Die
Übermenschen von Pondicherry
Von
In der südindischen
Stadt Pondicherry liegt das „Sri Aurobindo-Ashram“.
Hier haben sich drei Menschen besonders darum bemüht, durch Meditation den
Zustand des „Überbewußtseins“ zu erreichen und zum
Übermenschen zu werden. Es waren dies: Der indische Autor, Guru und Heiliger
Sri Aurobindo Ghose, seine
Partnerin Mirra Alfassa
(genannt „Mutter“) und Bernard Enginger, genannt „Satprem“, der Mann, der von 1959 bis 1973 die Gespräche mit
„Mutter“ aufzeichnete und zu Büchern verarbeitete.
Um die Ideen und
Lehren dieser drei Personen besser verstehen zu können, möchte ich den Leser
mit den Biographien dieser drei interessanten Persönlichkeiten bekannt machen.
Wer ist Sri Aurobindo Ghose ?
Sri Aurobindo wurde am 15. August 1872 in Kalkutta als Sohn des
Dr. med. Krishna Dhan Ghose
geboren. Sein Vater war Atheist und Anhänger der englischen Kultur. Als Sri Aurobindo 7 Jahre alt war, schickte er ihn und seine beiden
Brüder nach Manchester, England, damit sie eine englische Erziehung erhielten.
Zwei Jahre später übersiedelte ihre Pflegmutter nach London und er besuchte
eine Schule im Stadtteil West-Kensington. Er beschäftigte sich mit englischer
und französischer Literatur und europäischer Geschichte. Die drei Brüder
führten ein ärmliches Leben am Rande der Obdachlosigkeit. Da Aurobindo aber hochbegabt war, erhielt er kleines
Stipendium für das Kings College in Cambridge. In Cambridge studierte er
Altphilologie und erhielt weitere Stipendien und Auszeichnungen. Nach dem
Willen seines Vaters hätte Aurobindo Beamter im
Verwaltungsapparat der Engländer in Indien werden müssen. Aber dazu hatte Aurobindo keine Lust, und auch der Staatssekretär für
Indien, der Earl of Kimberley, kam zu dem Schluss, dass die Übernahme Aurobindos in den Staatsdienst nicht ratsam war, da er als
politisch unzuverlässig galt – er war aktives Mitglied eines nationalistischen
Verbandes indischer Studenten. Aurobindo wollte die
Engländer aus Indien hinausschmeißen. Da passte es sowohl dem Lord Kimberley
wie auch Aurobindo gut, dass Aurobindo
die Prüfung im Reiten nicht bestand und deshalb nicht Beamter der
Kolonialverwaltung werden konnte.
1893 kehrte Aurobindo nach Indien zurück. Er wurde Verwaltungsbeamter
des indischen Maharajas von Baroda,
Sir Sayaii Rao. Da war er aber fehl am Platz, und so
wurde er Englischlehrer am Baroda-College. Der Maharaja zog den gebildeten Mann als Ghostwriter und
Sekretär heran. Im Jahr 1906 wechselte Aurobindo ans
National Collegue in Kalkutta. In sein
Entlassungszeugnis schrieb der Maharaja, dass er gute
Fähigkeiten habe und intelligent sei, aber leider sprach er auch von
Unpünktlichkeit und Unregelmäßigkeiten. Vielleicht waren damit die
aufrührerischen Artikel gegen die Englische Herrschaft gemeint, die Aurobindo als politischer Journalist in verschiedenen
oppositionellen Zeitungen veröffentlichte. Anders als Ghandi
trat Aurobindo aber für das Recht auf bewaffneten und
gewaltsamen Widerstand ein. Aurobindo trat
Geheimgesellschaften bei, die für die Befreiung Indiens kämpften. Am 4. Mai
1908 wurde Aurobindo in Kalkutta verhaftet und ins
Gefängnis von Alipur gebracht. Dies brachte die Wende in seinem Leben.
Ab 1904 hatte sich Aurobindo ernsthaft mit Yoga beschäftigt. Im Jahr 1907 ließ
er sich vom Guru Visnu Bhaskar
Lele unterweisen und hatte einige machtvolle
Meditationserlebnisse. Er schreibt: „Seit diesem Augenblick wurde mein
geistiges Wesen eine freie Intelligenz, ein universaler Geist, nicht mehr
eingeschlossen in den engen Kreis des persönlichen Denkens...“.
Im Gefängnis von
Alipur hatte Aurobindo Gelegenheit das zu tun, was er
im Grunde schon seit einem Jahr vorhatte: sich von der Welt zurückzuziehen und
eine innere Gotteserfahrung zu machen. Er erschienen
ihm drei Hindu-Gottheiten und er erkannte, dass er und die Welt eine Einheit
bilden. Am 5. Mai 1909 wurde er freigesprochen. Er schrieb noch einen „Offenen
Brief“ an die britische Regierung, in welchem er ihr vorwarf, die wolle ihn
wieder verhaften. Das war aber nur ein Rückzugsgefecht. Er nahm das Schiff nach
Chandernagore, einer Stadt, die auf französischem
Territorium in Bengalen lag und kam am
4. April 1910 in Pondicherry, der Hauptstadt der
französischen Enklave in Südindien, an. Die Befreiung Indiens überließ er
Mahatma Gandhi.
In Pondicherry lebte Aurobindo und
seine vier getreuen Mitstreiter zunächst von der Unterstützung von Förderern
und von Honoraren für Bücher, die er schrieb oder übersetzte. Er gründete 1914
die Philosophische Zeitschrift „Arya“. Schon im Jahr
1910 war der Mann von Mirra Alfassa,
der Autor Paul Richards, nach Pondicherry gekommen
und hatte die Bekanntschaft Aurobindos gemacht. Ab
1910 stand Mirra mit Aurobindo
in Briefkontakt. Sie fragte ihn über die Bedeutung des Lotussymboles
(es bedeutet das Sich-öffnen des Bewusstseins
gegenüber höheren Einflüssen). Am 19. Mai 1914 traf Mirra
Richards -Alfassa, die zukünftige „Mutter“ des
Ashrams, in Pondicherry ein. 1915 mußten
die Richards wegen des Krieges nach Frankreich zurückkehren. Am 24. April 1920
war Mira wieder in Pondicherry – ohne ihren Mann.
Allmählich bildete sich um Aurobindo und „Mutter“ ein
Ashram, eine spirituelle Gemeinschaft und es strömten immer mehr Schüler
herbei. Im Jahr 1926, kurz nach seinem Geburtstag am 15. August, übertrug Aurobindo ihr die Gesamtleitung des Ashrams und zog sich in
sein Zimmer im ersten Stock des Ashram-Hauptgebäudes zurück. Für seine Schüler
war er nur schriftlich oder über die „Mutter“ zu erreichen.
Am 24. November
1926 geschah etwas ungewöhnliches: „Mutter“ Mirra Alfassa rief die Mitglieder des Sri-Aurobindo-Ashrams
zusammen. Nach einer einleitenden Meditation zogen die Mitglieder dieser
spirituellen Gemeinschaft einzeln an der „Mutter“ und Sri Aurobindo
vorbei. Jeder empfing einen besonderen Segen.
Was war geschehen ?
Der „Übergeist“ war auf Aurobindo herniedergekommen.
Der „Übergeist“,
das war eine wichtige Stufe zum Zustand des „Überbewusstseins“.
Den Rest seines
Lebens, bis zu seinem Todestag am 5. Dezember 1950 verbrachte Sri Aurobindo in seinem Zimmer in der ersten Etage des
Hauptgebäudes des Sri-Aurobindo-Ashrams in Pondicherry. Er schrieb Bücher, las und meditierte. Sein
Ziel war es, das „Überbewusstsein“ zu erlangen. Ob es ihm gelungen ist, bleibt
unklar.
Der Leichnam von
Sri Aurobindo wurde erst 111 Stunden nach seinem Tod
beigesetzt. Die dazu erforderliche, immer wieder erneuerte polizeiliche
Erlaubnis hatte „Mutter“ eingeholt. Warum versuchte sie die Bestattung trotz
der Seuchengefahr in dem feuchtheißen Klima immer wieder hinauszuzögern ? Weil
sie glaubte, Sri Aurobindo würde als Übermensch im
Astralleib wiederauferstehen.
Wer ist Mirra
Alfassa (genannt „Mutter“) ?
Mirra Alfassa kam 1878
am 21. Feb. 1878 in Paris als Tochter einer Ägypterin und eines Türken zur
Welt. Sie war mit dem jüdischen Geschlecht der Alfassa
verwandt. Ihre Eltern traten leidenschaftliche für den Materialismus ein. Ihr
Vater war ein bekannter Bankier und Mathematiker, ihre Mutter war bis zum Jahr
1888 Anhängerin von Karl Marx. Die junge Mirra
erhielt Unterricht in Mathematik, Klavierspielen und Malerei (bei Gustve Moreau). Sie heiratete den Maler Henry Morriset.
1904 erschien ihr im Traum ein Mann, der wie der Hindu-Gott Krishna aussah.
Seither wartete sie darauf, ihm zu begegnen. Im Herbst 1905 schien es soweit zu
sein: sie begegnete in Paris dem Okkultisten Max Théon
und seiner britische Frau Alma. Théon war aber noch
nicht der richtige. Den traf Mirra erst 1914 in Pondicherry: Sri Aurobindo.
Trotzdem machte Théon großen Eindruck auf sie.
Zwischen 1906 und 1907 war Mirra Alfassa
Moriset längere Zeit in Zarif,
einem Vorort von Tlemcen (Algerien), wo sie bei Max Théon in die Lehre ging.
Der „unbekannte
Okkultist“ Max Theon (von 1848 oder 1850 bis 10. März 1927) hieß eigentlich
Ludwig Maximilian Bimstein; er wurde in Warschau
geboren, seine Eltern kamen aus Krakau. Sein jüdischer Name war Eliezer Mordechai Théon. Er
studierte Altphilologie. 1870 finden wir ihn in England, wo er Mitglied im
Vorstand der mystischen Geheimgesellschaft „Hermetische Bruderschaft von Luxor“
wurde, unter deren Mitgliedern viele Okkultisten waren. Die wohl bekanntesten
Mitglieder der „hermetischen Bruderschaft von Luxor“ waren George Bulwer-Lytton (1803 bis 1873) und Helena Petrovna Blavatsky (30. Aug. 1831
bis 8. Mai 1891).
Bulwer-Lytton ist Autor des Romans „Die letzten Tage von
Pompei“. Als Madame Blavatsky,
die wohl bedeutendste Okkultistin des 19. Jahrhunderts, im Jahr 1875 die „Theosophischen
Gesellschaft“ gründete, waren Mitglieder der „Hermetischen Bruderschaft von
Luxor“ beteiligt.
„Die Theosophie
fügte der neuheidnischen Magie einen orientalischen Habitus und eine
hinduistische Terminologie bei. Man kann auch sagen, sie eröffnete einem
bestimmten luziferischen Orient die Wege ins Abendland. Mit dem Namen
Theosophie belegte man schließlich die ganze weitreichende Renaissance der
Magie, die zu Beginn des 20.ten Jahrhunderts so viele Geister in Aufruhr gebracht
hat“, schreiben Pauwells und Bergier
im „Aufbruch in das Dritte Jahrtausend“.
Bulwer-Lytton war auch Mitglied der englischen
Rosenkreuzer-Gesellschaft, die 1867 von Robert Wenworth
Little gegründet worden war. Aus der Rosenkreuzer-Gesellschaft ging 1887 die
freimaurerische Geheimgesellschaft „Hermetic Order of
Golden Dawn“ hervor. Dessen bekanntestes Mitglied war der Satanist Aleister Crowley. Das Buch von Bulwer-Lytton „Die kommende Rasse“ gab Anstoß zu der
Gründung der „Loge der Brüder des Lichtes“ oder „Vril-Gesellschaft“.
Derjenige, der zum Meister des Vril wird, ist Herr
über sich selbst, über seine Mitmenschen und über die Welt. Die „Vril-Kraft“ ist die ungeheurere göttliche Energie. Diese
Meister des Vril leben in dem Roman von Bulwer-Lytton im Innern der Erde.
Doch zurück zu Max Theón. Während seiner Zeit in Ägypten ging er gemeinsam mit
Madame Blavatsky bei dem koptischen Magier Paulos
Metamon in die Lehre. Metamon hatte in jungen Jahren Indien besucht und war
Vorsitzender der „Bombay Arya Samay“.
Théon war also eine Größe in der Szene der von
orientalischer Mystik inspirierten Geheimbünde, in denen die Schwarze und die
Weiße Magie blühte. Die Schwarze Magie lässt sich über Crowley,
den Neutemplerorden und die Thulegesellschaft bis hin zu Hitler verfolgen, die
Weiße Magie hin bis zu „Mutter“ Mirra Alfassa.
Théon benötigte Mirra
wegen ihrer medialen Fähigkeiten. Théons Symbol war
eine Lotusblüte (eine Seerosenart) im jüdischen Davidsstern. Mirra machte dieses Symbol, leicht modifiziert (der Stern
bekam andere Proportionen), zu Sri Aurobindos Symbol.
Das Symbol bedeutet die Verbindung der Liebe des Göttlichen zur Welt und der
Welt zum Göttlichen.
Im Jahr 1914 (am
29. März) besuchte Mirra Alfassa,
die inzwischen den englischen Autor Paul Richards geheiratet hatte, erstmals Pondicherry und stand
Sir Aurobindo gegenüber. Über ihre Begegnung
mit Sri Aurobindo schreibt sie: „Sobald ich Sri Aurobindo sah, erkannte ich in ihm das wohlbekannte
Lebewesen aus meinen Träumen, das ich „Krishna“ nannte... und dies ist genug,
um zu erklären, warum ich vollständig davon überzeugt bin, dass mein Platz und
meine Arbeit an seiner Seite sind. An ihn habe ich alles ausgeliefert, meinen
Willen, mein Leben und mich selbst; für ihn bin ich bereit, mein Blut zugeben,
Tropfen für Tropfen, wenn dies sein Wille ist, mit vollkommener Freude; und
nichts in seinem Dienst wird ein Opfer sein, alles ist eine vollkommenes
Vergnügen“. Die Kriegsereignisse (oder war es die Tatsache, dass Mirras Herz jetzt Sri Aurobindo
gehörte ?) zwangen Paul Richards und seine Frau, Pondicherry
zu verlassen. Nach ihrer zweiten Rückkehr (diesmal ohne ihren Mann), am 24.
April 1920 nahm Mirra Alfassa
die Organisation der kleinen spirituellen Gemeinschaft in die Hand und hatte
dabei außerordentlichen Erfolg. Nach dem Rückzug von Sri Aurobindo
im Jahr 1926 gründete „Mutter“ formal den Sri Aurobindo
Ashram. Heute hat das Ashram 1200 Mitglieder. Es gibt ein Erziehungszentrum mit
400 Schülern und Produktionsbetriebe und Handelsfirmen.
1964 fasste Mutter
den Plan, außerhalb von Pondicherry den Ort „Auroville“ zu gründen. Die Einweihung war 1968. Auf der
Webseite von www.miraura.org/aa/av/av-dream.htm
heißt es: „Es sollte einen Platz auf Erden geben, den keine Nation als Eigentum
für sich beanspruchen konnte, ein Platz, wo alle Lebewesen guten Willens,
ernsthaft in ihrem Bemühen, frei als Weltbürger leben konnten, einer einzigen
Autorität gehorchend, die der erhabenen Wahrheit; ein Platz des Friedens, der Eintracht,
der Harmonie, wo alle Kampfinstinkte des Menschen ausschließlich dazu benutzt
würden, die Ursachen von Leid und Elend zu erforschen, um die Schwäche des
Menschen zu übersteigen und über seine Grenzen und Unfähigkeiten zu
triumphieren...“
In der Auroville Charta heißt es: „Auroville
soll ein Platz der niemals endenden Erziehung, des konstanten Fortschrittes und
der Jugend, die niemals altert, sein...Auroville soll
ein Ort der materiellen und spirituellen Forschung sein...“
In Auroville leben zur Zeit 1000 Menschen aus 30 verschiedenen
Nationen. In Auroville wird zur Zeit am „Matrimandir“, dem „Tempel der Göttlichen Mutter“
gearbeitet. Dies verwundert nicht, denn Mirra Alfassa hat schon zu Lebzeiten versucht, eine Göttin zu
werden, und zwar viel konkreter, als man sich das vorstellt.
Über den Sri-Aurobindo-Ashram schreibt „Agniprem“:
Der Ashram ist ein
menschliches Laboratorium. Hier wird das anscheinend Unmögliche durchgeführt:
die konzentrierte, gewollte Entwicklung über den Menschen und seinen Geist
hinaus. Der erste Schritt ist, die Grenzen des eigenen Ich zu überwinden und
ein universelles Bewusstsein zu erlangen. Ist dies in großem Umfang erreicht ?
Ehrlich gesagt: nein. Aber es wurden Fortschritte gemacht. Eine Handvoll von
Individuen im Ashram haben diese erste Stufe erreicht. Aber man würde sie nicht
erkennen, wenn man ihnen gegenübersteht. Aber dies ist nur der erste Schritt
einer noch viel längeren Reise. Das Ziel ist die Entwicklung eines über das
normale Bewusstsein hinausgehendes „Überbewusstsein“ in einem lebenden,
denkenden Körper, und die Verwandlung von all dem (auch des Körpers) in eine
höhere Natur und ein höheres Bewusstsein. Das Bewusstsein soll in den Körper
gebracht werden, dann auf die noch tiefere Ebene der Zellen, dann auch die noch
tiefere Ebene der Materie. Dadurch soll aus dem
irdische Leib in universeller Leib entstehen, in dem das Göttliche lebt
und denkt. Diesen Zustand kann man nicht durch die Kraft seines menschlichen
Geistes erreichen, sondern der Göttliche Geist muss auf einen niederkommen.
Als Sri Aurobindo am 5. Dezember 1950 starb, war dies ein schwerer
Schock für Mirra Alfassa.
Ihre eigene Sterblichkeit muss ihr unerbittlich zu Bewußtsein
gekommen sein. Sie suchte einen Weg, dieser Sterblichkeit zu entkommen. Von nun
an beschäftigte sie sich intensiv mit spirituellen „Experimenten“, die
letztlich wohl das Ziel hatten, die Sterblichkeit des irdischen Leibes zu
überwinden. Sie versuchte also durch die magische Kräfte, die ihr der Zustand
des Überbewusstseins verleihen sollte, die Materie ihres Körpers in einen
Zustand zu bringen, der dem des Astralleibes der Verstorbenen gleicht. Der
Astralleib ist ein „feinstofflicher“ Körper, man könne sagen, der Körper eines
Gespenstes. Aus der Sicht der heutigen Esoteriker ist dieser Leib ein vier oder
fünfdimensionaler Leib, der weniger materiell und „erdenschwer“ ist als der
irdische Leib. Genaugenommen wollte Mirra Alfassa zu Lebzeiten ein Gespenst werden. Aus ihrer Sicht
war sie wohl dabei, eine unsterbliche Göttin zu werden.
Aurobindo hatte, ganz in der indischen Tradion des Idealismus, versucht, den Geist zu transzendieren und das Überbewusstsein zu erlangen. Mirra Alfassa, die sich selbst
einmal „den größten Materialisten“ nannte, versuchte, mit den Mitteln des
Geistes und der Magie (Okkultistin, die sie war) die Materie zu transzendieren und aus dem Körper den Astralleib zu
schaffen, der frei von allen Krankheiten, allen Leiden und aller Sterblichkeit
war. Sie wollte ihren Körper einem alchimistischen Prozess unterziehen und Blei
in unvergängliches und strahlendes Gold verwandeln.
Mirrra Alfassa muß im Lauf der Jahrzehnte eine große Erfahrung darin
gesammelt zu haben, sich in Bewußtseinzustände zu
versetzen, die vom normalen Wachzustand, aber auch vom Schlafzustand abwichen.
Schon als Jungendliche hatte sie spirituelle Erfahrungen gehabt. Ihr war es
sicher möglich, sich mit Hilfe von Yoga-Techniken in einen Zustand zu
versetzen, der dem Zustand von Schamanen gleicht, die sich auf „Seelenreisen“
begeben, während ihr Körper halbtot daliegt. Es war ihr wohl auch möglich,
„luzide Träume“ zu haben, d. h. bei wachem Bewußtsein
zu träumen und den Ablauf des Traumgeschehens zu steuern. Und es gab wohl auch
Momente, in denen sie die „mystische
Schau“, also einen Zustand der Erleuchtung, in der man sich mit dem
Kosmos eins fühlt, erreichte. Dies ist der Zustand des „Überbewusstseins“.
Um die Zellen Ihres
Körpers zu einem neuen „Überbewusstsein“ zu erwecken, benutzte sie das Mantra „OM NAMO BHAGAVATE“. Matras
sind von medierenden Yogis endlos wiederholte Worte,
die das Bewusstsein auslöschen sollen, um so Platz für das göttliche
Bewusstsein zu machen. Mir scheint es aber, die Okkultistin Mirra
Alfassa hat versucht, dieses Mantra
als magischen Zaubersspruch benutzt, um ihren Körper
in ein unsterbliches Wesen zu verwandeln.
Über ihre
Experimente und Erfahrungen (die 1951 begannen) führte sie in der Zeit von 1954
bis zu ihrem Tod im Jahr 1973 mit Satprem lange
Gespräche, von denen er teilweise Tonbandaufnahmen mitschnitt. Aus diesen
Gesprächen ist das 13-bändige und 6000 Seiten umfassende Werk „Mothers Agenda“ entstanden. Satprem
hat versucht, diese gewaltige Fülle an Material in verschiedenen Büchern
zusammenzufassen.
Ich vermute, Mirra Alfassa geriet in den
letzten Jahren ihres Lebens (sie starb im Alter von 95 Jahren) zunehmend in
Isolierung. Es missfiel wohl den Mitgliedern des Ashrams, dass sie so viel mit Satprem zusammen war und sich mit ihm in Französisch
unterhielt. Satprem schreibt in „Der Mensch hinter
dem Menschen“: „Im Mai 1973 schloß sich die Tür zu
der Mutter. Sie war nun allein. Ich war allein. Bald sah ich mich der ganzen
Meute gegenüber: Da gab es ja noch diese „Agenda der Mutter“, nicht wahr, diese
Aufzeichnungen, die so gefährlich waren für die „Jünger“, dieses Geheimnis einer
Zukunft, die nicht das geringste mit Spiritualität zu tun hatte. Ich wurde
verleumdet, verfolgt bis in den Himalaja, mit Prozessen bedroht, bei der
indischen Regierung angeschwärzt und von der Polizei belästigt, und ich habe
nie erfahren, wer diese beiden Mörder in die Felsschlucht geschickt hat. Das
nennet sich „spirituelles“ Leben, sagte die Mutter. Sie haben sogar eine
falsche „Agenda“ herausgegeben, um das Erscheinen der Wahren zu verhindern. Die
alten Anthropoiden sind erbarmungslos gegenüber denen, die nicht ihrem eigenen
Stamm angehören.“
Satprem glaubte, dass die Zellen Mirra Alfassas unsterblich seien.
Deshalb war es aus seiner Sicht ein schwerer Fehler, „Mutter“ zu begraben. Mit
ihr würde die Menschheit eine gewaltige Hoffnung zu Grabe tragen. Er rechnete
fest damit, dass sich Mirras Körper nach einem
Zustand des Scheintodes in einen Astralleib verwandeln würde.
Am 17. November
1973 starb Mirra Alfassa.
Am nächsten Tag war sie in der Halle im Erdgeschoß des Hauptgebäudes
aufgebahrt. Drei Ärzte des Ashrams erklärten sie für tot. Aus ihren
Krankheitssymptomen kann man auf Herzversagen schließen.
Satprem glaubte aber weiterhin, dass der Tod nur
ein Irrtum sein. Er glaubte: Wenn die Körperzellen wissen, dass sie unsterblich
sind, werden sie auch unsterblich sein.
Satprem war ein armer Narr. Letztlich war er das
Opfer seiner schrecklichen Erfahrungen, die er im KZ machen musste. Das KZ hat
ihm eine unauslöschliche Furcht vor dem Leid und dem Tod eingeflößt, und sein
Leben lang war er auf der Suche nach der Erlösung vom Tod. In Mutter hatte der
Rastlose endlich jemand gefunden, der ihm Unsterblichkeit verhieß. Deshalb saß
er 13 Jahre lang zu ihren Füßen und hörte ihr fasziniert zu. Für ihn war sie
nicht ein altes Weib, sondern die große Göttin. Als so gestorben war, wurde er
ihr Prophet.
Wer ist Satprem
?
Satprem wurde 1923 als Sohn eines elsässischen
Vaters und einer bretonischen Mutter in Paris geboren. Sein bürgerlicher Name
ist Bernard Enginger. Er schloß
sich der französischen Restistance an, wurde 1943
verhaftet und verbrachte anderthalb Jahre in den KZ’s
von Buchenwald und Mauthausen. Dort wurde sein „ich“ ausgelöscht. Nach dem
Zweiten Weltkrieg wurde er von einem Vetter in das südindische Pondicherry eingeladen, das damals eine französische Enklave
war. Dort hatte er eine Begegnung mit Sri Aurobindo
und erkannte in ihm eine verwandte Seele. Er blieb eine Weile im Ashram Aurobindos, kehrte dann aber nach Paris zurück. Von dort
ging er nach Cayenne in französisch-Guyana und von
dort als Goldsucher in den Urwald. Er bleibt etwa zehn Monate und wird in der
Urwaldhölle fieberkrank – sprich: Malaria. Dann zieht es den Abenteurer nach
Brasilien, dann nach Afrika: Sudan, Guinea, Elfenbeinküste, Dahomey,
Nigeria, die Sahara. Inzwischen war Sri Aurobindo gestorben.
1953 kehrt er nach Pondicherry zurück. Mutter gibt
ihm den Namen „Satprem“, das heißt: „Einer, der
richtig liebt“. Sechs Jahre lang verbringt er bei „Mutter“ in Pondicherry. Er ist ein rebellischer und aufmüpfiger
Individualist. „Mutter“ begegnet ihm mit Nachsicht und Verständnis. Aber immer
wieder treibt es in hinaus in die Welt:
in den Kongo, nach Brasilien, Afghanistan, den Himalaja, Neuseeland, die
Wüste Gobi. Die „Muttter“ glaubte zu wissen, was ihn
wirklich umtrieb: die Suche nach Liebe. 1959 machte sie ihn zum Schüler in
einem Tempel des tantrischen Buddhismus (dies ist der
Buddhismus der Liebe, wobei das auch die ganz handfeste körperliche Liebe
einschließt). Doch auch dort blieb er nicht lange. Er schloß
sich einem Yogi an, wurde wandernder Bettelmönch und reiste mit ihm zu Fuß
durch Ceylon (Sri Lanka). Dann setzt er sein Wanderleben fort, indem er in
überfüllten Zügen durch Indien reiste. Als er davon genug hatte, kehrte er zur
„Mutter“ zurück. Von nun an machte „Mutter“ ihn zu ihrem Schüler und
Vertrauten. Sie führte ausgedehnte Gespräche mit ihm, die er mit dem Tonband
aufzeichnete. Unter ihrer Leitung schrieb er das Buch „Sri Aurobindo,
oder das Abenteuer des Bewusstseins“. Ihr verdankte er auch sein Buch „Auf dem
Weg zum Übermenschen“.
„Mutter“ starb am
17. Nov. 1973. Danach machte sich Satprem daran,
seine Aufzeichnungen der Gespräche mit „Mutter“ auszuwerten und zu
veröffentlichen. Zunächst erschien „Mutter“, eine Trilogie. Dann folgte „Le
mental des Cellules“, das im Jahr 1985 im Goldmann-Verlag
unter dem Titel „Der Mensch hinter dem Menschen“ erschien. Dieses Buch ist eine
Art Konzentrat der „Mutter“-Trilogie. Dann folgten
Bücher über seine eigene Entwicklung: „Gringo“ und
„Evolution II“. Inzwischen wurden auch die gesamten Aufzeichnungen Satprems über die Gespräche mit „Mutter“ unter dem Titel
„Mutters Agenda“ herausgebracht: 6000 Seiten in dreizehn Bänden.
Satprems Übermensch
Im Jahr 1971
veröffentlichte Satprem das Buch „Auf dem Wege zum
Übermenschen“. Er verarbeitete dort Gedanken von Sri Aurobindo
und von Mirra Alfassa. Für Satprem ist alles, d. h. der ganze Kosmos und die Totalität
der Zeiten und der Seelen in einem einzigen Punkt und in einer einzigen Sekunde
enthalten. Der Übermensch hat die Fähigkeit, in seinem Bewusstsein diesen Punkt
zu erreichen und von hier aus die ganze Welt in ihrer Einheit zu überschauen.
Dieses Bewusstsein ist das „Überbewusstsein“ oder das „supramentale
Bewußtsein“. Man nennt diesen Zustand der Erleuchtung
auch „kosmische Schau“ oder „kosmisches Bewusstsein“.
Ich träumte, ich
sei ein Wald (wie Mirra Alfassa
das kosmische Bewusstsein schildert): „Das begann um halb neun Uhr abends und
dauerte bis früh um halb drei; das heißt, ich habe nicht eine einzige Sekunde
das Bewusstsein verloren, dass ich da war, um fantastische Sachen zu
beobachten. Ich weiß nicht, wo das hinführen soll . . . es ist unbeschreiblich.
Nicht wahr, man wird ein Wald, ein Fluss, ein Berg, ein Haus - und das ist die Empfindung des Körpers, eine
ganz konkrete körperliche Empfindung.“
Man könnte die
Erfahrungen Mirras mit dem kosmischen Bewusstsein
durch einen Beispiel verständlicher machen: Der Leser stelle sich vor, er sei
ein Fernsehgerät. Wenn man das Fernesehgerät einschaltet, erscheint auf dem
Bildschirm ein Bild. Diese Bild ist das individuelle Bewusstsein des Menschen.
Er meint, dies sei sein ureigenes Fernsehbild. In Wirklichkeit haben aber ganz
viele Fernsehgeräte das gleiche Bild. Deshalb sind alle Fernsehgeräte, genau
wie alle Menschen, identisch. Ihre Seele ist das Fernsehbild, und alle haben im
Grunde die gleiche Seele (oder so viele Seelen, wie es Fernsehprogramme gibt).
Wenn man das Fernsehgerät ausschaltet, ist das Bild (sprich die Seele)weg, das
Fernsehgerät ist tot. Aber in Wirklichkeit ist das Bild ja immer noch da. Es
ist aber nicht mehr auf dem Bildschirm, sondern als elektromagnetische
Schwingung, als Fernsehwelle, die über das ganze Land verteilt ist. Die
Buddhisten sagen „Atman ist Brahman“. Atman ist das Bild auf dem Fernsehbildschirm, Brahman ist
das Bild in Form der Fernsehwellen, die überall verteilt sind. Mirra Alfassa’s Bewusstsein
schaltete das Fernsehbild aus und kehrte in den Zustand der Fernsehwelle
zurück, die über das ganze Land verstreut ist. Da erlebte sie, wie die
Fernsehwellen durch einen Wald strichen und meinte, sie sei ein Wald und spürte
körperlich, wie der Wind durch die Baumkronen strich. Das ist kosmisches
Bewusstsein.
Mirra Alfassa sagt:
„Das Wissen wird in seltsamer Weise durch etwas ersetzt, das nichts mit dem
Denken zu tun hat und immer weniger mit dem Sehen, eine neues Wahrnehmen: man
begreift. Man steht weit über dem Denken, weit über dem Sehen – ein neues
Wahrnehmen...Hören, Sehen und Begreifen zugleich....Das ist nicht wie die
„Visionen“ die ich gehabt habe. Ich kann nicht einmal sagen, es wäre bildhaft:
Es ist ein wissen. Und ich könnte nicht einmal sagen, dass es ein „Wissen“ ist:
Es ist etwas, das alles auf einmal ist, das seine Wahrheit in sich
begreift...Zuvor bestand jedes Ding gesondert, abgetrennt, ohne Verbindung zu
anderen, und ganz außen wie eine Nadelspitze.“ Doch die „kosmische Schau“ ist
etwas anderes: „Es erscheint wie eine
enge Verbundenheit, das heißt, es gibt keine Distanz“, keinen Unterschied, zwischen „etwas, das
sieht“ und „etwas, das gesehen wird“. Objekt und Subjekt der Betrachtung fallen
zusammen.
Das supramentale Zeitalter ist laut Satprem
im Jahr 1969 im Sri Aurobindo-Ashram in Pondicherry, Indien, angebrochen. In aller Bescheidenheit
schreibt Satprem: „Und dann dieses grundlegend Neue.
Es ist nicht alt, es liegt erst ein paar Jahre zurück, ein Neubeginn auf Erden
und vielleicht im Universum...“
Ahnungsvoll fügt Satprem hinzu: „Letztlich ist dieses neue Bewusstsein
vielleicht gar nicht so neu, aber für uns ist es neu geworden...“
Ganz leicht ist ihm
nicht auf die Schliche zu kommen, denn er verbirgt das, worum es eigentlich
geht hinter einer Flut von blumigen und abstrakten Worten. Aber manchmal wird
er doch konkret. Dann kann man lesen: „Wir haben Stellung bezogen auf einer
kleinen Lichtung...da ist unser kleines unveränderliches Lied (es werden also
offensichtlich Mantras rezitiert). Wir stellen fest,
dass es nicht erforderlich ist, zu handeln oder nicht zu handeln...es genügt
einfach, da zu sein...Und alles fügt sich einfach, wunderbar, ohne dass man
weiß, warum, einfach, weil man da ist. Schatten lösen sich auf, Ordnung stellt
sich ein, Frieden und Harmonie und die Rhythmen kommen in Übereinstimmung- denn
es gibt in Wahrheit nichts Böses, nichts Feindliches, keine Gegensätze...dann
gibt es kein Urteilen mehr, keine falschen Reflexe...keine Furcht zu
verlieren...Da ist Es, das fließt, das wahr ist, und das nur immer mehr wahr
sein will...Wir sind eingetreten in ein neues Bewusstsein, ein Bewusstsein der
Wahrheit.
Das, was Satprem als „Überbewusstsein“ beschreibt, ist nichts
anderes als die altbekannte Meditationsstufe des „Zustandes des reinen
Bewusstseins“ der Yogis. Patricia Carrington schreibt im „Großen Buch der
Meditation“, dass die Yogis behaupten, während dieses Zustandes befinde sich
ihr höheres Nervensystem in einem ekstatischen Zustand der „Seeligkeit“.
Carrington
berichtet über wissenschaftliche Untersuchungen, die man an meditierenden Yogis
durchgeführt hat. So wurden z. B. dass man Yogis an EEG-Geräte angeschlossen
und ihr Blutsauerstoffgehalt, sowie ihre Herz- und Atemfrequenz gemessen.
Der Neurologe J. P.
Banquet stellte fest, dass es fünf Stadien der
Meditation gibt:
1. Das Stadium der
körperlichen Empfindungen
2. Das Stadium der
unabsichtlichen Bewegungen
3. Das Stadium der individuellen
Vorstellungen
4. Das Stadium der „Tiefen
Meditation“
5. Das Stadium des „Reinen
Bewusstseins“
Dabei zeigte es
sich, dass sich der Sauerstoffverbrauch, die Pulsfrequenz und der Atemrhythmus
erniedrigten – ähnlich wie bei einem Menschen im Tiefschlaf. Der Körper gerät
also in einen tiefen Entspannungszustand; der Geist des Meditierenden ist aber
rege und wach. Die Gehirnwellen während der Meditation gleichen den Wellen
während eines Schläfrigkeitszustandes. Der Geist des Meditierenden befindet s
ich in einem Schwebezustand zwischen Schlaf und Wachsein. Normalerweise neigt
der Mensch dazu, aus diesem Zwischenzustand bald zu verlassen: entweder wird er
ganz wach oder er schläft ein. Der Meditierende kann diesen Zustand aber lange
Zeit aufrecht erhalten - wobei es
zwischendurch vorkommt, dass der Meditierende ein kurzes Schläfchen hält und
manchmal auch tief einschläft. Die meiste Zeit befindet sich der Meditierende
aber in dem erwähnten Schwebezustand der „wachen Schläfrigkeit“.
Man unterscheidet
bei der elektrischen Gehirnaktivität vier Frequenzbereiche: Beta-Aktivität
(Frequenz 30 bis 14 Hertz), Alpha-Aktivität (13 bis 8 Hertz), Theta-Aktivität (7 bis 4 Hertz) und Delta-Aktivität (3 bis
0,5 Hertz). Wenn der Mensch wach ist und die Augen geschlossen hat, überwiegen
die Alpha-Aktivitäten. Auch bei Meditierenden beobachtet man meist
Alpha-Aktivitäten. Wenn der Mensch die Augen öffnet (oder bei anderen
Sinnesreizen) führt dies zu einer Unterdrückung der Alpha-Aktivitäten und es
überwiegen die Beta-Aktivitäten, die eine höhere Frequenz haben. Der
Beta-Rhythmus deutet auf eine Desynchronisation der
Gehirnaktivitäten. Im Schlaf überwiegen die Theta-
und im Tiefschlaf Delta-Aktivitäten. Auch Meditierende zeigen Theta-Aktivitäten, aber sie schlafen nicht.
Während des
Träumens steigt die Frequenz der Hirnströme auf 4 bis 8 Hertz an. Puls und
Atemfrequenz erhöhen sich ebenfalls. Die Augen (unter den geschlossenen Lidern)
bewegen sich schnell hin und her (rapid eye movements = REM = schnelle Augenbewegungen). Im
Traumzustand ist der Mensch genauso aktiv wie im Wachbewusstsein. Traumzustand
und Wachbewusstsein können sogar gleichzeitig nebeneinander existieren (Luzides
Träumen).
Meiner Meinung nach
gibt es aber einen Unterschied zwischen Wachbewusstsein und Traumbewusstsein:
Während des Träumens ist der Blutsauerstoffgehalt niedriger. Mit Hilfe eines Pulsoximeters kann man an einer schlafenden Person
feststellen, dass in der Aufwachphase, die oft von Träumen begleitet ist, der
Sauerstoff-Sättigungsdruck des Blutes abfällt (weil der Körper durch seine
zunehmende Aktivität mehr Sauerstoff verbraucht, aber durch die langsame und
flache Atmung nicht genug zugeführt wird. Durch den verringerten
Sauerstoffgehalt wird die Schwelle herabgesetzt, die verhindert, dass
Nervenimpulse von einer Nervenzelle zur andern weiterwandern. Die Gedanken und
inneren Bilder kommen dann schneller, chaotischer und unkontrollierter. Es
können wilde Träume entstehen. Aber es ist auch ein kreatives Chaos. Es werden
auch Gedankenassoziationen hergestellt, auf die man im Wachzustand nicht kommen
würde. Es findet also eine Art Brainstorming statt. Schon mancher hatte im
Traum einen genialen Gedanken. Warum muss die Fortpflanzung der Nervenimpulse
gebremst werden ? - wäre es nicht besser, sie schneller und ungebremster
ablaufen zu lassen ? Nein, es besteht nämlich die Gefahr, dass die Nervenzellen
sich in einem „Gewitter“ entladen, weil alle Synapsen
auf einmal feuern: es entsteht ein epileptischer Anfall. Die
„Nervenimpuls-Bremse“ kann ausfallen, wenn irgendetwas mit dem Gehirn oder dem
Blut nicht stimmt. Es reicht z. B. schon aus, dass im Blut der Elektrolytgehalt
oder der Glucosegehalt zu niedrig ist.
Patricia Carrington
schreibt, dass der interessanteste Aspekt der Gehirntätigkeit der Meditierenden
die ungewöhnliche Gleichmäßigkeit und Rhythmisierung jeglicher vorhandenen
Wellenform ist. Alle Bereiche des Gehirns haben die Tendenz zu harmonisieren
und im Gleichklang zu pulsieren. Der Neurologe J. P. Blanquet
stellte fest, dass im Zustand der tiefen Meditation und des „reinen
Bewusstseins“ die Beta-Wellen (die ja für aktive, wache Zustände typisch sind)
an jeder Stelle der Kopfhaut vollkommen phasengleich waren, d. h. die
Aufzeichnungen von verschiedenen Gehirnregionen waren völlig synchron. Banquet nannte dies Hypersynchronismus und vertrat die
Auffassung, dass es sich um das charakteristische EEG-Merkmal der
Meditation handele. Ein rhythmisches Muster scheint an Stelle der unruhigen und
chaotischen Hirnwellen im Wachzustand zu treten.
Der Zustand des
„reinen Bewusstseins“, die höchste (oder tiefste) Stufe der Meditation ist der
Zustand des Überbewusstseins. Es soll ein „objektloser geistiger Zustand“ sein.
Das will heißen, dass der Meditierende sein Bewusstsein von allen Bildern,
Ideen, Vorstellungen und Wahrnehmungen leergemacht
hat, dass in seinem Bewusstsein kein Objekt der Betrachtung vorhanden ist.
Warum macht der Meditierende dies ? Weil er auf diese Weise Platz für das
Göttliche schaffen will. Wenn nichts mehr im Bewusstsein ist, dann muss sich
diese Leere mit dem Göttlichen füllen. Dann wird der Mensch mit dem Göttlichen
eins. Das ist die „unio mystica“.
Man könnte die
Sache aber auch viel prosaischer sehen. Wenn der Mensch seine Augen öffnet,
gehen die Alpha-Aktivitäten in unregelmäßige Beta-Aktivitäten über. Die
Beta-Aktivitäten haben etwas mit dem sehen von Bildern zu tun. Die Gehirnströme
bilden in einer gewissen Weise die Sinneseindrücke im Gehirn ab. Da die
Sinneseindrücke unregelmäßig sind, sind die Gehirnaktivitäten ebenfalls unregelmäßig.
Wenn der Meditierende im Zustand des reinen Bewusstseins vor seinem inneren
Auge quasi nur ein leeres Stück Papier sieht, sieht er keine Bilder, und ohne
Bilder gibt es keine unregelmäßigen Beta-Gehirnaktivitäten. Dieser Zustand des
Wachseins ohne zu denken und wahrzunehmen ist offensichtlich ein sehr
angenehmer und beglückender Zustand. Im Bewusstsein ist nichts und gleichzeitig
alles. Das ist der Zustand des Überbewusstseins, und laut Satprem
ist ein Mensch im Überbewusstsein ein Übermensch.
Aber was ist schon
dran an diesem Überbewusstsein ? Das Gehirn läuft quasi im Leerlauf. Ein
angenehmer Zustand, denn es braucht nichts zu leisten. Alles läuft schön rund
und gleichmäßig. Man hat keine Probleme und fühlt sich wohl. Die Harmonie und
Gleichmäßigkeit der Gehirnaktivitäten ist jedoch noch kein Beweis für den
besonderen Wert dieses Zustandes (außer, dass er angenehme Empfindungen
auslöst). Gestatten sie mir einen, zugegeben, hinkenden Vergleich des Gehirns
mit einem Automotor. Wenn der Motor etwas leistet, dann wird er beschleunigt
und abgebremst, alles ist unregelmäßig und unharmonisch. Aber der Motor tut
das, wozu er eigentlich da ist: er bringt seinen Besitzer vorwärts. Ist am Ende
Satprems Übermensch jemand, der ein Auto besitzt, den
Motor anlässt, ihn stunden- und tagelang im Leerlauf laufen lässt und sich
freut, wie schön rund und harmonisch er läuft ? Mir ist noch nicht bekannt
geworden, dass die Yogis im Zustand der tiefsten Meditation oder des „reinen
Bewusstseins“ besonders geniale Gedanken hervorgebracht hätten, die ein
Wachender oder ein Träumender nicht auch hätte haben können.
Dazu noch eine
weitere Überlegung, welche die „unio mystica“, das
Einswerden des „Ich“ mit dem Göttlichen anbelangt. Es geht dabei im die Frage,
wie das normale Wachbewusstsein des Menschen funktioniert. Wenn ich durch das
Zimmer gehen will, denke ich mir nicht: Jetzt setze ich dien linken Fuß um 25
cm nach vorne, verlagere das Gewicht vor, ziehe den rechten Fuß nach usw.,
sondern ich stelle mir vor, dass ich durch das Zimmer gehe, und mein Körper
führt diese Idee dann aus. Mein Körper wird also durch die Ideen kontrolliert,
die ich vor meinem inneren Auge entstehen lasse. Mein ich ist nun diejenige
Instanz, die darüber wacht, welche Ideen und Vorstellungen ins Zentrum des
Bewusstseins gelangen und von dort aus meinen Körper dirigieren. Bei der
Hypnose gestatte ich dem Hypnotiseur, Vorstellungen und Suggestionen vor mein
inneres Auge zu stellen und mich durch diese Vorstellungen zu dirigieren. Die
Mystiker gehen von folgender Idee aus: Wenn man die Vorstellung von Gott in das
Zentrum des Bewusstseins stellt, dann ist es Gott, der den Körper dirigiert.
Man kann in das Zentrum seines Bewusstseins aber nicht nur Gott stellen,
sondern, wie das z. B. wie bei einem Besessenheitskult wie Voodoo geschieht,
auch die verschiedenen Voodoo-Gottheiten. Auch die Priesterinnen der Antike, z.
B. die Pythia, ließ ihren Gott Apollon von sich Besitz ergreifen. Für diesen
Vorgang war es erforderlich, dass das „Ich-Bewußtsein“
geschwächt wurde (was durch Rauschmittel, Tanz, Hypnose oder Trance geschah).
Das „Ich“ verließ in diesem Zustand quasi die Kommandobrücke und übergab das
Schiff seines Körpers dem Gott oder dem Dämon. Da mit dem Ich-Bewßtsein
auch die Erinnerung weg war, konnte sich die von Gott besessene Person nachher
an nichts mehr erinnern.
Der Yogi oder
Mystiker, der von Gott besessen ist, hat ein ähnliches Problem. Er kann sich
hinterher nicht daran erinnern, wie es war, von Gott besessen gewesen zu sein
und er weis nicht mehr, was er wusste, als er mit Gott eins war. In der
Erinnerung bleiben nur Erinnerungen an Gefühle, an Töne und an helle Lichterscheinungen.
Satprems Übermensch ist also nur dann Übermensch,
wenn er sein Bewusstsein ausgelöscht hat und handlungsunfähig ist. Insofern ist
Satprems Übermensch sehr viel ungefährlicher und
harmloser als Nietzsches Übermensch.
Noch ein weiteres
Problem hat der Mystiker: Während der Voodoo-Besessene ziemlich genau weiß,
welche Persönlichkeit und welches Aussehen der Voodoo-Dämon hat, der von ihm
Besitz ergreifen soll (und er deshalb die entsprechenden Vorstellungen in das
Zentrum seines Bewusstseins stellen kann), weiß der Mystiker nicht, wie Gott
aussieht und wie seine Persönlichkeit ist. Also kann er auch keine
Entsprechenden Vorstellungen in seinem Bewusstsein erzeugen. Es bleibt ihm also
nichts anderes übrig, als sein Bewusstsein völlig zu leeren – in der Hoffnung,
dass es sich mit Gott füllt.
Satprem Zukunftsvision vom Übermenschen:
Eine kleine Gruppe
von 10 bis 50 Menschen wird vielleicht den Menschen bearbeiten um den
Übermenschen zu schaffen. Sie wollen sich selbst diesem Versuch zur Verfügung
stellen, „ihre eigene lebendige Substanz diesem Versuch ausliefern“. Sie wollen
einen Menschen aufbauen, der eine Empfangsstation für die Kräfte der Zukunft
ist, ein Instrument der Wahrheit, einen Kanal, um die große Harmonie
aufzufangen, ein erstes, fühlbares Zeichen der neuen Welt. Die Menschen dieser
kleine Gruppe gehören nicht mehr einem Land, einer Familie, einer Religion oder
einer Partei an, sondern einem Land, das noch nicht geboren ist. Gemeinsam ist
diesen Menschen der Zukunft die „klare Schau, die mit der totalen Harmonie
übereinstimmt und unmittelbar die wahrgenommene Wahrheit in die Tat umsetzt.
Das ist das einzige Gesetz in dieser „Stadt der Zukunft“, in der es keine
Regierung gibt. Es reicht, wenn fünfzig Menschen „in sich die Pyramide der
Wahrheit bauen“, „denn dann wird in Wirklichkeit die ganze Stadt gebaut
sein“. „Und vielleicht wird sich die
ganze Erde verwandelt finden...durch diese eine Umformung eines Winkels der
Erde“. (Anmerkung: Laßt mich mal raten: der Winkel
heißt Auroville bei Pondicherry
in Indien). Auroville
soll also zu einem Laboratorium der Zukunft werden - schrieb Satprem etwa 1970. Auroville: die
Stadt ohne Grenzen, Auroville: die Stadt der Zukunft.
Die Zukunft dieser Stadt sind natürlich die Kinder von Auroville.
Sie sollen in weniger erstickenden Bedingungen geboren werden, sie sollen von
Werbung und Fernsehen verschont bleiben. Man wird ihnen nicht jeden Moment
sagen, dass sie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, weil niemand in dieser
Stadt der Zukunft seinen Lebensunterhalt verdienen muß,
niemand Geld haben wird, niemand einen Beruf hat, niemand über andere
triumphiert. Man wird die wahre Schau lehren, die alles verwandelt. Die Kinder
werden in einer Atmosphäre natürlicher Einheit aufwachsen, in der es weder
„dein“ noch „mein“, weder „Du“ noch „ich“ gibt. „Dann wird es keine inneren und
äußeren Grenzen mehr geben...kein Gut und kein Böse: Es wird eine einzige,
höchste Harmonie in tausend Körpern geben...in jedem Herzen Gleichklang...“
„Der Übermensch hat
sein kleines Ich, seine kleinen Vorstellungen von Familie und Vaterland, von
Gut und Böse verloren...Er horcht auf den Rhythmus und übersetzt ihn seiner
Rolle...Er ist ein Übersetzer des Rhythmus...und niemand weiß, wer er ist, er
hat kein Bedürfnis danach, erkannt zu werden...Er ist unberechenbar, er ist
unfassbar, wie die Wahrheit selbst...denn er hört die unsichtbaren Rufe und
arbeitet ohne Unterlass daran, den Rhythmus über die Wunden der Welt zu
lenken...er gibt der Welt ein neues Gesetz ein...Er versucht, den gleichen
Funken Wahrheit zu entzünden, der in jedem Wesen, jedem Ding enthalten ist, und
jeden kraft seiner eigenen Sonne zu bekehren.“
Nietzsches Übermensch und Satprems Übermensch sind zwei Antipoden
Nietzsches
Übermensch ist der große Einzelne, der Imperator, der einsame Willensmensch,
der über andere dominiert und der nur seinen „heiligen Egoismus“ im Sinn hat. Satprems Übermensch ist ein Mensch ohne eigenes Ego. Er hat
sein eigenes Ich aus der Mitte seiner Persönlichkeit verstoßen und an dessen
Stelle die Gesamtheit gesetzt: das Kollektiv seiner „Mitmönche“, mit denen er
gemeinsam meditiert und mit deren Hirnströme seine Hirnströme synchronisiert
sind. Die Gesamtheit ist ferner die Gesamte Menschheit, die er durch seine
Schwingungen ebenfalls harmonisieren und synchronisieren möchte. Ferner ist die
Gesamtheit: unser ganzer Planet Erde mit allen Lebewesen, und schließlich ist
die Gesamtheit: der Kosmos. Satprems Übermensch nimmt
die Schwingungen und Rhythmen auf und handelt im Einklang mit diesen
Schwingungen. Diese Schwingungen sind die Musik und er ist der Tänzer. Er ist
nicht der große Einzelne, sondern er ist „das Kollektiv“, das Ganze, die
Menschheit, der Kosmos.
Satprems Vision läuft – vielleicht ist ihm das
selbst nicht ganz klar, darauf hinaus, dass der einzelne Mensch eine Art
Nervenszelle in einem Superhirn ist. Dieses Superhirn sind viele Menschen,
deren Hirnströme im Gleichklang schwingen und die auf diese Weise in einer Art
telepatischer Verbindung verknüpft sind, so wie die Hirnzellen durch Dendriten
und Synapsen verbunden sind. Satprems
Übermensch nimmt Impulse auf und gibt sie weiter. Der wahre Übermensch ist aber
das Kollektiv, von dem er nur eine Zelle ist, die zur gegebenen Zeit aktiv wird
– wenn sie von anderen einen Anstoß erhalten hat.
Der Gedanke, dass
die Menschheit ein Kollektiv darstellt, dessen Gesamtintelligenz die
Intelligenz jedes einzelnen Menschen bei weitem übersteigt, ist so abwegig
nicht.
Der Übermensch
Nietzsches wäre aus dieser Sicht nur ein besonders großer, robuster,
hinterhältiger und dominanter Einzeller. Der Übermensch wäre aber auch als Kollektiv
von menschlichen Gehirnen denkbar, die in enger Verbindung stehen.
Diese Gedanken hat
Arthur C. Clarke in seinem Science Fiction Roman „Childhoods End“ 1950 veröffentlicht. Das Buch erschien in
Deutschland unter dem Titel: „Die letzte Generation“. Hier kurz der Inhalt:
Über allen großen Städten der Welt erscheinen plötzlich die Raumschiffe der „Overlords“, einer überlegenen Art von intelligenten
Lebewesen. Ein kleiner Knalleffekt in diesem Roman ist, dass sie aussehen wie
der leibhaftige Teufel. Im Grunde sind die Overlords
die Übermenschen Nietzsches. Aber sie sind nicht die wahren und unumschränkten
Herrscher. Über ihnen steht noch eine gute Macht, in deren Dienst sie stehen.
Dies gute und wohlwollende Macht, so kann man vermuten, ist ein Kollektiv, also
dem Übermenschen Satprems verwandt. Die Kinder der
Erde finden sich zu einem immer größeren Scharen zusammen und handeln synchron.
Schließlich verlassen sie die Erde und werden Teil der übergeordneten Macht.
Als Realist und
Skeptiker muss ich aber zu der Idee, dass sich die Menschheit zu einem
Kollektivgehirn vernetzen könnte, sagen: Da werden sich die Computer schneller
und effizienter vernetzen und ein Supergehirn bilden. Immerhin wäre nicht im
Widerspruch zu den Ideen der Evolution, dass die Menschen einmal in eine
telepathische Vernetzung eintreten können, um so ein kollektives Gehirn des
Planeten Erde zu bilden. Ich persönlich glaube aber nur, was ich sehe. Ich habe
aber in meinem Leben schon oft erlebt, dass sich eine fremde Frau, die ein Stück
weit vor mir ging und die ich aus der Entfernung intensiv ansah, umdrehte und
sich suchend umsah, um zu sehen, wer sie so intensiv anschaut. Wie ich weiter
oben erwähnt habe, steigt die Frequenz der Hirnströme, wenn der Mensch die
Augen öffnet und etwas betrachtet. Wenn ich eine Frau intensiv betrachte, muss
die Frequenz meiner Hirnströme wohl ziemlich in die Höhe gehen, und dies kann
wohl das Objekt meines Schauens wohl irgendwie wahrnehmen.
Mirra Alfassa’s Übermensch ist
unsterblich
Mirra Alfassa versuchte
mit der Kraft ihres Überbewusstseins ihren Köprer auf
der atomaren und zellularen Ebene umzuwandeln.
Satprem schreibt: Auch der Übermensch ist nur ein
„Wesen des Übergangs“. Er ist der Vorläufer eines andern Wesens, das vom
Menschen so verschieden ist wie der
Mensch vom Affen, vielleicht sogar noch verschiedener. Auch der Übermensch wäre
noch mit einem Körper belastet, der aus dem Tierreich stammt und eine Menge
Unvollkommenheiten aufweist. Dieser Nachfolger des Übermenschen, (Satprem nennt ihn das „Supramentale Wesen“) wird von einer
anderen Substanz sein, „unsterblich, leuchtend und leicht wie die Wahrheit
selbst. Satprem beruft sich dabei auf Sri Aurobindo, und will eine „neue körperliche Natur zu
schaffen“ unter Teilnahme des „armen,
kleinen, zerbrechlichen und tierischen Körpers, denn er ist unsere Grundlage.“ Satprem will den Körper des Menschen in einen ätherischen
„Astralleib“ oder so etwas ähnliches verwandeln - und zwar noch zu Lebzeiten des Menschen. Satprem sagt: „Wir müssen an die Pforte des Todes anklopfen
und ihm sein mächtiges Geheimnis entreißen...In einer Zelle unseres Körpers
ruht das gleiche Mysterium wie in allen Galaxien und allen Erden...In einem
Punkt ist alles enthalten.“
Wenn ich den
blumigen Text Satprems in meine Sprache „übersetze“,
dann kann ich folgende Idee herausfiltern, wie sich Satprem
die Unsterblichkeit des irdischen Körpers vorstellt: Der Übermensch kann durch
seine Gedanken seinen Körper bis hinunter in den Nanobereich,
also im Bereich der DNS und der Enzyme, von negativen Energien befreien und
wieder störungsfrei funktionieren zu lassen und die „Vibrationen des Todes“ entfernen. Nach
seiner Theorie stirbt der Körper, weil jede Zelle glaubt, sterben zu müssen;
das sei aber ein Irrtum. Man müsste also den Zellen beibringen, das sie
unsterblich sind. „Der Tod ist eine Illusion, die Krankheitn
ist eine Illusion“, rief Mirra Alfassa
1962 aus. Wenn jede Zelle weiß, dass sie unsterblich ist, kann sie es auch
sein. Hier könnte man vielleicht an ein Todeshormon denken, das jede Zelle in
sich hat.
Mirra Alfassa hoffte,
durch eine Veränderung des Schwingungszustandes der Materie eine neue Materie
schaffen zu können, die frei von Unfällen, Krankheit und Tod ist. Sie wollte
negativen Schwingungen, die in der Materie sind, abtrennen und nur die
positiven bewahren. Dies erinnert an die Lehre Manis,
der sagt, dass in der Materie die göttlichen Lichtfunken gefangen sind und ein
Amalgam mit der Finsternis und dem Trug bilden. Um die Materie zu reinigen und
um die irdischen Körper in Lichtkörper zu verwandeln, müsste man die negativen
Schwingungen abtrennen und die Atome auf einen höheren Schwingungszustand oder
vielleicht in eine höher Dimension heben.
Aber diese durch
die moderne Physik inspirierten Vorstellungen Satprems
und Mirra Alfassas sind nur
Wunschträume. In Wahrheit ist es so, dass man den Zerfall des Körpers genauso
wenig aufhalten kann, wie man verhindern kann, dass alles auf der Welt altert
und vergeht - außer man pumpt eine gewaltige Menge Energie und Ordnung hinein,
um es immer wieder zu konservieren und zu erneuern. Aber warum sollte die Natur
das machen, wenn es doch viel ökonomischer ist, einfach einen neuen Menschen zu
zeugen ? Hier geht Satprem wohl dem Wunsch jedes
Lebewesens auf den Leim, das sich wünscht, unsterblich zu sein. Aber was für
einen Sinn hätte es, wenn die Evolution unsterbliche Lebewesen hervorbringen
würde ? Hier erkennen wir in Satprem und Aurobindo den Magier, der selbst zum Gott werden will. Hier
berühren sich die Extreme: Satprem will, dass der Supermensch
zum unsterblichen Gott wird, Nietzsche glaubt in geistiger Umnachtung,
selbst Gott zu sein.
Der Übermensch der
Transzendentalen Meditation
Durch die Technik
der Transzendalen Meditation kann jeder Mensch zum
Superman werden, sagte im Jahr 1975 im ehemaligen Hotel Seelisberg
in der Schweiz, dem am damaligen Hauptsitz der Bewegung der Transzendentalen
Meditation, der Gründer dieser Bewegung, der Inder Maharishi
Mahesh Yogi, mit bürgerlichem Namen Mahesh Prasad Warma,
geboren am 12. Januar 1911. Maharishi Lehren wurzeln
in der Tradition des Hinduismus und Buddhismus, ebenso wie die Lehren Sri Aurobindos. Deshalb sind die Lehren und Ideen von Mahrishi und Aurobindo/Satprem miteinander verwandt - auch wenn vermutlich große Unterschiede
bestehen und die Anhänger von Aurobindo und von Maharishi sicherlich nicht gerne in einen Topf geworfen
werden wollen.
Gegen eine teuere
Kursgebühr für einen „Siddhi-Kurs“ kann man sich in
einem Zentrum für Transzendentale Meditation vom Normalmensch zum Normal-Meditierenden und
dann weiter zum zum Übermenschen ausbilden lassen. „Siddhis“ sind übernatürliche Kräfte. Die werden sicher
nicht von der TM-Bewegung (Bewegung der
Transzendentalem Meditation) garantiert, aber schon der Name „Siddhi“ und die Photos von „Yogafliegern“ legen diesen Schluß nahe. Wer Siddhi-Kräfte
besitzt, so heißt es in den klassischen Texten der Veden,
der kann Hellsehen, Gedankenlesen, Dinge aus dem Nichts Gestalt annehmen
lassen, unsichtbar werden, fliegen usw.
Aber die
Transzendentale Meditation verspricht auch noch andere Wunder zu vollbringen.
Durch den 1%-Effekt, (Maharishi-Effekt) soll sich die
Lebensqualität im Umfeld von Meditierenden, die das TM-Siddhi-Programm
ausüben, deutlich verbessern, wenn mindestens 1 % der Bevölkerung einer sozialen
Einheit (z. B. einer Stadt) nach diesem Programm meditieren. Wenn die in der
Meditation besonders fortgeschrittenen Sidhas
(=Besitzer der Siddhi-Kräfte) meditieren, reicht
angeblich ein noch kleinerer Prozentsatz. Die Transzendentale Meditation erklärt
auf ihrer Internet-Webseite:
„...dass eine
Gruppe von tausend Experten, die gemeinsam an einem Ort in Deutschland die
Technik des yogischen Fliegens praktizieren, unser
kollektives Bewusstsein so stark beleben, dass Kohärenz, Harmonie und
Positivität der Gesellschaft zunehmen“. Die „Yogaflieger“ sind meditierende,
die nicht nur in ihrem eigenen Gehirn die elektrisch messbaren Aktivitäten der
verschiedenen Gehirnregionen in einen harmonischen Rhythmus gebracht haben,
sondern auch zwischen die Hirnwellen der Mitglieder der Gruppe einen
gemeinsamen Rhythmus hergestellt haben. Dadurch, so glaubt die TM, strahlt
diese Gruppe Frieden, Harmonie und positive Kräfte aus, die auf die Menschen in
der Umgebung segensreich wirken. Es wäre zu wünschen, dass die Yogaflieger mit
ihren Bemühungen Erfolg haben.
Die Transzendentale
Meditation verspricht sogar noch mehr: letztlich eine Welt, in der es kein
Leiden mehr gibt.
Aber auch für die Sidhas, die Übermenschen durch TM, gehen nicht leer aus:
ihnen wird versprochen: vollkommene Gesundheit, vollkommene Koordination von
Körper und Geist und eine Verlangsamung des Alterungsprozesses.
Wieder haben wir
das alte indische Denkmuster: Der Mensch erlöst sich selbst und macht sich zum
Übermenschen, ja zum Gott. Nachdem Gott angesichts der Aufgabe versagt hat,
eine vollkommene Welt zu schaffen, in welcher keine Kreatur zu leiden hat,
nimmt der Mensch selbst die Entwicklung in die Hand und schafft erst den
vollkommenen Menschen und dann die vollkommene Welt.
Wie kommen nun
Hinduismus und Buddhismus auf solche Ideen ? Das hängt mit ihrem Weltbild
zusammen: Es gibt zwei Welten: die diesseitige Welt, (also die Welt der
Materie) und die jenseitige Welt, (also die Welt des Geistes). Die diesseitige
Welt ist eine Welt der Trugbilder und Täuschungen. Eigentlich existiert diese
Welt gar nicht, sie ist nur ein Trugbild der Maja, der Himmelskönigin und
Herrin der Welt. Was wir wahrnehmen und für Materie halten ist nur eine
Illusion. In Wirklichkeit gibt es nur die geistige Welt des Jenseits. Hinter
der sichtbaren Welt ist also die eigentliche Welt, welche die sichtbare Welt erschafft und lenkt. Diese
Welt hinter der Welt ist das „alldurchdringende, ewige Feld allmächtiger,
schöpferischer Geisteskraft“ (Maharishi in seinem
1968 erschienen Buch „Die Wissenschaft vom Sein und die Kunst des Lebens“).
Dieses „Feld allmächtiger Geisteskraft“ ist nichts anderes als der „Heilige
Geist“ der Christen, das „Brahma“ der Inder, das „Tao“ der Taoisten, das „Sein an sich“, das „Absolute“ der
Philosophen, „Das Eine“ Plotins, usw. Es ist keine
persönlicher Gott wie der christliche Gottvater, sondern etwas Unpersönliches.
Die Transzendentale
Meditation versucht nun, die Grenze zwischen der diesseitigen und jenseitigen
Welt zu überwinden, zu übersteigen („transcendere“
heißt übersteigen). Dieses Übersteigen geschieht, indem man sich in sein
Inneres, also seine Seele zurückzieht, indem man alle Gedanken und alle äußeren
Sinneseindrücke aus dem Bewusstsein verbannt und wartet, dass das Göttliche vom
Bewusstsein Besitz ergreift. Dadurch wird der Mensch mit dem Göttlichen eine
Einheit und erfährt aus eigener Anschauung, dass alle Dinge der Welt in
Wirklichkeit nur ein Einziges Ganzes sind, eben das Göttliche, und dass alle
Gegensätze (die so viele Leiden verursachen) in Wirklichkeit nicht existieren.
Was existiert ist nur das Ganze, in die kleinste Änderung eines Teils des
Ganzen wirkt sich auf das Ganze aus. Diese „Schau des Ganzen“ nennt Maharishi das „kosmische Bewusstsein“. Wer das „kosmische
Bewusstsein“ hat, lebt also in Einklang mit Gott und der Schöpfung. Er weiß,
dass er mit Gott, mit der Schöpfung, mit allen Lebewesen und allen Menschen
identisch ist. Deswegen kann es zwischen ihm und den anderen Menschen
(theoretisch) auch gar keine Interessengegensätze geben, und deshalb sind alle
Kämpfe und Kriege sinnlos. Das Leben ist also kein Kampf ums Dasein, sondern
das Leben ist eine unendliche Harmonie. Wie bei Aurobindo
und Satprem ist also bei Maharishi
der Übermensch derjenige, der das kosmische Bewußtsein
besitzt und durch die Kraft seiner harmonisierten Gehirnaktivitäten sich und
die Welt erlöst. Wie bei Satprem sind die Yogaflieger
ein Kollektiv und können nur als Kollektiv Erfolg haben.
Inzwischen wurde
dieses Konzept von den „Lichtarbeitern“ weitergetrieben. Es sollen sich
Menschen auf der ganzen Welt spirituell vernetzen, indem sie alle zur gleichen
Zeit meditieren und positive, harmonische wellen ausstrahlen. Dadurch, so
hoffen sie, wird die Wirkung ihrer Bemühungen noch weiter verstärkt und
weltweit wirksam.
Daß die Welt so schlecht ist, liegt aus der
Sicht der TM offensichtlich daran, dass es so viele „negative Schwingungen“
gibt. Dem wollen nun die „Yogaflieger“ entgegenwirken, indem sie positive
Schwingungen und Harmonie ausstrahlen, die dann in den Gehirnen der anderen
Mensche wie durch einen Resonanzeffekt ebenfalls Harmonie und Frieden erzeugen.
Man muß also nur mit vereinten Kräften harmonische
Gehirnaktivitäten ausstrahlen, und die Welt kommt nach und nach in Ordnung und
wird eines Tages zum Paradies. So einfach ist das. Oder vielleicht doch nicht ?
Nachdenklich
stimmt, dass Maharishi und seine Gemeinde entweder
den Bezug zur Realität verloren haben oder aus Gründen der Werbung (die ja
häufig auch Anpreisung und Übertreibung ist) Erwartungen erweckt, die realistischerweise
nicht einzulösen sind. Maharishi verspricht, dass der
Mensch im Zustand des Überbewusstseins (den „höchsten Gipfel der Evolution“)
alle Möglichkeiten hat, dass alle Wünsche spontan erfüllt werden, dass das
Leben in völligem Einklang mit den Naturgesetzen ist und dass das Leben in
Glückseligkeit geführt wird. 1975 verkündete Maharishi
im damaligen Hauptquartier der TM im Hotel Seelisberg/Schweiz
das „Zeitalter der Erleuchtung“. Eine Weltregierung, bestehend aus zehn
Ministern (Welt-Staatschef war wahrscheinlich Maharishi)
des Zeitalters der Erleuchtung wurde bei dieser Gelegenheit gleich ernannt. Aus
der Sicht der TM war dies nur logisch: Wer das volle Potential seines
Bewusstseins nutzt, ist ein Übermensch, steht an der Spitze der menschlichen
Entwicklung und ist damit berufen, die Welt zu regieren. Was in Washington und
Moskau geschah, war von nun an unwichtig. Die tranzendentale
Musik spielte nämlich in Seelisberg. – Ein schöner
Traum, dass die Welt von der Schweiz aus von einem indischen Guru regiert
werden könnte. Aber eben nur ein Traum.
John Humphrey Noyes will den perfekte Menschen züchten
Schon bevor
Nietzsche als der große Prophet des Übermenschen auftrat, hatte im Land der
unbegrenzten Möglichkeiten John Humphrey Noyes (1811
– 1886) diesen Versuch im Jahr 1867 in seiner „Oneida
Community“ (auch „Sekte der Perfektioniesten“
oder „Bibel-Kommunisten“ genannt) begonnen – wenn auch nur mit dem
bescheidenerem Anspruch den idealen Christen zu züchten. Im Jahr 1848 hatten Noyes und seine Anhänger eine herrschaftliche Villa in Oneida Creek im Staat New York bezogen, um einen
urchristlichen Kommunismus zu verwirklichen. Sie bildeten eine
Wohngemeinschaft, in welcher allen alles gemeinsam war – auch die Frauen. Jede
erwachsene Frau war mit jedem erwachsenen Man der Wohngemeinschaft verheiratet.
Noyes nannte dies „complex marriage », also « komplexe Ehe“. Immerhin hatte
die Oneida Community 32
Jahre lang, von 1848 bis 1881 Bestand. Dann wurde sie in eine
Aktiengesellschaft umgewandelt, die Konserven, Tierfallen, Tafelbesteck u. a.
produzierte – alles mit der gleichen Perfektion, mit der man vorher Menschen
züchtete. Das Schlüsselwort ihrer perfektionistischen Weltanschauung hieß:
„Verbesserung“.
Ein anderer Aspekt
des in Oneida Creek praktizierten Kommunismus war,
dass die Männer auch die Hausarbeit machten, was dazu führte, dass die Männer
Waschmaschinen und Geschirrspülmaschinen zusammenbastelten, während die Frauen
im Beruf ihren Mann standen. Lobend zu erwähnen wäre auch, dass die Oneida Community großen Wert auf
Bildung und Erziehung legte.
Die Perfektionisten
glaubten, dass die Wiederkunft Jesu, von den Christen am Tag des jüngsten
Gerichtes erwartet, schon längst stattgefunden habe: nämlich im ersten
Jahrhundert n. Chr. Damit war das Reich Gottes schon lange Wirklichkeit
geworden. Das klingt absurd, aber wenn
man z. B. folgende Stelle genau und wörtlich nimmt: im 1. Korintherbrief,
Abschnitt 15, Vers 51 schrieb Paulus: „Wir werden nicht alle sterben, aber wir
werden alle wiederauferstehen“. Dann ist der Schluß
zwingend dass das Jüngste Gericht schon
im Ersten Jahrhundert nach Christus stattgefunden hat, bevor alle Zeitgenossen
des Paulus gestorben waren. Dieser Schluß ist
allerdings nur dann zwingend, wenn man davon ausgeht, dass die Bibel in allem
immer und unbedingt Recht hat. Wenn aber die Bibel immer Recht hat, dann steht
sie über allen Gesetzen und aller menschlichen Moral und jemand, der die Bibel
als höchste Instanz nimmt, steht damit ebenfalls über jeder allen Gesetzen und
über aller bürgerlichen Moral. Was Nietzsche über den Übermenschen und seine
Förderer sagt, (dass sie über Gesetz und Moral stehen), das haben
fundamentalistische Sekten schon immer für sich beansprucht – wenn es auch die
Klügeren unter ihnen nicht gerade in die Welt hinausposaunt haben. Um es kurz
zu machen: die Oneida Community
hatte die notwendige Einstellung, um sich über Tabus hinwegzusetzen und mit der
Züchtung von Menschen zu beginnen. Noyes nannte diese
Züchtung von Menschen „stirpiculture“ (Kultivierung
des Nachwuchses).
Noyes nannte die Ehe eine „selbstsüchtige
Institution, in welcher die Männer ihre Eigentumsrechte über die Frauen
ausübten“ und pries die Tugenden der „freien Liebe“ – ein Ausdruck, den Noyes prägte. Zwei Regeln gab es aber in der Oneida Commuinity: 1. Zwei
Partner durften nur miteinander ins Bett gehen, wenn jeder damit einverstanden
war und dies auch gegenüber einem dritten bekundet hatte und 2. zwei Partner
konnten nicht ausschließlich nur mit ihrem bevorzugten Partner ins Bett gehen.
Die Idee der „stirpicultur“ bestand nun darin, dass man Kinder mit
besseren Erbanlagen erzeugte, indem man die gesündesten und intelligentesten
Männer und Frauen miteinander verband. Nur bestimmte Mitglieder der
Gemeinschaft erhielten das Recht, Eltern zu werden. Diese wurden durch ein
Komitee ausgewählt. Um zu verhindern, dass die jungen Mädchen nicht
unkontrolliert Sex mit dem Erstbesten hatten, der ihnen gerade gefiel, sondern
mit denjenigen ins Bett gingen, die ihnen zugedacht waren, erfand man die Praxis
der „aufsteigenden Partnerschaft“. Sogenannte „Zentralmitglieder“ wachten über
die Jungfrauen und sorgten dafür, dass sie vom „richtigen“ Partner schwanger
wurden. Deshalb war es wohl wichtig, selbst Zentralmitglied zu sein oder ein
gutes Verhältnis zu den Zentralmitgliedern zu haben. Bis es soweit war, dass
die zur Fortpflanzung bestimmten Partner zur Zeugung schritten, wurden die
jungen Frauen mit älteren Partnern und junge Männer mit älteren Frauen vereint.
Um unerwünschte
Schwangerschaften zu vermeiden und um den nicht zur Fortpflanzung berechtigten
Partnern auch Gelegenheit zum Sex zu geben, praktizierte man „männliche
Selbstbeherrschung“, die darin bestand, dass man durch Carrezza-Praktiken
oder durch Coitus interruptus oder durch Petting
vermied, dass die Frauen schwanger wurden. In der Praxis war das wohl so, daß das Paar sich in weihevoller Stimmung zunächst mit
einem ausgedehnten Vorspiel beschäftigte, der Mann dann behutsam in die Frau
eindrang, dort etwa eine Stunde lang ziemlich regungslos verharrte - während
sich das Paar den angenehmen Empfindungen hingab - und sich dann wieder
behutsam zurückzog ohne zum eigentlichen Zweck gekommen zu sein. Einige
amerikanische Anhänger des tantrischen Buddhismus
vermuten, dass die Paare eine Art Sexual-Meditation durchgeführt hätten.
Vielleicht haben die Bibel-Kommunisten aber auch versucht, dabei die Bibel zu
lesen. Dann wären sie allerdings Übermenschen gewesen. Vielleicht war dieser
gescheiterte Versuch des ausgedehnten Bibelstudiums auch der Anlass für sie,
den perfekten Christen zu züchten (kleiner Scherz).
Die
Verhütungspraktiken scheinen recht erfolgreich gewesen zu sein. Innerhalb von
20 Jahren gabe es in der Gemeinschaft, die etwa 250
Menschen umfasste, nur ca. 40 Geburten.
Ein Problem der „complex marriage“ war, dass die
Partner nicht nur gegenüber einer Person, sondern gegenüber allen Mitgliedern
die Pflicht hatten, sexuell verfügbar zu sein. Zwar legte Noyes
großen Wert darauf, dass ein Geschlechtsverkehr nur stattfand, wenn beide
Partner dies wünschten. In der Praxis sahen sich die Mitglieder der Kommune,
vor allem wohl die attraktiveren Mitglieder der Community,
vor allem wohl die Frauen, einem starken Druck ausgesetzt, ihren sämtlichen
Ehemännern zur Verfügung zu stehen. Das konnte schon mal die Freude am Sex
verderben.
Man kann sich
vorstellen, dass es in der Community eine Menge
Sprengstoff gab. Da waren sicher die ganz alltäglichen Probleme wie Eifersucht
und Liebe zu einem bestimmten Partner, der mit allen anderen geteilt werden
sollte. Da gab es sicher auch Opposition gegen den Guru, die er immer wieder
durch Einfühlungsvermögung und Überzeugungsarbeit, oft wohl auch durch Berufung
auf die heiligen Texte überwinden musste. Hinzu kam, dass die Community von Seiten der Außenwelt allerlei Druck und
Problemen ausgesetzt war, durch Politiker, die sich zu Tugendwächtern
aufspielten und einen fanatischen Kreuzzug gegen die Community
starteten. Daß
dieses eugenische Sozialexperiment so lange existieren konnte, war zum einen
den Führungsqualitäten von Noyes zuzuschreiben, aber
auch der freundlichen und kultivierten Art, mit der die Perfektionisten ihren
Nachbarn begegneten, die oft von ihnen recht angetan waren. Ein dritter Faktor
war, dass die Kommune wirtschaftlichen Erfolg hatte und zu Wohlstand kam.
George Bernhard Shaws
Übermensch
An die Frauen
gewandt sagt Nietzsche: „Euere Hoffnung heiße: ‚möge ich den Übermenschen
gebären’ „. Wie ein Echo darauf klingt der Satz Bernard Shaws, der eine junge Frau
auf der Bühne fordern lässt: „Einen Vater für den Übermenschen !“. Die junge
Frau heißt Anna und ist das Mündel des neuzeitlichen „Don Juan“ namens John
Tanner, eines sozialistischen Jung-Revolutionärs, der aber eigentlich „Mitglied
der Klasse der reichen Nichtstuer“ ist. Er ist Vormund von Anna, die ihn, den
Don Juan“ in Umkehrung der Rollen erobert. So wird aus dem Supermann ein
Ehemann.
Das Stück ist
eigentlich ein als Theaterstück getarnter philosophischer Essay Shaws. Shaw war
lange Jahre Mitglied der „Fabier“, einer
sozialistischen Vereinigung, und er war wohl im Herzen ein romantischer
Sozialist. Damals konnte man auch noch inner aller romantischen Unschuld vom
Sozialismus träumen, denn Shaw schrieb das Stück „Mensch und Übermensch“ („Man
and Superman“) in den Jahren 1901 bis 1903. Zu diesem Stück gehört auch das
„Hand- und Taschenbuch des Revolutionärs“ von „John Tanner“.
Shaw wollte den
Sozialismus und träumte vom Übermenschen. Aber schließt das eine das andere
nicht aus ? Der Sozialismus will Gleichheit und Brüderlichkeit – wie passt da
ein Übermensch hinein, der alles andere als gleich und brüderlich ist - schon gar nicht der elitäre und
neu-aristokratische Übermensch Nietzsches ? Um diesen Widerspruch zu
entschärfen, verlangt Shaw nicht, dass der Übermensch besonders stark, schön
und gesund sei – denn wo blieben da die Objekte des Sozialismus; die Armen,
Kranken und Schwachen ? Sie kämen ja in einer von Übermenschen dominierten
Gesellschaft unter die Räder. Deshalb ist für Shaw das „wahre Charakteristikum
des Übermenschen die „Überlegenheit an unbewusstem Ich“ – was immer das sein
mag.
Shaw ist
beeinflusst von John Humphrey Noyes. Wie Noyes fragt er sich Shaw: wie kann man Menschen mit
besseren Eigenschaften züchten ?.
Seine Antwort (von
mir in Klartext übersetzt und interpretiert):
1. Man müsste die
potentiellen Vätern und Mütter, die für die Menschenzucht in Frage kämen, aus
allen Bevölkerungsschichten auswählen. Also: keine sozialen Schranken bei der
Menschenzucht. Shaw schreibt: „Es dürfte der natürlichen Gattenwahl kein
Hindernis entgegenstehen, wie etwa die Ansicht, dass eine Gräfin sich nicht mit
einem Kanalarbeiter...verbinden dürfte.“ (Da spricht natürlich der
SPD-Kanalarbeiter aus Shaw).
2. Es gibt allerdings das
Problem, dass ein Paar, das aus eugenischer Sicht sich gut ergänzen würde (z.
B. ein britischer Landedelmann und eine hochkultivierte Jüdin), eine
vernünftige und angenehme Ehe miteinander führen könnte. Also steht die Ehe der
Höherzüchtung des Menschen im Wege und man muß
Menschenzucht und Ehe voneinander trennen.
3. Wenn Menschen, die
nicht verheiratet sind, für Zuchtzwecke Kinder bekommen wollten, wäre das
Privateigentum ein schwerwiegendes Problem. Wenn eine verarmte, aber
hochkultivierte Jüdin von einen reichen britischen Landedelmann aus eugenischen
Gründen einen Sohn bekommt, wird dieser ein Teil des britischen Landgutes erben
– so sieht es das Gesetz vor. Der Landedelmann wird sich also hüten, seine
ehelichen (und vielleicht eugenisch nicht so wertvollen) Kinder und seine
Ehefrau durch eine eugenische Kopulation mit einer hochkultivierten Jüdin gegen
sich aufzubringen - schließlich will er
ja noch einen angenehmen und friedlichen Lebensabend verbringen. Also muss man aus
eugenischer Sicht die Ehe abschaffen. Und damit ist Shaw der gleichen Meinung
wie John Humphrey Noyes.
Shaw befasst sich
ausführlich mit dem Experiment der Perfektionisten von Oneida
Creek. Shaw nennt Noyes einen „Zufallsübermenschen“,
also einen durch einen Zufall in der Genlotterie
entstandenen Übermenschen. Das Ziel der Community von
Oneida Creek sei es gewesen, einen weiteren
Übermenschen wie Noyes hervorzubringen. (Die
einfachste Methode war wohl, dass Noyes mit vielen
jungen Frauen ins Bett ging, was ja wohl dann auch der Fall war).
Noyes sei aber letztlich bei seinem Versuch, das
Privateigentum und die Ehe abzuschaffen (ganz zu schweigen von er Züchtung des
Übermenschen) und er habe, als seine Kräfte nachließen, den freiwilligen
Rückfall der Bibel-Kommunisten in Ehe und Privateigentum selbst organisiert.
Shaw meint, dass Noyes, wenn er der Diktator der USA
geworden wäre, ebenso am Normalmenschen gescheitert wäre wie Napoleon und
Caesar in ihren Plänen gescheitert sind. Um die Welt zu verändern, würde nicht
ein einzelner Übermensch ausreichen, sondern es müssten Gemeinschaften, ja
Nationen von Übermenschen entstehen, die dann aus eigenem Antrieb die
notwendigen Veränderungen vornehmen müssten. Shaw will also einen Übermenschen,
der also Kollektiv auftritt und handelt.
Die Menschen, so meint
Shaw, ersehnen zwar den idealen Übermenschen, aber im Grund fürchten sie ihn
und wollen ihn nicht. Deshalb machen sie sich „Ersatzübermenschen“, den Papst,
einen König – man könnte hinzufügen: den Kinohelden, den Popstar, den
Super-Reichen. Den wahren Übermenschen würden sie aber gar nicht erkennen. Sie
werden nämlich vermuten, dass der Übermensch grenzenlosen Verstand,
grenzenlosen Mut und unbegrenzt viel Geld hat.
Shaw erhofft sich
von der natürlichen Auslese, die in einer zivilisierten Gesellschaft stattfindet,
dass sie schließlich doch in ferner Zukunft den Übermenschen hervorbringt.
Seine Argumentation geht so: In einer Überflussgesellschaft werden die Freßsüchtigen allmählich aussterben, weil sie sich
buchstäblich zu Tode fressen werden. Diejenigen, die Sex nur um des Vergnügen
willens betreiben, werden streng auf die Empfängnisverhütung achten und deshalb
kinderlos bleiben (ein allzu kühner Schluß). Aus der Sichts Shaws wird dann bei der Vermehrung der
selbstbeherrschte Gesundheitsapostel, der sich bewusst fürs Kinderkriegen
entscheidet, die vorherrschende Spezies werden. In diesem Sinne könnte man
hinzufügen: in einer automobilen Gesellschaft werden auf lange Sicht die
unvernünftigen Raser und dummen und unfähigen Autofahrer aussterben. Oder bezogen
auf die AIDS-Krankheit: Es werden nur die Verantwortungsbewussten überleben,
die bei ihren Seitensprüngen Kondome benutzen, ungeschützten Geschlechtsverkehr
aber nur mit ausgewählten Partnern haben.
Unklar bleibt, wie
der Übermensch Shaws aussehen soll. Der defensiv fahrende Nichtraucher, der
Kondome benutzt, kann doch noch nicht der Übermensch sein.