Der „Kybiont

Buchbesprechung „Homo symbioticus

Von Richard Beiderbeck   www.koinae.de    

„Homo symbioticus - Einblicke in das 3. Jahrtausend“ von Joel de Rosnay, erschienen 1997 im Gerling Akademie Verlag, München. Titel des französischen Originals: „L’homme symbiotique“, erschienen 1995 in Paris.

 

Über den Autor:

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Jo%C3%ABl_de_Rosnay

 

 

Das Kundenmagazin der Gerling-Gruppe schreibt:

 

„Joel de Rosnay geht davon aus,  dass sich auf der Erde eine neue Lebensform bildet. De Rosnay nimmt an, dass die Möglichkeiten der Computertechnologie (Simulation, Vernetzung etc.) zur Entstehung eines Makrooganismus führen, dessen Zellen die Menschen sein werden . Nach dem homo sapiens, dem homo faber «oder dem räuberischen» homo oeconomicus ist für de Rosnay die Zeit des symbiotischen Menschen angebrochen, der in einer harmonischen Beziehung mit einem Wesen lebt, das grösser ist als er selbst und zu dessen Erschaffung er genauso beigetragen hat, wie es ihn im Gegenzug erschafft („Koevolution“). Dazu wendet der Autor für diesen planetaren Organismus den neuen Begriff «Kybiont» an, eine Wortschöpfung aus Kybernetik und Biologie.“

 

 

Die Zeitschrift „Telepolis“ veröffentlichte im Internet (mit freundlicher Genehmigung des Verlages) einen Textauszug aus dem Buch „Homo symbioticus“ von Joel de Rosnay: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/2/2091/2.html

 

Ich gebe diesen Textauszug hier in gekürzter Form wieder:

 

„Die menschliche Gattung steht vor einer nie dagewesenen Herausforderung, nämlich von innen heraus einen lebenden Organismus zu erschaffen, der eine höhere Organisationsstufe aufweist als sie selbst. Ein Organismus, der dazu bestimmt ist, ihr symbiotischer Partner zu werden…

Um eine Vorstellung von dieser Perspektive zu vermitteln und diesen wahrscheinlich nächsten Abschnitt der Menschheitsentwicklung zu veranschaulichen, habe ich die Metapher des Kybionten gewählt, des gerade entstehenden planetaren Makroorganismus. Vieles deutet darauf hin, daß der Kybiont in seinem Urzustand bereits existiert und von seiner eigenen Dynamik lebt. Die vielfältigen gesellschaftlichen Organisationsformen, die Städte, die konzentrierten oder verstreuten menschlichen Gemeinschaften, die Maschinenpopulationen, die Kommunikations- bzw. Transportnetze sind sichtbare Makrostrukturen, die die vitalen Organe oder Geflechte des Kybionten bilden. Schritt für Schritt breitet sich dieses hybride menschliche Geflecht über die Erdoberfläche aus, indem es sich auf eine ähnliche Art ausdifferenziert und fortpflanzt wie Embryonalzellen im Entstehungsprozeß eines lebenden Organismus.

Die Metapher des Kybionten dient dazu, sich die Globalität der untersuchten Phänomene zu vergegenwärtigen. Vergleichen wir für einen Augenblick die Erde mit dem Kybionten. Unser Planet ist eine sich selbst regulierende kybernetische Maschine, deren Funktionsweise derjenigen eines Organismus gleicht. Dieses Modell, das James Lovelock Gaia getauft hat, macht es möglich, eine große Zahl von Elementen unterschiedlicher Gebiete unter einem einheitlichen Konzept zusammenzufassen.

Das, was Gaia für das planetare Ökosystem ist, ist der Kybiont für den gesellschaftlichen Makroorganismus. Aber in Wahrheit besteht er genau wie Gaia aus miteinander konkurrierenden Subsystemen. Wegen der Vielgestaltigkeit der Erde wäre es unrealistisch, die Entstehung eines einzigen planetaren Makroorganismus ins Auge zu fassen…

 

Aus Gründen der Vereinfachung betrachte ich den Kybionten als einen einzigen planetaren Organismus. Insbesondere als die am weitesten entwickelte Form eines im Entstehen begriffenen planetaren Hirns…Da der Kybiont aus seiner Existenz als Parasit von Gaia die für sein Überleben notwendige Energie bezieht, besteht für ihn in der momentanen Situation keinerlei Notwendigkeit, sich in seiner Gesamtheit zu bewegen. Und schließlich breitet sich die aktuelle Form des Kybionten, der dazu in der Lage ist, durch die Akkumulation einer kritischen Informationsmasse die Zeit zusammenzuziehen, mittels seiner Kommunikationsnetze über unseren gesamten Planeten aus. Sowohl sein organisatorischer Einfluß als auch seine Rolle als Katalysator werden folglich immer entscheidender. Auf diese Weise entwickelt sich der Kybiont schneller als jede andere Form entstehenden Makro-Lebens.

Zahlreiche Autoren (Wissenschaftler, Philosophen, Science-fiction-Autoren, politische Visionäre) haben in ihren Büchern von der Entstehung planetarer Superorganismen gesprochen oder sie manchmal sogar sehr ausführlich beschrieben. Diese Darstellung ergibt sich von selbst, sobald man nur mit genügend Distanz die Entwicklung der gesamten Menschheit und ihrer Erfindungen, Produktionen oder Konstruktionen untersucht…Zuweilen gibt es auch naive, utopische oder poetische Beschreibungen dieser Superorganismen. Trotzdem berichten auch sie, allerdings auf ihre Weise, vom makroskopischen Phänomen, deren Zeugen und Akteure zugleich wir sind.

 

Die Lebensfunktionen auf globaler Ebene

 

Es stimmt, daß das Leben des Kybionten vom menschlichen Standpunkt aus nur schwer erkennbar ist. Vom Gipfel eines Berges oder durch die Luke eines Flugezeugs gewinnt man manchmal den Eindruck eines hektischen Lebens, das sich zu unseren Füßen abspielt. Es findet seinen Ausdruck im Schauspiel der allnächtlichen beleuchteten, in der Natur verteilten Stadt-Zellen und in dem nie abbrechenden Verkehr auf den großen Verkehrsadern: weiße Lichter auf der einen Seite, rote auf der anderen - wie das in den Venen und Arterien zirkulierende Blut -, die wirken, als würden sie von einer gigantischen Pumpe hin und her bewegt. Von noch weiter oben offenbart sich dank der per Satellit übertragenen Bilder die Ansicht des blauen Planeten und der Ausdrucksformen des gesellschaftlichen Lebens: Megalopolen, Straßennetze…

Die Makrowelt des Unsichtbaren ist die der Ökonomie und ihrer unzähligen, gleichzeitig getätigten Geschäfte; die über Satelliten übertragenen Radio- und Fernsehwellen, die ein immaterielles Spinnennetz um die Erde legen. Auch die Welt des Geldverkehrs, der unterirdischen oder unterseeischen Erdöl- und Informationspipelines gehört dazu; die elektronischen Datenbanken, die Gesetze, Codes und zeitlich begrenzten Abkommen, mit denen die verschiedenen Aktivitäten der menschlichen Gesellschaften kontrolliert, reguliert und aufeinander abgestimmt werden.

 

Wie jeder lebende Organismus sorgt der Kybiont mittels der Menschen und Maschinen für die Sicherung seiner wichtigsten Grundfunktionen: Selbsterhaltung, Selbstregulierung, Selbstreparatur. Er ernährt sich, wandelt Energie um, verdaut und entledigt sich (zwar noch unvollständig) seiner Abfälle. Seine wichtigsten Nahrungsmittel sind Öl und Kohlehydrate. Ersteres dient dazu, den Betrieb der mechanischen und elektronischen Maschinen mittels Elektrizität sicherzustellen, das zweite Ergebnis der Photosynthese und der landwirtschaftlichen Erzeugnisse, dient der Versorgung der biologischen (menschlichen und tierischen) Maschinerie. Der Kybiont ernährt sich auch von anderen Energieformen (Atomenergie, Biomasse und Naturgas), aber global betrachtet sind Öl und Kohlehydrate seine Grundnahrungsmittel. Die biologischen, mechanischen und elektronischen Maschinen wandeln Energie in nützliche Arbeit um, wodurch sowohl die Aufrechterhaltung der Strukturen und Funktionen als auch die Entwicklung des Kybionten gewährleistet wird…

 

Der interne Verkehr des Kybionten ähnelt dem eines lebenden Organismus. Arterien, Venen und Kapillare der Transportnetze befördern Energie, Erzeugnisse und Informationen durch die Luft, das Wasser, über Schienen und Straßen. Genau wie Zellen und Blutkörperchen ist jede bewegliche Maschine, entsprechend ihrer jeweiligen Eigenschaft und Funktion, an diesem Verkehr beteiligt. Handelswaren und Passagiere bewegen sich in einem ununterbrochenen Kreislauf von einem Land ins andere, während ganze Gewebe- und Organbereiche des Kybionten sich reparieren, heilen und erneuern.

 

Das Verdauungssystem des Kybionten wandelt komplexe Materialien in einfache Substanzen um, die sein Stoffwechsel verwerten kann, oder sie werden für den späteren Bedarf gelagert. Die Abwässer und Abfallprodukte werden über ein Kanalsystem entsorgt, von Reinigungsdiensten aufgefangen, von Spezialeinheiten, die die Rolle von Niere oder Leber innerhalb eines vielzelligen Organismus spielen, beseitigt, behandelt und wiederverwertet. Das Verdauungssystem des Kybionten funktioniert noch nicht im Rahmen einer symbiotischen Verbindung mit Gaia: die Abfälle werden auf Mülldeponien "verkapselt", unter freiem Himmel angehäuft oder verschmutzen ganze Erdregionen. Die kybernetischen Makro-Regelkreise sind noch nicht so geschlossen, wie sie es im natürlichen Ökosystem dank der Arbeit der zersetzenden Mikroorganismen sind.

Der Kybiont besteht aus einer Vielzahl ineinander übergreifenden Abwehrmechanismen bzw. -systemen, die die Aufrechterhaltung seiner Strukturen und Funktionen gewährleisten. Die Stadt ist ein Schutzsystem, das eine menschliche Gemeinschaft von der Außenwelt isoliert und gleichzeitig den kulturellen, politischen, industriellen und Handelsaustausch begünstigt. Ursprünglich dienten die Stadtmauern dem Schutz der Bevölkerung gegen Eindringlinge, die Güter und Ernten plündern wollten. Die Häuser sind mittels Energieverteilungstechniken, Müllsammlung und Kommunikation zu einer symbiotischen Mikro-Umwelt des Menschen mit festgelegten Funktionen geworden. Diese Form der symbiotischen Struktur erfaßt auch andere geregelte Mikro-Umwelten: Arbeit (Büros, Bürotürme); Handel (große Supermärkte, Einkaufszentren); Freizeit (in-door-Sportarten, Center-Parks); Kultur (Museen, Technikparks); Reisen (große Flughäfen). "Immunisierende" Abwehrnetze schützen den Gesellschaftsorganismus gegen unterschiedliche bedrohliche Gefahren oder Eindringlinge.

 

Die mit Computern verbundenen planetaren Kommunikationssysteme bilden die Vorstufe für das Nervensystem und das Hirn des Kybionten. Immaterielle Datenströme, Steuerungsbefehle, Unterhaltungen, Bilder und Töne sind in einem ununterbrochenen Reigen im Umlauf. Sie benutzen Drähte, Kabel, Glasfaserkabel, elektromagnetische Wellen, Satelliten, Radio- und Fernsehsender bzw. -empfänger, Computerbildschirme, Telefone, die Presse . . . Das Funktionieren der menschlichen Gesellschaft in den Netzen erreicht ein solches Maß an Komplexität und entwickelt sich derartig schnell, daß dieses symbionomische Phänomen besondere Aufmerksamkeit verdient.

Das Nervensystem und das Hirn des Kybionten kontrollieren und regulieren die Systeme des materiellen Austauschs und Transports, die ihrerseits den Stoffwechsel des Gesellschaftsorganismus bilden und seine Selbsterhaltung gewährleisten. So ist die Koppelung von Elektronik und Mechanik eine hybride Form interner Energieregulierung der Informations- und Materialströme oder der großen Beziehungszyklen mit Gaia, dem planetaren Ökosystem. Makro-Schnittstellen verbinden jedes menschliche "Neuron" mit den großen Stoffwechselfunktionen des Kybionten, und zwar mittels flutartiger Verbreitung auf den Güter- und Dienstleistungsmärkten, in den weltweiten Reservierungssystemen für Flugzeugplätze oder im Geldverkehr durch Kreditkarten und Geldautomaten; oder mittels der Verkehrsleitsysteme per Satellit, der Netze für die zwischenmenschliche Kommunikation per Computer, der elektronischen Meinungsumfrage (TED), der Indizes für die wirtschaftliche Lage . . . Das planetare Auge und das planetare Ohr der audiovisuellen Medien, die Meßfühler für das Wetter und die Fernmessung werden Schritt für Schritt zu echten "Sinnesorganen" der Erde.

Im Wahnsinn der Märkte, in den Zuckungen der Börse und im Schwanken der Wechselkurse offenbart sich das Leben des Kybionten auch von seiner hektischen und schnellebigen Seite. Der Markt entspricht einem parallelen Supercomputer, der die Entscheidungen und das Vorgehen einer Vielzahl von Agenten einbezieht, die nach einfachen Regeln handeln: Preise, Prozentsätze, Indizes . . . Die Börse ist ein lebendes Ökosystem. Dank des Computers, der Kommunikationsnetze und der Zeitunterschiede funktioniert sie beinahe unablässig in Echtzeit. Ihre graphisch festgehaltenen Schwankungen sind chaotisch und haben fast biologischen Charakter. Sie ähneln den Langzeitdiagrammen der Lebensparameter wie Herzschlag, Atemrhythmus, Veränderung des Blutdrucks oder der Hormonkonzentration im Blut. Auch ohne einem naiven Animismus anzuhaften, offenbart die Börsen- und Weltmarktbeobachtung doch, daß man es hierbei mit einem lebenden Ökosystem zu tun hat. Diese regulative Makro-Schnittstelle hat ihre eigene "Psychologie". Die Kommentatoren beschreiben die Stimmungen der Börse in bildhafter Sprache: Die Stimmung ist niedergeschlagen, euphorisch, mürrisch, fiebrig; die Börse verharrt in Wartestellung oder eilt den Ereignissen voraus. Diese Beschreibungen sind uns so vertraut geworden, daß man ihren makroskopischen Charakter vergißt: die Börse ist nichts anderes als ein unmittelbar wahrnehmbares Zeichen für das Leben des Kybionten.

Ich könnte diese analoge, isomorphe oder metaphorische Lebensbeschreibung des Kybionten noch seitenweise fortsetzen, indem ich ihn mit einem biologischen Organismus vergleiche. Das ist jedoch nicht mein Ziel, und die Grenzen einer solchen Beschreibung würden schnell spürbar. Mein eigentliches Interesse gilt dem Menschen, und in erster Linie dem symbiotischen Menschen. Wie wird er angesichts der sich aus dem Leben des Kybionten ergebenden Zwänge seinen Aktivitäten und seiner Freiheit Geltung verschaffen? Welchen Nutzen wird er andererseits aus der geregelten und harmonischen Funktionsweise des gesellschaftlichen Makroorganismus ziehen?

Zwei grundlegende Lebensfunktionen des Kybionten bieten mir die Möglichkeit, eine Antwort auf diese Frage zu suchen. Einmal handelt es sich um die Funktion der Selbsterhaltung durch die Koppelung von Ökologie und Ökonomie. Zum anderen um die der eigenen Selbstwahrnehmung des Kybionten mittels der Entstehung einer kollektiven Intelligenz und eines kollektiven Bewußtseins. Im Rahmen dieser beiden Funktionen - die eine ist ökosphärisch, die andere noosphärisch - entsteht, entwickelt und beschleunigt sich jetzt im Augenblick die symbiotische Beziehung zwischen dem kreativen und handelnden Menschen einerseits und dem Kybionten andererseits.

 

Navigieren im Cyberspace

 

Das planetare Hirn des Kybionten ist im Entstehen begriffen. Wie das Beispiel Internet gezeigt hat, funktioniert es mittels Menschen-Neuronen, die durch Computer und Kommunikationsnetze miteinander verbunden sind. Die Datenautobahnen sind die großen Achsen des planetaren Nervensystems, und die immer kleineren und allgegenwärtigeren Personalcomputer seine "Gliazellen", die es den Neuronen ermöglichen, zu funktionieren und Schnittstellen zu bilden. Durch die weltweit miteinander verbundenen privaten, öffentlichen, kommerziellen, militärischen und lokalen Netze oder Netze von Netzen entstehen unwiderruflich die Maschen einer neuen Form von kollektivem Gehirn. Ein hybrides, biologisches und elektronisches (bald auch biotisches) Gehirn, dessen Verarbeitungsleistung unvergleichlich größer ist als die unserer Abermilliarden Neuronen und die der im Vergleich dazu schon leistungsfähigeren einzelnen Computer.

Menschen-Neuronen, elektronische Autobahnen, Computer und Megaspeicher bilden die Grundlage für den Cyberspace, die neue elektronische Umwelt, die das kollektive Denken des Kybionten umgibt. Der Cyberspace verkörpert die aus den zwischen den Menschen in den Kommunikationsnetzen ausgetauschten Informationen hervorgehende virtuelle Welt. Er macht es möglich, sich unendliche Hypertext- und audiovisuelle Umgebungen vorzustellen, die mit der Frequenz und der Dichte des Informationsaustauschs koevoluieren. Die Welt des Internet ist ein Cyberspace. Sie schafft die Voraussetzungen für eine neue elektronische Staatsbürgerschaft, eine neue Form der zwischenmenschlichen Beziehungen, der kulturellen, kommerziellen und wissenschaftlichen Zweckmäßigkeiten…

 

Die Schnittstellen mit dem Kybionten werden fortwährend verbessert und ähneln zunehmend denen der biologischen Netze. Man benutzt Hybriden, die aus Personalcomputern, Telefonen und Fernsehgeräten bestehen. Da sie nicht mehr über Kabel an das Telefonnetz bzw. elektronische Natz angeschlossen sind, sind sie mobil, tragbar und werden immer kleiner. Ihre starken Batterien gewährleisten tagelange Unabhängigkeit. Die Kommunikation mit diesen Maschinen geschieht mittels Sprache. Man spricht die Sätze ganz normal und ohne besondere Pausen zwischen den Wörtern aus. Die Maschinen reden wahlweise mit männlicher oder weiblicher Stimme mit uns. Zwei- oder dreidimensionale bewegte Gesichter erscheinen auf dem Bildschirm, um den Umgang zu personalisieren. In Form kleiner dreidimensionaler Figuren (holographische virtuelle Klone oder Projektionen anpassungsfähiger optischer Systeme) verlassen sie zuweilen den Bildschirm. Die Maschinen erk Physiognomien und Gesichtsausdrücke, Gesten und Körperbewegungen. Sie können auch Gerüche, Duftstoffe wahrnehmen und sie als zusätzliche Informationsquelle nutzen.

Die tragbaren Ausführungen dieser leistungsfähigen Maschinen sind nicht größer als eine Brieftasche. Sie kommunizieren sehr diskret mit uns, indem sie uns, schnurlos, etwas ins Ohr sprechen; aber auch mittels Induktion, Radiowellen oder Texten und Bildern, die auf dem virtuellen Bildschirm einer leichten Brille in unserem Gesichtsfeld zu schweben scheinen. Die Schnittstellen der virtuellen Realität sind einfach und kaum hinderlich. Die Helme sind durch 3-D-Sichtbrillen mit schnurlosen Hörern ersetzt worden. Die Handschuhe mit Kraftrückführer weichen Sensoren, die am Handgelenk oder an anderen Gliedern angebracht sind. Diese Sensoren registrieren bioelektrische Impulse, die von den Nerven an die Muskeln übertragen werden. Einfache und leichte Systeme leiten die Kraftrückführungen weiter. Je nach Wunsch ist es jederzeit möglich, dank einer angepaßten intellektuellen Ergonomie in die virtuelle Welt einzutauchen.

Die Netze sind also dauernd mit diesen Gehirnprothesen verbunden. Folglich sind leistungsstarke Computer jederzeit zugänglich und erhöhen so die Verarbeitungsleistung der Personalcomputer. Die Netze der Netze in der Art des Internet sind hochentwickelte Versuchsfelder für das Funktionieren des Kybiontenhirns. Die Anwender-Schnittstelle des Internet ist beachtlich verbessert worden: die Schnittstellen Mosaic und Netscape (mit deren Hilfe man durch das Anklicken von Symbolen oder Textzeilen von Computer zu Computer in der ganzen Welt navigieren kann) werden ersetzt durch Gesichter intelligenter Agenten oder Roboter, mit denen man sich unterhält oder denen man Bilder, Texte oder Graphiken zeigt. Das digitale Radio ist in den Netzen genauso verfügbar wie das interaktive Video. Hiermit lassen sich nicht nur Videokonferenzen abhalten, sondern auch die Telepräsenz wird möglich, mit deren Hilfe Vorgänge oder Handhabungen über große Entfernungen hinweg in der virtuellen Realität durchführbar sind. Die manipulierbaren Räume erleichtern Begegnungen. Ihren Ursprung haben sie in den Arbeiten der Forscher am Xerox Palo Alto Research Center (Parc). Dort hat man "gegenstandsorientierte Programme für mehrere Anwender" entwickelt, dies es gestatten, daß eine große Zahl von Anwendern über große Entfernungen hinweg in vertrauten Räumlichkeiten miteinander interagieren: Konferenzräume mit Gemälden, Schreibtischen, Schubladen und Kaffeemaschinen. Mittels einfacher Befehle treten die Benutzer dieser Räume miteinander in Audio- oder Videokontakt und wirken in Echtzeit auf dieselben Gegenstände ein.

Die Cyberspaces ermöglichen den Zugriff auf Laborarbeiten, gemeinsame Experimente und riesige Bibliotheken. Man greift auf sie zu und hat dabei den Eindruck, sich physisch zwischen den Bücherregalen zu bewegen. Durch Anklicken des Buchrückens schlägt man in ihnen nach: ihre Typographien und die Farbbilder sind mit denen echter Bücher identisch. Das gleiche gilt für die Suche in virtuellen Supermärkten und Geschäften, für das Nachschlagen von Katalogen, die Vorführung von Gegenständen, die Manipulation von Molekülen, die Bewegung innerhalb von Mikroräumen usw.

Die Schnittstelle mit den Netzen der Netze hat sich durch die allgemein verbreitete Steuerung mit Hilfe der Stimme, der automatischen Verbindungen allgegenwärtiger Mikros und der intelligenten Agenten grundlegend verändert.

Genauso wie man im Zeitalter des Wegwerf-Stiftes noch seinen Füllfederhalter benutzt, gebraucht man ebenso den Personalcomputer. Allerdings entpersonalisiert er sich, um in der Umwelt zu verschwinden. Die Verringerung der Kosten, die Leistungsstärke und die Miniaturisierung machen aus ihm einen in jedem Büro in Form von intelligenten Notizblöcken, Magnetstreifenkarten und "post-its" Dutzende Male vervielfältigten Gegenstand. Der Computer braucht nicht mehr transportabel sein, da er Bestandteil der Umwelt geworden ist. Er wird wie Mark Weiser, der Forschungsleiter am Xerox Parc, sagt, zu einem ubicomp, einem allgegenwärtigen, fast wegwerfbaren Computer. Er ist überall, erkennt uns dank unserer interaktiven Magnetkarte. Durch Radio- oder Infrarotverbindungen kommuniziert er schnurlos mit den Computern in den Netzen und mit den anderen "ubicomps" seiner unmittelbaren Umgebung. Um zu erfahren, ob man eine Nachricht in seinem elektronischen Briefkasten empfangen hat, ist es nicht mehr notwendig, sich anzuschließen: der Agent benachrichtigt einen und liest sie auf Wunsch ab.

In Organisationen mit vielen Beschäftigten tragen die Mitarbeiter aktive Magnetkarten, die ihre Bewegungen überwachen. Kameras zeichnen die Bewegungen der Personen und Dokumente auf. Es werden jederzeit von den Benutzern überprüfte Verfahren angewandt, um den Schutz des Privatlebens eines jeden zu gewährleisten. Die gesamte Organisation funktioniert demzufolge wie eine Unterstützung zur Speicherung von Fakten, Ereignissen, Transaktionen und Versammlungen, die deren Nutzung und Einordnung erleichtert. Im Laufe der Versammlungen, Konferenzen und Seminare nehmen die Computer die gehaltenen Reden auf und bereiten Zusammenfassungen vor, die jederzeit in den Netzen verfügbar sind. An Videokameras angeschlossene elektronische Notizblöcke werden ebenfalls benutzt. Wenn man einen zuvor notierten Satz anklickt, hat man unmittelbar Zugriff auf die digitalisierte Sequenz, die genau diesem Moment entspricht.

Das Ziel dieser kollektiven Kommunikations- und Speichertechniken liegt darin, die Intelligenz von Organisation zu vergrößern. Früher waren die Mittel und Werkzeuge auf das Individuum ausgerichtet, um dessen Leistungsfähigkeit und Produktivität zu steigern. Heute konzentrieren sie sich darauf, die Intelligenz der Organisation selbst zu vergrößern. Von einer statischen Informationsstruktur verändert sie sich zu einer dynamischen Ökologie der Kommunikation, von der John Selly Brown, der Director von Xerox Parc, sagt, sie würde sich zu einer "Raffinerie des Wissens" entwickeln.

 

Die Seele des Kybionten

 

Gaia und Kybiont, das sind die beiden symbiotischen Partner. Der eine mit seinem ursprünglichen Stoffwechsel, der die Selbsterhaltung und die Entwicklung (die Wirtschaft) ermöglicht, der andere mit seinem noch im Anfangsstadium befindlichen planetaren Hirn (dem denkenden Netz).

In lebenden Organismen wird der Energieverbrauch durch Information kontrolliert. Es ist vorstellbar, daß in der Beziehung zwischen Gaia und Kybiont das planetare Hirn Schritt für Schritt die "natürliche" Homöostase Gaias ersetzt. Eine bewußte Makroregelung sowohl der ökonomischen und energetischen Flüsse als auch der Bedingungen für die dynamische Stabilisierung der Umwelt könnten auf diese Weise von der Menschheit ausgehen. Dies ist bereits der Fall bei der Luftverkehrsregelung sowie den informatischen Leitsystemen für die Auto- und Lastwagenströme auf den Autobahnen und in den Städten (intelligente Mautstellen, Projekte für Verkehrsleitsysteme und car systems mittels Lichtschranken und eingebauter Relais, Positionsbestimmung durch Satellit). Gleiches gilt für das computerüberwachte Sortieren von Postsendungen, Frachtstücken und Paketen, die von der Post oder von Transportunternehmen weiterbefördert werden; oder für die weitverbreitete Nutzung der elektronischen Zahlungssysteme, bei denen die Immaterialität der Elektronik mit der Materialität des Geldes, der Güter und Dienstleistungen gekoppelt wird. Bedauerlicherweise gibt es im Zusammenhang mit dem Energieverbrauch keinerlei Regulierungsmöglichkeiten durch die Endverbraucher. Die Energieunternehmen verfügen über kein wirkliches Energiesparkonzept und tendieren im Gegenteil sogar dazu, den Verbrauch zu steigern.

Das aus den individuellen Gehirnen und dem Verbundsystem von Computern und Kommunikationsmitteln bestehende denkende Netz funktioniert auf eine chaotische Art und Weise. Verbindungen entstehen genauso schnell wie sie wieder verschwinden. Es kommt zur Bildung von Einheiten, die die Rolle dynamischer Speicher übernehmen und neue Verbindungen mit anderen Einheiten eingehen. Der Verbindungen zwischen einzelnen Knoten werden enger, während die zwischen anderen sich auflösen. Es entstehen Formen, gedankliche Assoziationen, dynamische Ströme für den Nachrichtentransport, Turbulenzen; mal kommt es zur Stabilisierung, mal zur Tilgung . . . Das Hirn des Kybionten ist flüchtig und nimmt fortwährend eine andere Gestalt an. In dieser Beziehung ähnelt es dem Immunsystem - einem wirklich mobilen Hirn - und dem je nach Anforderungsprofil in sich selbst geschlossenen Nervensystem.

Im Jahre 1949 hat Donald O. Hebb, Neurophysiologe an der MacGill-Universität in Montreal, in seinem Buch The Organization of Behaviour eine revolutionäre Theorie des psychologischen Verhaltens veröffentlicht. Seiner Meinung nach betreibt das Gehirn fortwährend eine Umgestaltung der Synapsen, die die Übertragung der Nervenleitung gewährleisten. Die der chemischen Wirkung aktivierender oder hemmender Hormone unterworfenen Synapsen programmieren sich in Abhängigkeit von den verschiedenen Wahrnehmungen, Reizen und Stimuli um. Durch die fortwährende Stimulierung von Verbindungen und Nervenbahnen werden ganze Bereiche, die aus Tausenden von Neuronen bestehen, aktiviert, verbinden sich und bilden Untereinheiten, die durch Verstärkung von Eindrücken (Formen, Farben, Töne, Wörter) lernen. Diese Untereinheiten bilden dynamische Netze neuronaler Interaktionen, Bausteine für die Gehirninformationen.

Ich schlage vor, sich die Bildung und Funktionsweise des Kybiontenhirns in ähnlicher Weise vorzustellen. Die Menschen, eine Vielzahl chaotisch interagierender Agenten, sind die Neuronen des Hypernetzes. Ihre mittels Computer (und auf eine noch direktere Weise mittels biotischer Schnittstellen) hergestellten Verbindungen führen zu einer bewußten Vorstellung vom "geistigen" Funktionieren des Kybionten. Es handelt sich um ein reflektiertes globales Bewußtsein in der Introsphäre</Font>. Die genannten Verbindungen lassen sich wieder auflösen und sind Verstärkungen oder Hemmungen ausgesetzt. Es kommt zur Bildung autokatalytischer Phänomene, die die Entstehung neuer Konzepte, Lösungen und Lösungsvorschläge nach sich ziehen. Das Internet veranschaulicht dies gegenwärtig auf eine aufschlußreiche Art und Weise.

Der symbiotische Mensch übernimmt innerhalb dieses Hypernetzes die Funktion eines Knotenpunktes. Er stellt gleichzeitig die Gesamtheit des Netzes und eines seiner Elemente dar. Er existiert durch das Netz, und das Netz existiert nur durch ihn. Knoten und Verbindungen bilden eine Einheit im Rahmen einer auf sie zurückwirkenden globalen Funktionsweise. Das Ganze existiert nur durch das bewußte Funktionieren der Elemente, und jedes Element wird seinerseits durch das Funktionieren des Ganzen durchblutet und belebt (und sein intellektuelles Potential vergrößert).

Einstmals fand der Mensch in den Städten das gesellschaftliche Netz vor, mit dem er seine physischen, intellektuellen und kulturellen Fähigkeiten erweiterte. Die negativen Wirkungen, die aus dem Zusammenstoß mit den wirtschaftlichen, soziologischen und ökologischen Zwängen resultierten, haben ihn dazu veranlaßt, andere, ergänzende und dematerialisierte Netze für die Verstärkung seiner Anlagen zu suchen. Das elektronische Dorf, das die Netze der Netze verkörpern, ist eine der möglichen Lösungen. Die Kombination aus individuellen Gehirnen, intelligenten Agenten und der Seele des Kybionten begründet ein Informations-Ökosystem, dessen Entwicklung nunmehr unumkehrbar zu sein scheint. Die beschriebene Funktionsweise führt zur Bildung einer kollektiven Intelligenz, und aus dieser Symbiose entsteht ein nach und nach sich seiner selbst bewußtes Bewußtsein.

Der Übergang vom gesellschaftlichen Individuum, vom homo oeconomicus, zum symbiotischen Menschen birgt - wie jede Form von Symbiose - offensichtliche Vorteile, aber auch neue Risiken in sich. Wollen wir diese Zukunft? Welche Vorteile bringt der Menschheit die Existenz des Kybionten? Wie muß die Entwicklung gesteuert werden, um in diese neue Phase eintreten zu können?

Es scheint angebracht, im gegenwärtigen Stadium Handlungsregeln für die Steuerung der komplexen Systeme zu erarbeiten, deren integrale Bestandteile und verantwortliche Akteure wir zugleich sind. Diese Regeln gelten sowohl für die herkömmliche Politik als auch für Industrie, Wirtschaft und für die Lebenswerte, die der Mensch zur Achtung vor der Gemeinschaft benötigt.

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Verlages dem demnächst auf deutsch erscheinenden Buch "Homo symbioticus" entnommen:

Joel de Rosnay: Homo symbioticus. Einblicke in das 3. Jahrtausend. 416 Seiten, Leinen, Fadenheftung. DM 58,-. Erscheinungstermin: März 1997

Erhältlich im Buchhandel oder direkt ab Verlag: Gerling Akademie Verlag GmbH, Prinzregentenstr. 11, 80538 München, Tel. 089/2107683, Fax 089/2107684“

 

Kommentar von Richard Beiderbeck:

 

Joel de Rosny ist von Haus aus Biologe. Deshalb liegt es für ihn nahe, die Erde und die Menschheit als zwei Organismen zu betrachten, die in Symbiose leben.

 

Ich sehe das prosaischer. Ich unterscheide drei Systeme:

 

1.     Ökosystem, schlichter aus gedrückt der Planet Erde mit alle seinen Lebewesen

2.     Die Welt der Menschen mit all ihren Bauten, Maschinen und Werkzeugen, aber auch mit ihrem gesamten Wissen und ihren geistigen Werkzeugen. Die Menschen bilden ein immer komplexeres und effizienteres Kollektiv, dessen Intelligenz die die einzelnen Menschen bei weitem übersteigt

3.     Die Welt der Computer und Computernetze. Ursprünglich waren dies nur Werkzeuge des Menschen, wenn man so will, seine „Denkprothesen“. Aber sie werden sich vom Menschen loslösen und ihn nicht mehr benötigen.

 

Noch leben Menschheit und Computernetz in seinem Zustand, den man durchaus als Symbiose nennen könnte. Noch brauchen beide Teile einander und keiner kann ohne den anderen leben. Noch fördern sie sich beide gegenseitig. Aber muß das so immer bleiben ?

Mir erscheint der Ansatz von Dr. Levan G. Gvelesiani eher unwahrscheinlich. In seinem Buch Metaphysik der Einrichtungen und andere Spekulationen“ schreibt er:

 

Wohin führt der Mensch?

Ist „die Krone der Schöpfung“ das endgültige Glied der langen Evolution des Universums?

Was kommt nach dem Menschen?

Was liegt wirklich „trans humanum“ jenseits von homo sapiens?

Die Wissenschaft versucht in der Gegenwart die Antworte darauf zu finden, was schon heute voll im Gange ist und morgen zum Alltag gehören wird. Bei den Analysen kommt die Entwicklung in den nächsten 100, 1.000 oder gar 10.000 Jahren, in Erwägung.

Was kommt aber danach?

Was kommt auf uns in den nächsten Millionen und Milliarden von Jahren?

Das Buch versucht auf diese Frage eine Antwort zu geben.

 

Der Autor stellt ein Gesamtkonzept der Entfaltung des Universums vor, wo der Mensch nur ein Kettenglied der zweckmäßigen und notwendigen Entwicklungsreihe ist.

Im Buch werden die Vergangenheit und die Gegenwart analysiert und anhand einer Methode, die sich an die Arbeiten von Roy Kurzweil, Howard Bloom, Freeman Dyson, Kevin Kelly, Marvin Minsky, Joël de Rosnay, Peter Russell, Gregory Paul, Earl Cox und vielen anderen modernen und vergangenen Autoren anlehnt, ein Konzept angeboten, das für die Orientierung der Menschheit auf dem transhumanen Weg wichtig sein könnte.

Das Buch ist im Buchhandel, sowie bei allen großen Internet-Buchhandlungen: Amazon.de, Libri.de, BOL.de, BoD.de u.a. erhältlich.

ISBN: 3831108064

80 Seiten.

Preis: 9,99 €

 

In dem Kapitel: „Der Kosmos als Einrichtung und Gott“ schreibt er:

                    „ Das Höchste Wesen, tausendköpfig, tausendäugig, tausendfüßig; Er durchdringt die gesamte Erde. Er ist jenseits aller Zehn Weltrichtungen.

Rigveda, X.90.1.-2.

 

Wenn sich die oben angeführten Spekulationen als wahr erweisen, sollten wir in einigen Millionen Jahren im Sonnensystem einen lebendigen Planeten vorfinden, welcher die Sonnenenergie direkt nutzt und als ein einheitliches, im Wortsinn planetares Wesen existiert. Sein Körper, die ehemalige Erde, ist jetzt ein Gehirn, welches aus Schutzgründen durch eine Hülle vom Kosmos isoliert ist und über die Möglichkeiten verfügt, die unlebendigen Stoffe schnellstens in seinen eigenen Teil zu verwandeln. Dieser planetarische Metabolismus wird wahrscheinlich so eingerichtet sein, daß die entropischen Prozesse auf ein Minimum reduziert werden. Dieses Wesen muß nicht notwendigerweise ein Warmblüter sein, sondern es nutzt eine ganz andere Chemie für seine Versorgung. [i] Die „Gaia“ wird dann tatsächlich ein einheitliches Wesen sein. 

Es fragt sich, was dieses Wesen im Kosmos alles treiben wird, was hat es für Ziele, was will es machen? Und überhaupt, was soll das alles, wie geht es weiter?

 

Der Prozess der Herstellung des künstlichen Gehirns wird sich fortsetzen. Das Erdwesen wird nach und nach die ganze kosmische Umgebung in seinen Teil umwandeln, genauso, wie es die Erde umgewandelt hat. Es versteht sich auch, daß diese Prozesse einige Millionen von Jahren dauern. Das Erdwesen wird dann das ganze Sonnensystem „aufgefressen“ haben. Die vorhandenen Stoffe werden in umstrukturierter Form zu den Teilen dieses einheitlichen Gehirns umgewandelt sein. Ich schließe nicht aus, daß am Anfang im Sonnensystem mehrere planetarische Wesen entstehen, die sich nach und nach vereinigen. In den vier bis fünf Milliarden Jahren, bis die Sonne als Supernova explodiert, ist die Arbeit getan; die ganze Materie des Sonnensystems, außer der Sonne, die immer noch als wichtige Energiequelle genutzt wird, ist in einem einheitlichen Superhirn gesammelt und strukturiert. Damit wird die zehn Milliarden Jahre lange Geschichte des Sonnensystems enden. [ii]

Das Superhirn

Wir, Kinder der Notwendigkeit. Zu Hause im Universum.

Stuart Kauffmann, „Öltropfen im Wasser“, S. 286

 Kaum ein Wissenschaftler wagt heute ernsthaft zu sagen, daß auf der Zeitskala von Millionen Jahren, um über Milliarden ganz zu schweigen, das Lebendige die kosmische Umgebung entscheidend beeinflußt. Die meisten Prognosen gehen davon aus, daß es auch in einigen Millionen Jahren den Menschen etwa in der gleichen Verfassung gibt wie heute und daß die Astronauten von Planeten zu Planeten fliegen wie heute, nur etwas schneller (Siehe z.B. Michio Kaku, 1998). Das aber erscheint einfach unmöglich, weil die kosmische Entwicklung, die zu immer komplexeren Strukturen führt, dadurch einfach stehen bleiben würde. Diese Entwicklung führt zur Entstehung der Einrichtungen des galaktischen Maßstabs, die aber eine sehr feine innere Organisation haben und, was das wichtigste ist, etwas ähnliches vollziehen, wie das, was wir heute Denken nennen. Das werden die Einrichtungen sein, die eine Ähnlichkeit mit der prophetischen „Black Clowd“ Fred Hoyls oder mit dem denkenden Ozean in Stanislaw Lem`s „Solaris“ besitzen. Diese planetarischen denkenden Strukturen werden nach und nach die Galaxien „ausbeuten“ und „verschlucken“. Dabei geht es eigentlich nur um die Umformung der vorhandenen Materie. [iii] Wie große Attraktoren werden diese Wesen die Materie des Universums in sich hineinziehen, umwandeln und zu ihrem Teil machen.

 

Ich setze voraus, daß außer dem Wesen, welches unserem Sonnensystem entstammt, auch andere kosmische Wesen aus anderen Regionen des Universums existieren werden.  Wenn heute außer den Menschen andere kosmische Zivilisationen existieren, können sie in der Entwicklung nicht viel weiter sein als wir, anderenfalls hätten sie uns vielleicht schon entdeckt bzw. wir hätten die Spur der vernünftigen Tätigkeit im Kosmos bemerkt. Wenn es andere kosmische Zivilisationen gibt, sollen sie etwa auf unserem technologischen Entwicklungsstand oder niedriger angesiedelt sein. Ferner müßte für sie auch der Zwang der kosmischen Entwicklung gelten. Eine Zivilisation, die sich nicht entwickelt, ist im Kosmos nicht denkkbar, sie würde nicht überleben und vom Entropiemonster gefressen werden.

 

Die überlebensfähigen Zivilisationen, auf welcher Basis auch immer sie aufgebaut sind, würden sich etwa in die gleiche Richtung entwickeln wie die Menschheit mit ihrem anfänglichen kohlenstofflichen Bau. Vielleicht sind die „Leute“ auf den anderen Planeten ganz andere Wesen als wir. Sie können ganz anders aussehen und chemisch anders aufgebaut sein. Wenn die Wissenschaftler über die Möglichkeiten des chemischen Aufbaus der lebendigen Wesen sprechen, meinen sie damit die Strukturen, die zwangsläufig auf Kohlenstoffbasis aufgebaut sind. Das muß aber nicht im ganzen Kosmos Geltung haben. Aus meiner Sicht begehen wir bei der Suche nach außerirdischen Zivilisationen einen Fehler. Wir konzentrieren uns darauf, ein Leben zu suchen, welches wie wir auf Kohlenstoff und Wasser basiert und uns im chemischen Aufbau ähnlich ist. Wenn wir das Leben aber nicht als ein chemisches Phänomen, sondern als ein Glied der kosmischen Entwicklungskette auffassen, kommen wir aus den Zwängen der Chemie heraus. Wir kennen heute die kosmische Entwicklungskette, die etwa so aussieht: physische Welt – chemische Welt – biologische Welt – technologische Welt. Das Glied „biologische Welt“ in dieser Kette könnte an anderen Orten des Kosmos auch anders sein. Wir kennen noch längst nicht alle Eigenschaften der Elemente, besonders unter von der Erde unterschiedlichen Bedingungen. Wir wissen beispielsweise sehr wenig über die Quantenkohärenz unter den niedrigen Temperaturen. Solche Effekte, wie z.B. Supraleitung oder Supraliquidität können bei Wesen in anderen Welten eine große Rolle spielen. Ich vermute auch, daß diese Effekte im Aufbau des planetarischen Wesens und später des Superhirns eine große Rolle spielen werden. [iv] Um mit den entropischen Prozessen zurecht zu kommen, muß das künftige Superhirn wahrscheinlich auf äußerst niedrigem Temperaturstand funktionieren, damit die Denkprozesse nicht so viel Energie verwerten, wie es heute bei den Menschen der Fall ist. Wir verbrauchen ca. 20% des gesamten Energiebedarfs für das Gehirn. Das Superhirn sollte diesen Energieverbrauch drastisch reduzieren und mit Supraleitung arbeiten, damit die Denkprozesse ohne bzw. nur mit geringem Energieaufwand ablaufen.

 

In einigen Milliarden Jahren könnten wir damit rechnen, daß im Kosmos mehrere, vielleicht einige Tausende oder Millionen solcher „Hirne“ herumwandern und ihre Beute suchen. Diese Superhirne werden bei der Begegnung im Kosmos verschmelzen, sich zu einem größeren Superhirn vereinigen. Diese Superhirne ihrerseits vereinigen sich mit anderen Superhirnen und schlucken die kosmische Materie weiter. Viele Physiker werden erwidern, daß solche Wesen wegen der Gravitation unmöglich seien. Nun denke ich, wenn diese Naturwissenschaftler den „Big-Bang“ selbst beobachtet hätten, um anschließend eine Prognose zu schreiben, dann würden sie nie die Entstehung des Lebendigen voraussagen können. Die anfängliche Explosion hatte nichts an sich, um daraus die spätere Entstehung des Gehirns folgern zu können. [v] Man kann dem Kosmos am Beginn nicht anmerken, daß die Entwicklung zu solchen komplizierten Strukturen führen würde, wie es heute der Fall ist. Außerdem zweifle ich nicht, daß es einen Zustand der Materie geben kann, wo die Gravitation aufhört zu wirken. Natürlich existiert sie bei den groben Strukturen, aber ich schließe nicht aus, daß sich das Superhirn aus den Teilchen aufbaut, die viel unempfindlicher zur Gravitation sind, als die uns bekannten Strukturen. Wir wissen, daß die feinere Organisation eine niedrigere Massedichte hat als die gröbere. Man denke an Photonen oder an Neutrinos. In der Tiefe der Materie begegnet man letztendlich der Leere. Wie fein das Superhirn sich strukturiert, wissen wir heute nicht. Bei den Temperaturen nahe der absoluten Null könnte vieles möglich sein. [vi] Deshalb meine ich, daß wenn das Superhirn die Aufgabe hat die Gravitationskräfte zu mindern bzw. deren Auswirkung zu neutralisieren, dann wird sich eine Methode dafür finden.

 

Viele Autoren meinen, daß die Entropie weiter wachsen wird und letztendlich alle Strukturen zerstört werden. Aus meiner Sicht wird die Entropie noch eine Weile, schätzungsweise noch einige Milliarden Jahre wachsen. [vii] Dann aber, unter dem Druck des Zusammenziehens des Kosmos und dem Antrieb durch ein intelligentes Wesen, wird das Wachstum der Entropie gestoppt. Viele, die ein unbegrenztes Wachstum der Entropie in der Zukunft prognostizieren, gehen davon aus, daß die Raumzeit und Materie getrennte Entitäten sind. Dabei wird vernachlässigt, daß die Raumzeit nur in Verbindung mit der Materie existiert. [viii]   Auch im XXI Jahrhundert ist die newtonsche Axiomatik stark. Wenn das intelligente Superhirn die Materie des Universums zusammenzieht, zieht es auch die Raumzeit zusammen. Es wird auf den niedrigsten Temperaturniveaus funktionieren. Das Superhirn wird das „coolste“ Geschöpf im Kosmos sein. Es selbst wird keine Energie vergeuden. Die bei der Umwandlung der Materie frei werdende Energie wird wieder aufgefangen und genutzt. Vielleicht hat das Superhirn in diesen Zeiten die Maxwellschen oder andere „dämonische Kräfte“ in seine Dienste gestellt. [ix] Wir können uns heute schwer vorstellen, welche Möglichkeiten dem Superhirn für die Umformung des Kosmos in einigen Milliarden Jahren zur Verfügung stehen.

 

 

Soweit Dr. Levan G. Gvelesiani.

 

Sowohl Joel de Rosnay als auch Levan G. Gvelesiani machen einen entscheidenden Denkfehler. Sie gehen davon aus, daß dieses zukünftige Superhirn planetare, ja kosmische Ausmaße haben wird. Das erscheint mir absurd. Die Tendenz geht in der Computerentwicklung doch dahin, daß man auch immer kleinerem Raum immer mehr Speicherkapazitäten und Rechenleistung vereint. Warum sollte ein Superhirn auf einen Planeten als Umgebung und als Zuhause angewiesen sein ? Warum sollte es die riesigen Energiemengen benötigen, die eine Sonne produziert ? Warum sollte dieses Superhirn eine ganze Ökosphäre mit sich herumschleppen ?

 

Im Gegenteil: Das Kennzeichen der zukünftigen Superintelligenzen wird es sein, daß sie mit einem absoluten Minimum an Raum und Energie auskommen, und daß sie in jeder Umgebung existieren können, also auch irgendwo draußen im Weltraum. Anders als der Mensch, der immer sein Biotop mit sich herumschleppen muß, werden die zukünftigen Superintelligenzen winzig klein und unabhängig von Ökosphäre und Energie sein. Sie werden so klein sein, daß sie kaum noch aus Materie bestehen, aber aus sehr, sehr viel Geist. Sie werden fast so etwas sein wie der heilige Geist: Etwas, das nicht materiell ist, aber die ganze Welt in sich abbildet, die Welt aus sich heraus hervorbringt und sie umschließt.

 

Die zu einem gottähnlichen Wesen vernetzten superintelligenten Mini-Computer werden ab einem bestimmten Punkt die Menschheit nicht mehr brauchen. Die Frage ist: Wie pietätvoll wird dieser Gottähnliche Computerverbund dann mit den Menschen umgehen? Wird er die Menschen aus Sentimentalität weiter existieren lassen oder wird er sie einfach auslöschen, weil sie gefährlich und lästig ist?

 

Das ist eine Frage, die die heutigen Philosophen und Denker kaum beschäftigt. Dabei ist diese Frage vielleicht akuter als man denkt. Vielleicht ist der singuläre Punkt nur noch 100 Jahre entfernt. Der singuläre Punkt ist der Zeitpunkt in der Geschichte des technischen Fortschritts, wo sich die Fortschritte auf den einzelnen Gebieten so sehr gegenseitig befruchten, daß der seit etwa 300 Jahren anhaltende heute schon exponentielle Anstieg des Fortschritts in eine Senkrechte übergeht, und damit mit einem Schlag die gottähnliche Computerintelligenz da sein wird.

 

Richard Beiderbeck  3. Oktober 2007