Die Omnität

Von Richard Beiderbeck   www.koinae.de

 

Die Omnität ist eine Auswirkung des technischen Fortschritts. Das, was gestern einer privilegierten Gruppe von Menschen vorbehalten war, ist heute der breiten Masse erschwinglich und zugänglich.

 

Dieses Phänomen nenne ich die Omnität (von lateinisch „omnes“ = „alle“).

 

Hier einige Beispiele:

 

Autos, Telefone, Fernreisen, eine Badezimmer, leichten Zugang zu Informationen und Bildung – all das war einer kleinen, privilegierten Schicht vorbehalten. Heute kann sich das nicht jeder, aber doch eine breite Masse leisten – zumindest hier bei uns und in den letzten Jahrzehnten. Über die Zukunft sind wir skeptisch. Aber das ist ein anderes Thema.

 

Die Omnität hat alle Bereiche des Lebens durchdrungen, und es sind immer neue Bereiche hinzugekommen.

 

Die ersten Computer waren Millionen von Dollars teuere Ungetüme, die einen ganzen Raum ausfüllten. Heute kann fast jeder einen Computer erwerben – und sei es nur einen gebrauchten vom Flohmarkt.

 

Wenn man vor 300 Jahren Schauspieler und eine Aufführung sehen wollte, mußte man dem Adel angehören. Nur Fürsten hatten ihr eigenes Theater. Heute hat jeder einen Fernseher, der Theater und Kino nicht nur ersetzt, sondern an Vielfalt der gebotenen Stücke weit übertrifft.

 

Inzwischen kann jeder im Internet seine Texte veröffentlichen, und somit kann jeder einen eigenen Verlag haben. Jeder kann im Internet seine eigne Zeitung herausgeben. Jeder kann eigene Filme drehen und auf YouTube hochladen, ist also sein eigenen Filmproduzent und Filmverleih. Jeder kann auch sein eigener Filmstar sein.

 

Jeder kann auch mit Google andere Menschen oder Sachverhalte „ausgooglen“ und verfügt damit über einen Nachrichtendienst. Und dieser Nachrichtendienst ist vielleicht nicht soviel schlechter als derjenige, der dem US-Präsidenten zur Verfügung steht.

 

Jeder kann seine eigene Religion gründen und sein eigener Prophet sein.

 

Jeder kann seine eigene Atombombe bauen – wenn er es wirklich will. Die Anleitungen dazu findet er im Internet. Vielleicht auch die Bezugsquellen für angereichertes Uran – wer weiß ?

 

Das ist die Kehrseite der Omnität. Auch die Massenvernichtung ist jedermann zugänglich.

 

Die Omnität ermöglicht es auch, sein eigener Millionär zu werden – wenn man ein Händchen für Spekulationen mit Aktien und Derivaten hat. Es kann sich jeder von zu Hause aus auch ruinieren, weil er per Internet sein eigenes Spielkasino hat.

 

Der Gedanke der Omnität trägt aber noch weiter.

 

Wem gehören z. B. die Ölreserven am persischen Golf ? In den Emiraten und in Saudi-Arabien haben wir mittelalterliche Verhältnisse, d. h. das Land gehört dem Herrscher. Also gehört ihm auch das Öl. Damit der Herrscher nicht gestürzt wird, bieten ihm die USA Schutz, Hilfe und Waffen. Im Gegenzug verkauft er den amerikanischen Öl-Konzernen das Öl des Landes besonders billig und eigentlich weit unter seinen tatsächlichen Wert.

 

Das Prinzip der Omnität wird dazu führen, daß die Ölreserven und überhaupt alle Rohstoffe, alle Ressourcen und alles Land, das es auf der Welt gibt, jedermann zugänglich sein werden. Natürlich wird jeder nur einen kleinen Teil davon haben, weil er ja mit sechs Milliarden Menschen teilen muß.

 

Man wird jetzt sagen, das wäre eine Neuauflage des Kommunismus. Man wird sagen: „Weder die Amerikaner noch die Ölscheichs werden geneigt sein, die Ölreserven mit den Chinesen und Indern zu teilen.“ Aber vielleicht werden die Scheichs eines Tages doch teilen müssen, weil die Chinesen und Inder das immer nachdrücklicher fordern werden. Wenn weltweit nicht nur die Rohstoffe, sondern auch die Nahrungsmittel und das Trinkwasser immer knapper werden, dann werden die zu kurz Gekommenen ihren gerechten Anteil einfordern, und sie werden so weit aufrüsten, daß sie diesen Forderungen auch Nachdruck verleihen können.

 

Die nächsten Jahrzehnte werden also schwierig und kritisch werden, wenn man nicht einen Weg findet, die Ressourcen der Welt allen Menschen der Welt zugänglich zu machen und sie gerecht zu verteilen. Wenn man die Verteilungskonflikte nicht auf zivilisierte Weise durch Verhandlungen und Abkommen löst, drohen große Kriege.

 

Noch weiterer Gedanke zur Omnität: Früher haben nur wenige das ganz Land regiert. Heute haben wir die Demokratie. Auch sie ist eine Folge des Omnitätsprinzips. Heute kann jeder regieren – wenigstens in den Demokratien und innerhalb bestimmter Grenzen. Natürlich kann man einwenden, daß die Wähler eigentlich keinen Einfluß auf die Regierung haben, sondern daß in Wirklichkeit das große Geld regiert. Aber die parlamentarische Demokratie ist ja nicht der Endpunkt der demokratischen Entwicklung. Das Internet eröffnet hier ja auch neue, ungeahnte Möglichkeiten.

 

Ich kann mir eine Welt vorstellen, in der alle alles kontrollieren und an allem teilhaben können.

 

Der Weltbürger „Hans Mustermann“ wird sich dann an seinen Computer setzten und zu ihm sagen:

 

„Wo ist meine Tochter ?“

 

Und der Computer wird antworten: „Sie fährt mit ihrem Freund in der S-Bahn von München nach Freising und ist gerade zwischen Neufahrn und Eching.“

 

Und Herr Mustermann wird seinen Computer fragen: „Wo ist der Bundeskanzler ?“ Und die Antwort wird sein: „Er ist gerade in Brüssel und berät sich mit dem Präsidenten der Europäischen Union über den Bau eines Tunnels von Gibraltar zur afrikanischen Küste. Wollen Sie das Gespräch per Video mitverfolgen ?“

 

Für viele ist der Überwachungsstaat ein Alptraum. Aber das Prinzip der Omnität wird dorthin führen. Wenn jeder Massenvernichtungswaffen besitzen kann, und wenn jeder die Versorgung der Menschen in den großen Städten mit Trinkwasser, Nahrung, Strom, Information und Transportmöglichkeiten zum Erliegen bringen kann, dann müssen auch alle jeden überwachen können. Das ist nämlich die einzige stabile Form des Überwachungsstaates. Wenn nur die an der Spitze jeden da unten überwachen können, wird das zu einer Revolte, zu Sabotage und zum Bürgerkrieg führen. Diktaturen sind nur solange stabil, solange sie nicht von der Mehrheit mitgetragen werden. Hitler und Stalin wurden von der Mehrheit mitgetragen – was natürlich auch ein Werk von Lüge und Propaganda war. Aber auf lange Sicht ist nur die Demokratie stabil. Und je mehr an der Regierung teilhaben, umso stabiler wird das System sein.

 

Der Terrorismus wird dazu führen, daß jeder alle überwachen kann.

 

Der neue Manchester-Kapitalismus und die Existenz der Computernetze und Suchmaschinen wird dazu führen, daß jeder darüber Bescheid wissen kann, was die reichsten Männer verdienen und womit sie es verdienen. Jeder wird auch darüber Bescheid wissen, wofür die Superreichen Geld ausgeben bzw. verschwenden. Aber man wird Verschwendung und unnötigen Luxus nicht mehr bewundern, sondern als unsozial verdammen. Und eine Folge des Omnitätsprinzips wird letztlich sein, daß jedermann Zugriff auf diese großen Vermögen haben wird. Denn Vermögen, das sich ansammelt, wird stets auch wieder zerstreut und vernichtet werden.

 

Der omnitätische Überwachungsstaat wird dazu führen, daß es weniger Gesetze und Vorschriften gibt – aber deren Einhaltung wird genau überwacht werden und die Reaktion des Staates wird auf dem Fuße folgen.

 

Der Computer im Auto wird sagen: „Sie sind soeben durch eine Radarfalle gefahren. Man hat das Bußgeld von ihrem Konto abgebucht.“

 

Das Omnitätsprinzip wird dazu führen, daß jeder, der arbeiten kann, arbeiten wird.

 

Das Omnitätsprinzip wird dazu führen, daß jeder dem anderen einen Kredit gewähren kann, so wie das heute im Wesentlichen nur die Banken tun. Jeder wird des Anderen Bank sein (man wird also das alte Genossenschaftsprinzip auf neue Dimensionen aufweiten). Jeder wird auch des Anderen Versicherung sein. Banken und Versicherungen werden überflüssig werden. Und ebenso die Regierung, das Militär und die Polizei. All diese Aufgaben wird das Kollektiv der vernetzten Menschheit übernehmen.  Und dieses Kollektiv wird  intelligenter und fähiger sein als alles andere – mit einer Ausnahme: dem vernetzten Kollektiv der intelligenten Computer.

 

Die Computerrevolution, heute der stärkste Motor der Omnität,  steckt erst in ihren Anfängen. Sie wird dazu führen, daß die politischen Strukturen aufgeschmolzen und in neue Formen gegossen werden. Ich hoffe nur, daß dies alles friedlich und zivilisiert über die Bühne geht.