John
Humphrey Noyes will den perfekte Menschen züchten
Von Richard
Beiderbeck, www.koinae.de
Schon bevor
Nietzsche als der große Prophet des Übermenschen auftrat, hatte im Land der unbegrenzten
Möglichkeiten John Humphrey Noyes (1811 – 1886)
diesen Versuch im Jahr 1867 in seiner „Oneida Community“ (auch „Sekte der Perfektioniesten“
oder „Bibel-Kommunisten“ genannt) begonnen – wenn auch nur mit dem
bescheidenerem Anspruch den idealen Christen zu züchten. Im Jahr 1848 hatten Noyes und seine Anhänger eine herrschaftliche Villa in Oneida Creek im Staat New York bezogen, um einen
urchristlichen Kommunismus zu verwirklichen. Sie bildeten eine
Wohngemeinschaft, in welcher allen alles gemeinsam war – auch die Frauen. Jede
erwachsene Frau war mit jedem erwachsenen Man der Wohngemeinschaft verheiratet.
Noyes nannte dies „complex marriage », also « komplexe Ehe“. Immerhin hatte
die Oneida Community 32
Jahre lang, von 1848 bis 1881 Bestand. Dann wurde sie in eine
Aktiengesellschaft umgewandelt, die Konserven, Tierfallen, Tafelbesteck u. a.
produzierte – alles mit der gleichen Perfektion, mit der man vorher Menschen
züchtete. Das Schlüsselwort ihrer perfektionistischen Weltanschauung hieß:
„Verbesserung“.
Ein anderer Aspekt
des in Oneida Creek praktizierten Kommunismus war,
dass die Männer auch die Hausarbeit machten, was dazu führte, dass die Männer
Waschmaschinen und Geschirrspülmaschinen zusammenbastelten, während die Frauen
im Beruf ihren Mann standen. Lobend zu erwähnen wäre auch, dass die Oneida Community großen Wert auf
Bildung und Erziehung legte.
Die Perfektionisten
glaubten, dass die Wiederkunft Jesu, von den Christen am Tag des jüngsten
Gerichtes erwartet, schon längst stattgefunden habe: nämlich im ersten
Jahrhundert n. Chr. Damit war das Reich Gottes schon lange Wirklichkeit
geworden. Das klingt absurd, aber wenn
man z. B. folgende Stelle genau und wörtlich nimmt: im 1. Korintherbrief,
Abschnitt 15, Vers 51 schrieb Paulus: „Wir werden nicht alle sterben, aber wir
werden alle wiederauferstehen“. Dann ist der Schluß
zwingend dass das Jüngste Gericht schon
im Ersten Jahrhundert nach Christus stattgefunden hat, bevor alle Zeitgenossen
des Paulus gestorben waren. Dieser Schluß ist
allerdings nur dann zwingend, wenn man davon ausgeht, dass die Bibel in allem
immer und unbedingt Recht hat. Wenn aber die Bibel immer Recht hat, dann steht
sie über allen Gesetzen und aller menschlichen Moral und jemand, der die Bibel
als höchste Instanz nimmt, steht damit ebenfalls über jeder allen Gesetzen und
über aller bürgerlichen Moral. Was Nietzsche über den Übermenschen und seine
Förderer sagt, (dass sie über Gesetz und Moral stehen), das haben
fundamentalistische Sekten schon immer für sich beansprucht – wenn es auch die
Klügeren unter ihnen nicht gerade in die Welt hinausposaunt haben. Um es kurz
zu machen: die Oneida Community
hatte die notwendige Einstellung, um sich über Tabus hinwegzusetzen und mit der
Züchtung von Menschen zu beginnen. Noyes nannte diese
Züchtung von Menschen „stirpiculture“ (Kultivierung
des Nachwuchses).
Noyes nannte die Ehe eine „selbstsüchtige
Institution, in welcher die Männer ihre Eigentumsrechte über die Frauen
ausübten“ und pries die Tugenden der „freien Liebe“ – ein Ausdruck, den Noyes prägte. Zwei Regeln gab es aber in der Oneida Commuinity: 1. Zwei
Partner durften nur miteinander ins Bett gehen, wenn jeder damit einverstanden
war und dies auch gegenüber einem dritten bekundet hatte und 2. zwei Partner
konnten nicht ausschließlich nur mit ihrem bevorzugten Partner ins Bett gehen.
Die Idee der „stirpicultur“ bestand nun darin, dass man Kinder mit
besseren Erbanlagen erzeugte, indem man die gesündesten und intelligentesten
Männer und Frauen miteinander verband. Nur bestimmte Mitglieder der
Gemeinschaft erhielten das Recht, Eltern zu werden. Diese wurden durch ein
Komitee ausgewählt. Um zu verhindern, dass die jungen Mädchen nicht
unkontrolliert Sex mit dem Erstbesten hatten, der ihnen gerade gefiel, sondern
mit denjenigen ins Bett gingen, die ihnen zugedacht waren, erfand man die
Praxis der „aufsteigenden Partnerschaft“. Sogenannte „Zentralmitglieder“
wachten über die Jungfrauen und sorgten dafür, dass sie vom „richtigen“ Partner
schwanger wurden. Deshalb war es wohl wichtig, selbst Zentralmitglied zu sein
oder ein gutes Verhältnis zu den Zentralmitgliedern zu haben. Bis es soweit
war, dass die zur Fortpflanzung bestimmten Partner zur Zeugung schritten,
wurden die jungen Frauen mit älteren Partnern und junge Männer mit älteren Frauen
vereint.
Um unerwünschte
Schwangerschaften zu vermeiden und um den nicht zur Fortpflanzung berechtigten
Partnern auch Gelegenheit zum Sex zu geben, praktizierte man „männliche
Selbstbeherrschung“, die darin bestand, dass man durch Carrezza-Praktiken
oder durch Coitus interruptus oder durch Petting
vermied, dass die Frauen schwanger wurden. In der Praxis war das wohl so, daß das Paar sich in weihevoller Stimmung zunächst mit
einem ausgedehnten Vorspiel beschäftigte, der Mann dann behutsam in die Frau
eindrang, dort etwa eine Stunde lang ziemlich regungslos verharrte - während
sich das Paar den angenehmen Empfindungen hingab - und sich dann wieder
behutsam zurückzog ohne zum eigentlichen Zweck gekommen zu sein. Einige
amerikanische Anhänger des tantrischen Buddhismus
vermuten, dass die Paare eine Art Sexual-Meditation durchgeführt hätten.
Vielleicht haben die Bibel-Kommunisten aber auch versucht, dabei die Bibel zu
lesen. Dann wären sie allerdings Übermenschen gewesen. Vielleicht war dieser
gescheiterte Versuch des ausgedehnten Bibelstudiums auch der Anlass für sie,
den perfekten Christen zu züchten (kleiner Scherz).
Die
Verhütungspraktiken scheinen recht erfolgreich gewesen zu sein. Innerhalb von
20 Jahren gabe es in der Gemeinschaft, die etwa 250
Menschen umfasste, nur ca. 40 Geburten.
Ein Problem der „complex marriage“ war, dass die
Partner nicht nur gegenüber einer Person, sondern gegenüber allen Mitgliedern
die Pflicht hatten, sexuell verfügbar zu sein. Zwar legte Noyes
großen Wert darauf, dass ein Geschlechtsverkehr nur stattfand, wenn beide
Partner dies wünschten. In der Praxis sahen sich die Mitglieder der Kommune,
vor allem wohl die attraktiveren Mitglieder der Community,
vor allem wohl die Frauen, einem starken Druck ausgesetzt, ihren sämtlichen
Ehemännern zur Verfügung zu stehen. Das konnte schon mal die Freude am Sex
verderben.
Man kann sich
vorstellen, dass es in der Community eine Menge
Sprengstoff gab. Da waren sicher die ganz alltäglichen Probleme wie Eifersucht
und Liebe zu einem bestimmten Partner, der mit allen anderen geteilt werden
sollte. Da gab es sicher auch Opposition gegen den Guru, die er immer wieder
durch Einfühlungsvermögung und Überzeugungsarbeit, oft wohl auch durch Berufung
auf die heiligen Texte überwinden musste. Hinzu kam, dass die Community von Seiten der Außenwelt allerlei Druck und
Problemen ausgesetzt war, durch Politiker, die sich zu Tugendwächtern
aufspielten und einen fanatischen Kreuzzug gegen die Community
starteten. Daß
dieses eugenische Sozialexperiment so lange existieren konnte, war zum einen
den Führungsqualitäten von Noyes zuzuschreiben, aber
auch der freundlichen und kultivierten Art, mit der die Perfektionisten ihren
Nachbarn begegneten, die oft von ihnen recht angetan waren. Ein dritter Faktor
war, dass die Kommune wirtschaftlichen Erfolg hatte und zu Wohlstand kam.