Mithras

Von Richard Beiderebeck, www.koinae.de     

 

 

(Der folgende Text geht im wesentlichen auf das DTV-Sachbuch, ISBN 3-7608-1027-6, von Marion Giebel „Das Geheimnis der Mysterien“ sowie auf „Die religiöse Welt des Iran“ von Alfons Gabriel, ISBN 3 205 07113 1, Verlag Hermann Böhlaus Nachf., Graz, zurück).

Der Gott Mithras ist persischen Ursprungs. Er wurde schon vor dem Auftreten Zarathustras verehrt, aber dann aber für Jahrhunderte durch die Zarathustra-Lehre verdrängt. Der Name Mithras bedeutet „Vertrag“, er ist Schützer des Vertragsrechtes. Er ist der „Weitschauende, immer Wachende“, der jedes Unrecht sieht. Mit Jesus Christus hat Mithras gemeinsam, dass er vom Gott des Himmels ausgesandt wurde, um das Böse zu besiegen. Mit dem Christentum hate der Mithraskult gemeinsam: eine Art Abendmahl, das aus Brot, Wasser und Wein bestand, außerdem den Glauben an ein Jüngstes Gericht, an Himmel und Hölle, ferner: Die Taufe, die aber wohl mit Stierblut stattfand.

Die christliche Gedankenwelt ist stark durch die Religion Zarathustras inspiriert. Dort gibt es zwei Götter: Ahura Mazda, den Gott des Guten und Ahriman, den Gott des Bösen und der Finsternis. Mithras ist das Auge des Himmelsgottes Ahura Mazda. Sichtbares Sinnbild des Auges des Himmelsgottes ist die Sonne. Deshalb wird Mithras auch mit dem Sonnengott gleichgesetzt oder steht in einer besonderen Beziehung zum Sonnengott.

Mithras kämpft gegen die Dämonen Ahrimans, aber auch gegen die Gottlosen und Vertragsbrüchigen. Er liebt die Wahrheit und die Treue.

Mithras war der Schutzherr der Männerbünde des persischen Adels. Wer in den Bund aufgenommen werden wollte, musste sich verschiedenen Initiationsriten unterwerfen: Er wurde in der Wildnis ausgesetzt und musste überleben. Er wurde harten Prüfungen und körperlichen Züchtigungen unterworfen und mehrmals mit dem Tod konfrontiert. Danach war er aber „wiedergeboren“.

So wie Jesus und Gott-Vater eine Person sind, so verschmolz Mithras mit Ahura Mazda und wurde als ein Gott verehrt. Die Priester dieses Religion wurden die „Magierer genannt („Magoi“). Zur Zeit des persischen Großreiches war die Religion der Magier die im Reich vorherrschende. Besonders stark war sie in Kleinasien. Die Magier hatten von den babylonischen Chaldäern den Glauben an die Sternengötter und die Astrologie übernommen.

Als Alexander der Große das Perserreich erobert hatte, verschmolzen Zeus mit Ahura Mazda und Mithras mit Apollon und Helios, dem Sonnengott.

Man findet ein Relief von Apollon-Mithras auf dem Nimrod Dag in Südost-Anatolien. Dort Hat der Diadochenherrscher Antiochos I. ein Grabmal mit einer Kultsstätte erbaut. Auf dem Relief Apollon-Mithras dem König Antiochos I. die Hand.

Seit der Zeit des Kaiser Augustus drang der Mithraskult von Kleinasien aus in das römische Reich vor, nach Italien, Afrika, Spanien, Britannien und nach Germanien bis an den Limes, wo man zahlreiche Mithrasheiligtümer fand. Besonders, aber nicht nur die römischen Legionäre verehrten Mithras. Wenn eine Legion versetzt wurde, nahm sie den Mithraskult mit – so auch in den römischen Teil Germaniens. Die Hochblüte erlebte die Mithrasverehrung im dritten Jahrhundert nach Christus. Mithras wurde in Mithras-Heiligtümern verehrt. Diese Mithräen wurden in recht großer Zahl in Deutschland aufgefunden. Nachdem die römischen Legionen abgezogen waren, führte an manchen Stellen die einheimische Bevölkerung den Kult weiter.

 

Die Mithrasreligion und die Mithras-Mysterien

 

Wenn der Mensch stirbt, muß seine Seele den Weg zu Gott finden, um sich mit ihm zu vereinen. Der Lichtfunke der Seele muß sich mit dem sonnenähnlichen Licht Gottes vereinen. Die Seele gelangt zunächst in den Bereich unterhalb des Mondes. Jenseits des Mondes trifft sie dann auf die Dämonen und Naturgeister, die im Wasser, in der Luft oder in der Erde wohnen. Dann kommt die Sphäre der Planeten und Planetengötter, also Mars, Jupiter, Venus, Helios usw. Darüber folgt dann der bereich der Fixsterne mit dem Tierkreis („Zodiakus“).

Damit die Seele wohlbehalten ans Ziel kommt, muß sie sich bereits zu Lebzeiten auf ihre Reise durchs Jenseits vorbereiten und sie braucht einen göttlichen Geleiter: Mithras. Im Mithräum konnte der Gläubige seine Seele auf Reise schicken, damit sie schon den Weg ins Jenseits erkunden konnte.

Über die Mithrasreligion gibt es keine direkten schriftlichen Zeugnisse. Man ist darauf angewiesen, was man aus den Mithrasdenkmälern schließen kann. Die Mithrasheiligtümer wurden unterirdisch angelegt oder in den Fels gehauen. Die Decke des Kult-Raumes, der etwa 30 bis 50 Menschen Platz bot, war ein Tonnengewölbe, das die Wölbung des Himmels nachbildete. Im Verlauf der Kulthandlung wurde in dem dunklen Gewölbe ein Stier geschlachtet und die Gläubingen mit dem Blut besprengt, wodurch ihnen ein neues Leben und neue Lebenskraft geschenkt wurde. Da ein Stier als Opfertier recht teuer war, verwendete man auch Schafe und Ziegen. Nach der Tötung des Stieres wurde auf dem Altar ein Feuer angezündet, an welchem die Gläubigen ihre Fackeln entflammten. Am Schluß muß der Ganze Raum in hellem Licht erstrahlt sein. Dies symbolisierte die Geburt des Gottes Mithras, der mit seinem Erscheinen das Licht in die Welt bringt und das Leben erneuert. Dies erinnert an die christliche Weihnacht, wo in der finsteren Winternacht die Kirchen und die Wohnzimmer strahlend hell erleuchtet werden. Der Geburtstag von Mithras wurde am Tag der Wintersonnenwende gefeiert.

Mithras ist der Gott des Lebens; deshalb hält er auf manchen Abbildungen eine Ähre in der Hand und neben ihm steht der Lebensbaum. Mithras wurde als Ernährer und Kulturbringer dargestellt.

Überall auf den Mithrasdenkmälern wird der Gott beim Opfern des Urstieres gezeigt. Er hat diesen Stier weit über die Erde verfolgt, eingefangen und auf seinen Schultern in eine Höhle getragen, wo er ihn opfert. Die Mithras-Denkmäler zeigen einen jugendlich schönen Mann, der dem Stier auf den Rücken gesprungen ist, ihn an den Nüstern gepackt hat und ihm den Dolch in die Halsschlagader stößt. Ein Hund springt hinzu, um das Blut zu trinken. Ein Mischkrug, um den sich eine Schlange ringelt, ist aufgestellt, um das Blut aufzufangen. Ein Skorpion sitzt an den Genitalien des Stieres, um seinen Samen zu trinken. Auf dem wehenden, sternbesetzten Mantel des Gottes sitzt ein Rabe, der Bote des Sonnengottes. Der Sonnengott ist zusammen mit den Symbolen des Mondes, der Gestirne und der Jahreszeiten am Rande des Reliefbildes zu sehen. Man sieht außerdem die beiden Begleiter des Mithras; einer, Cautos, hält eine Fackel nach oben, das bedeutet Leben und Sonnenaufgang, während Cautopates die Fackel senkt; das bedeutet Tod und Sonnenuntergang. Cautes und Cautopates stellen auch den Morgen- und den Abendstern dar. Aus der Schwanzspitze oder aus der Halswunde des Stieres sprießen Ähren, Kräuter und Pflanzen. Der Urstier wird geopfert zur Erneuerung der Welt. Aus seinem Blut und aus seinem Samen regeneriert sich die Erde und alles Leben.

Mithras trägt auf fast allen Abbildungen die phrygische Mütze, eine lederne helmartige Kopfbedeckung mit einem runden, nach vorn geneigten Zipfel. Diese Mütze war im Orient verbreitet. Sie wurde aus dem Hodensack und der angrenzenden Fellpartie des Stieres hergestellt. Durch Trocknen wurde die Mütze besoners hart. Man glaubte, dass die lebenspendende Kraft des Stieres durch die Mütze auf ihren Träger überging. In der romanischen Kunst bedeutete die phrygische Mütze Zügellosigkeit und sexuelle Ausschweifungen. In er französischen Revolution trugen die radikale Revolutionärspartei, die Jakobiner, eine Stoffmütze mit der Form einer phrygischen Mütze. Heute findet man die Jakobinermütze auf den Köpfen von Gartenzwergen. Vermutlich soll dies weniger auf ihre sexuelle Potenz als auf ihr Wirken bei der Erneuerung des Lebens im Blumenbeet hindeuten.

Nach der Kultfeier nahmen die Mithras-Anhänger gemeinsam ein kultisches Mahl ein. Damit vollziehen sie das Mahl nach, bei welchem Mithras und der Sonnengott vom Fleisch des getöteten Stieres aßen. Das kultische Mahl der beiden Götter wird auf der Rückseite mancher Mithrasdenkmäler dargestellt.

Die Eingeweihten des Mithraskultes mussten sieben Weihegrade durchlaufen: Rabe, Nymphus, Soldat, Löwe, Perser, Sonnenläufer und Pater. Die sieben Grade stellten die sieben Sphären der sieben Planeten dar. Im Stadium des Soldaten wurde der Myste zu Tode erschreckt und glaubte sich dem Tode nahe. Ab dem Perser begannen die höheren Weihegrade, die der normale Myste nicht durchlief.

Zu den Mithrasmysterien war keine Frauen zugelassen. Dies war ein wesentlicher Grund, warum die Mithrasreligion dem Christentum unterlag, obwohl es einige römische Kaiser Mithrasanhänger waren (z.B. Commodus, 180 –192 n. Chr.) und obwohl der römische Staat die Mithrasreligion eine Zeit lang förderte. Die Mithrasanhänger waren loyale und treue Soldaten und Beamte.