Dieser Text
wurde im Juli 2001 verfasst von
"Der Mensch
ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, - ein Seil über einem
Abgrunde", sagt Nietzsche in "Also sprach Zarathustra".
Der
französische Orientalist und Religionswissenschaftler Ernest Renan schrieb im Jahr 1871 in „Träume“ über eine höherentwickelte Menschenrasse: „Es wäre dies eine Art von
Göttern . . . Wesen, die uns zehnfach überlegen wären . . . An der Wissenschaft
ist es, das Werk bei dem Punkt wieder aufzunehmen, bei welchem die Natur stehen
geblieben ist . . . So wie die Menschheit aus der Tierheit
hervorgegangen ist, so würde die Gottheit aus der Menschheit hervorgehen. Es
würde Menschen geben, welche sich des Menschen bedienen würden, wie sich der
Mensch der Tiere bedient.“
Wenn man die
Darwinsche Evolutionstheorie konsequent weiterdenkt, gibt es keinen Grund
anzunehmen, dass der Mensch, „die Krone der Schöpfung“ auch wirklich der
krönende Abschluß aller Evolution sein soll. Wenn man
die Entwicklung des Menschen vom Australopithecus africanus zum Homo habilis, dann
zum Homo erectus und schließlich zum Homo sapiens betrachtet, drängt sich der
Gedanke auf, dass aus dem Homo sapiens einmal ein „Homo superior“
(ein „Übermensch“) entstehen könnte.
Da der
Entwicklungsvorgang vom Homo erectus zum Homo sapiens etwa 1,2 Millionen Jahre
benötigt hat, und da der Homo sapiens schon seit 500 000 Jahren existiert,
könnte man annehmen, dass der Homo superior noch
weitere 500 000 Jahre auf sich warten
lässt.
Bei dieser
Überlegung übersieht man aber, dass der Mensch immer mehr in die natürliche Entwicklung
eingreift. Er hat bereits neue Pflanzen- und Tierrassen gezüchtet. Wird er auch
neue Menschenrassen, ja neue Spezies von Menschen züchten bzw. gentechnologisch
hervorbringen ?
Schauen wir
uns noch einmal die Zahl 500 000 Jahre an. Das die Zahl der Jahre, die der Homo
sapiens bisher existiert hat. Diese Zahl gibt uns die Antwort auf die Frage
„Wird der Mensch auf künstliche Weise einen höher entwickelten Menschen
hervorbringen ?“. Die Antwort lautet: Mit Sicherheit wird der Mensch dies tun.
Er wird es nicht in 500 000 Jahren tun, er wird es nicht in 1000 Jahren tun,
sondern er wird es in den nächsten 200 Jahren tun.
Diese Zahlen
zeigen auch, dass die Evolution eine dramatische, explosionsartige
Beschleunigung erfahren wird. Der Mensch, dieser Zauberlehrling, wird der Natur
ins Handwerk pfuschen, mehr noch, er wird die natürliche Evolution außer Kraft
setzten. Er wird so schnell ganz neue Tiere und Pflanzen schaffen, dass da die
Schöpferkraft der Natur einfach nicht mehr mithalten kann. Wir leben im Zeitalter
der postbiologischen Evolution.
Ein anderer
Aspekt ist, dass der Mensch dabei ist, nicht biologisches Leben und
nichtbiologische Intelligenz zu schaffen. Eine Spezies von Robotern, die
Roboter der gleichen Art baut, (sich also selbst reproduziert) könnte alle
Kriterien erfüllen, die bisher nur von intelligenten Lebewesen erfüllt wurden.
Der Übermensch könnte also auch ein Roboter, ein Supercomputer oder ein
Computernetzwerk sein.
Der
Übermensch, der auf den ersten Blick in einer unendlichen fernen Zukunft auf
die Menschheit wartete, könnte also schon vor der Tür stehen. „Darum wachet !
Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“ (Matthäus-Evangelium, Gleichnis
von den klugen und den törichten Jungfrauen).
Im großen
Plan der Evolution ist es aus der Sicht Nietzsches die Aufgabe des Menschen,
seinen Nachfolger hervorzubringen, der höher entwickelt ist als er selbst.
Diesem, dem Menschen überlegenen Menschen nennt Nietzsche den
"Übermenschen".
Wie soll
sich die Menschheit im Angesicht der Möglichkeit verhalten, dass es eine Gruppe
von Menschen gibt, deren Arbeit darauf hinausläuft, einen Übermenschen oder
einen dem Menschen überlegenen Computer hervorzubringen ? Diese Gruppe von
Menschen gibt es bereits: Es sind im weitesten Sinne alle diejenigen, die am
technisch-wissenschaftlichen Fortschritt arbeiten und alle diejenigen, die
durch ihre Arbeit das Geld und die Rohstoffe zur Verfügung stellen, damit der
technische Fortschritt weitergehen kann.
Soll die
Menschheit die Schaffung des Übermenschen bejahen und vielleicht sogar bewusst
betreiben, oder soll sich die Menschheit auf den Standpunkt stellen: „Der
Übermensch wird den Menschen ausrotten, so wie der Cro-Magnon-Mensch
den Neanderthaler ausgerottet hat. Deshalb wehret den
Anfängen !“ (Ob unsere Vorfahren den Neanderthaler
ausgerottet haben oder nicht, kann man heute nicht mehr sagen; aber wer sich
das Verhalten der Menschheit betrachtet, muss zu dem Schluss kommen:
Wahrscheinlich haben unsere Vorfahren den Neanderthaler
aktiv gejagt und vernichtet. Eine Menschheit, die den militärischen Dienstgrad
eines „Jägers“ (sprich: „Menschenjägers“) hervorbringt, würde auch heute nicht
zögern, den Dienstgrad eines „Neanderthaler-Jägers“
hervorbringen. Wenn der Übermensch unsere instinktiven Verhaltensweisen erben
und kultivieren würde (was hoffentlich nicht der Fall sein wird), dann
müsste man davon ausgehen, dass der
Übermensch zum „Homo-sapiens-Jäger“ werden wird. Sicher würde er sein
Ausrottungshandwerk nicht so primitiv wie die Nazis betreiben – das wäre unter
seiner Würde und Erhabenheit. Vielleicht wird er uns einfach daran hindern, uns
zu fortzupflanzen. In diesem Szenario könnte man sich aber auch vorstellen,
dass der Homo superior sich einige Exemplare des Homo
sapiens (er würde uns vielleicht „Animal sapiens“ –
„kluges Tier“ nennen) im Zoo oder für wissenschaftliche Studien und Versuche
hält.
Ein anderes
Szenario wäre aber, dass der Übermensch ein durch und durch edler und guter
Mensch ist, der gegenüber seinem Vorgänger, der ihn ja schließlich hervorgebracht
hat, Gefühle der Dankbarkeit, der Zuneigung und des Mitleides empfindet.
Vielleicht wird der Übermensch dem „Normalmenschen“ einen Teil unseres Planeten
überlassen, wo er sein gewohntes Leben führen kann. Vielleicht wird der
Übermensch dem Normalmenschen sogar helfen, ein angenehmes und glückliches
Leben zu führen. Der Übermensch hätte sicher die Macht dazu. Es fragt sich nur,
ob er auch den Willen dazu hätte. Denkbar wäre auch, dass der Übermensch den
Normalmenschen als eine Art Hund hält – nach dem Motto: „Der Normalmensch ist
der beste Freund des Übermenschen“. Der Übermensch könnte sich ja auch eine
besonders angenehme und liebenswerte Variante des Homo sapiens erschaffen,
welche ihr ganzes Glück darin findet, dem Übermenschen zu dienen und ihm treu
und ergeben zu sein.
Denkbar wäre
auch, dass der Übermensch etwa folgende Überlegung anstellt:
„Der
Normalmensch ist im Besitz von Massenvernichtungswaffen. Er kann jederzeit
diesen Planeten in eine radioaktiv verseuchte Wüste verwandeln. Selbst wenn er
keinen Atomkrieg führt, wird er diesen Planeten allmählich in eine gigantische
Müllkippe verwandeln. Wenn der Normalmensch also früher später diesen Planeten
ruinieren wird, wird er auch die Zukunft des Übermenschen ruinieren. Also muss
der Übermensch den Normalmenschen entmachten.“
Rufen wir
uns noch einmal den eingangs zitierten Satz Nietzsches ins Gedächtnis:
"Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, - ein
Seil über einem Abgrunde". Heute wissen wir, was Nietzsche nur ahnte: Der
Mensch ist in der Gefahr, sich selbst in den Abgrund zu stoßen, denn er ist
noch in primitiven Verhaltensmustern
befangen, verfügt aber schon über die Macht, seine ganze Spezies
auszulöschen und unseren Planeten zu ruinieren. Allerdings dürfte der Übermensch,
den Nietzsche im Sinn hat, also ein brutaler uns skrupelloser Mensch, kaum der
Richtige sein, um die Erde vor der Zerstörung zu retten.
Das
Abgründige am Menschen ist, dass er nicht nur sich selbst, sondern alle noch
höher entwickelten Lebewesen mit sich in den Abgrund ziehen kann – einfach
indem er eine Katastrophe auslöst, welche zum Untergang aller Primaten auf
diesem Planeten führt. Wenn es weder Menschen noch Affen auf der Erde mehr
gäbe, dann wäre die Evolution um viele Millionen Jahre zurückgeworfen.
Nietzsche
sagt, der Mensch soll diese Entwicklung des Übermensche bewusst bejahen und
wollen.
Nietzsche liebte die Menschen nicht. Was er positiv an ihnen fand, war,
dass sie untergehen und zuvor etwas Neues hervorbringen werden: den Übermenschen.
Für Nietzsche ist der ideale Mensch derjenige, welcher der Wegbereiter des
Übermenschen ist, obwohl er weiß, dass der Übermensch der Untergang des
Menschen sein kann. Der ideale Mensch ist also derjenige, der seinen eigenen
Untergang freudig begrüßt, weil er so Platz für den Übermenschen macht. Nicht
„Menschheit“, sondern Übermensch ist das Ziel, sagt Nietzsche.
Der ideale
Mensch im Sinne von Nietzsche ist also der Gentechnologe, der in seinem Labor
am Übermenschen bastelt, obwohl er weiß, dass dieser Übermensch die heutigen
Menschen vielleicht wie Ungeziefer ausrotten wird und höchstens ein paar
Exemplare im Zoo halten wird.
Es gibt noch
eine andere Spezies von Wissenschaftlern, die am Übermenschen arbeiten: Die
Computerfachleute und Informatiker. Im Internet las ich (sinngemäß): „Projekt
‚Übermensch’ ist ein Versuch, den größten Ultracomputer der Welt zu bauen. Das
Übermensch-System ist ein Beowulf-System, das geschenkte Computer von Spendern
aus der ganzen Welt zu einem Supercomputer vernetzt, so dass dieses Netzwerk
wie ein einziger Supercomputer arbeitet“.
Es wäre
etwas natürlich naiv, aus einem Haufen vernetzter alter 386-er eine dem
Menschen vergleichbare Intelligenz zu schaffen - diesen Anspruch erheben die
Urheber des Übermensch- Projekts auch gar nicht. Aber der Name des Projekts
lässt ahnen, in welche Richtung die Wunschträume gehen. Dennoch: es ist nicht
ausgeschlossen, dass der wahre Übermensch ein Netzwerk von über die ganze Erde
verteilten Computern sein wird.
Es wäre
sogar denkbar, dass zwei Arten von Übermenschen einst um die Vorherrschaft auf
der Erde kämpfen werden: Die durch gentechnische Manipulation gezüchteten
Nachfolger des Menschen und die Supercomputer.
Lassen wir
nochmals Nietzsche zu Wort kommen (in Zarathustras Vorrede): "Ich liebe
den, welcher arbeitet und erfindet, dass er dem Übermenschen das Haus baue und
zu ihm Erde, Tier und Pflanze vorbereite: denn er will seinen Untergang...Seht,
ich bin ein Verkündiger des Blitzes, und ein schwerer Tropfen aus der Wolke:
dieser Blitz aber heißt Übermensch."
Man kann
aber aus folgender Passage (Zarathustra, Kapitel "Auf den glücklichen
Inseln") entnehmen, dass Nietzsche die Züchtung des Übermenschen
befürwortete: "Könntet ihr einen Gott schaffen ? . . . Wohl aber könnt ihr
den Übermenschen schaffen. Nicht ihr vielleicht selber, meine Brüder ! Aber zu
Vätern und Vorfahren könntet ihr euch umschaffen des Übermenschen: und dies sei
euer bestes Schaffen !"
In „Der
Wille zur Macht“ schreibt Nietzsche: „wäre es nicht an der Zeit, je mehr der
Typus ‚Herdentier’ jetzt in Europa entwickelt wird, mit einer künstlichen und
bewussten Züchtung des entgegengesetzten Typus und
seiner Tugenden den Versuch zu machen ?“
Für
Nietzsche ist das Gegenteil des Übermenschen der "letzte Mensch". Ihm
gilt die ganze Verachtung Nietzsches. Dieser letzte Mensch ist kein primitiver
Proletarier, sondern ein wohlhabender Spießbürger in Spätzeit der menschlichen
Entwicklung. Der letzte Mensch flieht aus dem kalten Norden in den angenehme
warmen Süden. Er achtet sehr auf seine Gesundheit und vermeidet es krank zu
werden. Er geht achtsam mit seinen Mitmenschen um und vermeidet es, sie zu
ärgern oder zu provozieren. „Ein Tor, der noch über Steine oder Menschen
stolpert !“ formuliert Nietzsche den Standpunkt des „letzten Menschen“. Der
letzte Mensch arbeitet noch, aber er arbeitet nur zu seiner Unterhaltung. Man
ist wohlhabend, aber nicht superreich, denn das wäre, ebenso wie Armut, zu
beschwerlich. Niemand will mehr regieren, niemand will mehr gehorchen. Auch
dies ist dem dekadenten „letzten Menschen“ zu beschwerlich. Nietzsche sagt:
„Jeder will das gleiche, jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig
ins Irrenhaus...Man ist klug und weiß alles, was geschehen ist...Man hat ein
Lüstchen für den Tag und ein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die
Gesundheit. 'Wir haben das Glück erfunden' - sagen die letzten Menschen und
blinzeln."
Hier
schildert Nietzsche eine überalterte Wohlstandsgesellschaft von Warmduschern, Schattenparkern und Dünnbrettbohrern, die
sich im Winter in den Süden flüchtet.
Nietzsche
ist sich bewusst, dass, wenn es auch satanische Übermenschen geben wird. Er
schreibt (Zarathustra, Kapitel "Von der Menschen Klugheit"):
"Wahrlich, es gibt auch für das Böse noch eine Zukunft ! ... Einst werden
aber größere Drachen (d. h. Teufel) zur Welt kommen. Denn daß
dem Übermenschen der Drache nicht fehle, der Über-Drache, der seiner würdig
ist: dazu muß noch viel heiße Sonne auf feuchtem
Urwald glühn !"
Wie schon
Nietzsche in der Vorrede zu Zarathustra darlegte, hofft er, daß
es Menschen geben wird, welche die Entwicklung des Übermenschen fördern. Diese
Menschen nennt Nietzsche die "höheren Menschen". Sie stehen im
Gegensatz zu den "letzten Menschen", die Nietzsche als Pöbel
betrachtet. Sehr zum Mißvergnügen Nietzsches, der
wohl alles andere als ein Demokrat war, herrscht der "Pöbel": Er
schreibt: "Heute nämlich wurden die kleinen Leute Herr: die predigen alle
Ergebung und Bescheidung und Klugheit und Fleiß und Rücksicht und das lange Und-so-weiter der kleinen Tugenden. Was von Weibsart ist,
was von Knechtsart stammt und sonderlich der Pöbel-Mischmasch: das will nun
Herr werden alles Menschen-Schicksals."
Was
Nietzsche als Pöbel verunglimpft, sind die normalen Bürger, die vernünftig und
verantwortungsvoll ihr Gemeinwesen selbst regieren.
Nietzsche
lebte in einer Zeit, in welcher der Adel und die Feudalgesellschaft durch die
Bürgerliche Gesellschaft abgelöst wurde. Der Elite-Gedanke ist der Gedanke der
Aristokratie. Nachdem die alte Aristokratie dem Ende ihrer Macht und
Herrlichkeit entgegen ging, suchte Nietzsche eine neue Elite. Die Elite sind
für Nietzsche die "höheren Menschen" - zu denen er sich selbst
natürlich auch zählt. Er lehnt den Gedanken entschieden ab, daß
alle Menschen gleich viel wert und gleich berechtigt.
Aus
Nietzsches Sicht ist Gott tot, insofern macht für ihn der Satz "Alle
Menschen sind vor Gott gleich" keine
Sinn. Ihm liegt auch nichts an Benthams Idee, daß die Politik das möglichst große Glück der möglichst
großen Zahl von Menschen anstreben sollte. Nietzsche will auch nichts zu tun
haben mit den Weltverbesserern: "Die Sorglichen fragen heute: ‚wie bleibt
der Mensch erhalten ?’. Zarathustra fragt als der Einzige und Erste: ‚wie wird
der Mensch überwunden ? Der Übermensch liegt mir am Herzen, der ist mein Erstes
und Einziges, - und nicht der Mensch: nicht der Nächste, nicht der Ärmste,
nicht der Leidendste, nicht der Beste."
"Wohlan
! Wohlauf ! Ihr höheren Menschen ! Nun erst kreißt der Berg der
Menschen-Zukunft. Gott starb: nun wollen wir,
- daß
der Übermensch lebe."
Der Aufstieg
des Übermenschen bedeutet für Nietzsche den Untergang des Menschen. Aus der
Sicht des Menschen ist es also etwas Böses, die Heraufkunft
des Übermenschen zu fördern - so wie es der "höhere Mensch" tut. Vor
diesem Hintergrund ist wohl die folgende Textpassage zu verstehen:
"Der
Mensch muß besser und böser werden - so lehre ich. Das Böseste ist nötig für des
Übermenschen Bestem".
Daß die "höheren Menschen" die Entwicklung des
Übermenschen fördern, bringt sie im Gegensatz zu der Mehrheit, die aus den
"letzten Menschen" besteht. Dies wird den "höheren
Menschen" natürlich eine Menge Leiden bringen. Nietzsche lässt seinen
Zarathustra sagen: "Oder ich wollte fürderhin euch Leidende bequemer
betten ? Oder euch Unsteten, Verirrten, Verketteten neue leichtere Fußsteige
zeigen ? Nein ! Nein ! Dreimal Nein ! Immer mehr, immer Bessere eurer Art
sollen zugrunde gehn, - denn ihr sollt es immer
schlimmer und härter haben. So allein - so allein wächst der Mensch in die
Höhe, wo der Blitz (d. h. der Übermensch) ihn trifft und zerbricht."
Für
Nietzsche sind also die "höheren Menschen" die Märthyrer,
die sich für den Übermenschen opfern und zum Dank dafür von ihm ausgerottet
werden. Hier klingt in Nietzsches Ideen der christliche Satz an: "Das Blut
der Märthyrer ist der Samen, auf dem die Kirche
gebaut wird."
Gewissermaßen
ist der Übermensch der Moloch, dem die Menschen geopfert werden.
Die höheren
Menschen sind für Nietzsche Menschen, die sich einem Ideal opfern. Früher opferten sich die Heiligen
für Gott, die zukünftigen Heiligen werden sich aus der Sicht Nietzsches für den
Übermenschen opfern. Er ist an die Stelle Gottes getreten.
Der
Übermensch-Gedanke Nietzsches ist das
konsequente Endprodukt einer geistigen Entwicklung, die mit der Renaissance
begann: Der Mensch tritt in Gegensatz zu den religiösen Autoritäten. Er besinnt
sich auf sich selbst und die Kraft der Vernunft. Er befreit sich aus der selbstgewählten Unmündigkeit, wie es Kant sagt. Der nächste
Schritt ist, daß Gott für nicht existent erklärt
wird. Der neue Gott heißt dann z. B. „Leviathan“ (bei Thomas Hobbes). Leviathan
ist der Staat, speziell der Nationalstaat - auch so ein Moloch, dem Millionen
von Menschen im Krieg geopfert werden. Der Mensch wird souverän, er erkennt keine
andere Macht über sich an. "Tu, was du willst, dies sei dein Gesetz"
predigt dann der Satanist Aleister Crowley. Der Mensch macht sich selbst zum Gott. Das war
übrigens schon in der Antike nichts Neues. Aus "Ave
Caesar" wurde "Heil Hitler", und Goebbels, der
"Renaissancemensch" (wie er sich selbst nannte) lehrte die Massen,
den Führer wie einen Gott anzubeten. Da aber der Mensch doch ziemlich schäbig
und ziemlich sterblich ist, kann er die Rolle Gottes schlecht spielen. Aber
vielleicht wird der Mensch einmal noch viel herrlicher und vielleicht sogar
unsterblich. Laßt uns also den Übermenschen schaffen
! - Dies ist in etwa die Gedankenkette,
die sich eigentlich ganz zwingend ergibt - wenn man die Straße der Aufklärung
und des Rationalismus konsequent zu Ende geht. Soll uns das mit Schrecken oder
mit Hoffnung und Bewunderung für den modernen Menschen erfüllen ? Vielleicht
ist all dies auch der Plan Gottes. Man wird sehen.
Im Kapitel
"Zucht und Züchtung" des Buches
"Der Wille zur Macht" vertritt Nietzsche die Ansicht, daß der "niedere Mensch" die ökonomische Basis
für die Existenz und die Taten des "höheren Menschen" liefern soll.
Der niedere Mensch soll Einschränkungen der Freiheit, ja sogar ein Versklavt-werden in Kauf nehmen, damit eine höhere Art von
Mensch entstehen kann.
Der niedere
Mensch: das ist für Nietzsche der Massenmensch, also der durchschnittliche
Mensch, ein schwacher, kränkelnder, antriebsarmer, unvollkommener, dekadenter Mensch.
Der höhere Mensch ist eine neue Aristokratie - Menschen, die vor Gesundheit und
Kraft strotzen, die ungewöhnlich intelligent, tatkräftig und energisch sind.
Diese "höheren Menschen" sind skrupellos und gehen davon aus, daß die Normen und Moralvorstellungen der breiten Masse für
sie nicht zutreffen; sie stehen über Gesetz und Moral. "Eine
Kriegserklärung der höheren Menschen gegen die Masse ist nötig !" fordert
Nietzsche. Kriegserklärung, das bedeutet: im Krieg ist alles erlaubt und ein Verbrechen
ist kein Verbrechen, sondern nur eine Kriegshandlung.
Diese
Gedanken Nietzsches führten in letzter Konsequenz zu dem, was der Reichsführer
der SS, Heinrich Himmler am 4, Okt. 1943 bei der SS-Gruppenführer-Tagung
in Posen sagte: „Ob die andern Völker im Wohlstand leben oder ob sie verrecken
vor Hunger, das interessiert mich nur insoweit, als wir sie als Sklaven für
unsere Kultur brauchen, anderes interessiert mich nicht. Ob bei dem Bau eines
Panzergrabens 10 000 russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht,
interessiert mich nur in soweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig
wird.“
So führen
böse und kranke Gedanken zu bösen und kranken Taten.
Nietzsches
Philosophie vom Recht des Stärkeren (den Schwachen zu versklaven und zu töten)
hat einige Denkfehler: Wenn sich Individuen der gleichen Spezies gegenseitig
umbringen, dient dies weder der Erhaltung noch der Höherentwicklung der Art.
Darwin hat formuliert: „survival of the fitest“; also, der an seine
Umgebung am besten Angepasste überlebt. Wenn das Leben der Menschen tatsächlich
ein Kampf „jeder gegen jeden“ wäre, dann wären die skrupellosesten Verbrecher
und Mörder die am besten angepassten Individuen. Gerade das ist aber nicht der
Fall.
Obwohl
Nietzsche sicher nicht gewollt hat, dass „10 000 russische Weiber an
Entkräftung umfallen“, kann man ihm von der Mitschuld an den Nazi-Verbrechen
nicht freisprechen. Allerdings kann er mildernde Umstände in Anspruch nehmen:
er war geistig angeschlagen, wenn nicht gar schon krank, als der den „Willen
zur Macht“ schrieb.
Man muß die gesamte Philosophie Nietzsches vom
Übermenschgedanken her verstehen. Er hat den Übermenschen zum alleinigen
Maßstab aller Wertungen gemacht. Er kam dann, ausgehend von unzutreffenden
Vermutungen zu absurden Schlussfolgerungen, die andere, nämlich die Nazis, als
Rechtfertigung für ihren Rassenwahn und ihre Verbrechen benutzt haben.
Nietzsches
Gedankengang ist folgender: Der Sinn des Menschen ist den Übermenschen
hervorzubringen. Diesem Ziel müssen sich alle anderen Erwägungen, vor allem
ethische und moralische Bedenken, beugen. Dieses Ziel, den Übermenschen zu
schaffen, ist so wichtig, dass jeder, der die Entwicklung des Übermenschen
vorantreibt, nicht nach den gültigen Maßstäben der Moral beurteilt werden darf.
Er steht, wie auch der Übermensch selbst, „jenseits von Gut und Böse“ und seine
Aufgabe ist es, über die Normalmenschen zu herrschen.
Die
unzutreffenden Vermutungen, die Nietzsche anstellte, sind:
1.
Der
Übermensch kann nur durch Züchtung geschaffen werden. Nietzsche wusste nichts
von den modernen Technologien.
2.
Der
Übermensch wird den Menschen gnadenlos ausrotten. Diese wäre aber nur eines von
vielen denkbaren Szenarien.
3.
Der
Normalmensch wird diejenigen Menschen, welche die Erschaffung des Übermenschen
vorantreiben, verfolgen und bekämpfen.
Man versucht
zwar zur Zeit, die Gentechnologie einer strengen Zensur zu unterziehen, die
genau bestimmt, was erlaubt und was nicht erlaubt ist. Aber man ist noch weit
davon entfernt, die Gentechniker und die Computerfachleute zu bekämpfen. Man
wird das auch kaum tun, weil man nicht auf die Vorteile, die diese
Wissenschaften bieten, verzichten will. Die Gentechnologie kann hohe
Versprechungen machen: Heilung aller Krankheiten und Verlängerung des
menschlichen Lebens. Dies naheliegenden und greifbaren Vorteile werden die weit
in der Ferne liegende Möglichkeit, dass der Mensch von einem Lebewesen
ausgerottet werden könnte, das er selbst schafft, aus dem Bewusstsein der
Menschen verdrängen. Mit wird sich viel mehr vor irgendwelchen gefährlichen
Mikroben fürchten, die der Gentechnologe in seinen Labor züchtet, als vor einem
Übermenschen.
4.
Der
Übermensch und seine Vorläufer, die „höheren Menschen“ können sich gegen den
Normalmenschen nur durchsetzten, indem sie mit brutaler Gewalt und
Unterdrückung gegen ihn vorgehen. Denkbar wäre auch ein listige und
„einschleichende“ Strategie, welche alle moralischen und ethischen Normen
beachtet.
Es muss also
nicht zum großen „Showdown“ zwischen Gegnern und Befürwortern des Übermenschen
kommen. Es muß auch kein grundlegender und
unüberwindlicher Interessenkonflikt zwischen Normalmensch und Übermensch
bestehen; es ist nicht gesagt, dass Normalmensch und Übermensch gegeneinander
in einem gnadenlosen Vernichtungskrieg ums Überleben des Stärkeren antreten
müssen. Wenn der Normalmensch sich dazu anschicken würde, einen weltweiten
Atomkrieg zu entfesseln, müsste ihm der Übermensch im Interesse des eigenen
Überlebens in den Arm fallen. In diesem Fall würde sich der Übermensch sogar in
einer Art Notwehrsituation befinden, die ihn berechtigen würde, den Menschen
auszurotten. Aber das wäre eine extreme Reaktion; es würde ja schon genügen,
die wenigen Kriegstreiber unter den Normalmenschen unschädlich zu machen. Wenn
der Übermensch den Normalmenschen also hindern würde, den Planeten Erde zu
verwüsten, wäre dies auch im Interesse des Normalmenschen. Es würde also im
Grunde kein Interessenkonflikt bestehen.
Ausgehend
von Falschen Annahmen kommt Nietzsche zu dem falschen Schluß,
dass der Übermensch und seine Wegbereiter brutal und skrupellos sein müssen und
über jede menschliche Moral erhaben sei. Niemand, auch der Übermensch nicht,
ist aber über die Menschenrechte erhaben. Die Menschenrechte und die
gesetzlichen Normen besagen nämlich, dass eine Gruppe von Lebewesen (es müssen
keine menschlichen Lebewesen sein) ein gemeinsames Interesse haben muß, zu verhindern, dass einzelne, gefährliche Individuen
die anderen töten, verletzen, versklaven oder betrügen.
Der Mensch
ist leider derjenige, der den Tieren keine „Menschenrechte“ zubilligt. Er tötet
und versklavt die Tiere. Nietzsche erwartet, dass der Übermensch den Menschen
als Tier betrachten wird und mit dem Menschen so umgehen wird, wie der Mensch
mit den Tieren umgeht. Dies ist sicher eine Fehleinschätzung. Aber dies
Überlegung sollte uns nachdenklich machen. Vielleicht sollten wir mit den
Tieren menschlich umgehen, damit nicht der Übermensch eines Tages doch mit uns
umgeht, wie wir mit den Tieren.
Es ist zum Abschluß dieses Kapitels noch eine kleine Biographie
Nietzsches:
Wer war
Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900)?
In „Dollheimers Großes Buch des Wissens“, erschienen 1938 in
Leipzig, steht über Nietzsche: „Mit seiner scharfen Kritik an den entartenden
Erscheinungen des Christentums . . . aber auch als genialer Sprachschöpfer
gehört Nietzsche zu den größten Gestalten der deutschen Geistesgeschichte und
zu den Kündern eines wahrhaft deutschen Lebensgefühls, das mit dem
Nationalsozialismus zum endgültigen Durchbruch kam. Auch auf das faschistische
Ideengut hat Nietzsche erheblichen Einfluß ausgeübt.“
Nun, das ist wohl Beifall von der falschen Seite.
In dem „Neuen
Herder“, erschienen 1952 heißt es: „Nietzsche ist gänzlich unsystematisch und
voll schärfster Widersprüche. In der Entscheidung für Dionysios statt für
Christus, für das biologische statt für das Geistige hat sich sein
leidenschaftliches Suchen nach den echten Menschheitswerten verirrt. Seine
Lehre, oft vergröbert und umgebogen, hat verhängnisvoll die Entstehung einer
vom Machtwillen beherrschten Staatsidee, einer den Leib verherrlichenden
Mythusbildung, einer aufs Rassische bezogenen Lebensphilosophie, eines
antichristlichen Irrationalismus beeinflusst. Aber auch der „neue Herder“
bescheinigt Nietzsche: „Nietzsches Denken formt sich aus in einer hinreißenden
Sprachgewalt, voll echten dichterischen Pathos.“
Nietzsche wurde
1844 in Röcken in Sachsen als Sohn eines protestantischen Pfarrers geboren. Er
erhielt 1869 (im Alter von 25 Jahren) einen Ruf auf den Lehrstuhl für
Altphilologie an der Universität Basel, obwohl er zu diesem Zeitpunkt noch
nicht zum Doktor promoviert war. Zehn Jahre später, 1879 wurde er wegen
Krankheit frühpensioniert. Den Rest seines Lebens verbrachte er in der Schweiz
(bevorzugt in Sils Maria im Engadin) und in Italien.
1889 kam sein geistiger Zusammenbruch. Er wurde von seiner Schwester Elisabeth Foerster-Nietzsche gepflegt und starb 1900 in Weimar.
Als Kind war
Nietzsche Klassenprimus. In Bonn begann er ein Studium der Theologie, brach es
aber ab, als er zu der Überzeugung gelangt war, dass Gott „tot“ sei. Er wandte
sich der Philosophie zu, besonders der Philosophie Schopenhauers. Zu den Frauen
hatte er eher ein problematisches Verhältnis. In jungen Jahren steckte er sich
vermutlich mit der damals unheilbaren Syphilis an (in einem Leipziger Bordell).
In Leipzig lernte Nietzsche auch Wagner kennen, dessen glühender Verehrer er
wurde. Als er in Basel Professor war, besuchte er Wagner öfters in Triebschen bei Luzern, wo dieser mit seiner Familie lebte.
1878 aber kam es zum Bruch zwischen Wagner und Nietzsche.
1879 mußte Nietzsche seine Professur in Basel aufgeben. Er litt
an chronischen Kopfschmerzen und einem Nachlassen der Sehkraft. Von nun an
vagabundierte er durch Deutschland, Italien und die Schweiz – begleitet von
einer monströsen Hausapotheke. Er wurde immer einsamer. Im Jahr 1881 war
Nietzsche an einem Tiefpunkt angelangt. Seit 1879 litt an Magenkrämpfen,
Erbrechen, Schwindelanfällen, Migräne und quälenden Schmerzen in und über den
beiden Augen. 1881 kamen noch Sprechstörungen hinzu und er erbrach sich drei
Tage und drei Nächte hintereinander. Doch dann kam eine Wende zum Besseren. Er
verordnete sich eine selbsterfundene Diät, machte große Spaziergänge und
wechselte häufig den Aufenthaltsort. Obwohl er immer wieder neue Anfälle
erlitt, erlebte er von 1881 bis 1888 einen Schaffensrausch. Seine Bücher musste
er aber auf eigene Kosten herausgeben (in wenigen hundert Exemplaren, die kaum
Beachtung fanden). Er verliebte sich in die junge Lou Salome (die spätere
Freundin von Rilke und Sigmund Freud). Die Beziehung zerbrach aber, als er ihr
einen Heiratsantrag übermitteln ließ. 1889 umarmte er in Turin klagend ein
misshandelndes Pferd – dies war der Beginn seiner „geistigen Umnachtung“, möglicherweise eine fortschreitende, durch die
Syphilis bedingte Gehirnlähmung. Er wurde erst von seiner Mutter, dann, als
diese starb, von seiner Schwester gepflegt. Diese verwalteten seinen Nachlaß und gab seine Schriften heraus, wobei sie nicht vor
allerlei Änderungen zurückschreckte. Insbesondere fügte sie antisemitische
Äußerungen ein. Nietzsche selbst war kein Judenhasser, sondern eher ein
Bewunderer der Juden.
Am 31. Dezember
1888 schrieb Nietzsche an Strindberg: „Ich habe einen Fürstentag nach Rom
zusammenbefohlen, ich will den jungen Kaiser (Wilhelm) füsilieren lassen.“
Unterschrift: „Nietzsche Caesar“. Am ersten Januar sprach er Freunde auf der
Straße an: „Ich bin Gott“. Am 4. Januar schrieb er in einem Brief: „Nachdem
sich unwiderruflich herausgestellt hat, dass ich eigentlich die Welt erschaffen
habe . . .“. Am 5. Januar schrieb er an Jacob Burckhardt: „Lieber Herr
Professor, zuletzt wäre ich sehr viel lieber Baseler Professor als Gott; aber
ich habe es nicht gewagt, meinen Privat- Egoismus so weit zu treiben.“
Alarmiert durch den
Brief überredete der 70-jährige Jacob Burckhardt den langjährigen Freund
Nietzsches, den evangelischen Professor Franz Overbeck, von Basel nach Turin zu
fahren und sich um Nietzsche zu kümmern. Dort fand ihn Overbeck. Er schreibt, „dass
er in lauten Gesängen und Rasereien am Klavier, sich maßlos steigernd, Fetzen
aus der Gedankenwelt, in der er zuletzt gelebt hat, hervorstieß und dabei auch
in kurzen, mit einem unbeschreiblich gedämpften Tone vorgebrachten Sätzen
sublime, wunderbar hellsichtige und unsäglich schauerliche Dinge über sich als
den Nachfolger des toten Gottes vernehmen ließ, das Ganze auf dem Klavier
gleichsam interpunktierend. . .wobei er „die orgiastische Vorstellung der
heiligen Raserei, wie sie der antiken Tragödie zugrunde lag, auf grauenhafte
Weise verkörperte“.
Mit Hilfe von
Leopold Bettman, eines Hochstaplers, der sich als
Psychiater ausgab, gelang es, den irren Nietzsche in den Zug nach Basel, und in
Basel in die Klinik zu bringen. Bald darauf traf seine Mutter ein und brachte
ihn in die Klinik nach Jena. Dort blieb er ein Jahr, und wurde dann der Obhut
seiner Mutter übergeben. Also sie 1897 starb, übernahm seine Schwester die
Pflege.
Weitere
Nietzsche-Zitate:
Nietzsche hat die
Globalisierung vorhergesehen. Dies kann man dem folgenden Halbsatz entnehmen:
„Haben wir erst jene unvermeidlich bevorstehende Wirtschafts-Gesamtverwaltung
der Erde . . .“. Wenn die Welt zu einer Einheit zusammenwachsen würde, wer
sollte dann die Welt regieren ? Für Nietzsche war die Antwort klar: Der
Übermensch. Er schreibt (in „Der Wille zur Macht“):
„Es naht sich,
unabweislich, zögernd, furchtbar wie das Schicksal, die große Aufgabe und
Frage: wie soll die Erde als Ganzes verwaltet werden ? Und wozu soll „der
Mensch“ als Ganzes – und nicht mehr ein Volk, eine Rasse – gezogen und
gezüchtet werden ?“
Wesentlich
beeinflusst hat ihn auch das Wort von Charles Darwin vom „Kampf ums Dasein“. In
Nietzsches Weltbild wird sich der Übermensch mit dem Normalmenschen einen Kampf
ums Überleben liefern, aus dem der
Übermensch, dank seiner Raubtierqualitäten, seiner Skrupellosigkeit und seiner
List den Sieg davon tagen wird. Damit der Übermensch entstehen kann, so folgert
Nietzsche, braucht es besondere Umstände, nämlich Gefahr und Bedrängtheit, die durch
eine Auslese nur denjenigen überleben lassen, der besonders viel Phantasie und
Willenskraft hat. „Sein Lebens-Wille muß bis zu einem
unbedingten Willen zur Macht und zur Übermacht gesteigert werden“, sagt
Nietzsche und folgert, dass „Teufelei jeder Art“ zur „Erhöhung des Typus Mensch
notwendig ist“. „Eine Umkehrung der Werte...(muß)...
eine Menge im Zaum gehaltener und verleumdeter Instinkte...entfesseln...“.
Nietzsche schreibt
über seinen „Übermenschen“: „Ein großer Mensch, ...was ist das ? ...er ist
kälter, härter, unbedenklicher...es fehlen ihm die Tugenden...überhaupt alles,
was zur „Tugend der Herde“ gehört...Er will Diener, Werkzeuge; ...er ist immer
darauf aus, etwas aus ihnen zu machen...er lügt lieber als dass er die Wahrheit
redet...Jene ungeheuere Energie der Größe zu gewinnen um, durch Züchtung und
andererseits durch Vernichtung von Millionen Missratener, den zukünftigen
Menschen zu gestalten und nicht zugrunde zu gehen an dem Leid, das man schafft
und desgleichen noch nie da war.“
Nietzsche fordert
eine „Moral mit der Absicht , eine
regierende Kaste zu züchten“ -
„die zukünftigen Herren der Erde“. Diese zukünftigen Herren der Erde und
ihre Förderer müssen zunächst aber im Verborgenen bleiben und so tun, als würde
ihre Moral mit der herrschenden „Herdentiermoral“ (Nietzsche) übereinstimmen.
Nietzsche: „. . . jene Herdentier-Moral, die mit allen Kräften das allgemeine
grüne Weide-Glück auf Erden erstrebt, nämlich Sicherheit, Ungefährlichkeit,
Behagen, Leichtigkeit des Lebens und zu guter Letzt, „wenn alles gut geht“,
sich auch noch aller Art Hirten und Leithämmel zu entschlagen
hofft. Ihre beiden am reichlichsten gepredigten Lehren heißen: „Gleichheit der
Rechte“ und „Mitgefühl für alles Leidende“ – und das Leiden selber wird von
ihnen als etwas genommen, das man schlechterdings abschaffen muß...“. Für diese Moral hat Nietzsche nur Verachtung. Aber
Hochmut kommt vor den Fall, und Nietzsche geriet, schon bald nachdem er diese
Worte geschrieben hatte, in eine Lage, in welcher er auf das „Mitgefühl für
Leidende“ angewiesen war.
Manchmal kann man
mit Händen greifen, wie Nietzsche durch seine unseligen Gedanken den Nazis
zugearbeitet und Holokaust vorbereitet, ja vielleicht
bis zu einem gewissen Maß in Gang gesetzt hat. War in „Also sprach Zarathustra“
der Übermensch noch eine neue Spezies von Mensch, so trägt der Übermensch, den
Nietzsche im „Willen zur Macht“ schildert, allzu menschlich-vertraute
Züge. Bei Nietzsches Übermensch hat Napoleon Pate gestanden, mehr noch,
Nietzsches Übermensch ist fast identisch mit einem Imperator wie Napoleon, dem
er noch etwas barbarische Härte, Verschlagenheit und Blutgier eines
Dschingis-Kahn oder Tamerlan beimischt – fertig ist
der Übermensch. Für Nietzsches „neue, ungeheure, auf der härtesten
Selbst-Gesetzgebung aufgebaute Aristokratie“ lieferten die Spartaner das
Vorbild. Für seine „internationalen Geschlechts-Verbände“ und für das über lange Zeit und große Flächen
ausgespannte Planen haben wohl die Habsburger oder ein französischer König wie
Ludwig der Elfte das Vorbild geliefert. Insofern ist vieles, was Nietzsche hier
als große geistige Neuerung und als Provokation serviert, ein alter Hut –
genauso wie das indische Kastenwesen, das ihn wohl ebenfalls inspiriert hat.