Noch’n Taktätchen
Von
Einleitung: Die Weltverbesserer
Weltverbesserer sind Menschen, auf die folgende Aussagen
zutreffen:
- Sie sehen Missstände und Unzulänglichkeiten, die von allgemeinem
Belang sind. Sie befassen sich also mit Problemen, die mit Politik, Wirtschaft,
Religion, Moral und Ethik zu tun haben. Beliebte Themen der Weltverbesserer
sind: Der Weltfriede, Armut und Not, soziale Ungerechtigkeit, das
unsolidarische und verbrecherische Verhalten von Einzelpersonen, Gruppen oder
Klassen.
- Sie haben eine
recht klare Vorstellung, wer oder was an den Missständen schuld ist, z.B. die
Militaristen, die Kapitalisten, die Kommunisten, die Nazi’s,
die Kirche, der Papst usw. Weltverbesserer
geraten in die Gefahr, ein Feindbild zu kultivieren.
- Sie haben mehr oder
weniger konkrete Ideen, wie die Missstände und Probleme behoben werden können.
Viele sitzen zu Hause vor ihrem Computer und entwickeln detaillierte Entwürfe,
wie die Welt zu verbessern sei. Seit es Textverabeitungsprogramme
gibt, hat sich die Zahl der Weltverbesserungsentwürfe beträchtlich erhöht. Der
typische Weltverbesserer ist der Rentner (oder Frührentner).
An Negativem kann man über den Weltverbesserer sagen: Seine
Tätigkeit, die Welt zu verbessern, beschränkt sich meist darauf, geschriebenen
und gesprochene Worte zu produzieren, die der Welt sagen, was sie falsch macht
und wie sie es besser machen könnte. Zu konkretem Handeln oder zu großen
eigenen Opfern ist der Weltverbesserer meist nicht bereit. Sein eigenes Leben
ist meist recht gut in Ordnung, was seine Versorgung mit Waren,
Dienstleistungen und Wohnraum betrifft. Meist hat er auch jemanden, der ihm die
Wäsche wäscht und die Suppe kocht oder in anderer Weise die Last und die Mühsal
des Lebens von ihm fernhält, so dass er Zeit und Muse hat, sich den höheren
Dingen zu widmen.
Aber es ist auch nicht selten, dass hinter dem Wunsch, die
Welt zu verbessern, eine persönliche Erfahrung des Leidens besteht, und dass
die Weltverbesserertätigkeit den Versuch darstellt, diese Leidenserfahrung
aufzuarbeiten.
Weiterhin lässt sich über den Weltverbesserer an Negativem
sagen, dass er gegenüber anderen Weltverbesserungskonzepten ziemlich
verschlossen ist, sondern dass er meist engstirnig und kompromisslos seine
Ideen verfolgt. Manche Weltverbesserer haben fast ein messianisches Bewusstsein
und versuchen alle Welt von ihrer Botschaft zu überzeugen.
Positiv muss man aber über den Weltverbesserer sagen, dass
er kreativer und geistig unabhängiger ist als ein Anhänger einer bereits
bestehenden Weltanschauung. Aktive Parteimitglieder oder Anhänger einer
Religion oder einer Ideologie ähneln in vieler Hinsicht dem Weltverbesserer.
Wie dieser haben die „Anhänger“ (einer Partei, Ideolgie,
Religion usw.) eine klare Vorstellung, wie die Welt zu verbessern sei und wie
der Weltverbesserer entfalten sie eine oft beachtliche missionarische
Aktivität. Der Unterschied ist, dass der Weltverbesserer seine eigenen Ideen
verbreitet, während der „Anhänger“ die Ideen seiner Autoritäten (Jesus, Marx,
Mohammed usw.) verbreitet. Wenn der Weltverbesserer ehrlich ist, muss er
eingestehen, dass seine Ideen so originell nicht sind, sondern dass alles, was
er verbreiten, schon längst andere auch erdacht und
gesagt haben, und dass seine Betrachtungsweise nur etwas extremer, oder
skurriler oder einseitiger oder radikaler ist. Der Weltverbesserer kann sich
aber nicht entschließen, sich einer der bereits bestehenden Organisationen, die
seine Richtung in etwa vertreten, anzuschließen, weil es vieles an diesen
Organisationen gibt, das ihn stört. Viel lieber wäre es ihm, wenn er selbst
Anhänger finden könnte und wenn er derjenige wäre, dessen Ideen die andern
verbreiten, statt dass er für die Ideen anderer werben soll. Bevor er tausend Flugblätter z.B. für die
Grünen in tausend Briefkästen steckt, schreibt er lieber zu Hause an seinem
Computer noch ein Traktätchen für den Frieden und den Umweltschutz oder
erfindet die Grüne Partei oder das kommunistische Manifest nochmals neu.
Die Welt kann man auf verschiedenen Ebenen verbessern: man
kann versuchen seine persönliche Situation verbessern, oder die Situation
seiner Familie oder seines Berufstandes, oder seiner Gemeinde, oder seiner
Region, oder seiner Nation oder der gesamten Menschheit. Auf der kommunalen
Ebene gibt es die „Örtlichen Denker und Publizisten“, die sich in
Leserbriefspalten und Bürgerversammlungen hervortun. Es gibt die Patrioten und
Nationalisten, die ihre eigenen Interessen willig und freudig hinter die der Nation
zurückstellen und notfalls sogar fürs Vaterland sterben wollen. Auch sie sind
Idealisten, aber ihr Idealismus wurde oft schändlich missbraucht. Bei näheren
Hinsehen ist jeder Idealismus allerdings ein kollektiver Egoismus: Wenn es
meinem Land (meiner Stadt, meiner Familie) gut geht, geht es auch mir gut.
Der Nationalismus birgt die Gefahr, dass Streit und Kriege
zwischen den Staaten entstehen, der Kommunismus birgt die Gefahr, dass der
Klassenkampf zum Bürgerkrieg führt. Dies zeigt, dass Weltanschauungen, (die
letztlich auf Überlegungen und Ideen von Weltverbesserern zurückgehen)
gefährlich werden können, wenn man sie mit Gewalt verwirklichen will.
Weltverbesserer haben also, entgegen ihrer wohlmeinenden Absicht, Unglück über
die Menschen gebracht. Woher nehmen die Weltverbesserer also die Anmaßung, den
Menschen zu sagen, was für sie gut ist ?
Nun, die Welt ist in einem schlechten Zustand, und Not und
Elend sind weit verbreitet. Solange es die schrecklichen Zustände der Not und
des Krieges auf der Welt gibt, haben die Weltverbesserer das Recht, Ideen du
Vorschläge zur Abhilfe zu entwickeln. Sie sollten aber sich die Mühe machen,
nachzuschauen, was andere vor ihnen gedacht
und geschrieben haben und sich bemühen, neue und wirklich segensreiche
und realistisch machbare Vorschläge zu entwickeln. Oft wäre den
Weltverbesserern zu wünschen, dass sie die Mühen und Probleme des Alltages, vor
allem auch des politischen Alltages besser kennen würden.
2. Was gibt es zu verbessern ?
Immer wieder wird von Weltverbesserern betont, dass Kriege grausam und unnötig sind. Mit den
Ressourcen, die durch Rüstung und Kriege verschwendet werden, könnte man die
großen Probleme der Menschheit lösen.
Die Vorschläge der Weltverbesserer sind: Abschaffung aller
Waffen, Friedenserziehung, Systeme kollektiver Sicherheit, Stärkung der UNO,
Schiedsgerichtsverfahren, Staatenbünde bist hin zur Weltföderation, Abbau der
sozialen Ungerechtigkeit, weltweite Einführung der Demokratie.
Während die einen in Reichtum und Verschwendung leben, muss
ein großer Teil der Menschheit in Armut und Hunger leben.
Die Vorschläge der Weltverbesserer: Die Reichen müssen mit
den Armen teilen, notfalls müssen die Reichen durch einen Trick (Konzept der
Freiwirte) oder durch Gewalt (Konzept des Klassenkampfes) um ihren Reichtum,
ihre Macht und ihre Privilegien gebracht werden.
Die Vorschläge gemäßigter Weltverbesserer (Sozialdemokraten,
bürgerliche Parteien) lauten: Wir behalten das bestehende kapitalistische
System bei, aber federn es sozial ab. Durch gleiche Bildungschancen soll jeder
die Möglichkeit haben, zu Reichtum und Einfluss zu gelangen. Wer es dennoch
nicht schafft, ist halt zu faul oder zu dumm gewesen.
In allen Gesellschaften, besonders aber in Diktaturen,
werden Menschen brutal und grausam behandelt - so, als ob sie nicht Menschen,
sondern Tiere wären.
Die Aussage der Weltverbesserer ist etwa die: „Der Mensch
soll im andern Menschen einen gleichberechtigten, wertvollen und würdigen
Partner sehen – nicht den Feind oder Konkurrenten, der eigentlich nicht der
eigenen Art angehört, sondern eine Art Schädling oder Ungeziefer ist, das man
bekämpfen und ausrotten muss.“
Die Konsequenz aus diesen Überlegungen sind die
Menschenrechte und ihre weltweite Durchsetzung.
Auch wenn die Sklaverei abgeschafft ist, gibt es
erschreckend viele unfreie und unterdrückte Menschen. Mit Freiheit verbinden
sich die Begriffe Demokratie, freie Marktwirtschaft und Liberalismus. Die
Weltverbesserer dieser Sparte fordern, dass der Mensch sein Schicksal selbst
gestalten soll, dann wird er auch das tun, was für ihn am besten ist, und Staat
und Gesellschaft werden sich quasi durch einen Selbstregelungsmechanismus so
einstellen, dass für die Mehrzahl ein angenehmer Zustand herauskommt. In den
Begriffen Staat und Regierung wittern sie eher ein Mittel zur Unterdrückung und
Ausbeutung als etwas positives. Sie wollen deshalb so
wenig Staat wie möglich und so viel Freiheit und Selbstbestimmung wie möglich.
Für viele Menschen ist das Leben enttäuschend und unerfüllt,
oft von Krankheiten, Depressionen oder Leere und Langeweile belastet. Die
Weltverbesserer und mit ihnen eine ganze Industrie von Heil- und Hilfsberufen
(Ärzte, Pfarrer, Psychiater), aber auch Amateurheiler, Sekten, Lebensberater,
Volkshochschullehrer usw. bemühen sich, meist in ehrenwerter Weise, das
Schicksal des einzelnen zu lindern bzw. ihre gesundheitlichen, seelischen oder
sozialen Probleme zu lösen und ein neues Bewusstsein zu entwickeln.
Der Mensch zerstört seine natürlichen Lebensgrundlagen. Er
quält die Tiere und rottet sie aus. Auch dies hat eine Vielzahl von
Weltverbesserern auf den Plan gerufen: Die Ökologen und Tierschützer.
Immer wieder stellen wir fest - besonders schmerzhaft
vielleicht im Bereich der Medizin - , dass das
menschliche Wissen und Können erst im Anfangsstadium steckt. Aber gerade auf
technischem Gebiet war der Mensch als Weltverbesserer vielleicht am
erfolgreichsten. Die Weltverbesserer in diesem Themengebiet sind die Ingenieure
und Forscher. Sie sind mehr an der Praxis orientiert. Es gibt zwar auch eine
Vielzahl technischer Utopien, aber die meisten Weltverbesserer in dieser Sparte
sind hartnäckig und zäh dabei, die alltägliche Situation der Menschheit Schritt
für Schritt zu verbessern und zu erleichtern. Allerdings, spätesten seit der
Atombombe ist man gegenüber dem technischen Fortschritt sehr skeptisch
geworden.
Jeder Mensch braucht eine Identität. Viele Menschen leiden
unter mangelndem Selbstbewusstsein und Selbstzweifeln. Sie wissen nicht, wie
sie mit sich selbst und mit anderen umgehen sollen. Sie haben Angst, nicht
akzeptiert zu werden und ein Außenseiter zu sein. Sie wissen nicht, wie sie
sich in den verschiedenen alltäglichen Situationen geben sollen und wie sie auf
andere reagieren sollen. Die Erlösung aus diesem Zustand ist, eine Identität
und mit ihre eine Rolle zu übernehmen. Traditionell geprägte Gesellschaften
haben eine Reihe von Rollen und Verhaltensmustern bereit, die der Mensch, der
in so einer (meist dörflichen) Gemeinschaft aufwächst, von Kind auf lernt und
verinnerlicht. Wenn man ihm diese Identität wegnimmt, wird der Mensch
vielleicht freier und flexibler, aber auch unsicherer und verwundbarer.
Viele, vor allem traditionsorientierte Menschen lieben eine
Umgebung, in der die Dinge ihren gewohnten und berechenbaren Gang gehen und das
Verhalten der Menschen durch Rollenmuster geregelt und geordnet ist.
Das Einbrechen fremder Menschen und Sitten in des eigene
Territorium empfinden sie als bedrohlich; wie die Geschichte vielfach lehrt,
ist der Fremde, wenn er in massierter Form auftritt, oft auch der Eroberer,
Ausbeuter und Unterdrücker.
Die Weltverbesserer in dieser Kategorie wollen also die
alten Traditionen erhalten und die eigene Kultur und Sprache pflegen.
3. Die Konferenz der Weltverbesserer
Diese acht großen Gebiete (1. Frieden, 2.Gerechtigkeit und
Solidarität, 3. Humanität und Menschenrechte, 4. Freiheit und Liberalismus, 5.
Gesundheit und Wohlbefinden, 6. Ökologie und Tierschutz, 7. technischer
Fortschritt und 8. Heimat und Vaterland) stehen in Konkurrenz zueinander. Wenn
man eine Konferenz von Weltverbesserern einberufen würde, auf der jede dieser
Richtungen vertreten ist, käme es nur schwer zu einer Einigung darüber, welches
Anliegen die oberste Priorität verdienen würde. Die Konferenz würde wohl so
ablaufen, dass jeder seinen Standpunkt vertreten würde und eine Vielzahl von
Argumenten bringen würde, warum seine Sicht die Einzig wahre sei.
Der Pazifist wird sagen:
„Was nützen uns alle anderen Werte, wenn wir alle tot sind und unsere
Vaterländer und unsere Umwelt zerstört ist ?“
Der Sozialist wird sagen:
„Kriege und Bürgerkriege entstehen deshalb, weil die Kluft zwischen arm und
reich so groß ist. Kriege sind Wirtschaftskriege, die von den Militär und den
Kapitalisten inszeniert werden, um Gewinn zu machen.
Der Humanist wird sagen:
„Wir müssen friedlich und nett miteinander umgehen. Wenn wir das richtige
humane Bewusstsein erlangt haben, dann stehen wir menschlich so hoch, dass es
Kriege überhaupt nicht mehr geben wird.“
Der Liberale wird sagen:
„Man kann genauso gut mit allen andern Gütern Geschäfte machen, nicht nur mit
Waffen. Der Handel bringt die Menschen einander näher und stiftet Frieden.
Soziale Ungerechtigkeit wird sich nie ganz vermeiden lassen. Aber in einer
sozialen Marktwirtschaft wird ein solcher Überschuss erwirtschaftet, dass für
alle genug abfällt.
Der gesundheits- und spirituell
Bewusste wird sagen: Wir müssen in Einklang mit unserem Körper, unserer
Seele und dem Kosmos leben. Dann werden wir alle glücklich sein und glückliche
Menschen brauchen keine Reichtümer und führen keine Kriege. Sie sind ohnehin
frei.
Der Ökologe und Tierschützer
wird sagen: „Was nützt uns der ganze Reichtum, wenn wir in einer zerstörten
Natur leben müssen ? Die Basis allen Wohlstands ist
eine intakte Natur. Wenn wir unsere Ressourcen weiterhin so plündern, wird die
Not in den Entwicklungsländern immer größer werden und auch vor unserem Land
nicht halt machen. Es wird schreckliche Verteilungskriege geben und am Schluss
wird ein zerstörter und geplünderter Planet übrigbleiben. Bei all unseren
Überlegungen vergessen wir immer die Tiere; sie haben genauso ein Recht auf ein
angenehmes und glückliches Leben wie der Mensch.
Der Fortschrittsgläubige
wird sagen: „Sie alle verdanken ihr angenehmes Leben dem technischen
Fortschritt. Sie schimpfen zwar auf den Fortschritt, benutzen aber eifrig
Flugzeug, Auto und Bahn statt mit dem Radl von Bonn
nach Berlin zu fahren. Dass es der Menschheit viel besser geht, verdankt sie
Leuten wie Justus von Liebig, der zwei Getreidehalme wachsen ließ, wo vorher
nur einer wuchs. Von sozialen Utopien ist noch keiner satt geworden.“
Der Patriot wird sagen:
„Wenn jeder in seinem Vaterland bleibt und dafür sorgt, dass bei ihm zu Hause
alles in Ordnung ist, dann ist auch die ganze Welt in Ordnung. Wir können nicht
die Probleme der ganzen Welt lösen. Die in Ruanda müssen schon selbst sehen,
wie sie klar kommen. Wir haben mit den Ruandern nichts zu tun. Massakriert
haben sie sich selbst, nicht wir haben sie massakriert. Es ist auch nicht war,
dass die Leute in Afrika so arm sind, weil wir sie ausbeuten. Sie sind so arm,
weil sie von der eigenen Regierung ausgebeutet werden. Die Afrikaner können uns
gerne besuchen und schauen, wie wir es machen: nämlich fleißig arbeiten und der
Regierung auf die Finger klopfen. Dann können sie möglichst bald wieder heim
fahren und bei sich auch ein Musterländle aufbauen.“
Nachdem jeder Weltverbesserer seinen Standpunkt dargelegt
hat, werden alle wieder nach Hause fahren und es wird kein Ergebnis geben.
Jeder hat auf seine Weise irgendwie recht, aber zu einem übergreifenden
Gesamtkonzept wird es nur sehr schwer kommen.
4. Der Ramoll-Text
Trotz meiner kritischen Haltung zu den Weltverbesserern muss
ich zugeben, dass es mich hin und wieder in den Fingern juckt, ein Weltverbesserungsträktätchen zu schreiben und mich (wieder)
in die Niederungen (oder Höhen) der Weltverbesserer zu begeben. Ich habe den
Text den „Ramoll-Text“ genannt. Das Wort „Ramoll“ ist eine Verballhornung des Wortes „Moral“. Der Ramoll-Text beginnt mit der Moral und baut darauf ein
Weltverbesserungskonzept auf.
Kant hat gesagt: „Handle so, dass dein Handeln die Grundlage
einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte.“ Das ist natürlich, wie so oft in
der Philosophie, eine Tautologie: ein unklarer Begriff wird durch einen anderen
unklaren definiert. Trotzdem bringt uns dieser Satz auf den richtigen Weg, den
Maßstab für die einzig wahre Moral zu finden.
Wie soll sich der Mensch verhalten und welchen Normen und
Werten soll er gehorchen ?
Sicherlich nicht religiösen Normen, denn es gibt ganz
verschiedene Religionen und Normen, die aber im Kern übereinstimmen. Die
religiösen Normen können nämlich nicht im Widerspruch zu den Interessen und
Forderungen der Mehrheit aller Menschen stehen, sonst ist die Religion nicht
mehrheitsfähig. Und mehrheitsfähig müssen erfolgreiche Religionen sein.
Sicherlich soll der Mensch auch nicht nur den Normen einer einzigen sozialen Schicht oder einer einzelnen Nation gehorchen. Die letzte und oberste Moral kann nur eine Moral sein, die das Wohl der gesamten Menschheit und des gesamten Planeten zum Maßstab nimmt. Dieser Gedanke steckt wohl auch in dem Begriff „allgemeine Gesetzgebung“, den Kant gebraucht. Sonst hätte er ja geschrieben „Grundlage einer nationalen Gesetzgebung“. Allgemeine Gesetzgebung kann nur heißen: Gesetzgebung, die für die gesamte Menschheit verbindlich ist. Und diese Gesetzgebung kann nur auf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aufbauen.
Was ist nun zum Wohl der gesamten Menschheit und was schadet
ihr ? In den meisten Fällen wird es keine klare
Antwort geben. Ist das Autofahren zum Wohl der Menschheit oder sollte man es
lieber verbieten ? In solchen Detailfragen bietet eine
reine „Ja-Nein“-Antwort keine Lösung. Es gibt aber
sicher ein Optimum an Autos, die für die Menschheit gut wäre.
Aber gibt Fragen, in denen die Moral ganz klar Antworten
kann, was gut und was schlecht für die Menschheit ist. Es ist schlecht für die
Menschheit, dass die Nationalstaaten so viele Waffen haben und dass sie diese
gegeneinander einsetzen. Also verstoßen große, andere Länder bedrohende
nationale Armeen gegen die Interessen der gesamten Menschheit, und damit gegen
die allgemeine Moral. Die Rechtfertigung, dass man diese Armeen braucht, um
sich gegen die bösen Nachbarn zu verteidigen, ist heute nicht mehr stichhaltig
und war eigentlich schon immer der Beweis für die Unfähigkeit oder den Unwillen
der Herrschenden, zu einem friedlichen Miteinander zu kommen.
Ebenso zum Schaden der gesamten Menschheit ist die
weitverbreitete Praxis der Reichen und Mächtigen, sich aus dem Volksvermögen
weit mehr zu nehmen als ihnen zusteht und ihre Völker und Armut und
Unterentwicklung zu halten.
Zum Schaden der Menschheit ist es auch, wenn eine
Volksgruppe die andere unterdrückt, ausbeutet oder von ihrem angestammten Land vertreibt.
Zum Schaden der Menschheit ist es, Ressourcen zu
verschwenden und die Umwelt zu zerstören.
Es ist leicht, diese Missstände zu diagnostizieren und eine Abhilfe
zu fordern. Wer aber soll die korrupten Diktatoren, die Ausbeuter,
Kriegsgewinnler und Umweltfrevler in die Schranken weisen und zur Rechenschaft ziehen ? Dies könnte nur eine Instanz tun, die über große
Macht verfügt und diese Macht in legitimierter und kontrollierter Form ausübt,
und zwar so ausübt, dass möglichst kein Krieg geführt wird.
Bis die Menschheit ein solches Instrument besitzt, ist noch
ein weiter Weg. Ich bin, das habe ich in anderen Texten ja schon ausführlich
dargelegt, dafür, dass aus der UNO-Vollversammlung ein demokratisch
legitimiertes Parlament wird, das für die ganze Welt gültige Gesetze erlässt
und eine Weltregierung wählt. Diese Dinge kann man freilich nicht von heute auf
morgen verwirklichen, aber das Zusammenwachsen Europas zeigt, wie das
Zusammenwachsen der Welt vor sich gehen könnte und wie allmählich aus Nationen,
deren Regierungen und Völker in freundschaftlichem Kontakt stehen, eine
Weltföderation werden könnte, aus der allmählich eine Welt mit einer
einheitlichen Währung, einer einheitlichen Wirtschaft und letztlich mit einer
einheitlichen Gesetzgebung werden könnte. Heute ist dies bei weitem nicht mehr
so utopisch wie im Jahr 1974, als ich das erste Mal in diese Richtung dachte.
Am Anfang steht die Idee. Die Idee ist eigentlich simpel und
naheliegend: Es gibt nur eine Menschheit. Warum sollte sie deshalb nicht geeint
und friedlich leben ? Und dann beginnt die Idee
allmählich in immer mehr Köpfe und Herzen einzuziehen und die Realität nach
ihrem Vorbild zu formen. Die Verbesserung der Nachrichtenübermittlung und die
Beschleunigung der Verkehrsmittel tun dann nach und nach das ihrige: Die
Menschheit wächst zusammen.
Die Basis für alles ist aber die Moral: Das Wissen, dass
sich die eigennützigen Bestrebungen des Einzelnen dem Allgemeinwohl unterordnen
muss. Die Allgemeinheit ist nicht die Nation, sondern die Menschheit. Die
Behauptung, dass die Nation oberste und letzte „Allgemeinheit“, und damit
oberste und letzte Instanz der Moral ist, hat zu schrecklichen Verbrechen geführt.
Oberste und letzte Instanz der Moral ist nicht der Papst und nicht Lenin, noch
nicht einmal Jesus, Mohammed oder Buddha, nicht Deutschland und nicht die USA,
sondern die gesamte Menschheit.
Dies bedeutet nicht, dass der Einzelne von einem anonymen
Kollektiv unterdrückt wird, auch nicht von einer Superregierung. Der Patriot
darf seine Heimat und seine Identität behalten. Der Sozialist wird weiter für
die soziale Gerechtigkeit kämpfen, der Fortschrittsgläubige weiterhin für den
Fortschritt arbeiten, der Ökologie für die Ökologie usw. Auch wenn die
Menschheit geeint ist, wird damit das Paradies noch lange nicht erreicht sein.
Aber vielleicht wird die Menschheit ein Stück weiter weg von der Hölle der
Kriege und der Leiden entfernt sein.