Napoleon,
der “Weltgeist zu Pferde” (Hegel)
Quelle: Eckart
Kleßmann: „Napoleon – Ein Charkterbild“ Verlag Hermann Böhlaus, Erschienen im
Jahr 2000, ISBN: 3-7400-1128-9
Friedrich Sieburg (Herausgeber): „Gespräche mit Napoleon“, München
1962
Sowie:
Polyglott-Reiseführer „Paris“
Wenn möglich, ging
Napoleon um neun ins Bett, schlief drei Stunden, stand um Mitternacht auf, nahm
ein Mahl ein, trank eine halbe Flasche Chambertin
(stets mit Wasser gemischt), arbeitete einige Stunden und schlief dann bis
sechs oder sieben. Notfalls arbeitete er die ganze Nacht durch und erwartete
von seinen Mitarbeitern, dass sie ihm ständig zur Verfügung standen und fleißig
mitarbeiteten – selbst wenn sie zum Umfallen müde waren. Er selbst arbeitete
notfalls 18 Stunden durch. Seine Energie schien unerschöpflich. Die Franzosen
sagten: „Gott schuf Napoleon – und
setzte sich dann zur Ruhe“.
Er neigte zu
Unbeherrschtheit und zu Wutanfällen, konnte aber auch von ungewöhnlichem Charme
und bezauberndem Wesen sein – wenn er jemanden für sich und seine Absichten
gewinnen wollte.
Er verstand es, die
öffentlichen Auftritte der Armee zu prachtvollen Show-Events zu gestalten. Die
Soldaten liebten ihn abgöttisch, weil er ihnen das Gefühl vermittelte, sich
persönlich um sie zu kümmern. Trotz aller Distanz hatten sie das Gefühl, dass
er einer von ihnen sei.
In seiner Jugend
war Napoleon ein besessener Leser; bis zu seinem Tod las er gerne und viel. Für
die Bibliotheken seiner Schlösser gab er riesige Summen aus, auf seinen
Feldzügen begleitete ihn eine tausendbändige Reisbibliothek. Er hatte ein
ungewöhnliches Gedächtnis und verblüffte seine Umgebung mit ausgiebigen
Deklamationen von Corneille oder Racine.
Als Redner war er
nicht begabt – eher als Schreiber.
Er war von
beständiger Unruhe getrieben und brauchte unausgesetzte Aktivität. Er wurde
leicht ungeduldig; das lange Zuhören war seine Sache nicht – aber auch nicht
die langen Monologe. Wenn er Schach oder Karten spielte, ging es ihm nie um das
Spielen selbst, sondern immer um das Gewinnen. Er liebte das Gewinnen so sehr,
dass er gerne mogelte.
Seine
Entscheidungen überlegte er sorgfältig und schwankte zwischen für und Wider.
Wenn er aber eine Entscheidung getroffen hatte, blieb er konsequent dabei.
Als Liebhaber hatte
er eher bescheidene Qualitäten; schon aus Mangel aus Zeit und Geduld konnte er
kein guter Liebhaber sein.
Er war eine großer
Realist und Pragmatiker. Gleichzeitig war er aber Intellektueller und Idealist.
Daß er diese widersprüchlichen Eigenschaften in
seinem Charakter integrieren konnte, trug wesentlich zu seinem Erfolg bei.
War Napoleon ein
Übermensch ?
Obwohl Napoleon das
Vorbild für unsere Vorstellungen vom Übermenschen geprägt hat, war Napoleon
kein Übermensch. Er stand nämlich keineswegs hoch über dem Normalmenschen. Er
war ungewöhnlich intelligent, ungewöhnlich fleißig, ungewöhnlich energisch und
hatte ein hervorragendes Gedächtnis. Er war ein Gehirnathlet, und sein Gehirn
wurde täglich gefordert und trainiert –
meistens war er wohl dann auch geistig in Hochform. Aber ist ein hochtrainierter Athlet schon ein Supermann ?
Napoleon konnte
seine großen Taten nur vollbringen, weil er einen ganzen Stab von Zuarbeitern
hatte, die ihm halfen, ein noch größeres Instrument zu dirigieren: die Armee.
Diese Ausdehnung seines Willens und seine Person war es, was ihn erst zum
Übermenschen machte. Ohne seine Armee wäre er ein kleiner Mann mit einer hohen
Stirn gewesen - mehr nicht.
Wie kaum ein
anderer war er darauf vorbereitet, auf diesem Instrument zu spielen. Er besuchte
die Militärschule in Brienne und die Offiziersschule
in Paris. Er lernte sein Handwerk von Grund auf. Gewiss, es gab auch noch
andere begabte Offiziere und Generäle – aber welcher von ihnen war ein so
verbissener und ehrgeiziger Workaholic, ein so wagemutiger und vom Glück
begünstigter Egomane und umfassend gebildeter Intellektueller ? Er war kein
Übermensch, sondern nur der richtige Mann zu rechten Zeit am rechten Platz.
In Wirklichkeit war
Napoleon weit davon entfernt, ein Übermensch zu sein. In der Politik war er ein
begabter und fleißiger Dilettant. Aber letztlich versagte er auf dem Feld der
Politik und Diplomatie – auch wenn der Code civil eine große Leistung ist. Den
größten Gefallen, den er Frankreich hätte tun können, wäre gewesen, 1807 die
Regierung Frankreichs in die Hände eines Könners zu legen, der dann die
militärischen in politische Erfolge hätte umwandeln können.
Napoleon war kein
Übermensch, sondern nur ein Mensch, der selbst im Zenith seiner
Leistungsfähigkeit durch die Aufgaben überfordert war.
Während der sechs
letzten Jahre seines Lebens, die er als Gefangener der Engländer auf dem
einsamen Felseiland Sankt Helena im Südatlantik verbrachte, hatte er Zeit,
seine Memoiren zu diktieren. In Emmanuel Augustin Dieudonné
Graf von Las Casas fand er einen getreuen Eckermann.
So konnte Napoleon im Bewusstsein der Welt zum Übermenschen werden, dessen
Leiche (der Legende nach bei der Exhumierung auf Sankt Helena unversehrt und
ohne die geringsten Verwesungsspuren, selbst der Penis, der später verschwand, muß wohl noch daran
gewesen sein) am 15. Dezember 1840 in den Invalidendom zu Paris gebracht
wurden. Unter der großen Kuppel schuf Visconti eine Krypta, in der ein großer,
klotziger Sarkophag aus rotem finnischem Porphyr steht. In ihm sind sechs
weitere Särge. Im innersten, einem Zinksarg, liegen die sterblichen Überreste
des Kaisers. Sollte der Tag des Jüngsten Gerichtes kommen, an welchem sich alle
Toten aus ihren Gräbern erheben (selbstverständlich unversehrt usw.), dann wird
Napoleon einige Zeit benötigen, um sich aus seinen insgesamt sieben Särgen
herauszuarbeiten.