Parteivorsitzender
– ein beschissener Job
Von Richard Beiderbeck, www.koinae.de Email: webmaster@koinae.de
Einige Jahre lang hatte ich Gelegenheit, zum engeren Führungszirkel der Bayernpartei zu gehören und den langjährigen Vorsitzenden, Hubert Dorn, bei seinen öffentlichen Auftritten, aber auch in den parteiinternen Vorstandssitzungen erleben zu dürfen.
Die Tragik von Hubert
Dorn bestand darin, dass sein
politisches Talent, seine rednerische Begabung und seine
Führungsqualitäten für diese kleine Partei zu groß waren, und sie ihm auf Grund
dessen, dass sie niemals in den Landtag kam, keine Gelegenheit gab, seine
Talente zu entfalten. Wäre er, der als junger Mann Mitglied der CSU war, dort
geblieben, er hätte es mit Sicherheit zum Landtags- oder Bundestagsabgeordneten
gebracht, vielleicht sogar zum Minister oder noch mehr.
Das Amt des Vorsitzenden
einer großen Partei ist schon schwer und undankbar. Nach undankbarer und
schwerer ist es, der Vorsitzende einer kleinen Partei zu sein.
Der Vorsitzende einer
großen Partei kann Bundeskanzler, oder Außenminister oder Ministerpräsident
werden, und dieses Amt verleiht dann dem Ansehen eines Parteivorsitzenden Glanz
und Autorität.
Aber was ist der
Vorsitzenden einer kleinen Partei ? Er ist der Vorsitzende eines Vereins – denn
rein juristisch gesehen ist eine Partei nichts anderes als ein
Kaninchenzüchterverein. Wie viel tatsächliche Macht hat ein Vorsitzender einer
kleinen Partei ? Genauso viel wie der Vorsitzende eines Anglervereins. Die
einzige Macht, die er über seine Parteifreunde hat, ist die Macht seiner Rede,
seines Charismas (so er denn hat) und seiner Argumente, vielleicht hier und da
ein kleiner Kuhhandel und ein kleiner Postenschacher. Vielleicht auch einmal
ein kleiner Parteiausschluß eines unerwünschten oder untragbaren Mitgliedes.
Aber selbst das geht nicht so einfach, denn es gibt ja noch die das
Schiedsgericht.
Ein Parteivorsitzender
kann keineswegs sagen: „Ich will jetzt, dass dies und jenes so oder so gemacht
wird“. In einer demokratischen Partei wird abgestimmt, wie etwas gemacht wird –
und wenn die Mehrheit nicht so will wie der Vorsitzende, dann verliert der
Vorsitzende erst die Abstimmung und dann sein Ansehen. Also wird der
Vorsitzende erst einmal schauen, wo die Mehrheiten liegen und er wird sich auf
der Seite der stärkeren Bataillone schlagen.
Wenn ein Amtsträger oder
ein Kandidat ihm nicht gefällt, kann er diesen nicht einfach par ordre de mufti
absetzen, sondern er muß einen Gegenkandidaten aus dem Hut zaubern, und dieser
Gegenkandidat muß dann die Wahl gewinnen. Aber hinterher wird der Parteivorsitzende es vielleicht bereuen,
diesen Mann auf seinen Posten gesetzt zu haben.
Die Politik aktiviert die
niedrigen und gemeinen Instinkte des Menschen, und als Parteivorsitzender,
überhaupt als Mensch, der im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, zieht er
Menschen zweifelhaften Charakters,
Verrückte und Spinner an. Alle wollen sie etwas von ihm und erhoffen,
dass er ihnen bei der Verwirklichung ihrer oft sehr fragwürdigen Ideen und der
Erfüllung ihrer egoistischen Wünsche behilflich ist. Ein Bundeskanzler hat
einen ganzen Apparat, der ihm diese Leute vom Leibe hält und sie besänftigt und
bei Laune hält. Sonst könnte nämlich noch manch einer bösartig werden und zur
Gewalt greifen. Der Vorsitzende einer kleinen Partei hat keinen Apparat, der
ihm die lästigen Zeitgenossen abwimmelt.
Der Parteivorsitzende ist natürlich dem Neid und der Missgunst seiner
Parteifreunde ausgesetzt. Sie stehen schon mit gewetzten Messern bereit und
warten darauf, dass er einen Fehler macht und in irgendeiner Weise angreifbar
ist. Geschickte
Geschäftsordnungs-Taktiker, Querulanten, Gerüchtestreuer, Rufmörder und
Schnüffler im Privatbereich können ihm das Leben schwer machen. Wohl dem
Parteivorsitzenden, der eine loyale Mannschaft um sich geschart hat, die all
diese Angriffe abwehrt und sogar zum Gegenangriff übergeht.
Gefährlich für den
Vorsitzenden sind auch starke Bezirksverbände oder selbst starke Kreisverbände.
Für die ist es ein beliebter Sport, die eigenen Mitglieder zu aktivieren, sie
in Busse zu setzen und auf den Parteitag zu karren, damit sie dort die eigenen
Kandidaten und die eigenen Positionen mit ihrer großen Stimmenzahl durchsetzen.
In der Bayernpartei hat der bayerische Wald schon zu Zeiten des „Jager-Wiggerl“
(Ludwig Volkholz) da einige Berühmtheit erlangt. Aber meist reicht dann doch
das Potential dieser Rebellen aus der Provinz nicht aus, denn die Partei ist
doch größer als sie dachten.
Bei kleineren Parteien
ist auch das Phänomen „Unterwanderung“ ein Thema, vor allem auf der Ebene von
Kreis- oder Bezirksverbänden. Die ganze Partei zu unterwandern, das geht dann doch
nicht. Vor Jahren versuchten rechtslastige Leute durch Eintritt in die
hessische FDP die Partei nach rechts zu rücken – nach dem Vorbild von Jörg
Haiders FPÖ. In Schwaben sah sich die Bayernpartei vor vielen Jahren einer
Unterwanderung durch die Wankmiller-Sekte ausgesetzt. Der Bezirksverband musst
dann in großem Stil Mitglieder ausschließen.
Ein Parteivorsitzender
ist schlechter dran als jeder Landrat oder Fabrikbesitzer. Die haben eine
Apparat und Untergebene, sie können Gehorsam und Disziplin einfordern und auch
durchsetzen. All das kann der ehrenamtliche Parteivorsitzende nicht. Die
härteste Disziplinierungsmaßnahme, über die er verfügt, ist der Ausschluß aus
der Partei. Aber das kann doch jemanden, der sich ohnehin schon innerlich von
der Partei losgesagt hat, überhaupt nicht beeindrucken.
Das Amt des Parteivorsitzenden
ist ein Ehrenamt, d.h. ohne Bezahlung. Man kann Spesen absetzen, aber ein
Geschäft ist das nicht, wenn man seine Spesenabrechnung korrekt macht. Und wenn
man sie nicht korrekt macht, kommt das mal auf.
Als Parteivorsitzender
ist man ständig unterwegs. Das geht natürlich auf Kosten des Familienlebens und
der Beziehung zum Partner. Und auch die berufliche Tätigkeit leidet darunter.
Man muß mindestens die Hälfte seiner Zeit für die Partei opfern und den Rest
zwischen Broterwerb und Privatleben teilen. Und es geht an die gesundheitliche
Substanz.
Man fragt sich: warum tut
sich der Parteivorsitzende überhaupt so viel Ärger an ? Was ist die Belohnung,
die ihn für seine Arbeit und seine Opfer (vor allem des Privatlebens und der
Gesundheit) entschädigen ? Gewiss, er erntet Dank, Anerkennung, ja sogar Liebe
und Bewunderung, und für fast alle Menschen ist dies ein mächtiger Ansporn und
eine mächtige Versuchung. Fast alles, was der Mensch tut, hat doch den Zweck,
die Anerkennung von seinesgleichen zu erringen oder die sinnlichen Bedürfnisse
(und da denke ich nicht nur an Sex, sondern an gutes Essen, gute Musik, schöne
Reise, schöne Eindrücke usw.) zu befriedigen. Das Geld, auch das ist uns allen
klar, hat nur seinen Wert, wenn man sich damit diese Dinge erkaufen oder
bewahren kann.
Aber die Anerkennung und die
Liebe, die ein Politiker in seinem Beruf erfährt, währt nicht immer. Denken wir
an Helmut Kohl, den Kanzler der Einheit. Wie wurde gefeiert und verehrt ! Und
dann kam Angela Merkel, die erst „Kohls Mädchen“ war, aber dann in der
Parteispendenaffäre sich schnell von ihm distanzierte. Mit Dankbarkeit sollte
ein Parteivorsitzender nicht rechnen. Früher oder später wird man ihn
abservieren und wenn er, so wie Kohl und Stoiber wenigstens noch einen Rest des
alten Ansehens ins sein späteres Leben retten kann, dann kann er froh sein.
Um nochmals auf die
Motivation eines Parteivorsitzenden zu kommen: es wäre zu kurz gegriffen, zu
sagen, er tut sich den ganzen Stress des Amtes an, weil er nach öffentlicher
Anerkennung hungert. Es kommt meist noch etwas anderes hinzu: Ein Ideal, ein
Wunsch, eine bessere Welt zu schaffen, oder zumindest für andere Menschen etwas
Gutes zu tun. Für Hubert Dorn war und ist dies wohl seine tiefe Liebe zu seiner
bayerischen Heimat und ihren Menschen. Für einen sozialistischen Parteiführer
ist es der Wunsch, auf der Seite der Verlierer zu stehen und ihnen zu einem
besseren und gerechteren Leben zu verhelfen. Für einen bürgerlichen Politiker
ist es der Wunsch, für die breite Mehrheit ein Leben in Wohlstand und
Sicherheit zu schaffen.
Wenn der Politiker keine
Ideale hätte, sondern wenn für ihn reale Macht und viel Geld das wichtigste
wäre, dann wäre er Banker oder Manager geworden. Die meisten Politiker (egal
aus welcher demokratischen Partei) sind bessere und idealistischere Menschen,
als man gemeinhin denkt.
Aber jeder
Parteivorsitzende, der länger im Amt ist, wird zwangsläufig einen gesunden
Realitätssinn entwickeln, und so kommt es, dass sich die Parteivorsitzenden,
egal welcher Partei sie angehören und welches ihre ursprünglichen Ideale waren,
im Alltag immer ähnlicher werden und sich untereinander vielleicht besser
verstehen als mit den eigenen Parteifreunden.