Das Dilemma des Weltverbesserers

Von Richard Beiderbeck, www.koinae.de    

 

 Der Mephisto als Weltverbesserer, der Weltverbesserer als Mephisto

Goethe läßt den Mephisto im Faust sagen: "Ich bin die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft." Ein in die Jahre gekommener Gutmensch könnte schon einmal Zweifel bekommen, ob der Weltverbesserer nicht die Kraft ist, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.

Nehmen wir einmal die moderne Medizin. Mit ihrer Hilfe ist es gelungen, die Kindersterblichkeit in der Dritten Welt dramatisch zu senken. Was war die Folge ? Es kam zu einem Geburtenüberschuß, der zu Hungersnöten, Kriegen und Revolutionen führte.

Oder nehmen wir den technischen Fortschritt überhaupt: Uns in Europa geht des durch ihn deutlich besser. Aber der größte Teil der Welt wurde ausgebeutet und ins Elend gestürzt.

Auch Weltverbesserer sind Egoisten

Das sollte genügen; es dürfte klar geworden sein, was gemeint ist. Das Dilemma des Weltverbesserers besteht darin, daß jede Handlung sowohl positive wie auch negative Wirkungen hat. Daß einer stets das Böse will und stets das Gute schafft, ist ja in der normalen Welt kaum der Fall. Das Handlungsmotiv der meisten Menschen ist doch: "Ich möchte etwas tun, daß mir Nutzen, Ansehen, Vorteil und Gewinn bringt, meinen Ruhm mehrt und meine Zukunft sichert." Da ist der Weltverbesserer keine Ausnahme. Wenn er glaubt, daß er nur aus uneigennützigen Motiven handelt, dann macht er sich selbst und anderen etwas vor.

Und Gott ?

Aber bleiben wir noch bei den philosophischen und theologischen Fragen. Und jetzt wird's ketzerisch: Wenn der Teufel die Kraft ist, die stets das Böse will und das Gute schafft, dann müßte doch sein Gegenpol, also Gott, die Kraft sein, die das Gute will und stets das Böse schafft. Das ist natürlich völlig unakzeptabel, und zwar mit gutem Grund: Gott und Mephisto stehen ja nicht auf einer Ebene. Gott war vor dem Satan da, und er hat ihn erschaffen. Der Satan verneint nur, Gott schafft aber nur Positives.

Gott und das Böse

Allerdings muß es nachdenklich stimmen, daß Gott den Satan überhaupt geschaffen hat. Indirekt hat er ja dadurch auch das Böse geschaffen. Der Satan aber wird von der christlichen Theologie gebraucht, um zu erklären, daß diese Welt so unvollkommen ist und daß die Menschen so sehr leiden müßen; und daß Gott zuläßt, daß sie leiden und erst so spät (wenn überhaupt je) erlöst werden.

Glaube bedeutet kritiklose Unterwerfung

Man sieht, das passt alles hinten und vorne nicht zusammen und steckt voller Widersprüche. Das Problem kommt daher, daß Gott nur positive Eigenschaften haben darf. Gott ist nämlich der Gegenstand der absoluten und kritiklosen Verehrung. Daraus folgt dann auch die kritiklose Unterwerfung: bei den Katholiken unter die päpstlichen Dogmen,  bei den Protestanten unter die Worte der Heiligen Schrift und unter "Jesus Christus, unsern Herrn“, und im Judentum unter Jahwe und die Thora, interpretiert und ausgelegt durch die Rabbiner. Islam heißt ja die Ergebung in Gott, also Unterwerfung unter Gott, vertreten durch die Mullahs. Wenn sich die Moslems beim Gebet vor Allah niederwerfen, erinnert das sehr an Untertanen, die sich vor einem orientalischen Großkönig in den Staub werfen - Halt, nicht in den Staub. Man hat ja seinen Teppich. Ein bißchen Komfort muß schon sein. Und in den katholischen Kirchen ist dort, wo man vor Gott hinkniet, eine Polster. Die Kirche ist halt doch gnädig.

Man sieht, scheinbar unverständliche und widersprüchliche theologische Aussagen lassen sich durch ganz banale Erklärungen verständlich machen.

Gott kann nur gut sein – oder doch nicht ?

Aber wenden wir uns dem christlichen Gottesbild zu. Gott ist also der Allgütige und Vollkommene. Daß er sich im Alten Testament als ziemlich kleinlich und rachsüchtig präsentiert und Völkermord und Landraub absegnet, passt da eigentlich nicht ins Bild. Deshalb wird das Alte Testament von den Christen weitgehend verdrängt (abgesehen von einigen ausgewählten Passagen. Aber um es klar zu sagen, weder die Bibel noch der Koran sind politisch korrekt. Der Koran müßte eigentlich heißen: "Mohammeds Tischgespräche " und das Alte Testament müßte eigentlich heißen: "Israels Kampf".

Also ist schon in den Heiligen Schriften Gott nicht als der Allgütige und immer Liebende dargestellt.

Die Welt ist das Spiegelbild Gottes

Wenn die Welt Gott widerspiegelt, dann bedeutet dies: Gott ist derjenige, darauf aufbaut und wunderbare Werke schafft, aber er ist auch derjenige, der gemein, grausam, ungerecht und ohne erkennbare Logik handelt. Die Trennung der "beiden Götter", oder der "beiden Prinzipien", wie es die Katharer nannten, muß man aufheben. Gott vereint diese beiden Prinzipien in sich.

Das ist so neu nicht, denn die Götter der Antike und des alten Orients (und auch des heutigen Hinduismus) sind Dämonen, was ja eigentlich "Gottheiten" heißt. Die Dämonen haben positive und negative Eigenschaften, sie verbreiten Angst und Schrecken, aber auch Segen und Glück. Griechen, Römer und Germanen und viele andere Völker haben dann die Götter in zwei Parteien zusammengefaßt: die "Guten" thronten im Olymp und die "Schlechten" im Hades. So war es nur logisch, daß Gott im Himmel wohnt und der Teufel in der Hölle. Aber vielleicht läßt sich die Welt am befriedigsten so erklären, daß es nur einen "Superdämon" gibt, der Gott und Teufel in einer Person ist und der gleichzeitig Gutes und Böses schafft. Dann wäre doch alles deutlich widerspruchsfreier.

Ist Gott in Wirklichkeit eine „duale Ganzheit“ ?

Das Problem, das sich für die Priesterschaft eines solchen Gottes stellen würde, ist, daß er kaum auf Liebe und Verehrung stoßen würde, sondern auf allgemeine Ablehnung. Beim lieben Gott bleibt man noch in der Kirche und zahlt seine Kirchensteuer. Aber für einen "Superdämon" würde man kaum Geld ausgeben. Da dieser Superdämon aber weiterhin sehr aktiv ist, werden CNN die Nachrichten nicht ausgehen und er wird sich täglich in Erinnerung bringen.

Wenn man beiden Prinzipien (Gut und Böse) in einer "Dualen Ganzheit" vereint (klingt irgendwie besser als "Superdämon"), würde das so manches erhellen.

Gut und schlecht sind untrennbar verbunden

Jedes technische Produkt, aber auch jedes Geschöpf leidet an einem grundsätzlichen Mangel: Jede Stärke ist eine Schwäche. Oder positiv gesagt: Jede Schwäche ist eine Stärke.

Ich will das an einem einfachen Beispiel klarmachen. Nehmen wir einmal den Ferrari von Michael Schuhmacher. Die Stärken dieses Autos sind offensichtlich: Es kann mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit eine Straße entlang rasen. Aber die Stärken sind auch gleichzeitig die Schwächen: Es braucht viel zu viel Sprit, es ist viel zu teuer und viel zu laut. Mir ist eigentlich mein Ford Fiesta lieber.

Zwei Extreme lassen sich nur unvollkommen vereinen

Oder nehmen wir Mann und Frau. Man kann nicht gleichzeitig Mann und Frau sein - jedenfalls die meisten von uns. Und wenn es gelingt - ob dies das Wahre ist ? Männer und Frauen haben ihre geschlechtsspezifischen Schwächen. Jede Stärke ist gleichzeitig eine Schwäche und umgekehrt. Aber, oh Wunder, sie können sich zusammentun und zu gemeinsam zur Vollkommenheit gelangen, jedenfalls in der Theorie. In der Praxis gibt es zwar oft Ergänzung, aber oft auch Disharmonie. Zwei Extreme lassen sich nicht miteinander vereinen. Aber da unsere Welt die Extreme in allen Lebewesen und Dingen unerbittlich vereint, ist alles unvollkommen. Denn vollkommen, jeder auf seine Art, wären nur die Extreme. Aber die sind für sich allein nicht existenzfähig. Deshalb wird es immer Leid und Unglück geben.

Der Satz von der Erhaltung des Leidens

Wie wäre es, wenn der Satz allgemeine Gültigkeit hätte: „Die Summe aller Leiden auf dieser Welt sind konstant“ ? Das wäre das absolute Waterloo für jeden Weltverbesserer.

Aber es gibt Hoffung: Das Optimum finden

Es gibt ja nicht den Mann mit 100% männlichen Eigenschaften und nicht die Frau mit 100 % weiblichen Eigenschaften. Sondern es gibt den optimalen Mann und die optimale Frau. Beide haben in ihrem Wesen auch Anteile vom andern Geschlecht. Das ist ja nichts Neues. Aber worauf ich hinausmöchte, ist, daß es zwei Optima gibt: das männliche Optimum und das weibliche Optimum. Das Optimum ist nicht, daß beide in einem Zwitter je zu 50 % vereint sind. Wie eine Ellipse hat die männlich-weibliche Welt zwei Brennpunkte, um die sich alles dreht.

Das bringt uns jetzt nocheinmal zurück zu den beiden "Göttermannschaften". Die olympischen Götter stellen das Optimum für die Götter dar, bei denen das Gute überwiegt, die Götter der Unterwelt sind das Optimum der Götter, bei denen das Böse überwiegt.

Oder gehen wir nochmals zu den Autos: Da gibt es vielleicht auch zwei Optima: Da ist das Auto, das teuer und schnell ist, aber doch auch Eigenschaften eines Familienautos hat. Und da ist das relativ billige und sparsame Familienauto, das aber trotzdem auf der Autobahn seine 160 km/h schafft.

Die optimale Handlung

Aber nicht nur bei den Geschöpfen von Natur und Technik gibt es die optimalen Versionen, sondern auch bei den Handlungen. Damit wären wir wieder bei unserem Ausgangspunkt: Daß der Weltverbesserer etwas Gutes tun will und etwas Böses erreicht. Soll er jetzt seine Bemühungen einstellen ? Nein, er soll versuchen, die optimale Handlung zu finden: So zu Handeln, daß das Gute möglichst groß und das Negative möglichst klein ist. Das wäre der Optimalismus.

Optimalismus und Vitiologie als zwei neue Wissenschaften

Schon längere Zeit bin ich der Ansicht, daß man zwei neue Wissenschaften entwickeln müßte: Den Optimalismus und die Vitiologie. Der Optimalismus sucht bei Handlungen (und Produkten) das Optimum und die Vitiologie analysiert, wie Fehler (vitium heißt der Fehler) entstehen und wie sie vermieden werden können. Das wären zwei wissenschaftliche Disziplinen, die sich vom dem akademischen Pipifax, der in manchen Nischen an den Universitäten (vor allem der Geisteswissenschaften) auf Kosten des Steuerzahlers praktiziert wird, wohltuend abheben würde.

Also, es gibt keine Handlungen, die nur Gutes zeitigen. Aber es gibt die optimale Handlung. Es gibt nicht das vollkommene Produkt, aber das optimale Produkt.

Warum das Böse sich als gut präsentiert

Wir haben gesehen, daß es ein männliches und ein weibliches Optimum gibt. So steht zu vermuten, daß es auch ein Optimum für gute und für böse Handlungen gibt. Ein Mephisto, der das Negative anstrebt, wird also nicht stets das Böse tun, sondern er wird seine Handlungen so wählen, daß er auch Gutes tut, aber das Böse überwiegt. Denn nur so kann er verhindern, daß er nicht von vornherein auf heftigen Widerstand stößt. Und ein Engel, der das Gute anstrebt, muß auch einmal Böses tun, um einen optimalen Erfolg zu erzielen.

Bleiben wir noch eine kleine Weile bei dem Bösen, daa nach der optimalen Strategie sucht. Das 100 % Böse ist nicht so erfolgreich wie das "optimale" Böse, das auch Gutes beinhaltet (aber unter dem Strich deutlich mehr Böses). Nehmen wir einmal eine Droge. Wenn die Droge die Menschen zu sehr und zu schnell schädigen würde, würde sie keiner nehmen. Aber das böse Prinzip wählt den Weg des Optimums. Die Droge vermittelt angenehme Empfindungen, erweitert das Bewußtsein. Also überwiegt sogar am Anfang das Positiv e. Erst viel später zeigt sich das Negative.

Das Gute muß manchmal als böse erscheinen

Umgekehrt ist es vielleicht für das Gute die optimale Strategie, erst mit den negativen Seiten zu beginnen, wie das jeder wohlmeinende, aber strenge Erzieher weiß. Oder vielleicht muß erst einmal etwa Schlimmes passieren, damit sich die Dinge bessern.