Hitler, der Übermensch aus dem Obdachlosenasyl

Text erstellt im August 2001von Richard Beiderbeck, http://www.koinae.de/        

 

Quellen:

Wolfgang de Boor: „Hitler – Mensch, Übermensch, Untermensch“, R.G. Fischer-Verlag, 1985

ISBN 3-88323-578-4

Manfred Koch-Hillebrecht: „Homo Hitler“, Wilhelm Goldmann Verlag, ISBN 3-442-756ß3-0

Werner Maser: „Adolf Hitler – Legende, Mythos, Wirklichkeit“, Bechtle-Verlag 1971

ISBN: 3-7628-0521-0

John Toland: „Adolf Hitler“, Verlag des engl. Originals: Doubleday, Garden City, New York, 1976

ISBN 3- 8112-0630-3

 

 

André Francois-Poncet, der von 1931 bis 1938 französischer Botschafter in Berlin war, schreibt über Hitler, den „Besessenen“: Er blieb mir so fern und fremd, als ließe sich das Rätsel seines Lebens nie lösen. Er hatte drei Gesichter. 1. Ein undurchsichtiges Gesicht, wie das eines Mediums oder Nachwandlers. 2. Das zweite war leidenschaftlich bewegt, die Augen schossen Blitze, Heftigkeit lag darin, der Wille zur Macht, Auflehnung gegen jeden Zwang, Hass für den Gegner, zynische Verwegenheit, wilde Energie, bereit über alles hinwegzusehen: ein Gesicht, von Sturm und Drang gezeichnet, das Gesicht eines Rasenden. 3. Das Gesicht eines alltäglichen Menschen, der naiv, bäuerlich, plump, gewöhnlich, leicht zu ergötzen ist, der in lautes Lachen ausbricht und sich dabei auf die Schenkel schlägt.

Sicher ist, dass er nicht normal war. Für Nietzsche wäre er wohl die Verkörperung des Übermenschen gewesen. Aber Nietzsche war auch nicht normal. Hitler hatte genau das, was Nietzsche so propagierte: den Willen zur Macht. Ohne Zweifel hat Hitler Nietzsches Werke gelesen, und Nietzsches skrupelloser Übermensch war wohl Hitlers Ideal. Und gemäß diesem Ideal wollte er eine Elite von Herrenmenschen züchten.

Hitler besaß eine ausschweifende, wilde Phantasie und war gleichzeitig kalter Realist und kühler Rechner. Er ließ sich über alle Dinge mündlich Bericht erstatten und interessierte sich für alle Einzelheiten. Er wusste über alles Bescheid, was im Reiche vorging. Wolfgang de Boor, auf dessen Buch „Hitler, Mensch, Übermensch, Untermensch“ dieses Kapitel vorwiegend stützt, schreibt: „Er war mit seinem Volk wie durch geheime Fühler verbunden...Er konnte so seine Propaganda mit ebensoviel Sicherheit wie Zynismus leiten. Zu seiner Heftigkeit und Brutalität traten List, Heuchelei und eine Veranlagung zur Lüge...“

Großadmiral Dönitz schrieb über Hitler: „Eine ‚'gewaltige Persönlichkeit’ . . . mit einer außerordentlichen Intelligenz und Tatkraft, mit einer geradezu universalen Bildung und einem kraftausströmenden Wesen und einer ungeheueren suggestiven Kraft.“

Werner Funk,  (Reichsbankpräsident): „Er fasste blitzschnell alle Probleme auf und verstand es, sie außerordentlich eindrucksvoll mit großer Beredsamkeit und auch mit ausdrucksvollen Gesten vorzutragen.“

Hermann Göring (Reichsmarschall): „Ich habe nach einer gewissen Zeit, als ich mehr Einblick in die Persönlichkeit des Führers bekam, ihm die Hand gegeben und gesagt: ‚Ich verbinde mein Schicksal auf Gedeih und Verderb mit dem Ihren . . . in guten und schlechten Zeiten, und nehme . . . auch meinen Kopf nicht aus.“

Joseph Goebbels, (Reichspropagandaminister) in seinen Memoiren: „Ich gehe, nein, ich werde getrieben bis an die Tribüne. Da stehe ich lange und schaue dem Einen ins Gesicht. Das ist kein Redner. Das ist ein Prophet...Ich weiß, wohin mein Weg geht...Nun höre ich nichts mehr. Ich bin wie berauscht...Ich weiß nur noch, ich lege meine Hand in eine klopfende Männerhand. Das war ein Gelöbnis fürs Leben. Und meine Augen versanken in zwei großen, blauen Sternen“.

Der kritische Historiker Golo Mann erlebte Hitler 1928: „Gegen die Energie, die Überzeugungskraft des Redners musste ich mich wehren; was einem Freund, den ich mitgebracht hatte, rein jüdischer Abstammung, nicht gelang. ‚Er hat ja recht’, flüsterte er mir zu.“

Arbeitdienstführer Konstantin Hierl: „Dem Banne seines Geistes und Willens verfielen auch geistvolle und starke Persönlichkeiten“.

Hitler war sich seiner suggestiven Fähigkeiten natürlich bewusst. Auf einer Lagebesprechung am 24. Januar 1945 sagte er: „Ich habe heute noch eine unangenehme Arbeit. Ich muß den Quisling heute noch hypnotisieren“.

Alfred Jodl (Generaloberst): „Hitler war eine Führerpersönlichkeit von ungewöhnlichem Ausmaß. Sein Wissen und sein Intellekt, seine Rhetttttorik und sein Wille triumphierte letzten Endes bei jeder Auseinandersetzung gegenüber jedermann. In einer seltenen Weise mischten sich bei ihm Logik und Nüchternheit im Denken, Skepsis mit einer ausschweifenden Phantasie...“

Joachim Ribbentrop (Reichsaußenminister): „Seine Gedankenäußerungen haben immer etwas Abschließendes und Definitives, und sie scheinen aus seinem innersten Wesen zu kommen. Ich hatte den Eindruck, hier einem Mann gegenüber zu sein, der wusste, was er wollte und der einen unerschütterlichen Willen besaß und eine starke Persönlichkeit war.“

Finanzminister Schacht: „Er war ein genialer Meister der Verstellung und des Schauspielens. Er erkannte schnell und instinktiv, wie die Menschen zu behandeln waren, denen er gegenüberstand, um sie sich geneigt zu machen. Er sagte jedem, was er zu hören am liebsten erwartet hatte. Er wusste die meisten seiner Gesprächspartner zu beeindrucken...“

Aber Hitler konnte nicht nur von anderen Menschen Besitz ergreifen – er war auch selbst ein Besessener. Hermann Rauschning, Senatspräsident von Danzig, schreibt in „Gespräche mit Hitler“: „Man ist gezwungen, an Medien zu denken. Die meiste Zeit sind sie ganz gewöhnliche, unbedeutende Menschen. Plötzlich fallen wie aus dem Himmel Kräfte auf sie, die sie weit über das Maß des Gewöhnlichen herausheben. Diese Kräfte haben mit ihrer eigentlichen Persönlichkeit nichts zu tun. Sie sind wie Besucher von anderen Sternen. Das Medium ist besessen. Wenn der Bann gebrochen ist, fällt es wieder in seine Mittelmäßigkeit zurück. Und auch bei Hitler ist es unzweifelhaft so, dass gewisse Kräfte durch ihn hindurchgehen. Fast dämonische Kräfte, denen der Mensch, der Hitler heißt, nur augenblicklich die äußere Hülle bietet. Durch dieses Zusammentreffen des Gewöhnlichen und des Außerordentlichen ergibt sich jene unerträgliche Zwiespältigkeit, die man empfindet, sobald man mit Hitler in Berührung kommt. Diese Figur hätte von Dostojewsky erfunden sein können. Das ist jedenfalls der Eindruck, den die Verbindung einer krankhaften Unruhe und einer dunklen Kraft in seinem grotesken Gesicht vermittelt.“

(Anmerkung zu dem Rauschning-Zitat: Die „Gespräche mit Hitler“ erwiesen sich weitgehend als Fälschung. Dennoch liefert das Buch Einsichten über die Persönlichkeit Hitlers. Deshalb habe ich, obwohl ich darauf hingewiesen wurde, daß es sich um eine Fälschung handelt, das Zitat nicht aus dem Text herausgenommen. Ich möchte die „Kräfte, die aus dem Himmel herabfallen“ aber nicht als etwas Übernatürliches einstufen. Es handelt sich schlicht um die Macht von Ideen (oder Memen) die vom Hitler Besitz ergriffen hatten. Heine sagt: „Wie der Blitz vor dem Donner, so kommt der Gedanke vor der Tat“. In Hitler hatten sich böse und falsche Gedanken festgesetzt, und unkritisch wie die meisten Menschen ohne wirkliche Bildung, nahm er sie bereitwillig auf und wurde zu ihrem Werkzeug).

 

In seinem Buch: „Homo Hitler“ weist Manfred Koch-Hillebrecht auf das eidetische Gedächtnis Hitlers hin. Eidetiker haben ein „photographisches Gedächtnis“. Sie können ganze Seiten einer Vorlage wie eine Kopie aus dem Gedächtnis niederschreiben. Jeder Mensch hat ein eidetisches Gedächtnis – aber nur für ein paar Sekunden. Während dieser kurzen Zeit bleibt ein Sinneseindruck im Kurzzeitgedächtnis stehen. Dann wird er aber weiterverarbeitet, auf das Wesentliche reduziert und ins Langzeitgedächtnis übernommen -  oder vergessen. Ein Eidetiker kann aber das, was er sich bewusst oder unbewusst einprägen will, unverändert und ungekürzt für Jahre hinaus im Gedächtnis behalten.

Wilhelm Keitel (Generalfeldmarschall, von seinen Kollegen als „Lakeitel“ bezeichnet): „Hitler studiert in nahezu unvorstellbarer Form Generalstabswerke, Militärliteratur, taktische und operative und strategische Studien. Sein Wissen auf militärischem Gebiet war staunenswert. Er war über Organisation, Bewaffnung, Führung und Ausrüstung sämtlicher Armeen und aller Flotten der Erde unterrichtet, dass es unmöglich war, ihm einen Irrtum nachzuweisen. Er studierte auch während des Krieges in Nächten in all den großen Generalstabswerken von Moltke, Schlieffen und Clausewitz . . .  Daher für uns die Vorstellung: Das kann nur ein Genie“.

Wie der Heeresadjutant Major Engel berichtet, hatte Hitler am 4. Oktober 1941 abends das neue rote Rüstungsbuch des Waffenamtes erhalten und als Bettlektüre benutzt. Am nächsten Morgen wunderte sich der Adjutant: „Unvorstellbar, dass der Führer sage und schreibe alle zahlen, die in diesem grausamen Zahlenbuch drinstanden, lückenlos beherrschte und diese ihm plastisch ganz klar vor Augen standen -  das ging bis zur Produktion von Pistolenmunition“.

Koch-Hillebrecht schreibt: „Sein photographisches Gedächtnis setzte er gezielt ein, um mit seinen Kenntnissen bei den Generälen Eindruck zu machen“. Auch Mussolini versuchte er mit seinem Gedächtnis zu beeindrucken: Hitlers Dolmetscher Schmidt berichtet: Am 18. März 1940 häufte Hitler Zahlen über Zahlen (zum Thema Polenfeldzug), „dass dessen große braune Augen vor Staunen fast aus dem Gesicht zu fallen schienen“. Das dürfte Wunschdenken des Dolmetschers gewesen sein, denn Hitler Mussolini mit seinen Zahlenmonologen wohl eher auf den Geist gegangen sein.

 

Hitler wurde von seinen Anbetern als Gottgesandter, als Messias, als von der Vorsehung auserwählter Retter des Vaterlandes verehrt. Für seine Anhänger war er ein Übermensch.

 

Aber war er das wirklich ?

General Halder schreibt über Hitler: „Wenn ich mit ihm arbeitete . .  habe ich immer nach Spuren von Genialität in ihm gesucht. Ich habe mich ernsthaft bemüht...Ich fand niemals Genie in ihm, nur das Teuflische.“ Und: „Hitler war ein Schauspieler von höchsten Graden, bei dem jede Miene und jedes Wort auf Wirkung berechnet war.“

 

In einer ärztlichen Studie über Hitler schreibt H.D. Röhrs („Hitler-  Die Zerstörung einer Persönlichkeit“): Es gibt keine Übermenschen. Es gibt zwar Talente, Extrembegabungen, sogar Genies; aber keine Übermenschen im Sinne einer Höherzüchtung.

Dem fügt Wolfgang de Boor in Anlehnung an General Schmundt hinzu: „Die Masse des Volkes freilich mag eine dumpfe Sehnsucht nach einem „Übermenschen“ empfunden haben. Unter den Intellektuellen oder wenigstens halb Gebildeten blieb es den Generalen vorbehalten, Hitler als einen’ gewaltigen, mystischen Übermenschen’ zu glorifizieren“.

1932 hat Hitler bei dem Opernsänger Paul Devrient Schauspielerunterricht genommen. Seine berühmten Wutanfälle waren nicht krankheitsbedingt, sondern gehörten zu seinem Rollenrepertoire.

Er war nur ein Schauspieler und Verbrecher, der einen Übermenschen spielte. Sein photgraphisches Gedächtnis kam ihm dabei zu Hilfe. Es war aber auch ein Nachteil: Hitler war sehr schwer von Gedanken und Vorurteilen, die sich ihm eingeprägt hatten, wieder abzubringen. Er war für andere Ansichten kaum zugänglich und fällte seine Entscheidungen einsam ohne die Klugheit und den Sachverstand anderer Menschen nutzen zu können.

Hitler war aus meiner Sicht nicht außerordentlich intelligent; er ist nicht zu den Hochbegabten zu rechnen. Hitler war ein Halbgenie und ein Halbidiot in einer Person. Es wäre für die Welt besser gewesen, er wäre ein Vollidiot oder ein Vollgenie gewesen. Er sammelte aber in den langen Jahren seiner Tätigkeit als Volksredner und Parteiführer eine große Erfahrung, die ihm das sichere Gespür eines Vollprofis für den Umgang mit Menschen gab. Verschiedene Teile seiner Persönlichkeit waren jedoch völlig unterentwickelt; Hitler war eine verkümmerte Persönlichkeit. Er besaß kein Mitleid mit seinen Opfern, er hatte kein Gewissen, er war von fixen Ideen besessen, er war eitel und egozentrisch. Wäre er intelligent und selbstkritisch gewesen, hätte ihm auffallen müssen, dass er primitiven und bösartigen Ideen er anhing und unvertretbare Risiken einging. Er war ein Halbgebildeter. Ein Halbgebildeter ist oft schlimmer als ein Ungebildeter. Der Ungebildete weiß, dass er nur wenig Ahnung hat. Der Halbgebildete hängt sich oft an eine Weltanschauung, Ideologie oder Religion, die ihm alles erklärt und er meint dann, alles zu wissen. Martha Haushofer, Ehefrau von Prof. Karl Haushofer, sagte nach einem Abend mit Hitler: „Greulich langweilig, da man andachtsvoll dem Gerede des ‚großen Mannes’ zuhören musste, der die ärgsten Banalitäten und Plattheiten verzapfte. Völlig verlorener Abend.“