Die Omnität
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Die Omnität ist eine Auswirkung des technischen Fortschritts.
Das, was gestern einer privilegierten Gruppe von Menschen vorbehalten war, ist
heute der breiten Masse erschwinglich und zugänglich.
Dieses Phänomen nenne
ich die Omnität (von lateinisch „omnes“
= „alle“).
Hier einige Beispiele:
Autos, Telefone, Fernreisen,
eine Badezimmer, leichten Zugang zu Informationen und Bildung – all das war
einer kleinen, privilegierten Schicht vorbehalten. Heute kann sich das nicht
jeder, aber doch eine breite Masse leisten – zumindest hier bei uns und in den
letzten Jahrzehnten. Über die Zukunft sind wir skeptisch. Aber das ist ein
anderes Thema.
Die Omnität hat alle Bereiche des Lebens durchdrungen, und es
sind immer neue Bereiche hinzugekommen.
Die ersten Computer
waren Millionen von Dollars teuere Ungetüme, die einen ganzen Raum ausfüllten.
Heute kann fast jeder einen Computer erwerben – und sei es nur einen
gebrauchten vom Flohmarkt.
Wenn man vor 300
Jahren Schauspieler und eine Aufführung sehen wollte, mußte
man dem Adel angehören. Nur Fürsten hatten ihr eigenes Theater. Heute hat jeder
einen Fernseher, der Theater und Kino nicht nur ersetzt, sondern an Vielfalt
der gebotenen Stücke weit übertrifft.
Inzwischen kann jeder
im Internet seine Texte veröffentlichen, und somit kann jeder einen eigenen
Verlag haben. Jeder kann im Internet seine eigne Zeitung herausgeben. Jeder
kann eigene Filme drehen und auf YouTube hochladen, ist also sein eigenen Filmproduzent und
Filmverleih. Jeder kann auch sein eigener Filmstar sein.
Jeder kann auch mit
Google andere Menschen oder Sachverhalte „ausgooglen“
und verfügt damit über einen Nachrichtendienst. Und dieser Nachrichtendienst
ist vielleicht nicht soviel schlechter als derjenige, der dem US-Präsidenten
zur Verfügung steht.
Jeder kann seine
eigene Religion gründen und sein eigener Prophet sein.
Jeder kann seine
eigene Atombombe bauen – wenn er es wirklich will. Die Anleitungen dazu findet
er im Internet. Vielleicht auch die Bezugsquellen für angereichertes Uran – wer
weiß ?
Das ist die Kehrseite
der Omnität. Auch die Massenvernichtung ist jedermann
zugänglich.
Die Omnität ermöglicht es auch, sein eigener Millionär zu
werden – wenn man ein Händchen für Spekulationen mit Aktien und Derivaten hat.
Es kann sich jeder von zu Hause aus auch ruinieren, weil er per Internet sein
eigenes Spielkasino hat.
Der Gedanke der Omnität trägt aber noch weiter.
Wem gehören z. B. die
Ölreserven am persischen Golf ? In den Emiraten und in
Saudi-Arabien haben wir mittelalterliche Verhältnisse, d. h. das Land gehört
dem Herrscher. Also gehört ihm auch das Öl. Damit der Herrscher nicht gestürzt
wird, bieten ihm die USA Schutz, Hilfe und Waffen. Im Gegenzug verkauft er den
amerikanischen Öl-Konzernen das Öl des Landes besonders billig und eigentlich
weit unter seinen tatsächlichen Wert.
Das Prinzip der Omnität wird dazu führen, daß die
Ölreserven und überhaupt alle Rohstoffe, alle Ressourcen und alles Land, das es
auf der Welt gibt, jedermann zugänglich sein werden. Natürlich wird jeder nur
einen kleinen Teil davon haben, weil er ja mit sechs Milliarden Menschen teilen
muß.
Man wird jetzt sagen,
das wäre eine Neuauflage des Kommunismus. Man wird sagen: „Weder die Amerikaner
noch die Ölscheichs werden geneigt sein, die Ölreserven mit den Chinesen und Indern
zu teilen.“ Aber vielleicht werden die Scheichs eines Tages doch teilen müssen,
weil die Chinesen und Inder das immer nachdrücklicher fordern werden. Wenn
weltweit nicht nur die Rohstoffe, sondern auch die Nahrungsmittel und das
Trinkwasser immer knapper werden, dann werden die zu kurz Gekommenen ihren
gerechten Anteil einfordern, und sie werden so weit aufrüsten, daß sie diesen Forderungen auch Nachdruck verleihen können.
Die nächsten
Jahrzehnte werden also schwierig und kritisch werden, wenn man nicht einen Weg
findet, die Ressourcen der Welt allen Menschen der Welt zugänglich zu machen
und sie gerecht zu verteilen. Wenn man die Verteilungskonflikte nicht auf
zivilisierte Weise durch Verhandlungen und Abkommen löst, drohen große Kriege.
Noch weiterer Gedanke
zur Omnität: Früher haben nur wenige das ganz Land
regiert. Heute haben wir die Demokratie. Auch sie ist eine Folge des Omnitätsprinzips. Heute kann jeder regieren – wenigstens in
den Demokratien und innerhalb bestimmter Grenzen. Natürlich kann man einwenden,
daß die Wähler eigentlich keinen Einfluß
auf die Regierung haben, sondern daß in Wirklichkeit
das große Geld regiert. Aber die parlamentarische Demokratie ist ja nicht der
Endpunkt der demokratischen Entwicklung. Das Internet eröffnet hier ja auch
neue, ungeahnte Möglichkeiten.
Ich kann mir eine Welt
vorstellen, in der alle alles kontrollieren und an allem teilhaben können.
Der Weltbürger „Hans
Mustermann“ wird sich dann an seinen Computer setzten und zu ihm sagen:
„Wo ist meine Tochter
?“
Und der Computer wird
antworten: „Sie fährt mit ihrem Freund in der S-Bahn von München nach Freising
und ist gerade zwischen Neufahrn und Eching.“
Und Herr Mustermann
wird seinen Computer fragen: „Wo ist der Bundeskanzler ?“
Und die Antwort wird sein: „Er ist gerade in Brüssel und berät sich mit dem
Präsidenten der Europäischen Union über den Bau eines Tunnels von Gibraltar zur
afrikanischen Küste. Wollen Sie das Gespräch per Video mitverfolgen
?“
Für viele ist der
Überwachungsstaat ein Alptraum. Aber das Prinzip der Omnität
wird dorthin führen. Wenn jeder Massenvernichtungswaffen besitzen kann, und
wenn jeder die Versorgung der Menschen in den großen Städten mit Trinkwasser,
Nahrung, Strom, Information und Transportmöglichkeiten zum Erliegen bringen kann,
dann müssen auch alle jeden überwachen können. Das
ist nämlich die einzige stabile Form des Überwachungsstaates. Wenn nur die an
der Spitze jeden da unten überwachen können, wird das zu einer Revolte, zu Sabotage
und zum Bürgerkrieg führen. Diktaturen sind nur solange stabil, solange sie
nicht von der Mehrheit mitgetragen werden. Hitler und Stalin wurden von der
Mehrheit mitgetragen – was natürlich auch ein Werk von Lüge und Propaganda war.
Aber auf lange Sicht ist nur die Demokratie stabil. Und je mehr an der
Regierung teilhaben, umso stabiler wird das System sein.
Der Terrorismus wird
dazu führen, daß jeder alle überwachen kann.
Der neue
Manchester-Kapitalismus und die Existenz der Computernetze und Suchmaschinen
wird dazu führen, daß jeder darüber Bescheid wissen
kann, was die reichsten Männer verdienen und womit sie es verdienen. Jeder wird
auch darüber Bescheid wissen, wofür die Superreichen Geld ausgeben bzw.
verschwenden. Aber man wird Verschwendung und unnötigen Luxus nicht mehr
bewundern, sondern als unsozial verdammen. Und eine Folge des Omnitätsprinzips wird letztlich sein, daß
jedermann Zugriff auf diese großen Vermögen haben wird. Denn Vermögen, das sich
ansammelt, wird stets auch wieder zerstreut und vernichtet werden.
Der omnitätische Überwachungsstaat wird dazu führen, daß es weniger Gesetze und Vorschriften gibt – aber deren
Einhaltung wird genau überwacht werden und die Reaktion des Staates wird auf
dem Fuße folgen.
Der Computer im Auto wird
sagen: „Sie sind soeben durch eine Radarfalle gefahren. Man hat das Bußgeld von
ihrem Konto abgebucht.“
Das Omnitätsprinzip wird dazu führen, daß
jeder, der arbeiten kann, arbeiten wird.
Das Omnitätsprinzip wird dazu führen, daß
jeder dem anderen einen Kredit gewähren kann, so wie das heute im Wesentlichen
nur die Banken tun. Jeder wird des Anderen Bank sein (man wird also das alte
Genossenschaftsprinzip auf neue Dimensionen aufweiten). Jeder wird auch des
Anderen Versicherung sein. Banken und Versicherungen werden überflüssig werden.
Und ebenso die Regierung, das Militär und die Polizei. All diese Aufgaben wird
das Kollektiv der vernetzten Menschheit übernehmen. Und dieses Kollektiv wird intelligenter und fähiger sein als alles andere
– mit einer Ausnahme: dem vernetzten Kollektiv der intelligenten Computer.
Die
Computerrevolution, heute der stärkste Motor der Omnität, steckt erst in ihren Anfängen. Sie wird dazu
führen, daß die politischen Strukturen aufgeschmolzen
und in neue Formen gegossen werden. Ich hoffe nur, daß
dies alles friedlich und zivilisiert über die Bühne geht.