Die Übermenschen von Pondicherry

Von Richard Beiderbeck, http://www.koinae.de/

 

In der südindischen Stadt Pondicherry liegt das „Sri Aurobindo-Ashram“. Hier haben sich drei Menschen besonders darum bemüht, durch Meditation den Zustand des „Überbewußtseins“ zu erreichen und zum Übermenschen zu werden. Es waren dies: Der indische Autor, Guru und Heiliger Sri Aurobindo Ghose, seine Partnerin Mirra Alfassa (genannt „Mutter“) und Bernard Enginger, genannt „Satprem“, der Mann, der von 1959 bis 1973 die Gespräche mit „Mutter“ aufzeichnete und zu Büchern verarbeitete.

Um die Ideen und Lehren dieser drei Personen besser verstehen zu können, möchte ich den Leser mit den Biographien dieser drei interessanten Persönlichkeiten bekannt machen.

 

Wer ist Sri Aurobindo Ghose ?

Sri Aurobindo wurde am 15. August 1872 in Kalkutta als Sohn des Dr. med. Krishna Dhan Ghose geboren. Sein Vater war Atheist und Anhänger der englischen Kultur. Als Sri Aurobindo 7 Jahre alt war, schickte er ihn und seine beiden Brüder nach Manchester, England, damit sie eine englische Erziehung erhielten. Zwei Jahre später übersiedelte ihre Pflegmutter nach London und er besuchte eine Schule im Stadtteil West-Kensington. Er beschäftigte sich mit englischer und französischer Literatur und europäischer Geschichte. Die drei Brüder führten ein ärmliches Leben am Rande der Obdachlosigkeit. Da Aurobindo aber hochbegabt war, erhielt er kleines Stipendium für das Kings College in Cambridge. In Cambridge studierte er Altphilologie und erhielt weitere Stipendien und Auszeichnungen. Nach dem Willen seines Vaters hätte Aurobindo Beamter im Verwaltungsapparat der Engländer in Indien werden müssen. Aber dazu hatte Aurobindo keine Lust, und auch der Staatssekretär für Indien, der Earl of Kimberley, kam zu dem Schluss, dass die Übernahme Aurobindos in den Staatsdienst nicht ratsam war, da er als politisch unzuverlässig galt – er war aktives Mitglied eines nationalistischen Verbandes indischer Studenten. Aurobindo wollte die Engländer aus Indien hinausschmeißen. Da passte es sowohl dem Lord Kimberley wie auch Aurobindo gut, dass Aurobindo die Prüfung im Reiten nicht bestand und deshalb nicht Beamter der Kolonialverwaltung werden konnte.

1893 kehrte Aurobindo nach Indien zurück. Er wurde Verwaltungsbeamter des indischen Maharajas von Baroda, Sir Sayaii Rao. Da war er aber fehl am Platz, und so wurde er Englischlehrer am Baroda-College. Der Maharaja zog den gebildeten Mann als Ghostwriter und Sekretär heran. Im Jahr 1906 wechselte Aurobindo ans National Collegue in Kalkutta. In sein Entlassungszeugnis schrieb der Maharaja, dass er gute Fähigkeiten habe und intelligent sei, aber leider sprach er auch von Unpünktlichkeit und Unregelmäßigkeiten. Vielleicht waren damit die aufrührerischen Artikel gegen die Englische Herrschaft gemeint, die Aurobindo als politischer Journalist in verschiedenen oppositionellen Zeitungen veröffentlichte. Anders als Ghandi trat Aurobindo aber für das Recht auf bewaffneten und gewaltsamen Widerstand ein. Aurobindo trat Geheimgesellschaften bei, die für die Befreiung Indiens kämpften. Am 4. Mai 1908 wurde Aurobindo in Kalkutta verhaftet und ins Gefängnis von Alipur gebracht. Dies brachte die Wende in seinem Leben.

Ab 1904 hatte sich Aurobindo ernsthaft mit Yoga beschäftigt. Im Jahr 1907 ließ er sich vom Guru Visnu Bhaskar Lele unterweisen und hatte einige machtvolle Meditationserlebnisse. Er schreibt: „Seit diesem Augenblick wurde mein geistiges Wesen eine freie Intelligenz, ein universaler Geist, nicht mehr eingeschlossen in den engen Kreis des persönlichen Denkens...“.

Im Gefängnis von Alipur hatte Aurobindo Gelegenheit das zu tun, was er im Grunde schon seit einem Jahr vorhatte: sich von der Welt zurückzuziehen und eine innere Gotteserfahrung zu machen. Er erschienen ihm drei Hindu-Gottheiten und er erkannte, dass er und die Welt eine Einheit bilden. Am 5. Mai 1909 wurde er freigesprochen. Er schrieb noch einen „Offenen Brief“ an die britische Regierung, in welchem er ihr vorwarf, die wolle ihn wieder verhaften. Das war aber nur ein Rückzugsgefecht. Er nahm das Schiff nach Chandernagore, einer Stadt, die auf französischem Territorium in Bengalen lag  und kam am 4. April 1910 in Pondicherry, der Hauptstadt der französischen Enklave in Südindien, an. Die Befreiung Indiens überließ er Mahatma Gandhi.

In Pondicherry lebte Aurobindo und seine vier getreuen Mitstreiter zunächst von der Unterstützung von Förderern und von Honoraren für Bücher, die er schrieb oder übersetzte. Er gründete 1914 die Philosophische Zeitschrift „Arya“. Schon im Jahr 1910 war der Mann von Mirra Alfassa, der Autor Paul Richards, nach Pondicherry gekommen und hatte die Bekanntschaft Aurobindos gemacht. Ab 1910 stand Mirra mit Aurobindo in Briefkontakt. Sie fragte ihn über die Bedeutung des Lotussymboles (es bedeutet das Sich-öffnen des Bewusstseins gegenüber höheren Einflüssen). Am 19. Mai 1914 traf Mirra Richards -Alfassa, die zukünftige „Mutter“ des Ashrams, in Pondicherry ein. 1915 mußten die Richards wegen des Krieges nach Frankreich zurückkehren. Am 24. April 1920 war Mira wieder in Pondicherry – ohne ihren Mann. Allmählich bildete sich um Aurobindo und „Mutter“ ein Ashram, eine spirituelle Gemeinschaft und es strömten immer mehr Schüler herbei. Im Jahr 1926, kurz nach seinem Geburtstag am 15. August, übertrug Aurobindo ihr die Gesamtleitung des Ashrams und zog sich in sein Zimmer im ersten Stock des Ashram-Hauptgebäudes zurück. Für seine Schüler war er nur schriftlich oder über die „Mutter“ zu erreichen.

Am 24. November 1926 geschah etwas ungewöhnliches: „Mutter“ Mirra Alfassa rief die Mitglieder des Sri-Aurobindo-Ashrams zusammen. Nach einer einleitenden Meditation zogen die Mitglieder dieser spirituellen Gemeinschaft einzeln an der „Mutter“ und Sri Aurobindo vorbei. Jeder empfing einen besonderen Segen.

Was war geschehen ? Der „Übergeist“ war auf Aurobindo herniedergekommen.

Der „Übergeist“, das war eine wichtige Stufe zum Zustand des „Überbewusstseins“.

Den Rest seines Lebens, bis zu seinem Todestag am 5. Dezember 1950 verbrachte Sri Aurobindo in seinem Zimmer in der ersten Etage des Hauptgebäudes des Sri-Aurobindo-Ashrams in Pondicherry. Er schrieb Bücher, las und meditierte. Sein Ziel war es, das „Überbewusstsein“ zu erlangen. Ob es ihm gelungen ist, bleibt unklar.

Der Leichnam von Sri Aurobindo wurde erst 111 Stunden nach seinem Tod beigesetzt. Die dazu erforderliche, immer wieder erneuerte polizeiliche Erlaubnis hatte „Mutter“ eingeholt. Warum versuchte sie die Bestattung trotz der Seuchengefahr in dem feuchtheißen Klima immer wieder hinauszuzögern ? Weil sie glaubte, Sri Aurobindo würde als Übermensch im Astralleib wiederauferstehen.

 

Wer ist Mirra Alfassa (genannt „Mutter“) ?

Mirra Alfassa kam 1878 am 21. Feb. 1878 in Paris als Tochter einer Ägypterin und eines Türken zur Welt. Sie war mit dem jüdischen Geschlecht der Alfassa verwandt. Ihre Eltern traten leidenschaftliche für den Materialismus ein. Ihr Vater war ein bekannter Bankier und Mathematiker, ihre Mutter war bis zum Jahr 1888 Anhängerin von Karl Marx. Die junge Mirra erhielt Unterricht in Mathematik, Klavierspielen und Malerei (bei Gustve Moreau). Sie heiratete den  Maler Henry Morriset. 1904 erschien ihr im Traum ein Mann, der wie der Hindu-Gott Krishna aussah. Seither wartete sie darauf, ihm zu begegnen. Im Herbst 1905 schien es soweit zu sein: sie begegnete in Paris dem Okkultisten Max Théon und seiner britische Frau Alma. Théon war aber noch nicht der richtige. Den traf Mirra erst 1914 in Pondicherry: Sri Aurobindo. Trotzdem machte Théon großen Eindruck auf sie. Zwischen 1906 und 1907 war Mirra Alfassa Moriset längere Zeit in Zarif, einem Vorort von Tlemcen (Algerien), wo sie bei Max Théon in die Lehre ging.

Der „unbekannte Okkultist“ Max Theon (von 1848 oder 1850 bis 10. März 1927) hieß eigentlich Ludwig Maximilian Bimstein; er wurde in Warschau geboren, seine Eltern kamen aus Krakau. Sein jüdischer Name war Eliezer Mordechai Théon. Er studierte Altphilologie. 1870 finden wir ihn in England, wo er Mitglied im Vorstand der mystischen Geheimgesellschaft „Hermetische Bruderschaft von Luxor“ wurde, unter deren Mitgliedern viele Okkultisten waren. Die wohl bekanntesten Mitglieder der „hermetischen Bruderschaft von Luxor“ waren George Bulwer-Lytton (1803 bis 1873) und Helena Petrovna Blavatsky (30. Aug. 1831 bis  8. Mai 1891).

Bulwer-Lytton ist Autor des Romans „Die letzten Tage von Pompei“. Als Madame Blavatsky, die wohl bedeutendste Okkultistin des 19. Jahrhunderts,  im Jahr 1875 die „Theosophischen Gesellschaft“ gründete, waren Mitglieder der „Hermetischen Bruderschaft von Luxor“ beteiligt.

„Die Theosophie fügte der neuheidnischen Magie einen orientalischen Habitus und eine hinduistische Terminologie bei. Man kann auch sagen, sie eröffnete einem bestimmten luziferischen Orient die Wege ins Abendland. Mit dem Namen Theosophie belegte man schließlich die ganze weitreichende Renaissance der Magie, die zu Beginn des 20.ten Jahrhunderts so viele Geister in Aufruhr gebracht hat“, schreiben Pauwells und Bergier im „Aufbruch in das Dritte Jahrtausend“.

Bulwer-Lytton war auch Mitglied der englischen Rosenkreuzer-Gesellschaft, die 1867 von Robert Wenworth Little gegründet worden war. Aus der Rosenkreuzer-Gesellschaft ging 1887 die freimaurerische Geheimgesellschaft „Hermetic Order of Golden Dawn“ hervor. Dessen bekanntestes Mitglied war der Satanist Aleister Crowley. Das Buch von Bulwer-Lytton „Die kommende Rasse“ gab Anstoß zu der Gründung der „Loge der Brüder des Lichtes“ oder „Vril-Gesellschaft“. Derjenige, der zum Meister des Vril wird, ist Herr über sich selbst, über seine Mitmenschen und über die Welt. Die „Vril-Kraft“ ist die ungeheurere göttliche Energie. Diese Meister des Vril leben in dem Roman von Bulwer-Lytton im Innern der Erde.

Doch zurück zu Max Theón. Während seiner Zeit in Ägypten ging er gemeinsam mit Madame Blavatsky bei dem koptischen Magier Paulos Metamon in die Lehre. Metamon hatte in jungen Jahren Indien besucht und war Vorsitzender der „Bombay Arya Samay“.

Théon war also eine Größe in der Szene der von orientalischer Mystik inspirierten Geheimbünde, in denen die Schwarze und die Weiße Magie blühte. Die Schwarze Magie lässt sich über Crowley, den Neutemplerorden und die Thulegesellschaft bis hin zu Hitler verfolgen, die Weiße Magie hin bis zu „Mutter“ Mirra Alfassa.

Théon benötigte Mirra wegen ihrer medialen Fähigkeiten. Théons Symbol war eine Lotusblüte (eine Seerosenart) im jüdischen Davidsstern. Mirra machte dieses Symbol, leicht modifiziert (der Stern bekam andere Proportionen), zu Sri Aurobindos Symbol. Das Symbol bedeutet die Verbindung der Liebe des Göttlichen zur Welt und der Welt zum Göttlichen. 

Im Jahr 1914 (am 29. März) besuchte Mirra Alfassa, die inzwischen den englischen Autor Paul Richards geheiratet hatte, erstmals Pondicherry und stand  Sir Aurobindo gegenüber. Über ihre Begegnung mit Sri Aurobindo schreibt sie: „Sobald ich Sri Aurobindo sah, erkannte ich in ihm das wohlbekannte Lebewesen aus meinen Träumen, das ich „Krishna“ nannte... und dies ist genug, um zu erklären, warum ich vollständig davon überzeugt bin, dass mein Platz und meine Arbeit an seiner Seite sind. An ihn habe ich alles ausgeliefert, meinen Willen, mein Leben und mich selbst; für ihn bin ich bereit, mein Blut zugeben, Tropfen für Tropfen, wenn dies sein Wille ist, mit vollkommener Freude; und nichts in seinem Dienst wird ein Opfer sein, alles ist eine vollkommenes Vergnügen“. Die Kriegsereignisse (oder war es die Tatsache, dass Mirras Herz jetzt Sri Aurobindo gehörte ?) zwangen Paul Richards und seine Frau, Pondicherry zu verlassen. Nach ihrer zweiten Rückkehr (diesmal ohne ihren Mann), am 24. April 1920 nahm Mirra Alfassa die Organisation der kleinen spirituellen Gemeinschaft in die Hand und hatte dabei außerordentlichen Erfolg. Nach dem Rückzug von Sri Aurobindo im Jahr 1926 gründete „Mutter“ formal den Sri Aurobindo Ashram. Heute hat das Ashram 1200 Mitglieder. Es gibt ein Erziehungszentrum mit 400 Schülern und Produktionsbetriebe und Handelsfirmen.

1964 fasste Mutter den Plan, außerhalb von Pondicherry den Ort „Auroville“ zu gründen. Die Einweihung war 1968. Auf der Webseite von www.miraura.org/aa/av/av-dream.htm heißt es: „Es sollte einen Platz auf Erden geben, den keine Nation als Eigentum für sich beanspruchen konnte, ein Platz, wo alle Lebewesen guten Willens, ernsthaft in ihrem Bemühen, frei als Weltbürger leben konnten, einer einzigen Autorität gehorchend, die der erhabenen Wahrheit; ein Platz des Friedens, der Eintracht, der Harmonie, wo alle Kampfinstinkte des Menschen ausschließlich dazu benutzt würden, die Ursachen von Leid und Elend zu erforschen, um die Schwäche des Menschen zu übersteigen und über seine Grenzen und Unfähigkeiten zu triumphieren...“

In der Auroville Charta heißt es: „Auroville soll ein Platz der niemals endenden Erziehung, des konstanten Fortschrittes und der Jugend, die niemals altert, sein...Auroville soll ein Ort der materiellen und spirituellen Forschung sein...“

In Auroville leben zur Zeit 1000 Menschen aus 30 verschiedenen Nationen. In Auroville wird zur Zeit am „Matrimandir“, dem „Tempel der Göttlichen Mutter“ gearbeitet. Dies verwundert nicht, denn Mirra Alfassa hat schon zu Lebzeiten versucht, eine Göttin zu werden, und zwar viel konkreter, als man sich das vorstellt.

Über den Sri-Aurobindo-Ashram schreibt „Agniprem“:

Der Ashram ist ein menschliches Laboratorium. Hier wird das anscheinend Unmögliche durchgeführt: die konzentrierte, gewollte Entwicklung über den Menschen und seinen Geist hinaus. Der erste Schritt ist, die Grenzen des eigenen Ich zu überwinden und ein universelles Bewusstsein zu erlangen. Ist dies in großem Umfang erreicht ? Ehrlich gesagt: nein. Aber es wurden Fortschritte gemacht. Eine Handvoll von Individuen im Ashram haben diese erste Stufe erreicht. Aber man würde sie nicht erkennen, wenn man ihnen gegenübersteht. Aber dies ist nur der erste Schritt einer noch viel längeren Reise. Das Ziel ist die Entwicklung eines über das normale Bewusstsein hinausgehendes „Überbewusstsein“ in einem lebenden, denkenden Körper, und die Verwandlung von all dem (auch des Körpers) in eine höhere Natur und ein höheres Bewusstsein. Das Bewusstsein soll in den Körper gebracht werden, dann auf die noch tiefere Ebene der Zellen, dann auch die noch tiefere Ebene der Materie. Dadurch soll aus dem  irdische Leib in universeller Leib entstehen, in dem das Göttliche lebt und denkt. Diesen Zustand kann man nicht durch die Kraft seines menschlichen Geistes erreichen, sondern der Göttliche Geist muss auf einen niederkommen.

 

Als Sri Aurobindo am 5. Dezember 1950 starb, war dies ein schwerer Schock für Mirra Alfassa. Ihre eigene Sterblichkeit muss ihr unerbittlich zu Bewußtsein gekommen sein. Sie suchte einen Weg, dieser Sterblichkeit zu entkommen. Von nun an beschäftigte sie sich intensiv mit spirituellen „Experimenten“, die letztlich wohl das Ziel hatten, die Sterblichkeit des irdischen Leibes zu überwinden. Sie versuchte also durch die magische Kräfte, die ihr der Zustand des Überbewusstseins verleihen sollte, die Materie ihres Körpers in einen Zustand zu bringen, der dem des Astralleibes der Verstorbenen gleicht. Der Astralleib ist ein „feinstofflicher“ Körper, man könne sagen, der Körper eines Gespenstes. Aus der Sicht der heutigen Esoteriker ist dieser Leib ein vier oder fünfdimensionaler Leib, der weniger materiell und „erdenschwer“ ist als der irdische Leib. Genaugenommen wollte Mirra Alfassa zu Lebzeiten ein Gespenst werden. Aus ihrer Sicht war sie wohl dabei, eine unsterbliche Göttin zu werden.

Aurobindo hatte, ganz in der indischen Tradion des Idealismus, versucht, den Geist zu transzendieren und das Überbewusstsein zu erlangen. Mirra Alfassa, die sich selbst einmal „den größten Materialisten“ nannte, versuchte, mit den Mitteln des Geistes und der Magie (Okkultistin, die sie war) die Materie zu transzendieren und aus dem Körper den Astralleib zu schaffen, der frei von allen Krankheiten, allen Leiden und aller Sterblichkeit war. Sie wollte ihren Körper einem alchimistischen Prozess unterziehen und Blei in unvergängliches und strahlendes Gold verwandeln.

 

Mirrra Alfassa muß im Lauf der Jahrzehnte eine große Erfahrung darin gesammelt zu haben, sich in Bewußtseinzustände zu versetzen, die vom normalen Wachzustand, aber auch vom Schlafzustand abwichen. Schon als Jungendliche hatte sie spirituelle Erfahrungen gehabt. Ihr war es sicher möglich, sich mit Hilfe von Yoga-Techniken in einen Zustand zu versetzen, der dem Zustand von Schamanen gleicht, die sich auf „Seelenreisen“ begeben, während ihr Körper halbtot daliegt. Es war ihr wohl auch möglich, „luzide Träume“ zu haben, d. h. bei wachem Bewußtsein zu träumen und den Ablauf des Traumgeschehens zu steuern. Und es gab wohl auch Momente, in denen sie die „mystische  Schau“, also einen Zustand der Erleuchtung, in der man sich mit dem Kosmos eins fühlt, erreichte. Dies ist der Zustand des „Überbewusstseins“.

Um die Zellen Ihres Körpers zu einem neuen „Überbewusstsein“ zu erwecken, benutzte sie das Mantra „OM NAMO BHAGAVATE“. Matras sind von medierenden Yogis endlos wiederholte Worte, die das Bewusstsein auslöschen sollen, um so Platz für das göttliche Bewusstsein zu machen. Mir scheint es aber, die Okkultistin Mirra Alfassa hat versucht, dieses Mantra als magischen Zaubersspruch benutzt, um ihren Körper in ein unsterbliches Wesen zu verwandeln. 

 

Über ihre Experimente und Erfahrungen (die 1951 begannen) führte sie in der Zeit von 1954 bis zu ihrem Tod im Jahr 1973 mit Satprem lange Gespräche, von denen er teilweise Tonbandaufnahmen mitschnitt. Aus diesen Gesprächen ist das 13-bändige und 6000 Seiten umfassende Werk „Mothers Agenda“ entstanden. Satprem hat versucht, diese gewaltige Fülle an Material in verschiedenen Büchern zusammenzufassen.

Ich vermute, Mirra Alfassa geriet in den letzten Jahren ihres Lebens (sie starb im Alter von 95 Jahren) zunehmend in Isolierung. Es missfiel wohl den Mitgliedern des Ashrams, dass sie so viel mit Satprem zusammen war und sich mit ihm in Französisch unterhielt. Satprem schreibt in „Der Mensch hinter dem Menschen“: „Im Mai 1973 schloß sich die Tür zu der Mutter. Sie war nun allein. Ich war allein. Bald sah ich mich der ganzen Meute gegenüber: Da gab es ja noch diese „Agenda der Mutter“, nicht wahr, diese Aufzeichnungen, die so gefährlich waren für die „Jünger“, dieses Geheimnis einer Zukunft, die nicht das geringste mit Spiritualität zu tun hatte. Ich wurde verleumdet, verfolgt bis in den Himalaja, mit Prozessen bedroht, bei der indischen Regierung angeschwärzt und von der Polizei belästigt, und ich habe nie erfahren, wer diese beiden Mörder in die Felsschlucht geschickt hat. Das nennet sich „spirituelles“ Leben, sagte die Mutter. Sie haben sogar eine falsche „Agenda“ herausgegeben, um das Erscheinen der Wahren zu verhindern. Die alten Anthropoiden sind erbarmungslos gegenüber denen, die nicht ihrem eigenen Stamm angehören.“

Satprem glaubte, dass die Zellen Mirra Alfassas unsterblich seien. Deshalb war es aus seiner Sicht ein schwerer Fehler, „Mutter“ zu begraben. Mit ihr würde die Menschheit eine gewaltige Hoffnung zu Grabe tragen. Er rechnete fest damit, dass sich Mirras Körper nach einem Zustand des Scheintodes in einen Astralleib verwandeln würde.

Am 17. November 1973 starb Mirra Alfassa. Am nächsten Tag war sie in der Halle im Erdgeschoß des Hauptgebäudes aufgebahrt. Drei Ärzte des Ashrams erklärten sie für tot. Aus ihren Krankheitssymptomen kann man auf Herzversagen schließen.

Satprem glaubte aber weiterhin, dass der Tod nur ein Irrtum sein. Er glaubte: Wenn die Körperzellen wissen, dass sie unsterblich sind, werden sie auch unsterblich sein.

Satprem war ein armer Narr. Letztlich war er das Opfer seiner schrecklichen Erfahrungen, die er im KZ machen musste. Das KZ hat ihm eine unauslöschliche Furcht vor dem Leid und dem Tod eingeflößt, und sein Leben lang war er auf der Suche nach der Erlösung vom Tod. In Mutter hatte der Rastlose endlich jemand gefunden, der ihm Unsterblichkeit verhieß. Deshalb saß er 13 Jahre lang zu ihren Füßen und hörte ihr fasziniert zu. Für ihn war sie nicht ein altes Weib, sondern die große Göttin. Als so gestorben war, wurde er ihr Prophet.

 

Wer ist Satprem ?

Satprem wurde 1923 als Sohn eines elsässischen Vaters und einer bretonischen Mutter in Paris geboren. Sein bürgerlicher Name ist Bernard Enginger. Er schloß sich der französischen Restistance an, wurde 1943 verhaftet und verbrachte anderthalb Jahre in den KZ’s von Buchenwald und Mauthausen. Dort wurde sein „ich“ ausgelöscht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er von einem Vetter in das südindische Pondicherry eingeladen, das damals eine französische Enklave war. Dort hatte er eine Begegnung mit Sri Aurobindo und erkannte in ihm eine verwandte Seele. Er blieb eine Weile im Ashram Aurobindos, kehrte dann aber nach Paris zurück. Von dort ging er nach Cayenne in französisch-Guyana und von dort als Goldsucher in den Urwald. Er bleibt etwa zehn Monate und wird in der Urwaldhölle fieberkrank – sprich: Malaria. Dann zieht es den Abenteurer nach Brasilien, dann nach Afrika: Sudan, Guinea, Elfenbeinküste, Dahomey, Nigeria, die Sahara. Inzwischen war Sri Aurobindo gestorben. 1953 kehrt er nach Pondicherry zurück. Mutter gibt ihm den Namen „Satprem“, das heißt: „Einer, der richtig liebt“. Sechs Jahre lang verbringt er bei „Mutter“ in Pondicherry. Er ist ein rebellischer und aufmüpfiger Individualist. „Mutter“ begegnet ihm mit Nachsicht und Verständnis. Aber immer wieder treibt es in hinaus in die Welt:  in den Kongo, nach Brasilien, Afghanistan, den Himalaja, Neuseeland, die Wüste Gobi. Die „Muttter“ glaubte zu wissen, was ihn wirklich umtrieb: die Suche nach Liebe. 1959 machte sie ihn zum Schüler in einem Tempel des tantrischen Buddhismus (dies ist der Buddhismus der Liebe, wobei das auch die ganz handfeste körperliche Liebe einschließt). Doch auch dort blieb er nicht lange. Er schloß sich einem Yogi an, wurde wandernder Bettelmönch und reiste mit ihm zu Fuß durch Ceylon (Sri Lanka). Dann setzt er sein Wanderleben fort, indem er in überfüllten Zügen durch Indien reiste. Als er davon genug hatte, kehrte er zur „Mutter“ zurück. Von nun an machte „Mutter“ ihn zu ihrem Schüler und Vertrauten. Sie führte ausgedehnte Gespräche mit ihm, die er mit dem Tonband aufzeichnete. Unter ihrer Leitung schrieb er das Buch „Sri Aurobindo, oder das Abenteuer des Bewusstseins“. Ihr verdankte er auch sein Buch „Auf dem Weg zum Übermenschen“.

„Mutter“ starb am 17. Nov. 1973. Danach machte sich Satprem daran, seine Aufzeichnungen der Gespräche mit „Mutter“ auszuwerten und zu veröffentlichen. Zunächst erschien „Mutter“, eine Trilogie. Dann folgte „Le mental des Cellules“, das im Jahr 1985 im Goldmann-Verlag unter dem Titel „Der Mensch hinter dem Menschen“ erschien. Dieses Buch ist eine Art Konzentrat der „Mutter“-Trilogie. Dann folgten Bücher über seine eigene Entwicklung: „Gringo“ und „Evolution II“. Inzwischen wurden auch die gesamten Aufzeichnungen Satprems über die Gespräche mit „Mutter“ unter dem Titel „Mutters Agenda“ herausgebracht: 6000 Seiten in dreizehn Bänden.

 

Satprems Übermensch

 

Im Jahr 1971 veröffentlichte Satprem das Buch „Auf dem Wege zum Übermenschen“. Er verarbeitete dort Gedanken von Sri Aurobindo und von Mirra Alfassa. Für Satprem ist alles, d. h. der ganze Kosmos und die Totalität der Zeiten und der Seelen in einem einzigen Punkt und in einer einzigen Sekunde enthalten. Der Übermensch hat die Fähigkeit, in seinem Bewusstsein diesen Punkt zu erreichen und von hier aus die ganze Welt in ihrer Einheit zu überschauen. Dieses Bewusstsein ist das „Überbewusstsein“ oder das „supramentale Bewußtsein“. Man nennt diesen Zustand der Erleuchtung auch „kosmische Schau“ oder „kosmisches Bewusstsein“.

Ich träumte, ich sei ein Wald (wie Mirra Alfassa das kosmische Bewusstsein schildert): „Das begann um halb neun Uhr abends und dauerte bis früh um halb drei; das heißt, ich habe nicht eine einzige Sekunde das Bewusstsein verloren, dass ich da war, um fantastische Sachen zu beobachten. Ich weiß nicht, wo das hinführen soll . . . es ist unbeschreiblich. Nicht wahr, man wird ein Wald, ein Fluss, ein Berg, ein Haus -  und das ist die Empfindung des Körpers, eine ganz konkrete körperliche Empfindung.“

Man könnte die Erfahrungen Mirras mit dem kosmischen Bewusstsein durch einen Beispiel verständlicher machen: Der Leser stelle sich vor, er sei ein Fernsehgerät. Wenn man das Fernesehgerät einschaltet, erscheint auf dem Bildschirm ein Bild. Diese Bild ist das individuelle Bewusstsein des Menschen. Er meint, dies sei sein ureigenes Fernsehbild. In Wirklichkeit haben aber ganz viele Fernsehgeräte das gleiche Bild. Deshalb sind alle Fernsehgeräte, genau wie alle Menschen, identisch. Ihre Seele ist das Fernsehbild, und alle haben im Grunde die gleiche Seele (oder so viele Seelen, wie es Fernsehprogramme gibt). Wenn man das Fernsehgerät ausschaltet, ist das Bild (sprich die Seele)weg, das Fernsehgerät ist tot. Aber in Wirklichkeit ist das Bild ja immer noch da. Es ist aber nicht mehr auf dem Bildschirm, sondern als elektromagnetische Schwingung, als Fernsehwelle, die über das ganze Land verteilt ist. Die Buddhisten sagen „Atman ist Brahman“. Atman ist das Bild auf dem Fernsehbildschirm, Brahman ist das Bild in Form der Fernsehwellen, die überall verteilt sind. Mirra Alfassa’s Bewusstsein schaltete das Fernsehbild aus und kehrte in den Zustand der Fernsehwelle zurück, die über das ganze Land verstreut ist. Da erlebte sie, wie die Fernsehwellen durch einen Wald strichen und meinte, sie sei ein Wald und spürte körperlich, wie der Wind durch die Baumkronen strich. Das ist kosmisches Bewusstsein.

Mirra Alfassa sagt: „Das Wissen wird in seltsamer Weise durch etwas ersetzt, das nichts mit dem Denken zu tun hat und immer weniger mit dem Sehen, eine neues Wahrnehmen: man begreift. Man steht weit über dem Denken, weit über dem Sehen – ein neues Wahrnehmen...Hören, Sehen und Begreifen zugleich....Das ist nicht wie die „Visionen“ die ich gehabt habe. Ich kann nicht einmal sagen, es wäre bildhaft: Es ist ein wissen. Und ich könnte nicht einmal sagen, dass es ein „Wissen“ ist: Es ist etwas, das alles auf einmal ist, das seine Wahrheit in sich begreift...Zuvor bestand jedes Ding gesondert, abgetrennt, ohne Verbindung zu anderen, und ganz außen wie eine Nadelspitze.“ Doch die „kosmische Schau“ ist etwas anderes: „Es erscheint  wie eine enge Verbundenheit, das heißt, es gibt keine Distanz“,  keinen Unterschied, zwischen „etwas, das sieht“ und „etwas, das gesehen wird“. Objekt und Subjekt der Betrachtung fallen zusammen.

 

Das supramentale Zeitalter ist laut Satprem im Jahr 1969 im Sri Aurobindo-Ashram in Pondicherry, Indien, angebrochen. In aller Bescheidenheit schreibt Satprem: „Und dann dieses grundlegend Neue. Es ist nicht alt, es liegt erst ein paar Jahre zurück, ein Neubeginn auf Erden und vielleicht im Universum...“

Ahnungsvoll fügt Satprem hinzu: „Letztlich ist dieses neue Bewusstsein vielleicht gar nicht so neu, aber für uns ist es neu geworden...“

Ganz leicht ist ihm nicht auf die Schliche zu kommen, denn er verbirgt das, worum es eigentlich geht hinter einer Flut von blumigen und abstrakten Worten. Aber manchmal wird er doch konkret. Dann kann man lesen: „Wir haben Stellung bezogen auf einer kleinen Lichtung...da ist unser kleines unveränderliches Lied (es werden also offensichtlich Mantras rezitiert). Wir stellen fest, dass es nicht erforderlich ist, zu handeln oder nicht zu handeln...es genügt einfach, da zu sein...Und alles fügt sich einfach, wunderbar, ohne dass man weiß, warum, einfach, weil man da ist. Schatten lösen sich auf, Ordnung stellt sich ein, Frieden und Harmonie und die Rhythmen kommen in Übereinstimmung- denn es gibt in Wahrheit nichts Böses, nichts Feindliches, keine Gegensätze...dann gibt es kein Urteilen mehr, keine falschen Reflexe...keine Furcht zu verlieren...Da ist Es, das fließt, das wahr ist, und das nur immer mehr wahr sein will...Wir sind eingetreten in ein neues Bewusstsein, ein Bewusstsein der Wahrheit.

Das, was Satprem als „Überbewusstsein“ beschreibt, ist nichts anderes als die altbekannte Meditationsstufe des „Zustandes des reinen Bewusstseins“ der Yogis. Patricia Carrington schreibt im „Großen Buch der Meditation“, dass die Yogis behaupten, während dieses Zustandes befinde sich ihr höheres Nervensystem in einem ekstatischen Zustand der „Seeligkeit“.

Carrington berichtet über wissenschaftliche Untersuchungen, die man an meditierenden Yogis durchgeführt hat. So wurden z. B. dass man Yogis an EEG-Geräte angeschlossen und ihr Blutsauerstoffgehalt, sowie ihre Herz- und Atemfrequenz gemessen.

Der Neurologe J. P. Banquet stellte fest, dass es fünf Stadien der Meditation gibt:

1.     Das Stadium der körperlichen Empfindungen

2.     Das Stadium der unabsichtlichen Bewegungen

3.     Das Stadium der individuellen Vorstellungen

4.     Das Stadium der „Tiefen Meditation“

5.     Das Stadium des „Reinen Bewusstseins“

Dabei zeigte es sich, dass sich der Sauerstoffverbrauch, die Pulsfrequenz und der Atemrhythmus erniedrigten – ähnlich wie bei einem Menschen im Tiefschlaf. Der Körper gerät also in einen tiefen Entspannungszustand; der Geist des Meditierenden ist aber rege und wach. Die Gehirnwellen während der Meditation gleichen den Wellen während eines Schläfrigkeitszustandes. Der Geist des Meditierenden befindet s ich in einem Schwebezustand zwischen Schlaf und Wachsein. Normalerweise neigt der Mensch dazu, aus diesem Zwischenzustand bald zu verlassen: entweder wird er ganz wach oder er schläft ein. Der Meditierende kann diesen Zustand aber lange Zeit aufrecht erhalten -  wobei es zwischendurch vorkommt, dass der Meditierende ein kurzes Schläfchen hält und manchmal auch tief einschläft. Die meiste Zeit befindet sich der Meditierende aber in dem erwähnten Schwebezustand der „wachen Schläfrigkeit“.

Man unterscheidet bei der elektrischen Gehirnaktivität vier Frequenzbereiche: Beta-Aktivität (Frequenz 30 bis 14 Hertz), Alpha-Aktivität (13 bis 8 Hertz), Theta-Aktivität (7 bis 4 Hertz) und Delta-Aktivität (3 bis 0,5 Hertz). Wenn der Mensch wach ist und die Augen geschlossen hat, überwiegen die Alpha-Aktivitäten. Auch bei Meditierenden beobachtet man meist Alpha-Aktivitäten. Wenn der Mensch die Augen öffnet (oder bei anderen Sinnesreizen) führt dies zu einer Unterdrückung der Alpha-Aktivitäten und es überwiegen die Beta-Aktivitäten, die eine höhere Frequenz haben. Der Beta-Rhythmus deutet auf eine Desynchronisation der Gehirnaktivitäten. Im Schlaf überwiegen die Theta- und im Tiefschlaf Delta-Aktivitäten. Auch Meditierende zeigen Theta-Aktivitäten, aber sie schlafen nicht.

Während des Träumens steigt die Frequenz der Hirnströme auf 4 bis 8 Hertz an. Puls und Atemfrequenz erhöhen sich ebenfalls. Die Augen (unter den geschlossenen Lidern) bewegen sich schnell hin und her (rapid eye movements = REM = schnelle Augenbewegungen). Im Traumzustand ist der Mensch genauso aktiv wie im Wachbewusstsein. Traumzustand und Wachbewusstsein können sogar gleichzeitig nebeneinander existieren (Luzides Träumen).

Meiner Meinung nach gibt es aber einen Unterschied zwischen Wachbewusstsein und Traumbewusstsein: Während des Träumens ist der Blutsauerstoffgehalt niedriger. Mit Hilfe eines Pulsoximeters kann man an einer schlafenden Person feststellen, dass in der Aufwachphase, die oft von Träumen begleitet ist, der Sauerstoff-Sättigungsdruck des Blutes abfällt (weil der Körper durch seine zunehmende Aktivität mehr Sauerstoff verbraucht, aber durch die langsame und flache Atmung nicht genug zugeführt wird. Durch den verringerten Sauerstoffgehalt wird die Schwelle herabgesetzt, die verhindert, dass Nervenimpulse von einer Nervenzelle zur andern weiterwandern. Die Gedanken und inneren Bilder kommen dann schneller, chaotischer und unkontrollierter. Es können wilde Träume entstehen. Aber es ist auch ein kreatives Chaos. Es werden auch Gedankenassoziationen hergestellt, auf die man im Wachzustand nicht kommen würde. Es findet also eine Art Brainstorming statt. Schon mancher hatte im Traum einen genialen Gedanken. Warum muss die Fortpflanzung der Nervenimpulse gebremst werden ? - wäre es nicht besser, sie schneller und ungebremster ablaufen zu lassen ? Nein, es besteht nämlich die Gefahr, dass die Nervenzellen sich in einem „Gewitter“ entladen, weil alle Synapsen auf einmal feuern: es entsteht ein epileptischer Anfall. Die „Nervenimpuls-Bremse“ kann ausfallen, wenn irgendetwas mit dem Gehirn oder dem Blut nicht stimmt. Es reicht z. B. schon aus, dass im Blut der Elektrolytgehalt oder der Glucosegehalt zu niedrig ist.

Patricia Carrington schreibt, dass der interessanteste Aspekt der Gehirntätigkeit der Meditierenden die ungewöhnliche Gleichmäßigkeit und Rhythmisierung jeglicher vorhandenen Wellenform ist. Alle Bereiche des Gehirns haben die Tendenz zu harmonisieren und im Gleichklang zu pulsieren. Der Neurologe J. P. Blanquet stellte fest, dass im Zustand der tiefen Meditation und des „reinen Bewusstseins“ die Beta-Wellen (die ja für aktive, wache Zustände typisch sind) an jeder Stelle der Kopfhaut vollkommen phasengleich waren, d. h. die Aufzeichnungen von verschiedenen Gehirnregionen waren völlig synchron. Banquet nannte dies Hypersynchronismus und vertrat die Auffassung, dass es sich um das charakteristische EEG-Merkmal der Meditation handele. Ein rhythmisches Muster scheint an Stelle der unruhigen und chaotischen Hirnwellen im Wachzustand zu treten.

Der Zustand des „reinen Bewusstseins“, die höchste (oder tiefste) Stufe der Meditation ist der Zustand des Überbewusstseins. Es soll ein „objektloser geistiger Zustand“ sein. Das will heißen, dass der Meditierende sein Bewusstsein von allen Bildern, Ideen, Vorstellungen und Wahrnehmungen leergemacht hat, dass in seinem Bewusstsein kein Objekt der Betrachtung vorhanden ist. Warum macht der Meditierende dies ? Weil er auf diese Weise Platz für das Göttliche schaffen will. Wenn nichts mehr im Bewusstsein ist, dann muss sich diese Leere mit dem Göttlichen füllen. Dann wird der Mensch mit dem Göttlichen eins. Das ist die „unio mystica“.

Man könnte die Sache aber auch viel prosaischer sehen. Wenn der Mensch seine Augen öffnet, gehen die Alpha-Aktivitäten in unregelmäßige Beta-Aktivitäten über. Die Beta-Aktivitäten haben etwas mit dem sehen von Bildern zu tun. Die Gehirnströme bilden in einer gewissen Weise die Sinneseindrücke im Gehirn ab. Da die Sinneseindrücke unregelmäßig sind, sind die Gehirnaktivitäten ebenfalls unregelmäßig. Wenn der Meditierende im Zustand des reinen Bewusstseins vor seinem inneren Auge quasi nur ein leeres Stück Papier sieht, sieht er keine Bilder, und ohne Bilder gibt es keine unregelmäßigen Beta-Gehirnaktivitäten. Dieser Zustand des Wachseins ohne zu denken und wahrzunehmen ist offensichtlich ein sehr angenehmer und beglückender Zustand. Im Bewusstsein ist nichts und gleichzeitig alles. Das ist der Zustand des Überbewusstseins, und laut Satprem ist ein Mensch im Überbewusstsein ein Übermensch.

Aber was ist schon dran an diesem Überbewusstsein ? Das Gehirn läuft quasi im Leerlauf. Ein angenehmer Zustand, denn es braucht nichts zu leisten. Alles läuft schön rund und gleichmäßig. Man hat keine Probleme und fühlt sich wohl. Die Harmonie und Gleichmäßigkeit der Gehirnaktivitäten ist jedoch noch kein Beweis für den besonderen Wert dieses Zustandes (außer, dass er angenehme Empfindungen auslöst). Gestatten sie mir einen, zugegeben, hinkenden Vergleich des Gehirns mit einem Automotor. Wenn der Motor etwas leistet, dann wird er beschleunigt und abgebremst, alles ist unregelmäßig und unharmonisch. Aber der Motor tut das, wozu er eigentlich da ist: er bringt seinen Besitzer vorwärts. Ist am Ende Satprems Übermensch jemand, der ein Auto besitzt, den Motor anlässt, ihn stunden- und tagelang im Leerlauf laufen lässt und sich freut, wie schön rund und harmonisch er läuft ? Mir ist noch nicht bekannt geworden, dass die Yogis im Zustand der tiefsten Meditation oder des „reinen Bewusstseins“ besonders geniale Gedanken hervorgebracht hätten, die ein Wachender oder ein Träumender nicht auch hätte haben können.

Dazu noch eine weitere Überlegung, welche die „unio mystica“, das Einswerden des „Ich“ mit dem Göttlichen anbelangt. Es geht dabei im die Frage, wie das normale Wachbewusstsein des Menschen funktioniert. Wenn ich durch das Zimmer gehen will, denke ich mir nicht: Jetzt setze ich dien linken Fuß um 25 cm nach vorne, verlagere das Gewicht vor, ziehe den rechten Fuß nach usw., sondern ich stelle mir vor, dass ich durch das Zimmer gehe, und mein Körper führt diese Idee dann aus. Mein Körper wird also durch die Ideen kontrolliert, die ich vor meinem inneren Auge entstehen lasse. Mein ich ist nun diejenige Instanz, die darüber wacht, welche Ideen und Vorstellungen ins Zentrum des Bewusstseins gelangen und von dort aus meinen Körper dirigieren. Bei der Hypnose gestatte ich dem Hypnotiseur, Vorstellungen und Suggestionen vor mein inneres Auge zu stellen und mich durch diese Vorstellungen zu dirigieren. Die Mystiker gehen von folgender Idee aus: Wenn man die Vorstellung von Gott in das Zentrum des Bewusstseins stellt, dann ist es Gott, der den Körper dirigiert. Man kann in das Zentrum seines Bewusstseins aber nicht nur Gott stellen, sondern, wie das z. B. wie bei einem Besessenheitskult wie Voodoo geschieht, auch die verschiedenen Voodoo-Gottheiten. Auch die Priesterinnen der Antike, z. B. die Pythia, ließ ihren Gott Apollon von sich Besitz ergreifen. Für diesen Vorgang war es erforderlich, dass das „Ich-Bewußtsein“ geschwächt wurde (was durch Rauschmittel, Tanz, Hypnose oder Trance geschah). Das „Ich“ verließ in diesem Zustand quasi die Kommandobrücke und übergab das Schiff seines Körpers dem Gott oder dem Dämon. Da mit dem Ich-Bewßtsein auch die Erinnerung weg war, konnte sich die von Gott besessene Person nachher an nichts mehr erinnern.

Der Yogi oder Mystiker, der von Gott besessen ist, hat ein ähnliches Problem. Er kann sich hinterher nicht daran erinnern, wie es war, von Gott besessen gewesen zu sein und er weis nicht mehr, was er wusste, als er mit Gott eins war. In der Erinnerung bleiben nur Erinnerungen an Gefühle, an Töne und an helle Lichterscheinungen.

Satprems Übermensch ist also nur dann Übermensch, wenn er sein Bewusstsein ausgelöscht hat und handlungsunfähig ist. Insofern ist Satprems Übermensch sehr viel ungefährlicher und harmloser als Nietzsches Übermensch.

Noch ein weiteres Problem hat der Mystiker: Während der Voodoo-Besessene ziemlich genau weiß, welche Persönlichkeit und welches Aussehen der Voodoo-Dämon hat, der von ihm Besitz ergreifen soll (und er deshalb die entsprechenden Vorstellungen in das Zentrum seines Bewusstseins stellen kann), weiß der Mystiker nicht, wie Gott aussieht und wie seine Persönlichkeit ist. Also kann er auch keine Entsprechenden Vorstellungen in seinem Bewusstsein erzeugen. Es bleibt ihm also nichts anderes übrig, als sein Bewusstsein völlig zu leeren – in der Hoffnung, dass es sich mit Gott füllt.

 

Satprem Zukunftsvision vom Übermenschen:

Eine kleine Gruppe von 10 bis 50 Menschen wird vielleicht den Menschen bearbeiten um den Übermenschen zu schaffen. Sie wollen sich selbst diesem Versuch zur Verfügung stellen, „ihre eigene lebendige Substanz diesem Versuch ausliefern“. Sie wollen einen Menschen aufbauen, der eine Empfangsstation für die Kräfte der Zukunft ist, ein Instrument der Wahrheit, einen Kanal, um die große Harmonie aufzufangen, ein erstes, fühlbares Zeichen der neuen Welt. Die Menschen dieser kleine Gruppe gehören nicht mehr einem Land, einer Familie, einer Religion oder einer Partei an, sondern einem Land, das noch nicht geboren ist. Gemeinsam ist diesen Menschen der Zukunft die „klare Schau, die mit der totalen Harmonie übereinstimmt und unmittelbar die wahrgenommene Wahrheit in die Tat umsetzt. Das ist das einzige Gesetz in dieser „Stadt der Zukunft“, in der es keine Regierung gibt. Es reicht, wenn fünfzig Menschen „in sich die Pyramide der Wahrheit bauen“, „denn dann wird in Wirklichkeit die ganze Stadt gebaut sein“.  „Und vielleicht wird sich die ganze Erde verwandelt finden...durch diese eine Umformung eines Winkels der Erde“. (Anmerkung: Laßt mich mal raten: der Winkel heißt Auroville bei Pondicherry in Indien).  Auroville soll also zu einem Laboratorium der Zukunft werden - schrieb Satprem etwa 1970. Auroville: die Stadt ohne Grenzen, Auroville: die Stadt der Zukunft. Die Zukunft dieser Stadt sind natürlich die Kinder von Auroville. Sie sollen in weniger erstickenden Bedingungen geboren werden, sie sollen von Werbung und Fernsehen verschont bleiben. Man wird ihnen nicht jeden Moment sagen, dass sie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, weil niemand in dieser Stadt der Zukunft seinen Lebensunterhalt verdienen muß, niemand Geld haben wird, niemand einen Beruf hat, niemand über andere triumphiert. Man wird die wahre Schau lehren, die alles verwandelt. Die Kinder werden in einer Atmosphäre natürlicher Einheit aufwachsen, in der es weder „dein“ noch „mein“, weder „Du“ noch „ich“ gibt. „Dann wird es keine inneren und äußeren Grenzen mehr geben...kein Gut und kein Böse: Es wird eine einzige, höchste Harmonie in tausend Körpern geben...in jedem Herzen Gleichklang...“

„Der Übermensch hat sein kleines Ich, seine kleinen Vorstellungen von Familie und Vaterland, von Gut und Böse verloren...Er horcht auf den Rhythmus und übersetzt ihn seiner Rolle...Er ist ein Übersetzer des Rhythmus...und niemand weiß, wer er ist, er hat kein Bedürfnis danach, erkannt zu werden...Er ist unberechenbar, er ist unfassbar, wie die Wahrheit selbst...denn er hört die unsichtbaren Rufe und arbeitet ohne Unterlass daran, den Rhythmus über die Wunden der Welt zu lenken...er gibt der Welt ein neues Gesetz ein...Er versucht, den gleichen Funken Wahrheit zu entzünden, der in jedem Wesen, jedem Ding enthalten ist, und jeden kraft seiner eigenen Sonne zu bekehren.“

 

Nietzsches Übermensch und Satprems Übermensch sind zwei Antipoden

 

Nietzsches Übermensch ist der große Einzelne, der Imperator, der einsame Willensmensch, der über andere dominiert und der nur seinen „heiligen Egoismus“ im Sinn hat. Satprems Übermensch ist ein Mensch ohne eigenes Ego. Er hat sein eigenes Ich aus der Mitte seiner Persönlichkeit verstoßen und an dessen Stelle die Gesamtheit gesetzt: das Kollektiv seiner „Mitmönche“, mit denen er gemeinsam meditiert und mit deren Hirnströme seine Hirnströme synchronisiert sind. Die Gesamtheit ist ferner die Gesamte Menschheit, die er durch seine Schwingungen ebenfalls harmonisieren und synchronisieren möchte. Ferner ist die Gesamtheit: unser ganzer Planet Erde mit allen Lebewesen, und schließlich ist die Gesamtheit: der Kosmos. Satprems Übermensch nimmt die Schwingungen und Rhythmen auf und handelt im Einklang mit diesen Schwingungen. Diese Schwingungen sind die Musik und er ist der Tänzer. Er ist nicht der große Einzelne, sondern er ist „das Kollektiv“, das Ganze, die Menschheit, der Kosmos.

Satprems Vision läuft – vielleicht ist ihm das selbst nicht ganz klar, darauf hinaus, dass der einzelne Mensch eine Art Nervenszelle in einem Superhirn ist. Dieses Superhirn sind viele Menschen, deren Hirnströme im Gleichklang schwingen und die auf diese Weise in einer Art telepatischer Verbindung verknüpft sind, so wie die Hirnzellen durch Dendriten und Synapsen verbunden sind. Satprems Übermensch nimmt Impulse auf und gibt sie weiter. Der wahre Übermensch ist aber das Kollektiv, von dem er nur eine Zelle ist, die zur gegebenen Zeit aktiv wird – wenn sie von anderen einen Anstoß erhalten hat.

Der Gedanke, dass die Menschheit ein Kollektiv darstellt, dessen Gesamtintelligenz die Intelligenz jedes einzelnen Menschen bei weitem übersteigt, ist so abwegig nicht.

Der Übermensch Nietzsches wäre aus dieser Sicht nur ein besonders großer, robuster, hinterhältiger und dominanter Einzeller. Der Übermensch wäre aber auch als Kollektiv von menschlichen Gehirnen denkbar, die in enger Verbindung stehen.

Diese Gedanken hat Arthur C. Clarke in seinem Science Fiction Roman „Childhoods End“ 1950 veröffentlicht. Das Buch erschien in Deutschland unter dem Titel: „Die letzte Generation“. Hier kurz der Inhalt: Über allen großen Städten der Welt erscheinen plötzlich die Raumschiffe der „Overlords“, einer überlegenen Art von intelligenten Lebewesen. Ein kleiner Knalleffekt in diesem Roman ist, dass sie aussehen wie der leibhaftige Teufel. Im Grunde sind die Overlords die Übermenschen Nietzsches. Aber sie sind nicht die wahren und unumschränkten Herrscher. Über ihnen steht noch eine gute Macht, in deren Dienst sie stehen. Dies gute und wohlwollende Macht, so kann man vermuten, ist ein Kollektiv, also dem Übermenschen Satprems verwandt. Die Kinder der Erde finden sich zu einem immer größeren Scharen zusammen und handeln synchron. Schließlich verlassen sie die Erde und werden Teil der übergeordneten Macht.

Als Realist und Skeptiker muss ich aber zu der Idee, dass sich die Menschheit zu einem Kollektivgehirn vernetzen könnte, sagen: Da werden sich die Computer schneller und effizienter vernetzen und ein Supergehirn bilden. Immerhin wäre nicht im Widerspruch zu den Ideen der Evolution, dass die Menschen einmal in eine telepathische Vernetzung eintreten können, um so ein kollektives Gehirn des Planeten Erde zu bilden. Ich persönlich glaube aber nur, was ich sehe. Ich habe aber in meinem Leben schon oft erlebt, dass sich eine fremde Frau, die ein Stück weit vor mir ging und die ich aus der Entfernung intensiv ansah, umdrehte und sich suchend umsah, um zu sehen, wer sie so intensiv anschaut. Wie ich weiter oben erwähnt habe, steigt die Frequenz der Hirnströme, wenn der Mensch die Augen öffnet und etwas betrachtet. Wenn ich eine Frau intensiv betrachte, muss die Frequenz meiner Hirnströme wohl ziemlich in die Höhe gehen, und dies kann wohl das Objekt meines Schauens wohl irgendwie wahrnehmen.

 

Mirra Alfassa’s Übermensch ist unsterblich

Mirra Alfassa versuchte mit der Kraft ihres Überbewusstseins ihren Köprer auf der atomaren und zellularen Ebene umzuwandeln.

Satprem schreibt: Auch der Übermensch ist nur ein „Wesen des Übergangs“. Er ist der Vorläufer eines andern Wesens, das vom Menschen so verschieden ist  wie der Mensch vom Affen, vielleicht sogar noch verschiedener. Auch der Übermensch wäre noch mit einem Körper belastet, der aus dem Tierreich stammt und eine Menge Unvollkommenheiten aufweist. Dieser Nachfolger des Übermenschen, (Satprem nennt ihn das „Supramentale Wesen“) wird von einer anderen Substanz sein, „unsterblich, leuchtend und leicht wie die Wahrheit selbst. Satprem beruft sich dabei auf Sri Aurobindo, und will eine „neue körperliche Natur zu schaffen“  unter Teilnahme des „armen, kleinen, zerbrechlichen und tierischen Körpers, denn er ist unsere Grundlage.“ Satprem will den Körper des Menschen in einen ätherischen „Astralleib“ oder so etwas ähnliches verwandeln -  und zwar noch zu Lebzeiten des Menschen. Satprem sagt: „Wir müssen an die Pforte des Todes anklopfen und ihm sein mächtiges Geheimnis entreißen...In einer Zelle unseres Körpers ruht das gleiche Mysterium wie in allen Galaxien und allen Erden...In einem Punkt ist alles enthalten.“

Wenn ich den blumigen Text Satprems in meine Sprache „übersetze“, dann kann ich folgende Idee herausfiltern, wie sich Satprem die Unsterblichkeit des irdischen Körpers vorstellt: Der Übermensch kann durch seine Gedanken seinen Körper bis hinunter in den Nanobereich, also im Bereich der DNS und der Enzyme, von negativen Energien befreien und wieder störungsfrei funktionieren zu lassen und die  „Vibrationen des Todes“ entfernen. Nach seiner Theorie stirbt der Körper, weil jede Zelle glaubt, sterben zu müssen; das sei aber ein Irrtum. Man müsste also den Zellen beibringen, das sie unsterblich sind. „Der Tod ist eine Illusion, die Krankheitn ist eine Illusion“, rief Mirra Alfassa 1962 aus. Wenn jede Zelle weiß, dass sie unsterblich ist, kann sie es auch sein. Hier könnte man vielleicht an ein Todeshormon denken, das jede Zelle in sich hat.

Mirra Alfassa hoffte, durch eine Veränderung des Schwingungszustandes der Materie eine neue Materie schaffen zu können, die frei von Unfällen, Krankheit und Tod ist. Sie wollte negativen Schwingungen, die in der Materie sind, abtrennen und nur die positiven bewahren. Dies erinnert an die Lehre Manis, der sagt, dass in der Materie die göttlichen Lichtfunken gefangen sind und ein Amalgam mit der Finsternis und dem Trug bilden. Um die Materie zu reinigen und um die irdischen Körper in Lichtkörper zu verwandeln, müsste man die negativen Schwingungen abtrennen und die Atome auf einen höheren Schwingungszustand oder vielleicht in eine höher Dimension heben.

Aber diese durch die moderne Physik inspirierten Vorstellungen Satprems und Mirra Alfassas sind nur Wunschträume. In Wahrheit ist es so, dass man den Zerfall des Körpers genauso wenig aufhalten kann, wie man verhindern kann, dass alles auf der Welt altert und vergeht - außer man pumpt eine gewaltige Menge Energie und Ordnung hinein, um es immer wieder zu konservieren und zu erneuern. Aber warum sollte die Natur das machen, wenn es doch viel ökonomischer ist, einfach einen neuen Menschen zu zeugen ? Hier geht Satprem wohl dem Wunsch jedes Lebewesens auf den Leim, das sich wünscht, unsterblich zu sein. Aber was für einen Sinn hätte es, wenn die Evolution unsterbliche Lebewesen hervorbringen würde ? Hier erkennen wir in Satprem und Aurobindo den Magier, der selbst zum Gott werden will. Hier berühren sich die Extreme: Satprem will, dass der Supermensch zum unsterblichen Gott wird, Nietzsche glaubt in geistiger Umnachtung, selbst Gott zu sein.

 

Der Übermensch der Transzendentalen Meditation

Durch die Technik der Transzendalen Meditation kann jeder Mensch zum Superman werden, sagte im Jahr 1975 im ehemaligen Hotel Seelisberg in der Schweiz, dem am damaligen Hauptsitz der Bewegung der Transzendentalen Meditation, der Gründer dieser Bewegung, der Inder Maharishi Mahesh Yogi, mit bürgerlichem Namen Mahesh Prasad Warma, geboren am 12. Januar 1911. Maharishi Lehren wurzeln in der Tradition des Hinduismus und Buddhismus, ebenso wie die Lehren Sri Aurobindos. Deshalb sind die Lehren und Ideen von Mahrishi  und Aurobindo/Satprem miteinander verwandt -  auch wenn vermutlich große Unterschiede bestehen und die Anhänger von Aurobindo und von Maharishi sicherlich nicht gerne in einen Topf geworfen werden wollen.

Gegen eine teuere Kursgebühr für einen „Siddhi-Kurs“ kann man sich in einem Zentrum für Transzendentale Meditation vom  Normalmensch zum Normal-Meditierenden und dann weiter zum zum Übermenschen ausbilden lassen. „Siddhis“ sind übernatürliche Kräfte. Die werden sicher nicht von der TM-Bewegung (Bewegung der Transzendentalem Meditation) garantiert, aber schon der Name „Siddhi“ und die Photos von „Yogafliegern“ legen diesen Schluß nahe. Wer Siddhi-Kräfte besitzt, so heißt es in den klassischen Texten der Veden, der kann Hellsehen, Gedankenlesen, Dinge aus dem Nichts Gestalt annehmen lassen, unsichtbar werden, fliegen usw.

Aber die Transzendentale Meditation verspricht auch noch andere Wunder zu vollbringen. Durch den 1%-Effekt, (Maharishi-Effekt) soll sich die Lebensqualität im Umfeld von Meditierenden, die das TM-Siddhi-Programm ausüben, deutlich verbessern, wenn mindestens 1 % der Bevölkerung einer sozialen Einheit (z. B. einer Stadt) nach diesem Programm meditieren. Wenn die in der Meditation besonders fortgeschrittenen Sidhas (=Besitzer der Siddhi-Kräfte) meditieren, reicht angeblich ein noch kleinerer Prozentsatz. Die Transzendentale Meditation erklärt auf ihrer Internet-Webseite:

„...dass eine Gruppe von tausend Experten, die gemeinsam an einem Ort in Deutschland die Technik des yogischen Fliegens praktizieren, unser kollektives Bewusstsein so stark beleben, dass Kohärenz, Harmonie und Positivität der Gesellschaft zunehmen“. Die „Yogaflieger“ sind meditierende, die nicht nur in ihrem eigenen Gehirn die elektrisch messbaren Aktivitäten der verschiedenen Gehirnregionen in einen harmonischen Rhythmus gebracht haben, sondern auch zwischen die Hirnwellen der Mitglieder der Gruppe einen gemeinsamen Rhythmus hergestellt haben. Dadurch, so glaubt die TM, strahlt diese Gruppe Frieden, Harmonie und positive Kräfte aus, die auf die Menschen in der Umgebung segensreich wirken. Es wäre zu wünschen, dass die Yogaflieger mit ihren Bemühungen Erfolg haben.

Die Transzendentale Meditation verspricht sogar noch mehr: letztlich eine Welt, in der es kein Leiden mehr gibt.

Aber auch für die Sidhas, die Übermenschen durch TM, gehen nicht leer aus: ihnen wird versprochen: vollkommene Gesundheit, vollkommene Koordination von Körper und Geist und eine Verlangsamung des Alterungsprozesses.

Wieder haben wir das alte indische Denkmuster: Der Mensch erlöst sich selbst und macht sich zum Übermenschen, ja zum Gott. Nachdem Gott angesichts der Aufgabe versagt hat, eine vollkommene Welt zu schaffen, in welcher keine Kreatur zu leiden hat, nimmt der Mensch selbst die Entwicklung in die Hand und schafft erst den vollkommenen Menschen und dann die vollkommene Welt.

Wie kommen nun Hinduismus und Buddhismus auf solche Ideen ? Das hängt mit ihrem Weltbild zusammen: Es gibt zwei Welten: die diesseitige Welt, (also die Welt der Materie) und die jenseitige Welt, (also die Welt des Geistes). Die diesseitige Welt ist eine Welt der Trugbilder und Täuschungen. Eigentlich existiert diese Welt gar nicht, sie ist nur ein Trugbild der Maja, der Himmelskönigin und Herrin der Welt. Was wir wahrnehmen und für Materie halten ist nur eine Illusion. In Wirklichkeit gibt es nur die geistige Welt des Jenseits. Hinter der sichtbaren Welt ist also die eigentliche Welt, welche  die sichtbare Welt erschafft und lenkt. Diese Welt hinter der Welt ist das „alldurchdringende, ewige Feld allmächtiger, schöpferischer Geisteskraft“ (Maharishi in seinem 1968 erschienen Buch „Die Wissenschaft vom Sein und die Kunst des Lebens“). Dieses „Feld allmächtiger Geisteskraft“ ist nichts anderes als der „Heilige Geist“ der Christen, das „Brahma“ der Inder, das „Tao“ der Taoisten,  das „Sein an sich“, das „Absolute“ der Philosophen, „Das Eine“ Plotins, usw. Es ist keine persönlicher Gott wie der christliche Gottvater, sondern etwas Unpersönliches.

Die Transzendentale Meditation versucht nun, die Grenze zwischen der diesseitigen und jenseitigen Welt zu überwinden, zu übersteigen („transcendere“ heißt übersteigen). Dieses Übersteigen geschieht, indem man sich in sein Inneres, also seine Seele zurückzieht, indem man alle Gedanken und alle äußeren Sinneseindrücke aus dem Bewusstsein verbannt und wartet, dass das Göttliche vom Bewusstsein Besitz ergreift. Dadurch wird der Mensch mit dem Göttlichen eine Einheit und erfährt aus eigener Anschauung, dass alle Dinge der Welt in Wirklichkeit nur ein Einziges Ganzes sind, eben das Göttliche, und dass alle Gegensätze (die so viele Leiden verursachen) in Wirklichkeit nicht existieren. Was existiert ist nur das Ganze, in die kleinste Änderung eines Teils des Ganzen wirkt sich auf das Ganze aus. Diese „Schau des Ganzen“ nennt Maharishi das „kosmische Bewusstsein“. Wer das „kosmische Bewusstsein“ hat, lebt also in Einklang mit Gott und der Schöpfung. Er weiß, dass er mit Gott, mit der Schöpfung, mit allen Lebewesen und allen Menschen identisch ist. Deswegen kann es zwischen ihm und den anderen Menschen (theoretisch) auch gar keine Interessengegensätze geben, und deshalb sind alle Kämpfe und Kriege sinnlos. Das Leben ist also kein Kampf ums Dasein, sondern das Leben ist eine unendliche Harmonie. Wie bei Aurobindo und Satprem ist also bei Maharishi der Übermensch derjenige, der das kosmische Bewußtsein besitzt und durch die Kraft seiner harmonisierten Gehirnaktivitäten sich und die Welt erlöst. Wie bei Satprem sind die Yogaflieger ein Kollektiv und können nur als Kollektiv Erfolg haben.

Inzwischen wurde dieses Konzept von den „Lichtarbeitern“ weitergetrieben. Es sollen sich Menschen auf der ganzen Welt spirituell vernetzen, indem sie alle zur gleichen Zeit meditieren und positive, harmonische wellen ausstrahlen. Dadurch, so hoffen sie, wird die Wirkung ihrer Bemühungen noch weiter verstärkt und weltweit wirksam.

Daß die Welt so schlecht ist, liegt aus der Sicht der TM offensichtlich daran, dass es so viele „negative Schwingungen“ gibt. Dem wollen nun die „Yogaflieger“ entgegenwirken, indem sie positive Schwingungen und Harmonie ausstrahlen, die dann in den Gehirnen der anderen Mensche wie durch einen Resonanzeffekt ebenfalls Harmonie und Frieden erzeugen. Man muß also nur mit vereinten Kräften harmonische Gehirnaktivitäten ausstrahlen, und die Welt kommt nach und nach in Ordnung und wird eines Tages zum Paradies. So einfach ist das. Oder vielleicht doch nicht ?

Nachdenklich stimmt, dass Maharishi und seine Gemeinde entweder den Bezug zur Realität verloren haben oder aus Gründen der Werbung (die ja häufig auch Anpreisung und Übertreibung ist) Erwartungen erweckt, die realistischerweise nicht einzulösen sind. Maharishi verspricht, dass der Mensch im Zustand des Überbewusstseins (den „höchsten Gipfel der Evolution“) alle Möglichkeiten hat, dass alle Wünsche spontan erfüllt werden, dass das Leben in völligem Einklang mit den Naturgesetzen ist und dass das Leben in Glückseligkeit geführt wird. 1975 verkündete Maharishi im damaligen Hauptquartier der TM im Hotel Seelisberg/Schweiz das „Zeitalter der Erleuchtung“. Eine Weltregierung, bestehend aus zehn Ministern (Welt-Staatschef war wahrscheinlich Maharishi) des Zeitalters der Erleuchtung wurde bei dieser Gelegenheit gleich ernannt. Aus der Sicht der TM war dies nur logisch: Wer das volle Potential seines Bewusstseins nutzt, ist ein Übermensch, steht an der Spitze der menschlichen Entwicklung und ist damit berufen, die Welt zu regieren. Was in Washington und Moskau geschah, war von nun an unwichtig. Die tranzendentale Musik spielte nämlich in Seelisberg. – Ein schöner Traum, dass die Welt von der Schweiz aus von einem indischen Guru regiert werden könnte. Aber eben nur ein Traum.

 

John Humphrey Noyes will den perfekte Menschen züchten

Schon bevor Nietzsche als der große Prophet des Übermenschen auftrat, hatte im Land der unbegrenzten Möglichkeiten John Humphrey Noyes (1811 – 1886) diesen Versuch im Jahr 1867 in seiner „Oneida Community“ (auch „Sekte der Perfektioniesten“ oder „Bibel-Kommunisten“ genannt) begonnen – wenn auch nur mit dem bescheidenerem Anspruch den idealen Christen zu züchten. Im Jahr 1848 hatten Noyes und seine Anhänger eine herrschaftliche Villa in Oneida Creek im Staat New York bezogen, um einen urchristlichen Kommunismus zu verwirklichen. Sie bildeten eine Wohngemeinschaft, in welcher allen alles gemeinsam war – auch die Frauen. Jede erwachsene Frau war mit jedem erwachsenen Man der Wohngemeinschaft verheiratet. Noyes nannte dies „complex marriage », also « komplexe Ehe“. Immerhin hatte die Oneida Community 32 Jahre lang, von 1848 bis 1881 Bestand. Dann wurde sie in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die Konserven, Tierfallen, Tafelbesteck u. a. produzierte – alles mit der gleichen Perfektion, mit der man vorher Menschen züchtete. Das Schlüsselwort ihrer perfektionistischen Weltanschauung hieß: „Verbesserung“.

Ein anderer Aspekt des in Oneida Creek praktizierten Kommunismus war, dass die Männer auch die Hausarbeit machten, was dazu führte, dass die Männer Waschmaschinen und Geschirrspülmaschinen zusammenbastelten, während die Frauen im Beruf ihren Mann standen. Lobend zu erwähnen wäre auch, dass die Oneida Community großen Wert auf Bildung und Erziehung legte.

Die Perfektionisten glaubten, dass die Wiederkunft Jesu, von den Christen am Tag des jüngsten Gerichtes erwartet, schon längst stattgefunden habe: nämlich im ersten Jahrhundert n. Chr. Damit war das Reich Gottes schon lange Wirklichkeit geworden. Das klingt  absurd, aber wenn man z. B. folgende Stelle genau und wörtlich nimmt: im 1. Korintherbrief, Abschnitt 15, Vers 51 schrieb Paulus: „Wir werden nicht alle sterben, aber wir werden alle wiederauferstehen“. Dann ist der Schluß zwingend  dass das Jüngste Gericht schon im Ersten Jahrhundert nach Christus stattgefunden hat, bevor alle Zeitgenossen des Paulus gestorben waren. Dieser Schluß ist allerdings nur dann zwingend, wenn man davon ausgeht, dass die Bibel in allem immer und unbedingt Recht hat. Wenn aber die Bibel immer Recht hat, dann steht sie über allen Gesetzen und aller menschlichen Moral und jemand, der die Bibel als höchste Instanz nimmt, steht damit ebenfalls über jeder allen Gesetzen und über aller bürgerlichen Moral. Was Nietzsche über den Übermenschen und seine Förderer sagt, (dass sie über Gesetz und Moral stehen), das haben fundamentalistische Sekten schon immer für sich beansprucht – wenn es auch die Klügeren unter ihnen nicht gerade in die Welt hinausposaunt haben. Um es kurz zu machen: die Oneida Community hatte die notwendige Einstellung, um sich über Tabus hinwegzusetzen und mit der Züchtung von Menschen zu beginnen. Noyes nannte diese Züchtung von Menschen „stirpiculture“ (Kultivierung des Nachwuchses).

Noyes nannte die Ehe eine „selbstsüchtige Institution, in welcher die Männer ihre Eigentumsrechte über die Frauen ausübten“ und pries die Tugenden der „freien Liebe“ – ein Ausdruck, den Noyes prägte. Zwei Regeln gab es aber in der Oneida Commuinity: 1. Zwei Partner durften nur miteinander ins Bett gehen, wenn jeder damit einverstanden war und dies auch gegenüber einem dritten bekundet hatte und 2. zwei Partner konnten nicht ausschließlich nur mit ihrem bevorzugten Partner ins Bett gehen.

Die Idee der „stirpicultur“ bestand nun darin, dass man Kinder mit besseren Erbanlagen erzeugte, indem man die gesündesten und intelligentesten Männer und Frauen miteinander verband. Nur bestimmte Mitglieder der Gemeinschaft erhielten das Recht, Eltern zu werden. Diese wurden durch ein Komitee ausgewählt. Um zu verhindern, dass die jungen Mädchen nicht unkontrolliert Sex mit dem Erstbesten hatten, der ihnen gerade gefiel, sondern mit denjenigen ins Bett gingen, die ihnen zugedacht waren, erfand man die Praxis der „aufsteigenden Partnerschaft“. Sogenannte „Zentralmitglieder“ wachten über die Jungfrauen und sorgten dafür, dass sie vom „richtigen“ Partner schwanger wurden. Deshalb war es wohl wichtig, selbst Zentralmitglied zu sein oder ein gutes Verhältnis zu den Zentralmitgliedern zu haben. Bis es soweit war, dass die zur Fortpflanzung bestimmten Partner zur Zeugung schritten, wurden die jungen Frauen mit älteren Partnern und junge Männer mit älteren Frauen vereint.

Um unerwünschte Schwangerschaften zu vermeiden und um den nicht zur Fortpflanzung berechtigten Partnern auch Gelegenheit zum Sex zu geben, praktizierte man „männliche Selbstbeherrschung“, die darin bestand, dass man durch Carrezza-Praktiken oder durch Coitus interruptus oder durch Petting vermied, dass die Frauen schwanger wurden. In der Praxis war das wohl so, daß das Paar sich in weihevoller Stimmung zunächst mit einem ausgedehnten Vorspiel beschäftigte, der Mann dann behutsam in die Frau eindrang, dort etwa eine Stunde lang ziemlich regungslos verharrte - während sich das Paar den angenehmen Empfindungen hingab - und sich dann wieder behutsam zurückzog ohne zum eigentlichen Zweck gekommen zu sein. Einige amerikanische Anhänger des tantrischen Buddhismus vermuten, dass die Paare eine Art Sexual-Meditation durchgeführt hätten. Vielleicht haben die Bibel-Kommunisten aber auch versucht, dabei die Bibel zu lesen. Dann wären sie allerdings Übermenschen gewesen. Vielleicht war dieser gescheiterte Versuch des ausgedehnten Bibelstudiums auch der Anlass für sie, den perfekten Christen zu züchten (kleiner Scherz).

Die Verhütungspraktiken scheinen recht erfolgreich gewesen zu sein. Innerhalb von 20 Jahren gabe es in der Gemeinschaft, die etwa 250 Menschen umfasste, nur ca. 40 Geburten.

Ein Problem der „complex marriage“ war, dass die Partner nicht nur gegenüber einer Person, sondern gegenüber allen Mitgliedern die Pflicht hatten, sexuell verfügbar zu sein. Zwar legte Noyes großen Wert darauf, dass ein Geschlechtsverkehr nur stattfand, wenn beide Partner dies wünschten. In der Praxis sahen sich die Mitglieder der Kommune, vor allem wohl die attraktiveren Mitglieder der Community, vor allem wohl die Frauen, einem starken Druck ausgesetzt, ihren sämtlichen Ehemännern zur Verfügung zu stehen. Das konnte schon mal die Freude am Sex verderben. 

Man kann sich vorstellen, dass es in der Community eine Menge Sprengstoff gab. Da waren sicher die ganz alltäglichen Probleme wie Eifersucht und Liebe zu einem bestimmten Partner, der mit allen anderen geteilt werden sollte. Da gab es sicher auch Opposition gegen den Guru, die er immer wieder durch Einfühlungsvermögung und Überzeugungsarbeit, oft wohl auch durch Berufung auf die heiligen Texte überwinden musste. Hinzu kam, dass die Community von Seiten der Außenwelt allerlei Druck und Problemen ausgesetzt war, durch Politiker, die sich zu Tugendwächtern aufspielten und einen fanatischen Kreuzzug gegen die Community starteten.  Daß dieses eugenische Sozialexperiment so lange existieren konnte, war zum einen den Führungsqualitäten von Noyes zuzuschreiben, aber auch der freundlichen und kultivierten Art, mit der die Perfektionisten ihren Nachbarn begegneten, die oft von ihnen recht angetan waren. Ein dritter Faktor war, dass die Kommune wirtschaftlichen Erfolg hatte und zu Wohlstand kam.                      

 

George Bernhard Shaws Übermensch

An die Frauen gewandt sagt Nietzsche: „Euere Hoffnung heiße: ‚möge ich den Übermenschen gebären’ „. Wie ein Echo darauf klingt der Satz Bernard Shaws, der eine junge Frau auf der Bühne fordern lässt: „Einen Vater für den Übermenschen !“. Die junge Frau heißt Anna und ist das Mündel des neuzeitlichen „Don Juan“ namens John Tanner, eines sozialistischen Jung-Revolutionärs, der aber eigentlich „Mitglied der Klasse der reichen Nichtstuer“ ist. Er ist Vormund von Anna, die ihn, den Don Juan“ in Umkehrung der Rollen erobert. So wird aus dem Supermann ein Ehemann.

Das Stück ist eigentlich ein als Theaterstück getarnter philosophischer Essay Shaws. Shaw war lange Jahre Mitglied der „Fabier“, einer sozialistischen Vereinigung, und er war wohl im Herzen ein romantischer Sozialist. Damals konnte man auch noch inner aller romantischen Unschuld vom Sozialismus träumen, denn Shaw schrieb das Stück „Mensch und Übermensch“ („Man and Superman“) in den Jahren 1901 bis 1903. Zu diesem Stück gehört auch das „Hand- und Taschenbuch des Revolutionärs“ von „John Tanner“.

Shaw wollte den Sozialismus und träumte vom Übermenschen. Aber schließt das eine das andere nicht aus ? Der Sozialismus will Gleichheit und Brüderlichkeit – wie passt da ein Übermensch hinein, der alles andere als gleich und brüderlich ist -  schon gar nicht der elitäre und neu-aristokratische Übermensch Nietzsches ? Um diesen Widerspruch zu entschärfen, verlangt Shaw nicht, dass der Übermensch besonders stark, schön und gesund sei – denn wo blieben da die Objekte des Sozialismus; die Armen, Kranken und Schwachen ? Sie kämen ja in einer von Übermenschen dominierten Gesellschaft unter die Räder. Deshalb ist für Shaw das „wahre Charakteristikum des Übermenschen die „Überlegenheit an unbewusstem Ich“ – was immer das sein mag.

Shaw ist beeinflusst von John Humphrey Noyes. Wie Noyes fragt er sich Shaw: wie kann man Menschen mit besseren Eigenschaften züchten ?.

Seine Antwort (von mir in Klartext übersetzt und interpretiert):

1.     Man müsste die potentiellen Vätern und Mütter, die für die Menschenzucht in Frage kämen, aus allen Bevölkerungsschichten auswählen. Also: keine sozialen Schranken bei der Menschenzucht. Shaw schreibt: „Es dürfte der natürlichen Gattenwahl kein Hindernis entgegenstehen, wie etwa die Ansicht, dass eine Gräfin sich nicht mit einem Kanalarbeiter...verbinden dürfte.“ (Da spricht natürlich der SPD-Kanalarbeiter aus Shaw).

2.     Es gibt allerdings das Problem, dass ein Paar, das aus eugenischer Sicht sich gut ergänzen würde (z. B. ein britischer Landedelmann und eine hochkultivierte Jüdin), eine vernünftige und angenehme Ehe miteinander führen könnte. Also steht die Ehe der Höherzüchtung des Menschen im Wege und man muß Menschenzucht und Ehe voneinander trennen.

3.     Wenn Menschen, die nicht verheiratet sind, für Zuchtzwecke Kinder bekommen wollten, wäre das Privateigentum ein schwerwiegendes Problem. Wenn eine verarmte, aber hochkultivierte Jüdin von einen reichen britischen Landedelmann aus eugenischen Gründen einen Sohn bekommt, wird dieser ein Teil des britischen Landgutes erben – so sieht es das Gesetz vor. Der Landedelmann wird sich also hüten, seine ehelichen (und vielleicht eugenisch nicht so wertvollen) Kinder und seine Ehefrau durch eine eugenische Kopulation mit einer hochkultivierten Jüdin gegen sich aufzubringen -  schließlich will er ja noch einen angenehmen und friedlichen Lebensabend verbringen. Also muss man aus eugenischer Sicht die Ehe abschaffen. Und damit ist Shaw der gleichen Meinung wie John Humphrey Noyes.

 

Shaw befasst sich ausführlich mit dem Experiment der Perfektionisten von Oneida Creek. Shaw nennt Noyes einen „Zufallsübermenschen“, also einen durch einen Zufall in der Genlotterie entstandenen Übermenschen. Das Ziel der Community von Oneida Creek sei es gewesen, einen weiteren Übermenschen wie Noyes hervorzubringen. (Die einfachste Methode war wohl, dass Noyes mit vielen jungen Frauen ins Bett ging, was ja wohl dann auch der Fall war).

Noyes sei aber letztlich bei seinem Versuch, das Privateigentum und die Ehe abzuschaffen (ganz zu schweigen von er Züchtung des Übermenschen) und er habe, als seine Kräfte nachließen, den freiwilligen Rückfall der Bibel-Kommunisten in Ehe und Privateigentum selbst organisiert. Shaw meint, dass Noyes, wenn er der Diktator der USA geworden wäre, ebenso am Normalmenschen gescheitert wäre wie Napoleon und Caesar in ihren Plänen gescheitert sind. Um die Welt zu verändern, würde nicht ein einzelner Übermensch ausreichen, sondern es müssten Gemeinschaften, ja Nationen von Übermenschen entstehen, die dann aus eigenem Antrieb die notwendigen Veränderungen vornehmen müssten. Shaw will also einen Übermenschen, der also Kollektiv auftritt und handelt.

Die Menschen, so meint Shaw, ersehnen zwar den idealen Übermenschen, aber im Grund fürchten sie ihn und wollen ihn nicht. Deshalb machen sie sich „Ersatzübermenschen“, den Papst, einen König – man könnte hinzufügen: den Kinohelden, den Popstar, den Super-Reichen. Den wahren Übermenschen würden sie aber gar nicht erkennen. Sie werden nämlich vermuten, dass der Übermensch grenzenlosen Verstand, grenzenlosen Mut und unbegrenzt viel Geld hat.

Shaw erhofft sich von der natürlichen Auslese, die in einer zivilisierten Gesellschaft stattfindet, dass sie schließlich doch in ferner Zukunft den Übermenschen hervorbringt. Seine Argumentation geht so: In einer Überflussgesellschaft werden die Freßsüchtigen allmählich aussterben, weil sie sich buchstäblich zu Tode fressen werden. Diejenigen, die Sex nur um des Vergnügen willens betreiben, werden streng auf die Empfängnisverhütung achten und deshalb kinderlos bleiben (ein allzu kühner Schluß). Aus der Sichts Shaws wird dann bei der Vermehrung der selbstbeherrschte Gesundheitsapostel, der sich bewusst fürs Kinderkriegen entscheidet, die vorherrschende Spezies werden. In diesem Sinne könnte man hinzufügen: in einer automobilen Gesellschaft werden auf lange Sicht die unvernünftigen Raser und dummen und unfähigen Autofahrer aussterben. Oder bezogen auf die AIDS-Krankheit: Es werden nur die Verantwortungsbewussten überleben, die bei ihren Seitensprüngen Kondome benutzen, ungeschützten Geschlechtsverkehr aber nur mit ausgewählten Partnern haben.

Unklar bleibt, wie der Übermensch Shaws aussehen soll. Der defensiv fahrende Nichtraucher, der Kondome benutzt, kann doch noch nicht der Übermensch sein.

 

Wollten die Nazi's den Übermenschen züchten ?