Do ut des – Das religiöse Elementar-Mem

Von Richard Beiderbeck, eMail: beiderbeck@aol.com

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„Do ut des“ (ich gebe, damit du gibst) ist ein religiösen Elementar-Mem. Der Mensch sah sich einem Dämon oder einer Gottheit gegenüber, die überlegene Macht besaß. Und der Mensch fragte sich: „Wie kann ich diese Gottheit dazu bewegen, daß sie mir gnädig ist, daß sie mich verschont und meine Wünsche erfüllt ?“ Die Antwort war klar: Durch ein Opfer. Man musste etwas opfern, das einem lieb und teuer war, im Extremfall sogar einen Menschen, im allgemeinen Tiere oder Feldfrüchte. Damit das Opfer besonders wirksam ist, so ein weiteres religiöses Mem, muß das Opfer von jemanden vollzogen werden, der der Gottheit besonders nahe steht: Ein Schamane oder ein Priester. Damit kam der Religionsbetrieb erst richtig in Schwung. Die Opfergaben wurden nur zum Teil verbrannt oder im Tempel aufgestellt. Einen anderer Teil ging an die Priester und diente zu ihrem Lebensunterhalt und mehrte ihren Reichtum. Ein Priester ist jemand, der das Privileg hat, zu opfern; er ist jemand, dem die Opfergaben übergeben werden. Störend wurde von einigen Priestern die Konkurrenz anderer Priester und Gottheiten empfunden. Deshalb verkündeten sie: „Es gibt nur einen Gott. Der hat das Monopol. Alle Opfergaben sind bei uns abzuliefern. Alle andern Tempel sind zu schließen und zu zerstören“. So entstand der Monotheismus.

 

Im Christentum gibt es keine Tieropfer mehr. Alle Opfer sind in Jesus Christus erfüllt. Jesus Christus ist das Lamm Gottes. Jesus Christus ist der Sündenbock, auf dem alle Schuld der Menschheit abgeladen wurde. Bleibt aber die Frage: Wer wurde wem geopfert ? Jesus ist als Teil der heiligen Dreifaltigkeit mit Gott identisch. Gott hat sich also Gott geopfert. Aber was für einen Sinn soll das ergeben ? Einen gewissen Sinn macht es nur, wenn Jesus nicht Gott, sondern nur der „Sohn Gottes“ ist, was heißt, daß er Gott besonders nahe steht – aber ein Mensch ist. Dann tut sich aber wieder eine neue Frage auf: Christus hat sich also selbst geopfert. Das heißt aber, daß Jesus überzeugt war, daß Gott ein solches Opfer wollte. Ich glaube, Gott wollte dieses Opfer nicht.

Jesus wurde geopfert. Aber in einem ganz weltlichen Sinn. Jesus wurde von der judäischen Staatsführung den Römern geopfert, um einen möglichen Aufstand der Juden im Keim zu ersticken  und eine Strafexpedition der römischen Legionen zu vermeiden. Die Römer hätten jeden Aufstand mit brutaler Gewalt niedergeschlagen.

Jesus war durchdrungen von der Idee, daß er das Nahen des Reiches Gottes verkünden müsse. Das tat er bis zur letzten Konsequenz. Er hat sich für seine Botschaft (das Mem: „Das Reich Gottes ist nahe !“) geopfert – nicht aber für Gott.

 

Doch zurück zum religiösen Opfer im allgemeinen. Ein weiteres religiöses Mem ist, daß die Gottheit auf die Opfer angewiesen ist, ungefähr so, wie ein Vampir, der ständig neues Blut braucht, um am Leben zu bleiben. Der Priester hat also eine Macht über die Gottheit: Er kann ihr das Opfer verweigern. Manche Götter haben anscheinend auch ein nur schwach ausgeprägtes Selbstbewusstsein, denn sie benötigen ständig Lobeshymnen und Preisungen ihrer Herrlichkeit. Die Gläubigen und die Priester opfern also nicht nur materielle Dinge, sondern auch Zeit und Mühe: Religiöse Gesänge, Gebete und Verkündungen der Herrlichkeit und des Willens der Gottheit. Und was haben die Priester und Gläubigen davon ? Sie können die Gottheit manipulieren und für ihre Zwecke dienstbar  machen – nach dem Motto: „Wenn Du unsere Gebete (Wünsche) nicht erfüllst, dann gibt es Liebes- und Opferentzug !“

Hier ist es zur Magie nur ein kleiner Schritt. Der Magier glaubt, daß er durch bestimmte Zeremonien, symbolische Handlungen oder Zaubersprüche die Gottheit (oder den Teufel – für den Schwarzmagier ist das egal, Hauptsache seine Wünsche werden erfüllt) manipulieren kann. Damit wären wir bei dem Pakt des Faust mit dem Mephisto, der diesem seine Seele opferte. Magie fressen Seele auf.

 

Doch zurück zu den normalen Gläubigen, die einen Rosenkranz beten und eine Kerze opfern. Auch sie versuchen natürlich Gott zu beeinflussen: „Do ut des.“

 

Andere wiederum meinen, daß man durch Gebete und Meditationen nicht Gott beeinflusst, sondern sich selbst, bzw. sein eigenes Unterbewusstsein. Dort soll auch die Kraft liegen, die die Erfüllung der Wünsche möglich macht. Diese Kraft im Innern der menschlichen Seele soll mit der großen kosmischen Kraft in Verbindung stehen, und wenn viele Menschen das Gleiche beten bzw. meditieren (z. B. den Frieden), dann wird die Kraft, die alles beseelt, den Frieden auch bringen. Aber auf diese Idee hätte die kosmische Kraft vielleicht auch ohne die Gebete und Meditationen der Gläubigen kommen können. Oder sind es vielleicht die Menschen selbst, die den Krieg machen, und sollte man vielleicht die Menschen beeinflussen ? Da gibt es aber wirksamere Methoden als Gebete und Meditationen, z. B. Geld und gute Worte. Oder Polizei, Gericht und Gefängnis für die Kriegsverbrecher.

 

Zurück zu „Do ut des“. Dieses religiöse Mem geht davon aus, daß es a) eine Gottheit gibt und b) die Gottheit manipulierbar ist. Mir erscheint es als absurd, daß Gott vom Menschen manipuliert werden kann. Wenn es einen allmächtigen und allwissenden Gott gibt, dann wird er sicher auch wissen, warum er die Dinge so und nicht anders macht. Da wird er sich bestimmt nicht von Menschen dreinreden lassen, sondern er wird sagen: „Behaltet eure Bestechungsmittel. Ich bin nicht zu beeinflussen. Schon gar nicht von euch.“ Irgendwie scheinen das die gläubigen Beter auch zu ahnen, deswegen wenden sie sich oft nicht an Gott selbst, sondern schicken die Heiligen, oder Maria oder Jesus vor. Von ihnen wird sich Gott vielleicht eher beeinflussen lassen. Allerdings braucht man zu den Heiligen gute Beziehungen, denn, wie schon im alten Byzanz, gilt: Ohne Beziehungen geht gar nichts. Ein bisschen Bestechung kann auch nichts schaden. Ja, der alte Orient lebt. Nicht nur bei den frommen Betern, sondern erst recht bei den Satanisten. Auch die opfern fleißig. Wie man hört, nicht nur Kaninchen. Sie denken wohl: Gott ist vielleicht unbestechlich - der Satan aber sicher nicht. So hat alles seine absurde Logik.