Viermal Antonia (Name geändert)

Text Juni 2001 von Richard Beiderbeck, www.koinae.de  

 

Wir waren durch die Gemäldegalerie gegangen und mir war ganz klar, warum das Mittelalter „das finstere“ genannt wird: Es gab offensichtlich im Mittelalter keine schönen und interessanten Frauen. Die Frauen, die den Malern als Modelle für Engel, Marien usw. gedient haben, sahen durchschnittlich aus, ungebildet, ohne Geist und manchmal direkt blöd – jedenfalls in den Augen eines heutigen Menschen, der im Fernsehen und in den Illustrierten ständig Filmstars und Models sieht.  Dabei ist mir natürlich auch klar, dass mindestens 50 % der Schönheit der heutigen Frauen auf Frisur, Make-up, raffinierte Kleidung, Sport und Gymnastik, einen guten Dentisten und so manches andere zurückzuführen ist, und dass es für viele der Schönheiten es zum Beruf gehört, schön zu sein. Insofern tue ich den mittelalterlichen Frauen unrecht. Ein anderer Faktor ist, dass die heutigen Frauen ihren Verstand und ihre ganze Persönlichkeit meist sehr viel weiter entwickeln können (dank Bildungssystem und Medien) als die Frauen im Mittelalter, und mehr Denktätigkeit bedeutet oft auch mehr Ausstrahlung.

 

Wir kamen also aus der Abteilung „mittelalterliche Gemälde“ und gerieten durch Zufall in eine Sonderausstellung, die gerade eröffnet worden war. Dort sah ich das Bild einer jungen, schönen Frau, die Geist und Erotik besaß. Ich hätte das Bild vielleicht gar nicht weiter beachtet, aber nach der Frustration mit den unvollkommenen Engeln und Marien war das  endlich einmal eine schöne Frau, vielleicht 20 Jahre alt. Das Idealbild einer Frau sogar. „Antonia“ stand darunter. Ein Stück weiter links hing noch mal ein Bild von Antonia. Diesmal war sie schon älter, vielleicht 45 Jahre alt. Die Haare waren grau, das Gesicht nicht mehr jung, aber sie sah immer noch schön, geistreich und lebendig aus. Ein Stück daneben hing ein weiteres Bild von Antonia. Diesmal war Antonia etwa 65 Jahre alt. Die Haare waren grauweiß, die Frisur schlicht. Das Alter und die Erfahrungen hatte deutliche Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Aber sie war immer noch attraktiv und interessant. Aber man sah, dass das Alter allmählich den Sieg über ihre strahlende Erscheinung errang.

Offensichtlich war sie die Muse und die Geliebte des Malers, und die Beziehung muß wohl bis zum Tod des Malers gedauert haben. Er muss sie verehrt, bewundert und geliebt haben. Ob sie jemals seine Socken und Unterhosen gewaschen hat ? Man kann es sich kaum vorstellen. Aber sicher haben sie wunderbare Gespräche geführt und herrliche gemeinsame Erlebnisse und Reisen gehabt. Er muss sie so gemalt haben, wie er sie mit seinen Augen sah: als Ideal und Traumfrau.

Als wir um die Ecke bogen, sagte meine Frau zu mir: „Ich glaube, das ist sie.“ Ja, die Frisur war dieselbe, die gleichen weißen Haare. Man sah sie im Profil, auf den Bildern sah man sie immer von vorn. Der Grund war klar: im Profil sah Antonia nicht so vorteilhaft aus wie von vorn. Aber die kleine Frau, der eine Reporterin des Bayerischen Rundfunks ein Mikrofon hinhielt, musst Antonia sein. Ich vermied es, sie anzugaffen und ging vorbei. Sie war etwa 85 Jahre alt, aber immer noch lebhaft. Für ihr Alter sah sie noch recht gut aus.

 

Mir geht es bei dieser Betrachtung nicht um die Vergänglichkeit der Schönheit. Das ist trivial. Was mich zunächst geistig schockiert hat, war, daß das Abbild, das so fern und weit weg schien, plötzlich als Mensch aus Fleisch und Blut vor mir stand. Es war ein kleines bisschen so, wie wenn plötzlich die Maria, oder ein Engel oder Jesus aus einem Gemälde herausgetreten wäre und als lebende Person vor mir gestanden hätte.

Diese Konfrontation des Idols mit der Wirklichkeit hat wohl jeder schon erlebt, der eine Person, die er oft im Fernsehen gesehen und vielleicht bewundert hat, plötzlich auf der Straße, in der U-Bahn oder im Flugzeug sah. Warum schaut man da so fasziniert und neugierig dahin ? Die eigentliche Sensation ist nicht die prominente Person, sondern das Aufeinandertreffen von Bild und Wirklichkeit. Schaut er wirklich so aus  wie im Fernsehen ? Stimmt das Bild, das wir uns von ihm machen ? Stimmt das Bild überhaupt, das uns das Fernsehen von der Wirklichkeit zeigt ? Ist die Wirklichkeit vielleicht anders ?

 

Das führt zu der Frage: Wer ist die wahre Antonia ? Ist die wahre Antonia  die wunderschöne Zwanzigjährige, so wie sie der verliebte Maler gesehen hat? Oder ist die wirkliche Antonia die weißhaarige Greisin ? Wenn Antonia stirbt, bleiben nur die Bilder von ihr. Sie sind dann die wahre Antonia. Aber sind die Bilder überhaupt Antonia, oder sind sie nur Idealbilder, die nur in etwa so aussehen wie Antonia ? Haben die Bilder vielleicht kaum etwas mit der lebendigen Antonia zu tun ? Ist die wahre Antonia die mit 45 oder die mit zwanzig ? Wenn Antonia in den Himmel kommt, wird sie dann wie die Zwanzigjährige aussehen oder wie die Sechzigjährige ? Oder wird sie vielleicht ihr Aussehen wählen können und vielleicht sogar nach Geschmack verändern ?

 

Vielleicht ist die wahre Antonia ein Prozess, ein Lebensprozess, ein Entwicklungsprozess. Eine Aufeinanderfolge von Zuständen, von denen einer aus dem anderen hervorgeht. Die Identität eines Menschen ist nicht sein materieller Körper allein. Die Atome, die den Körper aufbauen, werden ständig ausgetauscht und durch neue ersetzt. Was bleibt, ist der Bauplan dieses Körpers. Der Körper wird ständig abgebaut und gleichzeitig neu aufgebaut. Der Körper macht ständig eine Kopie von sich selbst. Aber jede Kopie ist etwas fehlerhafter als die vorangehende. Es ist auch kein reiner Kopierprozess, vor allem, solange der Mensch noch nicht erwachsen ist, sondern es ist ein Verwandlungsprozess. Zunächst dominiert der Aufbau, dann überwiegt der allmähliche Verschleiß, der Aufbau von Fettpolstern, die Verkalkung, die Austrocknung und die Degeneration des Körpers.

 

Der Mensch identifiziert sich stark mit seinen Erinnerungen. Das, was er erlebt und getan hat, das ist er; das fällt ihm ein, wenn er an sich selbst denkt. Diese Erinnerungen sorgen dafür, dass er sich quasi immer selbst wiedererkennt, obwohl sich sein Äußeres oft stark verändert. Die Erinnerungen sorgen dafür, dass er das Gefühl hat, eigentlich von Anfang an immer der gleiche gewesen zu sein. Das stimmt auch insofern, als er immer derjenige ist, aus dessen Blickpunkt alles erlebt wird.

 

Der Mensch ist aber auch die Summe der Bilder und Eindrücke, die er bei anderen Menschen oder in den Medien hinterlassen hat. Der Mensch ist auch die Summe aller Taten und Veränderungen, die er während seines Lebens in der Welt bewirkt hat.

 

Um es zusammenzufassen: Der Mensch ist also:

1.     Sein materieller Körper im Wandel der Zeit

2.     Der Bauplan seines Körpers (wie er in den Genen niedergelegt ist)

3.     Seine Erlebnisse, Empfindungen und Gedanken, wie sie in seinen Erinnerungen niedergelegt sind

4.     Die Summe aller Taten, Werke, Wirkungen und Spuren, die er in der realen Welt, aber auch im Gedächtnis der Menschen und in Fotos, Bildern Filmen, Tondokumenten usw. hinterlassen hat.

 

Wenn man eines Tages die Menschen klonen kann, dann wird es möglich sein, aus einem alten Menschenkörper ein verjüngtes Abbild herzustellen. Auch wenn dieses Abbild körperlich völlig identisch sein wird, wird dies nicht der gleiche Mensch sein. Denn dieses neu Ausgabe eines alten Menschen wird ganz andere Erinnerungen, Erfahrungen und Prägungen durch seine Umwelt haben als das alte Original. Um einen wirklich identischen Menschen herzustellen, müsste man nicht nur das Erbgut, sondern auch die Erinnerungen in den neuen Menschen pflanzen. Aber auch dann wäre dieser neue Mensch nicht mit dem alten Original identisch. Denn, wie uns die vierfache Antonia lehrt, ist der Mensch zwar in jedem Lebensalter mit sich selbst identisch, aber er sieht schon sehr verschieden aus und wäre sich vielleicht sogar selbst fremd, wenn z.B. der 90-jährige Mensch mit seinem 20-jährigen Ebenbild konfrontiert würde.