Über die Religion

 

Von Richard Beiderbeck,   www.koinae.de

 

 

Warum die Götter und Dämonen Tierköpfe haben

 

Die Ägypter, Babylonier, Inder, Chinesen, Azteken und viele andere Völker stellten Ihre Götter und Dämonen als Menschen mit tierischen Körperteilen dar. Der ägyptische Gott Horus trägt z.B. den Kopf eines Falken, der Minotaurus der Kreter hat einen Stierkopf. Der Gott Dionysos der Griechen hat einen Bocksfuß und Hörner. Die Gorgonen haben anstelle von Haaren Schlangen. Genaugenommen sind die Flügel der Engel ebenfalls tierische Körperteile.

Andere Götter wurden in vollständiger Tiergestalt verehrt. Aus der Bibel kennen wir das Goldene Kalb, das angebetet wurde.

In der Frühzeit, als der Mensch noch einer übermächtigen Natur ausgeliefert war, verehrte er die Natur und betete Sie an. Die Tiere stehen der Natur viel näher als der Mensch. Deshalb war ist nur logisch, die Natur in Tiergestalt anzubeten. Besonders betete man diejenigen Tiere an, die den Menschen durch ihre Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, ihre sexuelle Potenz und Fruchtbarkeit oder andere Eigenschaften imponierten: Der Stier, der Löwe, das Pferd, der Adler, der Widder, den Hirsch, selbst den Esel. Die Schlange wurde verehrt, weil sie der Erdgöttin besonders nahe war. So entstand die Vorstellung von Naturgöttern und Naturdämonen.

Die Menschen hatten auch an bestimmten Stellen in der Landschaft das Gefühl, dass hier die Naturkräfte besonders wirksam seien. Diese Orte wurden als heilig betrachtet, und wohl auch manche Tiere, die dort an den heiligen Plätzen ihr Revier hatten.

 

Da der Mensch nichts tut, ohne sich davon einen Nutzen zu versprechen, lag es für ihn nahe, die Naturdämonen zum eigenen Vorteil zu manipulieren. Nach dem Prinzip „Do, ut des“ („ich gebe, damit du gibst“), brachte man den Dämonen Opfer dar und hoffte, so ihren Zorn abwenden zu können oder von ihnen die Erfüllung der eigenen Wünsche zu erlangen. Ein beliebter Wunsch war z.B. in die Zukunft blicken zu können und Entscheidungshilfen zu bekommen: So entstanden die Orakel und allerlei Praktiken, aus dem Flug der Vögel oder aus den Eingeweiden der geopferten Tiere die Zukunft vorherzusagen.

 

Da die Tiere heilig waren, ergab sich für den Menschen ein Dilemma: Er tötete Tiere oder hielt sie als Nutztiere in Gefangenschaft. Musste man da nicht fürchten, dass sich die Tiere bzw. die Naturgötter für diesen Frevel rächen würden ? Man musste also die Tiergötter versöhnen. Aber wie ? Indem man ab und zu einen Menschen opferte. So war es für Hirten wohl gar nicht so abwegig, den Tier-Dämonen einen Menschen zu opfern – als Entschädigung für die vielen Tiere, die man geschlachtet hatte.

Später kam man von den Menschenopfern ab und opferte Tiere.

 

Die Ursünde

 

Die Ursünde des Menschen bestand darin, dass er gezwungen war (und ist), die Natur und tierisches und pflanzliches Leben zu zerstören, um selbst überleben zu können. Später haben die Priester dann behauptet, die Ursünde bestehe in „Ungehorsam gegen Gott“ (bzw. Ungehorsam gegen seine Stellvertreter auf Erden, die Priester). Es gelang den Priestern, den Menschen ein permanentes schlechtes Gewissen einzuimpfen, um so die Menschen leichter manipulieren zu können. Dies war nicht allzu schwer, denn das schlechte Gewissen eine Form der Angst. Diese Urangst, die dem schlechten Gewissen wegen der Ursünde zugrunde liegt, ist die Angst, dass der Mensch im Kampf um das Dasein unterliegen könnte, also als Individuum oder als Kollektiv von übermächtigen Feinden vernichtet zu werden. Eine durchaus reale Angst, da unser aller Körper den Naturgesetzen von Verschleiß, Degeneration, Alterung und Tod unterliegen.

Ein ganz wesentliches Argument, sich zu einer Religion zu bekennen, ist das Versprechen der Religion, alles Negative in der Welt letztendlich zu überwinden und damit die Urängste des Menschen zu heilen.

 

Wie aus den Göttern Menschen wurden

 

Ursprünglich wurden die Tierdämonen wohl in vollständiger Tiergestalt verehrt. Dann wurden die Götter immer menschenähnlicher und behielten nur einzelne tierische Körperteile.

Das Tetramorph, das sind die vier Evangelistensymbole (Stier, Adler, Löwe und Engel), welche in der christlichen Kunst oft um eine Jesusdarstellung gruppiert sind, sind solche ins christliche gewandelte Tiergötter.

In einem noch weiteren Entwicklungsstadium hatten dann die Götter Menschengestalt und auch ganz menschliche Verhaltensweisen mit allen menschlichen Schwächen. In der menschlichen Gestalt der Götter spiegelte sich wider, dass für die Menschen nicht mehr der Umgang mit der Natur, sondern der Umgang mit den anderen Menschen zum Problem und zur Bedrohung geworden war.

 

Wie aus vielen Göttern ein Gott wurde

 

An den heiligen Orten wurden zunächst lokale Dämonen verehrt. Später kam man darauf, dass die Muttergottheit, die an einem Ort verehrt wurde, mit der Muttergottheit, die an einem anderen Ort verehrt wurde, identisch sein könnte; schließlich wurde dann aus vielen lokalen Muttergottheiten die Muttergottheit.

Leichter war es, im Gott des Himmels einen einzigen Gott zu sehen, da der Himmel sich über jedes Fleckchen Erde wölbt. Für die Nomaden war es sowieso viel zweckmäßiger, den Gott des Himmels zu verehren, da die Verehrung lokaler Gottheiten wegen dem mit der nomadischen Lebensweise verbundenen ständigen Ortswechsel  zu schwierig war.

 

Wie aus Gott eine abstrakte Idee wurde

 

Die menschenähnlichen Götter mussten allmählich an Respekt und Glaubwürdigkeit verlieren. Was sollte man von einem Gott wie Zeus halten, der hinter jeden Rockzipfel her war und der wegen seiner Seitensprünge ständig Ärger mit seiner Ehegöttin Hera hatte ? Ein anbetungswürdiger Gott musste weise, allmächtig und vollkommen sein. So wurde aus dem Himmelsgott der Nomaden der abstrakte Gott der Philosophen, der Gott, der die „erste Ursache“ war, also die Welt geschaffen hatte. Er wurde zur „Weltseele“, zum Urgrund, aus dem alles kam in den alles zurückkehren musste.

 

Wie der Teufel von Gott abgespalten wurde

 

Der vollkommene, allwissende und allgütige Gott durfte keine negativen Eigenschaften mehr haben. Also wurden alle negativen Eigenschaften einem zweiten Gott zugeschrieben, dem Satan. Der musste dem guten, allmächtigen Gott natürlich unterlegen sein – wenn nicht jetzt, dann später, am Tag des Jüngsten Gerichts. 

Für die Gestalt des Satans boten sich die alten Naturgötter, die mit tierischen Körperteilen dargestellt worden waren, an. Deshalb hat der christliche Satan auffallende Ähnlichkeit mit dem Gott Dionysos oder mit dem Gott Pan. Diese Götter waren die Götter der Ureinwohner Griechenlands. Die Götter der Ureinwohner wurden von den neuen Eroberern für minderwertig gehalten – genau wie die Ureinwohner selbst.

Als der Mensch noch die Naturdämonen anbetete, war es für ihn ganz klar, dass diese Dämonen positive und negative Eigenschaften hatten – genau wie die Natur selbst, die das Leben hervorbringt, es aber auch wieder vernichtet und neues Leben daraus entstehen lässt.

Als die Menschen ihren abstrakten und allgütigen Gott entwickelt hatten, war für die negativen Seiten kein Platz mehr: Sie wurden jetzt dem Satan zugeschrieben.

Im Satan leben die alten, verteufelten Naturdämonen weiter. Es verwundert eigentlich nicht, dass die Satanisten dem Satan Tiere und sogar Menschen opfern, um ihn für die eigenen Zwecke zu manipulieren. Dies sind Ideen und Vorstellungen, die aus den alten Religionen stammen. So erlebt die Magie heute wieder fröhliche Urständ, obwohl es dem Christentum und dem Rationalismus im 17., 18. und 19. Jahrhundert beinahe gelungen war, den Aberglauben auszurotten.

Die Schwäche der Magie ist offensichtlich die, dass sie nur eine geringe (und zufällige) Erfolgsquote hat. In einer Zeit, in der die Naturwissenschaft und das Geld die größten Wunder vollbringen, braucht man keine Magie und keinen Satan mehr. Warum dem Teufel seine Seele verschreiben, wenn einem ein guter Job und ein guter Geldberater mit so viel Geld versorgen kann, dass man sich alles kaufen kann, was man begehrt - auch Menschen, die Gesundheit und das Glück. Irgendwann unterliegt man dann zwar auch dem Alter und dem Tod. Aber da kann einem der Satan auch nicht helfen. Insofern ist dem Satanismus und der schwarzen Magie wohl keine große Zukunft bestimmt.

Möglicherweise gehört die Zukunft dem Buddhismus oder Religionen, die auf dem Buddhismus aufbauen. Mein subjektiver Eindruck ist, dass der Buddhismus und seine Spielarten und Abkömmlinge z. B. im Raum München in den Kreisen, die nicht fest in der christlich-bäuerlichen Tradition verwurzelt sind, und das sind die Stadtmenschen, stark im Vormarsch ist.

 

Warum sich die Menschen vom Christentum immer mehr abwenden

 

Die christlichen Kirchen haben sich viele Sympathien verscherzt; unter anderem deswegen, weil sie der Frau eine so erbärmlich unterdrückte Rolle zuwiesen (obwohl doch die Frauen paradoxerweise diejenigen sind, die das Christentum tragen) und weil sie den Menschen, welche die Natur für heilig ansehen, nicht viel zu bieten haben (außer dem heiligen Franz von Assisi). Ein weitere Schwäche des christlichen Gottesbildes ist, dass es das Zerstörerische und Negative, das allem Göttlichen anhaftet, ausgeklammert hat. Jeder Mensch erfährt aber ständig die Macht der negativen Kräfte des Göttlichen. Ein Gott ohne negative Seiten ist nur ein halber Gott, ein abstrakter, blutleerer Gott, der sich weit von den Naturgöttern entfernt hat. Es ist ein Gott, dessen Güte und Allmacht ständig bezweifelt wird und der die Gläubigen in tiefe Zweifel stürzt. Wenn jemand Opfer eines großen Leides geworden ist, fragt er sich: „Warum lässt Gott das zu ?“

Der heute aktuelle Satans- und Hexenkult wird durch diese offenkundigen Mängel des Christentums begünstigt. Aber er ist nur die Parodie alter Religionen und eine Oppositionsreaktion gegen das Christentum als Antwort auf dessen Unterdrückung des Aberglaubens, der Sexualität, der Natur und der Frauen. Die alten Religionen sind tot; man kann Aberglauben zum Leben erwecken, aber nicht alte Religionen.

Der heutige Mensch hat zwar erkannt, dass die Natur doch größer und mächtiger ist, als er dachte. Aber sie anbeten und den Versuch unternehmen, sie durch magische Mittel zu beeinflussen, das wird nur eine Minderheit tun.

Ein weiterer Mangel des Christentums ist, dass es den Menschen das unmittelbare Erleben des Göttlichen, die persönliche Gotteserfahrung, nur schwer vermittelt. Hier liegt die Attraktivität von Sekten und Religionen, in denen der Priester oder der Gläubige von der Gottheit besessen wird oder in denen er durch Meditation, Wachträume und Trancezustände mit dem Göttlichen selbst in Kontakt treten kann. Ich denke dabei an Schamanisus, Voodoo (ein Besesseneheitskult), an orgiastische Kulte (oft unter Drogeneinfluß) vom Typ Dionysoskult, aber auch an Meditationen, Spiritismus und Mystik. Das ist für einen Teil der Bevölkerung, besonders wohl die Jugend, verführerisch. Die Ekstase, das Heraustreten aus dem Alltag durch betäubende Musik, durch Drogen und Alkohol, haben auch eine religiöse Komponente. Hier offenbart sich aber auch das Zerstörerische der Dämonen. Es besser, sich nicht mit ihnen einzulassen.

 

Der Zerfall des Christentums und des Islam in immer mehr Sekten

 

Das Christentum, der Islam und der Buddhismus werden noch weiter in Untergruppen und Sekten zerfallen, weil keine Religion es schaffen wird, so wie die christliche Inquisition, mit Gewalt einheitliche Glaubensvorstellungen durchzusetzen. Es wird immer mehr verschiedene und immer seltsamere Religionen geben und der Papst wird von immer weniger Menschen als ernstzunehmende religiöse Autorität angesehen werden. Ähnlich wird es den orthodoxen Patriarchen und islamischen religiösen Oberhäuptern gehen.

In dieses Vakuum stoßen die Gurus, die Leuteverdummer und die Geschäftemacher, aber auch arbeitslose und arbeitsscheue Akademiker und Intellektuelle – kurz, Leute die besser reden als arbeiten können.

Wer sich weder mit den Kirchen noch mit den Sekten und Esoterikern identifizieren will, der wird gegenüber der Religion zunehmend skeptischer und kritischer. Er wird dann immer weniger glauben und mit Sokrates sagen: „Ich weiß das ich nichts weiß.“ Sokrates hat allerdings einen Fehler gemacht, den er mit dem Leben bezahlen musste: Er hat den Autoritäten bewiesen, dass sie auch nichts wissen.

 

Möglichkeiten, das Göttliche zu erfahren

 

Niemand hat das Göttliche mit eigenen Augen gesehen. Also ist alles, was über Gott gesagt wird, Spekulation. (ich höre jetzt den Aufschrei derjenigen, die es glauben, besser zu wissen).

Ich Religionsunterricht lernten wird: „Gott offenbart sich durch die Geschichte des Volkes Israel.“ Da fragt man sich natürlich, was das für ein Gott ist, der sich durch den Holokaust offenbart. Das stimmt doch was nicht.

Mohammed und Jesus gingen in die Wüste, fasteten und hatten Visionen Gottes. Was sind Visionen. Visionen sind Träume, auch Wachträume. Wenn der Körper durch Fasten und Schlafmangel geschwächt ist, kommt es vor, dass man auch in wachem Zustand Träume sieht, weil das Gehirn nicht mehr normal arbeitet, wenn der Glucosegehalt und die Elektrolytwerte des Blutes nicht mehr stimmt.

Ähnlich bei den Schamanen, die in einen todähnlichen Zustand fallen. Der Blutsauerstoffgehalt und die Körpertemperatur sinken ab. Die Schamanen haben Nahtoderlebnisse, die sie bewusst herbeiführen, eventuell unterstützt durch Drogen.

Mit einem Wort, die „göttlichen Erfahrungen“ sind Traumbilder, die das Gehirn produziert, wenn es in einen schlafähnlichen Bewusstseinzustand versetzt wird.

Ähnlich ist es mit den „Visionen“ Rudolf Steiners. Ähnlich ist es mit den „Visionen“ der Hellseher, Mystiker, Heiligen, oder der Leute, die durch Meditation mit Geistern Kontakt aufnehmen oder die an Kraftorten besondere Eingebungen haben.

Religionen verdanken ihre Existenz den „Visionen“ ihrer Propheten. Und die Propheten haben geträumt.

Daß der Mensch im Traum kreativ und poetisch ist, sei damit nicht bezweifelt.