Wir müssen Abraham hinter uns lassen
Von
Der islamische
Fundamentalismus ist auf dem Vormarsch. Es drohen globale Religionskriege.
Wie können wir dem begegnen ? Sollen wir ebenfalls religiös aufrüsten und zu
christlich-fundamentalistischen Glaubenskämpfern werden ?
Sollen wir die Moslems mit Bombenteppichen belegen – nach dem Motto: „Gott will
es !“ ? Das
wäre ein fataler Fehler, den George W. Bush gemacht hat, und er hat das Feuer
des Fanatismus nicht ausgetreten, sondern erst recht entfacht. Man kann eine
Religion nicht bekämpfen, indem man die Gläubigen tötet. Man kann eine
aggressive und gefährliche Religion nur mit den Mitteln des Geistes besiegen.
Wir müssen auf eine
religiöse Abrüstung hinwirken, indem wir die Menschen darüber aufklären, daß ihre heiligen Bücher voll von Lügen und Irrtümern sind,
und daß die darin vertretene Moral jeder Humanität
und jeder Vernunft Hohn spricht. Wir müssen aufhören, uns als Christen, Juden,
Muslime, Buddhisten, Hindus oder Atheisten gegenüberzutreten, sondern einfach
als freie, gleichberechtigte Menschen. Erst kommt der
Mensch, dann die Religion.
Religionen und ihre
Heiligen Bücher sind nicht vom Himmel gefallen oder den Propheten oder
Evangelisten von Gott Wort für Wort
diktiert worden. Religionen sind das Ergebnis von historischen, sozialen
und geistigen Entwicklungen. Sie sind in einem ständigen Wandlungsprozess
begriffen – auch wenn ihre Dogmen und heiligen Texte den Anspruch erheben, bis
in alle Ewigkeit unveränderlich zu sein.
Dies macht den Widerspruch
der Religionen aus: Die heiligen Texte und Dogmen „frieren“ quasi die Weltsicht
ihrer Entsehungszeit ein und stellen sich jeder neuen wissenschaftlichen
Erkenntnis entgegen, andererseits werden die heiligen Texte nach Belieben
gerade so ausgelegt, wie es den religiösen Führen am besten in den Kram passt.
Damit erhält jede religiöse Moral einen Faktor der Beliebigkeit und der
Willkür.
Wer weiß schon, daß die Unfehlbarkeit des Papstes erst 1870 auf dem 1.
Vatikanischen Konzil zum Dogma erhoben wurde? Wo steht im Koran etwas vom
Zwang, daß die Frauen Kopftuch oder Schleier tragen müssen ?
Die meisten Gläubigen
haben nur eine mangelhafte Kenntnis ihrer eigenen Religion. Wenn man einen
Christen fragt, wie heißt das erste und
das zweite der Zehn Gebote ? Dann wird er
antworten: „1. Du sollst keine andern Götter neben mir haben und 2. Du sollst
dir kein Gottesbild machen“.
Die wenigsten werden aber
den genauen Wortlaut kennen. Der ist nämlich:
„Ich bin der Herr, dein
Gott, der ich dich aus dem Lande Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt
habe; du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
Du sollst dir kein
Gottesbild machen weder dessen, was oben im Himmel, noch dessen, was unten auf
Erden, noch dessen, was in den Wassern unter der Erde ist; du sollst sie nicht
anbeten und ihnen nicht dienen; denn ich der Herr, dein
Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht bis in
die dritte und vierte Generation an den Kindern derer, die mich hassen,
der aber Gnade übt bis in die tausendste Generation an den Kindern derer, die
mich lieben und meine Gebote halten.“
Hier zeigt sich schon der
Gott der Juden, der ja auch der Gott der Christen und Moslems ist, von
seiner grausamen
und rachsüchtigen Seite. Jeder Verstoß gegen seine Gebote wird mit barbarischer Grausamkeit bestraft. Nicht nur der
Gesetzesbrecher wird bestraft, sondern auch seine Kinder, Kindeskinder und
deren Kinder.
Übrigens sieht man in den
katholischen Kirchen eine reiche Fülle von bildlichen Darstellungen von Gott,
Jesus, Maria und den Heiligen, und zu allen wird eifrig gebetet. Das
widerspricht klar dem zweiten Gebot, und also müssten alle, die solche Bilder
erschaffen und aufstellen und alle, die zu diesen Bildern beten, ewig in der
Hölle schmoren. Und nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Nachkommenschaft.
Wenn ein katholischer
Christ über diesen Sachverhalt nachdenkt, dann kann er sich eigentlich nicht
mehr zum Christentum bekennen. Denn er muß klar erkennen:
Ich bete hier einen grausamen und despotischen Gott an. Meine Kirche ermuntert
mich, vor dem Kruzifix zu beten. Also ermutigt sie mich zu einer Handlung, die
für mich und meine Kinder die ewige Verdammnis bedeutet.
Aber seltsamerweise ist
den Gläubigen jede Fähigkeit zu kritischem Denken abhanden gekommen.
Wenn wir das zweite Gebot
ernst nehmen würden, müssten wir alle Moslems werden. Im Islam ist die
bildliche Darstellung verboten, und in den Moscheen sehen wird nur
kalligraphische und sonstige Ornamente.
Die Christen begegnen
dieser Situation auf ihre Weise: Das was in der Bibel, speziell im Alten
Testament, steht, wird eigentlich gar nicht zur Kenntnis genommen, es wird
verdrängt. Man sagt: Durch das Neue Testament wird das Alte Testament quasi
außer Kraft gesetzt; jetzt gilt das Neue Testament. Nicht mehr Moses und
Abraham sind für uns maßgebend, sondern Christus.
Aber warum müssen dann
die Kinder überhaupt noch die Zehn Gebote auswendig lernen und warum wird nach
wie vor das Alte Testament als verbindlich anerkannt ?
Die Antwort ist: Die
Christen und Juden glauben, daß „sich Gott in der
Geschichte des Volkes Israel offenbart.“ Die Geschichte der Juden wird im Alten
Testament beschrieben. Deshalb kann man sich auch als Christ nicht vom Alten
Testament lossagen. Und wenn man sich nicht von ihm lossagen kann, dann muß es auch verbindlich bleiben. Und also glauben auch die
Christen an den Gott Abrahams.
Dieser Gott Abrahams ist
aber ein grausamer und barbarischer Gott; man könnte ihn fast mit dem Teufel
verwechseln.
Die historische Tat von
Christus, und mehr noch von Paulus, war, daß er ein
neues Gottesbild geschaffen hat. Der Gott Christi ist nicht mehr der
blutrünstige Kriegsgott eines Nomadenvolkes, das über das von einer bäuerlichen
Bevölkerung bewohnte Land Kanaan hereinbricht, dessen Priester ermordet, dessen
Heiligtümer schändet und dessen Bewohner unterdrückt. Nein, der neue Gott
Christi ist ein von der griechischen Zivilisation und Kultur geprägter Gott.
Ein Gott der Liebe und der Vergebung. So glauben die Christen.
Wenn man aber an diesem
neuen Christengott, dessen Bild hauptsächlich von dem in der hellenistischen
Zivilisation aufgewachsen Weltbürger Paulus geprägt wurde, kratzt, dann kommt
unter dem Lack wieder der alte despotische und barbarisch, blutdürstige Gott
des alten Testaments zum Vorschein.
In der Bergpredigt (Matth. 5) sagt Jesus: „Meinet nicht, daß
ich gekommen bin, um das Gesetz (des Moses) oder die Propheten aufzuheben. Ich
bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen...Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt wurde: ‚Du sollst nicht töten’; wer
aber tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der
seinem Bruder zürnt, soll dem Gericht verfallen sein...Wer
aber sagt ‚Du Tor!’ soll der Hölle mit ihrem Feuer verfallen sein...Ihr
habt gehört, daß gesagt ist: ‚Jeder, der eine Ehefrau
ansieht, um sie zu begehren, hat ihr gegenüber in seinem Herzen schon Ehebruch
begangen. Wenn dich aber dein rechtes Auge zur Sünde verführt, so reiß es aus
und wirf es von dir; denn es ist besser für dich, daß
eins deiner Glieder verloren geht und nicht dein ganzer Leib in die Hölle
geworfen wird.“
Ist dies der Gott der
Liebe und Vergebung, an den die Christen glauben? Sie kennen ihre eigenen
heiligen Texte nicht. Und nur dadurch, daß sie diese
nicht kennen oder sie bewusst ignorieren oder uminterpretieren, können sie an
ihrem Glauben festhalten. Man sollte sie mit ihren heiligen Texten
konfrontieren und sie dazu ermutigen, sie mit kritischem Verstand zu lesen.
Die Einführung der
Jungfrau Maria als Muttergottheit in die katholische Religion ist ein Beispiel
dafür, daß die Religionen in einem ständigen
Wandlungsprozess begriffen sind, und daß religiösen
Führer die religiösen Texte willkürlich und beliebig so auslegen, wie es ihnen
in den Kram passt.
Auch die religiöse Moral ist beliebig und willkürlich.
Sie ändert sich von Religion zu Religion. Aber auch innerhalb der gleichen
Religion passt sie sich an den Zeitgeist und die Bedürfnisse und Wünsche der
Religionsführer an.
Demgegenüber sind die
ethischen Grundsätze der Humanität überall auf der Welt gleich. Alle Menschen
haben, wenn sie auf ihre Vernunft und auf ihr moralisches Empfinden hören,
einen zuverlässigen Kompass dafür, was gut und böse ist. Instinktiv weiß jeder
Mensch, egal welchem Kulturkreis er angehört, daß die
Menschenrechte gut, richtig und universell verbindlich sind.
Die meisten Gläubigen
nehmen ihre Heiligen Schriften im Grunde gar nicht ernst, sondern setzten sich
über sie hinweg. Nur die Fundamentalisten nehmen sie wörtlich und kehren damit
geistig und moralisch auf eine längst schon überwundene Stufe der
zivilisatorischen Entwicklung zurück. Fundamentalismus ist Atavismus, also der
Rückfall in eine frühere, primitivere Entwicklungsstufe.
Was aber glaubt die
breite Mehrheit der Gläubigen aller Religionen ?
Sie glauben folgendes,
und dieses sind die religiösen Elementar-Meme, die im
Katholizismus ebenso zu finden sind wie in der Voodoo-Religion – weshalb
Voodoo-Gläubige gleichzeitig Katholiken sein können und umgekehrt:
Der Punkt 4 ist eigentlich
der Kern dessen, was das jede Art von religiösem Glauben ausmacht. Religion ist
eine spezielle Variante von Egoismus. Wenn die Religion den Egoismus der
Menschen nicht in besonderer Weise ansprechen würde, wäre sie für die Menschen
uninteressant. Und deshalb ist der Atheismus und Agnostizismus für viele so
uninteressant. Da gibt es weder herrliche Belohnungen noch schreckliche
Bestrafungen.
Womit wir bei der zweiten
Hälfte der religiösen Elementar-Meme wären, nämlich
denen, die den Gläubigen Angst und Schrecken einflößen:
Wir verstehen jetzt,
warum die heiligen Personen keine unpersönlichen Mächte, wie z. B. das Tao oder
die Naturgesetze sein dürfen: Mit Personen kann man reden, man kann zu ihnen
beten und man kann sie beeinflussen. Und
nur die sind für den religiösen Menschen interessant und lukrativ.
Wir verstehen jetzt auch,
warum für die Christen Jesus ein Gott sein muß: Nur
so hat er die Macht, die Gebete der Gläubigen auch wirklich zu erfüllen.
Dir Himmel gleicht für
die katholischen Christen einem byzantinischen
Kaiserhof. Der einfache Bittsteller hat keine Chance, dem Kaiser persönlich
sein Anliegen vortragen zu können. Aber er kann sich an jemanden wenden, der
mit dem Kaiser in Kontakt steht. Das sind die Heiligen. Die können sich dann
beim Kaiser für einen verwenden und ein gutes Wort einlegen. In kleineren
Angelegenheiten reicht ihre Kompetenz aus, um ohne Rücksprache mit dem Chef zu
entscheiden.
Wenn Gott den ganzen
lieben Tag damit beschäftigt ist, die Wünsche der Gläubigen anzuhören und zu
erfüllen, dann hat er keine Zeit mehr, den normalen Ablauf der Welt zu steuern.
Das muß deshalb der Heilige Geist tun.
Die Gläubigen verharren
in einem antiquierten, archaischen Weltbild, das in diametralem Gegensatz zu
den Erkenntnissen der Naturwissenschaften steht. Sie glauben an Wunder und
Magie.
Naturalismus lehnt beides
ab und trifft damit einen der sensibelsten Punkt des religiösen Weltbildes,
denn das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
Nun wird so mancher aufgeklärte
protestantische Christ sagen: Ich glaube weder an Wunder noch an Heilige. Aber
ich glaube, daß Gott die Welt erschaffen hat und daß er Mensch eine unsterbliche Seele hat. Dann muß man ihn aber weiter fragen: Glaubst du an die
Wiederauferstehung im Fleische und an die magische Umwandlung von Brot und Wein
in Leib und Blut Christi beim Heiligen Abendmahl ?
Dann glaubst Du auch an Wunder und an Magie. Worin besteht der Unterschied
zwischen einem heidnischen Priester, der die Gottheit herbeizitiert und dem
Priester oder Pfarrer, der durch eine magische Zeremonie Jesus Christus zwingt,
sich in Brot und Wein zu inkarnieren und damit zu
einem Gott zu werden, den man essen und trinken kann ?
Wer an eine Religion
glaubt, muß auch an Wunder und Magie glauben. Beides sind mit der Religion untrennbar verbunden und machen ihr
Wesen aus.
Warum glauben Menschen in
unserer heutigen, von Technik und Naturwissenschaft geprägten Welt dennoch an
Wunder und an des antiquierte Weltbild der Religionen ?
Die Antwort ist: Wer
nicht an Wunder glaubt, muß an seinen eigenen Tod
glauben.
Die Naturwissenschaft
belehrt uns, daß das Leben mit dem Zusammenbruch der
Organfunktionen endet. Das Denken ist an die Funktion des Gehirns gebunden.
Wenn es keine Gehirnströme mehr gibt, ist das Leben zu Ende. Eine
Leben ohne körperliche Grundlage gibt es nicht.
Vor dieser Erkenntnis
schreckt jeder zurück, der an Religion glaubt. Und dies ist die größte
Hemmschwelle, Atheist oder Agnostiker zu werden.
Der moderne gläubige
Mensch lebt in einem schizophrenen Geisteszustand. Einerseits weiß er, daß die Glaubwürdigkeit von Bibel und Koran durch die
moderne Wissenschaft so nachhaltig erschüttert ist, daß
man ihnen nicht vertrauen kann. Wenn nur eine einzige Aussage in einem Heiligen
Buch als unwahr erwiesen ist, dann kann dieses Buch nicht von Gott stammen.
Inzwischen sind in den Heiligen Büchern eine Vielzahl von Fehlern,
Widersprüchen und ethisch nicht vertretbaren Ungeheuerlichkeiten offenbar
geworden. Warum hält man trotzdem an seinem Glauben fest und entwickelt eine
Art Blindheit gegen diese Fehler und Widersprüche ?
Weil diese Bücher das Ewige Leben verheißen. Und je näher das Ende des Lebens
naht, umso eher neigt der Mensch dazu, nach diesem Strohalm zu greifen.
Es gehört viel Überwindung
dazu, anzuerkennen, daß mit dem Tod das Leben endet
und daß es kein Leben nach den Tode
gibt. Diese bittere Eingeständnis der Endlichkeit der
eigenen Existenz ist eine bittere Pille, die jeder Atheist schlucken muß.
Die Wahrheit ist aber, daß auch der gläubige Christ und der gläubige Moslem sich
nach ihrem Tod weder im Himmel noch in der Hölle oder im Fegefeuer wiederfinden
werden. Sie werden, genau wie der Atheist, schlicht und einfach nicht mehr
existieren. All Ihre Gebete und all die Einhaltung der religiösen Gebote wird
ihnen nichts genützt haben. Sie werden genauso für alle Ewigkeit tot sein wie
der Atheist. Alle Anstrengungen und Verbiegungen, alle Unterwerfung unter den
vermeintlichen Willen Gottes waren vergeblich.
Die christlichen Priester
und Pfarrer stellen den Menschen immer die Frage nach dem Sinn des Lebens. Der
Gedankengang bei der Sinnfrage ist ungefähr folgender: Wenn ich nur so in den
Tag hinein lebe und das Leben genieße, dann bleibt doch immer ein Rest von
Angst vor der Zukunft. Ich müsste also etwas tun, um diese Zukunft zu sichern.
Das wäre sinnvoll. Wenn ich Beziehungen zu anderen Menschen aufbaue, ihnen
Gutes tue, dann werden sie mir in Zeiten der Not bestehen. Deshalb sollte ich
nicht nur für mein Vergnügen leben, sondern für die anderen etwas tun. Noch
wichtiger aber ist es, die Beziehungen zu Gott pflegen. Der wird mir diese
Zuwendung lohnen, indem er mich später in den Himmel aufnimmt.
Der ganze Aufwand hat
aber nur dann einen Sinn, wenn dieses höhere Wesen existiert. Außerdem muß dieses höhere Wesen durch meine Gebete und guten Taten
auch beeinflussbar sein.
Der normale Gläubige
macht in etwa folgende Rechnung auf: Ob es Gott gibt oder nicht, weiß ich nicht
mit hundertprozentiger Sicherheit. Die Chancen stehen vielleicht 50 zu 50. Aber
selbst wenn es eher unwahrscheinlich ist, daß es ihn
gibt, so ist es doch besser, ich glaube an ihn. Wenn es ihn nicht gibt, so
nützt mir mein Glaube zwar nichts, aber er schadet mir auch nichts. Wenn es ihn
aber gibt, dann komme ich danke meines Glaubens in den Himmel. Mein Glaube ist
quasi die Versicherungsprämie, die ich zahle, um das Risiko abzudecken, in die
Hölle zu kommen.
Diese Logik ist aber
keineswegs zwingend. Stellen wir uns vor, es gibt tatsächlich Gott und der
Gläubige steht vor seinem Richterstuhl. Da könnte Gott zu ihm sagen: „Dein
ganzes Leben lang bist du mir mit deinem Beten und Betteln auf die Nerven
gegangen. Ich habe auch noch ein Privatleben. Die guten Werke, die du getan
hast, hast du nicht getan, um den Menschen zu helfen, sondern um dir einen
Platz im Himmel zu erkaufen. Aber ich bin ein freier Gott, und du kannst mich
durch noch so viele Gebete und gute Taten nicht zwingen, dich in den Himmel
aufzunehmen. Sieh hier diesen Atheisten. Er glaubte nicht an mich, und trotzdem
hat er gute Werke getan. Er hat mich nicht mit seinen Gebeten belästigt. Er hat
nicht seinen Mitmenschen in meinem Namen verkündet, was mein Wille sei und er
hat niemandem moralische Vorschriften gemacht und ihm das Leben vergällt.
Deshalb werde ich ihn im Himmel aufnehmen, dich aber in die Hölle schicken.“
Die Gläubigen sind nicht
die Guten und die Ungläubigen nicht die Bösen. Wenn es Himmel und Hölle gibt
– dann wird man im Himmel vielleicht
mehr Atheisten als Gläubige finden. Und das Amt des Papstes garantiert nicht
einen Platz im Himmel. Wenn es eine göttliche Gerechtigkeit gibt, wird
vielleicht die Hälfte der Päpste in der Hölle sein. Und auch Herr Ratzinger muß um seinen Platz im Himmel bangen. Und selbst wenn ihn
sein Nachfolger heilig sprechen würde, würde das Gott, um in der Logik der
Gläubigen zu bleiben, nicht beeindrucken. Wer heilig ist oder nicht, das entscheidet kein Papst und keine Kirche.
Ich glaube nicht an einen
persönlichen Gott, sondern an das Tao. Dieses hält die Welt im Innenersten
zusammen und gestaltet die Welt – aber nicht nach einem festen Plan oder gemäß
dem „intelligent design“ der Kreationisten, sondern
mit den Mitteln der Darwinschen Evolution. Das Tao ist durch Gebete und Opfer
nicht zu beeinflussen, und Freude und Leid des Menschen sind ihm gleichgültig.
Dem Tao ist es auch gleich, ob man an es glaubt oder nicht. Man kommt aber am
besten durchs Leben, wenn man im Einklang mit ihm handelt. Man kann nichts
erzwingen, und jede Tat hat gleich viel positive wie negative Folgen. Also kann
man im Grunde weder gute noch böse Werke tun, denn gute und schlechte folgen
halten sich immer die Waage und die Summe aller Leiden bleibt konstant. Was gut
und böse ist, das muß die menschliche Gesellschaft
definieren.
Alles was man tut, hat
eine doppelte Wirkung, weil jede Aktion stets eine Gegenreaktion hervorruft.
Die Säkularisierung und die Naturwissenschaft haben nicht nur bewirkt, daß die Leute immer ungläubiger wurden, sondern auch, daß sie immer abergläubischer und fundamentalistischer
wurden. Und der Vormarsch der Gläubigen hat jetzt wieder die Gegenreaktion der
Ungläubigen hervorgerufen, die den Glauben durch Aufklärung in die Schranken
weisen.
Die Grenzen zwischen
Naturwissenschaft und Glauben waren in den westlichen Demokratien im vorigen
Jahrhundert klar gezogen: Hier im Diesseits galt die naturwissenschaftliche
Weltanschauung. Für das Jenseits und das Leben nach dem Tod war die Religion
zuständig. So gab es eine friedliche Koexistenz. Mit dem 11. Sept 2001 sind die islamische Fundamentalisten in diese
Welt des friedlichen Nebeneinanders eingebrochen. Aber schon vorher gewannen in
den USA die christlichen Fundamentalisten immer mehr politischen Einfluß und stellten die Darwinsche Evolutionstheorie in
Frage. Die Religiösen drangen also in die Domäne der Naturwissenschaft ein. Und
folgerichtig schlug die Naturwissenschaft zurück und ging zum Gegenangriff auf
die Religion über.
Aber auch die
Naturwissenschaft schickt sich an, die Grenzen zu verletzten. Das Ewige Leben
ist in den Bereich des Machbaren gerückt – dank Gentechnologie und
Computertechnik. Man wird eines Tages vielleicht den genetischen Bauplan und
die Gehirnstrukturen, aber auch die Erinnerungen eines Menschen speichern und
ihn ein zweites Leben als Computersimulation führen lassen oder ihn sogar
wieder „im Fleische“ auferstehen lassen. Der Mensch kann transhuman
werden.
Und schon heute kann der Mensch, seine Bilder und seine Werke digital
aufzeichnen. Und was einmal digital aufgezeichnet ist, kann unendlich oft
kopiert werden – heute und in Zukunft und in alle Ewigkeit.
Das ist zwar nicht die
Unsterblichkeit, wie sie das Christentum verspricht, aber es ist sehr viel
realistischer.
Warum entschieden sich
die Menschen eine bestimmte Partei zu wählen ?
Der Stimmenanteil
errechnet sich nach folgender Formel:
Prozent der Wählerstimmen
ist (Größe der Versprechen plus Drohungen, falls man sie nicht wählt) * mal
Wahrscheinlichkeit daß diese Versprechungen und
Drohungen jemals in Erfüllung gehen
Warum entscheidet sich
ein Mensch für eine bestimmte Religion (wenn er die freie Wahl hat, was meist
nicht der Fall ist) ß
Genau nach der gleichen
Formel wie für die Wählerstimmen. Dies ist die Erklärung dafür, daß das Christentum eine so große Verbreitung fand: Die
Versprechungen waren unwahrscheinlich hoch (höher geht’s nicht): Glückseligkeit
bis in alle Ewigkeit. Die Drohungen waren ebenso unerreichbar furchtbar: Größte
Leiden bis in alle Ewigkeit. Wenn auch die Wahrscheinlichkeit, daß Versprechungen und Drohungen wahr werden, gering sind,
so wird dies durch ihre phantastische Höhe wieder ausglichen und Otto
Normalverbraucher denkt: Unterm Strich ist es besser, ich wähle das
Christentum.
Der Islam macht exakt
genau die gleichen Versprechen. Allerdings benutzte er noch starke Druckmittel
(Gewalt und finanzielle Nachteile in
Form von Steuern), um die Ungläubigen in Gläubige zu verwandeln.
Über den Wahrheitsgehalt
und die Qualität einer Religion sagt also die Zahl ihrer Anhänger überhaupt
nichts aus.
Da die Humanisten,
Atheisten und Agnostiker keine so phantastische Versprechungen und Drohungen zu
bieten haben (sie sind ja der Wahrheit und der Humanität verpflichtet und die
Gewaltanwendung widerspricht ihrem Ethos), werden sie letztlich gegen Religion
und Aberglaube kaum den endgültigen Sieg erringen können. Aber sie können die
Dominanz der Religion überwinden. Gläubige und Abergläubische sind dabei, zur
Minderheit zu werden – auch wenn sie so viel Aufsehen erregen. Das täuscht. Wir
Skeptiker und Ungläubigen sind die Mehrheit. Und wir sind bereit, Abraham und
seinen grausamen Gott hinter uns zu lassen. Wir fallen nicht mehr auf
Versprechungen und Drohungen herein. Denke Dich frei von der religiösen Partei,
und sie wird keine Macht mehr über dich haben. Die Glaubensprofiteure fordern:
„Unterwirf dich dem Glauben und bereue deine Sünden !“ Aber wir antworten: „Das
hättet ihr gerne. Aber wir haben euch durchschaut. Eure Versprechungen sind
nichts wert und eure Drohungen leer.“