Der
„Kybiont“
Buchbesprechung
„Homo symbioticus“
Von
„Homo symbioticus
- Einblicke in das 3. Jahrtausend“ von Joel de Rosnay,
erschienen 1997 im Gerling Akademie Verlag, München. Titel des französischen
Originals: „L’homme symbiotique“,
erschienen 1995 in Paris.
Über den Autor:
http://de.wikipedia.org/wiki/Jo%C3%ABl_de_Rosnay
Das Kundenmagazin der Gerling-Gruppe
schreibt:
„Joel de Rosnay
geht davon aus, dass sich auf der Erde
eine neue Lebensform bildet. De Rosnay nimmt an, dass
die Möglichkeiten der Computertechnologie (Simulation, Vernetzung etc.) zur
Entstehung eines Makrooganismus führen, dessen Zellen
die Menschen sein werden . Nach dem homo sapiens, dem
homo faber «oder dem räuberischen» homo oeconomicus ist für de Rosnay die Zeit des symbiotischen Menschen angebrochen, der
in einer harmonischen Beziehung mit einem Wesen lebt, das grösser
ist als er selbst und zu dessen Erschaffung er genauso beigetragen hat, wie es
ihn im Gegenzug erschafft („Koevolution“). Dazu
wendet der Autor für diesen planetaren Organismus den neuen Begriff «Kybiont» an, eine Wortschöpfung aus Kybernetik und
Biologie.“
Die Zeitschrift „Telepolis“
veröffentlichte im Internet (mit freundlicher Genehmigung des Verlages) einen
Textauszug aus dem Buch „Homo symbioticus“ von Joel
de Rosnay: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/2/2091/2.html
Ich gebe diesen Textauszug hier in
gekürzter Form wieder:
„Die menschliche Gattung steht vor einer
nie dagewesenen Herausforderung, nämlich von innen heraus einen lebenden
Organismus zu erschaffen, der eine höhere Organisationsstufe aufweist als sie
selbst. Ein Organismus, der dazu bestimmt ist, ihr symbiotischer Partner zu
werden…
Um eine Vorstellung von dieser Perspektive
zu vermitteln und diesen wahrscheinlich nächsten Abschnitt der
Menschheitsentwicklung zu veranschaulichen, habe ich die Metapher des Kybionten gewählt, des gerade entstehenden planetaren
Makroorganismus. Vieles deutet darauf hin, daß der Kybiont in seinem Urzustand bereits existiert und von
seiner eigenen Dynamik lebt. Die vielfältigen gesellschaftlichen
Organisationsformen, die Städte, die konzentrierten oder verstreuten
menschlichen Gemeinschaften, die Maschinenpopulationen, die Kommunikations-
bzw. Transportnetze sind sichtbare Makrostrukturen, die die vitalen Organe oder
Geflechte des Kybionten bilden. Schritt für Schritt
breitet sich dieses hybride menschliche Geflecht über die Erdoberfläche aus,
indem es sich auf eine ähnliche Art ausdifferenziert und fortpflanzt wie
Embryonalzellen im Entstehungsprozeß eines lebenden
Organismus.
Die Metapher des Kybionten
dient dazu, sich die Globalität der untersuchten Phänomene zu vergegenwärtigen.
Vergleichen wir für einen Augenblick die Erde mit dem Kybionten.
Unser Planet ist eine sich selbst regulierende kybernetische Maschine, deren
Funktionsweise derjenigen eines Organismus gleicht. Dieses Modell, das James Lovelock Gaia getauft hat, macht
es möglich, eine große Zahl von Elementen unterschiedlicher Gebiete unter einem
einheitlichen Konzept zusammenzufassen.
Das, was Gaia für
das planetare Ökosystem ist, ist der Kybiont für den
gesellschaftlichen Makroorganismus. Aber in Wahrheit besteht er genau wie Gaia aus miteinander konkurrierenden Subsystemen. Wegen der
Vielgestaltigkeit der Erde wäre es unrealistisch, die Entstehung eines einzigen
planetaren Makroorganismus ins Auge zu fassen…
Aus Gründen der Vereinfachung betrachte ich
den Kybionten als einen einzigen planetaren
Organismus. Insbesondere als die am weitesten entwickelte Form eines im
Entstehen begriffenen planetaren Hirns…Da der Kybiont
aus seiner Existenz als Parasit von Gaia die für sein
Überleben notwendige Energie bezieht, besteht für ihn in der momentanen
Situation keinerlei Notwendigkeit, sich in seiner Gesamtheit zu bewegen. Und
schließlich breitet sich die aktuelle Form des Kybionten,
der dazu in der Lage ist, durch die Akkumulation einer kritischen
Informationsmasse die Zeit zusammenzuziehen, mittels seiner Kommunikationsnetze
über unseren gesamten Planeten aus. Sowohl sein organisatorischer Einfluß als auch seine Rolle als Katalysator werden
folglich immer entscheidender. Auf diese Weise entwickelt sich der Kybiont schneller als jede andere Form entstehenden
Makro-Lebens.
Zahlreiche Autoren (Wissenschaftler,
Philosophen, Science-fiction-Autoren, politische
Visionäre) haben in ihren Büchern von der Entstehung planetarer Superorganismen
gesprochen oder sie manchmal sogar sehr ausführlich beschrieben. Diese
Darstellung ergibt sich von selbst, sobald man nur mit genügend Distanz die
Entwicklung der gesamten Menschheit und ihrer Erfindungen, Produktionen oder
Konstruktionen untersucht…Zuweilen gibt es auch naive, utopische oder poetische
Beschreibungen dieser Superorganismen. Trotzdem berichten auch sie, allerdings
auf ihre Weise, vom makroskopischen Phänomen, deren
Zeugen und Akteure zugleich wir sind.
Die Lebensfunktionen auf globaler Ebene
Es stimmt, daß
das Leben des Kybionten vom menschlichen Standpunkt
aus nur schwer erkennbar ist. Vom Gipfel eines Berges oder durch die Luke eines
Flugezeugs gewinnt man manchmal den Eindruck eines
hektischen Lebens, das sich zu unseren Füßen abspielt. Es findet seinen
Ausdruck im Schauspiel der allnächtlichen beleuchteten, in der Natur verteilten
Stadt-Zellen und in dem nie abbrechenden Verkehr auf den großen Verkehrsadern:
weiße Lichter auf der einen Seite, rote auf der anderen - wie das in den Venen
und Arterien zirkulierende Blut -, die wirken, als würden sie von einer
gigantischen Pumpe hin und her bewegt. Von noch weiter oben offenbart sich dank
der per Satellit übertragenen Bilder die Ansicht des blauen Planeten und der
Ausdrucksformen des gesellschaftlichen Lebens: Megalopolen, Straßennetze…
Die Makrowelt des Unsichtbaren ist die der
Ökonomie und ihrer unzähligen, gleichzeitig getätigten Geschäfte; die über
Satelliten übertragenen Radio- und Fernsehwellen, die ein immaterielles
Spinnennetz um die Erde legen. Auch die Welt des Geldverkehrs, der
unterirdischen oder unterseeischen Erdöl- und Informationspipelines gehört
dazu; die elektronischen Datenbanken, die Gesetze, Codes und zeitlich
begrenzten Abkommen, mit denen die verschiedenen Aktivitäten der menschlichen
Gesellschaften kontrolliert, reguliert und aufeinander abgestimmt werden.
Wie jeder lebende Organismus sorgt der Kybiont mittels der Menschen und Maschinen für die
Sicherung seiner wichtigsten Grundfunktionen: Selbsterhaltung,
Selbstregulierung, Selbstreparatur. Er ernährt sich, wandelt Energie um,
verdaut und entledigt sich (zwar noch unvollständig) seiner Abfälle. Seine
wichtigsten Nahrungsmittel sind Öl und Kohlehydrate. Ersteres dient dazu, den
Betrieb der mechanischen und elektronischen Maschinen mittels Elektrizität
sicherzustellen, das zweite Ergebnis der Photosynthese und der
landwirtschaftlichen Erzeugnisse, dient der Versorgung der biologischen
(menschlichen und tierischen) Maschinerie. Der Kybiont
ernährt sich auch von anderen Energieformen (Atomenergie, Biomasse und Naturgas),
aber global betrachtet sind Öl und Kohlehydrate seine Grundnahrungsmittel. Die
biologischen, mechanischen und elektronischen Maschinen wandeln Energie in
nützliche Arbeit um, wodurch sowohl die Aufrechterhaltung der Strukturen und
Funktionen als auch die Entwicklung des Kybionten
gewährleistet wird…
Der interne Verkehr des Kybionten
ähnelt dem eines lebenden Organismus. Arterien, Venen und Kapillare der
Transportnetze befördern Energie, Erzeugnisse und Informationen durch die Luft,
das Wasser, über Schienen und Straßen. Genau wie Zellen und Blutkörperchen ist
jede bewegliche Maschine, entsprechend ihrer jeweiligen Eigenschaft und
Funktion, an diesem Verkehr beteiligt. Handelswaren und Passagiere bewegen sich
in einem ununterbrochenen Kreislauf von einem Land ins andere, während ganze
Gewebe- und Organbereiche des Kybionten sich
reparieren, heilen und erneuern.
Das Verdauungssystem des Kybionten wandelt komplexe Materialien in einfache
Substanzen um, die sein Stoffwechsel verwerten kann, oder sie werden für den
späteren Bedarf gelagert. Die Abwässer und Abfallprodukte werden über ein
Kanalsystem entsorgt, von Reinigungsdiensten aufgefangen, von Spezialeinheiten,
die die Rolle von Niere oder Leber innerhalb eines vielzelligen
Organismus spielen, beseitigt, behandelt und wiederverwertet. Das
Verdauungssystem des Kybionten funktioniert noch
nicht im Rahmen einer symbiotischen Verbindung mit Gaia:
die Abfälle werden auf Mülldeponien "verkapselt", unter freiem Himmel
angehäuft oder verschmutzen ganze Erdregionen. Die kybernetischen
Makro-Regelkreise sind noch nicht so geschlossen, wie sie es im natürlichen
Ökosystem dank der Arbeit der zersetzenden Mikroorganismen sind.
Der Kybiont
besteht aus einer Vielzahl ineinander übergreifenden Abwehrmechanismen bzw. -systemen,
die die Aufrechterhaltung seiner Strukturen und Funktionen gewährleisten. Die
Stadt ist ein Schutzsystem, das eine menschliche Gemeinschaft von der Außenwelt
isoliert und gleichzeitig den kulturellen, politischen, industriellen und
Handelsaustausch begünstigt. Ursprünglich dienten die Stadtmauern dem Schutz
der Bevölkerung gegen Eindringlinge, die Güter und Ernten plündern wollten. Die
Häuser sind mittels Energieverteilungstechniken, Müllsammlung und Kommunikation
zu einer symbiotischen Mikro-Umwelt des Menschen mit festgelegten Funktionen
geworden. Diese Form der symbiotischen Struktur erfaßt
auch andere geregelte Mikro-Umwelten: Arbeit (Büros, Bürotürme); Handel (große
Supermärkte, Einkaufszentren); Freizeit (in-door-Sportarten,
Center-Parks); Kultur (Museen, Technikparks); Reisen (große Flughäfen).
"Immunisierende" Abwehrnetze schützen den Gesellschaftsorganismus
gegen unterschiedliche bedrohliche Gefahren oder Eindringlinge.
Die mit Computern verbundenen planetaren
Kommunikationssysteme bilden
die Vorstufe für das Nervensystem und das Hirn des Kybionten.
Immaterielle Datenströme, Steuerungsbefehle, Unterhaltungen, Bilder und Töne
sind in einem ununterbrochenen Reigen im Umlauf. Sie benutzen Drähte, Kabel,
Glasfaserkabel, elektromagnetische Wellen, Satelliten, Radio- und Fernsehsender
bzw. -empfänger, Computerbildschirme, Telefone, die Presse . . . Das
Funktionieren der menschlichen Gesellschaft in den Netzen erreicht ein solches
Maß an Komplexität und entwickelt sich derartig schnell, daß
dieses symbionomische Phänomen besondere
Aufmerksamkeit verdient.
Das Nervensystem und das Hirn des Kybionten kontrollieren und regulieren die Systeme des
materiellen Austauschs und Transports, die ihrerseits den Stoffwechsel des
Gesellschaftsorganismus bilden und seine Selbsterhaltung gewährleisten. So ist
die Koppelung von Elektronik und Mechanik eine hybride Form interner
Energieregulierung der Informations- und Materialströme oder der großen
Beziehungszyklen mit Gaia, dem planetaren Ökosystem.
Makro-Schnittstellen verbinden jedes menschliche "Neuron" mit den
großen Stoffwechselfunktionen des Kybionten, und zwar
mittels flutartiger Verbreitung auf den Güter- und Dienstleistungsmärkten, in
den weltweiten Reservierungssystemen für Flugzeugplätze oder im Geldverkehr
durch Kreditkarten und Geldautomaten; oder mittels der Verkehrsleitsysteme per
Satellit, der Netze für die zwischenmenschliche Kommunikation per Computer, der
elektronischen Meinungsumfrage (TED), der Indizes für die wirtschaftliche Lage
. . . Das planetare Auge und das planetare Ohr der audiovisuellen Medien, die Meßfühler für das Wetter und die Fernmessung werden Schritt
für Schritt zu echten "Sinnesorganen" der Erde.
Im Wahnsinn der Märkte, in den Zuckungen
der Börse und im Schwanken der Wechselkurse offenbart sich das Leben des Kybionten auch von seiner hektischen und schnellebigen Seite. Der Markt entspricht einem parallelen
Supercomputer, der die Entscheidungen und das Vorgehen einer Vielzahl von
Agenten einbezieht, die nach einfachen Regeln handeln: Preise, Prozentsätze,
Indizes . . . Die Börse ist ein lebendes Ökosystem. Dank des Computers, der
Kommunikationsnetze und der Zeitunterschiede funktioniert sie beinahe
unablässig in Echtzeit. Ihre graphisch festgehaltenen Schwankungen sind
chaotisch und haben fast biologischen Charakter. Sie ähneln den
Langzeitdiagrammen der Lebensparameter wie Herzschlag, Atemrhythmus,
Veränderung des Blutdrucks oder der Hormonkonzentration im Blut. Auch ohne
einem naiven Animismus anzuhaften, offenbart die Börsen- und
Weltmarktbeobachtung doch, daß man es hierbei mit
einem lebenden Ökosystem zu tun hat. Diese regulative Makro-Schnittstelle hat
ihre eigene "Psychologie". Die Kommentatoren beschreiben die
Stimmungen der Börse in bildhafter Sprache: Die Stimmung ist niedergeschlagen,
euphorisch, mürrisch, fiebrig; die Börse verharrt in Wartestellung oder eilt
den Ereignissen voraus. Diese Beschreibungen sind uns so vertraut geworden, daß man ihren makroskopischen
Charakter vergißt: die Börse ist nichts anderes als
ein unmittelbar wahrnehmbares Zeichen für das Leben des Kybionten.
Ich könnte diese analoge, isomorphe oder
metaphorische Lebensbeschreibung des Kybionten noch
seitenweise fortsetzen, indem ich ihn mit einem biologischen Organismus
vergleiche. Das ist jedoch nicht mein Ziel, und die Grenzen einer solchen
Beschreibung würden schnell spürbar. Mein eigentliches Interesse gilt dem
Menschen, und in erster Linie dem symbiotischen Menschen. Wie wird er
angesichts der sich aus dem Leben des Kybionten
ergebenden Zwänge seinen Aktivitäten und seiner Freiheit Geltung verschaffen?
Welchen Nutzen wird er andererseits aus der geregelten und harmonischen
Funktionsweise des gesellschaftlichen Makroorganismus ziehen?
Zwei grundlegende Lebensfunktionen des Kybionten bieten mir die Möglichkeit, eine Antwort auf
diese Frage zu suchen. Einmal handelt es sich um die Funktion der
Selbsterhaltung durch die Koppelung von Ökologie und Ökonomie. Zum anderen um
die der eigenen Selbstwahrnehmung des Kybionten
mittels der Entstehung einer kollektiven Intelligenz und eines kollektiven Bewußtseins. Im Rahmen dieser beiden Funktionen - die eine
ist ökosphärisch, die andere noosphärisch - entsteht,
entwickelt und beschleunigt sich jetzt im Augenblick die symbiotische Beziehung
zwischen dem kreativen und handelnden Menschen einerseits und dem Kybionten andererseits.
Navigieren im Cyberspace
Das planetare Hirn des Kybionten
ist im Entstehen begriffen. Wie das Beispiel Internet gezeigt hat, funktioniert
es mittels Menschen-Neuronen, die durch Computer und Kommunikationsnetze
miteinander verbunden sind. Die Datenautobahnen sind die großen Achsen des
planetaren Nervensystems, und die immer kleineren und allgegenwärtigeren
Personalcomputer seine "Gliazellen", die es
den Neuronen ermöglichen, zu funktionieren und Schnittstellen zu bilden. Durch
die weltweit miteinander verbundenen privaten, öffentlichen, kommerziellen,
militärischen und lokalen Netze oder Netze von Netzen entstehen unwiderruflich
die Maschen einer neuen Form von kollektivem Gehirn. Ein hybrides, biologisches
und elektronisches (bald auch biotisches) Gehirn,
dessen Verarbeitungsleistung unvergleichlich größer ist als die unserer
Abermilliarden Neuronen und die der im Vergleich dazu schon leistungsfähigeren
einzelnen Computer.
Menschen-Neuronen, elektronische
Autobahnen, Computer und Megaspeicher bilden die Grundlage für den Cyberspace,
die neue elektronische Umwelt, die das kollektive Denken des Kybionten umgibt. Der Cyberspace verkörpert die aus den
zwischen den Menschen in den Kommunikationsnetzen ausgetauschten Informationen
hervorgehende virtuelle Welt. Er macht es möglich, sich unendliche Hypertext-
und audiovisuelle Umgebungen vorzustellen, die mit der Frequenz und der Dichte
des Informationsaustauschs koevoluieren. Die Welt des
Internet ist ein Cyberspace. Sie schafft die Voraussetzungen für eine neue
elektronische Staatsbürgerschaft, eine neue Form der zwischenmenschlichen
Beziehungen, der kulturellen, kommerziellen und wissenschaftlichen
Zweckmäßigkeiten…
Die Schnittstellen mit dem Kybionten werden fortwährend verbessert und ähneln
zunehmend denen der biologischen Netze. Man benutzt Hybriden, die aus
Personalcomputern, Telefonen und Fernsehgeräten bestehen. Da sie nicht mehr
über Kabel an das Telefonnetz bzw. elektronische Natz
angeschlossen sind, sind sie mobil, tragbar und werden immer kleiner. Ihre
starken Batterien gewährleisten tagelange Unabhängigkeit. Die Kommunikation mit
diesen Maschinen geschieht mittels Sprache. Man spricht die Sätze ganz normal
und ohne besondere Pausen zwischen den Wörtern aus. Die Maschinen reden
wahlweise mit männlicher oder weiblicher Stimme mit uns. Zwei- oder
dreidimensionale bewegte Gesichter erscheinen auf dem Bildschirm, um den Umgang
zu personalisieren. In Form kleiner dreidimensionaler Figuren (holographische virtuelle Klone oder Projektionen
anpassungsfähiger optischer Systeme) verlassen sie zuweilen den Bildschirm. Die
Maschinen erk Physiognomien und Gesichtsausdrücke,
Gesten und Körperbewegungen. Sie können auch Gerüche, Duftstoffe wahrnehmen und
sie als zusätzliche Informationsquelle nutzen.
Die tragbaren Ausführungen dieser
leistungsfähigen Maschinen sind nicht größer als eine Brieftasche. Sie
kommunizieren sehr diskret mit uns, indem sie uns, schnurlos, etwas ins Ohr
sprechen; aber auch mittels Induktion, Radiowellen oder Texten und Bildern, die
auf dem virtuellen Bildschirm einer leichten Brille in unserem Gesichtsfeld zu
schweben scheinen. Die Schnittstellen der virtuellen Realität sind einfach und
kaum hinderlich. Die Helme sind durch 3-D-Sichtbrillen mit schnurlosen Hörern
ersetzt worden. Die Handschuhe mit Kraftrückführer weichen Sensoren, die am
Handgelenk oder an anderen Gliedern angebracht sind. Diese Sensoren
registrieren bioelektrische Impulse, die von den Nerven an die Muskeln übertragen
werden. Einfache und leichte Systeme leiten die Kraftrückführungen weiter. Je
nach Wunsch ist es jederzeit möglich, dank einer angepaßten
intellektuellen Ergonomie in die virtuelle Welt einzutauchen.
Die Netze sind also dauernd mit diesen
Gehirnprothesen verbunden. Folglich sind leistungsstarke Computer jederzeit
zugänglich und erhöhen so die Verarbeitungsleistung der Personalcomputer. Die
Netze der Netze in der Art des Internet sind hochentwickelte Versuchsfelder für
das Funktionieren des Kybiontenhirns. Die
Anwender-Schnittstelle des Internet ist beachtlich verbessert worden: die
Schnittstellen Mosaic und Netscape (mit deren Hilfe man durch das Anklicken von
Symbolen oder Textzeilen von Computer zu Computer in der ganzen Welt navigieren
kann) werden ersetzt durch Gesichter intelligenter Agenten oder Roboter, mit
denen man sich unterhält oder denen man Bilder, Texte oder Graphiken zeigt. Das
digitale Radio ist in den Netzen genauso verfügbar wie das interaktive Video.
Hiermit lassen sich nicht nur Videokonferenzen abhalten, sondern auch die
Telepräsenz wird möglich, mit deren Hilfe Vorgänge oder Handhabungen über große
Entfernungen hinweg in der virtuellen Realität durchführbar sind. Die
manipulierbaren Räume erleichtern Begegnungen. Ihren Ursprung haben sie in den
Arbeiten der Forscher am Xerox Palo Alto Research
Center (Parc). Dort hat man
"gegenstandsorientierte Programme für mehrere Anwender" entwickelt,
dies es gestatten, daß eine große Zahl von Anwendern
über große Entfernungen hinweg in vertrauten Räumlichkeiten miteinander
interagieren: Konferenzräume mit Gemälden, Schreibtischen, Schubladen und
Kaffeemaschinen. Mittels einfacher Befehle treten die Benutzer dieser Räume
miteinander in Audio- oder Videokontakt und wirken in Echtzeit auf dieselben Gegenstände
ein.
Die Cyberspaces ermöglichen den Zugriff auf
Laborarbeiten, gemeinsame Experimente und riesige Bibliotheken. Man greift auf
sie zu und hat dabei den Eindruck, sich physisch zwischen den Bücherregalen zu bewegen.
Durch Anklicken des Buchrückens schlägt man in ihnen nach: ihre Typographien
und die Farbbilder sind mit denen echter Bücher identisch. Das gleiche gilt für
die Suche in virtuellen Supermärkten und Geschäften, für das Nachschlagen von
Katalogen, die Vorführung von Gegenständen, die Manipulation von Molekülen, die
Bewegung innerhalb von Mikroräumen usw.
Die Schnittstelle mit den Netzen der Netze
hat sich durch die allgemein verbreitete Steuerung mit Hilfe der Stimme, der
automatischen Verbindungen allgegenwärtiger Mikros und der intelligenten
Agenten grundlegend verändert.
Genauso wie man im Zeitalter des
Wegwerf-Stiftes noch seinen Füllfederhalter benutzt, gebraucht man ebenso den
Personalcomputer. Allerdings entpersonalisiert er
sich, um in der Umwelt zu verschwinden. Die Verringerung der Kosten, die
Leistungsstärke und die Miniaturisierung machen aus ihm einen in jedem Büro in
Form von intelligenten Notizblöcken, Magnetstreifenkarten und "post-its" Dutzende Male vervielfältigten Gegenstand.
Der Computer braucht nicht mehr transportabel sein, da er Bestandteil der
Umwelt geworden ist. Er wird wie Mark Weiser, der Forschungsleiter am Xerox Parc, sagt, zu einem ubicomp,
einem allgegenwärtigen, fast wegwerfbaren Computer.
Er ist überall, erkennt uns dank unserer interaktiven Magnetkarte. Durch Radio-
oder Infrarotverbindungen kommuniziert er schnurlos mit den Computern in den
Netzen und mit den anderen "ubicomps"
seiner unmittelbaren Umgebung. Um zu erfahren, ob man eine Nachricht in seinem
elektronischen Briefkasten empfangen hat, ist es nicht mehr notwendig, sich
anzuschließen: der Agent benachrichtigt einen und liest sie auf Wunsch ab.
In Organisationen mit vielen Beschäftigten
tragen die Mitarbeiter aktive Magnetkarten, die ihre Bewegungen überwachen.
Kameras zeichnen die Bewegungen der Personen und Dokumente auf. Es werden
jederzeit von den Benutzern überprüfte Verfahren angewandt, um den Schutz des
Privatlebens eines jeden zu gewährleisten. Die gesamte Organisation
funktioniert demzufolge wie eine Unterstützung zur Speicherung von Fakten,
Ereignissen, Transaktionen und Versammlungen, die deren Nutzung und Einordnung
erleichtert. Im Laufe der Versammlungen, Konferenzen und Seminare nehmen die
Computer die gehaltenen Reden auf und bereiten Zusammenfassungen vor, die
jederzeit in den Netzen verfügbar sind. An Videokameras angeschlossene
elektronische Notizblöcke werden ebenfalls benutzt. Wenn man einen zuvor
notierten Satz anklickt, hat man unmittelbar Zugriff auf die digitalisierte
Sequenz, die genau diesem Moment entspricht.
Das Ziel dieser kollektiven Kommunikations-
und Speichertechniken liegt darin, die Intelligenz von Organisation zu
vergrößern. Früher waren die Mittel und Werkzeuge auf das Individuum
ausgerichtet, um dessen Leistungsfähigkeit und Produktivität zu steigern. Heute
konzentrieren sie sich darauf, die Intelligenz der Organisation selbst zu
vergrößern. Von einer statischen Informationsstruktur verändert sie sich zu
einer dynamischen Ökologie der Kommunikation, von der John Selly
Brown, der Director von Xerox Parc,
sagt, sie würde sich zu einer "Raffinerie des Wissens" entwickeln.
Die Seele des Kybionten
Gaia und Kybiont,
das sind die beiden symbiotischen Partner. Der eine mit seinem ursprünglichen
Stoffwechsel, der die Selbsterhaltung und die Entwicklung (die Wirtschaft)
ermöglicht, der andere mit seinem noch im Anfangsstadium befindlichen
planetaren Hirn (dem denkenden Netz).
In lebenden Organismen wird der
Energieverbrauch durch Information kontrolliert. Es ist vorstellbar, daß in der Beziehung zwischen Gaia und Kybiont das
planetare Hirn Schritt für Schritt die "natürliche" Homöostase Gaias ersetzt. Eine bewußte Makroregelung sowohl der ökonomischen und
energetischen Flüsse als auch der Bedingungen für die dynamische Stabilisierung
der Umwelt könnten auf diese Weise von der Menschheit ausgehen. Dies ist
bereits der Fall bei der Luftverkehrsregelung sowie den informatischen
Leitsystemen für die Auto- und Lastwagenströme auf den Autobahnen und in den
Städten (intelligente Mautstellen, Projekte für Verkehrsleitsysteme und car systems mittels
Lichtschranken und eingebauter Relais, Positionsbestimmung durch Satellit).
Gleiches gilt für das computerüberwachte Sortieren von Postsendungen,
Frachtstücken und Paketen, die von der Post oder von Transportunternehmen
weiterbefördert werden; oder für die weitverbreitete Nutzung der elektronischen
Zahlungssysteme, bei denen die Immaterialität der Elektronik mit der
Materialität des Geldes, der Güter und Dienstleistungen gekoppelt wird.
Bedauerlicherweise gibt es im Zusammenhang mit dem Energieverbrauch keinerlei
Regulierungsmöglichkeiten durch die Endverbraucher. Die Energieunternehmen
verfügen über kein wirkliches Energiesparkonzept und tendieren im Gegenteil
sogar dazu, den Verbrauch zu steigern.
Das aus den individuellen Gehirnen und dem
Verbundsystem von Computern und Kommunikationsmitteln bestehende denkende Netz funktioniert auf eine chaotische Art
und Weise. Verbindungen entstehen genauso schnell wie sie wieder verschwinden.
Es kommt zur Bildung von Einheiten, die die Rolle dynamischer Speicher
übernehmen und neue Verbindungen mit anderen Einheiten eingehen. Der
Verbindungen zwischen einzelnen Knoten werden enger, während die zwischen
anderen sich auflösen. Es entstehen Formen, gedankliche Assoziationen,
dynamische Ströme für den Nachrichtentransport, Turbulenzen; mal kommt es zur
Stabilisierung, mal zur Tilgung . . . Das Hirn des Kybionten
ist flüchtig und nimmt fortwährend eine andere Gestalt an. In dieser Beziehung
ähnelt es dem Immunsystem - einem wirklich mobilen Hirn - und dem je nach
Anforderungsprofil in sich selbst geschlossenen Nervensystem.
Im Jahre 1949 hat Donald O. Hebb, Neurophysiologe an der MacGill-Universität
in Montreal, in seinem Buch The Organization
of Behaviour eine revolutionäre Theorie des
psychologischen Verhaltens veröffentlicht. Seiner Meinung nach betreibt das
Gehirn fortwährend eine Umgestaltung der Synapsen,
die die Übertragung der Nervenleitung gewährleisten. Die der chemischen Wirkung
aktivierender oder hemmender Hormone unterworfenen Synapsen
programmieren sich in Abhängigkeit von den verschiedenen Wahrnehmungen, Reizen
und Stimuli um. Durch die fortwährende Stimulierung von Verbindungen und
Nervenbahnen werden ganze Bereiche, die aus Tausenden von Neuronen bestehen,
aktiviert, verbinden sich und bilden Untereinheiten, die durch Verstärkung von
Eindrücken (Formen, Farben, Töne, Wörter) lernen. Diese Untereinheiten bilden
dynamische Netze neuronaler Interaktionen, Bausteine für die
Gehirninformationen.
Ich schlage vor, sich die Bildung und
Funktionsweise des Kybiontenhirns in ähnlicher Weise
vorzustellen. Die Menschen, eine Vielzahl chaotisch interagierender
Agenten, sind die Neuronen des Hypernetzes. Ihre mittels Computer (und auf eine
noch direktere Weise mittels biotischer
Schnittstellen) hergestellten Verbindungen führen zu einer bewußten
Vorstellung vom "geistigen" Funktionieren des Kybionten.
Es handelt sich um ein reflektiertes globales Bewußtsein
in der Introsphäre</Font>. Die genannten
Verbindungen lassen sich wieder auflösen und sind Verstärkungen oder Hemmungen
ausgesetzt. Es kommt zur Bildung autokatalytischer Phänomene, die die
Entstehung neuer Konzepte, Lösungen und Lösungsvorschläge nach sich ziehen. Das
Internet veranschaulicht dies gegenwärtig auf eine aufschlußreiche
Art und Weise.
Der symbiotische
Mensch übernimmt innerhalb dieses Hypernetzes die Funktion eines
Knotenpunktes. Er stellt gleichzeitig die Gesamtheit des Netzes und eines
seiner Elemente dar. Er existiert durch das Netz, und das Netz existiert nur
durch ihn. Knoten und Verbindungen bilden eine Einheit im Rahmen einer auf sie
zurückwirkenden globalen Funktionsweise. Das Ganze existiert nur durch das bewußte Funktionieren der Elemente, und jedes Element wird
seinerseits durch das Funktionieren des Ganzen durchblutet und belebt (und sein
intellektuelles Potential vergrößert).
Einstmals fand der Mensch in den Städten
das gesellschaftliche Netz vor, mit dem er seine physischen, intellektuellen
und kulturellen Fähigkeiten erweiterte. Die negativen Wirkungen, die aus dem
Zusammenstoß mit den wirtschaftlichen, soziologischen und ökologischen Zwängen
resultierten, haben ihn dazu veranlaßt, andere,
ergänzende und dematerialisierte Netze für die
Verstärkung seiner Anlagen zu suchen. Das elektronische Dorf, das die Netze der
Netze verkörpern, ist eine der möglichen Lösungen. Die Kombination aus
individuellen Gehirnen, intelligenten Agenten und der Seele des Kybionten begründet ein Informations-Ökosystem, dessen
Entwicklung nunmehr unumkehrbar zu sein scheint. Die beschriebene
Funktionsweise führt zur Bildung einer kollektiven Intelligenz, und aus dieser
Symbiose entsteht ein nach und nach sich seiner selbst bewußtes
Bewußtsein.
Der Übergang vom gesellschaftlichen
Individuum, vom homo oeconomicus, zum symbiotischen Menschen birgt - wie jede
Form von Symbiose - offensichtliche Vorteile, aber auch neue Risiken in sich.
Wollen wir diese Zukunft? Welche Vorteile bringt der Menschheit die Existenz
des Kybionten? Wie muß die
Entwicklung gesteuert werden, um in diese neue Phase eintreten zu können?
Es scheint angebracht, im gegenwärtigen
Stadium Handlungsregeln für die Steuerung der komplexen Systeme zu erarbeiten,
deren integrale Bestandteile und verantwortliche Akteure wir zugleich sind.
Diese Regeln gelten sowohl für die herkömmliche Politik als auch für Industrie,
Wirtschaft und für die Lebenswerte, die der Mensch zur Achtung vor der
Gemeinschaft benötigt.
Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung
des Verlages dem demnächst auf deutsch erscheinenden
Buch "Homo symbioticus" entnommen:
Joel de Rosnay: Homo symbioticus. Einblicke
in das 3. Jahrtausend. 416 Seiten, Leinen, Fadenheftung. DM 58,-.
Erscheinungstermin: März 1997
Erhältlich im Buchhandel oder direkt ab
Verlag: Gerling Akademie Verlag GmbH, Prinzregentenstr.
11, 80538 München, Tel. 089/2107683, Fax 089/2107684“
Kommentar von
Joel de Rosny ist
von Haus aus Biologe. Deshalb liegt es für ihn nahe, die Erde und die
Menschheit als zwei Organismen zu betrachten, die in Symbiose leben.
Ich sehe das prosaischer. Ich unterscheide
drei Systeme:
1.
Ökosystem, schlichter aus gedrückt der
Planet Erde mit alle seinen Lebewesen
2.
Die Welt der Menschen mit all ihren Bauten,
Maschinen und Werkzeugen, aber auch mit ihrem gesamten Wissen und ihren geistigen
Werkzeugen. Die Menschen bilden ein immer komplexeres und effizienteres
Kollektiv, dessen Intelligenz die die einzelnen Menschen bei weitem übersteigt
3.
Die Welt der Computer und Computernetze.
Ursprünglich waren dies nur Werkzeuge des Menschen, wenn man so will, seine
„Denkprothesen“. Aber sie werden sich vom Menschen loslösen und ihn nicht mehr
benötigen.
Wohin führt der Mensch?
Ist „die Krone der
Schöpfung“ das endgültige Glied der langen Evolution des Universums?
Was kommt nach dem
Menschen?
Was liegt wirklich „trans humanum“ jenseits von homo
sapiens?
Die Wissenschaft versucht
in der Gegenwart die Antworte darauf zu finden, was schon heute voll im Gange
ist und morgen zum Alltag gehören wird. Bei den Analysen kommt die Entwicklung
in den nächsten 100, 1.000 oder gar 10.000 Jahren, in Erwägung.
Was kommt aber danach?
Was kommt auf uns in den
nächsten Millionen und Milliarden von Jahren?
Das Buch versucht auf
diese Frage eine Antwort zu geben.
Der Autor
stellt ein Gesamtkonzept der Entfaltung des Universums vor, wo der Mensch nur
ein Kettenglied der zweckmäßigen und notwendigen Entwicklungsreihe ist.
Im Buch werden die
Vergangenheit und die Gegenwart analysiert und anhand einer Methode, die sich
an die Arbeiten von Roy Kurzweil, Howard Bloom, Freeman
Dyson, Kevin Kelly, Marvin Minsky, Joël de Rosnay, Peter Russell, Gregory Paul, Earl Cox und vielen
anderen modernen und vergangenen Autoren anlehnt, ein Konzept angeboten, das
für die Orientierung der Menschheit auf dem transhumanen
Weg wichtig sein könnte.
Das Buch ist im
Buchhandel, sowie bei allen großen Internet-Buchhandlungen: Amazon.de,
Libri.de, BOL.de, BoD.de u.a. erhältlich.
ISBN: 3831108064
80 Seiten.
Preis: 9,99 €
Rigveda, X.90.1.-2.
|
|
Wenn sich die oben angeführten
Spekulationen als wahr erweisen, sollten wir in einigen Millionen Jahren im Sonnensystem
einen lebendigen Planeten vorfinden, welcher die Sonnenenergie direkt nutzt und
als ein einheitliches, im Wortsinn planetares Wesen existiert. Sein
Körper, die ehemalige Erde, ist jetzt ein Gehirn, welches aus Schutzgründen
durch eine Hülle vom Kosmos isoliert ist und über die Möglichkeiten verfügt,
die unlebendigen Stoffe schnellstens in seinen eigenen Teil zu verwandeln.
Dieser planetarische Metabolismus wird wahrscheinlich so eingerichtet sein, daß die entropischen Prozesse auf
ein Minimum reduziert werden. Dieses Wesen muß nicht
notwendigerweise ein Warmblüter sein, sondern es nutzt eine ganz andere Chemie
für seine Versorgung. [i] Die
„Gaia“ wird dann tatsächlich ein einheitliches Wesen
sein.
Es fragt sich, was dieses Wesen im
Kosmos alles treiben wird, was hat es für Ziele, was will es machen? Und
überhaupt, was soll das alles, wie geht es weiter?
Der Prozess der Herstellung des
künstlichen Gehirns wird sich fortsetzen. Das Erdwesen
wird nach und nach die ganze kosmische Umgebung in seinen Teil umwandeln,
genauso, wie es die Erde umgewandelt hat. Es versteht sich auch, daß diese Prozesse einige Millionen von Jahren dauern. Das
Erdwesen wird dann das ganze Sonnensystem „aufgefressen“ haben. Die vorhandenen
Stoffe werden in umstrukturierter Form zu den Teilen dieses einheitlichen
Gehirns umgewandelt sein. Ich schließe nicht aus, daß
am Anfang im Sonnensystem mehrere planetarische Wesen entstehen, die sich nach
und nach vereinigen. In den vier bis fünf Milliarden Jahren, bis die Sonne als
Supernova explodiert, ist die Arbeit getan; die ganze Materie des
Sonnensystems, außer der Sonne, die immer noch als wichtige Energiequelle
genutzt wird, ist in einem einheitlichen Superhirn gesammelt und strukturiert.
Damit wird die zehn Milliarden Jahre lange Geschichte des Sonnensystems enden. [ii]
Stuart Kauffmann,
„Öltropfen im Wasser“, S. 286
Kaum ein Wissenschaftler wagt
heute ernsthaft zu sagen, daß auf der Zeitskala von
Millionen Jahren, um über Milliarden ganz zu schweigen, das Lebendige die
kosmische Umgebung entscheidend beeinflußt. Die
meisten Prognosen gehen davon aus, daß es auch in
einigen Millionen Jahren den Menschen etwa in der gleichen Verfassung gibt wie
heute und daß die Astronauten von Planeten zu
Planeten fliegen wie heute, nur etwas schneller (Siehe z.B. Michio Kaku, 1998). Das aber erscheint einfach unmöglich, weil die
kosmische Entwicklung, die zu immer komplexeren Strukturen führt, dadurch
einfach stehen bleiben würde. Diese Entwicklung führt zur Entstehung der
Einrichtungen des galaktischen Maßstabs, die aber eine sehr feine innere
Organisation haben und, was das wichtigste ist, etwas ähnliches vollziehen, wie
das, was wir heute Denken nennen. Das werden die Einrichtungen sein, die eine
Ähnlichkeit mit der prophetischen „Black Clowd“ Fred Hoyls oder mit dem denkenden Ozean in Stanislaw Lem`s „Solaris“ besitzen. Diese planetarischen denkenden Strukturen
werden nach und nach die Galaxien „ausbeuten“ und „verschlucken“. Dabei geht es
eigentlich nur um die Umformung der vorhandenen Materie. [iii] Wie
große Attraktoren werden diese Wesen die Materie des
Universums in sich hineinziehen, umwandeln und zu ihrem Teil machen.
Ich setze voraus, daß
außer dem Wesen, welches unserem Sonnensystem entstammt, auch andere kosmische
Wesen aus anderen Regionen des Universums existieren werden. Wenn heute
außer den Menschen andere kosmische Zivilisationen existieren, können sie in
der Entwicklung nicht viel weiter sein als wir, anderenfalls hätten sie uns
vielleicht schon entdeckt bzw. wir hätten die Spur der vernünftigen Tätigkeit
im Kosmos bemerkt. Wenn es andere kosmische Zivilisationen gibt, sollen sie
etwa auf unserem technologischen Entwicklungsstand oder niedriger angesiedelt
sein. Ferner müßte für sie auch der Zwang der
kosmischen Entwicklung gelten. Eine Zivilisation, die sich nicht entwickelt,
ist im Kosmos nicht denkkbar, sie würde nicht
überleben und vom Entropiemonster gefressen werden.
Die überlebensfähigen Zivilisationen,
auf welcher Basis auch immer sie aufgebaut sind, würden sich etwa in die
gleiche Richtung entwickeln wie die Menschheit mit ihrem anfänglichen
kohlenstofflichen Bau. Vielleicht sind die „Leute“ auf den anderen Planeten
ganz andere Wesen als wir. Sie können ganz anders aussehen und chemisch anders
aufgebaut sein. Wenn die Wissenschaftler über die Möglichkeiten des chemischen
Aufbaus der lebendigen Wesen sprechen, meinen sie damit die Strukturen, die
zwangsläufig auf Kohlenstoffbasis aufgebaut sind. Das muß
aber nicht im ganzen Kosmos Geltung haben. Aus meiner Sicht begehen wir bei der
Suche nach außerirdischen Zivilisationen einen Fehler. Wir konzentrieren uns
darauf, ein Leben zu suchen, welches wie wir auf Kohlenstoff und Wasser basiert
und uns im chemischen Aufbau ähnlich ist. Wenn wir das Leben aber nicht als ein
chemisches Phänomen, sondern als ein Glied der kosmischen
Entwicklungskette auffassen, kommen wir aus
den Zwängen der Chemie heraus. Wir kennen heute die kosmische Entwicklungskette,
die etwa so aussieht: physische Welt – chemische Welt –
biologische Welt – technologische Welt. Das Glied „biologische
Welt“ in dieser Kette könnte an anderen Orten des Kosmos auch anders sein. Wir
kennen noch längst nicht alle Eigenschaften der Elemente, besonders unter von
der Erde unterschiedlichen Bedingungen. Wir wissen beispielsweise sehr wenig
über die Quantenkohärenz unter den niedrigen Temperaturen. Solche Effekte, wie
z.B. Supraleitung oder Supraliquidität können bei Wesen in anderen Welten eine
große Rolle spielen. Ich vermute auch, daß diese
Effekte im Aufbau des planetarischen Wesens und später des Superhirns eine
große Rolle spielen werden. [iv] Um mit den entropischen
Prozessen zurecht zu kommen, muß das künftige
Superhirn wahrscheinlich auf äußerst niedrigem Temperaturstand funktionieren,
damit die Denkprozesse nicht so viel Energie verwerten, wie es heute bei den
Menschen der Fall ist. Wir verbrauchen ca. 20% des gesamten Energiebedarfs für
das Gehirn. Das Superhirn sollte diesen Energieverbrauch drastisch reduzieren
und mit Supraleitung arbeiten, damit die Denkprozesse ohne bzw. nur mit
geringem Energieaufwand ablaufen.
In einigen Milliarden Jahren könnten wir
damit rechnen, daß im Kosmos mehrere, vielleicht
einige Tausende oder Millionen solcher „Hirne“ herumwandern und ihre Beute
suchen. Diese Superhirne werden bei der Begegnung im Kosmos verschmelzen, sich
zu einem größeren Superhirn vereinigen. Diese Superhirne ihrerseits vereinigen
sich mit anderen Superhirnen und schlucken die kosmische Materie weiter. Viele
Physiker werden erwidern, daß solche Wesen wegen der
Gravitation unmöglich seien. Nun denke ich, wenn diese Naturwissenschaftler den
„Big-Bang“ selbst beobachtet hätten, um anschließend
eine Prognose zu schreiben, dann würden sie nie die Entstehung des Lebendigen
voraussagen können. Die anfängliche Explosion hatte nichts an sich, um daraus
die spätere Entstehung des Gehirns folgern zu können. [v] Man
kann dem Kosmos am Beginn nicht anmerken, daß die
Entwicklung zu solchen komplizierten Strukturen führen würde, wie es heute der
Fall ist. Außerdem zweifle ich nicht, daß es einen
Zustand der Materie geben kann, wo die Gravitation aufhört zu wirken. Natürlich
existiert sie bei den groben Strukturen, aber ich schließe nicht aus, daß sich das Superhirn aus den Teilchen aufbaut, die viel
unempfindlicher zur Gravitation sind, als die uns bekannten Strukturen. Wir
wissen, daß die feinere Organisation eine niedrigere
Massedichte hat als die gröbere. Man denke an Photonen oder an Neutrinos. In
der Tiefe der Materie begegnet man letztendlich der Leere. Wie fein das Superhirn
sich strukturiert, wissen wir heute nicht. Bei den Temperaturen nahe der
absoluten Null könnte vieles möglich sein. [vi] Deshalb meine ich, daß
wenn das Superhirn die Aufgabe hat die Gravitationskräfte zu mindern bzw. deren
Auswirkung zu neutralisieren, dann wird sich eine Methode dafür finden.
Viele Autoren meinen, daß die Entropie weiter wachsen wird und letztendlich alle
Strukturen zerstört werden. Aus meiner Sicht wird die Entropie noch eine Weile,
schätzungsweise noch einige Milliarden Jahre wachsen. [vii] Dann aber, unter dem Druck des
Zusammenziehens des Kosmos und dem Antrieb durch ein intelligentes Wesen, wird
das Wachstum der Entropie gestoppt. Viele, die ein unbegrenztes Wachstum der
Entropie in der Zukunft prognostizieren, gehen davon aus, daß
die Raumzeit und Materie getrennte Entitäten sind. Dabei wird vernachlässigt, daß die Raumzeit nur in Verbindung mit der Materie
existiert. [viii] Auch im XXI Jahrhundert ist die newtonsche
Axiomatik stark. Wenn das intelligente Superhirn die Materie des Universums
zusammenzieht, zieht es auch die Raumzeit zusammen. Es wird auf den niedrigsten
Temperaturniveaus funktionieren. Das Superhirn wird das „coolste“ Geschöpf im
Kosmos sein. Es selbst wird keine Energie vergeuden. Die bei der Umwandlung der
Materie frei werdende Energie wird wieder aufgefangen und genutzt. Vielleicht
hat das Superhirn in diesen Zeiten die Maxwellschen oder andere „dämonische
Kräfte“ in seine Dienste gestellt. [ix] Wir können uns heute schwer vorstellen,
welche Möglichkeiten dem Superhirn für die Umformung des Kosmos in einigen
Milliarden Jahren zur Verfügung stehen.
Soweit Dr.
Levan G. Gvelesiani.
Sowohl Joel
de Rosnay als auch Levan G.
Gvelesiani machen einen
entscheidenden Denkfehler. Sie gehen davon aus, daß
dieses zukünftige Superhirn planetare, ja kosmische Ausmaße haben wird. Das
erscheint mir absurd. Die Tendenz geht in der Computerentwicklung doch dahin, daß man auch immer kleinerem Raum immer mehr
Speicherkapazitäten und Rechenleistung vereint. Warum sollte ein Superhirn auf
einen Planeten als Umgebung und als Zuhause angewiesen sein ?
Warum sollte es die riesigen Energiemengen benötigen, die eine Sonne produziert ? Warum sollte dieses Superhirn eine ganze
Ökosphäre mit sich herumschleppen ?
Im
Gegenteil: Das Kennzeichen der zukünftigen Superintelligenzen wird es sein, daß sie mit einem absoluten Minimum an Raum und Energie
auskommen, und daß sie in jeder Umgebung existieren
können, also auch irgendwo draußen im Weltraum. Anders als der Mensch, der
immer sein Biotop mit sich herumschleppen muß, werden
die zukünftigen Superintelligenzen winzig klein und unabhängig von Ökosphäre
und Energie sein. Sie werden so klein sein, daß sie
kaum noch aus Materie bestehen, aber aus sehr, sehr viel Geist. Sie werden fast
so etwas sein wie der heilige Geist: Etwas, das nicht materiell ist, aber die
ganze Welt in sich abbildet, die Welt aus sich heraus hervorbringt und sie
umschließt.
Die zu einem
gottähnlichen Wesen vernetzten superintelligenten Mini-Computer werden ab einem
bestimmten Punkt die Menschheit nicht mehr brauchen. Die Frage ist: Wie
pietätvoll wird dieser Gottähnliche Computerverbund dann mit den Menschen
umgehen? Wird er die Menschen aus Sentimentalität weiter existieren lassen oder
wird er sie einfach auslöschen, weil sie gefährlich und lästig ist?
Das ist eine
Frage, die die heutigen Philosophen und Denker kaum beschäftigt. Dabei ist
diese Frage vielleicht akuter als man denkt. Vielleicht ist der singuläre Punkt
nur noch 100 Jahre entfernt. Der singuläre Punkt ist der Zeitpunkt in der
Geschichte des technischen Fortschritts, wo sich die Fortschritte auf den
einzelnen Gebieten so sehr gegenseitig befruchten, daß
der seit etwa 300 Jahren anhaltende heute schon exponentielle Anstieg des
Fortschritts in eine Senkrechte übergeht, und damit mit einem Schlag die
gottähnliche Computerintelligenz da sein wird.