Die
Bundeskanzlerin der Schweiz
Von Richard
Beiderbeck, www.koinae.de
Wissen Sie, wer Bundeskanzler der
Schweiz ist ? Nein, es ist nicht Thomas Borer-Fielding, obwohl er eine Zeit
lang wohl der bekannteste offizielle Repräsentant der Schweiz war.
Der Bundeskanzler der Schweiz heißt
Casanova und ist eine Frau: Corina Casanova.
Als Bundesdeutscher kommt man da
doch ins Grübeln. Da gibt es mitten in Europa einen Staat, dessen
Bundeskanzlerin niemand kennt und von der niemand Notiz nimmt. Möglicherweise
weiß noch nicht einmal die deutsche Bundeskanzlerin den Namen ihrer Schweizer
Kollegin.
Obwohl niemand den Namen der
Schweizer Bundeskanzlerin kennt, wird die Schweiz gut regiert. Vielleicht sogar
besser als die meisten anderen Staaten der Welt.
Ist es nicht so: Je bekannter der Name eines
Staatsoberhauptes ist, umso schlechter geht es den Bewohnern des von ihm
regierten Landes. Wenn man eine weltweite Umfrage machen würde, wer die
berühmtesten Staatsoberhäupter aller Zeiten sind, dann würde man vermutlich zur
Antwort erhalten: Hitler und Stalin. Was meine These untermauert.
Nun werden einige Kenner der
politischen Verhältnisse in der Schweiz
mich darauf aufmerksam machen, daß die Schweizer Bundeskanzlerin Corina
Casanova überhaupt nicht regiert. Aber darauf antworte ich: Eben deswegen geht
es den Schweizern so gut, weil ihre Bundeskanzlerin nicht regiert, ja, mehr
noch: nach außen hin nicht groß in
Erscheinung tritt. Und mancher Deutsche denkt sich dabei insgeheim: „Wenn das
unsere Bundeskanzlerin nur auch täte !“
Wenn wir weiter in die Schweizer
Politik eindringen, bemerken wir, daß auch niemand den Namen des Schweizer
Außenministers kennt. Sie ist übrigens auch eine Frau und heißt Micheline
Calmy-Rey. Man fragt sich: „Macht die Schweiz überhaupt Außenpolitik ?“
Jedenfalls macht sie viel weniger Außenpolitik als die USA. Da mag so manches
Opfer amerikanischer Außenpolitik denken: „Wie schön könnte die Welt sein, wenn
die USA nur so viel Außernpolitik machen würde wie die Schweiz!“
Die Schweizer Bundeskanzlerin ist
Mitglied der Christdemokratischen Volkspartei. Die Schweizer Außenministerin
ist Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. Das kommt uns Deutschen ja
bekannt vor. Aber der Innenminister ist bei der FDP und der
Verteidigungsminister ist Mitglied der Schweizerischen Volkspartei, die so
etwas ähnliches ist wie die Partei des Jörg Haider und seiner Diadochen. Die
Schweizer Regierung hat sieben Minister (in der Schweiz heißen sie Bundesräte),
und in diesem siebenköpfigen Kabinett sind fünf Parteien vertreten. Also eine
ganz große Koalition – und das schon seit vielen Jahren. Sie regiert die
Schweiz effizient und geräuschlos.
Nach dem Namen des Schweizer
Bundespräsidenten traue ich mich schon gar nicht mehr zu fragen. Auch er ist
hier in Deutschland völlig unbekannt. Er heißt Hans-Rudolf Merz und
gleichzeitig Finanzminister. Er ist unter den sieben Bundesräten ein „primus
inter pares“ und leitet die Kabinettssitzungen. Aber weder er noch die
Bundeskanzlerin können Minister ernennen oder entlassen. Jeder Minister kann
innerhalb seines Ressorts schalten und walten, ohne daß es da einen gibt, der
die „Richtlinien der Politik“ bestimmt.
Der Bundespräsident der Schweiz ist
übrigens nicht das Staatsoberhaupt. Die Schweiz hat ein Kollektiv als
Staatsoberhaupt. Es sind die sieben Bundesräte.
Was lernen wir daraus ? Man kann
auch auf ganz andere Weise demokratische Politik machen. Vielleicht sogar
besser als wir hier in Deutschland.
Als letztes bleibt noch die Frage:
„Was macht die Bundeskanzlerin der Schweiz - wenn sie doch gar nicht regiert?
Antwort: Sie arbeitet.
Das Schweizer Bundeskanzleramt ist
gleichzeitig das Schweizer Bundespräsidialamt und hat mehr Ähnlichkeit mit dem
deutschen Bundespräsidialamt als mit dem deutschen Bundeskanzleramt. Die
Schweizer Bundeskanzlerin ist die Leiterin eines Büros mit 250 Mitarbeitern,
welche der Schweizer Regierung zuarbeitet. Mehr nicht.
Nach wie vor sind die USA für uns
Deutsche in vielen Dingen das große Vorbild. Warum nur ? Vielleicht, weil dieser
Staat so groß und mächtig ist. Aber vielleicht sollten wir uns andere Vorbilder
suchen, die nicht so groß und mächtig sind, dafür aber solide und gut regiert.
Frau Reneate Tschirren aus der
Schweiz schrieb mir zu diesem Artikel (und ich danke Ihr für dafür herzlich):
Sehr geehrter Herr Beiderbeck,
in Ihrem Artikel Die Bundeskanzlerin der Schweiz vom 01.04.2009
stellen Sie die Frage, warum sich Deutschland anstatt die USA als
Vorbild zu betrachten kein Beispiel an der Schweiz nimmt. Wahrscheinlich
sehen auch Sie einen Grund darin, daß bei einer Änderung in Richtung des
schweizer Systems Macht abgegeben werden müsste, und das ist doch ganz
und gar nicht im Sinne unserer Volksvertreter. Diese sind ja oftmals
nicht einmal bereit, berechtigte Fragen der Bürger zu beantworten und
verstecken sich hinter Schweigen oder Drumherumgerede. Als Angestellte
des Volkes - so sehe ich die deutschen Politiker - müssten sie Rede und
Antwort stehen. Ich bin auch Schweizerin und der Meinung, daß
Deutschland sehr, sehr viel von der Schweiz lernen könnte. Mein
Mitspracherecht als deutsche Bürgerin steht in keinem Verhältnis zu
meinem Mitspracherecht als schweizer Bürgerin, daß ich sogar von
Deutschland aus wahrnehmen kann und auch wahrnehme.
Mit freundlichen Grüßen
Renate Tschirren