß auf dem heutigen
Stand festgehalten werden.
Weltweit: der gerechtere Arbeitslohn
Für Einkommen und Privatbesitz muß es eine
Höchstgrenze geben. Niemand soll mehr verdienen als 100 000 DM im Jahr und
niemand soll mehr Privatbesitz haben als dem Gegenwert von 2 Millionen
entspricht. Ausnahme: jemand besitzt einen Betrieb, den er selbst leitet. Aber
auch dann darf sein Einkommen nicht 100 000 DM übersteigen.
Das, was jedermann verdient und besitzt, soll
kein Geheimnis sein, sondern für jedermann öffentlich. Jedermann muß für die
Öffentlichkeit einsehbar Rechenschaft ablegen, woher sein Einkommen und sein
Besitz stammen. Dann werden es Korruption und Verbrechen sehr schwer haben, noch
zu existieren.
Laßt Euch nicht erzählen, daß dies
Kommunismus und Diktatur sei! In dieser Gesellschaftsordnung kann jedermann
dorthin reisen, wo es ihm beliebt - vorausgesetzt er kann die Reise bezahlen.
Jedermann kann auch dorthin ziehen, wohin es ihm beliebt - vorausgesetzt, er
findet Wohnraum und kann ihn bezahlen. Und jedermann kann dort bleiben, wo es
ihm beliebt, vorausgesetzt, daß er dort Arbeit bekommt und seinen Teil für das
Gemeinwohl beiträgt. Und hier ist der springende Punkt, der die Zuwanderung
begrenzt: In keiner Gemeinde und in keinem Landkreis könnte sich ein Zuwanderer
und Wohlstandsflüchtling halten, wenn er nicht Wohnraum und Nahrung erhalten
würde. Und dies soll die Gemeinde selbst entscheiden: ob sie die Zuwanderer
haben will, ob sie ihnen Wohnraum, Brot und Lohn geben will. Und wenn dies
nicht der Fall ist, dann sollen die Zuwanderer kein Bleiberecht haben.
Wenn es den Welt-Bundesstaat gibt, wird es
keine Asylanten und politisch Verfolgte mehr geben, denn die Menschenrechte
werden überall verbindlich durchgesetzt werden.
Weltweit: die 20-Stunden-Woche
Jedermann kann dann auch über seine Zeit frei
verfügen, vorausgesetzt er leistet die 20 Stunden in der Woche ab, die jeder
leisten muß, damit die Menschheit mit dem Nötigen versorgt wird. Es kann auch
jeder sagen und tun was er will, solange er die andern nicht schädigt,
beleidigt oder gefährdet.
In dieser Gesellschaftsordnung gibt keine
Diktatur des Proletariats, es gibt auch keine Diktatur der Kapitals, oder des
Militärs, oder was auch immer. Es gibt nur eine Art der Herrschaft: Die
Herrschaft der Menschheit durch die Menschheit und für die Menschheit.
Oft wird gesagt, die Arbeitslosigkeit ist ein
großes Problem. Die Maschinen nehmen den Menschen die Arbeit weg. Ach, wie
traurig! Ach, wie traurig, daß der Arbeiter nicht mehr 10 Stunden am Tag in
einer zugigen Fabrikhalle schuften darf! Ach, wie traurig, daß die Arbeit von
vier Fräsern von einer einzigen NC-Maschine gemacht wird! Ach, wie traurig, daß
die Arbeiter in der Lackierei nicht mehr die Lösungsmitteldämpfe einatmen
dürfen! Ach, wie traurig, daß heute ein Bauer mehr produziert als früher 10
oder 100 Bauern!
Ach, wie traurig, daß der Bauer keine Knechte
und Mägde mehr hat! Seien wir doch froh, daß die Maschinen uns die Arbeit
abnehmen und unseren Wohlstand mehren!
Seien wir doch ehrlich: all diejenigen, die
eine stumpfsinnige, gesundheitsschädigende und gefährliche Arbeit verrichten,
die zudem oft schlecht bezahlt ist, würden doch gerne auf diese Arbeit
verzichten - wenn sie weiterhin Lohn und soziale Achtung (und Selbstachtung)
behalten könnten. Man sagt "arbeitslos", aber man meint
"geldlos".
Ich befürworte, daß die Maschinen den
Menschen ihre Arbeit abnehmen. Der Mensch soll nur das tun, was die Maschine
nicht kann.
Das, was die Menschheit an Nahrung und
Konsumgütern für ihr tägliches Leben braucht, könnten heute wohl 20 % der
Werktätigen produzieren. Und sie müßten nicht 40, sondern nur 20 Stunden in der
Woche arbeiten.
Und was machen die restlichen 80 % ? Sie
sorgen dafür, daß das Produzierte gerecht verteilt wird. Sie sorgen als
Polizisten für die Sicherheit, als Ärzte und Pfleger für die Gesundheit. Als
Verwalter und Dienstleister sorgen sie dafür, daß der Staat funktioniert. Sie
sind Lehrer, Künstler, Sportler und Politiker.
Ich bin sicher, daß niemand auf der Welt mehr
als 20 Stunden in der Woche arbeiten müßte, wenn die Arbeit sinnvoll
organisiert ist und alle, die heute arbeitslos sind oder sinnlosen Tätigkeiten
nachgehen, sinnvoll arbeiten würden.
Wer länger arbeiten will und muß, weil er
z.B. Arzt, Künstler, Wissenschaftler, Manager ist oder sonst irgendeine
Tätigkeit ausübt, die ihm Erfüllung und Befriedigung schenkt, der soll das tun,
und es soll ihm auch angemessen honoriert werden. Das gleiche gilt für
Tätigkeiten, auf die Allgemeinheit in besonderer Weise angewiesen ist.
Weltweit: die Beseitigung von Armut
Die Armut der einen ist der Reichtum der
anderen. Wenn man die Armut der einen beseitigen will, muß man den
übertriebenen Reichtum der anderen beseitigen. Das Ergebnis wird dann
allgemeiner Wohlstand sein. Ich will hier nicht den Sozialismus neu erfinden.
Warum hat der Sozialismus nicht funktioniert? Weil er den Menschen die
Freiheit, die Eigeninitiative und die Motivation zur Leistung genommen hat.
Jedermann soll Privatbesitz haben, und er
soll ihn mehren können. Aber es müssen die Auswüchse des Kapitalismus beseitigt
werden. Es ist nicht gerechtfertigt, daß jemand eine Million Mark im Jahr
verdient. Ein Bauarbeiter, der in Wind und Wetter auf dem Bau steht, der Teerdämpfe
und Dreck einatmet, ein Grubenarbeiter, der in Hitze, Lärm und Staub schuftet,
leistet mehr als ein Manager, der fürstlich bezahlt wird - manchmal nur dafür,
daß er seine Firma in den Bankrott fährt.
Ganz zu schweigen von all denen, die nicht
mehr geleistet haben, als die Ehefrau oder der Sohn eines Millionärs zu sein.
Es ist allgemein bekannt, daß die Gesetze
viel zu zahlreich sind, und daß dadurch ein Heer von Beamten und Steuerberatern
damit beschäftigt ist, die Gesetze auszulegen. Die Parlamentarier sollten nur
dann ein neues Gesetz erlassen dürfen, wenn sie gleichzeitig ein überflüssiges
abschaffen.
Es ist offensichtlich, daß ein Drittel der
menschlichen Arbeitskraft darauf verwendet wird, Waffen herzustellen, Kriege zu
führen, die Zerstörungen der Kriege wieder zu beseitigen und die Verwundeten zu
pflegen.
Es ist offensichtlich, daß die reiche Klasse
einen Teil der ärmeren Menschheit für ihren übertriebenen Luxus arbeiten läßt.
Es ist offensichtlich, daß ein großer Teil
der staatlichen Organe damit beschäftigt ist, die Gelder, die der Staat dem
Steuerzahler abgenommen hat, wieder an den Steuerzahler oder an Bedürftige
weiterzugeben. Ein noch größerer Teil der Verwaltung ist damit beschäftigt, zu
prüfen, ob die Ansprüche der Empfänger von staatlichen Zuwendungen auch
tatsächlich berechtigt sind. Warum sorgt man nicht einfach dafür, daß jeder,
der arbeiten kann, auch arbeitet, und daß er und seine Familie genug zum Leben
erhält? Warum erst krasse Einkommensunterschiede entstehen lassen, um sie dann
mühsam durch Sozialleistungen zu überbrücken?
Ein anderer Grund für die Arbeitslosigkeit in
den Industrieländern ist, daß man die Arbeitsplätze in Billiglohnländer
exportiert. Die Politik darf das nicht zulassen. Bis auf besondere Ausnahmen sollen
Industrieprodukte auch in der Region hergestellt werden, in der sie verbraucht
werden. Jeder Wirtschaftsraum, z.B. Europa oder Nordamerika, soll weitgehend
das verbrauchen, was er produziert. Dann sind die ganzen Ungleichgewichte im
Handel und in den Währungsparitäten, und die damit verbundene Übervorteilung
der wirtschaftlich schwachen Länder, beseitigt.
Die Erde gehört uns allem gemeinsam
Die Rohstoffe des Bodens, also Metalle,
Minerale, Kohle, Erdöl und Erdgas sind nicht Eigentum der Nation, auf deren
Gebiet sie zufällig vorkommen, sondern Eigentum der gesamten Menschheit. Sie
müssen deshalb in die Verwaltung des Weltbundesstaates übergehen. Er muß
darüber wachen, daß die Rohstoffe zu einem angemessenen Preis verkauft werden
und daß sparsam mit ihnen umgegangen wird. Der Erlös für die Rohstoffe muß der
gesamten Menschheit zugute kommen und zu ihrem Wohl und Nutzen verwendet
werden.
Ethische Grundsätze für Weltbürger
Es ist oft von einer moralischen Erneuerung
in der Politik die Rede. Die Moral ist ganz einfach: Die Menschenrechte und die
Charta der Vereinten Nationen müssen weltweit durchgesetzt werden. Die Natur
muß geschont werden und die Früchte von Natur und Arbeit gerecht verteilt
werden.
Eine Regierung ist gut, wenn sie in diesem
Sinne handelt, eine Regierung ist böse und verwerflich, wenn sie es nicht tut.
Die christliche Religion spricht viel von der
Ursünde. Aber sie sagt nicht genau, was die Ursünde ist. Es heißt nur: Sünde
ist Ungehorsam gegen Gott.
Worin besteht nun die Ursünde wirklich? Sie
besteht darin, daß wir Tiere und Pflanzen töten müssen, um uns zu ernähren. Wir
müssen die Natur zerstören, um unsere Städte zu bauen und um unsere Felder
anzulegen. Wir müssen Kohlenwasserstoffe verbrennen, Staudämme und Kraftwerke
bauen, um uns zu wärmen und unsere Zivilisation am Laufen zu halten.
Die Güter der Erde sind knapp, ebenso die gut
bezahlten und angenehmen Arbeitsplätze. Die hohen Posten in Staat und
Wirtschaft gibt es nur in beschränkter Zahl. Jeder, der nach Erfolg strebt,
kann diesen Erfolg nur erringen, indem er andere verdrängt und aussticht. Dies
kann in einer sehr zivilisierten und freundschaftlichen Art geschehen, aber es
ändert nichts an der Tatsache, daß wir, allein durch unsere Existenz und
unserem legitimen Streben nach Glück und Erfolg, anderen Menschen und anderen
Lebewesen Leid und Schmerz bereiten müssen.
Was können wir dagegen tun? Wir können
bescheiden werden. Wir können darauf verzichten, mehr zu essen, als wir
benötigen. Wir können darauf verzichten, große Häuser und Autos zu haben. Wir
können darauf verzichten, jedes Jahr weite Reisen zu machen. Wir können darauf
verzichten, mehr Kleider zu besitzen, als wir wirklich brauchen. Wir können
darauf verzichten, zu viele Zigaretten zu rauchen und mehr Alkohol zu trinken
als uns guttut. Und wir sollten nur dann ein hohes Amt anstreben, wenn wir
glauben, daß wir auch die Fähigkeit haben, den Anforderungen gerecht zu werden
und bereit sind, die erforderlichen Opfer zu bringen. Wir sollten darauf
verzichten, immer mehr Reichtum und Macht anzuhäufen, wenn wir nicht bereit
sind, diese Macht und den Reichtum zum Wohl der Allgemeinheit zu verwenden.
Ich weiß, daß derartige Maßhalte-Appelle
unbeliebt sind, und daß sie kaum Erfolg haben. Deshalb muß der Staat ein
solches Verhalten belohnen und ermuntern. Die Film- und Fernsehindustrie, die
Medien und alle diejenigen, die Einfluß auf die Menschen haben, müssen die
allgemeinen Werturteile verändern. Nach wie vor gilt derjenige, der sich eine
überschwere Limousine und einen Privatjet leistet, als bewundernswert. Bei
vielen Amerikanern ruft allein schon die Nennung einer sehr großen Geldsumme,
die jemand besitzt, fast religiöse Scheu und Bewunderung hervor. Dabei: Was ist
der, der mit dem Privatflugzeug herumfliegt oder mit Tempo 200 über die Autobahn
brettert? Ein erbärmlicher Umweltverschmutzer. Und wie sind die großen Vermögen
zustande gekommen? Letztlich dadurch, daß man etwas teuer verkauft hat (z.B.
Aktien, Grundbesitz, die Arbeit anderer Leute usw.), das man vorher billig
bekommen hat. Oder man hat die eigene Person verkauft.
Es gibt kaum jemanden, der das moralisches
Recht hat, zu behaupten, daß er mehr für die Menschheit leiste als ein guter
Arzt oder eine gute Krankenschwester, und daß er auf Grund dieser Mehrleistung
auch mehr besitzen, mehr verbrauchen und die Umwelt mehr zerstören darf als die
übrigen Menschen.
Ein Weltstaat, der dem nicht Rechnung trägt,
wird ein ungerechter Staat sein.
Wirksamer Umweltschutz: nur weltweit
möglich
Im Mittelalter gab es die Allmende, das war
dasjenige Gemeindeland, das von allen gemeinsam benutzt werden durfte. Das
"Drama der Allmende" bestand darin, daß einzelne an er Allmende
Raubbau trieben. Dadurch konnte sie persönlichen Vorteil gewinnen, der aber auf
Kosten der Allgemeinheit ging. Das Prinzip der Allmende ist: "Gemeinnutz
geht vor Eigennutz". Wo dieses Prinzip nicht überwacht und notfalls mit
Gewalt durchgesetzt wird, da beginnt das Drama der Allmende.
Unser ganzer Planet ist heute eine Allmende.
Wir beobachten, wie Fischgründe von verantwortungslosen Individuen oder
Nationen hemmungslos leergefischt werden. Wir sehen, wie die Luft und die Meere
hemmungslos verschmutzt werden, wie der Regenwald abgeholzt wird usw., usw.
Was nutzt es einer Nation, wenn sie sich
strengen Umwelt-schutzbestimmungen unterwirft, wenn dies der Nachbarstaat nicht
tut und deshalb billiger produzieren kann? Der Staat, der umweltbewußt handelt,
ist der Dumme und wird auf dem Weltmarkt verdrängt. Nur wenn strenge
Umweltbestimmungen für alle Nationen verbindlich durchgesetzt werden, hat die
Umwelt noch eine Chance. Dies hat auch die Ökologiebewegung begriffen. Wir
Weltföderalisten gehen noch einen Schritt weiter. Wir sagen: eine weltweit
verbindliche Umweltgesetzgebung muß her. Und wer kann die erlassen? Nur ein
Weltparlament. Und wer kann sie überwachen: Eine Weltumweltbehörde. Und wer
kann diese einsetzen? Nur eine Weltföderation. Deshalb ist der Weltföderalismus
für den Umweltschutz so wichtig.
Das Wohl des ganzen Planeten muß Maßstab
sein
Wer für die Erhaltung der Schöpfung und für
die Verminderung des Leidens eintritt, steht mit Sicherheit im Einklang mit dem
Plan der Schöpfung. Denn es kann nicht der Plan der Schöpfung sein, die
Schöpfung zu zerstören oder die Geschöpfe leiden zu lassen.
Diejenigen, die regieren, dürfen nicht nur
ihr eigenes Wohl oder das Wohl ihrer sozialen Klasse, ihres Volksstammes oder
ihrer Nation im Sinn haben. Die Menschheit braucht Politiker, die das Wohl der
gesamten Menschheit im Auge haben. Wenn ein Einzelner, eine Gruppe oder eine
Nation ihre Belange über die der Menschheit stellt, schadet er sich
letztendlich selbst.
Jeder Einzelne hat ein Bedürfnis nach
Versorgung, Pflege, Anerkennung, Freiheit und Glück. Die Interessen der
Menschheit stehen dem nicht im Wege. Wenn außergewöhnliche Opfer für die Menschheit
verlangt werden, soll dies von Menschen erbracht werden, die sich freiwillig
opfern. Wie viele sind schon gestorben, weil sie glaubten: "Süß ist es für
das Vaterland zu sterben". Es werden sich auch eines Tages Menschen
finden, die für die Menschheit sterben wollen. Und es werden sich noch mehr
finden, die für die Menschheit leben und arbeiten wollen.
Jeder Mensch ist in einen Vertrag
hineingeboren, den jeder von uns mit der Menschheit hat. Wir sind verpflichtet,
sie zu schützen und ihren Nutzen zu mehren. Und das Gleiche tut sie für uns.
Diesen "Sozialvertrag" hat niemand mit seiner Nation geschlossen,
sondern mit der gesamten Menschheit. Es gibt keinen deutschen, französischen
oder russischen Urvertrag, der die Legitimation der nationalen Herrschaft
begründet. Es gibt nur einen ungeschriebenen Vertrag, von dem auch der größte
Verbrecher im Grunde seines Herzen weiß. Einen Vertrag, den jeder Mensch mit
allen anderen Menschen geschlossen hat, als er auf die Welt kam. Dieser Vertrag
lautet: Wir, die Menschheit werden für dich sorgen, solange du lebst. Du aber
bist verpflichtet, unsere Menschenrechte zu achten, die Schöpfung zu bewahren,
und dem Gemeinwohl zu dienen - solange und soviel, wie es möglich und
erforderlich ist.
In Wahrheit gibt es nur eine Nation, die
Nation aller derjenigen, die von einer Mutter geboren sind.