Das Dilemma des Weltverbesserers
Der Mephisto als
Weltverbesserer, der Weltverbesserer als Mephisto
Goethe läßt den Mephisto im Faust sagen: "Ich bin die Kraft,
die stets das Böse will und stets das Gute schafft." Ein in die Jahre
gekommener Gutmensch könnte schon einmal Zweifel bekommen, ob der
Weltverbesserer nicht die Kraft ist, die stets das Gute will und stets das Böse
schafft.
Nehmen wir
einmal die moderne Medizin. Mit ihrer Hilfe ist es gelungen, die
Kindersterblichkeit in der Dritten Welt dramatisch zu senken. Was war die Folge
? Es kam zu einem Geburtenüberschuß, der zu
Hungersnöten, Kriegen und Revolutionen führte.
Oder nehmen wir
den technischen Fortschritt überhaupt: Uns in Europa geht des durch ihn
deutlich besser. Aber der größte Teil der Welt wurde ausgebeutet und ins Elend
gestürzt.
Auch
Weltverbesserer sind Egoisten
Das sollte
genügen; es dürfte klar geworden sein, was gemeint ist. Das Dilemma des
Weltverbesserers besteht darin, daß jede Handlung
sowohl positive wie auch negative Wirkungen hat. Daß
einer stets das Böse will und stets das Gute schafft, ist ja in der normalen
Welt kaum der Fall. Das Handlungsmotiv der meisten Menschen ist doch: "Ich
möchte etwas tun, daß mir Nutzen, Ansehen, Vorteil
und Gewinn bringt, meinen Ruhm mehrt und meine Zukunft sichert." Da ist
der Weltverbesserer keine Ausnahme. Wenn er glaubt, daß
er nur aus uneigennützigen Motiven handelt, dann macht er sich selbst und
anderen etwas vor.
Und
Gott ?
Aber bleiben wir
noch bei den philosophischen und theologischen Fragen. Und jetzt wird's
ketzerisch: Wenn der Teufel die Kraft ist, die stets das Böse will und das Gute
schafft, dann müßte doch sein Gegenpol, also Gott,
die Kraft sein, die das Gute will und stets das Böse schafft. Das ist natürlich
völlig unakzeptabel, und zwar mit gutem Grund: Gott und Mephisto stehen ja
nicht auf einer Ebene. Gott war vor dem Satan da, und er hat ihn erschaffen.
Der Satan verneint nur, Gott schafft aber nur Positives.
Gott
und das Böse
Allerdings muß es nachdenklich stimmen, daß
Gott den Satan überhaupt geschaffen hat. Indirekt hat er ja dadurch auch das
Böse geschaffen. Der Satan aber wird von der christlichen Theologie gebraucht,
um zu erklären, daß diese Welt so unvollkommen ist
und daß die Menschen so sehr leiden müßen; und daß Gott zuläßt, daß sie leiden und erst
so spät (wenn überhaupt je) erlöst werden.
Glaube
bedeutet kritiklose Unterwerfung
Man sieht, das
passt alles hinten und vorne nicht zusammen und steckt voller Widersprüche. Das
Problem kommt daher, daß Gott nur positive
Eigenschaften haben darf. Gott ist nämlich der Gegenstand der absoluten und
kritiklosen Verehrung. Daraus folgt dann auch die kritiklose Unterwerfung: bei
den Katholiken unter die päpstlichen Dogmen,
bei den Protestanten unter die Worte der Heiligen Schrift und unter
"Jesus Christus, unsern Herrn“, und im Judentum unter Jahwe und die Thora,
interpretiert und ausgelegt durch die Rabbiner. Islam heißt ja die Ergebung in
Gott, also Unterwerfung unter Gott, vertreten durch die Mullahs. Wenn sich die
Moslems beim Gebet vor Allah niederwerfen, erinnert das sehr an Untertanen, die
sich vor einem orientalischen Großkönig in den Staub werfen - Halt, nicht in
den Staub. Man hat ja seinen Teppich. Ein bißchen
Komfort muß schon sein. Und in den katholischen
Kirchen ist dort, wo man vor Gott hinkniet, eine Polster. Die Kirche ist halt
doch gnädig.
Man sieht,
scheinbar unverständliche und widersprüchliche theologische Aussagen lassen
sich durch ganz banale Erklärungen verständlich machen.
Gott
kann nur gut sein – oder doch nicht ?
Aber wenden wir
uns dem christlichen Gottesbild zu. Gott ist also der Allgütige
und Vollkommene. Daß er sich im Alten Testament als
ziemlich kleinlich und rachsüchtig präsentiert und Völkermord und Landraub
absegnet, passt da eigentlich nicht ins Bild. Deshalb wird das Alte Testament
von den Christen weitgehend verdrängt (abgesehen von einigen ausgewählten
Passagen. Aber um es klar zu sagen, weder die Bibel noch der Koran sind
politisch korrekt. Der Koran müßte eigentlich heißen:
"Mohammeds Tischgespräche " und das Alte Testament müßte eigentlich heißen: "Israels Kampf".
Also ist schon
in den Heiligen Schriften Gott nicht als der Allgütige
und immer Liebende dargestellt.
Die
Welt ist das Spiegelbild Gottes
Wenn die Welt
Gott widerspiegelt, dann bedeutet dies: Gott ist derjenige, darauf aufbaut und
wunderbare Werke schafft, aber er ist auch derjenige, der gemein, grausam,
ungerecht und ohne erkennbare Logik handelt. Die Trennung der "beiden
Götter", oder der "beiden Prinzipien", wie es die Katharer nannten, muß man
aufheben. Gott vereint diese beiden Prinzipien in sich.
Das ist so neu
nicht, denn die Götter der Antike und des alten Orients (und auch des heutigen
Hinduismus) sind Dämonen, was ja eigentlich "Gottheiten" heißt. Die
Dämonen haben positive und negative Eigenschaften, sie verbreiten Angst und
Schrecken, aber auch Segen und Glück. Griechen, Römer und Germanen und viele
andere Völker haben dann die Götter in zwei Parteien zusammengefaßt:
die "Guten" thronten im Olymp und die "Schlechten" im
Hades. So war es nur logisch, daß Gott im Himmel
wohnt und der Teufel in der Hölle. Aber vielleicht läßt
sich die Welt am befriedigsten so erklären, daß es nur einen "Superdämon" gibt, der Gott und
Teufel in einer Person ist und der gleichzeitig Gutes und Böses schafft. Dann
wäre doch alles deutlich widerspruchsfreier.
Ist
Gott in Wirklichkeit eine „duale Ganzheit“ ?
Das Problem, das
sich für die Priesterschaft eines solchen Gottes stellen würde, ist, daß er kaum auf Liebe und Verehrung stoßen würde, sondern
auf allgemeine Ablehnung. Beim lieben Gott bleibt man noch in der Kirche und
zahlt seine Kirchensteuer. Aber für einen "Superdämon" würde man kaum
Geld ausgeben. Da dieser Superdämon aber weiterhin sehr aktiv ist, werden CNN
die Nachrichten nicht ausgehen und er wird sich täglich in Erinnerung bringen.
Wenn man beiden
Prinzipien (Gut und Böse) in einer "Dualen Ganzheit" vereint (klingt
irgendwie besser als "Superdämon"), würde das so manches erhellen.
Gut
und schlecht sind untrennbar verbunden
Jedes technische
Produkt, aber auch jedes Geschöpf leidet an einem grundsätzlichen Mangel: Jede
Stärke ist eine Schwäche. Oder positiv gesagt: Jede Schwäche ist eine Stärke.
Ich will das an
einem einfachen Beispiel klarmachen. Nehmen wir einmal den Ferrari von Michael
Schuhmacher. Die Stärken dieses Autos sind offensichtlich: Es kann mit einer
wahnsinnigen Geschwindigkeit eine Straße entlang rasen. Aber die Stärken sind
auch gleichzeitig die Schwächen: Es braucht viel zu viel Sprit, es ist viel zu
teuer und viel zu laut. Mir ist eigentlich mein Ford Fiesta lieber.
Zwei
Extreme lassen sich nur unvollkommen vereinen
Oder nehmen wir
Mann und Frau. Man kann nicht gleichzeitig Mann und Frau sein - jedenfalls die
meisten von uns. Und wenn es gelingt - ob dies das Wahre ist ? Männer und
Frauen haben ihre geschlechtsspezifischen Schwächen. Jede Stärke ist
gleichzeitig eine Schwäche und umgekehrt. Aber, oh Wunder, sie können sich
zusammentun und zu gemeinsam zur Vollkommenheit gelangen, jedenfalls in der
Theorie. In der Praxis gibt es zwar oft Ergänzung, aber oft auch Disharmonie.
Zwei Extreme lassen sich nicht miteinander vereinen. Aber da unsere Welt die
Extreme in allen Lebewesen und Dingen unerbittlich vereint, ist alles unvollkommen.
Denn vollkommen, jeder auf seine Art, wären nur die Extreme. Aber die sind für
sich allein nicht existenzfähig. Deshalb wird es immer Leid und Unglück geben.
Der
Satz von der Erhaltung des Leidens
Wie
wäre es, wenn der Satz allgemeine Gültigkeit hätte: „Die Summe aller Leiden auf
dieser Welt sind konstant“ ? Das wäre das absolute Waterloo für jeden
Weltverbesserer.
Aber
es gibt Hoffung: Das Optimum finden
Es gibt ja nicht
den Mann mit 100% männlichen Eigenschaften und nicht die Frau mit 100 % weiblichen
Eigenschaften. Sondern es gibt den optimalen Mann und die optimale Frau. Beide
haben in ihrem Wesen auch Anteile vom andern Geschlecht. Das ist ja nichts
Neues. Aber worauf ich hinausmöchte, ist, daß es zwei Optima gibt: das männliche Optimum und das
weibliche Optimum. Das Optimum ist nicht, daß beide
in einem Zwitter je zu 50 % vereint sind. Wie eine Ellipse hat die
männlich-weibliche Welt zwei Brennpunkte, um die sich alles dreht.
Das bringt uns
jetzt nocheinmal zurück zu den beiden
"Göttermannschaften". Die olympischen Götter stellen das Optimum für
die Götter dar, bei denen das Gute überwiegt, die Götter der Unterwelt sind das
Optimum der Götter, bei denen das Böse überwiegt.
Oder gehen wir
nochmals zu den Autos: Da gibt es vielleicht auch zwei Optima: Da ist das Auto,
das teuer und schnell ist, aber doch auch Eigenschaften eines Familienautos
hat. Und da ist das relativ billige und sparsame Familienauto, das aber
trotzdem auf der Autobahn seine 160 km/h schafft.
Die
optimale Handlung
Aber nicht nur
bei den Geschöpfen von Natur und Technik gibt es die optimalen Versionen,
sondern auch bei den Handlungen. Damit wären wir wieder bei unserem
Ausgangspunkt: Daß der Weltverbesserer etwas Gutes
tun will und etwas Böses erreicht. Soll er jetzt seine Bemühungen einstellen ?
Nein, er soll versuchen, die optimale Handlung zu finden: So zu Handeln, daß das Gute möglichst groß und das Negative möglichst
klein ist. Das wäre der Optimalismus.
Optimalismus und Vitiologie
als zwei neue Wissenschaften
Schon längere
Zeit bin ich der Ansicht, daß man zwei neue
Wissenschaften entwickeln müßte: Den Optimalismus und die Vitiologie.
Der Optimalismus sucht bei Handlungen (und Produkten)
das Optimum und die Vitiologie analysiert, wie Fehler
(vitium heißt der Fehler) entstehen und wie sie
vermieden werden können. Das wären zwei wissenschaftliche Disziplinen, die sich
vom dem akademischen Pipifax, der in manchen Nischen an den Universitäten (vor
allem der Geisteswissenschaften) auf Kosten des Steuerzahlers praktiziert wird,
wohltuend abheben würde.
Also, es gibt
keine Handlungen, die nur Gutes zeitigen. Aber es gibt die optimale Handlung.
Es gibt nicht das vollkommene Produkt, aber das optimale Produkt.
Warum
das Böse sich als gut präsentiert
Wir haben
gesehen, daß es ein männliches und ein weibliches
Optimum gibt. So steht zu vermuten, daß es auch ein
Optimum für gute und für böse Handlungen gibt. Ein Mephisto, der das Negative
anstrebt, wird also nicht stets das Böse tun, sondern er wird seine Handlungen
so wählen, daß er auch Gutes tut, aber das Böse
überwiegt. Denn nur so kann er verhindern, daß er
nicht von vornherein auf heftigen Widerstand stößt. Und ein Engel, der das Gute
anstrebt, muß auch einmal Böses tun, um einen
optimalen Erfolg zu erzielen.
Bleiben wir noch
eine kleine Weile bei dem Bösen, daa nach der
optimalen Strategie sucht. Das 100 % Böse ist nicht so erfolgreich wie das
"optimale" Böse, das auch Gutes beinhaltet (aber unter dem Strich
deutlich mehr Böses). Nehmen wir einmal eine Droge. Wenn die Droge die Menschen
zu sehr und zu schnell schädigen würde, würde sie keiner nehmen. Aber das böse
Prinzip wählt den Weg des Optimums. Die Droge vermittelt angenehme
Empfindungen, erweitert das Bewußtsein. Also
überwiegt sogar am Anfang das Positiv e. Erst viel später zeigt sich das
Negative.
Das
Gute muß manchmal als böse erscheinen
Umgekehrt ist es
vielleicht für das Gute die optimale Strategie, erst mit den negativen Seiten
zu beginnen, wie das jeder wohlmeinende, aber strenge Erzieher weiß. Oder
vielleicht muß erst einmal etwa Schlimmes passieren,
damit sich die Dinge bessern.