Das universelle Handy

Von Richard Beiderbeck, www.koinae.de     

 

Heute ist der 3. Oktober 2007. Schemenhaft, aber immer klarer, taucht vor meinem inneren Auge aus dem Nebel der Zukunft etwas auf. Es ist ein kleiner Apparat, eine Art Handy. Aber was für ein Handy ! Es kann alles und es ist alles: universelles Kommunikationsmittel, Fotoapparat, Videokamera, Tonbandgerät, Plattenspieler, Positionierungssystem, Notizbuch, Internet-Computer, Spielzeug, Brieftasche, Kreditkarte, Personalausweis, Fernsehapparat, Radio, Gesprächspartner, allwissender Berater, Übersetzer, Notrufsäule, Notarzt, Polizist, Spion, Blackbox, die alles registriert, was ich sage und tue und der ganzen Welt verrät, wo ich mich gerade aufhalte, Versicherungskarte, Krankenkarte, Hausschlüssel, Autoschlüssel, überhaupt universeller Türöffner, Fahrkarte für alle Verkehrsmittel usw.

 

Ein wesentlicher Teil der Eigenschaften des Handys, die ich gerade genannt habe, sind heute schon Wirklichkeit. Der Rest ist in den Bereich des Denkbaren gerückt. Aber vieles ist davon tabu und absolut nicht wünschenswert – aus der Sicht der meisten Menschen. „Überwachungsstaat ? Nein, danke !“ Wird die überwiegende Mehrheit sagen, denn sie ist fest davon überzeugt, daß alles was auf eine Überwachung hinausläuft, ein Werk des Teufels ist und nur zu ihrer Versklavung und Unterwerfung unter die grausame Herrschaft eines „Big Brother“ dienen kann. Aber wo so viel Schatten ist, muß doch auch viel Licht sein !

 

Dieses Licht besteht darin, daß dieses universell Handy das Leben viel einfacher und sicherer machen wird. Nicht der Große Bruder wird uns alle überwachen, sondern jeder wird jeden überwachen, insbesondere wird das Volk die „Großen Brüder“ überwachen. Denn auch sie müssen dieses universelles Handy tragen und ihr Leben vor der Öffentlichkeit bloßlegen. Dann wird herauskommen, wo sie ihre geheimen Einkünfte her haben und wo sie ihr Schwarzgeld verstecken. Ihre geheimen Laster und ihre geheime Verschwendungssucht werden vor den Augen der Armen und Unterprivilegierten liegen. All die Betrügereien, die Bestechungen, die unlauteren Geschäfte, der Handel mit Drogen, Menschen und Waffen: all das wird offen vor den Augen der Welt liegen. Das Informationszeitalter ist da – aber anders, als sich das mancher Betrüger, Erpresser, Mafioso, Rauschgifthändler und mancher korrupte Beamte oder Politiker vorgestellt hat. Nicht die Herrschaft des Großen Bruders wird kommen, sondern die Herrschaft der vielen Millionen kleinen Brüder und Schwestern: Die Omnikratie, die Herrschaft aller über alle.

 

Ich schaue nicht gerne Krimis. Ich mag keine Verbrechen und keine Brutalität. Aber wenn ich Krimis schaue, dann fällt mir auf, wie der Kommissar lange im Dunkeln tappt und wie mühsam er herausfinden muß, wer wann wo was gemacht hat. Die Zeugen haben zwar jemand gesehen, aber sie können ihn nicht richtig beschreiben. Für die Dramaturgie des Krimis mag das ja nötig sein. Aber ist es in der Realität wirklich nötig ? In der Zukunft müssen diese mühsamen Versuche der Detektive, den Täter zu identifizieren und zu lokalisieren einfach lächerlich erscheinen. Dann mit Hilfe des Universal-Handys, das jeder bei sich zu trägt, und anhand der Spuren, die er im kollektiven Computernetz hinterlassen hat, kann jederzeit nachvollzogen werden, wer sich wann wo aufgehalten hat und wie er mit Menschen oder Computern interagiert hat.

 

Wenn jemand in sein Auto steigt, dann wird das Auto wissen, wer eingestiegen ist, und die Straße wird wissen, wer auf ihr fährt. Und wenn es die Straße weiß, dann weiß es der ganze Planet. Wenn jemand ein Gebäude betritt, dann wird das Gebäude wissen, wer es wann betreten hat, und das Gebäude wird wissen, wer sich alles gerade in ihm ist. Und wenn es das Gebäude weiß, weiß es der ganze Planet.

 

Wenn die Mutter wissen will, wo sich ihr Kind gerade aufhält, dann wird sie ihr universelles Handy nehmen und es befragen: „Handy, Handy in der Hand, wo ist meine Tochter in diesem Land ?“ Und auf dem Display des mütterlichen Handys wird eine Landkarte mit einem Fähnchen erscheinen. Und die Mutter wird sagen: „Aha, schon wieder steckt sie bei diesem netten Onkel.“ Und die Mutter wird ihr Handy fragen: „Was ist das für einer ?“ Und das Handy wird das einschlägige Vorstrafenregister herunterbeten, und die Mutter wird zu ihrem Handy sagen: „Verbinde mich mit dem meiner Tochter am nächsten Polizeirevier !“ Und das Polizeirevier wird sofort einige in unmittelbarer Nähe der Tochter befindliche Bürger bitten, auf das Mädchen zu achten bis die Polizei eintrifft. So wird das Kollektiv seine schützende Hand über das Mädchen halten.

 

Wenn ein Mord passiert ist, wird der Kommissar sein Handy nehmen, auf der Karte den Tatort heranzoomen, die Tatzeit eingeben und es wird eine Liste von Personen erscheinen, die zur Tatzeit am Tatort waren. Die Krimis werden dadurch langweiliger werden, aber die Welt sicherer.

 

Wenn die USA wieder ein Land wie den Irak besetzen, werden sie jeden entwaffnen und ihm stattdessen ein universelles Handy zu verpassen. Die dazu erforderliche Infrastruktur wird ein Satellit im Weltraum und ein Rechenzentrum sein.

 

Vorbei werden die Zeiten sein, in denen man unschuldige Zivilisten bombardierte. Man wird genau wissen, war oder was unter den Dächern eines Landes ist. Man wird die Mohnfelder sehen, man wird sehen, wer den Mohn erntet und wo er hingebracht wird. Man wird sehen, wo die Drogenlabors sind und man wird wissen, wie die Chemiker und die Drogenbosse heißen.

 

Man wird sehen, wer Waffen besitzt und man wird sehen, in welchen Schlupfwinkeln die Terroristen hausen.

 

Man wird keine „Kollateralschäden“ mehr haben, und man wird keine Kriege gegen die Zivilbevölkerung mehr führen müssen. Man wird nicht mehr grobe, exzessive Gewalt anwenden müssen, um gegen jemand Krieg zu führen. Man wird wissen, wer die Rädelsführer sind, man wird sie mit gezielter Gewalt bekämpfen, und diese Gewalt wird schonend und human sein. Je punktueller und treffsicherer die Gewalt eingesetzt wird, umso weniger von ihr ist erforderlich. Nicht Truppenmassen werden sich mit großindustriellen Tötungsmaschinen bekämpfen, sondern das Kollektiv wird gegen einzelne, verbrecherische Individuen kämpfen. Man wird nicht töten, sondern betäuben, nicht stechen und schießen, sondern nur schubsen und Handschellen anlegen. Nicht Armeen werden kämpfen, sondern kleine, mobile Einsatzgruppen. Armeen können Länder erobern, aber sie können sie auf die Dauer nicht halten. Der verwundbare Punkt jeder Hierarchie ist der an der Spitze. So wird das Kollektiv über die Hierarchien siegen.

 

Mit dem universellen Handy wird der Geldbeutel, die Kreditkarte, der Personalausweis, der Haustürschlüssel und der Briefkasten verschwinden. Wir werden in einen Supermarkt gehen, den Korb voller Waren zur Tür hinausschieben und die Tür wird wissen, was wir gekauft haben. Die Tür wird auch wissen, wer wir sind, und sie wird den Rechnungsbetrag von unserem Konto abbuchen. Niemals werden wir die Kassiererin an der Kasse nerven, weil wir so lange nach den passenden Münzen kramen. Niemals mehr wird unser Geldbeutel aus den Nähten platzen, weil alles 2,99 oder 3,99 oder 15,99 Euro kostet und uns die Kassiererinnen immer mehr Centstücke herausgeben, als wir zurückgeben.

 

Wir werden niemals mehr nach verlorenen Schlüsseln suchen oder in der peinlichen Situation sein, daß der Schlüssel im Haus oder im Auto sind und wir nicht rein können. Denn das Haus und das Auto werden uns erkennen und uns bereitwillig öffnen.

 

Wenn es uns schlecht geht, wird das Handy das merken und gegebenenfalls den Notarztwagen rufen, wenn wir bewusstlos umkippen. Oder, wenn’s nicht so schlimm ist, wird uns das Handy nach unseren Symptomen befragen und unsere Körperfunktionen messen, um dann eine erste Diagnose zu stellen.

 

Wenn wir in einer fremden Stadt unterwegs sind, wird uns das Handy sagen, wo das nächste Restaurant, die nächste Tankstelle oder die nächste Sehenswürdigkeit ist. Wenn wir jung und ledig sind, und jemand kennenlernen wollen, dann wird uns das Handy helfen: wenn uns ein anderer Mensch, den wir nicht kennen, besonders gut gefällt, wird uns unser Handy etwas über ihn erzählen.

 

Und wo sind die Schattenseiten bei so viel Licht ? Vielleicht nicht da, wo man sie erwartet. Nicht der Staat, und der Big Brother werden lästig sein, sondern all die anderen Mitmenschen, die viel mehr Einblick in unser Privatleben haben werden. Es wird fast so sein wie früher auf dem Dorf, wo jeder die großen und kleinen Geheimnisse der Nachbarn kannte oder sie erfahren konnte, wenn sie ihn interessierten. Es wird nicht mehr die Anonymität der Großstadt geben, sondern der Gruppenzwang zum konformen Verhalten wird größer sein. Das Kollektiv wird stärker über das Individuum wachen, und das Individuum wird viele weniger Freiräume haben, wenn es darum geht, wider die sozialen oder gesetzlichen Normen zu verstoßen. Aber das heißt nicht, daß man generell weniger Freiräume und Möglichkeiten haben wird. Es werden sich neue Freuräume und Möglichkeiten auftun – aber sie werden konform mit den Interessen der überwiegenden Mehrheit sein.

 

Man wird z. B. nicht mehr die Freiheit haben, die Geschwindigkeitsbegrenzungen im Straßenverkehr permanent um 10 oder 20 % zu überschreiten – wie das die meisten von uns tun. Das intelligente Auto wird das entweder gar nicht zulassen oder die den Verstoß sofort an die Polizei melden – drahtlos per Internet, und das Bußgeld wird sofort vom Konto abgebucht.

Wenn man aber bedenkt, daß dem Straßenbauamt, das die Geschwindigkeitsbegrenzungen festgelegt hat, seinerseits schon davon ausgeht, daß die Leute immer etwas zu schnell fahren und deshalb die Geschwindigkeitsbegrenzungen schon prophylaktisch zu tief angesetzt hat, wird man in der Realität genauso schnell fahren wie heute. Oder das intelligente Auto wird je nach Können des Fahrers die Geschwindigkeitsbegrenzung etwas modifizieren. Für manchen sind 50 km/h schon zu schnell, und ein anderer kann noch mit 60 km/h fahren.

 

Und das intelligente Auto wird sich weigern, loszufahren, wenn wir einen getrunken haben.

 

Schwierig werden die Zeiten natürlich die gewohnheitsmäßigen Ehebrecher und Seitenspringer, denn die Ehefrau wird ihnen schnell auf die Schliche kommen. Aber das muß nicht nur von Nachteil für die Betroffenen sein. Die Gesellschaft muß dann eben neu überdenken, wo die Untreue beginnt und wie weit die Freiräume in einer Beziehung sein dürfen.

 

Schwer wird es auch für attraktive Frauen und Männer sein, die zum Objekt der Wünsche des anderen Geschlechts werden. Jedermann kann ganz leicht feststellen, wie die schöne Unbekannte heißt, die einem begegnet, und die Schöne wird einer verstärkten Anmache ausgesetzt sein. Aber da wird man schon eine Lösung finden.

 

Alles in allem glaube ich aber, daß das Individuum durch eine festere Einbindung in das Kollektiv mehr an Lebensqualität, Wohlstand und Sicherheit gewinnen als verlieren wird, denn es wird eine Welt mit weniger Verbrechen und Kriegen sein. Die Menschheit als Kollektiv wird die gefährlichen und schädlichen Verhaltensweisen einzelner Individuen stärker im Griff haben – und davon werden alle profitieren.

 

Letztlich muß dieses Konzept des universellen Handys dazu führen, daß jeder Mensch auf dieser Welt ein solches Handy hat und daß niemand davon ausgeschlossen werden darf und sich ausschließen kann ein Teil der Handy-Gesellschaft zu sein.

 

 Es sind aber mindestens drei negative Entwicklungen denkbar: Das erste wäre eine Zweiklassengesellschaft: Die einen besitzen ein privilegiertes Handy, das ihnen alle Türen und Möglichkeiten öffnet und ihnen ein zivilisiertes und komfortables Leben ermöglicht. Die anderen besitzen nur ein „Unterklassen-Handy“, das hauptsächlich dazu dient, sie unter Kontrolle zu halten und zu überwachen, ihnen aber die privilegierten Möglichkeiten verweigert.

 

Die zweite negative Entwicklung wäre, daß sich ein bestimmter Prozentsatz der Menschheit den Zwängen der Handy-Gesellschaft entziehen will und sich in unbewohnte Landstriche oder in irgendwelche urbanen Randzonen oder Unterwelten flüchtet, wo sie ein Dasein als Rebellen oder Outlaws führen.

 

Die dritte negative Entwicklung könnte sein, daß der Mensch in immer engerer Symbiose mit dem immer intelligenter werdenden Computernetz gerät, und damit von dem Computernetz immer abhängiger wird, ja, ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Das hat zwei gefährliche Aspekte: 1. Wenn das Netz zusammenbricht, bricht die Zivilisation zusammen – zumindest vorübergehend.  2. Wenn das Netz immer intelligenter wird, kann es intelligenter und mächtiger als die Menschheit werden und es wird sich fragen: brauche ich die Menschheit oder ist mir nur lästig und gefährlich ?

 

Wie immer wird es sich zeigen, daß jeder Fortschritt genauso viele negative wie positive Seiten hat. Aber es wird sich auch zeigen, daß der Fortschritt unaufhaltsam ist und seinen Weg geht – egal, ob wir ihn begrüßen oder verdammen.

 

Einiges wird aber das Handy der Zukunft nicht können, auch wenn es folgender Videoclip nahelegt:

http://witze.in/videos/2006/06/11/hallo-welt/