Was ist ein Querdenker ?
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Ein kleines Beispiel mag uns helfen: Ein Querdenker ist ein
Mensch, der erkennt, daß das u hinter dem Q in Querdenker
eigentlich nicht benötigt wird. Man könnte also auch Qelle,
Qarantäne, Qartal schreiben
und würde Platz und Druckerschwärze sparen. Darüber hat fast noch nie jemand
nachgedacht, obwohl es jedermann vor Augen hat. Man könnte auch das „sch“ durch
ein „sh“ ersetzen, und noch mehr Platz und
Druckerschwärze sparen. Aber niemand hat Lust dazu. Denn man müsste sich
umgewöhnen, die Wörterbücher und die Rechtschreibprogramme müssten geändert
werden. Man sagt also: „Du hast die Lösung. Aber wo ist das Problem
?“
Die Einfälle der Querdenker werden meist als lästig und ärgerlich
empfunden, man sieht sie als Störenfriede und Besserwisser an. Aber es gibt
Situationen, in welcher die Leute für jede Hilfe dankbar sind, nämlich dann,
wenn sie selbst nicht mehr weiter wissen.
Dann wird der Querdenker als Retter in der Not freudig begrüßt. Und
Querdenker sind auch dann gefragt, wenn sie den betriebsblinden Managern in der
Wirtschaft eine Weg zeigen können, wie sie die Kosten senken, neue Kunden
bringen oder den betrieblichen Ablauf vereinfachen können. Der Querdenker
kann den Bossen viel Geld sparen, und so
ist er in den Vorstandsetagen beliebt.
Ein Nonkonformist ist noch kein Querdenker
Wenn man jetzt das Wort Querdenker mit „ä“ schreiben würde, also Quärdänker“ wäre man noch kein solcher, sondern ein
Nonkonformist; das sind Leute, die es lieben, aus der Reihe zu tanzen, weil sie
gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Das ist der eigentliche Zweck
ihres Nonkonformismus. Eine Änderung um ihrer selbst willen löst noch kein
Problem. Dem Querdenker geht es darum, eine überraschende und einfache Lösung
zu finden. Doch die scheinbar so genialen Lösungen können ihren Pferdefuß
haben, und dann kehrt man reumütig zu der in Generationen erprobten Praxis
zurück.
Der Querdenker – ein Querulant, Ketzer, Wichtigtuer usw. ?
Es ist schwer zu sagen, wo der Querdenker endet und der Querulant
beginnt; oder der Ketzer, der Rebell, der Spinner, der Weltverbesserer, der
egozentrische Rechthaber, der Wichtigtuer, der Quertreiber, der Störer, der
Provokateur, der Anarchist, der Exzentriker, der Satiriker, der Clown, der
Kabarettist, der Eulenspiegel, der Don Quixote, der Saboteur, der Brandstifter,
der Verräter, der Nestbeschmutzer, der Sektierer, der Fundamentalist, der
Extremist, der Exzentriker, der Nonkonformist, der Trendsetter, der Dandy, der
Hippie, der Rocker, der Punk, der Grufty, der
Zyniker, der Satiriker, der Karikaturist, der Kabarettist, der Neurotiker, der
Psychopath, der Scharlatan, der Wunder und Patentlösungen verspricht, der
selbsternannte Heilsbringer, der Prophet, Weltenretter und
Menschheitsbeglücker.
Dem wahren Querdenker geht es nicht um Ruhm und Karriere. Die
setzt er auf Spiel. Ihm geht es nicht um Gewinn, sondern er stürzt sich in
Unkosten, um seiner Botschaft Gehör und Anerkennung zu verschaffen und arbeitet
oft jahrelang an der Ausarbeitung seiner Ideen, die vielleicht erst nach seinem
Tod allgemein akzeptiert werden. Dann wird er bewundert und gepriesen, und
jedermann macht sich seine Ideen zu eigen und vertritt
sie mit dem Brustton der Überzeugung – wo man vorher doch nur mit Spott, Haß und Ablehnung reagiert hat.
Querdenker und Erfinder
Der Querdenker hat die Fähigkeit, das, was allen anderen als
selbstverständlich und gottgegeben ansehen, in Frage zu stellen. Seine Frage
lautet: „Muß das so sein – oder geht es auch anders ?“ Er sucht nach neuen Wegen und Betrachtungsweisen,
weil er hofft, Probleme und Schwierigkeiten zu lösen, die vielleicht schon sehr
lange die Menschen bedrücken. Der Querdenker ist verwandt mit dem Erfinder. Er
sucht die oft verblüffend einfache Lösung auf ein technisches,
wirtschaftliches, logistisches oder soziales Problem. Dieses Problem wird von
der Mehrheit oft gar nicht erkannt, weil sie betriebsblind geworden sind.
Manche Erfindungen sind unerwünscht
Wo seine Erkenntnisse und Erfindungen bereits ertragreiche und
gewinnbringende Geschäftsfelder austrocknen würden, z. B. ein Auto, das 30
Jahre lang hält und nur drei Liter Sprit braucht, da stößt der Querdenker und
Erfinder auf wenig Gegenliebe. Wenn jemand einen Weg zeigt, in welcher es keine
Kriege mehr gibt, dann macht er sich damit alle diejenigen zum Feind, die sich
als Rüstungsproduzenten, als Soldaten und als überlegene Großmacht vom Krieg
profitieren. Wenn jemand einen Weg zeigt, wie die Menschen ohne teure Medizin
bis ins hohe Alter gesund bleiben und dann einen schnellen und schmerzlosen Tod
sterben können, dann macht er sich alle diejenigen zum Feind, die ihr Geld
durch Medizinbetrieb, Arzneimittel und Pflege Geld verdienen.
Die Gesellschaft ist also oft gar nicht wirklich an den
Lösungsvorschlägen der Querdenker interessiert, sondern betrachtet sie als
Störfaktor, der die bestehenden Strukturen in Frage stellt. Und diese Skepsis
der Gesellschaft ist oft auch berechtigt, denn für viele politische und soziale
Probleme gibt es keine Patentlösungen, sondern jede Lösung bringt wieder neue
Probleme.
Woran erkennt man den Querdenker ?
Der Querdenker hat meist viele Bücher. Die meisten hat er in
Antiquariaten und Flohmärkten gekauft. Seine Wohnung ist voller Bücher. Er ist
ein homme de lettres, not a illiterate person.
Um es einmal ganz vordergründig zu sagen: Ein Querdenker ist ein
Mensch, der einen Computer mit einem Textverarbeitungsprogramm und einem Internetanschluß hat. Die Textverarbeitung macht es leicht,
Texte zu produzieren, immer wieder zu überarbeiten, auszudrucken,
fortzuschicken und ins Internet zu stellen. Deshalb hat mit der Einführung der
Computer die Zahl der Weltverbesserer und Querdenker sprunghaft zugenommen.
Früher musste man seine Gedanken in Büchern niederlegen; aber es
fanden sich kaum Verleger, die diese Bücher drucken wollten – zu Recht, denn
die Texte waren meist langweilig, schwer verständlich und oft keineswegs
originell. Die ganz Unentwegten ließen auf eigene Kosten ihre Bücher und
Zeitschriften drucken, die sich dann bei ihnen zu Hause als unverkäufliche
Ladenhüter stapelten. Für diese
Kategorie von Querdenkern und Weltverbesserern ist das Internet jetzt wirklich
ein Segen. Heute können sie ihre mehr oder weniger umfangreichen Werke ohne
Druckkosten ins Internet stellen. Die Ernüchterung kommt dann, wenn sie die
Zugriffszahlen auf ihre Texte zu sehen bekommen. Querdenker gehören kaum zu den
Internet-Celebreties.
Andere Querdenker haben rhetorische Begabung und publizistische
Energie. Sie gehen auf Tournee und halten Vorträge; wenn deren
Unterhaltungswert gut ist und die Themen interessant, dann kann es den Querdenkern
sogar gelingen, von diesen Vorträgen und ihren Büchern leben – wenn auch meist
nicht gerade üppig. Der erfolgreiche Querdenker hat auch Einsichten in
Werbestrategien und Publik Relations und schafft es bis ins die Talk-Shows. So
leben einige wenige ganz gut von der
Querdenkerei, z. B. Erich von Dänicken.
Warum Akademiker und Angehörige der Oberschicht so selten
Querdenker sind
Unter den Menschen, die eine akademische Laufbahn durchlaufen
haben und jetzt Professor, oder Geschäftsführer oder Arzt, Anwalt, Richter,
Redakteur oder Architekt sind, gibt es nicht viele, die sich mit der
Querdenkerei beschäftigen. Sie haben schlicht und einfach dazu keine Zeit. Die akademisch
gebildete Elite in unsrem Land arbeitet meist sehr hart, und sie ist in ihre
beruflichen Pflichten (und auch den sich daraus ergebenden Aktivitäten, wie zu
Tagungen oder Geschäftsabschlüssen zu reisen) sehr stark eingebunden.
Die akademische Elite hat eine gute Allgemeinbildung, und durch
ihre zahlreichen Reisen auch eine gute Kenntnis der Welt. Da sie auch noch mit
einem hervorragenden Gedächtnis ausgestattet sind, haben sie auf vielen
Gebieten ein oft erstaunliches Wissen. Aber dieses allgemeine Wissen über die
Welt beschäftigt sie nicht so sehr wie ihr Fachgebiet. Deswegen ist ihr
Allgemeinwissen irgendwie oberflächlich und steril. Ihr Verstand beschäftigt
sich hauptsächlich mit anderen Dingen.
Der Akademiker verspürt erst eine Neigung zum Querdenker, wenn zum
Außenseiter geworden ist und mit seinem beruflichen Aufstieg am Endpunkt
angelangt ist.
Warum die Geschäftsleute und die Reichen und Superreichen selten
Querdenker sind
Die Geschäftsleute sind oft mit ihrem Geschäft verheiratet. Da
bleibt keine Zeit. Ihre Bildung ist oft auch nur auf ihr Fachwissen beschränkt.
Für Bildung und Kultur bleibt oft wenig Zeit. Um in Politik und Wissenschaft
neue Wege zu gehen, muß man sich erst einmal dafür
interessieren.
Die Reichen und Superreichen sind mit drei Dingen beschäftigt:
1.
Ihren
Besitz zu mehren und zu sichern
2.
Ihren
Besitz zu genießen und mit denen zusammenzusein, die
dazugehören (an den richtigen Orten)
3.
Als
Mäzen und Wohltäter der Menschheit einen kleineren Teil ihres Vermögens wieder
auszugeben
Für die Reichen ist die Welt so in Ordnung, wie sie ist. Jede
Veränderung kann für sie nur eine Verschlechterung bedeuten. Warum also über
Veränderungen nachdenken ?
Warum es in der Unterklasse so wenig Querdenker gibt
Der Mensch in der Unterklasse ist so mit seinen täglichen Sorgen
und Nöten beschäftigt, daß er einfach keine Zeit dazu
hat, über irgendwelche Weltprobleme nachzudenken, geschweige denn in einen
Computer zu tippen. Er konsumiert nur das, was ihm die Unterhaltungsindustrie
vorsetzt.
Die Intelligenten unter ihnen werden auch einmal vom Geistigen gestreift:
in Form einer Religion oder einer Ideologie. Dann landen sie je nach Umfeld im
Kirchenvorstand, bei den Zeugen Jehovas, bei den Kommunisten und bei den Nazis,
oder bei den Esoterikern, bei den Vegetariern, bei den Sportlern, bei der
Laienbühne, im Blasmusikorchester. Sie machen sich das, was ihnen da geboten
wird, kritiklos zu eigen und sind mit Leib und Seele
dabei. Wenn man nichts anderes kennt, als das, was man hat und ist, dann kann
man dazu kaum in kritische Distanz treten.
Die soziale Klasse des Querdenkeriats
Wo sitzen also die Querdenker ? Um es
einmal nicht sehr schmeichelhaft zu sagen: Es sind Leute mit einer soliden
Halbbildung. Sie haben die mittlere Reife und eine qualifizierte
Berufsausbildung auf einer mittleren Ebene. Oder sie sind Menschen, die ihre
akademische Laufbahn vorzeitig abgebrochen haben oder aus ihrem Elite-Job
ausgestiegen sind – z. B., weil ihnen der Leistungsdruck, die Gesundheit oder
die lieben Kollegen Probleme bereiteten.
Da sitzen sie nun vor ihrem Computer, fühlen sich zu großen Dingen
befähigt und fangen an zu denken, zu schreiben, zu politisieren, zu
missionieren. Am Anfang der achtziger Jahre waren die Grünen und die
alternative Szene voll von diesen Leuten. Allein querdenkt
sich’s oft schlecht, und so wurden die Grünen ein Sammelbecken für sie.
Nach ein paar Jahren stiegen sie dann bei den Grünen wieder aus,
weil sie ihnen zu normal, zu spießig, zu vereinsmeierisch,
zu etabliert wurden, und weil es auch zu viele dicke Bretter zu bohren gab. Man
musste sich in die ganz normale Alltagspolitik einarbeiten, und nach vorne
kamen die, die das gerne taten: die Ehrgeizigen und die Angepassten.
Die Querdenker erfinden oft das Rad wieder neu
Das Problem bei ihrer Halbbildung ist, daß
sie oft nicht gelernt haben, ihre Gedanken kritisch zu werten und sie in eine
geordnete und logische Reihenfolge zu bringen. Da fehlt die akademische
Disziplin, die denen anerzogen wird, die eine Diplom- oder Doktorarbeit
abliefern müssen.
Die Querdenker erfinden oft auch das Rad neu, wo sie doch ein Gang
in die Bibliothek (oder heute: das Internet) darüber belehrt hätte, daß bereits in der Antike oder in der Aufklärung diese
Gedanken schon lange gedacht und formuliert wurden. Es gibt auf dem Gebiet der
Politik, der Religion, der Gesellschaft und
der Kultur fast nichts, was nicht schon mal da war. Wirklich neue Dinge
sind nur im Zusammenhang mit dem technischen Fortschritt, speziell den
Informationstechnologien und der Gentechnik, möglich. Deshalb sollten die Querdenker hier
ansetzten, statt das alte immer wieder neu zu formulieren – und das meist
schlechter als im Original.
Die Frauen als Querdenker
Wenn eine Frau über Probleme nachdenkt, meint sie in der
überwiegenden Mehrzahl der Fälle nicht die großen Weltprobleme. Ihr Problem
lautet meist: Die Dinge laufen für mich nicht so, wie ich mir das wünsche. Wie
bringe ich meine Umwelt dazu, sich so zu verhalten, wie ich das gerne hätte,
und wie bekomme ich von ihnen das, was ich gerne hätte ?
So gesehen, sind die Frauen sehr problembewusst, und sie
diskutieren mit ihren Freundinnen ständig darüber.
Eine Frau ist durchaus in der Lage, quer zu denken. Aber sie wird
sich kaum an den Computer hocken und stundenlang auf die Tasten einzuhämmern.
Sie greift lieber zum Telefon und ruft ihre beste Freundin an. Man trifft sich
dann irgendwo und redet darüber. Oder man bleibt gleich am Telefon und quatscht
sich dann eine Stunde lang aus. Der Computer wurde für die Querdenker erfunden,
das Telefon für die Frauen.
Kann ein solches Wesen zum Querdenker werden ?
Ja, es kann. Wenn nämlich in ihrem Umfeld etwas passiert, das als
Katastrophe hereinbricht und sie tief berührt. Das sind dann die Mütter, die im
Krieg einen Sohn verloren haben. Sie haben sich nie für die Politik
interessiert. Jetzt denken sie auf einmal quer und erdenken originelle
Aktionen.
Da sind die Mütter, deren Kind an Krebs erkrankte und in deren
Nähe ein Atomkraftwerk ist. Da fangen sie plötzlich an zu grübeln und querzudenken.
Warum das Querdenkeriat trotz seiner Schwächen
und Defizite gebraucht wird
Wer sonst soll die großen wegweisenden Ideen entwickeln
? Höchstens ein paar Außenseiter unter den Akademikern und
Schriftstellern. Die sind durchaus kreativ, aber ihre Kreativität beschränkt
sich meist zu sehr auf ihr Fachgebiet.
Aber das Querdenkeriat ist die Klasse,
in der über die Weltprobleme in einem großen, umfassenden Zusammenhang
nachgedacht werden kann, und wo praxisorientierte Lösungen gefunden werden
können. Der Querdenker ist nämlich nicht
so weit vom Alltag der normalen Menschen entfernt wie der Wissenschaftler und
der Kapitalist. Auch von den Spitzenpolitikern ist da wenig zu erwarten. Die
kommen kaum zum nachdenken, ebenso alle Spitzenkräfte in Wirtschaft und
Verwaltung.
Ob das Querdenkeriat dann auch in der
Lage ist, seine großartigen, in die Quere gedachten Zukunftsentwürfe zu
verwirklichen, steht auf einem anderen Blatt. Da müssen dann doch wohl wieder
die Macher, die Könner und die Geldgeber ran.
Die willkommenen Querdenker, die eher Opportunisten sind
Obwohl die Querdenker beim Establisment
äußerst unbeliebt sind, weil sie die althergebrachten Gewissheiten und den
Konsens zwischen Herrschenden und Beherrschten in Frage stellen, kam vor
einigen Jahren eine bestimmte Sorte von Querdenkern bei den Führern von
Wirtschaftsunternehmen in Mode und erfreute sich zunehmender Beliebtheit. In
den USA schätzte man sie schon lange als „horizontal thinkers“
oder „mavericks“. Der ehemalige VW-Top-Manager Daniel
Goedevert bekannte sich, ein Querdenker zu sein, und
Erich J. Lejeune („Mr. Chip“) gab sich als Querdenker, ebenso Roman Herzog in
seiner Rede im Berliner Hotel Adlon. Als Querdenker
sehen sich auch Pfarrer Fliege und Peter Hahne in seinen hanebüchenen Hahnebüchern. Aber was stellten diese selbsternannten
Querdenker damals in Frage ? Meist den Sozialstaat und
den allgemeinen Konsens darüber, daß er unverzichtbar
sei. Die Globalisierung ist eine Revolte
der hemmungslosen Profitmacher gegen das
Volk.
Diese Sorte hilfreichen Querdenkern sind
dem Establisment durchaus genehm. Siehe das Buch von
Martin Hecht („Unbequem ist stets genehm“). Gefragt sind auch Querdenker, die
gegen den Paragraphen-Dschungel und den Wildwuchs der Bürokratie rebellieren.
Die Querdenkerakademie war ein Flop
1997 ließen sich drei Repräsentanten der Hypovereinsbank
in ganzseitigen Anzeigen als „Die Querdenker“ darstellen. 1995 wollten Lejeune
und der Marketing-Experte Peter Kapfhammer in der
niederbayerischen Provinz, in Eggenfelden, eine „Akademie für Innovation und
Querdenken“ eröffnen. Kapfhammer schloß mit der Stadt
Eggenfelden einen Vertrag über 800 000 DM, in welchem er sich verpflichtete,
eine Querdenker-Hochschule („Akademie für Innovation und Querdenken“) zu
errichten. Die Pläne zerschlugen sich, weil sich keine Investoren für das 35 Millionen-DM-Projekt
fanden. So war es auch der bayerischen
Staatskanzlei nicht möglich, Geld zuzuschießen. Kapfhammers
Vertrag wurde vorzeitig gelöst, Kampfhammer erhielt aber 200 000 DM für „bereits erbrachte
Leistungen“. Der Bayerische Bund der Steuerzahler zeigten den Eggenfeldener
Stadtrat und Bürgermeister im Okt. 1995 an wegen des Verdachts auf Untreue.
Der Querdenker-Boom
1996 fand in Nürnberg ein „Event für Innovation und Querdenken (innovent)“ statt, 1997 im Hotel „Pyramide“ in Fürth das
zweite „Innovent“. Das „Euroforum Deutschland GmbH“
bot Querdenker-Kurse für erfolgreiche Manager an.
Warum sind die Querdenker besonders von der Werbe-Industrie gefragt ? Werbebotschaften müssen Aufmerksamkeit erregen, um
überhaupt wahrgenommen zu werden. Wenn also ein Querdenker durch einen
ungewöhnlichen Einfall eine Möglichkeit findet, Aufmerksamkeit zu erregen, dann
hilft das beim Absatz und fördert den Umsatz. Der Querdenker wurde durch die
vom Kapital beherrschten Massenmedien mit Respekt und Sympathie bedacht.
Es wurde ein Querdenker-Jargon entwickelt. Der Querdenker ist
„unbequem“, der „schaut über den Tellerrand hinaus“, er „legt die Scheuklappen
ab“, er „schwimmt gegen den Strom“, er „passt nicht in irgendwelche
Schubladen“, er „spinnt mal herum“, er
sagt „mal ganz ketzerisch“, er „haut auf den Tisch“, er „nimmt kein Blatt vor
den Mund“, er fordert, „daß ein Ruck durch das Land
gehen soll“, spricht von „verkrusteten Strukturen“, opponiert gegen „Tabus“,
will „heilige Kühe schlachten“, redet von „Visionen“, hat „Zivilcourage“,
befleißigt sich des „aufrechten Gangs“, „läßt sich
nicht verbiegen“. Man entdeckte den Bindestrich neu: „Frag-würdig“,
Spannungs-feld“. Man spricht von „Erfinderbörsen“ und
kreiert Denglisch-Worte wie „Ideenscouting“,
„Think und Do-Phasen“. Der
Querdenker „baut Brücken“, „spielt Kundschafter“, „wirft Steine ins Wasser“ und
gibt mit gewichtiger Miene Gemeinplätze und Binsenwahrheiten von sich während
er offene Türen einrennt.
Die Querdenker im Dienste des Kapitals
Was war nun die revolutionäre Innovation, die diese Art von
Querdenkern dem erstaunten Volk zu verkaufen hatten ?
Es war die Botschaft, daß es für weniger Lohn mehr
arbeiten sollte und daß der Staatsbesitz (die Post,
die Bahn, die Telecom mitsamt ihrem großen und wertvollen Immobilienbesitz)
privatisiert werden sollte – was eigentlich eine Enteignung des Staates durch
das Kapital war. Die Filetstücke des staatlichen Immobilienbesitzes wurden
verkauft, um die Zinsen für die Kredite zu zahlen, die der Staat beim Kapital
hatte. Da der Besitz des Staates der Besitz des Volkes ist, wurde und wird das
Volk vom Kapital enteignet. Das war die Revolution, welche die Querdenker des
Kapitals mehr oder weniger unverschämt äußerten. Das war
ganz im Sinne derjenigen, die die wahre Macht im Staate haben, und dazu
brauchte es keinen Mut, denn es war eine Rebellion gegen die Schwachen und
Ahnungslosen. Die Kreativität der „Querdenker“ äußerte sich hauptsächlich im
Phrasendreschen und in der Pflege ihres Nimbus als genialische Lichtgestalt,
mit deren Hilfe unser Land die Herausforderungen der Zukunft bestehen kann. Er
stilisierte sich als aufrechten und unbequemen Sachwalter des Gemeinwohls, der
große Opfer bringt.
Verwendete Literatur:
Martin Hecht: „Unbequem ist stets genehm – Die Konjunktur der
Querdenker“, Rowolt-Verlag, Hamburg 1997