Eure Gebete sind nutzlos

Ein Manifest der Vernunft

Kontakt: Richard Beiderbeck   Email: webmaster@koinae.de     Webseite:  www.koinae.de

 

Hört ihr Weltverbesserer und mit Schuldgefühlen Beladene:

Wenn man alle Folgen einbezieht, dann kann niemand durch Worte und Taten bewirken, dass es weniger Leid und mehr Glück im Universum gibt, denn die Summe aller Freuden und Leiden bleibt, global betrachtet, immer gleich.

 

Kein Gandhi und kein Albert Schweitzer hat die Welt  als Ganzes besser gemacht, und kein Hitler und kein Stalin hat die Welt als Ganzes schlechter gemacht. Es gibt keine Schuld und kein Verdienst des Menschen, und keiner wird von Gott weder im Diesseits noch im Jenseits für seine guten und schlechten Taten belohnt bzw. bestraft. Gott ist gegenüber seinen Geschöpfen gleichmütig. Daß Gott gnädig und voll Erbarmen ist, entspringt dem Wunschdenken der Gläubigen, das durch jede Tragödie täglich aufs Neue widerlegt wird. Liebe macht blind; der Glaube auch, denn beide sind miteinander verwandt. Habt ihr schon einmal gehört, wie ein junges Mädchen von Jesus geschwärmt hat ? Ihre Liebe und ihre Gefühle müssen irgendwo hin – da warf sie sie auf Jesus, den idealen Mann. „Jesus erwidert meine Liebe“, sagt sie, Jesus liebt auch dich.“ Das ist alles wunderbar – aber leider ist es nicht wahr. Jesus kann Dich nicht lieben, denn er ist seit fast 2000 Jahren tot.

 

Alles, was der Mensch tut, hat nicht nur gute, sondern auch schlechte Folgen, und beides hält sich auf ewig die Waage. Du rettest ein Kind vor dem Hungertod, aber es nimmt anderen Menschen die Nahrung und Ressourcen weg oder tötet gar einen anderen. Eine schöne Frau stirbt in jungen Jahren, aber sie hätte vielleicht einen Sohn geboren, der viele Menschen unglücklich gemacht hätte.

 

Hört ihr gläubigen Beter:

Ja, es gibt einen Gott. Aber er ist durch Gebete, Opfer und Lobgesänge, durch Wallfahrten und Wohlverhalten, durch Gelübde und gute Taten, durch magische Rituale und magische Worte nicht zu beeinflussen. All Eure Versuche, Gott zu manipulieren, ihn für Eure Zwecke nutzbar zu machen, sind sinnlos und ohne Erfolg. Gott ist auch keine Person, zu der man irgendeine persönliche Beziehung aufbauen kann. Eure Bettelei, eurer Egoismus, der auf Belohnung hofft, Eure Furcht vor der Bestrafung – all dies ist ohne realen Grund, denn das Göttliche, das Tao, entzieht sich jedem Kontakt, jeder Beschreibung und jeder Beeinflussung. Das Tao ist weder gut noch böse, oder alles in einem.

 

Als die Menschen begannen, zu beten und Gott durch laute Lobgesänge zu preisen, hallte der Himmel schon bald von diesem Lärm wieder. Gott erwachte aus seinem Mittagschlaf und rief: „So eine Unverschämtheit ! Wer stört hier die himmlische Ruhe ?“ Und nach einer kleinen Denkpause fügte er hinzu: „Was wollen diese Leute eigentlich ? Soll ich in den göttlichen Plan eingreifen, um ihn nach ihren Wünschen zu ändern ? Soll ich für sie Wunder vollbringen und meine eigenen Naturgesetze aufheben ?“

 

Er rief den Erzengel Michael zu sich und sagte: „Ich verfüge hiermit, dass Gottesbelästiger ab sofort lebenslang in die Unterwelt verbannt werden.“ Und als Sofortmaßnahme leitete Gott den Lärm der Gebete und Lobgesänge in die Hölle um.

 

Bald schon erfüllte der Lärm der Beter die gesamte Unterwelt und der Teufel rief: „Das ist ja hier die Hölle ! Er rief den obersten Bau-Teufel zu sich und beauftragte ihn: „Bau in meinen Palast Lärmschutzfenster ein ! Mir ist es überaus lästig, dass man zu mir betet.“

 

Dann griff der Teufel zum roten Telefon und rief bei Gott an: „Die Umleitung der Gebete und Lobpreisungen in meinen idyllischen Ort war ein überaus unfreundlicher Akt. Ich möchte hiermit in aller Form protestieren.“

 

Gott antwortete: „Leider muß ich Dir mitteilen, dass ich soeben verfügt habe, dass alle Beter und Lobhudeler lebenslang in Dein Reich verbannt werden. Außerdem habe ich ihnen als Verschärfung der Strafe das ewige Leben geschenkt.“

 

Von da an herrschte zwischen Gott und dem Teufel eine erbitterte Feindschaft.

 

Nachdem im Himmel wieder himmlische Ruhe herrschte, wurde es Gott langweilig und er sagte zum diensthabenden Engel: „Bring mir doch ein paar Atheisten. Ich möchte mit ihnen darüber diskutieren, ob es mich wirklich gibt“. Und Gott amüsierte sich bei dieser Diskussion so köstlich, dass er beschloss, nur noch Atheisten, Agnostiker, Marxisten, Sozialisten und Anhänger der Lehre von Laotse in den Himmel aufzunehmen. „Die lassen mich wenigstens in Ruhe !“ begründete er diesen Schritt.

 

Auch der Teufel hatte in seinem schalldichten Palast schon bald Langeweile, und er sagte dem diensthabenden Teufel: „Bring mir doch ein paar Päpste. Wir werden uns ein paar romantische Liebesfilme anschauen und anschließend über das Zöllibat diskutieren.“

 

Und der Teufel amüsierte sich köstlich und verfügte, dass er von nun an immer ein paar Päpste um sich haben wollte.

 

 

Gott schreibt keine Heiligen Bücher und sendet keine Botschaften

Wenn jemand sagt, er glaube daran, dass die Worte Gottes in einem heiligen Buch niedergelegt seien, dann sei Dir bewusst, dass hier jemand  versucht, Dich zum Narren und zum gehorsamen Diener zu machen. Sei Dir bewusst, dass dies ein Angriff auf Deine Freiheit, Deine Würde, Deinen inneren Frieden und nicht zuletzt auf Deinen Geldbeutel ist. Vor Dir steht entweder ein naiver Mensch, der es noch nicht geschafft hat, erwachsen zu werden, oder aber er ist ein gerissener Religionsprofiteur, der seinen Machtwillen und seinen Egoismus geschickt vor sich und anderen verbirgt. Er versucht nämlich, sich auf Gott berufend, Dir Vorschriften zu machen, was Du tun sollst, er will sich in Dein intimes Leben einzumischen und Dir die Lebensfreude durch Drohungen mit der Strafe Gottes zu rauben.

 

Er wird auch einen süßen Köder auswerfen und sagen, dass Gott Wunder vollbringt und Deine Gebete erhört, wenn Du nur fest an ihn glaubst und seine Gebote hältst. Aber es geht ihm nicht um Deinen Nutzen, sondern um seinen eigenen. Die Religion ist für ihn eine Möglichkeit, zu Ansehen und Respekt zu kommen und eine gehobene soziale Position einzunehmen. Seine Religion gestattet ihm, immer recht zu haben und selbst Menschen, die älter und wissender sind als er, zurechtzuweisen und ihnen zu sagen, was sie tun sollen. Er meint, die ganze Welt zu verstehen, weil er in einem heiligen Buch gelesen hat. Aber wenn du nur einen Hammer hast, ist alles für dich ein Nagel.

 

Diese selbst ernannten Verkünder des Göttlichen Willens glauben zu wissen, was Gott denkt und will. Sie erzählen Geschichten von Wundern und von Heiligen und können womöglich Bibel oder Koran auswendig hersagen. Aber ihr Wissen ist ein Pseudowissen, das nichts über die Wahrheit aussagt, sondern nur ein Stück Literatur ist, eine Erfindung, ein Märchen. Sie wissen nichts über Gott und das Jenseits, weil beides für Menschen unerforschbar ist. Ihre Garanten der Wahrheit, ihre Propheten sind schon lange tot. Moses, Jesus und Mohammed haben kein einziges selbst geschriebenes Wort  hinterlassen. Alles, was sie sagten und taten, wurde erst später aufgezeichnet und noch später zu heiligen Büchern zusammengefasst– oft von Menschen, die sie  gar nicht mehr persönlich kannten. Auch Paulus hat Jesus nie persönlich gesehen. Auf der  Straße nach Damaskus hatte er eine Vision, auf deutsch: einen Traum. Und Träume oder durch Hunger, Schlagentzug und religiöse Hysterie ausgelöste Halluzinationen waren es auch, in welchen Gott oder ein Engel den großen Religionsstiftern und Propheten erschien. Sie hielten sich auserwählt, im Auftrag Gottes zu handeln, aber sie litten nur an einer Psychose.

 

Die Transsubstantiation

 

Gott sprach zu Jesus: „Du hast so dunkle Ringe unter den Augen und Du bist so blass. Geht es Dir nicht gut ?“

 

„Nein“ sagte Jesus, „es ist er Transsubstantiations-Stress !“Beim Heiligen Abendmahl sprechen die Priester folgende Formel, während sie die Oblaten in meinen Leib und den Wein in  mein Blut verwandeln: ‚Nehmet, esset, dies ist mein Leib, der für Euch gebrochen wird. Nehmet, trinket, dies ist mein Blut, das für Euch vergossen wird.’ Und mit Hilfe dieses Hokuspokus („Hoc est corpus meus – dies ist mein Leib“) muß ich dann erscheinen und mich in Wein und Oblaten verwandeln.“

 

Gott sagte: „Also so ähnlich wie der Geist, der erscheint, wenn Aladin seine Wunderlampe reibt.“

Jesus sagte: „Ja, genauso !“

 

Gott sagte: „Und anschließend wirst Du in einem rituellen Kannibalenmahl verspeist.“

 

Exakt !“, sagte Jesus.

 

Und Gott sprach zu Jesus: „Jetzt leg Dich erst mal für drei Tage ins Bett und erhole Dich.“

 

Nach drei Tagen wecke Gott Jesus auf und sagte zu ihm:

„Ich habe über die Sache nachgedacht und habe folgenden Beschlüsse gefasst:

 

Jeder, der sich anmaßt, in meinem Namen magische Handlungen zu vollbringen, oder zu behaupten, in meinem Namen zu sprechen oder meinen Willen zu vollziehen, wird mit Höllenqualen nicht unter zwei Minuten, maximal aber fünf Minuten bestraft. Ebenso jeder, der mich als grausamen Sadisten darstellt, indem er behauptet, ich würde die Sünder auf ewig im Höllenfeuer schmoren lassen.“

 

Und er fügte leicht verärgert hinzu: „Ich verstehe nicht, wie Du Dich als gläubiger Jude  für diese heidnischen Zauberei hast einspannen lassen.“.

 

Jesus hat tatsächlich gelebt, aber er ist schon lange tot, weil er nur ein sterblicher Mensch war.  

 

Obwohl es keine brauchbaren außerchristliche Beweise dafür gibt, dass Jesus wirklich gelebt hat, und obwohl der Bericht des Flavius Josephus in den entscheidenden Sätzen gefälscht wurde, kann man davon ausgehen, dass Jesus tatsächlich eine historische Person war. Er war nicht  nur eine literarische Metapher für die Liebe Gottes ist und wurde tatsächlich gekreuzigt. Die schlechte Nachricht für Christen ist: Jesus ist tot – gleichgültig ob er am Kreuz gestorben ist oder die Kreuzigung als Scheintoter überlebt hat, denn auch Scheintote sterben früher oder später einmal. Jesus ist nicht in den Himmel hinaufgefahren, er sitzt nicht zu rechten Hand Gottes und er ist nicht die Fleischwerdung Gottes. Er war  nur ein sterblicher Mensch, der von den jüdischen Autoritäten den Römern übergeben wurde, weil zu fürchten war, er würde einen Volksaufstand auslösen. Ein solcher Volksaufstand fand dann tatsächlich einige Jahrzehnte später statt und führte zu der Zerstörung von Jerusalem, zur Auflösung israelitischen Staates und zur Vertreibung der Juden.  

 

Man muß nicht, wie Nietzsche, Gott für tot erklären. Das führt zu nichts, denn die Existenz Gottes kann weder bewiesen noch widerlegt werden. Auf diesem Schlachtfeld der geistigen Auseinandersetzung kann niemand den Sieg davontragen. Niemand kann beweisen, dass Gott tot ist, und instinktiv sträubt sich jeder Mensch dagegen, zu glauben, dass diese Welt keinen Schöpfer, Gestalter und Erhalter haben soll.

 

Der wunde Punkt jeder Religion sind nicht ihre Götter, sondern ihre Verkünder. Dass Jesus ist tot, das ist leicht nachzuvollziehen, weil alle Menschen bis heute sterblich sind. In einer fernen Zukunft kann sich das ändern. Aber bisher ist noch jeder Mensch gestorben. Deshalb ist die Aussage, dass Jesus gestorben ist, eigentlich eine unbezweifelbare Selbstverständlichkeit.

 

Seine Anhänger haben Jesus zu einem Gottkönig erklärt (nach dem Vorbild des ägyptischen Pharao oder des römischen Kaisers). Das war in der Antike und im Orient so üblich, und auch die Chinesen hielten ihren Kaiser für ein göttliches Wesen.

 

Alle gläubigen Juden, Christen und Moslems (unter diesen besonders die Schiiten) hoffen darauf, dass möglichst bald das Reich Gottes, also ein von einem Messias, einem Gottkönig regierter Gottesstaat kommen wird. Das wäre das Ende der Demokratie und des freien Menschseins. Es gäbe keine natürlich denkenden und fühlenden Menschen mehr, sondern nur noch gläubige Diener Gottes und seiner menschlichen Stellvertreter. Das ist ganz weit weg von dem, was das Wesen unserer griechisch-abendländische Kultur ausmacht. Unsere Zivilisation ist durch den Widerstand und durch die Überwindung der altorientalischen Religionen und Despotien entstanden. Gewiß, die Fundamente der Zivilisation wurden im Orient gelegt. Aber erst dadurch, dass wir die alten Lehren in Frage stellten und zu neuen Ufern aufbrachen, ist das Morgenland entstanden.

 

Die alten Griechen haben es abgelehnt, vor dem persischen Großkönig die Proskynese zu machen, das sich Niederwerfen in den Staub vor dem Antlitz des mächtigen Herrschers.  Die Proskynese lebt noch in der Priesterweihe fort, wo sich der werdende Priester vor dem Altar auf den Bauch legt, und auch das Niederwerfen der Moslems vor ihrem Gott und das in die Knie Gehen der Katholiken ist die Proskynese in symbolischer Form. Aber Gott ist kein Großkönig und der Mensch ist kein Untertan, auch nicht der Untertan Gottes und seiner irdischen Stellvertreter. Die sind es nämlich, welche diese Unterwerfung fordern. Daß Gott diese Unterwerfung fordert, das kann niemand beweisen, denn die heiligen Texte sind keine Beweise, sondern nur Menschenwort.

 

Gott hat den Menschen erschaffen so, wie er ist, und der Mensch handelt nach der ihm eingegebenen Gesetzmäßigkeit. Wir kennen den Plan und die Gesetzmäßigkeit nicht, aber es steht zu vermuten, dass der Plan nicht darin besteht, die Menschen glücklich zu machen. Das hätten wir nämlich in langen Verlauf der menschlichen Geschichte schon gemerkt . Der Plan muß ein anderer sein, und mir scheint es, der Plan ist: immer komplexere biologische, soziale und technische Gebilde zu schaffen. Der Mensch hat dabei eine wichtige Aufgabe. Aber eines Tages wird er nicht mehr gebraucht werden. Aber jetzt wird er noch gebraucht, damit das, was nach ihm kommt, entstehen kann.

 

Die Religion ist nicht in der Lage, den Menschen eine einheitliche und allgemeinverbindliche Antwort zu geben, wie er sich verhalten soll und wie er seine Gesellschaft und seine Politik ordnen soll. Es stimmt nicht, dass die religiösen Normen unveränderlich und für alle Zeiten gültig sind. Jede lebendige Religion reagiert auf den Zeitenwandel, ja sogar den Zeitgeist;  die Religion der Mehrheit passt sich an die veränderten Umstände an, aber die fundamentalistischen Minderheiten sind noch konservativer als die althergebrachte Religion. So ist der christliche und islamische Fundamentalismus eine trotzige Reaktion gegen die Dominanz des westlichen, aufgeklärten Denkens. Aber kann dieses in den alten Orient zurückgewandte Denken brauchbare Verhaltensnormen für den heutigen Menschen bieten ? Können Normen und Haltungen heute noch verbindlich sein, die auf die patriarchalischen und kriegerischen Traditionen von räuberischen Nomadenvölkern, wie sie die Israeliten und Araber waren, als die Fundamente ihrer Religion gelegt wurden, noch Maßstab für eine urbane, auf Zusammenarbeit und friedliches Zusammenleben angewiesene Gesellschaft sein ?

 

Die Christen werden mir nun entgegenhalten, dass Jesus Nächstenliebe und Vergebung gepredigt hat. Das ist richtig, denn Jesus lebte in einer Zeit, welche von der hellenistischen Kultur geprägt war. Und noch mehr gilt dieses Verwurzeltsein in der römisch-griechischen Zivilisation für den Apostel Paulus, welcher der eigentliche Begründer des Christentums war. Aber der Kern der christlichen Aussage ist, dass die Herrschaft Gottes unmittelbar bevorsteht. Insofern muß man sagen, dass die christlichen Fundamentalisten vom Typ der Zeugen Jehovas den wahren Gehalt der Botschaft Jesu richtig interpretieren. Aber die Kalamität ist, dass schon Jesus und Paulus vergeblich hofften, dass das Reich Gottes noch zu ihren Lebzeiten kommen würde. Und Jesus Christus konnte es auch nicht durch sein Selbstopfer herbeizwingen. Eine Religion, die in ihrer Kernaussage davon ausgeht, dass schon in naher Zukunft die Welt vernichtet wird und dass nur die Auserwählten Gottes überleben und herrschen werden, kann doch nicht im Ernst erwarten, dass ihre moralischen Maßstäbe für eine auf Dauer und Nachhaltigkeit angelegte Politik verbindlich sein können !

 

Die Botschaft Christi war nämlich: Kümmert Euch nicht um das Morgen, den morgen wird die Welt untergehen. Verschenkt eure Besitztümer und tut gute Werke, damit ihr zu den Auserwählten gehört ! Kann das Grundlage einer Moral sein ? Viele Mensche werden nämlich aus dieser Situation des baldigen Weltuntergangs den Schluß ziehen, dass es klüger ist zu saufen und zu huren, sein Geld zu verschleudern und die Gesetze zu übertreten. Wenn morgen die Welt untergeht, ist eine lebenslängliche Haftstrafe keine Drohung mehr und Disziplin, Ordnung und Moral sind dahin. Mohammed hat diesen Glauben an das Gericht Gottes, den Weltuntergang und die Belohnung der Gläubigen im Himmel übernommen, und besonders die Schiiten haben ihn kultiviert, denn dieser Glaube stammt ja aus dem persischen, von Zarathustra und Mani geprägten Kulturkreis. Jeder Selbstmordattentäter glaubt daran, schon gleich nach seinem Attentat ins Paradies zu kommen. Der Fundamentalismus ist kein Irrläufer der jüdisch-christlichen Lehre vom Weltuntergang und der Auserwähltheit der Gläubigen, sondern er ist die Essenz und der Kern dieser Religion.

 

Wenn Dir also jemand sagt, für ihn seien die christlichen oder islamischen Grundwerte verbindlich, so betrachte ihn als einen Feind der Menschheit und der Menschlichkeit. Sie sind nicht die Guten, wie sie selbst glauben, und die Almosen und die Wohltaten, welche diese Religionen dem Volk darbringen, werden nicht ohne den Hintergedanken verteilt, die Menschen für die Verkünder der Religion einzunehmen und sie als Wohltäter des Volkes dastehen zu lassen. Aber Glaubensgemeinschaften sind keine Sozialkassen und keine staatlichen Institutionen, die einzig die Aufgabe haben, den Menschen zu helfen, sondern sie sind geistige Kampforganisationen, denen das Soziale nur als Mittel dazu dient, neue Anhänger zu rekrutieren.

 

Wenn Dir jemand sagt, dass die Religion Kunst und Kultur in unvergleichlichem Maße gefördert hätten, so glaube ihm nicht ! Die Religion hat die Kunst immer behindert und gegängelt – bis hin zur Bilderstürmerei. Gewiß, die Kirche gab viele Kunstwerke in Auftrag, aber die Künstler durften sich nicht entfalten und lieferten oft nur Mittelmaß oder noch schlechteres ab. In der Zeit von der Französischen Revolution bis 1914 sind hundertmal mehr qualitativ hochstehende Kunstwerke erschaffen worden als im ganzen Mittelalter, als die Kirche den Kunstmarkt dominierte.

 

Du wirst jetzt vielleicht sagen: Wenn der Wille Gottes und seine Gebote für das menschliche Verhalten unerforschlich sind, und wenn jede Handlung Gutes und Böses gleichzeitig bewirkt, wie können wir dann überhaupt sagen, was gut und böse ist und was verbindliche Norm für uns sein soll ? Wird uns da nicht der Boden unter den Füßen weggezogen und wir verharren in Ratlosigkeit? Die Antwort ist: was gut und was böse ist, darüber entscheiden der Nutzen und das Glück der gesamten Menschheit. Die Menschen können nicht tolerieren, dass jemand andere Menschen ermordet, verwundet oder beraubt. Also müssen Mord, Körperverletzung und Raub verboten sein. Um das zu erkennen, dazu braucht es keine religiöse Autorität, und auch zur Begründung und Durchsetzung der Gebote, die den Menschen schützen, braucht es keinen Propheten und Schrifttafeln, die Gott den Menschen angeblich gegeben hat.

 

Ist nicht schon das erste und wichtigste der Zehn Gebote entlarvend: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben !“?Hier zeigt sich doch schon, worum es den religiösen Gesetzgebern wirklich geht: Um ihre Interessen (die Sicherung Ihrer Monopolstellung).

 

Die Begründung jeder Moral und aller Rechtsnormen ist der Nutzen, die Sicherheit und das Glück der möglichst großen Zahl von Menschen. Schlimmer noch, die Religionen und die Ideologien und ihre Führer haben oft genug gegen diese Normen verstoßen, weil sie behaupteten, dass ihre religiösen oder ideologischen Gesetze und Aufträge über den Interessen der Menschen stehen. Aber die Basis jeder Rechtsnorm muß der Mensch sein – aber nicht als Individuum, sondern als eine große Gemeinschaft, die ein ganzes Volk oder besser noch, die gesamte Menschheit umfasst.

 

Der Mensch als Einzelperson ist schwach, kriminell, töricht und unreif. Aber das Kollektiv, die große Vielzahl unterschiedlich denkender und handelnder Menschen ist voll Weisheit und Intelligenz. Das Kollektiv ist nicht die dumpfe Masse, zu der sie der einzelne Diktator machen will (und was ihm leider oft genug gelingt), sondern es ist eine Gemeinschaft, in der die Meinungen widerstreiten und in der man um die rechte Entscheidung ringt. Ein solches Kollektiv ist klüger als das klügste seiner Mitglieder.