Die Paulikianer
Von
Quellen:
Vor allem: Ignaz Döllinger, Geschichte der gnostisch-manichäischen Sekten im
frühen Mittelalter“, München 1890
Die Sekte der Paulikianer wurde vielleicht (etwas Genaues
weiß man nicht) zwischen 300 n. Chr und 500 n. Chr. von den Söhnen der
Kallinike, Paulus und Johannes, in der Gegend von Samosata am Euphrat
gegründet. Kallinike war möglicherweise Anhängerin des Manichäismus oder einer
der in jener Gegend verbreiteten dualistisch-gnostischen Sekten (z. B. der
Marcioniten, d.h. der Anhänger des „Erzketzers“ Marcion (ca. 95 n.Chr. bis
165). Die Witwe Kallinike war aktive Missionarin ihres Glaubens. Ihr
Wirkungskreis lag in der Landschaft Phanaröä und besonders in dem Dorf
Episparis. Die Paulikianer pflegten in Verhören sich von den Söhnen der
Kallinike und von Mani zu distanzieren.
Der Name Paulikianer könnte auch auf einen Armenier namens
Paulus oder auf den Apostel Paulus zurückgehen.
Der erste Paulikianer, von dem man sicher weiß, daß er ein
Paulikianer war, ist Konstanin, der im siebten Jahrhundert n. Chr. in Armenien lebte. Seine Sekte wurde schon
seit längerer Zeit auf Befehl der byzantinischen Kaiser, die in Armenien
herrschten, verfolgt. Man bestrafte die Anhänger mit dem Tode. Unter dem Druck
dieser Verfolgung ging Konstantinn dazu über, seine gnostisch-manichäischen
Lehren an das orthodoxe Christentum soweit anzugleichen, daß es den Anschein
hatte, er stehe auf dem Boden der Orthodoxie. Er verwarf einfach alle
gnostischen und manichäischen Schriften und behauptete, die einzige Quelle
seines Glaubens seien die Evangelien und die Briefe des Paulus. Um noch ein
übriges zu tun, nahm er den Namen "Silvanus" an, das ist der Name
einer der Jünger des Paulus.
Zu einer Zeit, als die Moslems dabei waren, ihre Macht nach
Armenien auszudehnen, missionierte Constantin zwischen 653 und 684 n. Chr.
erfolgreich in Cibossa, einem Ort in der Näher der befestigten Stadt Colonea im
byzantinischen Teil Armeniens. Dann gab der byzantinische Kaiser Konstantin
Pogonatus seinem Staatsbeamten Symeon den Auftrag, die neu entstandene Sekte zu
unterdrücken. Er ließ alle Paulikianer von Cibossa nach Colonea bringen und
befahl ihnen, ihren Lehrer Konstantin zu steinigen; sie aber warfen die Steine
hinter sich, nur einer, sein Adoptivsohn Justus schleuderte einen schweren
Stein nach ihm, der ihn tötete. Constanins Anhänger wurden auf verschiedene
orthodoxe Gemeinden verteilt, wo man, allerdings vergeblich, an ihrer Bekehrung
arbeitete. Mehr noch: beeindruckt durch die Fähigkeit der Paulikianer,
Bibelstellen in ihrem Sinne zu interpretieren, entwickelte ihr Verfolger Symeon
Sympathie für ihre Lehre. Nach drei Jahren kehrte er aus Konstantinopel
heimlich nach Cibossa zurück und sammelte die verstreuten Mitglieder der Sekte,
stellte sich an ihre Spitze und nannte sich Titus. Zwischen ihm und Justus, dem
Pflegesohn Konstantins, kam es zu einem erbitterten Streit über die Auslegung
einer Stelle des Briefes von Paulus an die Colosser. Justus wandte sich zur
Klärung dieser Frage an den Bischof, wohl in der Absicht, die Behörden auf das
Wiederaufleben der Sekte aufmerksam zu machen. Der Bischof erstattete Bericht
an seinen Kaiser Justinian II., und der verfügte, daß alle Paulikianer
festgenommen, verhört werden und, falls sie auf ihrem Glauben verharrten,
verbrannt werden sollten. Zu diesem Zweck wurde im Jahr 690 nahe der Stelle, an
der Konstantin gesteinigt wurde, genannt "der Steinhaufen", ein
großer Scheiterhaufen errichtet, auf dem viele Paulikianer verbrannt wurden.
Aber es gelangt nicht, die Paulikianer auszurotten. Ein Teil
konnte fliehen. Ihr Oberhaupt wurde ein
Armenier namens Paulus. Da sich seine beiden Söhne um die Vorherrschaft
stritten, kam es zu einer Spaltung der Sekte.
Der ältere der beiden Söhne, Gegnäsius, wurde auf Befehl des
Kaisers Leo des Isauriers in Konstantinopel vom Patriarchen verhört. Er zog
sich aber durch geschicktes Ableugnen und durch eifriges Bekennen zur
Orthodoxie aus der Affaire und konnte unversehrt, sogar versehen mit einem
kaiserlichen Schutzbrief, nach Episparis zurückkehren. Von dort aus zog er sich
mit seinen Anhängern über die Grenze in muslimisches Gebiet zurück - in der
Hoffnung vor Verfolgungen sicher zu sein.
Im Jahr 717 fand im armenischen Dovin eine Synode statt, in
deren Schlußkanon es über die Paulikianer hieß: "Niemand soll an den Orten
dieser höchst bösartigen Sekte schamloser Menschen angetroffen werden, die
Paulikaner genannt werden, noch ihnen anhängen, noch zu ihnen sprechen, noch
sie besuchen . . . Denn sie sind Söhne des Satans, Brennstoff für das ewige
Feuer und der Liebe des Schöpfungswillsens entfremdet . . ." Der orthodoxe
Bischof Armeniens, Johannes von Otzun, bezichtigte die Paulikaner "der
Leugnung der Ikonen (auf denen Jesus, Maria und die Heiligen gezeigt und
angebetet wurden), des Kreuzes, des Hasses auf Christus, des Atheismus und der Teufelsanbetung".
Die "Leugnung der Ikonen" teilten die Paulikianer
allerdings mit vielen byzantinschen Soldaten und den byzantinischen
Soldatenkaisern der syrischen Dynastie, die im achten und neuten Jahrhundert in
Byzanz herrschten und unter deren Herrschaft ein "Bildersturm"
(Ikonoklasmus") stattfand. Dieser
Bildersturm war sicher auch durch den Islam beeinflußt, der ja jede bildliche
Darstellung ablehnt. Man näherte sich den Islam an, um so auf religiösem Gebiet
weniger Angriffsfläche zu bieten. Ein Angriff auf die Ikonen bedeutete auch
einen Angriff auf die orthodoxen Priester, der von den Offizieren, die mit den
Priestern um die Macht konkurrierten, bewußt inzeniert worden war.
Die Paulikaner waren den bilderstürmenden Kaisern verbunden
und wurden von ihnen toleriert, vielleicht sogar gefördert. Dies hatte ein
Ende, als die Kaiserin Theodora wieder zur Bilderverehrung zurückkehrte.
Nach dem Tod des Gegnäsius kam es zu einer weiteren Spaltung
der Sekte. Ein Teil der Sekte brach auf, um sich anderswo niederzulassen. Die
Moslems meinten, sie wollten zu den Christen überlaufen, verfolgten sie und
brachten alle um, nur ihrem Anführer Zacharias gelang die schnelle Flucht. Der
andere Teil der Sekte übersiedelte in byzantinisches Gebiet und wurden vom
kaiserlichen Befehlshaber Krikoraches festgenommen. Ihr Anführer Joseph konnte
nach Antiochia in Pisidien entkommen, wo er dreißig Jahre lang unter dem Namen
Epaphroditus missionierte.
Sein Nachfolger war Baanes, genannt der Schmutzige, weil er
Ausschweifungen aller Art förderte.
Zu dieser Zeit, also am Beginn des neunten Jahrhunderts,
schloß sich ein gewisser Sergius aus Ania bei Tabia in Galatien an. Er sollte,
der libertinären und anarchistischen Linie des Baanes entgegenwirkend, zum
Reformator und glücklichsten Verbreiter der Sekte werden. Er durchwanderte 34
Jahre lang auf den Spuren des Apostels Paulus Kleinasien. In einem Brief an
eine seiner Gemeinden schrieb Sergius: " Von Osten bis nach Westen, von
Norden bis nach Süden bin ich gelaufen, mit ermatteten Knien das Evangelium
Christi verkündigend." Es gelang ihm, selbst viele Priester, Mönche und
Nonnen zum Paulicanismus zu bekehren. Frauen folgten ihm nach, die ihre Ehemänner verließen und mit seinen
Schülern verheiratet wurden. Viele, die sich ihm anschlossen, wurden von den
Moslems gefangengenommen und versklavt; andere starben als Gefangene der
Byzantiner in Gefängnissen.
Sergius hielt sich für einen Träger und das Organ des
heiligen Geistes und ließ sich als solcher von seinen Anhängern verehren. Er
nannte sich "hell leuchtende Fackel, das glänzende Gestirn und der Führer
zum Heil" und die "Lampe des Hauses Gottes". Er hatte ein
ausgeprägtes Sendungsbewußtsein; was er vortrage, so sagte er in der
Öffentlichkeit, sei nicht das Ergebnis eigener Erkenntnis, sondern die Botschaft
seines Lehrers Paulus, von dem er auch den Auftrag zu Mission erhalten habe. Im
engeren Kreis aber gab er zu erkennten, daß er sich als Inkarnation des
Heiligen Geistes betrachtete.
Er widersetzte sich nachdrücklich den Ausschweifungen und
Lastern, welche unter dem Einfluß des Baanes um sich gegrifen hatten. Das
führte zu einer Spaltung der Sekte in Baaniten und Sergioten. Solange Sergius
lebte, kam es zwischen den verfeindeten Parteien noch zu keinen Gewaltakten,
danach aber griffen die Anhänger des Sergius zu Schwert und erschlugen viele
Baaniten.
Das äußere Umfeld dagegen war für die Paulikianer zu dieser
Zeit günstig: Der Kaiser Nicephorus (803 - 811), in Pisidien geboren, stand ihnen
und der verwandten Sekte der Athingianer nahe. Die Athingianer betrieben Magie,
und Nicephrus erhoffte sich davon Hilfe gegen dien Aufstand des Bardanes. Unter
der Herrschaft des Nicephorus konnten sich die Paulikianer ungestört
ausbreiten. Zu dieser Ausbreitung trug bei, daß schon ein Jahrhundert vorher,
unter Kaiser Konstantin Paulikianer aus Syrien und Armenien (aus den Städten
Theodosiopolis und Melitene) nach Thracien (im heutigen Griechenland)
zwangsübersiedelt worden waren.
Der Nachfolger von Nicephorus, Michael Rhangabe, ließ die
Paulikianer wieder verfolgen und einige Todesurteile vollstrecken. Unter Kaiser
Leo dem Armenier nahm der Verfolgungsdruck noch mehr zu; die armenischen
Paulikianer flohen in den moslemischen Teil Armeniens, in das Städtchen Argaum.
Hier wurde Sergius im Jahr 835 von einem gewissen Tzanio aus Nikopolis
erschlagen.
Von ihrem sicheren Zufluchtsort machten die Paulikianer
räuberische Einfalle in das byzantinische Gebiet. Das brachte die Paulikianer,
die im byzantischen Reich geblieben waren, unter großen Druck. Die Kaiserin
Theodoro stellte sie vor die Wahl: Bekehrung oder Tod. Damals sollen
hunderttausend Personen durch verschiedenen Todesarten hingerichtet worden
sein. Da stellte sich der hohe byzantinische Offizier Karbeas (er war erster
Adjudant des Oberbefehlsahers des östlichen Heeres, und sein Vater war unter
den Hingerichteten) an die Spitze von 5000 Glaubensgenossen im byzantinischen
Reich und ging über die Grenze zu den Moslems. Die sahen in den erbitterten und
rachdurstigen Sektierern willkommene Bundesgenossen gegen die Byzantiner. Es
strömten immer mehr verfolgte Paulikianer aus dem byzantinsichen Reich über die
Grenze zu den Moslems, und so wurden zwei neue Städte, Tephrika und Amarna,
gegründet.
Die Moslems gewährten ihnen keineswegs unbedingte
Religionsfreiheit; vielmehr mußten sie nach außen hin sich als Moslems geben.
Aber Tephrika war im moslemischen Randgebiet und der Kalif war weit.
Der Offizier Karbeas tat, was sein Beruf war, er führte
Krieg. Er verwüstete Dörfer und Kastelle auf der byzantinischen Seite der Grenze, machte Gefangene und verkaufte sie
als Sklaven an die Moslems. Um seine Macht zu vergößern, gewährte er
Verbrechern und Schuldnern auf der Flucht vor ihren Gläubigern Zuflucht.
Unter seinem Schwiegersohn und Nachfolger Chrysochores
dehnten die Paulikianer ihre Streifzüge bis nach Nicäa und Nikomedia aus,
überfielen 867 Ephesus, plünderten die Kirche des heiligen Johannes und
mißbrauchten sie als Pferdestall.
Kaiser Basilius nahm mit den Paulikianern
Friedensverhandlungen auf. Aber Chrysochorus antwortete, der Kaiser müsse auf
Kleinasien verzichten und dürfe nur die europäischen Teile des Reiches
behalten. Hier hatte er aber den Mund zu voll genommen: auf dem Rückzug aus
Kappadokien wurde das beutebeladene Heer der Paulikianer im Jahr 872 von den
Byzantinern überfallen, Chrysochores wurde auf der Flucht getötet und Tephrika
zerstört. Die Macht der Paulikianer war damit beendet.
Aber die Sekte bestand weiter. Schon Ende des achten,
jedenfalls im neunten Jahrhundert hatten die Paulikianer in Bulgarien Mission
betrieben. Um das Jahr 969 siedelte Kaiser Johannes Tzimisces eine große Anzahl
von Paulikianern nach Philippopolis in Thracien um. Dort sollte sie die Grenzen
des Reiches schützen. Hier scheinen sie sich im Laufe eines Jahrhunderts
bedeutend vermehrt zu haben.
1084 fiel der Normannenfürst Guiscard in Thracien ein und
der Kaiser Alexius forderte die Paulikianer auf, ihm Hilfe gegen die Normannen
zu leisten. Ein Teil der Paulikianer dessertierten aber aus dem byzantinischen
Heer. Alexius ließ die Deserteure gefangen nehmen und gewährte ihnen die
Freiheit unter der Bedingung, daß sie sich taufen lasssen würden. Später, im
Jahr 1116, gelang es ihm, einen Teil der Sektierer zu bekehren, indem er ganze
Tage lang mit ihnen disputierte. Nach und nach ließen sich 11000 taufen; sie
wurden in einer neuen, der Sektiererstadt Philippopolis gegenüberliegenden
Stadt, genannt "Alexopolis", angesiedelt. Aber ein großer Teil der
Sekte beharrte auf der alten Lehre.
Die Sekte blieb bis ins 13. Jahrhundert auf dem Balkan
lebendig. Sie beeienflußten die Bogomilen.
Nachdem die Paulikianer in Thracien angesiedelt worden
waren, war es unvermeidlich, daß sie in Kontakt mit dem Abendland gerieten. Im
Jahr 1041 kamen Paulikianer zusammen mit Mazedoniern nach einer verlorenen
Schlacht gegen die Normannen nach Bari in Unteritalien gekommen. Zudem
gelangten Missionare der armenischen Paulikianer bis nach Italien.
Die Lehre der
Paulikianer
Die Paulikianer vertraten einen kompromisslosen Dualismus.
Der gute Gott, der im Himmel lebt, ist nur Schöpfer und Herr einer höheren
Welt, des himmlischen Jerusalem oder des künftigen Reiches und hat in der
niederen irdischen Welt keine Macht. Die irdische Welt (Erde, Planeten, Sterne
und Kosmos) hat der böse Gott hervorgebracht, er ist der "Gott dieser
Welt", welcher sie als ihr Schöpfer auch beherrscht. Der böse Gott ist aus
der "Hyle" entstanden, das ist der von Anbeginn an bestehende Urgrund
alles Bösen, aus dem sich der böse Gott als selbstbewußte Persönlichkeit
entwickelte. Die Hyle ist auch die "Urmaterie", aus der die
materielle Welt von dem bösen Gott gestaltet wurde. Für die Gnostiker und
Manichäer war die Materie das böse Prinzip, das dem geistigen Prinzip radikal
entgegengesetzt ist.
Auch der menschliche
Leib ist für die Paulikianer ein Werk des bösen Gottes; die Seele des Menschen
aber stammt von dem guten Gott und ist in menschlichen Körper gefangen (was
dieser zuließ bzw. nicht verhindern konnte). Wenn die Seele Glück hat, wird sie
aus dem Körper befreit; wenn sie aber Pech hat, wird sie wieder in einem neuen
Körper (das kann auch ein Tier sein), wiedergeboren. Der Leib war für die
Paulikianer Sitz und Quelle des Bösen.
Böse war für sie auch die Sexualität. Hier aber gab es bei
ihnen zwei sich widersprechende Aussagen: Prinzipiell war die Sexualität die
Frucht des Bösen. Aber da ja in ihrem Glauben der Teufel das irdische Paradies
für Adam und Eva geschaffen hatte, war er auch der Gott, der es verbot, von den
Früchten des Baumes in der Mitte des Paradieses zu essen. Für die Paulikianer
waren die verbotenen Früchte die Sexualität. Da aber der Teufel die Sexualität
verboten hatte, war es für einen Teil der Paulikianer (die Baaniten) wiederum etwas Gutes und Wohltätiges, sich
über das Verbot des Teufels hinwegzusetzen und die Sexualität zu genießen, ja
sogar bis zum Überdruß in Orgien zu versinken. Dahiner stand vielleicht die
Erkenntnis, daß der Teufel diejenigen, die sich krampfhaft der Sexualität
verweigern, noch mehr am Wickel hat, als diejenigen, die sie genießen.
Die Paulikianer verwarfen das ganze Alte Testament als
Offenbarung des Bösen Gottes; die Propheten nannten sie Betrüger und Diebe. Da
aber das Neue Testament die Weihsagungen der Propheten braucht (Jesus
betrachtete sich als Vollender dieser Weihsagungen), konnten die Paulikianer
die prohetischen Bücher nicht völlig für ungültig erklären, sondern meinten,
daß die Propheten unbewußt durch die Eingebung des guten Gottes auch Wahres
über den zuküftigen Erlöser Jesus gesagt hätten.
Die Paulikianer glaubten, daß Christus aus der Welt des
guten Gottes herabgekommen sei, um die Welt aus der Knechtschaft des Satans zu
befreien. Sie hielten aber Maria nicht für die wahre Mutter Jesu. Jesu habe
einen ätherischen Leib besessen, der aus dem Himmel stamme und durch Maria nur
hindurch gegangen sei. Von der Verehrung Marias hielten sie überhaupt nichts.
Maria habe mit Josef noch andere Kinder, die Brüder Jesu gezeugt, und da
Sexualität Sünde sei, sei Maria noch nicht einmal ein guter Mensch gewesen.
Da Jesus ein Engel gewesen sei und nur einen ätherischen
Leib besessen habe, hätte er am Kreuz auch nicht leiden können. Da er nicht
gelitten habe, könne er auch nicht für die Sünden der Menschen gebüßt haben. Da
er nicht gebüßt habe, hätte er die Menschen auch nicht von ihrer Sünde erlösen
können. Unter Erlösung verstanden die Paulikianer auch nicht Erlösung von der
Erbsünde, sondern Befreiung der Seele aus dem Gefängnis des materiellen
Körpers.
Die Verehrung des Kreuzes verabscheuten sie; es sei nur ein
Folterwerkzeug für Übeltäter, also etwas durchaus mit Negativem Behaftetes,
zumal der Satan versucht habe, Jesus mit Hilfe des Kreuzes zu quälen.
Den Apostel Petrus verachteten und schmähten sie, weil er
seinen Glauben an Christus verleugnet habe. Natürlich verwarfen sie die beiden
Petrusbriefe. Die größte Verehrung zollten sie aber den Paulusbriefen. Die
meisten von ihnen verwarfen die Apostelgeschichte und die Briefe des Johannes,
Jakobus und Judas. In späterer Zeit lehnten sie auch zwei der vier Evangelien
ab. Die Sakramente galten ihnen als verwerflich, da die bei den
Sakramentshandlungen verwendeten Dinge (Wasser bei der Taufe, Brot und Wein
beim Abendmahl) Dinge aus irdischer Materie waren (und damit unrein).
Im Unterschied zu den
Katharern gab es bei den Paulikianern keine zwei Klassen von Gläubigen, es gab
also nicht "Vollkommene" und "Hörende" (oder Priester und
gewöhnliche Gläubige). Sie forderten auch nicht wie später die Katharer eine Enthaltung
von der Ehe und es war ihnen erlaubt, Fleisch zu essen. Das Fleisch mußte noch
nicht einmal koscher sein (das heißt, das Blut mußte nicht herausgelaufen
sein).
Auch es war ihnen der Krieg gegen die Ungläubigen erlaubt
(hier ist wohl der Einfluß des benachbarten Islam zu sehen), und zu Zeiten des
Karbeas und des Chrysochores waren sie wohl zu einer blutdürstigen und
verwilderten Horde geworden, ähnlich wie später die Hussiten.
Nach der Verpflanzung nach Thrakien wandelte sich ihr
Charakter. Ende des 17. Jahrhunderts gab es zwischen Adrianopel und
Philippopolis viele Dörfer, in denen es noch den paulikianischen Glauben gab;
aber ihre Religion enthielt viele heidnische und christliche Elemente. Sie
opferten Tiere und verehrten das Kreuz. Die meisten von ihnen sollen Bulgaren
sein, die von den Russen wegen ihrer Religion vertrieben worden seien.