(Der folgende Text geht im
wesentlichen auf das DTV-Sachbuch, ISBN 3-7608-1027-6, von Marion Giebel „Das
Geheimnis der Mysterien“ sowie auf „Die religiöse Welt des Iran“ von Alfons
Gabriel, ISBN 3 205 07113 1, Verlag Hermann Böhlaus
Nachf., Graz, zurück).
Der Gott Mithras
ist persischen Ursprungs. Er wurde schon vor dem Auftreten Zarathustras
verehrt, aber dann aber für Jahrhunderte durch die Zarathustra-Lehre verdrängt.
Der Name Mithras bedeutet „Vertrag“, er ist Schützer
des Vertragsrechtes. Er ist der „Weitschauende, immer Wachende“, der jedes
Unrecht sieht. Mit Jesus Christus hat Mithras
gemeinsam, dass er vom Gott des Himmels ausgesandt wurde, um das Böse zu
besiegen. Mit dem Christentum hate der Mithraskult gemeinsam: eine Art Abendmahl, das aus Brot,
Wasser und Wein bestand, außerdem den Glauben an ein Jüngstes Gericht, an
Himmel und Hölle, ferner: Die Taufe, die aber wohl mit Stierblut stattfand.
Die christliche Gedankenwelt
ist stark durch die Religion Zarathustras inspiriert. Dort gibt es zwei Götter:
Ahura Mazda, den Gott des Guten und Ahriman, den Gott des Bösen und der Finsternis. Mithras ist das Auge des Himmelsgottes Ahura
Mazda. Sichtbares Sinnbild des Auges des Himmelsgottes ist die Sonne. Deshalb
wird Mithras auch mit dem Sonnengott gleichgesetzt
oder steht in einer besonderen Beziehung zum Sonnengott.
Mithras kämpft gegen die Dämonen Ahrimans, aber auch
gegen die Gottlosen und Vertragsbrüchigen. Er liebt die Wahrheit und die Treue.
Mithras war der Schutzherr der Männerbünde des persischen Adels. Wer in den
Bund aufgenommen werden wollte, musste sich verschiedenen Initiationsriten
unterwerfen: Er wurde in der Wildnis ausgesetzt und musste überleben. Er wurde
harten Prüfungen und körperlichen Züchtigungen unterworfen und mehrmals mit dem
Tod konfrontiert. Danach war er aber „wiedergeboren“.
So wie Jesus und Gott-Vater
eine Person sind, so verschmolz Mithras mit Ahura Mazda und wurde als ein Gott verehrt. Die Priester
dieses Religion wurden die „Magierer genannt („Magoi“). Zur Zeit des persischen Großreiches war die
Religion der Magier die im Reich vorherrschende. Besonders stark war sie in
Kleinasien. Die Magier hatten von den babylonischen Chaldäern
den Glauben an die Sternengötter und die Astrologie übernommen.
Als Alexander der Große das
Perserreich erobert hatte, verschmolzen Zeus mit Ahura
Mazda und Mithras mit Apollon und Helios,
dem Sonnengott.
Man findet ein Relief von Apollon-Mithras auf dem Nimrod Dag in Südost-Anatolien.
Dort Hat der Diadochenherrscher Antiochos I. ein
Grabmal mit einer Kultsstätte erbaut. Auf dem Relief Apollon-Mithras
dem König Antiochos I. die Hand.
Seit der Zeit des Kaiser
Augustus drang der Mithraskult von Kleinasien aus in
das römische Reich vor, nach Italien, Afrika, Spanien, Britannien und nach
Germanien bis an den Limes, wo man zahlreiche Mithrasheiligtümer
fand. Besonders, aber nicht nur die römischen Legionäre verehrten Mithras. Wenn eine Legion versetzt wurde, nahm sie den Mithraskult mit – so auch in den römischen Teil Germaniens.
Die Hochblüte erlebte die Mithrasverehrung im dritten
Jahrhundert nach Christus. Mithras wurde in Mithras-Heiligtümern verehrt. Diese Mithräen
wurden in recht großer Zahl in Deutschland aufgefunden. Nachdem die römischen
Legionen abgezogen waren, führte an manchen Stellen die einheimische
Bevölkerung den Kult weiter.
Wenn der Mensch stirbt, muß seine Seele den Weg zu Gott finden, um sich mit ihm zu
vereinen. Der Lichtfunke der Seele muß sich mit dem
sonnenähnlichen Licht Gottes vereinen. Die Seele gelangt zunächst in den
Bereich unterhalb des Mondes. Jenseits des Mondes trifft sie dann auf die
Dämonen und Naturgeister, die im Wasser, in der Luft oder in der Erde wohnen.
Dann kommt die Sphäre der Planeten und Planetengötter, also Mars, Jupiter,
Venus, Helios usw. Darüber folgt dann der bereich der
Fixsterne mit dem Tierkreis („Zodiakus“).
Damit die Seele wohlbehalten
ans Ziel kommt, muß sie sich bereits zu Lebzeiten auf
ihre Reise durchs Jenseits vorbereiten und sie braucht einen göttlichen Geleiter: Mithras. Im Mithräum konnte der Gläubige seine Seele auf Reise
schicken, damit sie schon den Weg ins Jenseits erkunden konnte.
Über die Mithrasreligion
gibt es keine direkten schriftlichen Zeugnisse. Man ist darauf angewiesen, was
man aus den Mithrasdenkmälern schließen kann. Die Mithrasheiligtümer wurden unterirdisch angelegt oder in den
Fels gehauen. Die Decke des Kult-Raumes, der etwa 30 bis 50 Menschen Platz bot,
war ein Tonnengewölbe, das die Wölbung des Himmels nachbildete. Im Verlauf der
Kulthandlung wurde in dem dunklen Gewölbe ein Stier geschlachtet und die Gläubingen mit dem Blut besprengt, wodurch ihnen ein neues
Leben und neue Lebenskraft geschenkt wurde. Da ein Stier als Opfertier recht
teuer war, verwendete man auch Schafe und Ziegen. Nach der Tötung des Stieres
wurde auf dem Altar ein Feuer angezündet, an welchem die Gläubigen ihre Fackeln
entflammten. Am Schluß muß
der Ganze Raum in hellem Licht erstrahlt sein. Dies symbolisierte die Geburt
des Gottes Mithras, der mit seinem Erscheinen das
Licht in die Welt bringt und das Leben erneuert. Dies erinnert an die
christliche Weihnacht, wo in der finsteren Winternacht die Kirchen und die
Wohnzimmer strahlend hell erleuchtet werden. Der Geburtstag von Mithras wurde am Tag der Wintersonnenwende gefeiert.
Mithras ist der Gott des Lebens; deshalb hält er auf manchen Abbildungen eine
Ähre in der Hand und neben ihm steht der Lebensbaum. Mithras
wurde als Ernährer und Kulturbringer dargestellt.
Überall auf den Mithrasdenkmälern wird der Gott beim Opfern des Urstieres
gezeigt. Er hat diesen Stier weit über die Erde verfolgt, eingefangen und auf
seinen Schultern in eine Höhle getragen, wo er ihn opfert. Die Mithras-Denkmäler zeigen einen jugendlich schönen Mann, der
dem Stier auf den Rücken gesprungen ist, ihn an den Nüstern gepackt hat und ihm
den Dolch in die Halsschlagader stößt. Ein Hund springt hinzu, um das Blut zu
trinken. Ein Mischkrug, um den sich eine Schlange ringelt, ist aufgestellt, um
das Blut aufzufangen. Ein Skorpion sitzt an den Genitalien des Stieres, um
seinen Samen zu trinken. Auf dem wehenden, sternbesetzten Mantel des Gottes
sitzt ein Rabe, der Bote des Sonnengottes. Der Sonnengott ist zusammen mit den
Symbolen des Mondes, der Gestirne und der Jahreszeiten am Rande des
Reliefbildes zu sehen. Man sieht außerdem die beiden Begleiter des Mithras; einer, Cautos, hält eine
Fackel nach oben, das bedeutet Leben und Sonnenaufgang, während Cautopates die Fackel senkt; das bedeutet Tod und
Sonnenuntergang. Cautes und Cautopates
stellen auch den Morgen- und den Abendstern dar. Aus der Schwanzspitze oder aus
der Halswunde des Stieres sprießen Ähren, Kräuter und Pflanzen. Der Urstier
wird geopfert zur Erneuerung der Welt. Aus seinem Blut und aus seinem Samen regeneriert sich die Erde und alles Leben.
Mithras trägt auf fast allen Abbildungen die phrygische
Mütze, eine lederne helmartige Kopfbedeckung mit einem runden, nach vorn
geneigten Zipfel. Diese Mütze war im Orient verbreitet. Sie wurde aus dem
Hodensack und der angrenzenden Fellpartie des Stieres hergestellt. Durch
Trocknen wurde die Mütze besoners hart. Man glaubte,
dass die lebenspendende Kraft des Stieres durch die
Mütze auf ihren Träger überging. In der romanischen Kunst bedeutete die phrygische Mütze Zügellosigkeit und sexuelle
Ausschweifungen. In er französischen Revolution trugen
die radikale Revolutionärspartei, die Jakobiner, eine Stoffmütze mit der Form
einer phrygischen Mütze. Heute findet man die
Jakobinermütze auf den Köpfen von Gartenzwergen. Vermutlich soll dies weniger
auf ihre sexuelle Potenz als auf ihr Wirken bei der Erneuerung des Lebens im
Blumenbeet hindeuten.
Nach der Kultfeier nahmen
die Mithras-Anhänger gemeinsam ein kultisches Mahl
ein. Damit vollziehen sie das Mahl nach, bei welchem Mithras
und der Sonnengott vom Fleisch des getöteten Stieres aßen.
Das kultische Mahl der beiden Götter wird auf der Rückseite mancher Mithrasdenkmäler dargestellt.
Die Eingeweihten des Mithraskultes mussten sieben Weihegrade durchlaufen: Rabe, Nymphus, Soldat, Löwe, Perser, Sonnenläufer und Pater. Die
sieben Grade stellten die sieben Sphären der sieben Planeten dar. Im Stadium
des Soldaten wurde der Myste zu Tode erschreckt und
glaubte sich dem Tode nahe. Ab dem Perser begannen die höheren Weihegrade, die
der normale Myste nicht durchlief.
Zu den Mithrasmysterien
war keine Frauen zugelassen. Dies war ein wesentlicher
Grund, warum die Mithrasreligion dem Christentum
unterlag, obwohl es einige römische Kaiser Mithrasanhänger
waren (z.B. Commodus, 180 –192 n. Chr.) und obwohl
der römische Staat die Mithrasreligion eine Zeit lang
förderte. Die Mithrasanhänger waren loyale und treue
Soldaten und Beamte.