Der
Mensch hat nie gerne gearbeitet. Stets war sein Bemühen, sich die Arbeit
leichter und einfacher zu machen oder sie ganz auf andere abzuwälzen. Er ersann
Werkzeuge, er zähmte Tiere und er unternahm Raubzüge und Kriege, um Sklaven zu
erbeuten. Und heute strebt er danach, Reichtümer zu erwerben, um andere
bezahlen zu können, die für ihn arbeiten.
Wenn
die Arbeit also etwas so Unangenehmes ist, warum beklagt man dann, daß es so viele Arbeitslose gibt ?
Hat man die Maschinen, die automatischen Fabriken und die Computer nicht
gebaut, damit der Mensch in den paradiesischen Urzustand der Arbeitslosigkeit
zurückkehren kann ? Und jetzt, da immer mehr Menschen
arbeitslos sind, spricht man auf einmal von einer schweren Krise.
Daß es so viele Arbeitslose gibt, ist die
natürliche Folge einer Reihe von Entwicklungen, die von der Politik, der
Industrie, der Wissenschaft und dem größten Teil unserer Gesellschaft bewußt vorangetrieben wurden und die erwünscht waren:
Computerisierung, Globalisierung und Berufstätigkeit der Frauen. Alles Dinge, denen sich nur Minderheiten widersetzen wollen,
und die letztlich auch unvermeidlich sind.
Jede
Frau, die einen Beruf lernt oder studiert, will natürlich auch einen
Arbeitsplatz, und zwar einen, der ihren Fähigkeiten und ihrer Ausbildung
adäquat ist. Das erzeugt eine starke Nachfrage nach Arbeitsplätzen.
Die
Globalisierung des Kapitals (leider nicht der Politik) läuft darauf hinaus, daß die Sklaverei indirekt wieder eingeführt wird. Die
Menschen in den Billiglohnländer haben nur die Wahl,
sich als Lohnsklaven zu verkaufen oder zu hungern. Globalisierung bedeutet, daß der deutsche Facharbeiter unter Umständen mit einem
Lohnsklaven an einer Maschine konkurriert, die irgendwo ihn Asien steht.
Mit
Hilfe der Maschinen und Computer wird weit mehr produziert als man verkaufen
kann. Das Problem ist nicht, die Güter zu produzieren, sondern sie zu
verkaufen. Und das Problem ist, die Rohstoffe und die Energie dafür zu besorgen
und die Umwelt durch die Produktion nicht zu verseuchen.
Wenn
man das alles in Betracht zieht, erscheint es als logisch, daß
wir weniger produzieren, weniger konsumieren, weniger verschwenden müssen.
Dann müssen wir auch weniger arbeiten. Sehr viel weniger arbeiten. Vielleicht
20 Stunden in der Woche. Ich bin dafür.
In
zwanzig bis dreißig Jahren wir die Produktion der Industriegüter und die
Verwaltungsarbeit bei Banken, Versicherungen und Behörden in den Händen von
Computern liegen. Die Menschen in den reichen Ländern bzw. in den gehoben
Schichten werden nicht mehr arbeiten, aber sie werden einer Tätigkeit
nachgehen. Das hat es schon immer gegeben; eine "leisure
class" gibt es in jeder Gesellschaft. Aber es
ist zu hoffen, daß diesmal ein weit
größere Zahl von Menschen das Privileg eines Einkommens ohne Plackerei
und Mühe wird genießen können und je nach Wunsch ihren Vergnügungen oder einer
anregenden und ehrenvollen Tätigkeit nachgehen kann.
Aber
was wird mit den Menschen in den armen Ländern und in den unteren sozialen
Schichten geschehen ? Was werden diejenigen tun, die
nicht gebraucht werden, weil die Computer und Automaten alle Arbeit erledigen ?
Diejenigen also, die nichts gelernt haben und die bestenfalls alimentiert
werden, damit sie gerade noch Überleben können ? Werden sie mit ihrem Los
zufrieden sein, oder werden sie einen Krieg gegen die Reichen und Saturierten beginnen ? Vielleicht hat dieser Krieg schon begonnen.
Wird
die Welt in zwei Hälften zerfallen: Hier die hochstehenden Industrieländer, die
sich durch Mauern und Kontrollen gegen den Rest der Welt abschotten und dort
eben jener barbarische Rest ? Also hier die glanzvolle
und geordnete High-Tech-Welt des Konsums und dort die Welt der Hoffnungslosen,
in denen Bürgerkriege und Seuchen verhindern, daß man
diese Länder überhaupt noch besuchen kann, so wie man in manchen Metropolen
bestimmte Stadtviertel unbedingt meiden soll. Werden diese verschiedenen Welten
auf Dauer nebeneinander bestehen können ? Die reiche
Welt wird sich gegen die arme Welt abschotten und alles und jeden nicht nur an
den Grenzen, sondern überall kontrollieren - von der panischen Angst getrieben,
daß ins Land geschmuggelte Massenvernichtungswaffen
eine ganze Großstadt auslöschen könnten oder daß ein
Sabotageakt eines der lebensnotwendigen Netze, die Verkehr, Strom oder Information
verteilen, lahm legen könnte. Wird diese Kontrolle aller Bürger nicht die
Bürgerrechte massiv aushöhlen ? Das ist zu befürchten.
Wird die Demokratie dann noch Bestand haben ?
So,
wie ein erheblicher Teil unserer Computerkapazitäten mit der Suche nach Viren
und Würmern beschäftigt ist, so wird in Zukunft ein erheblicher Teil unserer
Ressourcen für die Abwehr von Terroristen und Verrückten eingesetzt werden.
Denn die moderne Industriegesellschaft ist sehr verletzlich. Das wird uns noch
eine Menge Arbeit und Sorgen bereiten. Und einige Leute werden daran sehr reich
werden.
Eine
andere Gefahr droht uns noch: Es sind die Computer selbst. Sie werden immer
intelligenter, und wir werden von ihnen immer abhängiger. Aber die Menschheit
wird deshalb nie und nimmer auf die Computer verzichten. Das wird schon die
gegenseitige Konkurrenz der Nationen und Wirtschaftsunternehmen verhindern. Zu
groß sind auch die Verheißungen, die uns die Computer machen: Ein Leben ohne
Mühsal und im Überfluß, in Sicherheit und Wohlstand.
Wer würde da schon "Nein" sagen ?
Und
was ist, wenn die Computer eines Tages die Macht übernehmen ?
Die Fortschritts-Optimisten hoffen, daß die Computer
die Menschen dann gut behandeln werden. Immerhin haben wir sie ja erschaffen.
Sie sind unsere "mind children",
um einen Buchtitel von Hans Moravec zu zitieren. Aber
Kinder sind oft undankbar gegenüber ihren Eltern. Vielleicht wird es sich
erweisen, daß Computer auch nur Menschen sind.