Noch’n Taktätchen

Von Richard Beiderbeck    www.koinae.de

 

Einleitung: Die Weltverbesserer

 

Weltverbesserer sind Menschen, auf die folgende Aussagen zutreffen:

 

- Sie sehen Missstände und Unzulänglichkeiten, die von allgemeinem Belang sind. Sie befassen sich also mit Problemen, die mit Politik, Wirtschaft, Religion, Moral und Ethik zu tun haben. Beliebte Themen der Weltverbesserer sind: Der Weltfriede, Armut und Not, soziale Ungerechtigkeit, das unsolidarische und verbrecherische Verhalten von Einzelpersonen, Gruppen oder Klassen.

 

 - Sie haben eine recht klare Vorstellung, wer oder was an den Missständen schuld ist, z.B. die Militaristen, die Kapitalisten, die Kommunisten, die Nazi’s, die Kirche, der Papst usw.  Weltverbesserer geraten in die Gefahr, ein Feindbild zu kultivieren.

 

 - Sie haben mehr oder weniger konkrete Ideen, wie die Missstände und Probleme behoben werden können. Viele sitzen zu Hause vor ihrem Computer und entwickeln detaillierte Entwürfe, wie die Welt zu verbessern sei. Seit es Textverabeitungsprogramme gibt, hat sich die Zahl der Weltverbesserungsentwürfe beträchtlich erhöht. Der typische Weltverbesserer ist der Rentner (oder Frührentner).

 

An Negativem kann man über den Weltverbesserer sagen: Seine Tätigkeit, die Welt zu verbessern, beschränkt sich meist darauf, geschriebenen und gesprochene Worte zu produzieren, die der Welt sagen, was sie falsch macht und wie sie es besser machen könnte. Zu konkretem Handeln oder zu großen eigenen Opfern ist der Weltverbesserer meist nicht bereit. Sein eigenes Leben ist meist recht gut in Ordnung, was seine Versorgung mit Waren, Dienstleistungen und Wohnraum betrifft. Meist hat er auch jemanden, der ihm die Wäsche wäscht und die Suppe kocht oder in anderer Weise die Last und die Mühsal des Lebens von ihm fernhält, so dass er Zeit und Muse hat, sich den höheren Dingen zu widmen.

Aber es ist auch nicht selten, dass hinter dem Wunsch, die Welt zu verbessern, eine persönliche Erfahrung des Leidens besteht, und dass die Weltverbesserertätigkeit den Versuch darstellt, diese Leidenserfahrung aufzuarbeiten.

Weiterhin lässt sich über den Weltverbesserer an Negativem sagen, dass er gegenüber anderen Weltverbesserungskonzepten ziemlich verschlossen ist, sondern dass er meist engstirnig und kompromisslos seine Ideen verfolgt. Manche Weltverbesserer haben fast ein messianisches Bewusstsein und versuchen alle Welt von ihrer Botschaft zu überzeugen.

 

Positiv muss man aber über den Weltverbesserer sagen, dass er kreativer und geistig unabhängiger ist als ein Anhänger einer bereits bestehenden Weltanschauung. Aktive Parteimitglieder oder Anhänger einer Religion oder einer Ideologie ähneln in vieler Hinsicht dem Weltverbesserer. Wie dieser haben die „Anhänger“ (einer Partei, Ideolgie, Religion usw.) eine klare Vorstellung, wie die Welt zu verbessern sei und wie der Weltverbesserer entfalten sie eine oft beachtliche missionarische Aktivität. Der Unterschied ist, dass der Weltverbesserer seine eigenen Ideen verbreitet, während der „Anhänger“ die Ideen seiner Autoritäten (Jesus, Marx, Mohammed usw.) verbreitet. Wenn der Weltverbesserer ehrlich ist, muss er eingestehen, dass seine Ideen so originell nicht sind, sondern dass alles, was er verbreiten, schon längst andere auch erdacht und gesagt haben, und dass seine Betrachtungsweise nur etwas extremer, oder skurriler oder einseitiger oder radikaler ist. Der Weltverbesserer kann sich aber nicht entschließen, sich einer der bereits bestehenden Organisationen, die seine Richtung in etwa vertreten, anzuschließen, weil es vieles an diesen Organisationen gibt, das ihn stört. Viel lieber wäre es ihm, wenn er selbst Anhänger finden könnte und wenn er derjenige wäre, dessen Ideen die andern verbreiten, statt dass er für die Ideen anderer werben soll.  Bevor er tausend Flugblätter z.B. für die Grünen in tausend Briefkästen steckt, schreibt er lieber zu Hause an seinem Computer noch ein Traktätchen für den Frieden und den Umweltschutz oder erfindet die Grüne Partei oder das kommunistische Manifest nochmals neu.

 

Die Welt kann man auf verschiedenen Ebenen verbessern: man kann versuchen seine persönliche Situation verbessern, oder die Situation seiner Familie oder seines Berufstandes, oder seiner Gemeinde, oder seiner Region, oder seiner Nation oder der gesamten Menschheit. Auf der kommunalen Ebene gibt es die „Örtlichen Denker und Publizisten“, die sich in Leserbriefspalten und Bürgerversammlungen hervortun. Es gibt die Patrioten und Nationalisten, die ihre eigenen Interessen willig und freudig hinter die der Nation zurückstellen und notfalls sogar fürs Vaterland sterben wollen. Auch sie sind Idealisten, aber ihr Idealismus wurde oft schändlich missbraucht. Bei näheren Hinsehen ist jeder Idealismus allerdings ein kollektiver Egoismus: Wenn es meinem Land (meiner Stadt, meiner Familie) gut geht, geht es auch mir gut.

Der Nationalismus birgt die Gefahr, dass Streit und Kriege zwischen den Staaten entstehen, der Kommunismus birgt die Gefahr, dass der Klassenkampf zum Bürgerkrieg führt. Dies zeigt, dass Weltanschauungen, (die letztlich auf Überlegungen und Ideen von Weltverbesserern zurückgehen) gefährlich werden können, wenn man sie mit Gewalt verwirklichen will. Weltverbesserer haben also, entgegen ihrer wohlmeinenden Absicht, Unglück über die Menschen gebracht. Woher nehmen die Weltverbesserer also die Anmaßung, den Menschen zu sagen, was für sie gut ist ? 

Nun, die Welt ist in einem schlechten Zustand, und Not und Elend sind weit verbreitet. Solange es die schrecklichen Zustände der Not und des Krieges auf der Welt gibt, haben die Weltverbesserer das Recht, Ideen du Vorschläge zur Abhilfe zu entwickeln. Sie sollten aber sich die Mühe machen, nachzuschauen, was andere vor ihnen gedacht  und geschrieben haben und sich bemühen, neue und wirklich segensreiche und realistisch machbare Vorschläge zu entwickeln. Oft wäre den Weltverbesserern zu wünschen, dass sie die Mühen und Probleme des Alltages, vor allem auch des politischen Alltages besser kennen würden.

 

2. Was gibt es zu verbessern ?

 

Der Friede

Immer wieder wird von Weltverbesserern betont,  dass Kriege grausam und unnötig sind. Mit den Ressourcen, die durch Rüstung und Kriege verschwendet werden, könnte man die großen Probleme der Menschheit lösen.

Die Vorschläge der Weltverbesserer sind: Abschaffung aller Waffen, Friedenserziehung, Systeme kollektiver Sicherheit, Stärkung der UNO, Schiedsgerichtsverfahren, Staatenbünde bist hin zur Weltföderation, Abbau der sozialen Ungerechtigkeit, weltweite Einführung der Demokratie.

 

Die Soziale Gerechtigkeit

Während die einen in Reichtum und Verschwendung leben, muss ein großer Teil der Menschheit in Armut und Hunger leben.

Die Vorschläge der Weltverbesserer: Die Reichen müssen mit den Armen teilen, notfalls müssen die Reichen durch einen Trick (Konzept der Freiwirte) oder durch Gewalt (Konzept des Klassenkampfes) um ihren Reichtum, ihre Macht und ihre Privilegien gebracht werden.

Die Vorschläge gemäßigter Weltverbesserer (Sozialdemokraten, bürgerliche Parteien) lauten: Wir behalten das bestehende kapitalistische System bei, aber federn es sozial ab. Durch gleiche Bildungschancen soll jeder die Möglichkeit haben, zu Reichtum und Einfluss zu gelangen. Wer es dennoch nicht schafft, ist halt zu faul oder zu dumm gewesen.

 

Der menschliche und solidarische Umgang miteinander

In allen Gesellschaften, besonders aber in Diktaturen, werden Menschen brutal und grausam behandelt - so, als ob sie nicht Menschen, sondern Tiere wären.

Die Aussage der Weltverbesserer ist etwa die: „Der Mensch soll im andern Menschen einen gleichberechtigten, wertvollen und würdigen Partner sehen – nicht den Feind oder Konkurrenten, der eigentlich nicht der eigenen Art angehört, sondern eine Art Schädling oder Ungeziefer ist, das man bekämpfen und ausrotten muss.“

Die Konsequenz aus diesen Überlegungen sind die Menschenrechte und ihre weltweite Durchsetzung.

 

Freiheit

Auch wenn die Sklaverei abgeschafft ist, gibt es erschreckend viele unfreie und unterdrückte Menschen. Mit Freiheit verbinden sich die Begriffe Demokratie, freie Marktwirtschaft und Liberalismus. Die Weltverbesserer dieser Sparte fordern, dass der Mensch sein Schicksal selbst gestalten soll, dann wird er auch das tun, was für ihn am besten ist, und Staat und Gesellschaft werden sich quasi durch einen Selbstregelungsmechanismus so einstellen, dass für die Mehrzahl ein angenehmer Zustand herauskommt. In den Begriffen Staat und Regierung wittern sie eher ein Mittel zur Unterdrückung und Ausbeutung als etwas positives. Sie wollen deshalb so wenig Staat wie möglich und so viel Freiheit und Selbstbestimmung wie möglich.

 

Das gesunde und erfüllte Leben

Für viele Menschen ist das Leben enttäuschend und unerfüllt, oft von Krankheiten, Depressionen oder Leere und Langeweile belastet. Die Weltverbesserer und mit ihnen eine ganze Industrie von Heil- und Hilfsberufen (Ärzte, Pfarrer, Psychiater), aber auch Amateurheiler, Sekten, Lebensberater, Volkshochschullehrer usw. bemühen sich, meist in ehrenwerter Weise, das Schicksal des einzelnen zu lindern bzw. ihre gesundheitlichen, seelischen oder sozialen Probleme zu lösen und ein neues Bewusstsein zu entwickeln.

 

Der Umgang mit der Natur und ihren Geschöpfen

Der Mensch zerstört seine natürlichen Lebensgrundlagen. Er quält die Tiere und rottet sie aus. Auch dies hat eine Vielzahl von Weltverbesserern auf den Plan gerufen: Die Ökologen und Tierschützer.

 

Die Verbesserung der technischen Möglichkeiten des Menschen

Immer wieder stellen wir fest - besonders schmerzhaft vielleicht im Bereich der Medizin - , dass das menschliche Wissen und Können erst im Anfangsstadium steckt. Aber gerade auf technischem Gebiet war der Mensch als Weltverbesserer vielleicht am erfolgreichsten. Die Weltverbesserer in diesem Themengebiet sind die Ingenieure und Forscher. Sie sind mehr an der Praxis orientiert. Es gibt zwar auch eine Vielzahl technischer Utopien, aber die meisten Weltverbesserer in dieser Sparte sind hartnäckig und zäh dabei, die alltägliche Situation der Menschheit Schritt für Schritt zu verbessern und zu erleichtern. Allerdings, spätesten seit der Atombombe ist man gegenüber dem technischen Fortschritt sehr skeptisch geworden.

 

Vaterland und Identität

Jeder Mensch braucht eine Identität. Viele Menschen leiden unter mangelndem Selbstbewusstsein und Selbstzweifeln. Sie wissen nicht, wie sie mit sich selbst und mit anderen umgehen sollen. Sie haben Angst, nicht akzeptiert zu werden und ein Außenseiter zu sein. Sie wissen nicht, wie sie sich in den verschiedenen alltäglichen Situationen geben sollen und wie sie auf andere reagieren sollen. Die Erlösung aus diesem Zustand ist, eine Identität und mit ihre eine Rolle zu übernehmen. Traditionell geprägte Gesellschaften haben eine Reihe von Rollen und Verhaltensmustern bereit, die der Mensch, der in so einer (meist dörflichen) Gemeinschaft aufwächst, von Kind auf lernt und verinnerlicht. Wenn man ihm diese Identität wegnimmt, wird der Mensch vielleicht freier und flexibler, aber auch unsicherer und verwundbarer.

Viele, vor allem traditionsorientierte Menschen lieben eine Umgebung, in der die Dinge ihren gewohnten und berechenbaren Gang gehen und das Verhalten der Menschen durch Rollenmuster geregelt und geordnet ist.

Das Einbrechen fremder Menschen und Sitten in des eigene Territorium empfinden sie als bedrohlich; wie die Geschichte vielfach lehrt, ist der Fremde, wenn er in massierter Form auftritt, oft auch der Eroberer, Ausbeuter und Unterdrücker.

Die Weltverbesserer in dieser Kategorie wollen also die alten Traditionen erhalten und die eigene Kultur und Sprache pflegen.

 

3. Die Konferenz der Weltverbesserer

 

Diese acht großen Gebiete (1. Frieden, 2.Gerechtigkeit und Solidarität, 3. Humanität und Menschenrechte, 4. Freiheit und Liberalismus, 5. Gesundheit und Wohlbefinden, 6. Ökologie und Tierschutz, 7. technischer Fortschritt und 8. Heimat und Vaterland) stehen in Konkurrenz zueinander. Wenn man eine Konferenz von Weltverbesserern einberufen würde, auf der jede dieser Richtungen vertreten ist, käme es nur schwer zu einer Einigung darüber, welches Anliegen die oberste Priorität verdienen würde. Die Konferenz würde wohl so ablaufen, dass jeder seinen Standpunkt vertreten würde und eine Vielzahl von Argumenten bringen würde, warum seine Sicht die Einzig wahre sei.

Der Pazifist wird sagen: „Was nützen uns alle anderen Werte, wenn wir alle tot sind und unsere Vaterländer und unsere Umwelt zerstört ist ?“

Der Sozialist wird sagen: „Kriege und Bürgerkriege entstehen deshalb, weil die Kluft zwischen arm und reich so groß ist. Kriege sind Wirtschaftskriege, die von den Militär und den Kapitalisten inszeniert werden, um Gewinn zu machen.

Der Humanist wird sagen: „Wir müssen friedlich und nett miteinander umgehen. Wenn wir das richtige humane Bewusstsein erlangt haben, dann stehen wir menschlich so hoch, dass es Kriege überhaupt nicht mehr geben wird.“

Der Liberale wird sagen: „Man kann genauso gut mit allen andern Gütern Geschäfte machen, nicht nur mit Waffen. Der Handel bringt die Menschen einander näher und stiftet Frieden. Soziale Ungerechtigkeit wird sich nie ganz vermeiden lassen. Aber in einer sozialen Marktwirtschaft wird ein solcher Überschuss erwirtschaftet, dass für alle genug abfällt.

Der gesundheits- und spirituell Bewusste wird sagen: Wir müssen in Einklang mit unserem Körper, unserer Seele und dem Kosmos leben. Dann werden wir alle glücklich sein und glückliche Menschen brauchen keine Reichtümer und führen keine Kriege. Sie sind ohnehin frei.

Der Ökologe und Tierschützer wird sagen: „Was nützt uns der ganze Reichtum, wenn wir in einer zerstörten Natur leben müssen ? Die Basis allen Wohlstands ist eine intakte Natur. Wenn wir unsere Ressourcen weiterhin so plündern, wird die Not in den Entwicklungsländern immer größer werden und auch vor unserem Land nicht halt machen. Es wird schreckliche Verteilungskriege geben und am Schluss wird ein zerstörter und geplünderter Planet übrigbleiben. Bei all unseren Überlegungen vergessen wir immer die Tiere; sie haben genauso ein Recht auf ein angenehmes und glückliches Leben wie der Mensch.

Der Fortschrittsgläubige wird sagen: „Sie alle verdanken ihr angenehmes Leben dem technischen Fortschritt. Sie schimpfen zwar auf den Fortschritt, benutzen aber eifrig Flugzeug, Auto und Bahn statt mit dem Radl von Bonn nach Berlin zu fahren. Dass es der Menschheit viel besser geht, verdankt sie Leuten wie Justus von Liebig, der zwei Getreidehalme wachsen ließ, wo vorher nur einer wuchs. Von sozialen Utopien ist noch keiner satt geworden.“

Der Patriot wird sagen: „Wenn jeder in seinem Vaterland bleibt und dafür sorgt, dass bei ihm zu Hause alles in Ordnung ist, dann ist auch die ganze Welt in Ordnung. Wir können nicht die Probleme der ganzen Welt lösen. Die in Ruanda müssen schon selbst sehen, wie sie klar kommen. Wir haben mit den Ruandern nichts zu tun. Massakriert haben sie sich selbst, nicht wir haben sie massakriert. Es ist auch nicht war, dass die Leute in Afrika so arm sind, weil wir sie ausbeuten. Sie sind so arm, weil sie von der eigenen Regierung ausgebeutet werden. Die Afrikaner können uns gerne besuchen und schauen, wie wir es machen: nämlich fleißig arbeiten und der Regierung auf die Finger klopfen. Dann können sie möglichst bald wieder heim fahren und bei sich auch ein Musterländle aufbauen.“

 

Nachdem jeder Weltverbesserer seinen Standpunkt dargelegt hat, werden alle wieder nach Hause fahren und es wird kein Ergebnis geben. Jeder hat auf seine Weise irgendwie recht, aber zu einem übergreifenden Gesamtkonzept wird es nur sehr schwer kommen.

 

4. Der Ramoll-Text

 

Trotz meiner kritischen Haltung zu den Weltverbesserern muss ich zugeben, dass es mich hin und wieder in den Fingern juckt, ein Weltverbesserungsträktätchen zu schreiben und mich (wieder) in die Niederungen (oder Höhen) der Weltverbesserer zu begeben. Ich habe den Text den „Ramoll-Text“ genannt. Das Wort „Ramoll“ ist eine Verballhornung des Wortes „Moral“. Der Ramoll-Text beginnt mit der Moral und baut darauf ein Weltverbesserungskonzept auf.

 

Der kategorische Imperativ

Kant hat gesagt: „Handle so, dass dein Handeln die Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte.“ Das ist natürlich, wie so oft in der Philosophie, eine Tautologie: ein unklarer Begriff wird durch einen anderen unklaren definiert. Trotzdem bringt uns dieser Satz auf den richtigen Weg, den Maßstab für die einzig wahre Moral zu finden.

Wie soll sich der Mensch verhalten und welchen Normen und Werten soll er gehorchen ?

Sicherlich nicht religiösen Normen, denn es gibt ganz verschiedene Religionen und Normen, die aber im Kern übereinstimmen. Die religiösen Normen können nämlich nicht im Widerspruch zu den Interessen und Forderungen der Mehrheit aller Menschen stehen, sonst ist die Religion nicht mehrheitsfähig. Und mehrheitsfähig müssen erfolgreiche Religionen sein.

Sicherlich soll der Mensch auch nicht nur den Normen einer einzigen sozialen Schicht oder einer einzelnen Nation gehorchen. Die letzte und oberste Moral kann nur eine Moral sein, die das Wohl der gesamten Menschheit und des gesamten Planeten zum Maßstab nimmt. Dieser Gedanke steckt wohl auch in dem Begriff „allgemeine Gesetzgebung“, den Kant gebraucht. Sonst hätte er ja geschrieben „Grundlage einer nationalen Gesetzgebung“. Allgemeine Gesetzgebung kann nur heißen: Gesetzgebung, die für die gesamte Menschheit verbindlich ist. Und diese Gesetzgebung kann nur auf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aufbauen.

 

Die universelle Moral

Was ist nun zum Wohl der gesamten Menschheit und was schadet ihr ? In den meisten Fällen wird es keine klare Antwort geben. Ist das Autofahren zum Wohl der Menschheit oder sollte man es lieber verbieten ? In solchen Detailfragen bietet eine reine „Ja-Nein“-Antwort keine Lösung. Es gibt aber sicher ein Optimum an Autos, die für die Menschheit gut wäre.

Aber gibt Fragen, in denen die Moral ganz klar Antworten kann, was gut und was schlecht für die Menschheit ist. Es ist schlecht für die Menschheit, dass die Nationalstaaten so viele Waffen haben und dass sie diese gegeneinander einsetzen. Also verstoßen große, andere Länder bedrohende nationale Armeen gegen die Interessen der gesamten Menschheit, und damit gegen die allgemeine Moral. Die Rechtfertigung, dass man diese Armeen braucht, um sich gegen die bösen Nachbarn zu verteidigen, ist heute nicht mehr stichhaltig und war eigentlich schon immer der Beweis für die Unfähigkeit oder den Unwillen der Herrschenden, zu einem friedlichen Miteinander zu kommen.

 

Ebenso zum Schaden der gesamten Menschheit ist die weitverbreitete Praxis der Reichen und Mächtigen, sich aus dem Volksvermögen weit mehr zu nehmen als ihnen zusteht und ihre Völker und Armut und Unterentwicklung zu halten.

 

Zum Schaden der Menschheit ist es auch, wenn eine Volksgruppe die andere unterdrückt, ausbeutet oder von ihrem angestammten Land vertreibt.

 

Zum Schaden der Menschheit ist es, Ressourcen zu verschwenden und die Umwelt zu zerstören.

 

Es ist leicht, diese Missstände zu diagnostizieren und eine Abhilfe zu fordern. Wer aber soll die korrupten Diktatoren, die Ausbeuter, Kriegsgewinnler und Umweltfrevler in die Schranken weisen und zur Rechenschaft ziehen ? Dies könnte nur eine Instanz tun, die über große Macht verfügt und diese Macht in legitimierter und kontrollierter Form ausübt, und zwar so ausübt, dass möglichst kein Krieg geführt wird.

 

Bis die Menschheit ein solches Instrument besitzt, ist noch ein weiter Weg. Ich bin, das habe ich in anderen Texten ja schon ausführlich dargelegt, dafür, dass aus der UNO-Vollversammlung ein demokratisch legitimiertes Parlament wird, das für die ganze Welt gültige Gesetze erlässt und eine Weltregierung wählt. Diese Dinge kann man freilich nicht von heute auf morgen verwirklichen, aber das Zusammenwachsen Europas zeigt, wie das Zusammenwachsen der Welt vor sich gehen könnte und wie allmählich aus Nationen, deren Regierungen und Völker in freundschaftlichem Kontakt stehen, eine Weltföderation werden könnte, aus der allmählich eine Welt mit einer einheitlichen Währung, einer einheitlichen Wirtschaft und letztlich mit einer einheitlichen Gesetzgebung werden könnte. Heute ist dies bei weitem nicht mehr so utopisch wie im Jahr 1974, als ich das erste Mal in diese Richtung dachte.

 

Am Anfang steht die Idee. Die Idee ist eigentlich simpel und naheliegend: Es gibt nur eine Menschheit. Warum sollte sie deshalb nicht geeint und friedlich leben ? Und dann beginnt die Idee allmählich in immer mehr Köpfe und Herzen einzuziehen und die Realität nach ihrem Vorbild zu formen. Die Verbesserung der Nachrichtenübermittlung und die Beschleunigung der Verkehrsmittel tun dann nach und nach das ihrige: Die Menschheit wächst zusammen.

 

Die Basis für alles ist aber die Moral: Das Wissen, dass sich die eigennützigen Bestrebungen des Einzelnen dem Allgemeinwohl unterordnen muss. Die Allgemeinheit ist nicht die Nation, sondern die Menschheit. Die Behauptung, dass die Nation oberste und letzte „Allgemeinheit“, und damit oberste und letzte Instanz der Moral ist, hat zu schrecklichen Verbrechen geführt. Oberste und letzte Instanz der Moral ist nicht der Papst und nicht Lenin, noch nicht einmal Jesus, Mohammed oder Buddha, nicht Deutschland und nicht die USA, sondern die gesamte Menschheit.

 

Dies bedeutet nicht, dass der Einzelne von einem anonymen Kollektiv unterdrückt wird, auch nicht von einer Superregierung. Der Patriot darf seine Heimat und seine Identität behalten. Der Sozialist wird weiter für die soziale Gerechtigkeit kämpfen, der Fortschrittsgläubige weiterhin für den Fortschritt arbeiten, der Ökologie für die Ökologie usw. Auch wenn die Menschheit geeint ist, wird damit das Paradies noch lange nicht erreicht sein. Aber vielleicht wird die Menschheit ein Stück weiter weg von der Hölle der Kriege und der Leiden entfernt sein.