Der Übermensch der Transzendentalen Meditation

Von Richard Beiderbeck, www.koinae.de    

 

Durch die Technik der Transzendalen Meditation kann jeder Mensch zum Superman werden, sagte im Jahr 1975 im ehemaligen Hotel Seelisberg in der Schweiz, dem am damaligen Hauptsitz der Bewegung der Transzendentalen Meditation, der Gründer dieser Bewegung, der Inder Maharishi Mahesh Yogi, mit bürgerlichem Namen Mahesh Prasad Warma, geboren am 12. Januar 1911. Maharishi Lehren wurzeln in der Tradition des Hinduismus und Buddhismus, ebenso wie die Lehren Sri Aurobindos. Deshalb sind die Lehren und Ideen von Mahrishi  und Aurobindo/Satprem miteinander verwandt -  auch wenn beträchtliche Unterschiede bestehen und die Anhänger von Aurobindo und von Maharishi sicherlich nicht gerne in einen Topf geworfen werden wollen.

Gegen eine teuere Kursgebühr für einen „Siddhi-Kurs“ kann man sich in einem Zentrum für Transzendentale Meditation vom  Normalmensch zum Normal-Meditierenden und dann weiter zum zum Übermenschen ausbilden lassen. „Siddhis“ sind übernatürliche Kräfte. Die werden sicher nicht von der TM-Bewegung (Bewegung der Transzendentalem Meditation) garantiert, aber schon der Name „Siddhi“ und die Photos von „Yogafliegern“ legen diesen Schluß nahe. Wer Siddhi-Kräfte besitzt, so heißt es in den klassischen Texten der Veden, der kann Hellsehen, Gedankenlesen, Dinge aus dem Nichts Gestalt annehmen lassen, unsichtbar werden, fliegen usw.

Aber die Transzendentale Meditation verspricht auch noch andere Wunder zu vollbringen. Durch den 1%-Effekt, (Maharishi-Effekt) soll sich die Lebensqualität im Umfeld von Meditierenden, die das TM-Siddhi-Programm ausüben, deutlich verbessern, wenn mindestens 1 % der Bevölkerung einer sozialen Einheit (z. B. einer Stadt) nach diesem Programm meditieren. Wenn die in der Meditation besonders fortgeschrittenen Sidhas (=Besitzer der Siddhi-Kräfte) meditieren, reicht angeblich ein noch kleinerer Prozentsatz. Die Transzendentale Meditation erklärt auf ihrer Internet-Webseite:

„...dass eine Gruppe von tausend Experten, die gemeinsam an einem Ort in Deutschland die Technik des yogischen Fliegens praktizieren, unser kollektives Bewusstsein so stark beleben, dass Kohärenz, Harmonie und Positivität der Gesellschaft zunehmen“. Die „Yogaflieger“ sind meditierende, die nicht nur in ihrem eigenen Gehirn die elektrisch messbaren Aktivitäten der verschiedenen Gehirnregionen in einen harmonischen Rhythmus gebracht haben, sondern auch zwischen die Hirnwellen der Mitglieder der Gruppe einen gemeinsamen Rhythmus hergestellt haben. Dadurch, so glaubt die TM, strahlt diese Gruppe Frieden, Harmonie und positive Kräfte aus, die auf die Menschen in der Umgebung segensreich wirken. Es wäre zu wünschen, dass die Yogaflieger mit ihren Bemühungen Erfolg haben.

Die Transzendentale Meditation verspricht sogar noch mehr: letztlich eine Welt, in der es kein Leiden mehr gibt.

Aber auch für die Sidhas, die Übermenschen durch TM, gehen nicht leer aus: ihnen wird versprochen: vollkommene Gesundheit, vollkommene Koordination von Körper und Geist und eine Verlangsamung des Alterungsprozesses.

Wieder haben wir das alte indische Denkmuster: Der Mensch erlöst sich selbst und macht sich zum Übermenschen, ja zum Gott. Nachdem Gott angesichts der Aufgabe versagt hat, eine vollkommene Welt zu schaffen, in welcher keine Kreatur zu leiden hat, nimmt der Mensch selbst die Entwicklung in die Hand und schafft erst den vollkommenen Menschen und dann die vollkommene Welt.

Wie kommen nun Hinduismus und Buddhismus auf solche Ideen ? Das hängt mit ihrem Weltbild zusammen: Es gibt zwei Welten: die diesseitige Welt, (also die Welt der Materie) und die jenseitige Welt, (also die Welt des Geistes). Die diesseitige Welt ist eine Welt der Trugbilder und Täuschungen. Eigentlich existiert diese Welt gar nicht, sie ist nur ein Trugbild der Maja, der Himmelskönigin und Herrin der Welt. Was wir wahrnehmen und für Materie halten ist nur eine Illusion. In Wirklichkeit gibt es nur die geistige Welt des Jenseits. Hinter der sichtbaren Welt ist also die eigentliche Welt, welche  die sichtbare Welt erschafft und lenkt. Diese Welt hinter der Welt ist das „alldurchdringende, ewige Feld allmächtiger, schöpferischer Geisteskraft“ (Maharishi in seinem 1968 erschienen Buch „Die Wissenschaft vom Sein und die Kunst des Lebens“). Dieses „Feld allmächtiger Geisteskraft“ ist nichts anderes als der „Heilige Geist“ der Christen, das „Brahma“ der Inder, das „Tao“ der Taoisten,  das „Sein an sich“, das „Absolute“ der Philosophen, „Das Eine“ Plotins, usw. Es ist keine persönlicher Gott wie der christliche Gottvater, sondern etwas Unpersönliches.

Die Transzendentale Meditation versucht nun, die Grenze zwischen der diesseitigen und jenseitigen Welt zu überwinden, zu übersteigen („transcendere“ heißt übersteigen). Dieses Übersteigen geschieht, indem man sich in sein Inneres, also seine Seele zurückzieht, indem man alle Gedanken und alle äußeren Sinneseindrücke aus dem Bewusstsein verbannt und wartet, dass das Göttliche vom Bewusstsein Besitz ergreift. Dadurch wird der Mensch mit dem Göttlichen eine Einheit und erfährt aus eigener Anschauung, dass alle Dinge der Welt in Wirklichkeit nur ein Einziges Ganzes sind, eben das Göttliche, und dass alle Gegensätze (die so viele Leiden verursachen) in Wirklichkeit nicht existieren. Was existiert ist nur das Ganze, in die kleinste Änderung eines Teils des Ganzen wirkt sich auf das Ganze aus. Diese „Schau des Ganzen“ nennt Maharishi das „kosmische Bewusstsein“. Wer das „kosmische Bewusstsein“ hat, lebt also in Einklang mit Gott und der Schöpfung. Er weiß, dass er mit Gott, mit der Schöpfung, mit allen Lebewesen und allen Menschen identisch ist. Deswegen kann es zwischen ihm und den anderen Menschen (theoretisch) auch gar keine Interessengegensätze geben, und deshalb sind alle Kämpfe und Kriege sinnlos. Das Leben ist also kein Kampf ums Dasein, sondern das Leben ist eine unendliche Harmonie. Wie bei Aurobindo und Satprem ist also bei Maharishi der Übermensch derjenige, der das kosmische Bewußtsein besitzt und durch die Kraft seiner harmonisierten Gehirnaktivitäten sich und die Welt erlöst. Wie bei Satprem sind die Yogaflieger ein Kollektiv und können nur als Kollektiv Erfolg haben.

Inzwischen wurde dieses Konzept von den „Lichtarbeitern“ weitergetrieben. Es sollen sich Menschen auf der ganzen Welt spirituell vernetzen, indem sie alle zur gleichen Zeit meditieren und positive, harmonische wellen ausstrahlen. Dadurch, so hoffen sie, wird die Wirkung ihrer Bemühungen noch weiter verstärkt und weltweit wirksam.

Daß die Welt so schlecht ist, liegt aus der Sicht der TM offensichtlich daran, dass es so viele „negative Schwingungen“ gibt. Dem wollen nun die „Yogaflieger“ entgegenwirken, indem sie positive Schwingungen und Harmonie ausstrahlen, die dann in den Gehirnen der anderen Mensche wie durch einen Resonanzeffekt ebenfalls Harmonie und Frieden erzeugen. Man muß also nur mit vereinten Kräften harmonische Gehirnaktivitäten ausstrahlen, und die Welt kommt nach und nach in Ordnung und wird eines Tages zum Paradies. So einfach ist das. Oder vielleicht doch nicht ?

Nachdenklich stimmt, dass Maharishi und seine Gemeinde entweder den Bezug zur Realität verloren haben oder aus Gründen der Werbung (die ja häufig auch Anpreisung und Übertreibung ist) Erwartungen erweckt, die realistischerweise nicht einzulösen sind. Maharishi verspricht, dass der Mensch im Zustand des Überbewusstseins (den „höchsten Gipfel der Evolution“) alle Möglichkeiten hat, dass alle Wünsche spontan erfüllt werden, dass das Leben in völligem Einklang mit den Naturgesetzen ist und dass das Leben in Glückseligkeit geführt wird. 1975 verkündete Maharishi im damaligen Hauptquartier der TM im Hotel Seelisberg/Schweiz das „Zeitalter der Erleuchtung“. Eine Weltregierung, bestehend aus zehn Ministern (Welt-Staatschef war wahrscheinlich Maharishi) des Zeitalters der Erleuchtung wurde bei dieser Gelegenheit gleich ernannt. Aus der Sicht der TM war dies nur logisch: Wer das volle Potential seines Bewusstseins nutzt, ist ein Übermensch, steht an der Spitze der menschlichen Entwicklung und ist damit berufen, die Welt zu regieren. Was in Washington und Moskau geschah, war von nun an unwichtig. Die tranzendentale Musik spielte nämlich in Seelisberg. – Ein schöner Traum, dass die Welt von der Schweiz aus von einem indischen Guru regiert werden könnte. Aber eben nur ein Traum.