Der Übermensch der Transzendentalen Meditation
Von
Durch die Technik
der Transzendalen Meditation kann jeder Mensch zum Superman werden, sagte im
Jahr 1975 im ehemaligen Hotel Seelisberg in der Schweiz, dem am damaligen
Hauptsitz der Bewegung der Transzendentalen Meditation, der Gründer dieser
Bewegung, der Inder Maharishi Mahesh
Yogi, mit bürgerlichem Namen Mahesh Prasad Warma, geboren am 12.
Januar 1911. Maharishi Lehren wurzeln in der
Tradition des Hinduismus und Buddhismus, ebenso wie die Lehren Sri Aurobindos. Deshalb sind die Lehren und Ideen von Mahrishi und Aurobindo/Satprem miteinander verwandt - auch wenn beträchtliche Unterschiede bestehen
und die Anhänger von Aurobindo und von Maharishi sicherlich nicht gerne in einen Topf geworfen
werden wollen.
Gegen eine teuere
Kursgebühr für einen „Siddhi-Kurs“ kann man sich in
einem Zentrum für Transzendentale Meditation vom Normalmensch zum Normal-Meditierenden und
dann weiter zum zum Übermenschen ausbilden lassen. „Siddhis“ sind übernatürliche Kräfte. Die werden sicher
nicht von der TM-Bewegung (Bewegung der
Transzendentalem Meditation) garantiert, aber schon der Name „Siddhi“ und die Photos von „Yogafliegern“ legen diesen Schluß nahe. Wer Siddhi-Kräfte
besitzt, so heißt es in den klassischen Texten der Veden,
der kann Hellsehen, Gedankenlesen, Dinge aus dem Nichts Gestalt annehmen
lassen, unsichtbar werden, fliegen usw.
Aber die
Transzendentale Meditation verspricht auch noch andere Wunder zu vollbringen.
Durch den 1%-Effekt, (Maharishi-Effekt) soll sich die
Lebensqualität im Umfeld von Meditierenden, die das TM-Siddhi-Programm
ausüben, deutlich verbessern, wenn mindestens 1 % der Bevölkerung einer
sozialen Einheit (z. B. einer Stadt) nach diesem Programm meditieren. Wenn die
in der Meditation besonders fortgeschrittenen Sidhas
(=Besitzer der Siddhi-Kräfte) meditieren, reicht
angeblich ein noch kleinerer Prozentsatz. Die Transzendentale Meditation
erklärt auf ihrer Internet-Webseite:
„...dass eine
Gruppe von tausend Experten, die gemeinsam an einem Ort in Deutschland die
Technik des yogischen Fliegens praktizieren, unser
kollektives Bewusstsein so stark beleben, dass Kohärenz, Harmonie und
Positivität der Gesellschaft zunehmen“. Die „Yogaflieger“ sind meditierende,
die nicht nur in ihrem eigenen Gehirn die elektrisch messbaren Aktivitäten der
verschiedenen Gehirnregionen in einen harmonischen Rhythmus gebracht haben,
sondern auch zwischen die Hirnwellen der Mitglieder der Gruppe einen
gemeinsamen Rhythmus hergestellt haben. Dadurch, so glaubt die TM, strahlt
diese Gruppe Frieden, Harmonie und positive Kräfte aus, die auf die Menschen in
der Umgebung segensreich wirken. Es wäre zu wünschen, dass die Yogaflieger mit
ihren Bemühungen Erfolg haben.
Die Transzendentale
Meditation verspricht sogar noch mehr: letztlich eine Welt, in der es kein
Leiden mehr gibt.
Aber auch für die Sidhas, die Übermenschen durch TM, gehen nicht leer aus:
ihnen wird versprochen: vollkommene Gesundheit, vollkommene Koordination von
Körper und Geist und eine Verlangsamung des Alterungsprozesses.
Wieder haben wir
das alte indische Denkmuster: Der Mensch erlöst sich selbst und macht sich zum
Übermenschen, ja zum Gott. Nachdem Gott angesichts der Aufgabe versagt hat,
eine vollkommene Welt zu schaffen, in welcher keine Kreatur zu leiden hat,
nimmt der Mensch selbst die Entwicklung in die Hand und schafft erst den
vollkommenen Menschen und dann die vollkommene Welt.
Wie kommen nun
Hinduismus und Buddhismus auf solche Ideen ? Das hängt
mit ihrem Weltbild zusammen: Es gibt zwei Welten: die diesseitige Welt, (also
die Welt der Materie) und die jenseitige Welt, (also die Welt des Geistes). Die
diesseitige Welt ist eine Welt der Trugbilder und Täuschungen. Eigentlich
existiert diese Welt gar nicht, sie ist nur ein Trugbild der Maja, der Himmelskönigin
und Herrin der Welt. Was wir wahrnehmen und für Materie halten ist nur eine
Illusion. In Wirklichkeit gibt es nur die geistige Welt des Jenseits. Hinter
der sichtbaren Welt ist also die eigentliche Welt, welche die sichtbare Welt erschafft und lenkt. Diese
Welt hinter der Welt ist das „alldurchdringende, ewige Feld allmächtiger,
schöpferischer Geisteskraft“ (Maharishi in seinem
1968 erschienen Buch „Die Wissenschaft vom Sein und die Kunst des Lebens“).
Dieses „Feld allmächtiger Geisteskraft“ ist nichts anderes als der „Heilige
Geist“ der Christen, das „Brahma“ der Inder, das „Tao“ der Taoisten, das „Sein an sich“, das „Absolute“ der
Philosophen, „Das Eine“ Plotins, usw. Es ist keine
persönlicher Gott wie der christliche Gottvater, sondern etwas Unpersönliches.
Die Transzendentale
Meditation versucht nun, die Grenze zwischen der diesseitigen und jenseitigen
Welt zu überwinden, zu übersteigen („transcendere“
heißt übersteigen). Dieses Übersteigen geschieht, indem man sich in sein
Inneres, also seine Seele zurückzieht, indem man alle Gedanken und alle äußeren
Sinneseindrücke aus dem Bewusstsein verbannt und wartet, dass das Göttliche vom
Bewusstsein Besitz ergreift. Dadurch wird der Mensch mit dem Göttlichen eine
Einheit und erfährt aus eigener Anschauung, dass alle Dinge der Welt in
Wirklichkeit nur ein Einziges Ganzes sind, eben das Göttliche, und dass alle
Gegensätze (die so viele Leiden verursachen) in Wirklichkeit nicht existieren.
Was existiert ist nur das Ganze, in die kleinste Änderung eines Teils des
Ganzen wirkt sich auf das Ganze aus. Diese „Schau des Ganzen“ nennt Maharishi das „kosmische Bewusstsein“. Wer das „kosmische
Bewusstsein“ hat, lebt also in Einklang mit Gott und der Schöpfung. Er weiß,
dass er mit Gott, mit der Schöpfung, mit allen Lebewesen und allen Menschen
identisch ist. Deswegen kann es zwischen ihm und den anderen Menschen
(theoretisch) auch gar keine Interessengegensätze geben, und deshalb sind alle
Kämpfe und Kriege sinnlos. Das Leben ist also kein Kampf ums Dasein, sondern das
Leben ist eine unendliche Harmonie. Wie bei Aurobindo
und Satprem ist also bei Maharishi
der Übermensch derjenige, der das kosmische Bewußtsein
besitzt und durch die Kraft seiner harmonisierten Gehirnaktivitäten sich und
die Welt erlöst. Wie bei Satprem sind die Yogaflieger
ein Kollektiv und können nur als Kollektiv Erfolg haben.
Inzwischen wurde
dieses Konzept von den „Lichtarbeitern“ weitergetrieben. Es sollen sich
Menschen auf der ganzen Welt spirituell vernetzen, indem sie alle zur gleichen
Zeit meditieren und positive, harmonische wellen ausstrahlen. Dadurch, so
hoffen sie, wird die Wirkung ihrer Bemühungen noch weiter verstärkt und
weltweit wirksam.
Daß die Welt so schlecht ist, liegt aus der
Sicht der TM offensichtlich daran, dass es so viele „negative Schwingungen“
gibt. Dem wollen nun die „Yogaflieger“ entgegenwirken, indem sie positive
Schwingungen und Harmonie ausstrahlen, die dann in den Gehirnen der anderen
Mensche wie durch einen Resonanzeffekt ebenfalls Harmonie und Frieden erzeugen.
Man muß also nur mit vereinten Kräften harmonische
Gehirnaktivitäten ausstrahlen, und die Welt kommt nach und nach in Ordnung und
wird eines Tages zum Paradies. So einfach ist das. Oder vielleicht doch nicht ?
Nachdenklich
stimmt, dass Maharishi und seine Gemeinde entweder
den Bezug zur Realität verloren haben oder aus Gründen der Werbung (die ja
häufig auch Anpreisung und Übertreibung ist) Erwartungen erweckt, die
realistischerweise nicht einzulösen sind. Maharishi
verspricht, dass der Mensch im Zustand des Überbewusstseins (den „höchsten
Gipfel der Evolution“) alle Möglichkeiten hat, dass alle Wünsche spontan
erfüllt werden, dass das Leben in völligem Einklang mit den Naturgesetzen ist
und dass das Leben in Glückseligkeit geführt wird. 1975 verkündete Maharishi im damaligen Hauptquartier der TM im Hotel Seelisberg/Schweiz das „Zeitalter der Erleuchtung“. Eine
Weltregierung, bestehend aus zehn Ministern (Welt-Staatschef war wahrscheinlich
Maharishi) des Zeitalters der Erleuchtung wurde bei
dieser Gelegenheit gleich ernannt. Aus der Sicht der TM war dies nur logisch:
Wer das volle Potential seines Bewusstseins nutzt, ist ein Übermensch, steht an
der Spitze der menschlichen Entwicklung und ist damit berufen, die Welt zu
regieren. Was in Washington und Moskau geschah, war von nun an unwichtig. Die tranzendentale Musik spielte nämlich in Seelisberg.
– Ein schöner Traum, dass die Welt von der Schweiz aus von einem indischen Guru
regiert werden könnte. Aber eben nur ein Traum.