Napoleon: Wie ein Übermensch Schach spielt

Text: Richard Beiderbeck, www.koinae.de

 

Die Schachpartie Napoleons stammt aus dem Buch „“Freude am Schach“ von Gerhard Henschel, Bertelsmann Verlag 1972.

 

Während seiner Verbannung auf St. Helena spielte Napoleon die nachfolgende Schachpartie gegen seinen getreuen General Bertrand. Wenn man sieht, wie Napoleon am Schluss - ständig in Gefahr, selbst matt gesetzt zu werden -  erst einen Turm, dann noch einen Läufer opfert, um schließlich doch den Kampf zu gewinnen, dann kann man dankbar sein, dass Hitler keine vergleichbare Begabung hatte. Napoleons Spiel zeigt, dass er ein hervorragendes strategisches Gespür mit exakter und weitreichender Berechnung verband. Er liebte komplexe, zweischneidige Situationen, aus welchen er als Sieger hervorgehen konnte, weil er die besseren Nerven und den besseren Durchblick hatte. Er wusste genau, dass es darauf ankam, am entscheidenden Punkt die größere Durchschlagskraft zu haben – ungeachtet der Verluste, mit denen er diesen punktuellen Vorteil erlangt hatte.

Napoleon verdankte seine Siege auf dem Schachbrett und auf dem Schlachtfeld aber auch den Fehlern und Schwächen seiner Gegner. Um auf die Schachpartie mit Bertrand zurückzukommen: dieser war zwar ein wackerer und durchaus ernstzunehmender Gegner, aber er machte schon in der Eröffnung einen kleinen Fehler, den er sich gegen einen guten Spieler nicht erlauben konnte: er nahm das Damengambit an und ruinierte seine Bauernstellung in der Mitte. Nur dank des starken Bauern-Zentrums konnte dann Napoleon am Schluss sein Matt herbeizaubern. Gegen einen guten Vereinsspieler oder einen Schachcomputer hätte sich Napoleon solche Opfer und Risiken nicht leisten können; sein Husarenritt wäre klar widerlegt worden, so wie Napoleon auf dem Schlachtfeld ebenfalls widerlegt wurde, als die Gegner seine Strategie begriffen hatten. Und so kam es, dass der phantasielose Beamte, der kleinliche Biedermann Hudson Lowe, Gouverneur von Stankt Helena, zu Napoleons Kerkermeister wurde. Der „letzte Mensch“ (im Sinne Nietzsches) triumphierte über den „Übermenschen“, der zu hoch gepokert und verloren hatte. Aber das konnte Napoleon für eine Stunde vergessen, als er diese Schachpartie spielte.

 

1. Sg1 – f3           Sb8 – c6

2. e2 – e4             e7 – e5

3. d2 – d4             Sc6 x d4

4. Sf3 x d4            e5 x d4

5. Lf1 – c4           Lf8 – c5

6. c2 – c3             Dd8 – e7

7. 0-0                    De7 – e5

8. f2 –f4               d4 x c3+

9. Kg1 – h1          c3 x b2

10. Lc4 x f7                   Ke8 – e8

11. f4 x e5            b2 x a1D

12. Lf7 x g8                   Lc5 – e7

13. Dd1 – b3        a7 – a5

14. Tf1 – f8+        Le7 x f8

15. Lc1 – g5+      Lf8 – e7

16. Lg5 x e7+       Kd8 x e7

17. Db3 – f7+       Ke7 – d8             

18. D7 – f8++