Mein ersten Flugblatt

Von Richard Beiderbeck, http://www.koinae.de/       

 

Ich verfasste 1983 als Landtagskandidat der Grünen ein Flugblatt, mit dem ich die Freisinger Bürger beglückte. Ich zitierte darin den Erzbischof von Wien, Kardinal König: "Wir sitzen auf einem Pulverfaß. Jeder Narr, jeder Verbrecher kann es zünden. Wir reden von Sicherheit und meinen unsere Sicherheit. Wir reden von Abrüstung und meinen die Abrüstung der anderen."

In diesem Flugblatt legte ich schon die Grundzüge meiner Vorstellungen zum Frieden dar. Ich schrieb: Die Friedensbewegung muß unparteiisch über den militärischen Blöcken stehen. Wir müßen unsere Regierungen drängen, auf alle Nachrüstungsprogramme zu verzichten und ihre Armeen in reine Verteidigungsarmeen umgestalten. Wir müßen den Menschen im Ostblock glaubhaft beweisen, daß die Feindbilder, die die KPdSU von uns "westlichen Imperialisten" entwirft, genauso falsch sind wie das Bild von den "kommunistischen Aggressoren", die bei uns die CSU verbreitet. Es muß zu einer wirklichen, kontrollierten Abrüstung kommen. Dazu müssen die Regierungen eine internationale Kontrollinstanz anerkennen und ihr erlauben, im eigenen Land alles zu beobachten. Ein weiterer Schritt würde darin bestehen, daß alle Regierungen auf den Besitz und die Anwendung von Massenvernichtungswaffen verzichten. Konventionelle Waffen dürfen nur soweit erlaubt sein, wie es die innere Sicherheit erforderlich macht. Das Monopol für militärische Gewalt darf nur an eine übergeordnete, internationale Instanz haben. Innerhalb der Bundesrepublik z.B. garantiert der Staat als übergeordnete Instanz den Frieden der Bürger untereinander. Er hat das polizeiliche Gewaltmonopol und hat allein das Recht, bei Gesetzesübertretungen Gewalt anzuwenden. Der Bürger darf aber nicht jedermann mit einem geladenen Revolver bedrohen. Genau das tun aber die "zivilisierten" Staaten - nicht mit Revolvers, sondern mit Atomraketen. Weltpolitik wie im Wildwestfilm. Kein Wunder, daß der ehemalige Hollywood-Schauspieler und heutige Präsident Reagan in seinem Element ist.

Ein großes Problem ist noch, diese übergeordnete Instanz daran zu hindern, ihre Macht zu mißbrauchen. Dieses Problem kann gelöst werden, wenn wir statt den Waffen die Demokratie weiterentwickeln. 

Die Politiker der einzelnen Staaten werden von sich aus niemals auf die Möglichkeit der militärischen Gewaltanwendung verzichten und sich einer übergeordneten Instanz unterwerfen. Deshalb sind sie auch unfähig, jemals einen sicheren Frieden zu schaffen. Die Völker selbst müßen sich, über alle Staatsgrenzen und Ideologien hinweg, zusammentun in dem gemeinsamen Ziel, Frieden zu schaffen. Das ist unsere letzte Chance.

Statt uns die Schrecken einer russischen Herrschaft über die Bundesrepublik sollten wir uns lieber die Schrecken eines Atomkrieges auf deutschem Boden ausmalen. Viele sagen: "Wenn die Bomben fallen, bin ich sowieso gleich tot und merke nichts davon." Das ist ein Trugschluß. Sofort tot sind nur die Menschen, die sich im näheren Umkreis der Explosion befinden. Sogar in Hiroshima haben Menschen überlebt. Die Überlebenden in Freising werden die Toten in München beneiden. Die Überlebenden werden in einer radioaktiv verseuchten Welt qualvoll dahinsiechen (und zwar ohne Arzt und Schmerzmittel) und an Krebs und allen Arten von Krankheiten, an Hunger und Verzweifelung sterben.

Wenn Deutschland von den Russen "kassiert" wird, besteht immer noch die Hoffnung, daß das sowjetische Unrechts-System eines Tages durch eine Revolution beseitigt wird. Wenn Deutschland aber zur radioaktiven Wüste wird, dann ist dies endgültig und ohne jede Hoffnung. Selbst wenn wir alle in einem sowjetischen KZ sitzen würden, würde es immer noch das Land Bayern mit seinen Landschaften, Menschen und Kunstschätzen geben. Aber nach einem Atomkrieg würde es garnichts mehr geben. Deshalb riskiere ich es lieber, meine Freiheit zu verlieren, als ich es riskiere, daß unser Land und unser Volk vernichtet wird.

In Deutschland dürfen keine Massenvernichtungswaffen stationiert sein. Zur Zeit gibt es in Deutschland 6 000 Atomsprengköpfe, von Giftgas und bakteriologischen Waffen ganz abgesehen. Durch die neu zu stationierenden US-Raketen wird sich die UdSSR tödlich bedroht fühlen. Im Kriegsfall wird es ihr vordringlichstes Ziel sein, diese Waffen mit massiven Atomschlägen zu zerstören. Statt uns zu schützen, sind die Atomwaffen der eigentliche Grund, daß uns die atomare Vernichtung droht. "Denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen." Das ist ein Bibelspruch, der einer Partei, die sich christlich nennet, zu denken geben müßte. Die Atomwaffen sind der einzige Grund, den Rußland haben könnte, die BRD in eine atomare Wüste zu verwandeln. Den was für einen Sinn hätte es für die Sowjets, ein atomar verseuchtes Deutschland zu erobern?

Deshalb wollen wir, daß der NATO-Doppelbeschluß zurückgenommen wird. Es muß eine atomwaffenfreie Zone von Polen bis Portugal entstehen. Ein Austritt aus der NATO ist nicht unmöglich. Als neutrale Bundesrepublik wären wir sicher davor, zum atomaren Schießplatz der Supermächte zu werden.

Soweit mein erstes Flugblatt.