Satprems und Mirra Alfassa’s Übermensch
Von
Im Jahr 1971
veröffentlichte Satprem das Buch „Auf dem Wege zum
Übermenschen“. Er verarbeitete dort Gedanken von Sri Aurobindo
und von Mirra Alfassa. Für Satprem ist alles, d. h. der ganze Kosmos und die Totalität
der Zeiten und der Seelen in einem einzigen Punkt und in einer einzigen Sekunde
enthalten. Der Übermensch hat die Fähigkeit, in seinem Bewusstsein diesen Punkt
zu erreichen und von hier aus die ganze Welt in ihrer Einheit zu überschauen.
Dieses Bewusstsein ist das „Überbewusstsein“ oder das „supramentale
Bewußtsein“. Man nennt diesen Zustand der Erleuchtung
auch „kosmische Schau“ oder „kosmisches Bewusstsein“.
Ich träumte, ich
sei ein Wald (wie Mirra Alfassa
das kosmische Bewusstsein schildert): „Das begann um halb neun Uhr abends und
dauerte bis früh um halb drei; das heißt, ich habe nicht eine einzige Sekunde
das Bewusstsein verloren, dass ich da war, um fantastische Sachen zu
beobachten. Ich weiß nicht, wo das hinführen soll . . . es ist unbeschreiblich.
Nicht wahr, man wird ein Wald, ein Fluss, ein Berg, ein Haus - und das ist die Empfindung des Körpers, eine
ganz konkrete körperliche Empfindung.“
Man könnte die
Erfahrungen Mirras mit dem kosmischen Bewusstsein
durch einen Beispiel verständlicher machen: Der Leser stelle sich vor, er sei
ein Fernsehgerät. Wenn man das Fernesehgerät einschaltet, erscheint auf dem
Bildschirm ein Bild. Diese Bild ist das individuelle Bewusstsein des Menschen.
Er meint, dies sei sein ureigenes Fernsehbild. In Wirklichkeit haben aber ganz
viele Fernsehgeräte das gleiche Bild. Deshalb sind alle Fernsehgeräte, genau
wie alle Menschen, identisch. Ihre Seele ist das Fernsehbild, und alle haben im
Grunde die gleiche Seele (oder so viele Seelen, wie es Fernsehprogramme gibt).
Wenn man das Fernsehgerät ausschaltet, ist das Bild (sprich die Seele)weg, das
Fernsehgerät ist tot. Aber in Wirklichkeit ist das Bild ja immer noch da. Es
ist aber nicht mehr auf dem Bildschirm, sondern als elektromagnetische
Schwingung, als Fernsehwelle, die über das ganze Land verteilt ist. Die
Buddhisten sagen „Atman ist Brahman“. Atman ist das Bild auf dem Fernsehbildschirm, Brahman ist
das Bild in Form der Fernsehwellen, die überall verteilt sind. Mirra Alfassa’s Bewusstsein
schaltete das Fernsehbild aus und kehrte in den Zustand der Fernsehwelle
zurück, die über das ganze Land verstreut ist. Da erlebte sie, wie die
Fernsehwellen durch einen Wald strichen und meinte, sie sei ein Wald und spürte
körperlich, wie der Wind durch die Baumkronen strich. Das ist kosmisches
Bewusstsein.
Mirra Alfassa sagt:
„Das Wissen wird in seltsamer Weise durch etwas ersetzt, das nichts mit dem
Denken zu tun hat und immer weniger mit dem Sehen, eine neues Wahrnehmen: man
begreift. Man steht weit über dem Denken, weit über dem Sehen – ein neues
Wahrnehmen...Hören, Sehen und Begreifen zugleich....Das ist nicht wie die
„Visionen“ die ich gehabt habe. Ich kann nicht einmal sagen, es wäre bildhaft:
Es ist ein wissen. Und ich könnte nicht einmal sagen, dass es ein „Wissen“ ist:
Es ist etwas, das alles auf einmal ist, das seine Wahrheit in sich
begreift...Zuvor bestand jedes Ding gesondert, abgetrennt, ohne Verbindung zu
anderen, und ganz außen wie eine Nadelspitze.“ Doch die „kosmische Schau“ ist
etwas anderes: „Es erscheint wie eine
enge Verbundenheit, das heißt, es gibt keine Distanz“, keinen Unterschied, zwischen „etwas, das
sieht“ und „etwas, das gesehen wird“. Objekt und Subjekt der Betrachtung fallen
zusammen.
Das supramentale Zeitalter ist laut Satprem
im Jahr 1969 im Sri Aurobindo-Ashram in Pondicherry, Indien, angebrochen. In aller Bescheidenheit
schreibt Satprem: „Und dann dieses grundlegend Neue.
Es ist nicht alt, es liegt erst ein paar Jahre zurück, ein Neubeginn auf Erden
und vielleicht im Universum...“
Ahnungsvoll fügt Satprem hinzu: „Letztlich ist dieses neue Bewusstsein
vielleicht gar nicht so neu, aber für uns ist es neu geworden...“
Ganz leicht ist ihm
nicht auf die Schliche zu kommen, denn er verbirgt das, worum es eigentlich
geht hinter einer Flut von blumigen und abstrakten Worten. Aber manchmal wird
er doch konkret. Dann kann man lesen: „Wir haben Stellung bezogen auf einer
kleinen Lichtung...da ist unser kleines unveränderliches Lied (es werden also
offensichtlich Mantras rezitiert). Wir stellen fest,
dass es nicht erforderlich ist, zu handeln oder nicht zu handeln...es genügt
einfach, da zu sein...Und alles fügt sich einfach, wunderbar, ohne dass man
weiß, warum, einfach, weil man da ist. Schatten lösen sich auf, Ordnung stellt
sich ein, Frieden und Harmonie und die Rhythmen kommen in Übereinstimmung- denn
es gibt in Wahrheit nichts Böses, nichts Feindliches, keine Gegensätze...dann
gibt es kein Urteilen mehr, keine falschen Reflexe...keine Furcht zu
verlieren...Da ist Es, das fließt, das wahr ist, und das nur immer mehr wahr
sein will...Wir sind eingetreten in ein neues Bewusstsein, ein Bewusstsein der
Wahrheit.
Das, was Satprem als „Überbewusstsein“ beschreibt, ist nichts
anderes als die altbekannte Meditationsstufe des „Zustandes des reinen
Bewusstseins“ der Yogis. Patricia Carrington schreibt im „Großen Buch der
Meditation“, dass die Yogis behaupten, während dieses Zustandes befinde sich
ihr höheres Nervensystem in einem ekstatischen Zustand der „Seeligkeit“.
Carrington
berichtet über wissenschaftliche Untersuchungen, die man an meditierenden Yogis
durchgeführt hat. So wurden z. B. dass man Yogis an EEG-Geräte angeschlossen
und ihr Blutsauerstoffgehalt, sowie ihre Herz- und Atemfrequenz gemessen.
Der Neurologe J. P.
Banquet stellte fest, dass es fünf Stadien der
Meditation gibt:
1. Das Stadium der körperlichen Empfindungen
2. Das Stadium der unabsichtlichen Bewegungen
3. Das Stadium der individuellen Vorstellungen
4. Das Stadium der „Tiefen Meditation“
5. Das Stadium des „Reinen Bewusstseins“
Dabei zeigte es
sich, dass sich der Sauerstoffverbrauch, die Pulsfrequenz und der Atemrhythmus
erniedrigten – ähnlich wie bei einem Menschen im Tiefschlaf. Der Körper gerät
also in einen tiefen Entspannungszustand; der Geist des Meditierenden ist aber
rege und wach. Die Gehirnwellen während der Meditation gleichen den Wellen
während eines Schläfrigkeitszustandes. Der Geist des Meditierenden befindet s
ich in einem Schwebezustand zwischen Schlaf und Wachsein. Normalerweise neigt
der Mensch dazu, aus diesem Zwischenzustand bald zu verlassen: entweder wird er
ganz wach oder er schläft ein. Der Meditierende kann diesen Zustand aber lange
Zeit aufrecht erhalten - wobei es
zwischendurch vorkommt, dass der Meditierende ein kurzes Schläfchen hält und
manchmal auch tief einschläft. Die meiste Zeit befindet sich der Meditierende
aber in dem erwähnten Schwebezustand der „wachen Schläfrigkeit“.
Man unterscheidet
bei der elektrischen Gehirnaktivität vier Frequenzbereiche: Beta-Aktivität
(Frequenz 30 bis 14 Hertz), Alpha-Aktivität (13 bis 8 Hertz), Theta-Aktivität (7 bis 4 Hertz) und Delta-Aktivität (3 bis
0,5 Hertz). Wenn der Mensch wach ist und die Augen geschlossen hat, überwiegen
die Alpha-Aktivitäten. Auch bei Meditierenden beobachtet man meist
Alpha-Aktivitäten. Wenn der Mensch die Augen öffnet (oder bei anderen
Sinnesreizen) führt dies zu einer Unterdrückung der Alpha-Aktivitäten und es
überwiegen die Beta-Aktivitäten, die eine höhere Frequenz haben. Der
Beta-Rhythmus deutet auf eine Desynchronisation der
Gehirnaktivitäten. Im Schlaf überwiegen die Theta-
und im Tiefschlaf Delta-Aktivitäten. Auch Meditierende zeigen Theta-Aktivitäten, aber sie schlafen nicht.
Während des
Träumens steigt die Frequenz der Hirnströme auf 4 bis 8 Hertz an. Puls und
Atemfrequenz erhöhen sich ebenfalls. Die Augen (unter den geschlossenen Lidern)
bewegen sich schnell hin und her (rapid eye movements = REM = schnelle Augenbewegungen). Im
Traumzustand ist der Mensch genauso aktiv wie im Wachbewusstsein. Traumzustand
und Wachbewusstsein können sogar gleichzeitig nebeneinander existieren (Luzides
Träumen).
Meiner Meinung nach
gibt es aber einen Unterschied zwischen Wachbewusstsein und Traumbewusstsein:
Während des Träumens ist der Blutsauerstoffgehalt niedriger. Mit Hilfe eines Pulsoximeters kann man an einer schlafenden Person
feststellen, dass in der Aufwachphase, die oft von Träumen begleitet ist, der
Sauerstoff-Sättigungsdruck des Blutes abfällt (weil der Körper durch seine
zunehmende Aktivität mehr Sauerstoff verbraucht, aber durch die langsame und
flache Atmung nicht genug zugeführt wird. Durch den verringerten
Sauerstoffgehalt wird die Schwelle herabgesetzt, die verhindert, dass
Nervenimpulse von einer Nervenzelle zur andern weiterwandern. Die Gedanken und
inneren Bilder kommen dann schneller, chaotischer und unkontrollierter. Es
können wilde Träume entstehen. Aber es ist auch ein kreatives Chaos. Es werden
auch Gedankenassoziationen hergestellt, auf die man im Wachzustand nicht kommen
würde. Es findet also eine Art Brainstorming statt. Schon mancher hatte im
Traum einen genialen Gedanken. Warum muss die Fortpflanzung der Nervenimpulse
gebremst werden ? - wäre es nicht besser, sie schneller und ungebremster
ablaufen zu lassen ? Nein, es besteht nämlich die Gefahr, dass die Nervenzellen
sich in einem „Gewitter“ entladen, weil alle Synapsen
auf einmal feuern: es entsteht ein epileptischer Anfall. Die
„Nervenimpuls-Bremse“ kann ausfallen, wenn irgendetwas mit dem Gehirn oder dem
Blut nicht stimmt. Es reicht z. B. schon aus, dass im Blut der Elektrolytgehalt
oder der Glucosegehalt zu niedrig ist.
Patricia Carrington
schreibt, dass der interessanteste Aspekt der Gehirntätigkeit der Meditierenden
die ungewöhnliche Gleichmäßigkeit und Rhythmisierung jeglicher vorhandenen
Wellenform ist. Alle Bereiche des Gehirns haben die Tendenz zu harmonisieren
und im Gleichklang zu pulsieren. Der Neurologe J. P. Blanquet
stellte fest, dass im Zustand der tiefen Meditation und des „reinen
Bewusstseins“ die Beta-Wellen (die ja für aktive, wache Zustände typisch sind)
an jeder Stelle der Kopfhaut vollkommen phasengleich waren, d. h. die
Aufzeichnungen von verschiedenen Gehirnregionen waren völlig synchron. Banquet nannte dies Hypersynchronismus und vertrat die
Auffassung, dass es sich um das charakteristische EEG-Merkmal der
Meditation handele. Ein rhythmisches Muster scheint an Stelle der unruhigen und
chaotischen Hirnwellen im Wachzustand zu treten.
Der Zustand des
„reinen Bewusstseins“, die höchste (oder tiefste) Stufe der Meditation ist der
Zustand des Überbewusstseins. Es soll ein „objektloser geistiger Zustand“ sein.
Das will heißen, dass der Meditierende sein Bewusstsein von allen Bildern,
Ideen, Vorstellungen und Wahrnehmungen leergemacht
hat, dass in seinem Bewusstsein kein Objekt der Betrachtung vorhanden ist.
Warum macht der Meditierende dies ? Weil er auf diese Weise Platz für das
Göttliche schaffen will. Wenn nichts mehr im Bewusstsein ist, dann muss sich
diese Leere mit dem Göttlichen füllen. Dann wird der Mensch mit dem Göttlichen
eins. Das ist die „unio mystica“.
Man könnte die
Sache aber auch viel prosaischer sehen. Wenn der Mensch seine Augen öffnet,
gehen die Alpha-Aktivitäten in unregelmäßige Beta-Aktivitäten über. Die
Beta-Aktivitäten haben etwas mit dem sehen von Bildern zu tun. Die Gehirnströme
bilden in einer gewissen Weise die Sinneseindrücke im Gehirn ab. Da die
Sinneseindrücke unregelmäßig sind, sind die Gehirnaktivitäten ebenfalls unregelmäßig.
Wenn der Meditierende im Zustand des reinen Bewusstseins vor seinem inneren
Auge quasi nur ein leeres Stück Papier sieht, sieht er keine Bilder, und ohne
Bilder gibt es keine unregelmäßigen Beta-Gehirnaktivitäten. Dieser Zustand des
Wachseins ohne zu denken und wahrzunehmen ist offensichtlich ein sehr
angenehmer und beglückender Zustand. Im Bewusstsein ist nichts und gleichzeitig
alles. Das ist der Zustand des Überbewusstseins, und laut Satprem
ist ein Mensch im Überbewusstsein ein Übermensch.
Aber was ist schon
dran an diesem Überbewusstsein ? Das Gehirn läuft quasi im Leerlauf. Ein
angenehmer Zustand, denn es braucht nichts zu leisten. Alles läuft schön rund
und gleichmäßig. Man hat keine Probleme und fühlt sich wohl. Die Harmonie und
Gleichmäßigkeit der Gehirnaktivitäten ist jedoch noch kein Beweis für den
besonderen Wert dieses Zustandes (außer, dass er angenehme Empfindungen
auslöst). Gestatten sie mir einen, zugegeben, hinkenden Vergleich des Gehirns
mit einem Automotor. Wenn der Motor etwas leistet, dann wird er beschleunigt
und abgebremst, alles ist unregelmäßig und unharmonisch. Aber der Motor tut
das, wozu er eigentlich da ist: er bringt seinen Besitzer vorwärts. Ist am Ende
Satprems Übermensch jemand, der ein Auto besitzt, den
Motor anlässt, ihn stunden- und tagelang im Leerlauf laufen lässt und sich
freut, wie schön rund und harmonisch er läuft ? Mir ist noch nicht bekannt
geworden, dass die Yogis im Zustand der tiefsten Meditation oder des „reinen
Bewusstseins“ besonders geniale Gedanken hervorgebracht hätten, die ein
Wachender oder ein Träumender nicht auch hätte haben können.
Dazu noch eine
weitere Überlegung, welche die „unio mystica“, das
Einswerden des „Ich“ mit dem Göttlichen anbelangt. Es geht dabei im die Frage,
wie das normale Wachbewusstsein des Menschen funktioniert. Wenn ich durch das
Zimmer gehen will, denke ich mir nicht: Jetzt setze ich dien linken Fuß um 25
cm nach vorne, verlagere das Gewicht vor, ziehe den rechten Fuß nach usw.,
sondern ich stelle mir vor, dass ich durch das Zimmer gehe, und mein Körper
führt diese Idee dann aus. Mein Körper wird also durch die Ideen kontrolliert,
die ich vor meinem inneren Auge entstehen lasse. Mein ich ist nun diejenige
Instanz, die darüber wacht, welche Ideen und Vorstellungen ins Zentrum des
Bewusstseins gelangen und von dort aus meinen Körper dirigieren. Bei der
Hypnose gestatte ich dem Hypnotiseur, Vorstellungen und Suggestionen vor mein
inneres Auge zu stellen und mich durch diese Vorstellungen zu dirigieren. Die
Mystiker gehen von folgender Idee aus: Wenn man die Vorstellung von Gott in das
Zentrum des Bewusstseins stellt, dann ist es Gott, der den Körper dirigiert.
Man kann in das Zentrum seines Bewusstseins aber nicht nur Gott stellen,
sondern, wie das z. B. wie bei einem Besessenheitskult wie Voodoo geschieht,
auch die verschiedenen Voodoo-Gottheiten. Auch die Priesterinnen der Antike, z.
B. die Pythia, ließ ihren Gott Apollon von sich Besitz ergreifen. Für diesen
Vorgang war es erforderlich, dass das „Ich-Bewußtsein“
geschwächt wurde (was durch Rauschmittel, Tanz, Hypnose oder Trance geschah).
Das „Ich“ verließ in diesem Zustand quasi die Kommandobrücke und übergab das
Schiff seines Körpers dem Gott oder dem Dämon. Da mit dem Ich-Bewßtsein
auch die Erinnerung weg war, konnte sich die von Gott besessene Person nachher
an nichts mehr erinnern.
Der Yogi oder
Mystiker, der von Gott besessen ist, hat ein ähnliches Problem. Er kann sich
hinterher nicht daran erinnern, wie es war, von Gott besessen gewesen zu sein
und er weis nicht mehr, was er wusste, als er mit Gott eins war. In der
Erinnerung bleiben nur Erinnerungen an Gefühle, an Töne und an helle Lichterscheinungen.
Satprems Übermensch ist also nur dann Übermensch,
wenn er sein Bewusstsein ausgelöscht hat und handlungsunfähig ist. Insofern ist
Satprems Übermensch sehr viel ungefährlicher und
harmloser als Nietzsches Übermensch.
Noch ein weiteres
Problem hat der Mystiker: Während der Voodoo-Besessene ziemlich genau weiß,
welche Persönlichkeit und welches Aussehen der Voodoo-Dämon hat, der von ihm
Besitz ergreifen soll (und er deshalb die entsprechenden Vorstellungen in das
Zentrum seines Bewusstseins stellen kann), weiß der Mystiker nicht, wie Gott
aussieht und wie seine Persönlichkeit ist. Also kann er auch keine
Entsprechenden Vorstellungen in seinem Bewusstsein erzeugen. Es bleibt ihm also
nichts anderes übrig, als sein Bewusstsein völlig zu leeren – in der Hoffnung,
dass es sich mit Gott füllt.
Satprem Zukunftsvision vom Übermenschen:
Eine kleine Gruppe
von 10 bis 50 Menschen wird vielleicht den Menschen bearbeiten um den
Übermenschen zu schaffen. Sie wollen sich selbst diesem Versuch zur Verfügung
stellen, „ihre eigene lebendige Substanz diesem Versuch ausliefern“. Sie wollen
einen Menschen aufbauen, der eine Empfangsstation für die Kräfte der Zukunft
ist, ein Instrument der Wahrheit, einen Kanal, um die große Harmonie
aufzufangen, ein erstes, fühlbares Zeichen der neuen Welt. Die Menschen dieser
kleine Gruppe gehören nicht mehr einem Land, einer Familie, einer Religion oder
einer Partei an, sondern einem Land, das noch nicht geboren ist. Gemeinsam ist
diesen Menschen der Zukunft die „klare Schau, die mit der totalen Harmonie
übereinstimmt und unmittelbar die wahrgenommene Wahrheit in die Tat umsetzt.
Das ist das einzige Gesetz in dieser „Stadt der Zukunft“, in der es keine
Regierung gibt. Es reicht, wenn fünfzig Menschen „in sich die Pyramide der
Wahrheit bauen“, „denn dann wird in Wirklichkeit die ganze Stadt gebaut
sein“. „Und vielleicht wird sich die
ganze Erde verwandelt finden...durch diese eine Umformung eines Winkels der
Erde“. (Anmerkung: Laßt mich mal raten: der Winkel
heißt Auroville bei Pondicherry
in Indien). Auroville
soll also zu einem Laboratorium der Zukunft werden - schrieb Satprem etwa 1970. Auroville: die
Stadt ohne Grenzen, Auroville: die Stadt der Zukunft.
Die Zukunft dieser Stadt sind natürlich die Kinder von Auroville.
Sie sollen in weniger erstickenden Bedingungen geboren werden, sie sollen von
Werbung und Fernsehen verschont bleiben. Man wird ihnen nicht jeden Moment
sagen, dass sie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, weil niemand in dieser
Stadt der Zukunft seinen Lebensunterhalt verdienen muß,
niemand Geld haben wird, niemand einen Beruf hat, niemand über andere
triumphiert. Man wird die wahre Schau lehren, die alles verwandelt. Die Kinder
werden in einer Atmosphäre natürlicher Einheit aufwachsen, in der es weder
„dein“ noch „mein“, weder „Du“ noch „ich“ gibt. „Dann wird es keine inneren und
äußeren Grenzen mehr geben...kein Gut und kein Böse: Es wird eine einzige,
höchste Harmonie in tausend Körpern geben...in jedem Herzen Gleichklang...“
„Der Übermensch hat
sein kleines Ich, seine kleinen Vorstellungen von Familie und Vaterland, von
Gut und Böse verloren...Er horcht auf den Rhythmus und übersetzt ihn seiner
Rolle...Er ist ein Übersetzer des Rhythmus...und niemand weiß, wer er ist, er
hat kein Bedürfnis danach, erkannt zu werden...Er ist unberechenbar, er ist
unfassbar, wie die Wahrheit selbst...denn er hört die unsichtbaren Rufe und
arbeitet ohne Unterlass daran, den Rhythmus über die Wunden der Welt zu
lenken...er gibt der Welt ein neues Gesetz ein...Er versucht, den gleichen
Funken Wahrheit zu entzünden, der in jedem Wesen, jedem Ding enthalten ist, und
jeden kraft seiner eigenen Sonne zu bekehren.“
Nietzsches Übermensch und Satprems Übermensch sind zwei Antipoden
Nietzsches
Übermensch ist der große Einzelne, der Imperator, der einsame Willensmensch,
der über andere dominiert und der nur seinen „heiligen Egoismus“ im Sinn hat. Satprems Übermensch ist ein Mensch ohne eigenes Ego. Er hat
sein eigenes Ich aus der Mitte seiner Persönlichkeit verstoßen und an dessen
Stelle die Gesamtheit gesetzt: das Kollektiv seiner „Mitmönche“, mit denen er
gemeinsam meditiert und mit deren Hirnströme seine Hirnströme synchronisiert
sind. Die Gesamtheit ist ferner die Gesamte Menschheit, die er durch seine
Schwingungen ebenfalls harmonisieren und synchronisieren möchte. Ferner ist die
Gesamtheit: unser ganzer Planet Erde mit allen Lebewesen, und schließlich ist
die Gesamtheit: der Kosmos. Satprems Übermensch nimmt
die Schwingungen und Rhythmen auf und handelt im Einklang mit diesen
Schwingungen. Diese Schwingungen sind die Musik und er ist der Tänzer. Er ist
nicht der große Einzelne, sondern er ist „das Kollektiv“, das Ganze, die
Menschheit, der Kosmos.
Satprems Vision läuft – vielleicht ist ihm das
selbst nicht ganz klar, darauf hinaus, dass der einzelne Mensch eine Art
Nervenszelle in einem Superhirn ist. Dieses Superhirn sind viele Menschen,
deren Hirnströme im Gleichklang schwingen und die auf diese Weise in einer Art
telepatischer Verbindung verknüpft sind, so wie die Hirnzellen durch Dendriten
und Synapsen verbunden sind. Satprems
Übermensch nimmt Impulse auf und gibt sie weiter. Der wahre Übermensch ist aber
das Kollektiv, von dem er nur eine Zelle ist, die zur gegebenen Zeit aktiv wird
– wenn sie von anderen einen Anstoß erhalten hat.
Der Gedanke, dass
die Menschheit ein Kollektiv darstellt, dessen Gesamtintelligenz die
Intelligenz jedes einzelnen Menschen bei weitem übersteigt, ist so abwegig
nicht.
Der Übermensch
Nietzsches wäre aus dieser Sicht nur ein besonders großer, robuster,
hinterhältiger und dominanter Einzeller. Der Übermensch wäre aber auch als
Kollektiv von menschlichen Gehirnen denkbar, die in enger Verbindung stehen.
Diese Gedanken hat
Arthur C. Clarke in seinem Science Fiction Roman „Childhoods End“ 1950 veröffentlicht. Das Buch erschien in
Deutschland unter dem Titel: „Die letzte Generation“. Hier kurz der Inhalt:
Über allen großen Städten der Welt erscheinen plötzlich die Raumschiffe der „Overlords“, einer überlegenen Art von intelligenten
Lebewesen. Ein kleiner Knalleffekt in diesem Roman ist, dass sie aussehen wie
der leibhaftige Teufel. Im Grunde sind die Overlords
die Übermenschen Nietzsches. Aber sie sind nicht die wahren und unumschränkten
Herrscher. Über ihnen steht noch eine gute Macht, in deren Dienst sie stehen.
Dies gute und wohlwollende Macht, so kann man vermuten, ist ein Kollektiv, also
dem Übermenschen Satprems verwandt. Die Kinder der Erde
finden sich zu einem immer größeren Scharen zusammen und handeln synchron.
Schließlich verlassen sie die Erde und werden Teil der übergeordneten Macht.
Als Realist und
Skeptiker muss ich aber zu der Idee, dass sich die Menschheit zu einem
Kollektivgehirn vernetzen könnte, sagen: Da werden sich die Computer schneller
und effizienter vernetzen und ein Supergehirn bilden. Immerhin wäre nicht im
Widerspruch zu den Ideen der Evolution, dass die Menschen einmal in eine
telepathische Vernetzung eintreten können, um so ein kollektives Gehirn des
Planeten Erde zu bilden. Ich persönlich glaube aber nur, was ich sehe. Ich habe
aber in meinem Leben schon oft erlebt, dass sich eine fremde Frau, die ein
Stück weit vor mir ging und die ich aus der Entfernung intensiv ansah, umdrehte
und sich suchend umsah, um zu sehen, wer sie so intensiv anschaut. Wie ich
weiter oben erwähnt habe, steigt die Frequenz der Hirnströme, wenn der Mensch
die Augen öffnet und etwas betrachtet. Wenn ich eine Frau intensiv betrachte,
muss die Frequenz meiner Hirnströme wohl ziemlich in die Höhe gehen, und dies
kann wohl das Objekt meines Schauens wohl irgendwie wahrnehmen.
Mirra Alfassa’s Übermensch ist
unsterblich
Mirra Alfassa
versuchte mit der Kraft ihres Überbewusstseins ihren Köprer
auf der atomaren und zellularen Ebene umzuwandeln.
Satprem schreibt: Auch der Übermensch ist nur ein
„Wesen des Übergangs“. Er ist der Vorläufer eines andern Wesens, das vom
Menschen so verschieden ist wie der
Mensch vom Affen, vielleicht sogar noch verschiedener. Auch der Übermensch wäre
noch mit einem Körper belastet, der aus dem Tierreich stammt und eine Menge
Unvollkommenheiten aufweist. Dieser Nachfolger des Übermenschen, (Satprem nennt ihn das „Supramentale Wesen“) wird von einer
anderen Substanz sein, „unsterblich, leuchtend und leicht wie die Wahrheit
selbst. Satprem beruft sich dabei auf Sri Aurobindo, und will eine „neue körperliche Natur zu
schaffen“ unter Teilnahme des „armen,
kleinen, zerbrechlichen und tierischen Körpers, denn er ist unsere Grundlage.“ Satprem will den Körper des Menschen in einen ätherischen
„Astralleib“ oder so etwas ähnliches verwandeln - und zwar noch zu Lebzeiten des Menschen. Satprem sagt: „Wir müssen an die Pforte des Todes anklopfen
und ihm sein mächtiges Geheimnis entreißen...In einer Zelle unseres Körpers
ruht das gleiche Mysterium wie in allen Galaxien und allen Erden...In einem
Punkt ist alles enthalten.“
Wenn ich den
blumigen Text Satprems in meine Sprache „übersetze“,
dann kann ich folgende Idee herausfiltern, wie sich Satprem
die Unsterblichkeit des irdischen Körpers vorstellt: Der Übermensch kann durch
seine Gedanken seinen Körper bis hinunter in den Nanobereich,
also im Bereich der DNS und der Enzyme, von negativen Energien befreien und
wieder störungsfrei funktionieren zu lassen und die „Vibrationen des Todes“ entfernen. Nach
seiner Theorie stirbt der Körper, weil jede Zelle glaubt, sterben zu müssen;
das sei aber ein Irrtum. Man müsste also den Zellen beibringen, das sie
unsterblich sind. „Der Tod ist eine Illusion, die Krankheitn
ist eine Illusion“, rief Mirra Alfassa
1962 aus. Wenn jede Zelle weiß, dass sie unsterblich ist, kann sie es auch
sein. Hier könnte man vielleicht an ein Todeshormon denken, das jede Zelle in
sich hat.
Mirra Alfassa hoffte,
durch eine Veränderung des Schwingungszustandes der Materie eine neue Materie
schaffen zu können, die frei von Unfällen, Krankheit und Tod ist. Sie wollte
negativen Schwingungen, die in der Materie sind, abtrennen und nur die
positiven bewahren. Dies erinnert an die Lehre Manis,
der sagt, dass in der Materie die göttlichen Lichtfunken gefangen sind und ein
Amalgam mit der Finsternis und dem Trug bilden. Um die Materie zu reinigen und
um die irdischen Körper in Lichtkörper zu verwandeln, müsste man die negativen
Schwingungen abtrennen und die Atome auf einen höheren Schwingungszustand oder
vielleicht in eine höher Dimension heben.
Aber diese durch
die moderne Physik inspirierten Vorstellungen Satprems
und Mirra Alfassas sind nur
Wunschträume. In Wahrheit ist es so, dass man den Zerfall des Körpers genauso
wenig aufhalten kann, wie man verhindern kann, dass alles auf der Welt altert
und vergeht - außer man pumpt eine gewaltige Menge Energie und Ordnung hinein,
um es immer wieder zu konservieren und zu erneuern. Aber warum sollte die Natur
das machen, wenn es doch viel ökonomischer ist, einfach einen neuen Menschen zu
zeugen ? Hier geht Satprem wohl dem Wunsch jedes
Lebewesens auf den Leim, das sich wünscht, unsterblich zu sein. Aber was für
einen Sinn hätte es, wenn die Evolution unsterbliche Lebewesen hervorbringen
würde ? Hier erkennen wir in Satprem und Aurobindo den Magier, der selbst zum Gott werden will. Hier
berühren sich die Extreme: Satprem will, dass der
Supermensch zum unsterblichen Gott wird, Nietzsche glaubt in geistiger Umnachtung, selbst Gott zu sein.