Nationenbildung auf drei Ebenen
Von
Nach
dem Sieg über die Taliban in Afghanistan tauchte in
den amerikanischen Medien das Wort „Nation Building“ auf, also die Bildung
einer Nation. Man realisierte nämlich, dass Afghanistan keine Nation war,
sondern in eine größere Anzahl von Stämmen und Territorien zerfiel, die von
Kriegsherren dominiert waren. Um den Bürgerkrieg zu beenden, musste
also eine Einigung und ein Zusammenschluß erfolgen,
eine Nation musste geschaffen werden.
Es
gibt zwei Wege zur Nationenbildung: Entweder dominiert ein Stamm oder eine
Gruppierung alle andern und errichtet eine auf illegitimer Macht basierende
Herrschaft. Oder alle Partner sind gleichberechtigt und werden entsprechend
ihrer Bevölkerungszahl und ihrer Bedeutung an der Regierung beteiligt. Sinnvoll
ist es auch, eine föderale Struktur zu schaffen. So wird verhindert, dass Teile
der Bevölkerung unterdrückt werden und dass es Minderheitenprobleme gibt, die
zum erneuten Aufflammen des Bürgerkrieges führen können.
Föderalismus
und Demokratie sind bewährte Methoden, um ein Land mit einer inhomogenen
Bevölkerungsstruktur zu regieren.
Der
jetzt in Afghanistan unternommene Ansatz ist vom Prinzip her richtig. Sollte er
dennoch scheitern, dann liegt es daran, dass eine Demokratie nur dann bestehen
kann, wenn es genügend Demokraten gibt. Sollten sich die in Afghanistan nicht
finden, hat das Land eine große Chance vertan.
Wir
haben lernen müssen, dass nach der Überwindung des Konfliktes zwischen USA und
UdSSR der weltweite Frieden immer noch nicht erreicht ist, weil in vielen
Ländern Bürgerkriege toben. Dort gibt es noch keine Nationen oder die Nationen
sind zerfallen.
Wenn
ein Land zu einer Nation zusammenwächst und zur friedlichen Einheit findet, ist
das eine große Errungenschaft. Die Nation ist also der Friedensbringer und
Nation Building bedeutet Überwindung der Bürgerkriege.
Nachdem
in einem Land der Bürgerkrieg abgeschafft und der innere Frieden gewährleistet war,
konnte sich die Nation nach außen wenden. Meist tat sie das nicht in
friedlicher Absicht.
Das
Verhalten der europäischen Nationen war bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges
von zwei fundamentalen Emotionen geleitet: Von Angst und von Gier.
Beginnen wir mit der Gier: Die technische, und damit
einhergehend: die militärische Überlegenheit der Europäer führte dazu, dass sie
weite Teile der Welt unterwarfen, um sie auszubeuten. Europäische Nationen
„erwarben“ Territorien, das heißt sie nahmen die Länder mit ihrer Bevölkerung
und ihren Bodenschätzen einfach in Besitz. Ich nenne das Raub und Mord.
Die
zweite Emotion, welche die Nationen beseelte, war die Angst, dass der Nachbar
über sie herfallen, Provinzen an sich reißen oder gleich das ganze Land
unterwerfen könnte. Man war also in ständiger Angst vor den Nachbarn und
beobachtete sie mit äußerstem Misstrauen. Gleichzeitig erhöhte man die
Truppenzahl und dachte meist nicht nur an Verteidigung, sondern auch an
Angriff. Natürlich deklarierte man dies
als „Vorwärtsverteidigung“ und „Präventivkrieg“.
In
einer schwierigen Lage waren die kleineren Staaten. Sie mussten sich mit einer
Großmacht verbünden, um von ihr geschützt zu werden. Aber so waren die kleinen
Staaten auch verpflichtet, mit Hilfstruppen an den Kriegen der Großen
teilzunehmen und oft sogar einen besonders hohen Blutzoll zu entrichten.
Warum
haben die Nationen es nicht vorgezogen, in Frieden miteinander zu leben ? Die Antwort ist einfach: die Vorteile, welche die
Großmächte (und sie bestimmten ja die Spielregeln) von diesem System der
Raubtierstaaten hatten, waren einfach zu groß: Durch die Eroberungen wurden die
Kolonialmächte ungeheuer reich, und ihre Oberschicht ebenfalls.
Ein
anderer Punkt kam noch hinzu: Je mehr Territorium eine Nation hatte, desto mehr
Ressourcen für den Krieg hatte sie und desto schwieriger war es, sie im
Handstreich zu erobern; je mächtiger sie war, umso sicherer war sie vor seinen
Nachbarn.
Mit
dem Ersten und Zweiten Weltkrieg änderte sich für die Europäer alles.
Die
erste Änderung war, dass Kriege so ungeheuere Opfer und Kosten verursachten,
dass diese die zu erwartenden Gewinne bei weitem überwogen. Kriege waren ein
Verlustgeschäft, nach der Erfindung der Atombombe sogar ein selbstmörderisches
Unternehmen.
Der
zweite Punkt war, dass sich auch die Kolonien nicht mehr lohnten und im Grunde
auch nicht mehr zu halten waren. Man konnte nämlich die Bevölkerung in den
Kolonien nicht bloß ausbeuten und
unterdrücken. Das war kontraproduktiv, denn es führte zu Aufständen und
Sabotage (die von den Feinden der Kolonialmächte gefördert wurden). Es war
notwendig, Schulen, Krankenhäuser für die „Eingeborenen“ zu errichten. Für den
Abtransport dessen, was man aus der Kolonie herausholte, musste man Eisenbahnen
und Häfen bauen
Man
kam darauf, dass es kostengünstiger war, die Kolonien in die Freiheit zu
entlassen, und eine korrupte Regierung zu etablieren, welche die Rohstoffe des
Landes zu lächerlich geringen Preisen an die ehemaligen Kolonialmächte
verkaufte. Es blieb den korrupten Regierungen auch fast keine andere Wahl, denn
sie brauchten die Waffenlieferungen der ehemaligen Kolonialherren, um sich
gegen ihr eigenes Volk zu verteidigen.
Nachdem
sich dies alles so entwickelt hatte, bestand für die europäischen Länder kein
Grund mehr, den Zustand des gegenseitigen Misstrauens aufrecht zu erhalten. Man
konnte in eine Phase der Annäherung eintreten und sich immer enger
zusammenschließen, zumal man einen gemeinsamen Feind hatte: die Sowjetunion.
Als
die Sowjetunion zusammengebrochen war, tauchte für die Engländer und Franzosen
eine neue Angst auf: Deutschland könnte wieder zu mächtig werden. Deshalb
beeilte man sich, es in Europa zu integrieren.
Mit
der Einführung des Euro ist die Nationenbildung auf europäischer Ebene so weit
vorangekommen, dass man hoffen kann, dass ein Krieg zwischen den Mitgliedern
der europäischen Union ausgeschlossen ist. Das ist ein nicht hoch genug
einzuschätzender Gewinn.
Föderalismus
und Demokratie haben den Frieden in Europa gebracht.
Nachdem
jetzt allgemein anerkannt ist, dass sich Imperialismus und Eroberungskriege
nicht mehr lohnen, steht der Einsicht aller Politiker auf der Welt nichts mehr
im Wege, dass sie Ihre Nationen allmählich zusammenschließen könnten. Einige
besonders rückständige Regierungen haben zwar noch Kriege gegeneinander
geführt, z. B. der Irak und der Iran. Die USA ist durch den verlorenen
Vietnamkrieg davon geheilt, sich mit größeren eigenen Truppenkontingenten in
einen Krieg verwickeln zu lassen. Die Welt ist dafür reif, dass sich die
Nationen zusammenschließen. Wenn die Einigung Europas ein sichtbarer Erfolg
wird, dann werden andere Nationen dem Beispiel folgen.
Denkbar
ist folgendes Szenario: Das Vereinte Europa und die USA, Kanada, Australien,
Neuseeland und Südafrika bilden eine Wirtschafts- und Währungsunion, an die
sich Japan, die Philippinen, Indien, die Türkei, Russland und die ehemaligen
Warschauer-Pakt-Staaten anschließen. Etwa um die gleiche Zeit treten Mexiko,
Brasilien, Argentinien und die anderen lateinamerikanischen Staaten bei. Dann
stoßen hinzu: die südostasiatischen Staaten, z. B. Südkorea, Thailand, Taiwan und Indonesien. Es
folgen die meisten arabischen Saaten, z. B. Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien,
Kuwait, die Emirate, Marokko, Tunesien, Libanon und Pakistan. Wenn dann noch
China beitritt, ist die Weltunion fast geschafft, und die verbleibenden Staaten
in Afrika und Asien werden froh sein, in den Club aufgenommen zu werden.
Als
ich 1983 zu ersten Mal für die Weltföderation eintrat, hat man mich nicht ernst
genommen. Ich war ein Spinner und ein Exot. Heute stoße ich auf expliziten
Widerstand nur noch bei Neonazis, die an die uralte Weltverschwörungspropaganda
glauben. Die meisten anderen Menschen sagen: „Eine geeinte Menschheit
? Das ist eigentlich ein schöner Traum. Nur müssen wir aufpassen, dass
keine Weltdiktatur entsteht“.
Aber
im Prinzip ist man der Meinung, dass der Weltstaat wünschenswert ist und dass
er eines fernen Tages kommen wird. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen mir
und meinen Diskussionspartnern bestehen nur noch darüber, wann der Weltstaat
kommt. Nun, er kommt vielleicht schneller als man denkt.
Eines
Tages wird man sagen: „Es gibt nur eine Nation: die Menschheit“.