Viermal Antonia (Name geändert)
Wir waren durch die Gemäldegalerie gegangen und mir war ganz klar, warum das Mittelalter „das finstere“ genannt wird: Es gab offensichtlich im Mittelalter keine schönen und interessanten Frauen. Die Frauen, die den Malern als Modelle für Engel, Marien usw. gedient haben, sahen durchschnittlich aus, ungebildet, ohne Geist und manchmal direkt blöd – jedenfalls in den Augen eines heutigen Menschen, der im Fernsehen und in den Illustrierten ständig Filmstars und Models sieht. Dabei ist mir natürlich auch klar, dass mindestens 50 % der Schönheit der heutigen Frauen auf Frisur, Make-up, raffinierte Kleidung, Sport und Gymnastik, einen guten Dentisten und so manches andere zurückzuführen ist, und dass es für viele der Schönheiten es zum Beruf gehört, schön zu sein. Insofern tue ich den mittelalterlichen Frauen unrecht. Ein anderer Faktor ist, dass die heutigen Frauen ihren Verstand und ihre ganze Persönlichkeit meist sehr viel weiter entwickeln können (dank Bildungssystem und Medien) als die Frauen im Mittelalter, und mehr Denktätigkeit bedeutet oft auch mehr Ausstrahlung.
Wir kamen also aus der
Abteilung „mittelalterliche Gemälde“ und gerieten durch Zufall in eine
Sonderausstellung, die gerade eröffnet worden war. Dort sah ich das Bild einer
jungen, schönen Frau, die Geist und Erotik besaß. Ich hätte das Bild vielleicht
gar nicht weiter beachtet, aber nach der Frustration mit den unvollkommenen
Engeln und Marien war das endlich einmal
eine schöne Frau, vielleicht 20 Jahre alt. Das Idealbild einer Frau sogar.
„Antonia“ stand darunter. Ein Stück weiter links hing noch mal ein Bild von
Antonia. Diesmal war sie schon älter, vielleicht 45 Jahre alt. Die Haare waren
grau, das Gesicht nicht mehr jung, aber sie sah immer noch schön, geistreich
und lebendig aus. Ein Stück daneben hing ein weiteres Bild von Antonia. Diesmal
war Antonia etwa 65 Jahre alt. Die Haare waren grauweiß, die Frisur schlicht. Das Alter und die Erfahrungen hatte
deutliche Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Aber sie war immer noch
attraktiv und interessant. Aber man sah, dass das Alter allmählich den Sieg
über ihre strahlende Erscheinung errang.
Offensichtlich war sie die
Muse und die Geliebte des Malers, und die Beziehung muß
wohl bis zum Tod des Malers gedauert haben. Er muss sie verehrt, bewundert und
geliebt haben. Ob sie jemals seine Socken und Unterhosen gewaschen hat ? Man kann es sich kaum vorstellen. Aber sicher haben
sie wunderbare Gespräche geführt und herrliche gemeinsame Erlebnisse und Reisen
gehabt. Er muss sie so gemalt haben, wie er sie mit seinen Augen sah: als Ideal
und Traumfrau.
Als wir um die Ecke bogen,
sagte meine Frau zu mir: „Ich glaube, das ist sie.“ Ja, die Frisur war
dieselbe, die gleichen weißen Haare. Man sah sie im Profil, auf den Bildern sah
man sie immer von vorn. Der Grund war klar: im Profil sah Antonia nicht so
vorteilhaft aus wie von vorn. Aber die kleine Frau, der eine Reporterin des
Bayerischen Rundfunks ein Mikrofon hinhielt, musst
Antonia sein. Ich vermied es, sie anzugaffen und ging vorbei. Sie war etwa 85
Jahre alt, aber immer noch lebhaft. Für ihr Alter sah sie noch recht gut aus.
Mir geht es bei dieser
Betrachtung nicht um die Vergänglichkeit der Schönheit. Das ist trivial. Was
mich zunächst geistig schockiert hat, war, daß das
Abbild, das so fern und weit weg schien, plötzlich als Mensch aus Fleisch und
Blut vor mir stand. Es war ein kleines bisschen so, wie wenn plötzlich die
Maria, oder ein Engel oder Jesus aus einem Gemälde herausgetreten wäre und als
lebende Person vor mir gestanden hätte.
Diese Konfrontation des
Idols mit der Wirklichkeit hat wohl jeder schon erlebt, der eine Person, die er
oft im Fernsehen gesehen und vielleicht bewundert hat, plötzlich auf der
Straße, in der U-Bahn oder im Flugzeug sah. Warum schaut man da so fasziniert
und neugierig dahin ? Die eigentliche Sensation ist
nicht die prominente Person, sondern das Aufeinandertreffen von Bild und
Wirklichkeit. Schaut er wirklich so aus
wie im Fernsehen ? Stimmt das Bild, das wir uns
von ihm machen ? Stimmt das Bild überhaupt, das uns
das Fernsehen von der Wirklichkeit zeigt ? Ist die
Wirklichkeit vielleicht anders ?
Das führt zu der Frage: Wer
ist die wahre Antonia ? Ist die wahre Antonia die wunderschöne Zwanzigjährige, so wie sie
der verliebte Maler gesehen hat? Oder ist die wirkliche Antonia die weißhaarige
Greisin ? Wenn Antonia stirbt, bleiben nur die Bilder
von ihr. Sie sind dann die wahre Antonia. Aber sind die Bilder überhaupt
Antonia, oder sind sie nur Idealbilder, die nur in etwa so aussehen wie Antonia ? Haben die Bilder vielleicht kaum etwas mit der
lebendigen Antonia zu tun ? Ist die wahre Antonia die
mit 45 oder die mit zwanzig ? Wenn Antonia in den
Himmel kommt, wird sie dann wie die Zwanzigjährige aussehen oder wie die Sechzigjährige ? Oder wird sie vielleicht ihr Aussehen
wählen können und vielleicht sogar nach Geschmack verändern ?
Vielleicht ist die wahre
Antonia ein Prozess, ein Lebensprozess, ein Entwicklungsprozess. Eine
Aufeinanderfolge von Zuständen, von denen einer aus dem anderen hervorgeht. Die
Identität eines Menschen ist nicht sein materieller Körper allein. Die Atome,
die den Körper aufbauen, werden ständig ausgetauscht und durch neue ersetzt.
Was bleibt, ist der Bauplan dieses Körpers. Der Körper wird ständig abgebaut
und gleichzeitig neu aufgebaut. Der Körper macht ständig eine Kopie von sich
selbst. Aber jede Kopie ist etwas fehlerhafter als die vorangehende. Es ist
auch kein reiner Kopierprozess, vor allem, solange der Mensch noch nicht
erwachsen ist, sondern es ist ein Verwandlungsprozess. Zunächst dominiert der
Aufbau, dann überwiegt der allmähliche Verschleiß, der
Aufbau von Fettpolstern, die Verkalkung, die Austrocknung und die Degeneration
des Körpers.
Der Mensch identifiziert
sich stark mit seinen Erinnerungen. Das, was er erlebt und getan hat, das ist
er; das fällt ihm ein, wenn er an sich selbst denkt. Diese Erinnerungen sorgen
dafür, dass er sich quasi immer selbst wiedererkennt, obwohl sich sein Äußeres
oft stark verändert. Die Erinnerungen sorgen dafür, dass er das Gefühl hat,
eigentlich von Anfang an immer der gleiche gewesen zu sein. Das stimmt auch
insofern, als er immer derjenige ist, aus dessen Blickpunkt alles erlebt wird.
Der Mensch ist aber auch die
Summe der Bilder und Eindrücke, die er bei anderen Menschen oder in den Medien
hinterlassen hat. Der Mensch ist auch die Summe aller Taten und Veränderungen,
die er während seines Lebens in der Welt bewirkt hat.
Um es zusammenzufassen: Der
Mensch ist also:
1.
Sein materieller Körper im Wandel
der Zeit
2.
Der Bauplan seines Körpers
(wie er in den Genen niedergelegt ist)
3.
Seine Erlebnisse,
Empfindungen und Gedanken, wie sie in seinen Erinnerungen niedergelegt sind
4.
Die Summe aller Taten,
Werke, Wirkungen und Spuren, die er in der realen Welt, aber auch im Gedächtnis
der Menschen und in Fotos, Bildern Filmen, Tondokumenten usw. hinterlassen hat.
Wenn man eines Tages die
Menschen klonen kann, dann wird es möglich sein, aus einem alten Menschenkörper
ein verjüngtes Abbild herzustellen. Auch wenn dieses Abbild körperlich völlig
identisch sein wird, wird dies nicht der gleiche Mensch sein. Denn dieses neu Ausgabe eines alten Menschen wird ganz andere
Erinnerungen, Erfahrungen und Prägungen durch seine Umwelt haben als das alte
Original. Um einen wirklich identischen Menschen herzustellen, müsste man nicht
nur das Erbgut, sondern auch die Erinnerungen in den neuen Menschen pflanzen.
Aber auch dann wäre dieser neue Mensch nicht mit dem alten Original identisch.
Denn, wie uns die vierfache Antonia lehrt, ist der Mensch zwar in jedem
Lebensalter mit sich selbst identisch, aber er sieht schon sehr verschieden aus
und wäre sich vielleicht sogar selbst fremd, wenn z.B. der 90-jährige Mensch
mit seinem 20-jährigen Ebenbild konfrontiert würde.